Elfter Sonntag

Am eilften Sonntag.

Ja, da kann ich dir nicht helfen, mein Lieber! Mitte März giebt’s hier noch kein Frühjahr und mußte ich auch heut’ mit meinem Schreibbrett in den Stall ziehen zu den zwei paar Ochsen. Jetzt stehen ihrer wieder fünfe da, die mit ihrer tierischen Wärme halt aufeinander angewiesen sind. Also laß es hingehen, wenn der Geruch meiner Sendboten nicht allzusehr an Eau de Cologne erinnert.

An einem dieser Wochentage saßen wir, der junge Rocherl und ich, zusammen in der Kammer und thaten wollzupfen. Unterricht: Die Wolle, die am vorigen Herbste den Schafen vom Leib geschoren und dann tüchtig gelaugt worden ist, hat verfilzte Strähne und muß locker gezupft werden. Dann kommt sie unter die Krampel (Kraue), endlich auf den Spinnrocken. Der Weg vom Schaf bis zum Webstuhl ist mindestens so lang als der vom Lumpen bis zum Banknotenpapier, und der Weg vom Webstuhl bis zum Schneider manchmal nicht kürzer. Ohne Kenntnisse, Fleiß und Fertigkeit ist er so wenig passierbar, als der eines tüchtigen Gewerbsmannes oder Fabrikanten. Wollzupfen, nun, das kann jedes Kind. Nur ich, der ein sogenannter Mann geworden war, bevor er so seltsamerweise zu einem Kinde werden muß, habe es erst lernen müssen. Anfangs hatte ich gemeint, es handle sich ums Zerkleinern der Strähnlein und habe sie mitten entzwei reißen wollen. „Du bist aber schon gar gescheit!“ sagte der Rocherl und zupfte eines meiner ureigenen Wollsträhnlein. Dem Rocherl macht’s ja auch Mühe, weil zum Zupfen eigentlich zwei Hände gehören, während er die eine, mit Lappen wulstig umwickelt, auf dem Truhenrande liegen hat. Als ich den schönen Menschen so von der Seite ansehe, wie er blaß ist, wie er betrübt dasitzt, — ein Krüppel für sein lebtaglang — da stelle ich die Frage, wieso es denn gekommen sei, das Unglück?

Der Bursche schlägt sein großes Auge auf, sein feuchtes, manchmal so eigentümlich leuchtendes, und antwortet in einem traumhaft singenden Ton: „Ein Reh ist schuld daran gewesen.“ Dann kommt er zu sich, lacht auf: „Ein Reh! Hab ich gesagt ein Reh? Siehst du, Hansel, wie man schlecht sein kann! Was kann das Reh dafür, daß ich hab’ schießen wollen!“

Darauf ich: „Es ist die alte Geschichte. Der Bauer muß sein Korn und Kraut vor dem Wilde schützen. Und dieweilen der arme Mann sich seines Eigentums wehrt, läßt der gottverdammte Jäger das Reh laufen und schießt auf den Bauern.“

Darauf der Rocherl: „Nein, Hansel, diesmal ist es nit so gewesen. — Schau, die grauen und die weißen Schüberln mußt du auseinanderzupfen, sonst wird der Loden scheckig. — Ganz anders ist das gewesen. Mir ist recht geschehen. Mitten im Winter frißt das Reh kein Korn und kein Kraut. Gelustet hat’s mich. Und wenn mich einmal etwas gelustet, nachher nichts denken — wild drein.“

„Recht sorgfältig will ich zupfen, wenn du mir’s erzählst.“

„Knötteln, wenn du ihrer findest, darfst du nit dazuthun. Die mußt wegwerfen. — Alleweil halt oben gestanden, oft die halben Nächte lang. Hinter dem Schachen mit der Flinte. Aber es hat nit sein sollen. Das eine Mal, wenn’s zu Schuß kommen soll, geht das Zündhüttel nit los. Daß zweite Mal, wie ich hinziel’ aufs Tier, du Hansel, da geht’s freilich los, aber nit bei mir. In der Hand hab’ ich’s gehabt, dem Jäger sein Blei, wie’s heut’ noch drinnen steckt. Gesehen hab’ ich nichts mehr. Auch nichts gehört. Du, ich sag’ dir, wenn der Mensch derschossen wird, so kann er sich nit einmal denken, jetzt bin ich derschossen worden! So geschwind geht’s.“

