Siebenundvierzigster Sonntag
Am siebenundvierzigsten Sonntage.
Im Drang der Ereignisse sind meine Schilderungen und Berichte längst entgleist. Keine Sonntagsbriefe mehr, hingegen ein fermer Roman, von dem jeden Sonntag ein Kapitel geschrieben wird.
Heute ist Adagio. Die Arbeit zieht sich zur Neige des Jahres fast ganz in Haus, Scheune und Stall zurück. Nur um Herdholz sind wir in den Wald gefahren mit dem Schlitten, denn seit einiger Zeit haben wir Schnee. Dabei trat ich auf ein mit Schnee gedecktes Scheit so ungeschickt, daß es im linken Fußgelenke einen Knack machte und der Rocherl mich auf dem Schlitten nach Hause ziehen mußte. So lag ich tagelang in meiner Kammer, in Dämmerung und feuchtem Stalldunst. Freund, da war’s öde. Die Barbel brachte mir das Essen, ordnete, wo sonst etwas fehlte, ging aber allemal unmenschlich bald wieder fort. Die könnte auch ein bißchen mehr Barmherzigkeit haben mit einem Invaliden. Dafür wollten sie mir die alte Marenzel mit ihren Pflastern und Ratschlägen an den Fuß schicken; da habe ich gesagt, kalte Umschläge wären besser, als warme Ratschläge und wenn das verstauchte Bein nichts anderes zu thun hat, so wird’s schon selber heilen — schon aus Langeweile.
Bei dieser Gelegenheit habe ich auch erfahren, was ein Novemberabend ist. Ein einsamer, endloser Novemberabend! An einem solchen, mein Freund, ist mir plötzlich das Heimweh gekommen nach — der Stadt. Ein ganz brutales Heimweh. Mit Gewissensbissen darüber, daß ich mich in Wort und Schrift so oft gegen die moderne Kultur versündiget habe. Über dem alten Adamshause beginnt sich der Himmel wieder aufzuheitern, ein Siecher genesend, eine Hochzeit vor der Thür. Und trotzdem, wie kümmerlich und elend! Wenn jetzt zum inneren Frieden auch so ein bißchen Kultur da wäre! Ein hübscher Berghof im Schweizerstil, altdeutsche Möbel drin, Sparherd und schwedische Öfen, ein Bücherschrank und ein Klavier — Gott strafe mich, auch ein Klavier! Dann behagliche Bettstätten mit Federkissen und die vortrefflichen Nahrungsmittel im Geiste der Prato zubereitet! Wäre eine solche „Korruption“ denn gar so schlimm? Und hier in der Kammer ein Sofa, Luftheizung und ein bißchen elektrisches Licht. Und vor allem ein Arzt, der mir den Fuß untersuchte, ob er verrenkt oder gebrochen ist!
Lieber Alfred, ich will schweigen, wenn wieder einmal die Frage ist, was vorzuziehen wäre, die altbäuerliche Bedürfnislosigkeit oder die moderne Kultur. Ich will schweigend zugestehen, daß die Naturprodukte erst durch die Kultur, so durch die Industrie geheiligt und zu jener Läuterung gebracht werden, die des Menschen wert ist. Ich will einverstanden sein mit den zu erbauenden Brücken zwischen Land- und Stadtleben. Ich will selbst dem Handel gelegentlich ein Loblied singen und sagen, daß der Bauernhof ein kleiner Staat, und der Staat ein großer Bauernhof ist. Daß hier wie dort produziert und konsumiert wird, daß hier wie dort der Verkehr die Werte steigert. Was für den Staat der Eisenbahnwagen, das ist für den Hof der Bauernkarren. Der fährt vom Feld zur Tenne, von dieser zur Mühle, von dieser zum Backofen, und auf jeder Station gewinnt das Feldprodukt an Wert. Eine Civilisation im kleinen, aber berufen, groß zu werden. Ich bin mir bewußt geworden, daß es nur darauf ankommt, das Bauerntum der allgemeinen Entwickelung vernünftig anzugliedern. Ist dieses geschehen, dann wird ein Stadtmensch nicht erst um zwanzigtausend Kronen ein Jahr lang Landmann sein, dann thut er’s umsonst, oder zahlt noch etwas drauf, weil die Kultur mitten in der Natur draußen erst den ganzen Daseinsgenuß ermöglicht. Und wenn es gelingt, altväterische Tüchtigkeit und Treue mit jungweltlicher Genußfähigkeit und Vorurteilslosigkeit zu vereinigen, dann beginnt ein erträglicheres Zeitalter.
Und der Mann, der dieses bessere Zeitalter verbuchen wird von Tag zu Tag, verbuchen und weise beraten zugleich — das wird der herzstarke Journalist sein, der diesen Beruf zu seiner ganzen idealen Größe erhebt — bis er einst die Geschichts- und Lehrkanzel der Menschheit ist.
