Zweiundvierzigster Sonntag

Am zweiundvierzigsten Sonntag.

Himmlisch ist es geworden auf den Bergen, jetzt auf einmal wieder! Wie unvergleichlich schöner ist der stille, klare, beständige Herbst, als der launische, springende schlagende und stechende Mai — der Flegelmonat des Jahres. Könnte ich es dir zeigen, wie jetzt die Buchen und Kirschbäume in purpurnem Rot, die Ahorne und Lärchen in leuchtendem Golde stehen und die weiten Fichtenwaldungen in schwarzblauen Tinten dämmern. In den Wiesenthälern schimmert der silberne Reif und auf allen Höhen Sonnenschein, Sonnenschein! Der ganze Almgai ein bunter Strauß unter dem Glassturz des kristallklaren Himmels. — Mensch, ich habe nicht umsonst gefürchtet, poetisch zu werden, bevor dies Jahr zu Ende geht. Oder ist meine Sehkraft schärfer geworden, daß auf den grünen Almen die Sennhütten wie weiße Eierchen glänzen, daß im fernen Felsgebirge jede Runse, jedes Riff, jede Sandhalde und jeder Schneeflecken so deutlich und klar geworden ist, als liege das weite Luftmeer gar nimmer dazwischen. Ein kühler Berghauch bringt mir den Duft der Cyklamen, Gentianen und des feuchten Erdreichs.

Und in dieser neuen Schönheit ist das alte Leid. Wie mag sonst das Treiben des Herbstes hier sein? Die Felder und Gärten besäet mit heiteren Menschen, deren Stimmen erntefroh von Berg zu Berg klingen, den Vogelsang des Frühjahres reichlich ersetzend. Und in diesem Jahre? Alles tot, alles schweigend. Nur da und dort knallt ein Hirte mit der Peitsche, aber nicht aus Lust, sondern aus Unmut, weil die Rinderherde ruhelos Gras suchend auf dem frostversengten Rasen unstet umhergeht und immer über die Berainung hinauswill. Sonst haben sich auf freiem Anger herlebige Burschen zusammengefunden zum Singen, Ringen und zu anderer Kurzweil. Dies Jahr streichen sie zu einzeln mürrisch umher, sinnend und grübelnd, wohin sie nur ihr thätiges, begehrendes Wesen wenden sollen, wenn es in den heimatlichen Bergen nicht mehr zu leben ist. Und in den Gräben rauscht und rauscht immerwährend das Wasser, gleichsam im Traume lallend: Der ewige Herr im Bergland bin ich. Ich meißle den Fels und bröckle ihn ab. Ich baue die Alpen und reiße sie ein und trage sie dahin. Deine Felder und Häuser schwemme ich davon, o Mensch, und auch deine Gräber...

Und da, mein Freund, kommt es mir in den Sinn, ob diejenigen nicht doch am Ende recht haben, die den Menschen lostrennen wollen von der Gebirgsscholle, daß er sich in der weiten Welt eine wohnlichere Statt suche und gründe. — Nein, nein, die altständige Menschennatur stemmt sich dagegen, an nichts hängt sie so fest als an der Heimat. Und im Gebirge stehen die Geschlechter am längsten. Die Menschheit steht nirgends so fest gegründet, als im Bauerntum, und dieses nirgends so tief als in den Bergen. Wenn dieser Grund bricht, was soll dann noch halten? Können im Nomadentum alle Keime des Adamsgeschlechtes sich so reich und edel entwickeln als in der Bodenständigkeit? Nur unglückliche Völker wandern, Kain ist der erste Nomade gewesen. — Woher stammt unsere Kultur? Wo hat sie ihren Sitz, an alten festen Stätten oder auf der Straße? Industrie und Handel bauen über Nacht Städte, die auch wieder über Nacht zerfallen. Sie bauen nur Zelte. Das Bauerntum, dieser Granit der Menschheit, baut Häuser, und aus diesen Häusern sind immer wieder, eine reiche, überschüssige Kraft, diejenigen hervorgegangen, die da Burgen, Schlösser und Kirchen gegründet haben, und solche Städte, die jahrhundertelang wachsen, jahrhundertelang eine Blüte der Menschheit sind und jahrhundertelang brauchen, bis sie zerfallen. Und das Patriziertum, aus welchem sich Zucht, Gehorsam, Würde, Kraft, Treue, Vaterlandsliebe und gesellige Sitte organisch entwickelt hatte, wodurch soll es neu nachgefrischt und ersetzt werden? Es wird hinfällig sein, wenn die Bodenständigkeit aufhört, wenn der Bauer — sei es durch Unwetter und Bergwässer, sei es durch sociale Mächte — fortgeschwemmt wird von seiner Scholle.

