Sechsundzwanzigster Sonntag

Am sechsundzwanzigsten Sonntage.

In der großen Hausstube, an den Herd festgebaut, steht der Backofen. Die rückwärtige Wand mit den grünen Kacheln geht ins Nebenstübchen. Diese Wand hat Sprünge bekommen und wenn Backzeit ist, kriecht durch dieselben der Rauch hervor, beißt der Hausmutter in die Augen. Wenigstens sagt sie so, wenn sie mit geröteten Augen daherkommt. Der Ofen muß geflickt werden und auch der Herd hat seine Schäden, Sprünge und Löcher, in denen die Schwabenkäfer wieder ihren eigenen Herd bauen.

So sind wir, der Hausvater und ich, dieser Tage ausgezogen, um Lehm zu suchen. Moorgrund in den Niederungen überall, aber weißer Lehm ist selten. Mein Bauer weiß es schon nach der Gräserart zu schätzen, ob unter dem Rasen Lehm ist oder nicht. Hinter dem Sattel drüben, in der Brandsteinschlucht, haben wir endlich einen gefunden. Es war gerade nicht leicht, durch Gestrüppe und Rasengefilze aufs Fletz zu dringen, dann ist es aber reiner käsegrauer Lehm, aus dem man auch weiße Wandtünche machen kann. Also, da hat mein alter Adam mit dem Spaten sich in seinen feuchten Urstoff hineingewühlt und ich habe die hervorgegrabenen Schollen in Säcke gefaßt.

Beinahe den ganzen Tag hat er so geschürft und gegraben, und nichts dabei gesprochen. Immer nur gegraben und gegraben, so daß ich habe sagen müssen: „Vater, lasset doch mich dazu. Ihr werdet wieder den Dampf kriegen!“

Er antwortet nicht und gräbt.

Endlich hat er sich niedersetzen müssen auf den Rasen. Mit den Hemdärmeln fährt et langsam über seine Stirn. Dann sagt er: „Ja, mein lieber Hansel, so gehts.“

Und sonst wieder nichts. Wendet nur so ein wenig den Kopf, als ob er horchen wollte, was das rieselnde Wässerlein sagt. Es sagt eigentlich nichts, es rieselt bloß und rieselt schon den ganzen Tag.

„Ja das wohl,“ spricht endlich der Adam zu mir. „Wenn dir auch einmal sollt hart werden und bang werden auf der Welt, Hansel: Nur fest zum Arbeiten schauen!“ Wie traurig hat er das gesagt.

„Mein Gott, Vater, ihr thut halt sonst gar nichts, als arbeiten. Da müsset ihr ja zu früh von Kräften kommen. Ihr habt doch noch andere Leute dazu.“

Er thut ein großes Stück Brot hervor, das wir für einen Imbiß mitgebracht haben, er hält es mir hin und auch den Taschenfeitel dazu: „Schneid’ dir ab, Hansel, schneid’ dir nur recht ab. Wohl wohl, bei meinem Aufwachsen hat’s noch mehr so willige Dienstboten gegeben. Jetzt schon lang nimmer. Es ist schon bald so, daß man den Leuten schier nichts mehr zu schaffen getraut. Und umgehen mit ihnen wie mit einem lehnen Ei, sonst laufen sie davon. Dem Nachbar Gleimer sind erst gestern wieder ein paar Knechte fortgegangen, wo jetzt die g’nötige Zeit kommt. Desweg —.“ Jetzt steckt er sich eine Brotschnitte in den Mund und redet nicht weiter.

Da muß doch gefragt werden: „Sollt’ ich euch einen Anlaß gegeben haben? Ich wüßte nicht. Ich bin ja ganz zufrieden.“

„Hansel,“ sagt er und schaut mich an, „bei dir kenn’ ich mich halt alleweil noch nit aus. Muß frei sagen, schon fünfunddreißig Jahr lang bin ich Adamshauser, aber so einen wie dich, Hansel... Mein Weib sagt’s auch, nur dir mag sie’s nit sagen, sagt sie. Wenn du’s erst thätest wissen, was du für uns wert bist, möchtest dich leicht teurer machen, meint sie. Ah na, Mutter, hab’ ich ihr drauf gesagt, wie ich den Hansel kenn’, so ist er nit. Den hat uns der lieb Herrgott geschickt.“

Freund Alfred! In deinem letzten Briefe findest du es bedenklich, daß ich der Wette wegen keine Schrift in Händen habe. Ich brauche keine. Und wenn sie jetzt die Kronen verdoppeln wollten, um mich fortzuziehen — diesen Menschen verlasse ich nicht.

