Fünfzigster Sonntag

Der fünfzigste Sonntag.

Vom Briefschreiben konnte keine Rede sein an diesem Tage. Dafür soll dir der junge Ehemann nachträglich alles in schönem Herzensfrieden berichten, wie es sich vollzogen hat.

Gearbeitet wird seit drei Tagen im Adamshause nicht um eines Hosenknopfes wert. Und im ganzen Almgai Bauernräusche, wie seit Noahs Zeiten keine massiveren dagewesen. O Freund, das war ein Brennpunkt von Herzenslust für die einen und Magenjammer für die anderen! Schon am zweiten Tage hatte der belesene Schmied und Kirchendiener die philologische Anwandlung, der Tafelrunde zu erklären, soweit sie zugehört hat, daß im Worte Katzenjammer statt des ersten a ein redliches o stehen müßte.

Aber besser als diese ungeschlachte Weisheit hat mir sein Liedel gefallen. Klatschte der Alte in die Hände, auf die Knie und sang:

„Jauchzen thut heut’ Leib und Seel,

Bruderherz, gar kreuzfidel

Geht’s bei uns her.

Traurig sein, das giebt’s ja net,

Fünf und sechs ist siebzehne,

Oder noch mehr!“

Damit soll dir die Stimmung dieser Hochzeit, bei der es keine Lustbarkeiten geben sollte, angedeutet sein.

Und nun zu den besonderen Angelegenheiten. Als wir am Sonntage vom Adamshause fortgingen — sie hatte ihr neues vergißmeinnichtblaues Kleid an, um Schultern und Brust ein rotseidenes Tuch, das auch die Mutter einst am Trauungstage getragen hatte. Ihr lichtes Haar war in einen Kranz geflochten um das Haupt, wie Meister Defregger seine Tirolerdirndeln gerne herrichtet. So stand sie an der Thürschwelle still und sagte beklommen:

„Es wird mir doch schwerer, als ich gedacht habe.“ — Da habe ichs gleich gemerkt. Sie dachte an den Lehrer und setzte noch bei: „Es ist wohl wahr, wir sind uns schon lang gleichgültig geworden, aber gesagt haben wir es uns doch noch nit. Und jetzt, derweil er fort ist, soll ich mit einem andern zum Altar. Das kommt mir so untreu vor, so untreu....“

Darauf habe ich gesagt: „Liebes Kind, die Untreue liegt wohl auf seiner Seite. Wenn überhaupt eine vorhanden ist. Daß er sich bei dir gar nimmer angemeldet hat, ehe er fortging! Seitdem sich alles so ganz anders gewendet hat, seid ihr euch gegenseitig ja nichts mehr schuldig und wie man mit freiem Willen zusammengegangen ist, so geht man mit freiem Willen auseinander.“

Und sie: „Das eine kann ich nit einmal sagen. Es hat schon so sein müssen. Ich denk’ mir wohl, daß es ihm nichts macht, was ich jetzt thu’. Wenn ich nur vorher zu ihm treten könnte und sagen: Guido, behüt’ dich Gott!....“

Leise in ihr weißes Tüchlein schluchzend ging sie neben meiner des Weges. Mit uns gingen auch ihre Brüder. Jetzt stand der Kulmbock da, als Hochzeitvater, und sagte: Das hätte keine Manier nicht! Miteinandergehen, das Brautpaar zur Kirche, das wäre sauber! Daraus werde nichts. Die Braut gehöre hinten dran! — Und denke dir, mußte nach altem Brauch die arme Barbel am Hochzeitszug ganz hinten dreingehen, mutterseelenallein. Dann, während alle anderen schon in der Kirche sind, steht sie noch allein draußen vor der Thür und wartet, bis der Hochzeitvater sie hineinführt zum Altar, wo der Hansel ist. — Diese sehr unritterliche Sitte soll wohl die Niedrigkeit des Weibes anzeigen, bevor der Mann sie erwählt und erhöht.

Wie scharf es bei den Hochzeiten hier gegen die Weiber hergeht, zeigt auch eine andere Sitte, die es der künftigen Schwiegermutter verbietet, bei der Trauung anwesend zu sein. Beim Mahle soll sie ganz hinten im Ofenwinkel sitzen und dann — hörst du es! — dem jungen Ehepaare ein ganzes Jahr lang fern bleiben. — Jetzt wirst du doch Respekt haben vor den Almgaiern, daß sie so stramm und bündig mit der Schwiegermutter fertig zu werden wissen. Doch warte nur, wer der Stärkere ist! Wie der Kulmbock der Hausmutter den Eintritt in die Kirche verwehren will, sagt sie entschlossen: „Eine Mutter wird ihr Kind meiden! Just so!“ Schiebt mit dem Arm den Kulmbock zur Seite und tritt ein.

„Na gut, gut,“ sagt der Ordner, „aber ohne Präjudiz!“ Denn er ist zeitweise ganz Gesetz.

Am Altare brannten zwei einzige Kerzen, kein Kirchenschmuck, keine Blumengezier. Es ist spät im Jahre....

