Vierzehnter Sonntag

Am vierzehnten Sonntage.

Liebster Alfred!

Am vorigen Sonntage hatte ich gerade so viel Zeit, um an die Herren der „Kontinental-Post“ ein Absagebriefchen zu schreiben. Denn diese Art von Zuschriften ist mir endlich doch zu unangenehm geworden. So sehr mich deine Briefe stets aufrichten, so sehr haben mich die frivolen Geistreicheleien von jener Seite verstimmt. Und war auch einmal so einer!

Den größten Teil des vorigen Sonntags habe ich brütend über einem alten Buche zugebracht, das sich in einer wurmstichigen Truhe des Hauses gefunden. Es ist eine Erd- und Geschichtbeschreibung vom Gesichtswinkel eines alten Scholastikers aus. Weiter nicht der Mühe wert, wenn ich in demselben nicht meine — Ahnen entdeckt hätte. Kann mir darauf schon etwas einbilden! Zur Hohenstauffenzeit haben die Trautentorffer schon eine Rolle gespielt. Ein „Hannus Trautentorffer“ ist damals zu Augsburg gevierteilt worden. Der Mann scheint die Durchfuhrszölle etwas zu eigenmächtig und zu energisch eingetrieben zu haben, bei reichen Kaufleuten, die durch den Spessart zogen.

Unser Rocherl guckt auch manchmal gerne in ein Buch, so habe ich den Namen durch einen Tintenklex bemäntelt. Wenn der Adam, dessen Ahnen wohl seit Jahrhunderten die Scholle bebaut haben, wüßte, daß ich die meinen in Tinte rein zu baden Anlaß habe!

Ob meine alten Bärenfleischfresser wohl einmal davon geträumt haben werden, daß für einen ihrer entarteten Urenkel die Zeit dünner Erbsensuppen kommen wird!

Nie habe ich eigentlich gewußt, was das heißt: Fastenzeit. Und nie habe ich darüber nachgedacht, obschon sie jeder Kalender sieben Wochen breit aufzeigt. Jetzt bin ich mitten drinnen. Die Erbsenwoche ist übrigens schon vorüber. Da hat die Hausmutter so unentwegt Erbsen auf den Tisch gebracht, daß der Rocherl das Wort Erbsünde davon ableitete. Nun sind die Wasserwochen, als Folge der Erbsünde gleichsam die Sündflut. Des Morgens, des Mittags, des Abends — nichts als Wassersuppen, bisweilen ein wenig mit Butter gefettet, an Freitagen aber vollkommen pur, mit Ausnahme des Zwiebelbeigeschmacks, der Hauptwürze in der Fastenzeit. — Der gute Adam! Wenn der zur Fastenzeit einmal in eine Prälatenküche gucken könnte!

Die Barbel kann schneidern und hat mir schon Jacke und Weste enger machen müssen. Doch merke ich nicht etwa ein Sinken körperlichen Wohlbehagens oder der Kräfte. Die Mäßigkeit, die gute Luft, körperliche Arbeit — man lobt sie auch in den Städten. Dozieren — ja. Probieren — nein. Die Schwielen meiner Hände thun mir schon lange nicht mehr weh. Von meinem noch stark städtischen Schuhwerk hatte mir der Hausvater eines Tages gesagt: „Thu sie nur wieder einmal wichsen, sie verdienen’s. Du wirst dir drin noch die Zehen allmiteinander erfrören.“ Heute trage ich ein Paar vom Valentin; der überschüssige Raum wird mit Stroh ausgefüllt. Auch mit anderen Kleidern versorgen mich die Hausgenossen. Denn der Touristenanzug muß geschont werden, soll ich in demselben einst wiederum bei euch einreiten. — — Diese Gedankenstriche bedeuten Fragezeichen.

Vor einigen Tagen, mein lieber Philosoph, habe ich die Weihe dieses Standes empfangen. Durch allerlei Arbeiten und Obliegenheiten bin ich endlich avanciert bis zum Dunghaufen. Wir führen den Stalldung mit Schlitten auf die Felder. Der Schnee ist auf dem Lande kein Verkehrshindernis, wie die Städter meinen, er ersetzt vielmehr die Eisenbahn und wohin der Landmann seinen Schlitten lenken mag, überall sind schon die glatten Schienen gelegt.

