Zwölfter Sonntag

Am zwölften Sonntage.

Eine pathetisch veranlagte Natur würde von Herzenstakt und Charakteradel zu sprechen haben. Ich sage bloß: Seelengute Leuteln!

Mit Ausnahme der reschen Hausmutter, die bisweilen Salz in die Butte streut, ist in diesem Hause alles voller Sanftmut und Rücksicht gegeneinander. Wird der Vater von seinem Lungenkrampf geplagt, so ist alles um ihn bestrebt, Erleichterung zu schaffen; doch ein paar Gramm Hexenkraut vermögen mehr, als die ganze Liebe. Wenn aber die Marenzel ausbleibt mit dem Hexenkraut! Das alte Weib ließ merken, daß es beleidigt worden sei und blieb aus. Nun zerbrachen wir uns alle den Kopf, worin denn die Beleidigung bestanden haben könne? Die Hausmutter erinnerte sich, das letztemal der Marenzel die Einbrennsuppe anstatt auf den Tisch, nur auf die Bank hingesetzt zu haben, denn der Tisch war mit Flachssträhnen vollbelegt gewesen. Oder hatte der Franzel ihr Dachshündlein beleidigt? Er sagte nämlich „Hund“ zu ihm. Der Hausvater hatte in ihrer Anwesenheit, als draußen ein Regenschauer niederging, scherzeshalber den Ausspruch gethan: „Wenn’s in die Sonn’ regnet, thut der Teuxel seine Großmutter auf die Bleich legen.“ — Sollte das die Marenzel schief genommen haben? Denn das soll eine sein, die alles, was Übles gesagt wird, gleich auf sich bezieht. Also sie kam nicht, im Hause war kein Hexenkraut und dem armen Manne sprengte es fast die Brust. So wurde endlich der Rocherl ausgeschickt, die Marenzel zu suchen. Er fand sie bettelnd im Thale mit ihrem kleinen roten Dachse, den sie stets im Korbe bei sich trägt. „Liebeste Marenzel,“ soll er gesagt haben, „heut’ thäten wir wieder einmal buttern daheim, wenn du kosten möchtest kommen. Die Mutter sagt schon, daß der Butter dasmal wieder so süß ist, und wenn nur die liebe Marenzel thät kommen!“

„Ist gut,“ antwortete die Alte, „will kein Stein sein, wenn mir die Leut’ gutweis kommen!“ und kam neben dem Rocherl den Berg heraufgetorkelt. Sie that ihren breitkrämpigen Filzhut ab, wendete das kleine runzelige und fast kahle Köpflein rasch in der Stube nach allen Seiten hin, ob nicht irgendwo sich ein Feind zeige. Dann schlenkerte sie ihren wulstig geflickten Kittel aus und fragte einigermaßen bissig: „Wo darf man denn niedersitzen?“

„Wo du magst, wo du magst, Marenzel,“ drauf die Hausmutter, „’s ist ein rechtes Elend bei uns. Den Vater hat’s wieder so viel aus der Brust.“

„So! Halt das Frühjahr. Thut’s nur Achting geben. Der Bauer thut im Herbst fexnen und der Rippenmann im Frühjahr.“ Und vom Kraut sagte sie nichts.

Als sie im Korb ihr Hündlein zurecht gebettet hatte mit allerlei zärtlichen Koseworten, als sie ihm Milch und Butter zum schlecken vorgelegt und selbst schmatzend das ihr dargereichte Butterbrot abgethan hatte und sich hierauf sorgfältig die dürren Finger an einem Lappen rieb, trat endlich die Hausmutter vor mit ihrem „Gebitt“ um Hexenkraut.

Da begann die Alte langsam ihren Hals nach vorn zu strecken. Die Glotzäuglein traten hervor. Die auf den Stock gestützte Hand begann zu wackeln.

„— — Adamshauserin! Mir scheint, Euch ist nit um’s arme Leut zu thun, daß es soll Butter kosten. Mir scheint, das Hexenkraut ist’s. Meine liebe Bäuerin, das hätt’ Euer Bub früher sagen sollen. Ich hab kein Kraut bei mir.“

Weil ich zufällig anwesend bin, so kommt es mir in den Sinn: Wart’ Alte, deinen Bettelhochmut wollen wir dir austreiben.