Du weißt es, Freund, daß ich vor einem Jahre noch vom Bauerntum vielfach gesprochen habe wie ein Blinder von der Farbe. Ich liebte es wie eine Idylle von Salomon Geßner. Heute liebe ich es wie die Odyssee! In diesem Stande, mein Alfred, ist neben finsteren Gewalten eine Opferwilligkeit und eine stillduldende Liebe, die ans Heldenhafte grenzt. Es ist in ihm eine Kraft und eine Geistesthätigkeit, von der die Hochmutspinsel im Frack keine Ahnung haben. Und wenn ich auf dieser Welt je an Glück glauben könnte, ich würde es suchen und versuchen fern von der rasenden Welt im Frieden eines ländlichen Hauses, inmitten der ewig herrschenden Natur, die mich belebt, beschäftigt und ernährt, die man selbst in ihrem Grimme noch anbeten und lieben muß. — Und in dieser Erkenntnis habe ich mir vorgenommen, meinen armen Adamsleuten beizustehen, daß sie sich so lange als möglich auf ihrer alten Heimstatt halten können. Welch ein Elend auch hier sein mag, besonders wie in diesen Tagen, immer noch besser, als in der Fremde unstet sein und wehrlos vom wilden Zeitgeist hingerissen zu werden. Herrgott, wenn ich mir da draußen in den schwankenden Weiten meine alte Hausmutter denke! Oder mein treuherziges Mädel! — Wird mir doch schon ganz daumelig, wenn ich mir sie vorstelle als Lehrersfrau, mit Kind und Kegel von einem Schulhause zum andern wandernd. Ist es denn wirklich so großartig gut und klug, wenn man diese zwei Leute zusammenkuppelt für alle Tage, bloß weil sie sich einmal ein wenig lieb gehabt haben?

Am vorigen Sonntag, als wir nebeneinander knieten auf der Tischbank, um die gemeinsame Sonntagsandacht zu verrichten, hatte ich eine traumhafte Erscheinung. Schwebte plötzlich über den Häuptern eine Hand, und als ich aufschaute, war nichts und niemand in der Nähe. Es war eine flache, sich breitende Bauernhand gewesen, wie dem seligen Adam seine. Mir stockt hierauf das Gebet und die Barbel schaut mich betroffen an. — Man wird ja so anders, so ganz anders auf diesen feuchten Schollen — so als ob eine dunkle Seele aus ihr aufstiege, von der man sachte besessen wird. —

Nur gut, daß es doch wieder Ereignisse giebt, die mich gründlich ernüchtern. An einem Fichtenbaum ist mein Stolz zerschellt. Vernimm den Bericht.

Die Zeit des Streumachens ist da, um den Stallbewohnern für den Winter einen grünen Teppich zu schaffen, der dann allwöchentlich einmal erneuert werden muß. Das Stroh wird hier nicht zur Streu benutzt, auch wenn eins vorhanden ist, sondern mit Heu vermischt gefüttert. Waldmoos und Heidekraut will man den Baumwurzeln nicht rauben. Da giebt der Baum noch lieber seine grünen Äste, als seine feuchte, schützende Wurzeldecke. So kommt von acht zu acht Jahren der Bauer mit der Axt, steigt an dem Baumstamm empor und hackt die längsten und buschigsten Äste herab als Winterstreu für den Stall. Die zarten Zweige und Triebe, sowie den Wipfel läßt er dran. Damit soll sich der schwerverwundete Baum wieder erholen fürs nächstemal. Das ist nun eine ganz abscheuliche Einrichtung, allein der Bauer im Almgai behauptet, er wisse anderswie keine Stallstreu, oder mit anderer Streu keinen richtigen Dünger zu erzielen. Ich machte dagegen theoretische Einwendungen, die Hausmutter stützte sich auf Erfahrungen und schickte mich hinaus in den Wald. Da hätte ich nun ein paar scharfzackige Steigeisen an meine Füße schnallen sollen, hätte die Axt rückwärts in den Gürtel stecken und den Baum hinaufklettern sollen, wie eine Eichkatze, bis zum Wipfel.

