Neunundvierzigster Sonntag

Am neunundvierzigsten Sonntage.

Noch kaum selber habe ich mich gefunden seit dem freudigen Schreck. Dieses urplötzliche Auflodern des seit langem unter der Asche glosenden Feuers!

Wer ich denn eigentlich bin — sie hat mich gar nicht gefragt. Aber ein Geständnis ist ihr bald entschlüpft: „Daß du ein geborener Bauer nit bist, hab’ ich am ersten Tag gemerkt. Daß du ein guter Mensch bist, hab’ ich auch gleich gesehen, und hab’ gemeint zu vergehen die ganze Zeit, weil ich den anderen nit mehr hab’ so gern haben können, wie dich.“

„Und deswegen bist du immer so betrübt gewesen und hast gar nimmer lachen wollen?“

„Deswegen nit allein. Du weißt es ja, mein Hans.“

Und sie hat nicht gefragt, was ich ihr werde bieten können, was ihr Schicksal werde sein an meiner Seite. Dieser himmlische Leichtsinn! —

Aber nachher die Hausmutter, die hat uns bald nüchtern gemacht. Erschrocken war sie nicht, als ich ihr noch am selben Abend unsere Verlobung mitgeteilt hatte.

„Diese Barbel, das ist ein Band!“ sagte sie nur. „Weil der eine davon ist, packt sie den andern her. Meiner Tag hätt’ ich mir das nit lassen träumen, von dem Mädel. Jetzt, wo sie schon einen haben muß, so ist’s eh gescheiter, sie nimmt einen Bauersmenschen, als wie den herrischen Schulmeister da.“

Einen Bauersmenschen, sagt sie! Das Rainhäusel da hinten beim Schachen sollten wir uns herrichten und nachher fleißig arbeiten helfen im Hofe. Das ist ihre Anordnung und das ganze Programm meiner Zukunft. Also ist die Falle zugeschnappt, steineisenfest, und der Hansel sitzt drinnen.

Am Dienstagabend war großer Familienrat. Beim Tische, auf dem Platze, wo der Adam gestorben war, kam ich zu sitzen, da ist es mir ganz kalt über den Rücken gelaufen. An seine Stelle bin ich gesetzt. Habe mit meinen Vorschlägen auch nicht lange gesäumt. Wahre Sinaigebote, zähle nach, ob ihrer auch zehn sind.

Der Valentin, wenn er glücklich heimkehrt vom Militär, wird nicht hinausgehen in das Radmeisterwerk, auch nicht in die Grabacher Papierfabrik, die jetzt viele Arbeiter beschäftigt, er wird daheim bleiben und als der Ältere die Wirtschaft übernehmen. Der Rocherl wird nicht Almhalter in der Wendau, wie er schon hatte anklingen lassen, er bleibt auch daheim und wird Großknecht, als der ich mit Ende des Jahres mein Amt niederlege. Jetzt kann er ja wieder zugreifen mit beiden Händen und die gleichmäßige Arbeit wird das Irrlichtern seiner unruhigen Seele schon dämpfen. Der Franzel bleibt nicht daheim. Der geht für drei Jahre auf die Landwirtschaftsschule nach Grotting, dann kommt er auch zurück. Diese drei Brüder werden zusammenhalten wie die Scheiter an einem ungespaltenen Lärchblock. Der Kornbau wird aufgegeben. Nur Gemüse, Kartoffeln, Kohl, Karfiol, Rüben und Salat. Die Felder werden zu Weiden und Wiesen gemacht; eine Jungviehzucht wird gegründet, mit dreißig bis vierzig Stück Rindern. Schafe und Ziegen werden abgeschafft. Hingegen etliche Schweine für Speck und ein gutes Stück Rauchfleisch übers Jahr. Milch- und Käsewirtschaft gemeinsam mit den Nachbarn, die für eine Genossenschaft gewonnen und unterwiesen werden müssen. Jungwald pflegen, besonders Lärchen, so viel nur immer wachsen wollen. Der Wald zahlt wenig Steuer, braucht wenig Arbeit und bringt bei vernünftiger Kultur ein gutes Stück Geld jedes Jahr. — „Sapperlot, wer schon einmal eingespannt ist, der muß auch anziehen!“ sage ich beeifernd zu meinen Leuten. Sie gucken mich unsicher an, ob’s wohl auch alles mein Ernst wäre? — Mir ist selber nicht ganz sicher. Das Ding hat stellenweise verzweifelte Ähnlichkeit mit meiner voreinstigen volkswirtschaftlichen Rubrik in der „Kontinentalen“.

„Mein Gott!“ seufzt die Hausmutter auf, „wenn man halt wüßt’, was der Adam dazu sagen thät’!“

Der Rocherl meint: „Wenn’s einmal im Gang wär’, kunnt’s schon schön sein. Aber anfangen! Wie denn anfangen?“

„Habe ich das Wichtigste schon gesagt?“ fahre ich zu reden fort. „Das Wichtigste hätte ich noch nicht gesagt? Doch ein zerstreuter Pinsel, der ich bin. Unsere gute Hausmutter wird sich auch einmal ausrasten wollen. Da muß halt der Jungbesitzer gelegentlich ein braves Weib heimbringen, das anfangen hilft.“

„Ja, Hansel!“ ruft der Rocherl auf einmal aus und legt die Hand auf meine Achsel, „was ist’s denn mit dir? Mit dir und der Barbel, möcht’ ich wissen!“

„Mit uns? Mit der Barbel und mir? Was wird’s denn sein! Das Rainhäusel werden wir uns sauber herrichten lassen für den Sommer und Herbst. Im Frühjahr und Winter werden wir draußen in Kailing wohnen. Dort ist’s auch schön. Oder gar in einer Stadt, wenn’s uns freut.“

Darauf die Hausmutter: „Ja, Hansel, bist denn du nit gescheit?“

„Ihr wisset es wohl doch schon lang, daß ich ein verwunschener Stadtherr bin. Ein reicher Mann hat mich heraufgeschickt ins Almgai und mir viel Geld versprochen, wenn ich Euch ein ganzes Jahr lang arbeiten helfe wie ein Knecht.“

„Das ist erstunken!“ erklärt die Hausmutter.

