Am Tage Peter und Pauls
Am Tage Peter und Pauls.
Das ist eine Extrapost. Oder ein Nachtrag zum vorigen Sonntage. Des Saufüsselbuben wegen. Die Sache liegt mir fast an. Der Junge — Clemens heißen sie ihn jetzt — ist schwer erkrankt am Typhus. Er liegt bei seiner Mutter, der Marenzel, die sich arg über die Adamsleute beklagen soll. Sie habe mit ihrem guten Pflaster dem Rocherl die Hand gerettet, sonst hätte selbige müssen weggeschnitten werden. Dafür habe dieser ganz bösartige Bursche ihren armen Clemens in eine entlegene Hütte gelockt, ihn dort tückisch überfallen und eingeschlossen, so daß der gute Knabe schon dem Hungertode verfallen war und jetzt sein junges Leben werde lassen müssen.
Darüber ist der Rocherl heute mittags nach dem Essen von seinen Eltern zur Rede gestellt worden.
„Ich sag’ dirs nur, was die Leut’ jetzt über dich reden, Rocherl,“ sprach der Hausvater. „Daß es nicht wahr ist, weiß ich gleichwohl. Wer wird denn so was thun!“
Sagte der Rocherl trutzig: „Warum soll’s nit wahr sein! Es ist wahr.“
„Christi Heiland!“ rief die Mutter. „Du hättest den Schusterbuben in die Hütten gesperrt! Daß er auf den Tod ist worden! Ja warum denn, gottverlassener Mensch!“
Der Rocherl blickte um sich, blickte die Barbel an, den Vater, endlich auch die Mutter, und antwortete: „Das kann ich nit sagen.“
„Die Marenzel schreit herum, sie werde dich von den Schandarmen abholen lassen. Da wolltest du ein bissel länger sitzen müssen, als ihr Clemens in der Hütten!“
Der Rocherl nichts, als ein Achselzucken.
Später habe ich ihm draußen unter den Kirschbäumen zu bedenken gegeben, daß er den abscheulichen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen dürfe. Da wird er zornig und schreit: „Stell’ dich nit so blöd’! Du weißt es recht gut, wie es ist. Mich rechtfertigen — nichts leichter, als das! Soll sich die Barbel das Herz abkränken, wenn sie den Schimpf erfährt? Und den Vater der Schlag treffen wegen des Hasenschreckers und was dran ist zu verstehen gewest? Laß mich aus, da will ich lieber mit den Federbuschmännern davonspazieren.“ — ’s ist doch ein Kerl zum Küssen.
Der Konflikt ist zur Stunde aber schon gelöst und die Barbel hat’s gethan. Die Barbel ging hinab zum kranken Clemens um ihn zu trösten und auszufragen, wie es gekommen sei. Beim Jungen war vorher gerade der Kurat gewesen mit den Sterbesakramenten.
Der Kranke soll ihr gleich die glühheiße Hand entgegengestreckt haben und sie um Verzeihung gebeten.
„Was hab’ denn ich dir zu verzeihen?“ hat sie gefragt.
„— Das mit dem Hasenschrecker und dem Kind vor deinem Fensterl.“ — So hat sie’s von ihm selbst erfahren. Mit keinem Auge soll sie gezuckt haben. Sie gab ihm die Hand: „Wegen meiner sollst in Frieden sein, Clemens. Ich trag’, was mein ist.“
Und wie hat der Rocherl dreingeschaut, als das Mädel heimkommt und zu ihm sagt: „Bruder, der Clemens laßt dich grüßen und bitten, daß du ihm verzeihst. Er thut’s auch dir.“
Jetzt ist’s ihnen beiden leid, wenn der Saufüsselbub sterben muß. Die Mutter weiß auch davon, nur der Vater kann immer noch nicht begreifen, was doch dem Rocherl mag eingefallen sein. Er will übrigens jetzt die Barbel auf eine Alm schicken in die Sennhütte, damit sie ihre Schwermut sollt’ verlieren. O einfältiger Adam du! —
Nachschrift. Um Mitternacht. Mir zittern die Hände und doch muß es dir noch geschrieben werden. Eine plötzliche Veränderung wollte es nehmen.
Nachdem ich den Brief an dich geschlossen, war im Stalle den Ochsen noch Reisigstreu hinzuschütten. Ich thue das mit der eisernen dreispießigen Gabel, und da springt der Rocherl rasch zur Thür herein, auf mich zu und reißt mir heftig die Gabel aus der Hand. An seinem Munde weißer Schaum, die Waffe zückt er gegen mich, während ich sie noch am Stiel erfasse und ablenke.
„Was willst du, Mensch!“
„Hund, ich stech’ dich nieder!“ schnauft er. Wir ringen um die Gabel. Er ist von Sinnen! Er ist von Sinnen! sonst kann ich nichts denken. Sein einziger Arm hat dreifache Kraft, wie zwei Tiger, so ringen wir, von einer Wand zur andern fahrend, daß es dröhnt, bis endlich die Streugabel in meiner gehobenen Hand bleibt.
Starr stehen wir uns gegenüber.
„Was bedeutet das?“ frage ich.
„Das wirst du schon selber wissen!“ sagt er knirschend.
„Bei Jesu im Himmel, ich weiß es nicht!“
Er langsam, wie träumerisch: „Bei Jesu im Himmel? — Du weißt es nicht? — Dann werde ich dich schon erinnern müssen.“
„Was soll das Umreden! Sag’s, was du meinst!“
„Verstell’ dich nit, Hansel. Gesteh’s nur offen ein, daß du die Schuld bist. Bei ihr...“
Jetzt habe ich ihn aber auch verstanden. — Daß er es noch nicht wissen sollte, was ich weiß! Aber wie soll er’s denn wissen, wenn es der Lehrer mir als Geheimnis anvertraut hat!
So sage ich nun zum Rocherl: „Wenn es so steht! Wenn ich in diesem Verdacht bin! Wenn man mich gleich niedermachen will, anstatt dort anzufragen, wo man’s doch leicht würde erfahren können, dann — bleibt mir keine Wahl mehr, was zu thun ist. Meinen Dank an deine Eltern für alles Gute — du kannst ihn ausrichten, oder auch nicht, wie du willst. Morgen früh braucht mich dein Vater nicht mehr zu wecken.“
„Fortgehen ist freilich das Bequemste,“ sagte er.
„Rocherl! Mein Bleiben dürfte dir nicht wohlbekommen!“
Er sagt nichts mehr, stolpert aus dem Stall.
Dann habe ich begonnen, meine Sachen zusammenzusuchen und in ein Bündel zu thun und bei mir gedacht: So muß es enden! Und als das Bündel fertig war und ich an der Thür stand, hinausschauend in die sternhelle Nacht — da kam er über den Hof gegangen. Einige Schritte vor der Thür blieb er stehen und fragte leise: „Bist noch da?“ Dann trat er ganz an mich her, hielt mir die Hand entgegen: „Hansel, verzeih’ mir. Ich weiß es jetzt schon. — — Bleib’ da bei uns — bleib’ da!“ Und fiel mir an die Brust und weinte so wild, so schwer, daß ich hätte vergehen mögen vor lauter Erbarmen.
Das, mein Alfred, habe ich dir noch schreiben müssen in dieser Sommernacht.