Fünfzehnter Sonntag
Am fünfzehnten Sonntage.
In der vorigen Woche hat’s bei uns Zank gegeben und zwar zwischen Vater und Mutter. Das soll sonst selten vorkommen, denn es ist, wie der Rocherl sagt: „Die Mutter thut, wie’s der Vater anschafft, und der Vater schafft an, wie’s die Mutter haben will.“ Diesmal hat aber das Männchen recht behalten, das heißt —. Recht behalten hat jedenfalls die Frau, er hat nur zufällig seinen Willen durchgesetzt.
Die Sache hat sich so begeben. Aus dem Untergaithal sind zwei Bauern gekommen, denen sich auch unsere Nachbarn Schragerer und Kulmbock beigesellt hatten. Sie traten um die Mittagsstunde so feierlich ins Haus, daß wir alle miteinander erschraken. Sie brachten eine Zumutung mit, wie eine solche kaum je an einen Bewohner dieser Hütte gestellt worden war. Man will den Adam Weiler, insgemein Adamshauser im Almgai, zum Landtagsabgeordneten wählen. Ob er die Wahl annehme? fragte der Kulmbock.
Eine Weile verstand sie der Adam gar nicht. Dann aber legte er seine flache Hand aufs Knie, wie er gerne that, wenn er etwas mit Nachdruck sagen wollte, und sagte sehr leise: „Männer, was fällt euch denn ein? Ich soll ein Landbote werden!“
„Das ist wohl wahr auch,“ meinte der Kulmbock. „Der Adam hat hart’ Zeit, wo jetzt der eine beim Militär ist und der andere die schlechte Hand hat!“
„Daran denke ich nit einmal,“ sagte der Adamshauser. „Ich taug’ auch sonst nit für so was. Ein alter Almbauer, der nichts weiß, der sein Lebtag nit viel weiter gekommen ist, als bis Kailing hinaus. So einer kennt sich wohl zu wenig aus. Man versteht’s ja nit, was die Leut’ jetzt machen auf der Welt. Na, das thät wohl zum Lachen sein.“
„Grad derowegen, grad derowegen!“ rief der Schragerer. „Just weil du dich nit kümmerst um die andern, just weil du so heimständig bist, brauchen wir dich. Wir wollen keinen schicken, der in der großen Politik dreinredet, die ändern wir Bauern so wie so nit. Wir wollen auch keinen Herrnbauern schicken, der sich etwan mit dem Großgrundbesitz zusammenthäte. Wir schicken einen, der ein altgesessener Bauer ist, der alten Brauch und alte Wirtschaft halten will, weil unsere Äcker und Wiesen auch die alten bleiben und weil wir uns nach unserem Sommer und Winter richten müssen und nit nach dem, wie anderswo das Wetter ist. Du bist einer, Adam, der selber arbeiten muß wie ein Knecht, der’s an sich selber spürt, wie’s uns Bauern geht. Hätt’ der Mittelbauernstand nit alleweil lauter Großbauern in die Landstube geschickt, so kunnt’s auch anders sein. Das muß eine Veränderung nehmen. Einer, der sich um nichts kümmert als um Wirtschaftssachen, der ist uns der liebste. Und deswegen haben wir halt an dich gedacht, Adam.“
Dieser saß da und schlug die Hand auf den Oberschenkel. Sagen that er gar nichts.