„Aber du bist es ja nicht worden, wie man sieht!“

„Wie ich wieder munter werd’, lieg’ ich im Bett, steht der Geistliche neben meiner und ist vom Sterben die Red’. Meinetwegen! hab’ ich mir gedacht und bin wieder eingeschlafen. — Aber du! ’s Kugerl hat’s schon gemacht, daß ich nit verschlafen hab’.“

„Hat’s weh gethan?“

„Der Teuxel, freilich hat’s weh gethan.“

„Jetzt, wer hat denn eigentlich geschossen?“

„Der höllverfluchte Menschkerl. Der Jäger Konrad.“

„Wenn dir aber doch recht geschehen ist?“

„Recht geschehen, das freilich. Weil ich gewildert hab’. Und weil’s Wildern verboten ist. Der Jäger hat nit recht gethan, denn weil er auf einen Menschen geschossen hat. Der hätt’ mir die Büchsen können wegnehmen, das hätt’ er können. Wehr ich mich, so darf er auch schießen, das darf er. Aber nit so! So nit. Mörderschuß, sag’ ich. Weil er mir Feind ist gewesen. Das soll er sich merken! Klagen gehen hätt’ ich ihn können, sagt der Kulmbock-Bauer. Was hab’ ich davon, wenn er sitzt? Für so was ist mir meine Hand nit feil. Die verkauf ich teurer, mein Lieber!“

In diesem Augenblicke hättest du ihn sehen sollen, den Jungen. Etwas Unheimliches. Ich wollte ihn beschwichtigen.

„Hat gleich Angst bekommen, der Jäger,“ fährt der Rocherl fort. „Ist noch am selben Tag nachfragen gegangen ins Haus, wie’s mir geht. Nur den Flintenlauf, sagt’ er, hätt’ er mir wollen aus der Hand schießen. Wär’ nit sein Willen gewesen, daß er mich trifft. Wär’ nit so vermeint gewesen, sagt’ er. Bin auch weiter nit bös auf dich, hab ich gesagt. Vielleicht zahl’ ich dir’s einmal ab, vielleicht nit.“

„Ich an deiner Stelle möchte mich mehr um die wunde Hand kümmern, als um den Jäger.“

„Die wird schon wieder heilen. Das Pech zieht’s heraus.“

Wie mich dieser Bursch erbarmt! Sprießt erst zum Leben auf. Soll hart den Daseinsstreit ringen mit der gefräßigen Welt. Und ist ohnmächtig in Arbeit und Wehr. Und schaut so treuherzig in die trüben Nebel seiner Zukunft. Was sein Verzeihen anbelangt? „Vielleicht zahlt er’s ihm einmal ab, vielleicht nit!“ Der Geistliche hätte ihm das Verzeihen geraten, der Rocherl hätte drauf geantwortet: „Wird mir eh nit viel anderes übrig bleiben, weil der Jäger stärker ist.“

„Rocherl,“ habe ich hernach gesagt, „nicht unruhig machen möchte ich dich. Deine Hand wird heil werden. Aber Pfropfenzieher ist das Schusterpech keiner. Da muß ein Arzt dran.“

Antwortet er: „Wir haben eh die Marenzel gefragt, die was die Salbensiederin ist. Die hat gesagt, nur keinen Doktor! So Leut’ thäten gleich die ganz’ Hand wegschneiden. Da ist mir eine luckete Hand doch alleweil noch lieber, wie gar keine. Und die Kugel wird schon herfürkommen, sagt sie. Dreimal der Vollmond muß halt draufscheinen.“

Nun weiß man auch, weshalb vor drei Wochen der Junge des Abends immer vor der Hausthüre gestanden ist und seine arme Pfote dem aufgehenden Mond entgegengehalten hat.

