Vierzigster Sonntag
Am vierzigsten Sonntage.
Meine Sonntagsbriefe fingen an, dir sehr weh zu thun, schreibst du. Siehe, das freut mich. Ich wünsche dir kein anderes Leid, als das Mitleid. Daß du mit uns Mitleid hast, das thut mir wohl.
Die heutigen Mitteilungen werden auch gerade keine Frohbotschaften sein, obschon der Herbsthimmel über uns sonnig blau ist und aus der Erde ein frisches Frühjahrsgrün sprießt. — Dieser junge dumme Mensch? Er bleibt verschollen. Wir vermuteten schon, daß er nach Laibach gereist sein könnte, um seinen Bruder von der Strafe loszubitten. Wenn es sein könnte, er würde selber für den Valentin einspringen; es ist eine verzehrende Leidenschaft in seiner Liebe, wie in seinem Hasse. Der Soldat hat übrigens einen Brief geschrieben, bei dem die Hausmutter vor Freude in die Hände geklatscht hat, wie ein alter Drescher auf dem Tanzboden. In Berücksichtigung der besonderen Umstände, die wir dem Herrn Obersten bittweise auseinander gesetzt hatten, habe es mit achtundvierzig Stunden Stockhaus sein Bewenden gehabt. Diesen Obersten — und wäre sein Schnurrbart noch so struppig — möchte ich dir abküssen, wie ein Kirchweihtanzmädel!
Apropos, Mädel! Mein Mädel! Das heißt unseres! Das heißt, seines, des Lehrers Mädel! Es ist aus dem Bette, aus der Kammer. Es zieht bereits Rüben aus der Erde und hat sogar schon wieder einmal gelacht. Am vorigen Mittwoch, als wir abends um den Herd herumsitzen und von den eingebrachten Rüben das Kraut wegschneiden, zündet die Barbel den Leuchtspan an. Dabei fällt ihr ein Fünklein aus die Hand. „Auwehtschl!“ ruft sie aus und thut ein helles Lachen. Es war um sechs Uhr zwanzig Minuten. Wie Osterglockenklingen ist es durchs ganze Haus gegangen, dieses Lachen. Groß gewundert hätte es mich nicht, wenn der Adam davon wach geworden wäre in seinem tiefen Bette. — Wenn er dazumal dieses Lachen von ihr hätte hören können, er würde freilich heute noch leben. Sogar dem dummen Jungen wollte ich es gewünscht haben. Dieses Menschenlerchengetriller möchte doch wohl imstande sein, ihn wieder herbeizulocken zum heimatlichen Herde. Was hat er’s not, mit der Flinte in den Wäldern umzustreichen, wenn daheim die Barbel lacht? — Und warum hat sie gelacht? Weil ihr der heiße Funke ans Fleisch flog. Die muß ein kurioses Feuer ausgestanden haben, wenn sie ein Leuchtspanfunke bloß lachen macht!
Noch in der Nacht bin ich hinabgegangen ins Schulhaus und habe ans Fenster getrommelt.
„Was ist denn los?“ ruft der Guido schlaftrunken.
„Die Barbel hat gelacht!“
Da ist er aufgestanden, hat mich hineingelassen und haben uns zum Kerzenlicht gesetzt an den Tisch. Dann sage ich: „Will man die Weibsbilder schon nicht freien, wenn sie weinen, so muß man sie freien, wenn sie lachen.“
„Nun ja,“ antwortet er, „bestimmen wir gleich den Tag. Alles andere ist schon in Ordnung. Du weißt ja, wie es steht.“
„So sollst auch du es von meiner Seite wissen,“ sage ich. „Ändern wird’s hoffentlich nichts an dir, wenn du erfährst, daß ich die Wette auf dem Prozeßwege werde suchen müssen.“
„Deine Wette mit dem Stein von Stein? Einen Prozeß? Hans, den verlierst du!“
„Dann, Winter, erlebst auch du in diesem Jahre noch deinen Hagelschlag.“
„Ha, ha!“ lacht er, „gegen Hagelschläge ist ein Schullehrer aufs Beste versichert.“
„Mit der Ausstattung wird’s happern —“
„Vorstrecken kannst du mir nichts?“ unterbricht er mich. „Das wird sauer werden, Teufel noch einmal.“
„Daß du dich am Ende besinnst, Guido!“
Er geht in seinem Nachtkleide die Stube auf und ab: „Das wird sauer werden!“
„Ich möchte es nicht erleben! Wenn du mir jetzt ihr Lachen unterbrichst!“
Die Kerze ist zu Rande. Er zündet keine neue an denn es ist keine mehr im Hause. Dieweilen der Dochtrest noch glimmt im Leuchter, wandelt er über den Fußboden hin und wieder und hadert, warum gerade er das bissel Erbsünde so hart büßen müsse!