Anfangs hatte ich vor genannter Arbeit nicht geringe Angst. Nichts fürchtete ich so sehr, als den Dunghaufen, der übrigens recht harmlos im Hofe liegt. Niemand zeigt vor ihm einen Abscheu und die Leute, die daran arbeiten, kommen vom Brunnen mit reinen Händen in die Stube. Als ich mit der dreispießigen Gabel das erste Mal hineinstechen mußte, dürfte ich ein ähnliches Gefühl gehabt haben, wie der Soldat, der das erste Mal ins Feuer zieht. Ein Ding, das meiner Militärzeit nicht blühte. Es muß doch die Baronin Suttner dahinterstecken, daß es zu so gar keinem ordentlichen Kriege mehr kommen will. Für die Zeitungen wird dieser Zustand schon zur Kalamität. — Freilich, meine Hausmutter, die betet jeden Abend vor dem Einschlafen ein herzblutiges Vaterunser um den Frieden. Wer ein liebes Kind bei den Soldaten hat, der denkt in dieser Sache anders, als ein abonnentenhungeriger Zeitungschreiber. Wenn’s einmal wirklich ums Vaterland geht, da rückt der Bauer wild aus. Für eine politische Großmacht, für die Eroberung türkischer Provinzen, oder für eine Million Soldaten, die durch ihre Gewehrläufe Friedensschalmei blasen sollen, hat der Bauer nicht um einen Groschen Verständnis.

Und nun zurück zur Goldgrube. Sie hat, das wird niemand leugnen, einen starken Geruch. Einen starken, man könnte auch sagen: würzigen. Die Stadt hat schlimmere Wohlgerüche. Weißt du, woran das gemahnte, als ich hineinstach? An die feinen Käse nach einem Diner. Nur schade, daß es hier ein Dessert ohne Mahlzeit ist. — Mein Hausvater schmunzelt. Die dampfenden Schichten sind hübsch speckig und stellenweise blüht daran schöner Salpeter. Wenn uns die Wetter verschonen, so kann’s Korn geben! Bislang siehst du die grauen Felder nur schwarz punktiert mit den abgeladenen Häuflein, dann kommt die Barbel mit der Gabel und streut die Sachen flach auseinander. Dichter älterer Schulen würden singen: Sie streut Rosen aus! — Mich Bauerntölpel dünkt, sie streut Früchte aus. Wir werden’s ja sehen im August.

Heute muß ich dir aber noch eine andere Dunghaufengeschichte erzählen, die sich in Kailing zugetragen hat. Der Kurat, der Lehrer und andere in Hoisendorf wissen davon. Es ist darüber viel gesprochen und viel gelacht worden, aber noch mehr geflucht. Du kannst sie herumzeigen in unserem schönen Chinesien.

Nu man dran.

Wundersame Geschichte vom anrüchigen Garibal.

Das war also zu Kailing an der Rechen. Die Leute standen überall unter den Hausthüren und tuschelten es einander in die Ohren. Der Brotausträger sagte es laut in die Küchen hinein: „Wißt ihr’s schon?“ Und auf allen Gassen: „Wahr muß es doch sein, die Leut’ reden überall davon.“

Wovon?

Nun eben, das ist’s ja. Wenn man das wüßte. Unbegreiflich ist es jedenfalls. Hatte dieser Mensch doch sonst immer einen guten Eindruck gemacht. Ein so netter junger Mann. Der Sohn des reichen Grösselhofers. Junger Doktor und gar Oberleutenant. Und doch nicht ein bissel stolz, auf du und du mit allen Schulkameraden in ganz Kailing. Vor kurzem noch hatte man ihn daheim gesehen auf dem Grösselhof, bei der Arbeit zulangend wie ein frischer Bauernknecht. Hatte auch gern mit den Dirnlein gescherzt und Schelmenliedeln gesungen. Ein flinker, hübscher Bursch!

