Vierundvierzigster Sonntag

Am vierundvierzigsten Sonntage.

Einer Frage deines letzten Briefes muß ich noch gedenken. Trotz allem, nein — Hunger keinen.

Den Hunger kennt man nicht am Busen der Mutter Erde. Den kennt nur die große Stadt. Ich meine jetzt nicht den Hunger nach Austern und Sekt. Ein wohlgestellter Städter, der es weiß, daß in seiner nächsten Nähe Menschen an Nahrungsmangel verkommen, vor Frost Tag und Nacht in ihre dunklen Nester gebannt, fluchen, weinen und verzweifeln — kann noch behaglich in der Oper sitzen und eine glänzende Soiree genießen. Euch Stadtherrschaften — ich meine ja nicht dich, den menschtreuen Alfred, ich meine die Ganzheit der „Elite“ — ist Hunger und Not der Armen gerade recht als Stoff zur modernen Kunst und als künstlerisch wirkender Gegensatz zum eigenen Überflusse! Stellt es euch einmal so recht mitten in euer Herz, daß im Fleisch von eurem Fleische der grause Hunger nach dem kahlen Bissen Brot wütet — und ihr werdet mit anderen Augen die Welt anschauen! Sage ihnen doch, den Allesstudierenden, daß sie auch einmal den Hunger studieren sollen, der in ihrer nächsten Nähe ist.

Hier auf der Scholle geht der Ärmste zum Armen und wird gesättigt. Der Kulmbock sackermentiert ganz schrecklich über das Bettelgesindel, das an die Schwelle seines Hofes kommt, mit dem Säcklein um etwas Korn, mit dem Töpflein um etwas Milch bittend — aber er beteilt es. Mein Adam entschuldigte sich immer treuherzig, wenn er des Bettlers Säcklein nur halb zu füllen vermochte: „Mußt halt wohl zufrieden sein, wenn’s auch ein bissel wenig ist. Es geht uns halt selber nit aufs best. Gesegne es Gott, vermeint ist’s dir vom Herzen.“ —

Und nun zum Tagebuche.

Vollauf habe ich mit der Hausmutter zu thun. Beim Tode des Adam war es ein stummer, weher Schmerz, jetzt aber — die Angst um den Rocherl steigt zur hellen Verzweiflung.

„Wenn er mir nur daheim gestorben wär’!“ ruft sie aus. „Es wär’ besser! Ich wollt’ der Mutter Gottes tausendmal dafür Vergeltsgott sagen.“

„Er ist freiwillig davon und das ist ihm nicht so hart!“

„Nachher wieder der Valentin!“ darauf sie. „Der eine will nit heim, der andere kann nit heim. Ist das ein Jammer mit den Kindern!“

Der Rocherl ist ganz und gar verschwunden. Verschwunden und verschollen. Über die erste Zeit haben wir uns hinweggetäuscht. Man müsse den Trutz ausrauchen lassen. Wenn das Gewand zerrissen sei und der kalte Wind blase, werde er schon wieder kommen. Jetzt bläst der kalte Wind, und nachdem wir dreimal umsonst aus waren, um ihn zu suchen, nachdem wir auch im Fuchsgraben und überall seine Spur verloren haben, stehen wir ratlos da. Ich wollte ihn doch in die Zeitung geben, unter die verlorenen Sachen. Da heißt es wieder: die öffentliche Schand’! Die fürchtet man im Bauernhaus nicht minder, als im Herrenschloß. — Eines Tages hören wir, im Schurwalde wäre sein Hut gefunden worden. „Das sagt nichts,“ tröste ich, „ein Dickschädel kommt auch ohne Hut aus.“

„Wer wird ihm seine Hand einbinden?“ fragt manchmal die Barbel. Das geht mir am meisten zu Herzen. Nicht seine Hand, sondern ihr Bekümmern.

„Er selber wird sich die Hand einbinden,“ stelle ich ihr vor. „Mit der Linken und mit den Zähnen. Was der für Zähne hat!“

„Der Jäger wird ihn umgebracht haben!“ so wieder die Mutter.

„Der Konrad? Der seine eigene Hand opfern möchte für die des Rocherl!“

„Mir ist halt so viel bang!“ Damit schließt sie jedes Reden ab.

Die Barbel ist jetzt viel aufrechter, als die Mutter. Vor kurzem, denke dir, soll sie mit dem Weidknecht aus dem Kulmbockhof, dem Baumschneidler, einen Strauß gehabt haben. Sie war mit ihm im Walde gewesen, um die Reisigbüscheln zu sammeln. Auf ein solches Büschel setzt sich der Weidknecht und will das Mädel mit beiden Händen auf seine Knie ziehen.

