Einundvierzigster Sonntag
Am einundvierzigsten Sonntage.
Die Einlage deines Schreibens vom 2. dieses hat mich nicht wenig überrascht. Nein, so war’s nicht gemeint. Am Ende bedarf ich auch jetzt noch deines lieben Zuspruches mehr, als des Geldes, obschon diese materialistische Anwandlung deiner Philosophie sich im Grunde gar nicht so übel macht. Zurückzahlen kann ich dir den Betrag nur durch einen Wechsel, durch einen Schicksalswechsel. Vom Bauernknecht hast schlechterdings nichts zu erwarten. Diese Kerle zahlen nicht. Wenn der Journalist oder der Schriftsteller nicht kreditfähiger sein sollte! — Ich will ja groß niedersteigen vom Berge des Adamshauses, zu euch, mit einem Buckelkorb voll Geistesdünger, und eine litterarische Wirtschaft anfangen. Ganz frischen, sehr kräftig duftenden Naturalismus bringe ich mit hinab. Das heißt, in meinen Romanen sollen die Idealisten als solche sehr naturalistisch geschildert werden. Damit kann jede Litteraturrichtung zufrieden sein und der Gläubiger hoffentlich auch.
Nun wisse aber, guter Freund, daß ich mit deinem Hundertguldenschein in großer Verlegenheit war. In der hiesigen Bauernschaft hat ihn niemand zerlegen können, nicht einmal der Hoisendorfer Kirchenwirt, trotz seines Tischtrühleins voll Scheidemünzen. Erst aus Kailing ist Hilfe gekommen. Da fiel mir jener Goldklumpen in der Wüste ein und daß eine Kornähre mehr wert ist, als der schönste nagelneue Tausendguldenschein. Bargeld wird erst Wert, wenn Erdsegen dazukommt. — Stimmt’s?
Dein Anerbieten, daß du dich nach den gegenwärtigen Verhältnissen der „Kontinental-Post“ erkundigen willst, besonders, wie es mit dem Zeugen Lobensteiner steht, nehme ich mit großem Danke zur Kenntnis. Frage doch auch nach, wie es dem Reporter in der Nervenklinik geht. Entsinnt sich dieser noch auf den Fall, dann hielte ich die Geschichte jedenfalls für gewonnen. Übrigens ist es mir undenkbar, daß Doktor Stein auskneifen könnte. Wettschuld ist Spielschuld und Spielschuld ist Ehrensache. Die einzige Ehrensache, auf die sogar auch der Lump noch was hält.
Und nun wieder zu meinen Berichten.
Der schreckliche Rocherl ist immer noch in Verstoß. Der Hausmutter wurde nahegelegt, seinen Verlust auf den Kanzeln verkünden zu lassen. Sie will aber die Schmach eines durchgegangenen Kindes nicht an die große Glocke hängen. Wir haben ihn ja eigentlich schon fast einmal gehabt. Am vorigen Mittwoch hat uns der Jäger Konrad sagen lassen, daß der Rocherl sich in der Legwindhütte aufhalte. Das ist keine erfreuliche Nachricht, so froh man auch über die gefundene Spur sein muß. Die Legwindhütte im Fuchsgraben ist eine abgekommene Almwirtschaft, in der sich gern allerlei Gesindel aufhält. Landstreicher, Wilddiebe, neuestens sogar verrufene Weibsbilder, will unser Gemeindevorstand wissen. Von Zeit zu Zeit räumen Gendarmen das Nest; aber allmählich füllt es sich wieder mit zweifelhaften Leuten, die bei der alten Legwindhütterin Zuflucht suchen, dort ihre Kartoffeln braten und ihr für den Unterstand manchen Bissen zubringen. Was den Jungen bestimmen soll, gerade in dieser Höhle zu hocken?
Nun, so sind wir am letzten Donnerstage ausgezogen zur Fange. Die Hausmutter, die Barbel und ich. Die Barbel wollte anfangs nicht mit. Sie scheint zu ahnen, daß der Rocherl sich jetzt sozusagen auf Menschenwild-Jägerei verlegt. Sie spricht von ihm, wie von einem Kranken. Und hat sie die Bemerkung gethan: „Mein Gott, man weiß gar nicht, was es manchmal für ein Glück ist, wenn liebe Leute sterben. Hätte ihn der Jäger damals anders getroffen, so hätte ich jetzt einen Bruder im Himmel.“
Es war das härteste Wort, das ich je von dem Mädel gehört habe. Die Mutter hat sie gleich derb zurechtgewiesen: „Red’ nur du nit! Ich hätt’ meine Tochter auch lieber als Jungfrau im Himmel —“
Da muß man sich ins Mittel legen. Ist der stets beschwichtigende Adamvater nicht mehr da, so muß ein anderer dran.
„Das wäre nicht schlecht!“ sage ich. „Böse Red’ darüber, weil im Himmel die Engel sind und auf Erden die Menschen.“
Wie mich auf dieses Wort das Mädel dankbar anblickt! Gott, hat die ein Augenlicht!
Darauf habe ich mich kühn auf den Evangelisten gespielt, der Herr habe mehr Freude an einem wiedergefundenen Schafe, als an neunundneunzig verlorenen. Und darum wollten wir getrost ausziehen, das verlorene wiederzufinden. — So schief dieser Bibelausspruch geraten ist, sie waren dankbar dafür.