Wie mir ums Herz war, als das liebe Wesen an dieser Stelle neben mir stand, als wir die Ringe wechselten und gegenseitig unser Ja sagten, das, mein Freund, kann ich dir nicht beschreiben. Wer es aus sich selber nicht weiß, der kann es nicht verstehen. Im übrigen ist bei der Trauung nicht geweint worden und nicht gelacht....

Als wir ins Wirtshaus wollten, war das Thor geschlossen. Der Kulmbock pochte mit dem Stab, drinnen kicherte man und das Thor blieb zu. Jetzt begann er zum Schlüsselloch allerhand Sprüche hineinzusagen, die ich nicht verstanden habe, ich glaube, sie handelten von den Tugenden und Würden des jungen, Eintritt heischenden Ehepaares, aber das Thor öffnete sich nicht. Da trat meine Barbel vor, berührte mit einem Weißtannenzweig den man ihr in die Hand gegeben, das Hausthor — und jetzt ging es langsam auf und wir traten ein.

Das Mahl — ein Halberabendmahl — haben wir recht einfach gehalten. Ziemlich schweigsam hat jeder seine Portion Aufgeschnittenes mit Kuchen verzehrt oder in den Sack gesteckt. Es war zu merken, daß der Kulmbock einen Trinkspruch in Bereitschaft hatte und damit nur warten wollte, bis der Wein kam. Wir tranken Apfelmost und der Wein kam nicht. Draußen schneiete es stark und es begann zu dunkeln. Die Barbel schaute mich schon immer an und sagte nun ganz leise, es würde ein hartes Heimgehen sein in der Nacht. Das hieß, wir möchten lieber noch bei Tage gehen, und das war sehr nach meinem Geschmack. — Und als wir uns zusammenpackten, na, da kamen sie. Als der erste erschien, der Nachbar Gleimer war’s, zündete der Wirt sogleich zwei Lampen an. Der Gleimer brachte einen eisernen Kochtopf mit und stellte ihn schweigend vor die Braut. Hernach stiegen die anderen daher zu unserer Überraschung. Es kamen die Bauern aus nah und fern, von der ganzen Gemeinde. Wie pure Schneemänner gingen sie zur Thür herein. Ungestüm war das Wetter geworden und der Wind trieb den Schneestaub ins Vorhaus. Da haben wir uns neuerdings niedergelassen am Tische. Jeder Ankommende hatte ein Hochzeitsgeschenk bei sich. Bäuerinnen brachten mancherlei Hauseinrichtungen, hatten in Körben und Säcken Mehl, Fett, Eier und Backwerk. Der Schuster Zwegel brachte mir eine von ihm selbst gestrickte Wollenhaube, der Schneider Setznagel ein Paar Lodenpantoffeln, zum Zeichen, daß er vergeben und vergessen hat und um neue Kundschaft wirbt. Der Kulmbock konnte nicht mehr länger zurückhalten, er bestellte Wein. Während noch allenthalben die Gläser gefüllt wurden, ließ er los. Er sprach im Predigertone und griff zurück bis auf Adam und Eva. Dabei machte er Anspielungen, die man schlechterdings nicht zweideutig nennen konnte, weil sie nur mehr eindeutig waren. Ungeahnt frühzeitig, gottlob, kam er auf die geistvolle Schlußwendung: Der Bräutigam soll leben und die Braut daneben!

Kaum war die Festrede vorüber, so erhob sich draußen im Vorhause helles Gedudel. Bläser und Geiger waren gekommen. Der Kulmbock zog seinen feuchten Lodenrock aus, ging in flatternden Hemdärmeln umher, lud nach allen Seiten zum Essen und Trinken ein, war witzig und rief ein ums andere mal: „Geschmalzene Holzäpfel friß ich nit!“

Dieweilen kamen immer noch Leute mit Gaben. Der Sackbuttner brachte eine Blechschelle für die Kuh, die er dem Lehrer verkauft; er war der Meinung, es gebe Lehrerhochzeit. Der Schrager brachte einen nagelneuen Melkzuber, den er selber geböttchert hatte. Der Jäger Konrad, der zu endgültigem Friedensschlusse als Brautzeuge gewählt worden war, brachte einen wolligen Fuchsbalg dar, „vors Bett hin, wenn die Barbel schlafen geht und aufsteht“. Die Nähterin Rosalia that mit ihrem Hochzeitsgeschenk gar geheimnisvoll, wickelte es vorsichtig aus einem schneeweißen Tüchlein und hielt es am Stengel der Barbel hin. Ein großer Apfel mit roten Wangen. Alles könnten sie genießen, die lieben Eheleute, so legte die Nähterin es aus, nur an diesem Apfel dürften sie nicht naschen. „Warum nit, das will ich euch sagen, wer davon ißt, der verdirbt sich den Magen.“ Weise war’s gesprochen, denn der große Apfel erwies sich als hölzerne Kapsel, die aufzuschrauben war und in der sich ein Spiegelchen, ein Fingernagelzwicker und ein Hühneraugenpflaster befand. Schlimmer war’s, als die alte Marenzel mit einem kleinen Kinde hereinkam und es schaukelnd und ein Wiegenlied trillernd der Barbel zutrug. Auf dem Tische wurde sofort ein Bettchen hergerichtet, die Alte wickelte die Fatschen auseinander und da lag — mutternackend — ein schlanker Butterstritzel.

