Einundfünfzigster Sonntag
Am einundfünfzigsten Sonntage.
Unglück im Spiele, Glück in der Liebe. So ähnlich, nicht wahr, lautet es ja. Bei mir stimmt’s.
Obgleich ich die „Kontinentale“ schon lange nicht mehr eigentlich las, fiel mir doch auf, daß sie seit einiger Zeit in vergrößertem Format erschien. „Der Tod streckt sie schon,“ hatte der Lehrer gesagt. Nun also ist es, wie du schreibst, geschehen. Das Blatt eingegangen, der Chef durchgegangen. Somit wäre meine Angelegenheit auf das Gründlichste geordnet.
Um so lebhafter interessiert mich dein Vorschlag, lieber Freund. Du meinst, daß ich meine Sonntagsbriefe aus dem Adamshaus veröffentlichen soll? Daß sie Aufsehen erregen müßten, sagst du. Ist das dein Ernst? Während ich glaubte, ein zugereister, notiger Bauernknecht zu sein, wäre ich Schriftsteller gewesen! So ein bißchen Zola, von dem man erzählt, daß er seine Stoffe persönlich hervorholt aus den Volksschichten, und sie lebt, bis er sie durchdrungen hat. Aber ich bin ihm voraus. Daß er bei seinem „La terre“ ein Bauernmädel geheiratet hätte, ist ihm meines Wissens nicht passiert. — Was ich doch für ein großartiger Kerl bin!
Doch, zum Ernste. Wenn du für meine Sonntagsbriefe wirklich einen Verleger findest und du giebst dir die Mühe, sie für die Öffentlichkeit herzurichten — ich bin einverstanden. Unheimlich ist mir allerdings der Gedanke, fürderhin unter den zehntausend, größtenteils brotlosen deutschen Federhelden des Kürschnerschen Litteraturkalenders prangen zu sollen. Zehntausend! Ob es heutzutage noch so viele Bauern giebt in deutschen Landen? Je nun, ist’s mit der Unsterblichkeit nichts, so würde ich auch mit einem Nachtwächterposten zufrieden sein. — Ein armer Familienvater wird’s heißen! — Es ist doch eigentlich auf das Höchste überraschend, daß ich plötzlich verheiratet bin! —
Schließlich ist’s noch eine Frage, ob ich überhaupt von hier fortgehe. Im Adamshause ist frischer Mut und neues Leben. Die Burschen und ich arbeiten von früh bis abends im Walde. Der Valentin scheint’s an richtiger Stelle zu packen. Er hat zwölf alte Lärchbäume um schweres Geld verkauft. Nun werden sie gefällt und auf Schlitten zu Thale gebracht. Der Rocherl hat sich gefunden und ist heil, aus- und inwendig. Der Franzel weiß vom neuen Schulprovisor Schlimmes zu erzählen, wohl daß er strenge sei und man bei ihm viel mehr lernen müsse, als beim Guido Winter.
Mutter und Tochter walten in Haus und Hof. Hier sind diese Dezemberwochen ein einziges großes Vorbereiten auf Weihnachten. Selbst in den Ställen werden mit langen Besen die Spinnweben von den Wänden gefegt. An den Tieren werden alle Krustlein losgestriegelt, die Klauen und Hörner beschnitten und der Stallboden bekommt frische, waldduftende Streu. Um das Haus ist das Herdholz in zierliche Stöße geschichtet, in den Stuben wird alles Gemöbel gescheuert, alles Mauerwerk weiß getüncht, alles Fenster- und Bilderglas mit feiner Asche geputzt. Von der alten Schwarzwälderin hat die scheuerwütige Hausmutter sogar die Ziffern zu schanden gerieben, so daß die Barbel — diese gute Stunde selber — mit Kohle nachmalen mußte. Der Messingzeiger funkelt wie Sonnenschein. An den Abenden hatten sie sonst Herbstschurwolle gesponnen; nun, dem Christfeste nahe, stellten sie das Spinnen ein, „damit das schnurrende Rad das Christkind nit aus dem Schlafe wecke“. Aus denselben Gründen müssen wir alle des Abends auf den Zehenspitzen gehen und überhaupt jedes Geräusch vermeiden.
Soll ich dich nun auch ein wenig in unser Stübchen gucken lassen? Na freilich, du lieber Mensch, so gucke. — Das Tischlein gedeckt mit einem roten Tuch, darauf steht ein kleiner Krug, in welchem drei Kirschbaumzweige frischen. Sie sind am Barbaratage, ihrem Namenstage, gepflückt worden und sollen in der heiligen Nacht aufblühen. Die zwei hellen Fenster haben schneeweiße Vorhänge, zierlich genäht und mit Buchstaben gestickt von ihrer Hand. Die Betten stehen so nahe aneinander, daß sie mit einem Überzuge zugedeckt werden können. Dieser Überzug ist himmelblau und hat kleine, rote Blümlein. — In das Kämmerchen ziehen wir uns zurück nach dem Abendbrot, und wenn du horchen wolltest — aber das darf man ja gar nicht — so würdest du noch lange ihr fröhliches Lachen hören.