Und jetzt diese Gerüchte! Diese unheimlichen Gerüchte! Soll auch schon in der Zeitung stehen, hieß es. Und in der That, das Wochenblatt brachte die Notiz, gegen den Reserveleutenant Garibal Randauer sei die Disciplinaruntersuchung eingeleitet worden.

Aber weshalb doch? Weshalb, weshalb? — — Man munkelt. Jemand wußte von einem Diebstahl, dafür hätte er beinahe Prügel gefaßt, wenn er seine Behauptung nicht eiligst damit begründet haben würde, der Oberleutenant habe einem Kailinger Bürgersmädel das Herz gestohlen. Schließlich vereinigten die Mutmaßungen und Meinungen sich um einen Totschlag aus Jähzorn und Eifersucht. Wieder andere wollten wissen, es sei noch etwas viel Schlimmeres. Dann hatte er gar am Ende einem Vorgesetzten was ins Gesicht gesagt. Renitenz? — Ach, Kindereien! Der Mann ist ganz anderer Dinge wegen anrüchig. Man munkelt von — von — — es sträubt sich die Feder, mein Alfred! Von einer ganz unaussprechlichen Schandthat hört man. Auch sein Bruder, der junge Grösselhofer, soll mit beteiligt sein.

Die Aufregung steigerte sich, als eines Tages drei Offiziere, der kleine, dicke Kommandant darunter, in die Gegend kamen, sich zum Grösselhof begaben und dort eine geheime Untersuchung abhielten. Sie standen vor den Ställen herum, an den Scheiterhaufen, Streuwächten und Dunghaufen, sie betrachteten Hacken, Krampen und Gabeln, nahmen das Hausgesinde in Verhör, unter dem strengsten Auftrage, nichts weiterzusagen. Trotzdem war es jetzt so viel als klar: ein Mord. Doch nur das? Aber wen hatte der Mensch mit dem Beile erschlagen oder mit der Gabel erstochen? Es fehlte niemand. Alles, was nicht eines natürlichen Todes verblichen, war noch vorhanden. Ein alter Schuster endlich kam auf die Idee, die nach allen Seiten stimmte. Eine Revolte hatte er anzetteln wollen, einen Bauernaufstand gegen die Stadtherren, eine schreckliche Empörung mit Beil, Krampen und Gabeln. Das war’s und nichts anderes. Natürlich!

„Den machen sie um einen Kopf kürzer.“

„Dann ist er immer noch so lang wie der Kommandant.“

Wer das gedacht hätt’! Ein Nihilist! Die Verschwörung geht heutzutage ja durch die ganze Welt. In allen Klassen und Ständen faßt sie Wurzel, man darf keinem Menschen mehr trauen. Wenn er noch einmal kommen sollte vor der Hinrichtung — ihm von weitem ausweichen. Den jungen Weibsbildern ward es schwer im Gemüt.

„Oft wird er nicht mehr kommen!“ sagte der Schuster. Und recht hatte er doch. Nur einmal kam er noch, der Garibal, um nicht mehr fortzugehen.

War’s ein bureaukratisches Gericht oder ein standrechtliches — Nebensache. Die Hauptsache ist das Urteil. Der Reserveleutenant Garibal Randauer aus Kailing im Vordergai war schuldig befunden, die ganze kaiserliche Armee entehrt zu haben und ist deshalb des Offiziergrades verlustig erklärt worden. Der Unglückselige hatte nämlich — höre und schaudere — mit eigener Hand Dünger gestochen!! — Das Reglement verbietet nämlich dem Offizier in seiner Uniform jede gemeine, niedrige, knechtliche Arbeit, jede entehrende Beschäftigung. Und der junge Mann hatte in der Soldatenhose daheim auf seines Vaters Hof gemeinsam mit dem Bruder ein paar Stunden lang Kuhmist auf den Karren gefaßt. Deshalb ist das Scheusal degradiert worden. —

Ich fürchte, du hältst mich für einen Aufschneider. Mein Herr! — In der That, Freund, wir wußten all’ miteinander nicht, wie uns geschah. Ich kenne jenes Verbot ja auch, aber das hätte ich nicht für möglich gehalten. Wie stehen wir jetzt da, wir Bauern! Lauter niedrige, gemeine, ehrlose Kreaturen. Er hat die Hand nach körperlicher Arbeit ausgestreckt, nach der uralten Beschäftigung des uralten Bauernstandes, und darum wurde er verlustig erklärt der Kameradschaft von Leuten, die in des Kaisers Rock an Spieltischen würfeln, leichtsinnige Schulden machen und Weiber verführen! — Alfred! Bleibt dir nicht der Verstand stehen?