„Daß der reiche Mann mir für das Bauernjahr viel Geld versprochen hat, ist wohl wahr. Ob er’s aber auch hergiebt? Das mag schon erstunken sein. Und wenn’s ist, auch gut, dann weiß ich mir mit der Feder was zu machen.“

„Mit der Feder? Solltest du gar ein gelernter Uhrmacher sein?“

„Mit der Schreibfeder. Es wird’s schon thun, gelt, Barbel!“

Die Hausmutter thut, als ob sie plötzlich vom Himmel gefallen wäre. Sie schlägt sprachlos die Hände zusammen. Und als sie soweit die Sprache wieder erlangt, will sie es noch einmal hören. — „Mit der Schreibfeder?! Mit der Schreibfeder, sagt er?! Leut’, ich weiß nit, bin ich ein Narr, oder ist es der! Ein Stubenschreiber! Warum nit gar ein Zeitungschreiber! Ja, wenn’s ein Solcher thut sein! Ein Solcher? Nein, nachher g’reut’s mich, da darf’s nit sein! Da darf’s heilig nit sein! Das wären Geschichten! Nein, sage ich!“

Nun hat ein starkes Streiten angefangen, die Mutter wird immer noch zorniger. Die Kinder verteidigen mich und stellen ihr vor, wie brav und rechtschaffen der Hansel gewesen wäre, das ganze Jahr.

„So!“ fährt sie auf, „brav und rechtschaffen! Die ledige Falschheit ist er gewesen. Wenn er sich für einen Knecht ausgiebt und ist keiner. Das ist doch die ledige Falschheit. — Daß du’s weißt, Hansel, jetzt ist dein Jahr aus. Pack’ z’samm’ und geh!“

Da habe ich schon gemeint, alles wäre in der Brüche und die Barbel ist dagestanden wie eine Wegsäule, so starr. Nun kommt aber der Rocherl über die Mutter. Der ist seit dem Allerseelentage ein anderer, welche von den zwei Kugeln davon den größeren Anteil hat, weiß man nicht. Manchmal wetterleuchtet’s noch und wenn er ein heißes Wort sagt, da schaut ihn die Mutter an, und wenn er treuherzig redet, da hört sie ihm zu. Daß statt des Lehrers der Hansel an seiner Schwester Seite steht, scheint ihm gar lieb zu sein, und so kommt er nun an die bitterböse Mutter. Vom seligen Vater spricht er ihr. Der hätte lange gewußt, was es mit dem zugereisten Knecht ist und er wäre nur um so dankbarer gewesen, daß ein fremder, ein solcher Mensch sich freiwillig alle Mühe und Not auferlege, um uns beizustehen. Und einmal habe der Vater gesagt, der Hansel sei zwar in mancher Arbeit ungeschickt, aber wegen seiner Bravheit könne er um jede Tochter werben, sie würde ihm nicht versagt werden. — Diese Wendung hat gewirkt. Der Adam hat angeklopft. Und so hat mein Hausvater, der seit Wochen im Grabe ruht, noch ein lebendiges Wort für mich gesprochen, gleichsam mir den Vaterssegen erteilt.

Die halbe Nacht sind wir beisammengesessen und haben allerlei besprochen und die Hausmutter ist ganz weichmütig und sinnig geworden und hat gemeint, ich müsse rein aus einem Märchen herausgestiegen sein, und sie werde dumm vor dem, was sich heutzutage ereigne auf der Welt.

Unser Trauungstag ist für den zwölften Dezember bestimmt. Das soll nicht auch wieder eine lange Bank werden. Der Kurat knüpft an diese Trauung im Advente nur die eine Bedingung, daß keine Lustbarkeit mit ihr verbunden sei. Ganz nach unserem Sinne. Wo das Glück ist, wozu da noch Lustbarkeiten. — In allem übrigen ist’s mit den Behörden abgemacht. Mir ist darum zu thun, daß es sich rasch vollzieht, schon des Lehrers wegen, du kannst dirs denken. Bevor er nach Hause kehrt, wenn er überhaupt noch einmal kommt. Den möchte ich nicht gerne als Hochzeitsgast haben.

Und du, treuer Freund, erweise mir den Gefallen, von meiner Vermählung niemandem etwas zu verlauten. Es könnte übermütige Leute geben und an diesem Tage kann ich niemanden brauchen, als die Sippe allein.

Auf Grund deines neuerlichen Anerbietens — für das der Himmel dich segne — habe ich in Kailing bereits Sachen bestellt, besonders einen Anzug, städtische Bauerntracht, auf gut deutsch: Touristenkostüm. Wollen den Kerl halt herrichten, so gut es geht. Und wenn es gut geht, dann springt er aus. Den Bauernstand hat der Schelm so lange gelobt, bis er ausspringt. Man braucht mich auch nicht. — Und was ich am Dienstage zur Hausmutter gesagt, bevor ich’s bedacht, habe ich bedacht, nachdem ich’s gesagt. Wenn das andere nichts ist, so weiß ich mir mit der Feder was zu machen. Ja, warum denn nicht? Jetzt auf einmal ist mir zu Mute, als könnte ich alles. Und was unsere Kinder betrifft, das erste Dutzend wird Bauern.