Dreiundvierzigster Sonntag
Am dreiundvierzigsten Sonntage.
Also am Montage bei Ehren-Kulmbock, beim Brückenbau. Ich hegte den heißesten Wunsch, es möge dabei jemand, meine Wenigkeit ausgenommen, ins Wasser fallen. Die Schmach kann nur durch eine Lebensrettung wett gemacht werden. Man hat mich richtig gleich aufgezogen: daß die Bäume im Adamshaus-Walde gar sehr froh sein würden, mit ihren Wipfeln diesmal noch heil davongekommen zu sein, ohne daß sie der Hansel in seiner wütenden Kurasch allesamt enthauptet hat! — Denn die Tollkühnheit war ihnen im Grunde nicht einleuchtend. Da mußte rasch etwas Glaubhaftes zusammengelogen werden. Der Krampf! „Diese verfluchten Krampfadern in den Beinen, die man sich damals in Galizien geholt, bei den großen Märschen! Gerade das leidenschaftlichste Vergnügen, auf den Bäumen herumzuklettern, vergällen sie einem!“ Sie lachten noch mehr und meinten, die Fichtenbäume würden wohl Freudenfahnen ausstecken wegen meiner Krampfadern. — Am Dienstag hatte ich schon nicht mehr Zeitungsdeutsch nötig; mein Heiligenschein qualmte an einer andern Stelle auf. Dieweilen sie an der zu bauenden Brücke die Holzbalken und Stämme schwerfällig und ungeschickt hin- und herprobierten, konstruierte ich mit Hilfe des Restes meiner geometrischen Kenntnisse die Brücke auf Papier und rechnete leichter Hand in Ziffern die Verhältnisse des Baues aus, worauf wir mit ziemlicher Einfachheit das tiefe Bachbett überbrückten. Die Leistung gab mir einen solchen Glanz, daß der Vorknecht mich einen ganzen Tag lang den „Herrn Johann“ nannte. Daß mein Name nicht ein zugehackter Johannes ist, sondern nach heidnischer Art der deutschen „Hansa“ entstammt, diese Wissenschaft würde ihnen alle meine bautechnischen Kenntnisse wieder gründlich verdunkeln.
Im Kulmbockhof — muß ich dir sagen — hätte ich meine Zwanzigtausend Kronen-Wette nicht gewonnen. Zwar zu essen giebt es mehr und fetteres, als im Adamshause, aber an den Schüsseln kleben noch die Krusten früherer Mahlzeiten; die Tische und die Fenstergläser sind mit so ausgiebigem Schmutz überzogen, daß die Herbstfliegen mit ihren altersschwachen Beinen drin stecken bleiben, wie die ungarischen Bauern auf der Dorfkirmes im Straßenkot. Und was das Schlafbett anbelangt! Freund und Philosoph! Wenn in deinem großen Bekanntenkreise jemand einmal dem Laster der Trägheit verfallen sollte, ich bitte dich, schicke ihn in den Kulmbockhof. Auf dem Strohlager allhier wird er Emsigkeit lernen. Das Stoßgebet bei diesen nächtlichen Umtrieben lautet: Vor den großen Feinden schütze ich mich selber; Herr, schütze du mich vor den kleinen!