„Es ist wohl wahr,“ redete der Kulmbock wieder drein, „wenn sich einer schon gar nit auskennt, das ist halt auch hart. Nit, daß ich mein’, der Adam hätt’ den Kopf nit dazu. Aber zu gut ist er, zu gut. Das muß ein harter Kloß sein, der in der Landstube was ausrichten will. Das muß ein Steinharter sein, den wir schicken. Sakerment noch einmal, Heugabeln friß’ ich nit!“
Der Schragerer schaute den Kulmbock an: „Nachbar, du thust ja abreden. Wegen was sind wir denn da?“
„Wo red’ ich ab!“ wies der Kulmbock den Vorwurf zurück, „aufmerksam machen muß man einen Menschen doch. Und auch, daß er sich um wen schaut daheim für die Wirtschaft, derweil er aus ist.“
Der Schragerer zum Adam: „Du wirst etwa meinen, daß es nicht geht, wenn du wochenlang vom Haus fort sein mußt. Du weißt aber doch, daß der Abgeordnete eine Entschädigung bekommt. Davon kannst du dir derweil einen tüchtigen Wirtschafter halten und bleibt noch was übrig. Schau, dir und uns allen thust was Gutes, wenn du annimmst. Du hast einmal unser Vertrauen. Im ganzen Gai heißt es: Kein Besserer als der Adamshauser. Sagst uns: ja, so ist deine Wahl so viel als sicher. Geh’, Adam nimms an!“
„Nimm’s an, Adam!“ setzte der Kulmbock bei. „Ich mein auch, daß du genug Stimmen kriegen wirst. Will den Leuten schon auch zureden. Man sieht doch wie nötig es ist, daß wir einen ganzen Kerl schicken, einen ganzen Kerl, der sich auch was zu sagen traut! Nit?“ Er blickte herausfordernd um sich.
Stand jetzt mein Hausvater schwerfällig auf, wendete sich schräg gegen die Wand hin und murmelte: „Gar nichts sag’ ich drauf.“
„Also, du nimmst an?“
„Aber saggra — nein!“ rief der Adam.
„So sauber!“ sagte der Kulmbock. „Am Ende bös auch noch sein!“
„Bös! Was soll denn ich bös sein!“ hierauf wieder der meinige und warf die Arme auseinander. „Kann mich ja g’freuen! Kann mich ja g’freuen. Aber thun thu ich’s nit. Mein Lebtag nit!“
Er setzte sich auf den Holzblock in den Herdwinkel und hub an, schwer zu atmen.
„Mein Gott, er hat ihn schon wieder!“ jammerte die Hausmutter. „Wenn er halt in die Hitz’ kommt, da hat er gleich den Lungendampf. Es ist wohl ein heiliges Elend auf der Welt!“ Hernach vertraulich zu den Abgesandten: „’s wird ja eh nit auf der Stell’ sein müssen, daß er zusagt. Laßt’s nur Zeit ein paar Tag. Er wird’s überlegen. — Gelt, Vater, du wirst es überlegen?“
Der hatte jetzt ausschließlich mit dem Atmen zu thun. „’s ist halt ein Kreuz, wenn ein Mensch so krank ist!“ bedauerte der Kulmbock. Die Männer wünschten ihm baldige Besserung und wollten in zwei Tagen wiederkommen.
Als sie fort waren, bereitete die Hausmutter das Hexenkraut. Und als die Atemnot hierauf nachgelassen hatte, begann sie ihn zu bearbeiten. Weil er selber nichts aus sich zu machen weiß, so muß halt sie wieder einmal anschieben. Man hat ihnen gerade gern zugehört.
„Müßtest wohl ein Lapp sein, wenn du so was thätest ausschlagen?“ sagte sie zum Hausvater.
„Jawohl,“ entgegnete er, „das kunnt sauber werden! Kunntst du gleich alleweil hinter mir stehen mit dem Kraut, im Landtag, wenn mich beim Reden der Lungendampf anpackt.“
„Geh, wird nit so hitzig werden mit dem Reden. Wo die meisten Landboten, wie man hört, die ganz’ Wochen lang dasitzen wie die Stummerln. Wirst grad du dich strappazieren.“
„Na freilich wird der Mensch ruhig sitzen bleiben, wenn er hört, daß alles gegen seiner ist. Daß sie nichts als neue Sachen und alleweil nur neue Sachen aufbringen wollen, bei denen der Bauernstand zu Grund’ geht. Da verschlagt’s oft gar einem andern die Red’, der gut auf der Brust ist.“
„Na, so red’ halt gar nichts,“ riet sie. „Wenn’s eh nichts hilft. Dein Geld kriegst doch.“
Jetzt schaute er sie an. Das war stark. Der Blick war stark. So einen hatte ich bislang an meinem Hausvater nicht gesehen.