Am Donnerstage hat mir der Valentin Urlaub gegeben, daß ich nach Kailing gehen konnte. Wir haben mancherlei einzukaufen, außerdem steht dort zwischen Obstgärten, gerade am Rechenflusse, ein niedliches Landhaus, das zu vermieten wäre. Ich miete es nicht, ich sehe es nur an, gehe ringsherum und sehe es an und denke: Wenn man dich mieten könnte! Dann gehe ich wieder davon. — Ich wollte dir etwas anderes erzählen.
Wie ich am Vormittage immer der Rechen entlang gegen Kailing hinabgegangen bin, gerade in der Engschlucht begegnet mir — was glaubst du, wer? — Richtig, mit dem ersten Worte hast du ihn. Ganz gemächlich trottet er heran auf dem glatten Schnee, das Beinkleid in die Stiefelröhren gesteckt und über der Achsel eine Ledertasche hängen.
Zum Satan! denke ich mir, jetzt kann’s hübsch werden.
„Was?“ ruft er mir heiter zu, „wie wußtest du denn, daß ich heute komme, Hans?“
„Das wußte ich nicht. Ich will nach Kailing.“
„Dann begleite ich dich zurück,“ sagt der Guido Winter. „Es giebt manches zu plaudern. Jetzt wird geheiratet!“
„So? Wer denn? Wo denn?“
„Noch vor Neujahr, wenn’s geht, führe ich meine Barbel heim.“
„Wird nicht gehen,“ sage ich.
„Und bleibe in Hoisendorf Lehrer, einstweilen. Denn draußen hat sich nichts Passendes gefunden.“
Nun wende ich mich ihm zu, mit meiner ganzen Breitseite, und sage: „Winter! Wenn sich draußen etwas gefunden hätte, so wärest du wahrscheinlich draußen geblieben. Weil sich nichts gefunden hat, so kommst du nach Hoisendorf zurück und willst doch die Barbel heiraten!“
„Die heirate ich auf jeden Fall!“ sagt er.
„Die heiratest du auf keinen Fall!“ sage ich.
„Teufel!“ sagt er und tritt einen Schritt zurück.
„Ja, mein Lieber, die Barbel hast du verpaßt. Die ist schon verheiratet.“
Er tritt einen zweiten Schritt zurück, kreuzt die Arme über die Brust, mit weit aufgerissenen Augen schaut er mich an und fragt: „Die ist schon verheiratet. Wie so? Das verstehe ich nicht.“
„Und ich kann dir’s deutlicher nicht sagen. Am vorigen Sonntage hat die Trauung stattgefunden.“
„Aber im Ernste? Aber wirklich? — O du vertracktes Mädel!“ ruft er hell, fast lustig aus. „Und wen denn?“
„Mich.“
„Wen sie genommen hat, frage ich.“
„Mich.“
„Na, hörst du, Hans, das sind mir abgeschmackte Späße. Ich dachte wirklich schon.“
Er betrug sich ganz anders, als ich mir vorgestellt hatte. Auf meine neuerliche Versicherung, daß wir während seiner Abwesenheit geheiratet haben, begann er endlich doch etwas bestürzt zu werden. „Das hätte ich nicht für möglich gehalten,“ sagte er.
„Du hast es selbst möglich gemacht, mein lieber Winter.“
Er bohrte seinen Stock in den Schnee ein und murmelte: „So so — so so. Nun, mir kann’s recht sein. Habe es ja geahnt, daß sie mich nicht liebt, vielleicht nie geliebt hat. Sie war klug — hat abgerissen. Auch gut. — Auch gut. — Was mich aber wundert,“ und jetzt wurde sein Gesichtsausdruck ungut, „was mich wundert, das ist mein treuer Freund Hans Trautendorffer, der sich erst so viele Mühe gab, seine Geliebte einem andern anzuheiraten. Erst als er sie anderweitig nicht an Mann brachte, nahm er sie selber. Sehr vornehm das, Herr Trautendorffer. Empfehle mich Ihrer ferneren Freundschaft!“
Damit ging er mit stolzen Schritten davon, der Schlucht entlang.
Donnerwetter, das war ein Abgang! Ich bin zerschmettert. — Aber ich gönne ihm den Effekt, mein Vorteil ist mir lieber. Und glücklich bin ich, daß es so abgelaufen; mir war — um offen zu sein — vor diesem Momente ein wenig bange gewesen.
Wie wenn er sie doch gern gehabt hätte? Dann wollte ich nicht gerne Hans Trautendorffer sein! Daß die Liebe mangelte, hat uns gerechtfertigt, sie, mich und — ihn. Was ich ihretwegen allein mit mir auszumachen gehabt habe, monatelang — das ist vorbei.
Der Barbel habe ich von dem Zusammentreffen in der Rechenschlucht einstweilen nichts gesagt. Der Franzel hat heute aus Hoisendorf die Nachricht heimgebracht, daß der provisorische Lehrer wahrscheinlich hier angestellt werden wird. Der Winter habe mit einem Wagen des Kirchenwirtes seinen großen Koffer fortführen lassen.
Und jetzt thut er mir leid.