Ich halte ihm die Hand hin: „Thut mir vertrauen, Vater Adam. Werd’ euch schon einmal sagen, wie es mit mir ist. Derweil denket euch nur, der Hansel möchte halt auch gerne einmal in den Himmel kommen und so hilft er, wo es not thut.“

„Glaubst du doch noch ein Bissel was?“ sagt er zu mir. „Immer einer wie du — möcht’ den Herrgott leicht abgedankt haben.“

— Immer einer wie du? Sollte er doch ahnen, wissen, aus welchen Zonen ich komme?

„Na ja,“ meint er, „mein Urgroßvater hat gern gesagt: Der Fichtenbaum weiß auch nichts von Gott und wachst doch dem Himmel zu. Und die Weltkugel muß allerhand Spreitzen haben, wenn sie nit davonkugeln soll.“

„Habt ihr euern Urgroßvater denn noch gesehen?“

„Er ist hundertdrei Jahr alt geworden.“

So der Adam und berichtet mir dann mancherlei von seinen Vorfahren. Seit Menschengedenken sind sie auf diesem Hofe gesessen. Nichts als Arbeit so weit man zurückschaut. Keiner derer vom Geschlechte der Weiler war je in der Fremde gewesen, keiner Soldat oder sonst was außergewöhnliches. Immer auf dem Stammhause nach Vatersbrauch in alter Sittsamkeit und Ehr’. „Keiner hat Unehr’ gemacht,“ hob er hervor, „im Kirchenbuch kann man’s ja sehen.“ — Das Adamshaus, so hat’s seit alters her geheißen und jeder Adamshauser hatte stets nur die eine Lebensaufgabe gehabt, das Bauerngut für seine Kinder zu bewahren.

„Und diese Kinder —“ setzt der Adam leiser sprechend bei, „machen einem...“ Er hebt einen Seufzer aus der Brust: „So viel Kummer machen sie einem! — Nimm noch Brot, Hansel.“

Auf mein Vorhalten, daß er ja brave Kinder habe, antwortet er: „Freilich wohl, freilich wohl! Wenn sie nit gut wären, thäten sie einen nit so derbarmen. — Der eine ist ein Hascherl mit der Hand. Der Gesunde in der Stockfremd’ thut sich zu Tod kränken.“

„Der Valentin, ist er wieder krank?“

„Die Heimkrankheit, oder was.“ Der Adam sucht in den Taschen und findet im Hosensack einen zerkrümmelten Brief und ich möchte ihn lesen. Den muß ich dir abschreiben.

„Liebe Eltern!

Im Anfang meines Schreibens bedanke ich mich fürs Geld und mache euch zu wissen, daß vom Spital wohl heraus bin, aber sonst nicht weiß, was mit mir ist, indem Keiner auf Urlaub gehen darf und heißt es, ein Feldzug. Wenn das sollt sein, weiß ich nicht, was geschieht und möcht wohl am liebsten bei der Nacht davon und heim. Dem Rochus sein Brief hat mich geschreckt, derbarmt mir wohl hart und die Hand wird nicht billig verkauft, wenn ich den Jäger einmal derwisch! Sonst nichts Neues, die Übungsmärsche in der Hitz sind wohl nicht leicht. Ich schließe mein Schreiben mit tausend Grüßen an euch, liebe Eltern und Geschwister, und verbleibe euer dankschuldiger

Valentin.

Laibach, am 24. Juni 1897.“

Und eine Nachschrift. In derselben warnt der Valentin die Seinigen vor dem fremden Knecht. „Sollt’s ihm nicht trauen, wer weiß, was er im Sinn hat. Es giebt allerhand Leut’ auf der Welt.“

Jetzt erst wurde es mir klar, weshalb der Adam vorhin so mit mir gesprochen hatte. Das war alles so, als sollte einerseits kein Hehl sein von den Bedenken und auch kein Hehl von dem Vertrauen.