Im vorigen Jahre waren noch drei vorhanden gewesen, die das Reisig von den Bäumen schneidelten, der Vater Adam, der Valentin und der Rocherl. Das Mädel hatte munter die gefallenen Äste in Büscheln gesammelt, die Hausmutter war mit Ochsen und Karren gekommen, um das „Graß“ in den Hof zu führen, wo es nachher kleingehackt und in Stößen unter Dach geschichtet worden für den Gebrauch im Winter. Die beiden Burschen sollen hoch auf den Bäumen gesungen und gejauchzt haben und sich geschaukelt, und im Schaukeln sogar von einem Wipfel zum andern gesprungen sein, voll Übermut. — Heute? Heute steht ein einziger da — kann nicht jauchzen und kann nicht schneideln. Das Ästeherabhacken wäre freilich keine Kunst, aber das Hinaufsteigen! Die Hausmutter selbst hat mir die Steigeisen angeschnallt, die Barbel hat mich im Klettern unterwiesen, wie man mit den scharfen Eisenzacken hoch an dem Stamme weit fester stehe, als in gewöhnlichen Schuhen auf dem Erdboden, wie man mit dem einen Arm den Stamm umschlinge, als hätte man ihn sehr lieb, und mit dem andern Arm die Äste abhacke, daß sie lustig niederrauschen. — Und ich? Mensuren habe ich geschlagen und in der Armee wird man auch nicht gerade für allzugroße Furchtsamkeit abgerichtet. Also frisch an! Aber wie hoch? Als es so weit war, wo der Baum sachte mit mir zu schaukeln begann, wo der Stamm mit jedem Hieb zuckte, als wollte er mich abschütteln und sich wie eine Schlange unter mir bog, just zum abspringen, da war der Feigling fertig. Die Glieder huben mir an zu zittern, der Wald begann zu kreisen — rasch mußte ich bodenwärts.

„Mein Gott!“ sagte die alte Hausmutter, „wenn unsereins das dumme Weibergewand nit hätt, mit dem man überall hängen bleibt, mich däucht’, ich wollt’ selber hinauf.“

Du kannst dir denken, wie anmutig ich dagestanden bin. „’s ist mir just das Blut zu Kopf gestiegen,“ sagte ich, bloß um etwas zu sagen.

„Bis du’s noch einmal probierst, wird’s schon gehen,“ redete mir die Hausmutter zu, „anfangs ist einer, der’s nicht gewohnt, halt ein bissel schwindlig.“

„Mutter!“ sagte jetzt das Mädel, „den Hansel lassen wir nit mehr hinauf. Er macht alles zu geschwind, spießt mit den Steigeisen nit ordentlich ein, und anhalten thut er sich auch zu wenig. Da könnt’ wirklich was geschehen.“

Also, wegen Tollkühnheit darf ich nicht mehr hinauf! Auch gut.

Was nun machen? Es droht der Winter und das Reisig muß herab. Wenn der alte Soldat schon zu — tollkühn ist, um auf die Bäume zu steigen, so muß man ihn umtauschen. Die Hausmutter schickt zum Kulmbock hinüber und läßt bitten um einen Baumschneidler. Der Kulmbock ist nicht daheim und sein Weib läßt zurücksagen, sie brauche ihre Leute selber und müsse jetzt die Mühlbrücke zimmern lassen, die das Wildwasser zerrissen hat. Ob denn der „herrische Knecht“ nicht baumschneideln könne?

Darauf läßt die Barbel zurücksagen: Der zugereiste Knecht könne das Baumschneideln sehr gut, aber man dürfe ihn nicht hinauflassen, weil er zu hitzig sei und den Vorteil nicht achte. Hingegen wolle man den Hansel zum Brückenbauen hinüberschicken, wenn die Kulmbock-Bäuerin dafür ihren Weidbuben zum Baumschneideln herüberthue. Es handle sich bei diesem Wechsel nur um etliche Tage, dann könne sie den Weidbuben wieder haben.

So werde ich für diese kommende Woche vertauscht, wie etwas Unbrauchbares gegen Brauchbares. Die Blamage wäre reichlich groß genug gewesen für einen Selbstmord, hätte das wundervolle Mädel aus meiner Feigheit nicht eine so unverantwortliche Waghalsigkeit gemacht. — Was nützt mir das, wenn sie’s selber nicht glaubt!

Noch gestern abends bin ich heimlich in den Wald gegangen und hab’s versucht mit einem Baum. Dieselbe Lumperei. Wie er schaukelt, packt mich der Schwindel und ich muß zurück. Bin nachher gar nicht zum Nachtmahl erschienen. Kopfweh hab’ ich gedichtet. — Und morgen früh hinüber in den protzigen Kulmbockhof zum Brückenbau.

Noch etwas für heute. Das letzte Mal wurde dir ausführlich mitgeteilt, wie wir den Rocherl gesucht, dann seine Flinte gefunden und in unser Haus zurückgetragen haben, um sie auf ihrem alten Platz an den Nagel zu hängen. Denke dir, sie hängt nicht mehr dort. Eines Morgens war sie weg. Er hat sie sicher selbst geholt. Dieser unbegreifliche Mensch! Die alte Marenzel meint, die Bleikugel in der Hand müsse ihm das Blut und das Gehirn vergiftet haben. Jetzt suchen ihn auch schon die Landwächter. — Nicht eine Stunde sind wir sicher vor einem furchtbaren Verhängnis.