Achtundvierzigster Sonntag

Am achtundvierzigsten Sonntage.

Recht gern teile ich dir „das Laufende der bewußten Angelegenheit“ mit. Die letzte Botschaft meines Rechtsanwalts ist eine kleine Schilderung des Besuches, den er bei Doktor Stein gemacht, in der Absicht, um dem Manne auf diplomatische Weise hinter die Gesinnung zu kommen. Es soll aber nichts zu erfahren gewesen sein. So oft das Gespräch wie zufällig auf mich gelenkt worden war, schwenkte der Chef ab. Das Wesentlichste war, daß er mich achselzuckend einen Sonderling nannte und dann mit den Fingern auf dem Tisch zu trommeln begann, welches Trommeln die Besucher stets als Reisemarsch aufzufassen haben. Mein begriffsstütziger Rechtsanwalt ging aber nicht, sondern fragte nun geradehin, wann Herr Doktor Stein von Stein dem Sonderling die Wette wett zu machen gedenke? Der Kontrahent würde sich danach richten wollen und müssen.

„Ach ja, die Wette!“ antwortete der Chef, „damit hat’s noch gute Weile.“ Dann höflich, aber bestimmt: „Nicht wahr, liebster Doktor, Sie entschuldigen mich für diesen Augenblick, es drängt die neueste Post. Ach, ein Zeitungsklave!“

Hierauf mein Anwalt: „Leider kann ich mich mit dem Bescheid, als habe die Sache keine Eile, nicht zufrieden geben. Ich bin — um ganz offen zu sein — beauftragt, hierüber Klarheit einzuholen.“

„Wieso?“ darauf jener, „ich denke, man müßte wohl erst das Jahr zu Ende gehen lassen, erstens um zu sehen, ob der Herr Trautendorffer die Wette überhaupt gewinnt, und zweitens um abzuwarten, ob in diesem Falle von meiner Seite Schwierigkeiten gemacht werden, oder nicht. So viel mir bekannt ist, haben Sie ja schon mit meinem Herrn Lobensteiner in der Angelegenheit eine Unterredung gehabt, um sich seiner Zeugenschaft zu versichern. Was — wenn ich bitten darf — berechtigt Sie denn eigentlich zum Mißtrauen gegen mich, wenn Sie Ihres Rechtspunktes sicher zu sein glauben?“

„Meinem Klienten sind einige Äußerungen zu Ohren gekommen, die ihn beunruhigen.“

„Vielleicht mit Recht!“ sagte Doktor Stein. „Sie erinnern sich, daß Lobensteiner, Ihr Kronzeuge, Ihnen den Wortlaut der Wette mitgeteilt hat? Gut. Der Spaß hat, so weit ich mich entsinne, daraufhin gelautet, der Kontrahent habe ein volles Jahr als Bauernknecht zu dienen, also vom ersten Januar bis zum letzten Dezember dieses laufenden Jahres. Ich besitze Briefe, in welchen Trautendorffer selbst ausführlich erzählt, daß fast der ganze Monat Januar verstrich, bevor er einen Dienst gefunden. Gesetzt den Fall, die Wette wäre ernst gemeint gewesen, so wurde die Bedingung gleich anfangs so himmelweit verfehlt, daß ich nicht begreife, wie von einer Verpflichtung meinerseits auch nur die Rede sein kann. Es wird mir übrigens sehr angenehm sein, wenn Sie den Fall einer gerichtlichen Entscheidung anheimstellen wollen.“

So, mein Freund und Philosoph, stehen wir jetzt mit unseren zwanzigtausend Kronen. Du warst sehr unvorsichtig mit deinem Darlehen. Und ich war sehr unvorsichtig mit meiner Hoffnung, mit diesen Krongütern Bauerhöfe zu retten, Schullehrerfamilien zu fördern und weiß Gott was alles. Zwar schreibt mir mein Vertreter, daß er durchaus nicht willens sei, den Fuchs laufen zu lassen. Bis der Betrag fällig und nicht ausgefolgt sein wird, das ist am ersten Januar 1898, wird die gerichtliche Klage anhängig gemacht. Dann wird sich der Prozeß so seine verschiedenen Jährchen hinschlängeln und ich werde — ein großartiger Michael Kohlhaas. Nach solchem Ruhme geize ich aber nicht. Zum Satan! Mir geht das Wasser jetzt schon an den Hals, oder was das Gegenteil und dasselbe ist, ich sitze im Trockenen. Meine Sachen sind verplempert und den besten Freund muß ich auf das Nachdrücklichste warnen, mir je noch einen Heller zu borgen. Bedenke doch einmal diesen Leichtsinn! Die journalistische Karriere hat er fahren lassen, ist einer Grille wegen Bauernlümmel geworden ohne Hof und Grund und will als solcher demnächst heiraten.