„Was das Letztere anbelangt,“ sagte ich nun, ihm den Brief zurückgebend, „so würde ich an seiner Stelle wahrscheinlich auch nicht anders schreiben. Bis er heimkommt, wird er mich ja sehen. — Und heute abends wollen wir ihm schreiben. Das mit dem Feldzug ist Zeitunggeschwätz. Im Herbste wird der Jahrgang sicherlich beurlaubt. Und das bei der Nacht davon und heim schlägt sich ein tapferer Bauernbursch flott aus dem Kopf.“

Der Adam flocht seine hageren Finger ineinander und sagte: „Du kannst mir’s nit glauben. So oft ich bei der Nacht wen an die Hausthür klopfen hör’, kommt’s mir vor: der Valentin! Jetzt ist er da. Und morgen fangen sie ihn ein und derschießen ihn.“

„Ihr denkt gleich an das Allerschlimmste. Wem’s ohnehin so hart zusetzt, der sollte sich’s nicht noch härter machen. Es giebt auch noch andere Gedanken. Euer Franzel, an dem könnt ihr doch eine Freude haben. Der hat das Köpfel, der kann’s zu was bringen.“

„Ja, ja,“ entgegnete der Hausvater, „der Lehrer sagt’s auch, wenn der Franzel wo hinkommen könnt. So geht’s halt. Der Eine will heim und der Andere will fort. ’s ist Einem wohl jedes Kind ans Herz gewachsen — eins wie das andere. — Mit dem Mädel...“

Er stand auf, ging ein paar Schritte über die Schollen hin, ging wieder zurück. Dann riß er am Erlenbusch einen Zweig ab und ließ ihn sachte nieder fallen.

„Mit dem Mädel,“ sagte er dann und brach neuerdings ab. „’s ist halt ein Kreuz.“

Dieser Stein, das merkte ich wohl, war der schwerste. Wenn er ihn heben wollte von seinem bangen Herzen, sollte ich ihm nicht dabei helfen?

„Die Barbel,“ sagte ich, „jeder Vater hat kein so liebes Kind.“

„Die halben Nächte kann ich nimmer schlafen, ihretwegen. — Es geht nit recht her. Hansel, es geht nit recht her mit der Barbel! — Ganz herzkrank ist sie uns worden!“

— Ganz herzkrank ist sie worden! Das bekümmert ihn?

„Wäre es denn so groß Wunder?“ sagte ich. „In solchen Jahren braucht der Mensch muntere Ansprache. Sie hat keine Gesellin, keine Freundin, wie andere Dirnlein ihres Alters. Immer allein mit sich selber, mit der herben Mutter, dem armen Rocherl. An uns zwei Alten ist auch nicht viel Lustiges zu finden. Da muß ein junges Wesen freilich ernsthaft werden, und traurig mit der Zeit.“

Mein Hinweis auf solche Ursachen befreite ihn fast.

Wäre nur auch ich von meinen Worten überzeugt gewesen. Ich weiß die Hasenschreckergeschichte und er weiß sie nicht. „Keine rechte Gespanin hat sie,“ sagte er. „Wird eh so sein, wird eh so sein!“ — Aber bald wurde er wieder nachdenklich, trocknete sich den Schweiß und murmelte für sich: „Wenn’s was anderes hätt’! — ’s wär’ nit zu überleben...“

Gegen Abend habe ich den Lehmsack auf meine Achsel genommen und heimgetragen ins Adamshaus. Der Adam geht, am Spatenstiel gestützt, langsam hinter mir her. Er hat keinen Lehmbündel auf dem Rücken — aber ich wollte es leicht erraten, wer von uns beiden schwerer trägt. —

Nun muß ich dir aber noch ein verteufelt artiges Stücklein erzählen.

Am Montag hatte ich drüben am Schachenrain zu thun. Es müssen dort die Hecken gerodet werden, weil der Adam Rüben anbauen will. Bei dieser Arbeit fällt es mir auf, daß im Schachen manchmal so ein Wiederhall ist, als würde irgendwo laut geschrien. Zu Mittag sage ich das dem Rocherl, und ob denn die Hirten aus der Planalm so schrieen? Anstatt einer Antwort sagt er, das Heckengraben sei jetzt nicht nötig, ich müsse für den Nachmittag ins Thal hinab, es sei die Mühlbachwehr gebrochen. Der Hausvater schickt mich aber doch in die Hecken und den Rocherl mit, daß er das Strubwerk zusammenschleife zum Verbrennen. Und da höre ich wieder das Schreien.