Nachdem wir wieder ein Weilchen schweigend nebeneinander Wolle gezupft haben, sagt der Rocherl: „Wird eh so am besten sein, für mich. Heißt nichts, die Wildschützerei. Und bändigen hätt’ ich mich nit können. Du glaubst nit, Hansel, wie das ist, wenn einer bei der Nacht so aus dem Bett gezogen wird, wie das Kalb mit dem Strick. Und zum Wald hin. Und kreispelt’s im Dickert — und sieht was laufen. Nur gleich so in die Hand fahrt’s. Und wenn du eine Heugabel bei dir hast, an die Wang fahrst damit!“

„Und das arme Tier erbarmt dich nicht? Das gerade so gern lebt wie du. Denkst denn nicht dran?“

„Denkt der Jäger dran, der schlechte Lump? Geh, Narr, zum Denken ist da keine Zeit, sonst lauft’s dir davon. Oder höchstens: streck’ ich’s nit, streckt’s der Jäger.“

„Hör’ mir auf, Rocherl. Diese Ausrede kann jeder Diebskerl brauchen.“

„Hast eh recht. Aber es ist halt wie verhext. Es giebt halt nichts Lustigeres auf der Welt, wie das Reherlschießen.“

Singend hatte er die letzten Worte gesagt und kam uns wohl beiden das Volkslied in den Sinn:

„Obs sunnen oder dunnern thut,

Ob winden oder gießen,

Ich weiß halt keine größere Freud,

Als wie das Reherlschießen!“

Und derselbe Bursche ist anderseits so voller Sorgfalt für die Haustiere, kümmert sich um die richtige Fütterung, vergißt nach keiner Mahlzeit, die Brosamen hinaus aufs Fensterbrett zu legen, daß die Spatzen kommen und sich letzen mögen zur Winterszeit.

Um den Kuhstall sorgt er sich nicht, dort ist die Barbel. Wo die Barbel ist, da braucht sich weiter niemand zu kümmern. Wo die Barbel ist, da kann nichts geschehen.

Vor etlichen Tagen hatten wir ein Donnerwetter mit Blitz und Hagel, wie im Hochsommer. Noch nie so um diese Zeit, sagen sie. In der Nacht war’s. Ich wurde ins Haus gerufen, um beim Schein einer Weihekerze den Wettersegen mit beten zu helfen, oder bereit zu sein zum Retten, falls der Blitz einschlüge. Das krachte und knatterte ganz grauenhaft. „Hagel auf den Schnee thut dem Korn nit weh!“ sagte der Hausvater, aber fürchten thaten sie sich doch. Der Rocherl kauerte im bloßen Hemde am Herd, zitterte, wimmerte, hielt Ohren und Augen zu und verlangte nach der Schwester. Die wurde geweckt, kam in die Stube, da war er ruhig. Sie sagte kein Trostwort, sie betete nicht, sie war nicht erstaunt — sie schaute nur traumhaft drein, wie sonst manchmal. Das Gewitter verzog sich, draußen war es still und schneelicht und man hätte sagen mögen: Das Mädel gebot dem Sturm.

Bin ich schon wieder bei ihr? — Aber es ist ja ein dummes Ding.

Dein treuer Knecht.

Nach Schluß des Blattes. Du fragst, was das für ein Sprachstil wäre, dessen ich mich in meinen Briefen befleißige. Möge dein ästhetisches Urteil mir gnädig sein — es ist der Dreschflegelstil. Mit starren Gliedern und vollem Herzen schlägt man nicht die schöngewundenen Spaziergänge durch den Rosengarten der deutschen Kunstsprache ein. Da geht’s gerade aus durch Strupp und Strauch. Wäre Goethe anstatt Minister Bauernknecht gewesen, es möchte auch der Goethestil ein Flegel- oder Heugabelstil geworden sein. Und nächstens soll’s gar an den Mistgabelstiel gehen.