Denn, mein Alfred, nun sammle dich zur Andacht für das, was kommt.

Heute, am Vormittag, während unsere Leute in der Kirche sind, meine ich, daß man’s wagen könnte mit dem Fuß, über den Hof zu gehen und in die Hausstube, um der Barbel, die allein daheimbleiben mußte, Gesellschaft zu leisten. Es geht leidlich. Sie ist, wie immer, mit etwas beschäftigt. Vor ein paar Tagen hatte die Hausmutter ein Schaf geschlachtet. So ist das Mädel daran, in der Feuerpfanne das Schafsfett zu „zerlassen“ und dasselbe in Kerzenmodeln zu gießen, durch welche die Dochte schon gespannt sind. Die also gefüllten Blechcylinder hängt sie vors Fenster hinaus, wo das Zeug nach wenigen Minuten gestockt ist, daß es dann als glatte milchweiße Kerzen aus den Modeln hervorgezogen werden kann. Das macht sie so handlich und reinlich, als ob es ihr Fach wäre. Diese Leute können doch alles, was sie anfassen. Ein rechtes Bauernhaus ist wahrlich die Wiege aller Urproduktion und Industrie, ein echter Bauer der ganze Mensch.

Als sie mich mit dem Stocke — ein Dreschflegelstab war es — daherhinken sieht, lacht sie und sagt, ich liefe ja schon wieder wie ein Wiesel.

„Oder wie eine Schnecke, wolltest du sagen, wenn ich ein Häusel hätte.“

„Das wäre schon gar lustig,“ sagt sie, „wenn der Mensch sein Häusel so auf dem Buckel müßt herumtragen.“

„Barbel, das wäre gar nicht lustig. Denke dir, wenn nur eins Platz hätte im Häusel, nur eins allein!“

Darauf hat sie nichts geantwortet, beide sind wir still gewesen. Ich habe ihr bei der Arbeit zugeschaut und weil endlich doch wieder was gesagt werden muß, so frage ich, ob das schon die Hochzeitskerzen thäten sein?

Ob man denn bei einer Hochzeit Kerzen brauche?

„Ja freilich, auf dem Tanzboden.“

Und nichts weiter. Sie ist fertig, räumt die Sachen weg und geht in ihr Stübel. Ich sitze allein und denke nach, wie man denn eigentlich das anfängt, was ich im Sinne habe.

Weil sie nicht wieder kommt, so will ich ins Freie, und unterwegs sehe ich durchs Fenster, wie sie in ihrer Kammer am Tischlein kniet und betet. Die Sonntagsandacht hält sie, die von denen, so nicht in die Kirche gehen, sonst immer gemeinsam abgehalten wird. — Warum läßt sie mich nicht mithalten? Was hat sie gegen mich? — — Da ist mir auf einmal weh geworden! Weh und fremd....

Dann habe ich mich ausgescholten. Wie fromm doch dieser Hans Trautendorffer geworden ist! Sich zu kränken, wenn man zum Psalter nicht eingeladen wird! — Neuerdings in die Stube bin ich gegangen, an den Herd hin, wo der große Schnitzger ist und der Scheiterstoß. Und habe wegen einer Zerstreuung angefangen, Leuchtspäne zu klieben. Später kommt sie wieder, trifft Vorbereitungen zum Mittagmahlkochen und sagt: „Späne machen thust, Hansel?“

„Freilich!“ sage ich, „muß man halt mit der Arbeit den Sonntag heiligen, wenn das Beten nicht angenommen wird.“

„Das Nichtsthun steht einem freilich auch am Sonntag nicht an,“ sagt sie, „deswegen hab’ ich ja auch Kerzen gemacht.“

„Du Kerzen, ich Leuchtspäne! Da wird jemandem doch einmal ein Licht aufgehen.“

Sie legt Brennholz über die Herdgrube und sagt so nebenhin, zum Lichtaufgehen, dazu würden keine Kerzen und keine Späne vonnöten sein.