„Es kommt vom Ausgedinghäusel herüber!“ sage ich. Das steht nämlich drüben, hinter dem Schachen an der Schlucht.

„Das Häusel ist ja unbewohnt, und es kommt auch kein Mensch hin,“ sagt der Rocherl hart.

„Und es schreit doch wer drüben, ich lasse mir’s nicht nehmen. Komm, wir müssen hinüber!“

Wie der Bursche sieht, ich wäre nicht zu halten, geht er mit und sagt: „Hansel, du wirst im Ausgedinghäusel wohl wen finden. Du wirst den Saufüsselbuben finden. Den hab’ ich dort eingesperrt.“

„Aber Lapp!“ rufe ich aus, „du wirst dem dummen Schusterbuben doch die Osternacht nicht noch immer nachtragen!“

„Ich wollt’ nicht reden davon. Vom Hasenschrecker,“ sagt der Rocherl, vor Erregung die Worte ganz kurzatmig hervorstoßend. „Du weißt ja eh davon. Hast ihn eh selber zerfetzt. Der Saufüssel hat ihn aufgestellt vor ihrem Fenster.“

„Was Teufel noch einmal! Der und allemal der, wenn wo ein Schelmenstück geschieht.“

„Schelmenstück sagst du bloß?“

„Dummheiten, sage ich.“

„Weißt du, daß ich ihn dabei erwischt habe?“ fährt der Rocherl fort, während wir durch den Schachen gehen. „Weißt du, daß ich ihn mit der Axt hab’ tot schlagen wollen den Hund? Er hat nicht mehr aus können, hat sich versteckt ins Häusel hinein. So gescheit bin ich wohl, daß ich nit nachlauf ins Finstere. Aber die Thür hab’ ich zugesperrt. Seitdem ist er drinnen und jetzt weißt es, wer so schreit.“

„Seit wann ist er drinnen?“

„Seit Samstag.“

„Narr, da muß er ja verhungern!“

„Meinetwegen,“ sagt der Rocherl.

Wir kommen zur Hütte, die unter einer großen Wettertanne hart am Rain steht, am Abhang der Schlucht. Wir gucken rückwärts durch die kleinen, glaslosen Fenster hinein. Der Saufüssel kauert im Winkel mit zerfetzten Kleidern. Als er uns gewahr wird, springt er auf, faltet die Hände und wimmert: „Um Herrgottswillen bitt’ ich euch, laßt mich aus. So viel Hunger! So viel Hunger!“

Wir haben uns nicht lange mit ihm unterhalten.

„Du hast meine Schwester beschimpft!“ rief der Rocherl. Und der andere drin: „Deine Schwester ist —“ Und eine Geste mit den Händen, da habe ich genug gehabt.

„Rocherl,“ sage ich, „jetzt glaub’ ichs schon selbst, daß wir den jungen Mann noch ein paar Tage im Kotter lassen sollen, bis er etwas gemütlicher wird. Komm’!“

Lassen den Saufüssel schreien, bitten und fluchen und gehen davon.

Am Dienstag wollte ich ihm einen Krug Wasser bringen und nachsehen, wie es mit seiner Besserung stünde. Die Hausthür weit offen, der Vogel ausgeflogen. — Und am selbigen Abend beim Suppenessen sagt die Barbel: „Wenn sich heut’ das Kalbel nit in die Schlucht verlaufen hätt’, so möchten wir einen schönen Schreck derlebt haben, nächstens im Häusel. Der Schusterbub. Eingesperrt worden soll er sein! Vor vier Tagen schon. Hat gar nimmer reden können. Ist nur gleich hingefallen ans Bachel und hat so lang Wasser getrunken, bis ich ihn aufricht’ und sag: Mensch, du trinkst dich ja zu Tod!“

„Du hast ihn ausgelassen?“ fährt sie der Rocherl an.

„Gott Lob und Dank, daß es noch früh genug gewesen ist!“

„Weißt du nit, Barbel, daß es der Saufüssel ist gewesen, der —“

„Der dem Schaf das Füssel hat abgeworfen!“ rede ich rasch drein.

Weiter nichts. Sie weiß nichts und wir sagen nichts und mir ist zum Lachen und zum Weinen gewesen darüber, was doch die Fürsehung bisweilen für einen wunderlichen Humor hat.