In etwas sänftiglicherem Ton sagte sie: „Wer Kinder hat, soll’s nit verschmähen. Macht doch allerhand Bekanntschaften dabei, die man einmal zu brauchen haben kann. Denk’ an den Valentin. Wer weiß, ob du für ihn nit was thun kannst, wenn du Landbot’ bist. Denk an den Franzel. Der wird auch nit alleweil im Almgai bleiben wollen.“
„Warum denn nit! Wir sind seit undenklichen Zeiten verblieben auf dem Hof.“
„Mein Gott, wenn er sein Glück anderswo finden kann —“
„Bleiben soll er!“ rief der Hausvater heftig. „Und mit deinem dummen Reden kannst mir aufhören. Mit deinem schlechten Reden! Sich wählen und zahlen lassen dafür, daß man dabei seinen eigenen Vorteil sucht!“
„Uh du lieber Gott! Den werden andere wohl auch suchen. Deswegen sitzen sie ja drinnen, daß sie ihren Vorteil suchen.“
„Bieg’ mir die Worte nit um, Weib! Ob einer den Vorteil für seinen Stand oder für sein Haus sucht, das wird wohl ein Unterschied sein. Nit?“
Vor Aufregung zitterte er. Da hoben sich seine Achseln, es hob sich seine Brust. Wieder die schreckliche Not — und heftiger als je.
Die Hausmutter that sehr gelassen beim Herde um, als sehe sie’s nicht. — Er soll nur ein wenig zappeln, mochte sie denken, geschieht ihm recht. Warum giftet er sich so in die Hitz’ hinein, wegen Sachen, die sich gar nicht auszahlen.
Er hielt seinen Mund über den Rauch des knisternden Krautes, aber der Krampf wollte diesmal nicht nachlassen. Erbärmlich rang er um das bißchen Luft, die Stirnadern, die Halsadern schwollen ihm zum Bersten, die Lippen zuckten, die Augen traten hervor.
„Jesus Maria! — Rocherl!“ schrie die Hausmutter. Der erschrockene Bursche langte von der Wandstelle die Weihekerze, um sie anzuzünden. Die Barbel lief zum Brunnen um frisches Wasser. Mit dem labte sie ihn und sagte dabei fortwährend: „Vater! — Vater! — Vater!“
Er tastete nach ihrer Hand, krampfte die Finger in ihren Arm: „O Kind!“ —
Unbeschreiblich betrübt sah er sie an. Tropfen hingen an seinen Wimpern.
„Du — du bist mein liebes Kind!“ sagte er endlich aufatmend. Es war ihm leichter geworden.
Von dieser Zeit an sprach meines Wissens die Hausmutter nichts mehr davon, daß er sich in den Landtag wählen lassen soll. Nach zwei Tagen kam der Kulmbock nachfragen, ob der Adam es sich überlegt hätte.