Der Kulmbock ist natürlich nicht zu Hause. Er geht stets im Weltverbessern um, hält Versammlungen ab, bespricht die „Lage“. Die Anliegen der Wählerschaft nimmt er würdevoll entgegen. Er wird’s schon machen. Vor allem eine ordentliche Steuerreform! Die Steuer soll nicht der zu zahlen haben, der was schafft und hervorbringt, sondern vielmehr, der was aufbraucht. Dann, die Korneinfuhr aus Ungarn und die Fleischeinfuhr aus Amerika muß abgeschafft werden, damit wir Bauern die Sachen teurer verkaufen können. Zur Erntezeit muß bei den Dienstleuten die Sonntagsruhe aufgehoben werden. Der Kulmbock läßt nicht locker. Das wird seine Sorge sein! An ihm kommt keiner vorbei, und Herrenmanglereien, die frißt er nit! Ein großer Mund, aber keine Zähne drin. In der Landstube soll er hinter dem Pfeiler sitzen und sich sehr ruhig verhalten. Seit er bei einer und derselben Sitzung für die Annahme und für die Ablehnung der neuen Landesbahnen-Verkehrssteuer gestimmt hat und für diese seine zwiefache Bereitwilligkeit etwas unbarmherzig ausgelacht worden ist, zieht er es vor, „mehr unparteiisch zu bleiben, sich nirgends dreinzumischen, jeden reden zu lassen, wie er will und mag, selber der Gescheitere zu sein und nachzugeben.“ Es wäre, meint er, für einen verständigen Menschen ganz verzwickelt schwer zu reden in dieser äußerst gemischten Gesellschaft; bald sei es dem nicht recht, bald jenem nicht. Bald schnappe bissig ein dritter her, bald entgegne ein vierter mit niederträchtiger Bosheit, bald ein fünfter mit dem Dreschflegel. Man sei auch etwas gewohnt zu leisten, aber da gehöre noch eine spinnefalsche Abgefeimtheit dazu, sonst werde man übertrumpft von den Federfuchsern und zu Schanden geschrieen von den großmauligen Doktoren. „Na!“ meint der Kulmbock, „das friß ich nit! Aber die Zeit wird schon kommen, wo wir es ihnen zeigen werden, denen! Wir Bauern! Wir halten unsere Reden mit der Faust!“ — Und trotzdem ist der Mann fortgegangen von hier, wo man noch mit der Faust schafft, und dorthin, wo man mit dem Munde regiert. Na! Solcher Volksvertreter wegen ist es schon der Mühe wert, daß man den Parlamentarismus aufgebracht hat und bei den Wahlen sich halbtot prügelt um das Recht der Selbstbestimmung.
Ja wohl! Das Recht der Selbstbestimmung, das der Kulmbock dort so mannbar vertritt, daheim in seinem Hause herrscht es unumschränkt. Jeder thut, was er will. Die Knechte sind nach Belieben faul und tölpelhaft, die Mägde sind zutäppisch. Die Haustochter Fronel wollte mich aushorchen wegen Adams Rocherl. Man höre, ihm sei daheim das Beten und Fasten zu langweilig geworden und deshalb sei er zu einer Räuberbande gegangen. Wenn der Rocherl Räuberhauptmann wäre, da möchte sie gleich Räuberhauptfrau sein. Der Rocherl habe gar so schlanke Beine, und die gefielen ihr. — Diese Fronel hat einen breiten Mund und gelbe Zähne, mit denen sie immer an etwas kaut. Bei Tische jagt sie nach den besten Bissen und wenn von etwas die Rede geht, was sie nicht kennt, so fragt sie allemal, ob’s was zum essen wäre. Wenn sie sich nicht mit einem Mannsbild balgt, so hockt sie im dunstigen Hinterstübel und trennt und näht an ihren Kleidern herum. Hat sie ein buntes Band, eine Masche oder dergleichen Flitter angeheftet, so stellt sie sich damit vor den Spiegel — in diesem Hause giebt’s einen hübsch großen — und trennt dann das Zeug allemal wieder los, um es mit einer noch reizenderen Art zu versuchen. Ruft ihre Mutter hinein: „Die Sau sollst du futtern gehen, stinkfaule Dirn!“ Und die Tochter heraus: „Ja, leck’ mich im Buckel, bist selber nix z’gut dazu!“ — Das wäre schon die richtige für den Rocherl, die! Da wüßte ich ihn schier noch lieber bei den Räubern.
Am zweiten Abend, als es regnet und ich in der Kulmbockhof-Kammer einen Wettermantel hole — ein großer Lodenfleck mit dem Loch in der Mitte, zum Durchstecken des Kopfes, wie ich also den aus der Kammer hole, höre ich im dunklen Nebengelaß zwei Knechte sprechen; sie thaten es so sonderbar brummend und zischelnd, daß der Mensch anhebt zu horchen.