Länger ist es nicht mehr auszuhalten.

„Wetter noch einmal, Barbel, wie steht’s denn mit euch? Wir werden uns ja die Hochzeitsbuschen bestellen müssen.“

Habe schon gemeint, darauf käme keine Antwort, da sagt sie: „Damit wird’s noch keine Eil’ haben, mein lieber Hans.“

„Man hört gar, daß es neuerdings verschoben ist.“

„Kann schon sein,“ sagt sie.

„Auf wie lange wohl wieder?“

Sie gelassen: „Das kunnt ich wohl nit sagen.“

Jetzt haue ich den Schnitzger ins Scheit, daß der Span fliegt.

„Ist man das Warten gewohnt, so fragt man auch nit viel,“ setzt sie bei. „Es muß überhaupt nit sein.“

Nachher Schweigen auf beiden Seiten. Ich steh’ vom Block auf, gehe in der Stube hin und her und da zucken ein paarmal unsere Augen aneinander.

„Hol’ doch der Kuckuck diese verdammte Leimsiederei!“ So bricht’s plötzlich aus mir los. „Von einem Monat auf den andern. Und jetzt ist er gar davongelaufen.“

„Er wird auswärts zu thun haben.“

„Es scheint, daß er auch mit seinem Beruf eine Änderung machen will.“

„Da wird er schon recht haben.“

„Wenn er für den Ehestand nicht besser geeignet ist, als für den Lehrstand?“ schlage ich an.

Sie sagt nichts.

„Der Mensch soll doch wissen, was er will,“ rufe ich aus.

Sie bläst in den Herdkohlen die Glut an, und wie ihr zartes Gesichtel so im Wiederschein glüht, sagt sie: „Ich denk, es wird ihm nit mehr ernst sein.“

„Barbel, es werden dir die Funken ins Aug’ springen, wenn du so scharf drein blasest!“

Sie legt Zündspäne dran und sagt: „Er redet alleweil nur von der Pflicht. Wenn es sonst nichts mehr ist, ein Ehrenwort kann man zurückgeben.“

Jetzt stelle ich meine Wanderung ein und bleibe vor ihr stehen. Knapp vor ihr.

„Barbel! Wenn es euch nicht heilig ernst ist, dann lasset es sein. Im Heiraten hat man die Wahl, in der Liebe hat man keine.“

Sie bricht heftig Späne entzwei, aber das Zittern ihres Leibes habe ich doch bemerkt.

„Das, was du jetzt gesagt hast, Hans —.“ Sie stockt.

„Daß man in der Liebe keine Wahl hat —?“

„Ich kenne eine, die’s erfahren hat.“

„Und ich auch einen solchen!“ Darauf mein Einsatz. Und denke für mich, der, den ich meine, der hat in jungen Tagen mit der Liebe gespielt, mit der Liebe geprahlt. Aber kennen gelernt hat er sie erst spät, als das Leid dazugekommen ist und das Erbarmen. Und schreie es plötzlich heraus: „Ein Mitleid habe ich mit dir, du herzgutes Mädel, alles möchte ich für dich thun. Wenn das die Liebe ist, Barbel — — und du kannst mich nicht gern haben — — dann ist es aus mit mir....“

So ähnlich muß ich gesprochen haben, so zittert es noch in mir nach.

Und sie? Sie hat sich nicht gewehrt, hat ihr Haupt zurückgelegt auf meinen Arm und ich habe ihr Küsse gegeben auf die Stirn, auf die Augen, auf den Mund, und haben uns aneinander gesogen mit den Lippen, als hätten wir uns gegenseitig austrinken mögen.

Und als das vorbei gewesen, hat sie mir mit feuchtem Blick ernst und offen in die Augen geschaut und hat langsam, wie traumhaft, gesagt: „Endlich, endlich. — Endlich ist die Stund’ gekommen....“

— So hat es sich ereignet, Freund Alfred, und jetzt ist sie mein.