„Ei schau, du wärest gar gescheit!“ soll sie gesagt haben und ruhig weitergearbeitet. Wie er sie nachher mit Gewalt fangen will, hat er auf einmal einen Zahn weniger im Munde. Blutend geht er in den Kulmbockhof hinüber und bei diesen Adamshausleuten arbeite er nicht eine Stunde mehr, das seien kotzengrobe Leut’.

„Da sieht man’s, das ist der Dank!“ darauf die Kulmbockhoferin mit Entrüstung.

Wir haben die Geschichte erst von der Kulmbockseite her erfahren müssen. „Ist es wahr, Barbel?“ frage ich. Sie lacht dazu, und weiter nichts. Vom Bruder Rocherl spricht das Mädel wenig. Und von ihrem Guido gar nicht. Das sind die stillen Wasser! Der Herr Bräutigam strengt sich auch nicht an mit seinen Huldigungen. Ich glaube, sie sehen sich nicht einmal an jedem Sonntage. Nun, jetzt kommt ja bald die Zeit des bekannten Himmels voller Geigen.

Übrigens soll die Hochzeit wieder einmal verschoben worden sein. Diesmal wäre der Schneider Setznagel die Schuld. Der könne bis zu Leopoldi das Bräutigamgewand nicht leisten. Die schönen Tuchhosen, natürlich! Na, dann freilich. — Guido, Guido! Ein Verliebter muß auch ohne Tuchhosen heiraten können. —

Der Kurat hat durch den kleinen Franzel anfragen lassen, ob die Barbel an Sonntagen nicht wieder auf den Kirchenchor kommen wolle, und mitsingen bei der Messe? Sie soll früher eine gar liebliche Singstimme gehabt haben. Mich hat das gefreut vom Kuraten, und wohl auch das Mädel scheint vergnügt darüber zu sein, daß die Kirche ihr dieses ungute Lebensjahr ausgestrichen hat. Aber vor der Gemeinde singen, wie im Engelschore, das mag sie nicht mehr.

Vor kurzem hatte der Geistliche auf den Lehrer gestichelt, und zwar mit der Heustange. Es war auf der Kanzel das Evangelium vom Hochzeitsmahle gelesen worden. — Du kennst ja die Parabel. Nachdem die geladenen Gäste nicht erschienen waren, ließ der König die Erstbesten von der Straße hereinrufen, und ereiferte sich dann sehr, als unter diesen Straßenleuten einer kein hochzeitliches Kleid an hatte. Zornig darüber läßt er ihn an Händen und Füßen binden und in die Finsternis werfen. Schon mancher gelehrte Knacker hat sich an dieser evangelischen Nuß die Zähne ausgebissen; der Hoisendorfer Kurat aber hat ganz feste im Mund und sprach darüber, wie folgt:

„Ihr werdet, christliche Zuhörer, diesen König gewiß für einen großen Thoren halten. Da ladet er schnell die Vagabunden von der Straße ein und wundert sich, wenn sie kein Festgewandel anhaben. Das hättet halt ihr gewiß wieder gescheiter gemacht, natürlich! Ich aber kann euch sagen: der Herr Christus hat mit seinem Gleichnis schon recht gehabt. Er hat nicht das auswendige Hochzeitsröckel gemeint. Was kümmert sich der liebe Jesus um Hoffartsfetzen. Nein, das Inwendige, den Seelenschmuck, die Tugenden hat er gemeint. Und ein solches Hochzeitsgewand soll jeder Mensch zu jeder Zeit anhaben, auch bei der Arbeit auf Wiesen und Feldern, denn er weiß, daß auf einmal der Hochzeitsbitter kommen kann, und ihr wisset, wen ich mit diesem Hochzeitsbitter meine. Diese Festtracht, die Tugenden und guten Werke, ist bei den Leuten freilich nicht Mode. Aber den Madensack mit bunten Fetzen zu zieren, das ist Mode. Mancher glaubt, am Ostersonntag oder einem andern Feste wäre nicht die Herzensreinheit, sondern der große Hutbuschen die Hauptsache und immereinmal steigt ein Bräutigam um, der nicht Hochzeit hält, wenn es die Liebe will, sondern bis die neue Tuchhose fertig ist!“

Na, das war ausgiebig. Ein paar Leute lugten auf den Platz hin, wo der Lehrer saß, dieser that nichts desgleichen. —

Das Mädel scheint sein Zuwarten gewohnt zu werden und macht sich nichts draus. Nun, dann mache ich mir auch nichts draus.

Aber schon gar nichts — glaube es mir!

Dieser Guido Winter ist doch ein O... —

Ein Opfer seiner Unentschlossenheit.