Der eine: „Du, Martel, wenn du mir die Hälfte nit giebst, so verklag’ ich dich.“
Der andere: „Verklag’ mich, wenn du’s beweisen kannst“
Der eine: „Nachher, mein Lieber, wird der Baumstock müssen reden. Der braucht gar nit zu juramentieren, dem glaubt man’s auch so, daß auf ihm der schöne Lärchbaum nimmer steht, den du heimlich dem Holzhändler verkauft hast!“
Der andere: „Verrätst mich, dann kitzle ich dir mit dem Federmesser den Hals durch!“
Der eine: „Kitzle nur, wenn du im Kotter sitzest.“
Der andere besinnt sich ein wenig und sagt: „Geh, Statzel, mach’ keine Dummheiten. Einen Gulden sollst haben.“
„Ich bekomm’ fünfe!“
„Hol’s der Teufel. Da hast den Bettel. Schuft!“
„Schuft? Nachher gieb mir einen sechsten Gulden.“
„Dem Henker bist du zu schlecht!“
„Dann bekomm’ ich noch den siebenten. Mein Lieber, mit mir mußt du höflicher sein. Ich hab’ dich am Strick.“ —
Und als Schlußtableau siehe die Mutter dieser Tochter, die Herrin dieser Knechte — die Kulmbockhoferin.
Das ist noch ein erklecklicher Brocken. Nachblüte! Nur schade, daß sie immer so schwitzt. Kornmahlen kann sie und da ging sie eines Tages zur Mühle hinab. Ich habe ihr das Kornbündel nachtragen müssen.
„Du bist ja wolter stark, Hansel!“ sagt sie dann in der Mühle. „Du mußt mir nachher helfen. Magst?“
Sie richtet die Mühle an. Die Räder klappern, aus dem Mehlkasten fliegt der weiße Staub und schminkt die Wangen, daß sie nicht erröten können.
„Hast mich verstanden?“ lacht sie mir schnurgerade ins Gesicht. „Helfen sollst mir!“
„Ja, wenn ich könnte, meine liebe Bäuerin. Es will halt auch das Mahlen gelernt sein.“
„Korn aufschütten wirst doch können! Mahlen thut ja eh die Mühl’ selber.“ Und setzt traulich bei: „Schau, Hansel, du solltest halt jetzt der meinige sein, derweil mein Alter fort ist.“
Sacker! denke ich, die setzt scharf ein.
„Na, was sagst du, Hansel?“ fährt sie fort. Schalkhaft wird ihr Reden; am Mehlkasten lehnt sie und streckt ihre fleischigen Arme nach beiden Seiten aus: „Jetzt möcht’ ich just einmal wissen, wer breiter klaftern kann, du oder ich.“
„Ob’s dem Kulmbock wohl recht sein wird, wenn wir messen?“ bemerke ich möglichst ernsthaft.
„Fragt er, ob’s mir recht ist, im Heu, mit der Teuxel weiß wem?“
„Natürlich, das Klaftermessen ist doch keine Sünd’.“
„Ja so!“ ruft sie, „im Adamshaus redet man noch von der Sünd’. Nit schlecht, das! Weißt, Hansel, die Sünd’ darf der Mensch nit verachten, die schmeckt alleweil gut.“
Weil sie mir immer näher kommt und die Gefahr, daß sie ihre Arme um mich zusammenklappen könnte, immer größer wird, ich mich an Vorurteilslosigkeit von ihr auch nicht übertrumpfen lassen will, so sage ich in aller Freundlichkeit: „Weißt, meine liebe Kulmbockhoferin, ’s ist mir nicht deines Alten wegen, und auch nicht der Sünde wegen — aber zu unsauber bist mir.“
Als ob ihr eine breite Hand heftig ins Gesicht geschlagen hätte, so fährt sie zurück. Und der Mühlesel ist augenblicklich entlassen gewesen. —
Wenn ich dir, teurer Philosoph, im Laufe dieses ereignisreichen Jahres etwa einmal die Neuigkeit mitgeteilt haben sollte, daß die Korruption gerade in den Städten wuchere, daß bei den Bauern im Gebirge allenthalben noch Zucht und Ehrbarkeit walte, dann nimm denselben Briefbogen, hänge ihn an die Wand und bekränze ihn mit faulem Stroh und Brennesseln. Und solltest du, mein lieber Menschensohn, durch irgend einen Zufall einmal Buben kriegen, so rate ich dir, daß du sie bei Zeiten das Baumschneideln lernen lassest. Man bleibt da oben bei den Waldvöglein wesentlich bauerngläubiger, als da hinten in den dämmernden Kammern und staubigen Mühlen.