„Geschmalzene Säg’späne friß ich nit!“ schrie der Kulmbock drein, um über das sinnige Geschenk seine Überraschung und seinen Beifall auszudrücken.

Ich lachte überlaut mit und dankte dahin, dorthin. Mein armes Mädel saß da wie ein Muttergottesbild und ließ alles gelassen über sich ergehen.

Die Hausmutter war nachgerade ungeberdig geworden. Schon die Musikanten gefielen ihr nicht, mitten in der heiligen Adventszeit. Das ganze Treiben war ihr zuwider „und wenn es Glasscherben schneibt“, sie will heim. Just zündete sie die Laterne an, die der Kirchenwirt uns für den Heimgang borgen wollte, da — aber Freund, ich kann nichts dafür, daß der Zufall bisweilen so gut aufgelegt ist. Du wirst sagen, der Zufall komponiere nicht Romane. Ja, Alter, er komponiert deren manchmal — rein aus Zufall.

Die Wirtin hatte die Stubenthür weit aufgemacht und sagte laut auf uns her: „Jetzt werd’ ich mir wohl ein Vergeltsgott verdienen fürs Thüraufmachen!“

Wir schauen ins dunkle Vorhaus hinaus, die Musikanten blasen einen Tusch und nun — steht er da. — In voller Uniform, mit Helm und Seitenspieß, den beschneiten Mantel auseinandergeschlagen, daß von der breiten Brust die Knöpfe uns entgegenfunkeln wie zwei Reihen munterer Augen. Der Valentin. Das war nun freilich ein anderer Kerl, als damals im Sommer. Sein rotes Gesicht lachte breit auseinander, wie ein Sieger schaute er frei um sich. Von allen Tischen streckten sich ihm Hände und Gläser entgegen — er drang durch das Gedränge bis zum Ehrentisch vor, zu Mutter und Geschwistern. Meine Hand nahm er zuletzt und hielt sie am längsten.

„Diesmal ist’s anders, Hansel!“ lachte er mir zu.

„Und bei uns auch!“ sagte ich.

„Und bei dir schon gar!“ setzte er bei, auf die Barbel spielend. „Recht hast. Erst in Kailing habe ich es gehört.“

„Haben dir’s nicht geschrieben, weil wir wieder eine Dummheit fürchteten.“

„Man wird ja gescheiter,“ sagte er.

Und jetzt war vom Nachhausegehen keine Rede mehr. Jetzt begann es lustig zu werden. Auch die Hausmutter nippte vom Glas, klatschte mit den Händen: „Verklöpfelte Leut’ seid’s!“ — Ich denke, es hat ein Lobspruch sein sollen.

Der Kulmbock versicherte von Zeit zu Zeit, daß er „keine geschmalzenen Schuhnägel fresse“.

„Ich auch nicht!“ gab der Valentin bei und ließ sich den Schweinsbraten schmecken. Und dann kamen die Erzählungen aus dem Kasernleben, von den Märschen, von den Kameraden, von den Offizieren, besonders vom Obersten. „Weiler!“ hatte ihm dieser gesagt, „solange Sie das kreuzverfluchte Heimweh haben, bleiben Sie beim Regiment. Daß Gott mich — Sie bleiben! Bis Sie das Vollmondgesicht wieder aufgesteckt haben, mit dem Sie vor zwei Jahren eingerückt sind, bekommen Sie Urlaub. Und vorher nicht! Und nachher sofort!“ Diesen Ausspruch hat der Valentin sich zu Herzen genommen und soll er bei seiner erwachenden Frohheit thatsächlich zum Vollmondgesicht nicht viel länger gebraucht haben, als der Neumond zu dem seinen.

Längst Mitternacht vorüber, als wir uns von der Gesellschaft, die bei jungem Wein schon ausgelassen zu werden begann, verabschiedeten und den Heimweg antraten gegen das Adamshaus. Schneegestöber, blasser Mondschein, Windrauschen in den Bäumen. Der Valentin führte die Mutter am Arm, der Rocherl den Franzel, ich — mein Weib. Als wir ans Haus kamen, führte mein Weg nicht wie sonst über den Hof zur frostigen Stallkammer. Ich trat mit allen ins Haus und dann mit der Barbel ins warme Stübchen.


Beim Kirchenwirt sollen sie vierundzwanzig Stunden später noch beisammengesessen sein und zwar in einer Verfassung, die aller Beschreibung spottet. „Schwabenkäfer friß ich nit!“ soll der Kulmbock auf der Ofenbank liegend gelallt haben und da wären sie ihm auch schon zum Munde hineingekrabbelt.