Dann sind wir hineingegangen über die Almen und hinten hinab in den Fuchsgraben. Die Hausmutter war sehr kriegerisch gestimmt; von ihrem Stecken schien sie etwas zu erwarten, den sie bei jedem Schritte fest in den Boden stieß. Die Barbel aber meinte doch, daß man mit Stecken keine verlaufenen Schafe locke. Als wir der Legwindhütte nahe kamen, sagte sie: „Gelt, Mutter, wir wollen recht gut mit ihm sein, wenn wir ihn finden.“
„Den Stecken schlag’ ich heut mitten ab!“ rief die Hausmutter und schwang ihren Haselstab. „Über wen, das werden wir schon noch sehen. Verführt ist er worden!“
Wir kommen in die Schlucht hinab. Die Büsche gilben, aber die Blätter hängen noch an den Zweigen. Den Fuchsgraben hat das Hagelwetter verschont, es hätte sich wohl kaum ausgezahlt, hier über Hasel- und wilde Beerensträucher den kalten Zorn des Himmels niederzuschleudern. Die Hänge sind mit Brombeerstrauchgewinden übersponnen, darin krauchen einzelne Gestalten umher und halten Mittagsmahl bei den dorrenden Früchten. An der Felswand lehnt die Legwindhütte, aus braunen Steinen roh gemauert; der bindende Mörtel ist schon aus den Fugen geschwemmt. An Thür- und Fensterstöcken hat der Regen die schiefergrauen Holzfasern bloßgespült, die Fensterscheiben bestehen teils aus erblindetem Glase, teils aus Papier, teils aus Lappenballen. Die Dachbretter sind mit Steinen beschwert. Daneben, mit zerzausten Strohschauben geflickt, eine Art Ziegen- oder Schweinestall. Das Ganze ist mit Sauerampfern, Brennesseln und unsauberen Dingen umwuchert. Da hast du die Herrlichkeit, die in jedem Salon hängen kann — auf der Leinwand. Am Bache, der in der steinigen Schlucht niederrauscht, kniet die alte Hexe und schwemmt eine blaue Männerhose durch. Ich trete zu ihr, schüttle sie an der spitzen Schulter und schreie zur Wette mit dem Wasser, wo der Adamshauser-Sohn wäre? Sie glotzt mich dumm an, sie sei die Legwindhütterin und wisse nichts von einem Adamshauser-Sohn.
„Aber sie wäscht ja gerade seine Barchenthose!“ sagt die Barbel.
Dann ist er im Neste. Wir dringen in die Hütte. An dem schrillen Winseln der rostigen Thürbänder erkenne ich die kluge Wachsamkeit der Unterstandgeberin. In der dumpfmürfelnden Stube ist mein erstes, daß ich mir den Kopf an den Trambaum stoße. Die Beine verstricken sich in Stroh, das auf dem Boden wüst herumliegt und stellenweise mit alten Kleidungsstücken bedeckt ist. Auf dem wurmstichigen Tische liegt ein abgegriffenes Kartenspiel und stehen geleerte Schnapsgläschen, in denen Fliegen kleben. Am rußigen Kachelofen hängen nasse Hemdenreste. Zu sehen ist niemand. Wir treten in die Küche, wobei die Barbel ängstlich meinen Arm umfaßt, denn es ist dunkel und die morschen Fußdielen wanken unter den Tritten. Nach faulen Rüben riecht es und in der glosenden Herdglut liegen halbverkohlte Kartoffeln. Auch hier niemand vorhanden. Dann steige ich die Sprossenleiter hinauf in das Dachgelaß. Dort, im Heu vergraben, liegt einer, ich sehe nur das schwarze zottige Haupthaar. Bald hebt er sich und brüllt: „Wer ist da?“
„Das frage ich!“ meine Antwort.
Er richtet sich aus dem Wuste hervor: „Das fragst du? Gut, schöner Herr, du sollst es hören. Aber komm’ mir nit in die Nähe. Es ist ungesund, da heroben. Ich bin ein doppelter, wenn du es wissen willst. Der bayerische Hiesel und der Schinderhans.“
„Ah, guten Morgen, meine Herren!“ lache ich. „Dann ist wohl einer von euch beiden so gut, mir zu sagen, ob nicht noch ein dritter da ist, der sich Rochus Weiler nennt.“
„Weiß nix,“ antwortet die Stimme.
„So weiß es vielleicht der andere.“
„Weiß auch nix,“ antwortet dieselbe Stimme. Nun merke ich, es ist ja überhaupt nur einer da.
„Er trägt eine Hand in der Binde,“ erkläre ich.
„So, den Einhandel meint der Herr. Kann nit weit sein, weil seine Pfeife dort ist.“
Seine Pfeife, das war unsere alte Flinte, die wahrhaftig im Dachwinkel lehnte. Weil wir drinnen und draußen keinen Rocherl vorfanden, so habe ich die Flinte auseinander gethan und zu mir gesteckt.
Oberhalb der Hütte auf dem Moosfilz haben wir uns niedergesetzt, haben gewartet bis in den späten Abend. Mancher arme Schelm ist aus Strupp und Kraut herbeigekommen zur Hütte, hinein und wieder heraus und träge an ihr herumgeschlichen. Der Rocherl war nicht zu sehen. Unverrichteter Sache sind wir nach Hause gekommen um Mitternacht.
„Weil wir nur das haben,“ sagte die Barbel, als ich die alte Flinte an den Nagel hing. Im Vorhause war es ganz finster. Als wir auseinandergehend uns Gute Nacht sagten, tastete sie nach meiner Hand und sprach: „Ich danke dir, Hansel, daß du mit uns gegangen bist.“ Und so weich und warm sind ihre Finger gelegen einen kurzen Augenblick auf meinem Gelenke.
Philosoph, Philosoph! Das Mädel wird lebendig!