„Hausmutter“, sage ich, ohne scheinbar der alten Marenzel zu achten, „wenn der Vater wieder an Atemnot leidet, da weiß ich ein Mittel, das hilft gewiß. Hundefett, von einem roten Dachshund. Gar nichts Besseres für Brustleiden! Da brauchen wir nicht erst ein stinkendes Hexenkraut.“

Den Haßblick von der Alten, den möchte ich mir in Spiritus konservieren lassen, wäre der Mühe wohl wert! Und dann hat sie ausgepackt. Hexenkraut so viel, daß man damit alle Hexen und Kurpfuscherinnen vom Almgai hätte zu Tode räuchern können. Auch frisches Schusterpech für die Schußwunde: „Wenn nit der abnehmend’ Mond schon zu viel draufgescheint hat, so wird es das Blei schon herausziehen.“

Nachher, als sie fort war und der beräucherte Hausvater sich wieder erleichtert fühlte, habe ich Vorwürfe bekommen. Das thät er nicht gern hören, daß in seinem Haus das Heilkraut so verspöttelt würde. Man müsse dem lieben Herrgott lieber danken, daß er’s wachsen lasse. Und was solle das heißen, mit dem Dachshund? Das Hündel würde man ihr doch gönnen mögen, der armen Haut. Sei eh noch eine gute Tugend an ihr, daß sie ein Herz zum Tier habe.

Dann „der abnehmend’ Mond?“ — Die Schußwunde des Rocherl ist es, aus der gleichsam die ganze Familie blutet. — Und ihr anderes Leid ist der Soldat in der weiten Welt, der Valentin.

Seit Wochen erwarten sie seinen Urlaub. Zu Weihnachten hatte er eine Photographie geschickt; die hat der Rocherl zu den Bildern des Hausaltars hinaufgehangen und der Vater hat sie wieder herabgenommen.

„Man denkt beim Beten so schon zu viel an den Buben; und wenn erst gar noch das Bildel vor Augen hängt! Wenn sie auch immer einmal gemartert werden, die Soldaten — Märtyrer ist er halt doch noch keiner, daß man ihn zu den Heiligen könnt thun.“

Des Hauses Stolz ist der kleine Franzel. Der Schullehrer hält nämlich von dem Knaben große Dinge. Es ist die Rede davon, daß er nächst’ Jahr in ein Seminar soll. Wenn du einmal nachdenkest, woher die klerikalen Kämpen und heißglutigen Priester kommen, die ebenso entschieden Weltgeschichte machen, als andere Mächte — aus dem Bauernhause kommen die meisten. Unverbrauchte Erdkraft ist in ihnen. Daran denkt das alte Menschenpaar im Adamshause freilich nicht. Ihr höchstes Erdenziel wäre das, einstmals im schneeweißen Haar dem Meßopfer des eigenen Kindes beiwohnen zu können.

Der Augapfel dieser Leute, ihr Herzblatt und ihre zitternde Freude ist —. Sagen thut’s keines, anmerken thut man’s jedem. Wenn die Barbel nicht da ist — wo ist sie denn? Wenn sie im Stalle Streu hebt oder vor dem Hause Holz schichtet — ist es wohl nicht zu hart für sie? Wenn sie bei Tisch den Löffel weglegt — was ist dir denn, Kind, daß du nit magst essen? Und hast wohl genug warm bei der Nacht, Barbel? Und thut dir wohl nichts weh, Barbel?

Am Josefitag, während das Mädel in der Kirche war, habe ich ein Gespräch gehört zwischen dem Adam und seinem Weibe, das mir zu denken giebt. Sagt sie zu ihm: „Ich weiß nit, Adam, mir ist immereinmal so hart.“

„Warum denn, Mutter?“

„Das weiß ich halt selber nit.“

Machte er sein schalkhaftes Gesicht: „Wenn dich was druckt, Alte, da weiß ich dir einen guten Rat. Vor Zeiten wärest du selber draufgekommen.“

„Du meinst, daß ich für die armen Seelen im Fegfeuer ein Vaterunser beten sollt’?“

Er schüttelte den Kopf — das meine er nicht.

„Oder fleißig zum arbeiten schauen?“ sagte sie.

„Weißt, Mutter, zu wenig greinen thust du. Besser ausbrummen mußt dich, nachher wird dir schon g’ring.“

„Das kannst sein lassen, Alter. Fürs Foppen bin ich jetzt nit aufgelegt. Traurig genug, wenn du dich nit kümmerst. Fällt dir denn gar nichts auf, Adam? Daß sie alleweil so traurig ist!“

„Wer?“

„Und schon gar nimmer lachen will. Die Barbel!“

„Die Barbel? Nit lachen? Nimmer lustig sein? — Du, Weib, jetzt fällt mir das auch auf. Haben wir nit alleweil gesagt: das Hausglöckel?“

„Gelt! Und jetzt nimmer. Schon lang’ nimmer. Oder weißt eine Zeit, wo sie gelacht hat?“

„Schon lang’ nimmer,“ sagte er nachdenklich.