Sage ich: „Der Strick schneidet gerade dem am tiefsten ins Fleisch, der sich am meisten dagegen sträubt. Warum du dich gar so sehr fürchtest vor dem Schweiß des Angesichtes, wie es sich für einen ordentlichen Erbsünder gehört. Nimm doch ein Stück vom Adamshauser Grund und baue Kartoffeln!“
Steht er still und sagt: „Du hast recht. Wenn ich’s in meinem jetzigen Fach nicht weiter bringe, so baue ich Kohl und Kartoffeln. Dabei ist noch niemand verhungert. — Sie kann’s schon und ich werde es lernen.“
„Das stimmt, Lehrer, das stimmt! Ich hätte dich ja doch erwürgt, wenn du mir das Mädel sitzen ließest.“
Nun wird er neuerdings nachdenklich und meint, er wäre sehr sonderbar dran. „Will ich nicht, so würgest du, und will ich, so würgt ein Anderer.“
„Ein Anderer? Wie meinst du das?“
„Dann müßte ich noch einmal Licht machen“, sagt er, „denn im Dunkeln ist’s unheimlich, von solchen Sachen zu sprechen. Ich wollte es eigentlich für mich behalten. Doch weil wir schon dran sind. Weitersagen sollst es nicht, denn es kann mich getäuscht haben. Es kann ein Anderer gewesen sein. — Er soll ja dem Bruder nach sein, sagt ihr.“
„Sprichst du vom Rocherl?“
„Gestern abends, als ich durch den Edelbrand gehe, fällt es mir auf, daß hinter einem Stein, der unter Rotkiefern steht, sich etwas bewegt, ein Mensch, der sich duckt. Wie ich hintreten will, um zu sehen, wer es ist, springt Einer auf und in das Dickicht. Ein Schußgewehr hat er bei sich gehabt und der Adamshauser Rocherl ist’s gewesen.“
„Hast du ihn sicher erkannt?“
„Ich werde mich nicht getäuscht haben. Er hatte eine Hand in der Binde. Mit der andern hat er auf mich schießen wollen, ich bin überzeugt.“
„Lehrer!“ sage ich, „solche Dinge redet man nicht so leichtsinnig heraus. Auf dich schießen wollen, was ist das für eine Rede! Erstens ist er’s gar nicht gewesen, in der Binde können auch andere Leute ihre Hände tragen und zweitens ist’s ein windiger Wildschütz gewesen, den du auf seinem Anstand gestört hast.“
Der Winter versetzt: „Gut, ich will sagen, es kann mich betrogen haben, ich will es sagen. Bei mir selber bin ich fest überzeugt, es war der Rocherl und der hat mich erschießen wollen.“
„So sage doch, welche Gründe du hast zu dem fürchterlichen Argwohn! Müßte denn schon das böse Gewissen sein über dein fortwährendes Säumen mit der Barbel. Es hat ja thatsächlich den Anschein, als wolltest du auskneifen, in diesem Falle wäre ein faustischer Valentin ganz an rechter Stelle.“
„Mein Lieber!“ sagt er, „wenn dieser Mensch nach dem Verlobten seiner Schwester schießt, so ist es — Eifersucht.“
Ich stutze, also wäre ich mit meinem Verdachte doch nicht allein. Aber zugegeben habe ich es dem Lehrer nicht.
„Sei es wie immer, Guido, mache Hochzeit und es wird alles anders sein. Schon dieses tollen Knaben wegen — wenn es so wäre.“
Daraus redete er eine Weile noch so herum, das einemal ist’s ganz sicher, das anderemal frägt es sich um Wenn und Aber, und man dürfe sich in solchen wichtigen Angelegenheiten nicht übereilen und wenn er jetzt sofort heirate, sehe es ja genau so aus, als ob er sich durch den angedrohten Schuß habe schrecken und zwingen lassen. Nein, auf solche Weise kriege man einen Guido Winter nicht herum, der wisse schließlich immer noch selber am besten, wann und wen er heiraten wolle.
„Weiter,“ sage ich, „das klingt schon entschiedener, das ist schon kein Auskneifen mehr, das riecht nach offener Absage.“
„Was du schon wieder deutelst!“ ruft er und lacht auf. „Na, damit ihr ruhig schlafen könnt all miteinander — soll’s noch in der Allerseelenwoche sein? Gut, also gleich danach.“
Zwölf Tage nach Allerseelen — das ist ein Sonntag. An diesem Tage will er sich mit ihr trauen lassen.
Ich bin dir redlich froh, einen Tag festgenagelt zu wissen, daß endlich die Herzen zur Ruhe kommen im Adamshause....
Wenn mir der Winter auf das Mädel gut ist, dann will ich auch noch andere schöne Charakterzüge von ihm aufschreiben. Zum Beispiel.
Vor einigen Tagen war’s. Während der Schulstunden hat sich ein vagabundierender Handwerksbursche in das Wohnzimmer des Lehrers geschlichen und ein Paar Schuhe gestohlen. Bei der Bachbrücke unten, während er sie an seine Füße thun will, ist er schon aufgegriffen worden. Noch keck war der Kerl.