Sie antwortete: „Es ist gescheiter, du redest gar nit mehr mit ihm. Schad’ um jedes Wort.“
„Ich hab’s ja gleich gesagt,“ rief der Kulmbock fast fröhlich aus. „Müssen wir halt einen andern suchen. Und wenn sich doch etwan ein Nachbar dazu sollt’ hergeben, so wird ihm der Adam wohl die Stimm’ zuwenden. Ich laß ihn grüßen.“
Nach diesen klugen Worten ist der Kulmbock mit sehr würdigen Geberden davongetrottet. —
Weißt du aus der Schule her noch etwas vom Palmsonntag? Wie der Herr, einen Palmzweig in der Hand, auf dem Esel in Jerusalem eingeritten ist. Das hat weitere Folgen. Heute bin ich mit einem großen Buschen Felberzweige auf der Achsel in Hoisendorf eingezogen. Das heißt man hierzulande Palmesel sein. Von jedem Hofe haben Bursche solche Buschen herbeigetragen und der Kurat hat sie in der Kirche geweiht. Dabei hatte sich eine sehr dramatische Scene abgespielt zwischen dem Priester und dem Schullehrer. Es war eine Prozession um die Kirche herum; als sie wieder zum Thore hineinzogen, schlug der Lehrer dem Kuraten vor der Nase das Thor zu, so daß dieser laut schreiend im kalten Winde stehen bleiben mußte, während es die Gemeinde stumpfsinnig geschehen ließ. Na, das ist doch stark, denke ich in meinem Kirchenstuhl, das geht zu weit. Wie ich zum Lehrer eilen will, der noch am geschlossenen Thore steht und mit dem Geistlichen draußen disputiert, merke ich, daß sie lateinisch reden. Wenn sie lateinisch reden, dann hat’s weiter nichts auf sich, und ist es richtig eine kirchliche Ceremonie gewesen, deretwegen sich der Knecht, der zugereiste, bei einem Haare tüchtig blamiert hätte. Der Auftritt soll wohl den Konflikt des Heilandes mit den Schriftgelehrten und Pharisäern bedeuten, die den Propheten und Seher zu aller Zeit aus ihrer Gemeinschaft verstoßen haben.
Allmählich schleicht sich mir bei solcher Umgebung ein klein bißchen Religion ins Herz. Du hast einmal den Ausspruch gethan: Bis der Mensch siebzig Jahre alt wird, lernt er Gott erkennen. Beim Bauernknecht dauert’s nicht so lang, ich versichere dich! — Ich bin auch schon in Stadtkirchen gestanden, um bittweise mit der Gottheit anzubinden. Es war nichts, sie fand mich nicht und ich sie nicht. Wenn man aber in Dorfkirchen steht, da steht man nicht lange — man kniet nieder. Die gläubigen Beter ringsum, man fühlt sich mit ihnen in einer leidenden Einheit. Die kirchliche Passionstrauer, die heute begann, hat etwas Berückendes, man muß es nur sehen, wie die armen, kummervollen Menschen sich den heiligen Geheimnissen hingeben. O nein, die Religion ist durchaus kein überwundener Standpunkt, wie manche meinen, sie ist Natur, gehört zur Menschennatur, wie das Lieben und das Hassen.
Nach der Messe, die heute nur unter gedämpftem Orgelton stattgefunden, schritt der Lehrer leise von Bank zu Bank und teilte an die Leute „Palmzweige“ aus. Der Tolpatsch, warum er meine Barbel übersehen hat?
Auch sie hat ihr Gesicht von ihm abgewendet, ganz hinter dem Pfeiler ist sie gesessen. Sind ja sonst doch einmal so gut miteinander gestanden. So viel ich merke, liest sie auch keine Bücher mehr von ihm. Gegen mich ist der Lehrer etwas ungleich. Manchmal, als hätte er einen Groll, und heute hat er mir doch einen der schönsten Zweige in die Hand gegeben. Was soll ich denn damit anfangen? Den großen Buschen, den ich getragen, hat die Hausmutter nachher auf dem Dachboden unseres Hauses verwahrt. Im Sommer, wenn die Wetter blitzen, legt man — sagt der Rocherl — davon in die Herdglut und der aufsteigende Rauch treibt aus den Wolken die böse Macht davon.
Wofür nur soll ich meinen Zweig aufbewahren? Wäre es schon die Palme für das Märtyrertum? Oder soll der Palmsonntagszweig mich schützen vor einer bösen Macht? O Barbel! Was wird das werden im Sommer, wenn die Wetter blitzen?
Aus dunklem Mittelalter grüßt dich, Freund, wie ein kleines, rotes Lichtlein ein Menschenherz.