„Seit dazumal, wo sie ins Wasser gefallen ist, kommt sie mir halt ganz anders für!“

„Seit sie zu Hoisendorf in den Bach gefallen ist?“

„Seitdem ist sie nimmer so.“

„Das kunnt ich mir nit denken, wegen was.“

„Du, wenn’s mit dem Kind was hätt’! Himmlische Mutter Maria, wenn dem Kind was thät’ sein!“

„Es müßte nur sein,“ meinte er, „daß ihr die Hand weh thät’.“

„Die Hand? Sie wird doch an der Hand nichts haben!“

„Dem Rocherl seine.“

„Mein Gott, es kann ja eh sein, daß es das ist.“

„Sie sollt’s doch sehen, daß der Bub’ selber lustig ist.“

„Ist nit sein Ernst, mein du! Dem steckt’s tiefer, als er’s scheinen lassen will. Geh’, sag’ das einer Mutter nit! Was die Kinder müssen leiden, wenn man’s selber kunnt tragen! Tausendmal gern! Daß uns so was hat müssen treffen mit dem Rocherl!“

„Mein Gott, Traudel,“ sagte er, „wir sind halt auf der Welt. Da ist doch das Unglück nichts neues! Wollen denn wir den Himmel schon im Almgai haben? Narr’l, da thät’ ja nachher das Absterben zu hart sein!“

So haben sie am Vormittage miteinander geplaudert beim Herdfeuer. Und zu Mittag, wie die anderen von Hoisendorf heimkommen, bringen sie den Brief mit. Vom Soldaten. Die Hausmutter hat uns für denselben Mittag Leinölkrapfen bereitet gehabt, die sonst so gut sein sollen. Haben uns nicht geschmeckt. Der Valentin liegt krank im Spital zu Laibach im Krainerland. Was ihm fehlt, das schreibt er nicht. Immer an „heim“ muß er denken. Immer an heim! — Der zuerst anhebt zu brüllen, das ist der Franzel. Den Rocherl stoßt’s bloß in der Brust. Die Mutter hockt im Ofenwinkel, reglos, wortlos. Der Vater hat größere Augensterne bekommen, daß man das Weiße nicht mehr sieht. Die Barbel steht ganz ruhig am Winkelkasten und schaut mit ihren runden, betrübten Augen zum Fenster hinaus, und die Hände hat sie über der Schürze gefaltet.

Jetzt, Knecht, zugereister, mach’ dich einmal nützlich! Also fange ich an zu trösten: „Spital! Was weiter? Bin ich zweimal im Garnisonsspital gewesen, einmal vier, einmal sechs Wochen lang. Da fehlt einem gar nichts, als das bissel Gesundheit. Man hat sein warmes Bett, sein Stückel Fleisch und seinen Doktor. Und wird bedient wie ein Graf. Wachzustehen braucht man nicht, zu exerzieren braucht man nicht, hört keine Flucherei, weiß von keiner Strafe und die Zeit vergeht doch. Manchmal geht’s gar lustig zu im Spital: schwatzen, karteln, rauchen, feinsten Kommißtabak, versteht sich, nachher Geschichten erzählen und allerhand Narreteien, zum Kugeln vor Lachen. Ich sage nur das: manchem ist gar nicht gut, wenn ihm wieder gut ist und er heraus muß!“

Ich glaube, Philosoph, diesmal habe ich mir meine Suppe redlich verdient, mitsamt Salz und Kümmel. Die Angesichter haben sich schier aufgeheitert, wie ein Regenhimmel, wenn der Ost zieht.

„Ich denk wohl auch, daß es nit so arg sein wird,“ meint der Hausvater, der überhaupt eine leichte Achsel hat auf die er das Schwerste legt.

Eine solche Achsel, wenn die Hausmutter hätt’! Diese ließ es sich nicht nehmen, daß der arme Valentin schwere Not würde leiden müssen. Es wäre ja ein alter Brauch, daß man die Soldaten schier verhungern ließe.

„Wenn er nur Hunger hat, auf dem Krankenbett!“ sagte der Vater, „wenn er nur recht Hunger hat, nachher kommt er uns wieder!“

„Schreibt er nit um Geld?“ fragte die Mutter. Der Rocherl, der den Brief gelesen, verleugnete auf einen Wink des Vaters die kleine Zeile ganz unten am Rand.

„Noch nit einmal hat er um Geld geschrieben!“ erklärte die Mutter.

Die verleugnete Zeile aber lautete: „Nur um zwei Gulden, wenn ich bitten dürfte, liebe Eltern!“

Der Vater wollte mit den Kindern erst die Geldbeschaffung besprechen, bevor er der Mutter die Bitte mitteilen mochte.

Tags zuvor war der Steuerbote dagewesen, schon das dritte Mal seit sechs Wochen. So verworren, daß sich kein Mensch auskennt, spricht der Zahlungsauftrag von „rückständiger“ Steuer, die der Adamshauser schon längst bezahlt zu haben wähnte. Es half ihm nichts, der Bote trug den Rest des Sparpfennigs mit fort, mit der Drohung, daß er nicht wiederkomme! Wenn bis Ostern die letzte Quote nicht bezahlt sei, dann ginge es an ein paar Ochsen! O welches Glück, in einem Kulturstaat zu leben!