„Was wollt’s denn?“ sagte er, „glaubt’s ’leicht, unsereiner mag im kalten Reif und Schnee barfuß umsteigen, wenn jetzt der Winter kommt! Dieweil der Herr ein überflüssiges Paar unter seinem Bette stehen hat! Soll zusperren die Thür, wenn er will, daß ihm nichts gestohlen wird! Ist eine Schlamperei, das. Ich bin eh noch gut gewesen. Ein anderer hätt’ auch den Wettermantel mitgenommen. Hätt’ mir wohlgethan. Na, denk’ ich, das nit, stehlen thust nit. Nur das Paar Schuh nimmst mit. Das wird etwan doch nix Schlechtes sein, wenn er sie nit braucht. Goscht eh schon, beim Spitz, der eine!“
„Wissen Sie was,“ sagte hierauf der Lehrer, „die Schuhe sollen Sie haben. Müssen mir dafür aber eine Fuhr Brennholz klieben.“
„Schmutzian!“ knurrte der Vagabund und wirft ihm die Schuhe vor die Füße: „Da hat Er seinen Dreck! Thut eh schon die Goschen auf.“
Wer im Gebirge die Polizei rufen wollte, den würde das Echo ausspotten. Deshalb hat der Lehrer den alten Gauch bei den Ohren genommen und so wacker geschüttelt, daß das Zähneklappern bis zum Wirtshaus hinauf gehört worden ist. Das hat den Vagabunden aber noch lange nicht um seinen Humor gebracht. Bevor er davon lief, hat er sich beide Hände an die Ohren gehalten: „Die Hörwascheln wären jetzt freilich heiß, aber die Zehen frieren.“
Darauf hat der Lehrer die Schuhe dem frierenden armen Teufel nachgeworfen. — Hoffentlich reut es ihn nicht, wenn er sich sein nun einziges Paar an den Füßen blank wichsen muß.
In der Schule ist der Lehrer seiner Sache sehr sicher, da macht er’s weder sich noch den Kindern zur Qual. Die Kleinen läßt er A, B, C sagen und Wörter lesen und auswendige Sprüchlein herbeten. Nach dem Inhalt wird nicht viel gefragt, das hält zu lange auf. Die Eltern fragen ja auch nicht, was das Wort bedeutet, sie sind’s zufrieden, wenn’s der Schüler flüssig lesen kann. Recht lesen ist gut, aber schnell lesen ist besser, denken sie, weil das nicht viel Zeit kostet. Beim Ausfragen weiß fast jeder Schüler flink Antwort. „Wieviel ist zweimal sieben?“ fragt der Lehrer. — „Zweimal sieben ist — ist — ist —“ stottert der Schüler. Der Lehrer hilft nach: „Ist vierz...“ — „Ist vierzehn!“ — „Brav, Michel, das geht ja ganz gut.“ Und so kommen sie glatt über den Stoff hinweg. Zum Wiedervergessenwerden ist’s gut genug gemacht, denkt sich der Winter, und im nächsten Jahre würde es schon besser gehen. Nach der Schule, am Waldrain, wenn der Winter ein Hummelnest besichtigt oder ein zuckendes Fröschlein in die Hand nimmt, da stehen sie um ihn herum im engen Kreise und schauen, was er macht, und hören, was er sagt, und merken sich alles. Aber ob bei der Schulprüfung der Herr Inspektor fragen wird, wie weit am Waldrain die gelbgefleckten Molche ihre Mäuler aufthun oder wie die Eichhörnchen ihre Nester bauen, das möchte ich doch zu bedenken geben. Manchmal bestellt der Lehrer den Vorgeschrittensten der Klasse zum Schulhalten, dieweilen er selbst im Stübel seine Schuhe nagelt oder losgelöste Knöpfe in den Rock näht, und wenn sie die Rechenaufgaben gut gemacht haben, dann dürfen sie nach der Schule mit ihm Käfer suchen gehen. Freilich machen sie die Aufgaben gut, weil sie einer vom andern abschreibt. Wozu soll denn jeder extra noch für sich das Pulver erfinden, wenn’s der eine schon erfunden hat! Er sieht die Rechnungen auch weiter nicht durch, Pedanterie ist nie sein Fehler gewesen, und nach den Schulstunden ist er selbst immer der froheste. — Das Beste an allem ist, daß die Kinder dem Lehrer sehr zugethan sind, und er in Sachen des Betragens auf sie Einfluß hat. Es ist noch keine Sittlichkeitsklage vorgekommen. Alles andere wird sich schon geben. Rechnen lernt der Mensch erst, wenn es sich nicht mehr um Ziffern und Fleißzetteln handelt, sondern um wahrhaftige Kornmetzen, Holzmetern, Gulden und Kreuzer. Und andererseits, meint der Winter, könne es dem besten Mathematiker passieren, daß er sich im Leben manchmal verrechnet.
Ich kenne auch jemanden, der gut lesen, schreiben und rechnen kann und doch bis heute nicht weiß, woran er ist. Dieser jemand las in seinen Augen, verschrieb ihm das Herz und rechnete auf Treue.
Im Ganzen, muß ich dir gestehen, kennt man sich nicht aus. Manchmal kommt mir vor, der Kerl hätte zwei Seiten, wie Krämerloden. Auf der einen strammer Moralist, und wendet man ihn: Bruder Liederlich.
Was er nur aus der Barbel machen wird? Oder sie aus ihm? — Das Letztere wäre mir nicht bange.