Allerdings soll es noch irgendwo barbarische Länder geben, wo Generäle und Minister im Ruhestande auf ihren Landgütern persönlich mit Schlamm und Dünger umthun. Ja, es giebt sogar Könige, deren Ehrbegriff so verkommen ist, daß sie ganz gleichmütig und stumpfsinnig das Brot essen, welches auf Kuhmist gewachsen ist. — Die Bauern erzählen sich noch heute das Märchen von einem Kaiser, der im Lande Mähren einmal eigenhändig den Pflug geführt und Dünger in die Furchen geackert haben soll. Und es ist endlich der Aberglaube verbreitet, daß die ganze Welt, Hoch wie Nieder, vom Nährstand abhänge. Pfui, das sind alte Sachen! In den modernen Staaten giebt’s statt Halme — Helme, und wenn man den Boden mit Menschenkadavern düngen will, wozu da Kuhmist! —

Das ist die Geschichte vom anrüchigen Garibal.

Gestern, als die alte Marenzel wieder da war, hielt ich ihrem Hündlein ein Stück Krume hin. Das Vieh nahm nicht einmal den Bissen Brot von mir. — So weit gehen die Herren Offiziere wieder nicht.

Laß mich wieder zu meinem guten Adam gehen. Sinnend schaut er zu, wie das Feld genährt wird und sagt leise: Wenn Gottes Willen ist!


Das Wort wird einem geläufig auf der Scholle, der wunderbaren. Es ist eigentlich zum Verrücktwerden, wie der Bauer inmitten von lauter Wundern steht. Das Jahr hat dreihundertfünfundsechzig Tage — und was geht vor in dieser Spanne Zeit! Das Ungeheuerste geschieht. Eine sechzehn Stunden lange Nacht und wenige Monde später ein sechzehn Stunden langer Tag. Und in diesem Ring ein zartes Keimen, ein leuchtendes Blühen, ein üppiges Reifen, ein müdes Sinken, ein totes Starren. Welch’ lange Zeit des lachenden Grüns, welch’ lange Zeit des ernsten Erwartens, und doch alles innerhalb eines kurzen Jahres!

Wenn ich am Feierabend draußen vor dem Wetterkreuze stehe, ist es zu hören jetzt, wie in den Bergen die Lawinen donnern. Hoch in den Hängen sammeln sich unter der Schneedecke die Wasser und gießen unten in trüben Fluten dahin, bis alles locker wird. Die Berge stehen klar und scharf in der feuchten Luft und ein lauer Wind weht über die Höhen. Welch’ ein Fernblick in die schneebedeckten Gipfel der Hintergaiergebirge und der Sandalpen, die so weiß, so still und weiß aufragen in den bleigrauen Himmel! In den Gaithälern werden schon die jungen Gräser sprossen, werden die Weiden ihre Kätzlein treiben — wir sehen nicht hinab. Bei euch werden jetzt die Konzerte sein mit den blädernden Fächern und den gelangweilten Gesichtern dahinter. Die Gärtner werden den Parkrasen säubern, die Winde werden den Straßenstaub aufwirbeln, die Schneider werden mit irgend einer Modethorheit die Frühjahrssaison einleiten.

Ei doch, die Fremdwörter. Nirgends sind sie so störend, als im Volkstum. Nirgends ist Unsinn so unsinnig, wie in der lieben Natur. Wehe thun sie dir in meinen Briefen, sagst du. Freund, das sind immer noch Schlacken, Kulturschlacken. Warte nur, bis das Fegefeuer mich erst ganz gereinigt hat.