Der fürsorgliche Besuch des Herrn Staates hatte damals dem Adamshauser einen Asthmaanfall gebracht. Wie der Steuerbote die Lunge angriff, so ging nun der Soldatenbrief ans Herz.

Jetzt merkte ich aber, daß die Barbel anhub, ein frohes Gesicht zu machen.

„Braucht der Valentin etwa Geld?“ fragte sie leichthin.

„Na freilich wird ein Soldat nie zuviel Geld haben,“ meinte der Vater.

Nach wenigen Minuten brachte sie aus ihrer Kammer ein zierlich mit bunter Wolle gesticktes Mapplein.

„Da kann er gleich heimreisen, wenn er mag,“ sagte sie. Acht oder zehn glatt zusammengefaltete Papiergulden that sie hervor.

Stürzte erregt die Mutter herbei: „Barbel, wo hast du das Geld her?“

„Geh’, närrisch,“ lachte der Vater, „woher wird sie’s denn haben? — Mir scheint, Tochter, du willst dein Kresengeld verthun!“

Es war aber nicht das Taufpatengeld, wie er meinte.

„Habt ihr auf die Hetschen-Basel denn schon ganz vergessen?“ fragte die Barbel. O, Freund, wie schön ist ihr Muttergottesgesicht, wenn sie schalkhaft schmunzelt!

„Das Geld von der Basel?“

„Das sie mir vermacht hat. Ihr wisset es ja, Mutter.“

„Und daß du die Erbschaft in die Kailinger Sparkasse solltest legen! Ja, hast das Geld denn nit eingelegt? Du leichtsinnige Dirn’, du!“

„Was brauchts denn die Kailinger Sparkasse, wenn mans daheim auch gut aufheben kann!“

Als sie den letzten Schein aus der Mappe thut, werfe ich einen Blick auf das Geld und erschrecke ganz abscheulich. Sind es lauter Papiergulden, die schon seit zwei Jahren keine Gültigkeit mehr haben.

Und wollen sie dieses Geld dem Valentin schicken! Da habe ich mir wohl gedacht: O Adam! Adam! Bisweilen wäre doch auch im Bauernhause eine Zeitung nicht schlecht!

Jetzt frage ich dich, Alfred! Du bist zwar ein tapferer Mann, schon auch darum, weil du so fest zum zugereisten Bauernknecht stehest. Aber die Hand aufs Herz! Hättest du den Mut, dieses Wesen aufzuklären darüber, daß ihr in der schönen Mappe so sorgfältig gehüteter Sparpfennig mit dem sie dem kranken Valentin die Heimreise ermöglichen will, wertlose Papierfetzen sind? Das wäre ja gerade, als risse ihr ein gottverfluchter Erzräuber das Vermögen aus der Hand. — Na, da rücke ich mich auf meiner Bank ein wenig gegen die Tischecke hin.

„Du, Barbel,“ sage ich, „laß einmal sehen. Acht Gulden hast du da. Papiergeld. Hörst du, das werden sie dir auf der Post schwer annehmen. Geld kann man neuzeit nur durch Postanweisungen schicken, und da muß Silbergeld eingezahlt werden. Ja, ja, Dirndel, du glaubst es nicht, was so eine kaiserliche Post für Kaprizen hat! Ist aber leicht geholfen. Wart’ ein bissel, ich wechsle dir die Papiergulden gegen Silberlinge um. Hab’ ihrer einen ganzen Teuxel im Hosensack, da genieren sie. Mir ist Papier lieber und der Post Silber und so ist uns beiden geholfen.“

Gelogen wie gedruckt. Aber ich hoffe, der Herrgott, wenn er sich überhaupt um einen durchtriebenen Strick noch kümmert, wird mir dreihundert Zeitungslügen dieser einen willen verzeihen. — Du hast einmal gesagt, daß gute Menschen ansteckend wären. Hätte gar nichts dagegen.

Und so ist nachher dem dreibeinigen Bandelkrämer zu Hoisendorf die Geldsendung übergeben worden, und ein schöner, Brief dazu, des Sinnes, daß die Heimatberge noch felsenfest stehen, daß Eltern und Geschwister frisch und gesund sind und alle Tage ihr Vaterunser beten für den Valentin um glückliche Heimkehr. Die durchschossene Hand ist ihm verschwiegen worden. Die kann er jetzt nicht brauchen.

Als der Brief geschrieben und vorgelesen war, schaute mich die Barbel an. Hatte ich ihr aus dem Herzen geschrieben? Mensch, so lieb hat mich noch niemand angesehen! — Wir haben heute Frühlingsanfang. Das stimmt, Professor. Frühlingsanfang! Frühlingsanfang!