Deine gelegentliche Bemerkung, daß ich trotz meiner Flucht vor den Journalisten doch ein solcher geblieben sei, der gleichsam ein Wochenblatt aus dem Bauernhause schreibe, hat mich angemutet. Du hast sicherlich recht, wer bei allerlei Bekümmerungen und körperlichen Anstrengungen das Berichteschreiben nicht sein lassen kann, der ist einer und bleibt einer! Und warum nicht? Jeder Beruf wäre richtig, wenn der richtige Mann dazu kömme. Der richtige Mann adelt sogar das Henkeramt. Der alte Scharfrichter Möllendorfer, eine zart und mild angelegte Natur, gütig und wohlwollend gegen jedermann, war der beste Henker seinerzeit. Der hat einmal den Ausspruch gethan: „Das Hinrichten von Mitmenschen ist die schwerste unter allen Notwendigkeiten eines Staates. Ich habe sie übernommen, weil auch wer dazu sein muß und weil andere vielleicht roher mit den Unglücklichen verfahren würden, als ich es thun will.“ So kann selbst aus dem Henker ein Held werden. In gewissem Sinne muß auch der Journalist manchmal ein notwendiges Henkeramt besorgen, doch seine Hauptsache wird nicht das Zerstören, sondern das Bauen sein. — Jenes begeisterte Buch möchte ich lesen, das schon nach hundert Jahren ein erleuchteter Mann über die Kulturmission des Journalismus schreiben wird. Vielleicht schließt dieses Buch zusammenfassend mit folgendem Satze: Sobald der Journalismus sich in die bodenlosen Bereiche der Theorien, Prinzipien und Phantastereien verlor, wurde er schwankend, verfiel der Charakterlosigkeit und Charlatanerie; sobald er schlicht und redlich auf seines Volkes Erdscholle stand, wurde er zu einem Faktor der Sittlichkeit und des Wohlstandes.
Da mein leidender Fuß einstweilen nicht auf der Erdscholle stehen kann, so läuft dieweilen fleißig der Kopf herum und trägt alle möglichen Güter zusammen, um das Herz eines siebenunddreißigjährigen Junggesellen zu erfreuen. Wenn man es sich so nach Wunsch einrichten könnte! Auf einem Punkt in schöner Gebirgslandschaft, der gute Verbindung hätte mit der größeren Stadt, ein stattliches Landgut. Ein frisches Weib dazu, das die Wirtschaft leitet. Auch selbst tüchtig mitthun auf Feld und Weide, in Wald und Garten und an Sonntagen sich der schönen Künste begeben und ein wenig schriftstellern — Freund, dann wär’s eine Lust zu leben!
Während des Neubaues solcher Luftschlösser heilt der Fuß und dann möchte er tanzen. Was ist’s denn mit der Hochzeit? Woche um Woche verstreicht und man hört nichts. Meister Setznagel hat wohl auch den äußeren Menschen schon fertig. Wo steckt nur der inwendige?
Diese Frage wurde gestern gelöst durch ein Brieflein, das der Franzel mir vom Lehrer heimgebracht. Da das Schriftstück nicht lang, aber recht lehrreich ist, so teile ich dir es wörtlich mit. Der Lehrer schreibt:
„Lieber Hans!
Nach den bekannten Ereignissen der letzten Zeit ist mein längeres Verbleiben in Hoisendorf ausgeschlossen. Ich habe nicht Lust, die Dauer meines Lebens von den Launen eines Rappelkopfes abhängig zu machen, der seine brüderliche, beziehungsweise schwägerliche Gesinnung durch Pulver und Blei dokumentieren zu müssen glaubt. Nachdem ich einen vorläufigen Substituten gefunden, verreise ich morgen, um mir anderwärts den Boden einer Existenz zu suchen. Mit Hilfe eines oder des andern Jugendfreundes dürfte mir das doch gelingen. Daß die Trauung mit Barbel bis über Neujahr hinaus verschoben werden muß, versteht sich demnach von selbst. Es wird mein notgedrungenes, pflichtmäßiges Bestreben sein, ihr ein besseres Heim zu schaffen, als es im Schulhause zu Hoisendorf möglich gewesen wäre. Gleichzeitig teile ich meiner Braut mit, daß ich mich baldmöglichst zur Erfüllung meines Ehrenwortes einfinden werde.
Einstweilen mit bestem Wunsch für baldige Heilung deines kranken Fußes und vielen freundschaftlichen Grüßen
Dein alter
Guido Winter.
Hoisendorf, am 20. November 1897.“
Nun also, das schreibt der Lehrer.
Ich war über alle Maßen gespannt auf das Gesicht der Barbel, wenn sie mir das nächste Essen bringen würde. Es kam am selben Abende aber die Hausmutter. Auf der Zunge brannte mir die Frage, ob das Mädel nicht etwa unpaß sei. Und konnte sie nicht aussprechen. Am nächsten Sonntage kam sie doch wieder, brachte Roggenklöße mit Kraut. Hatte ein heiteres Gesicht, lachte wie ein helles Glöcklein, kümmerte sich noch um meinen Fuß, fragte, ob ich nicht bald in die Hausstube hineinkommen könne, wo es kurzweiliger sei, und eilte wieder davon.
Drinnen in der warmen Hausstube, wo der weiße Wintertag still zu den Fenstern hereinschaut, wo die Barbel Linnen näht und dabei Liedlein singt, ernsthafte und schalkhafte. Kurzweiliger, meint sie. O ahnungsvoller Engel du!