Arthur heißt er!

Wenn wir fahren, so brauche ich nicht zu gehen, mochte meine Taschenuhr gedacht haben, denn als der Zug in den Wiener Südbahnhof brauste und ich nachsehen wollte, wie viel wir Verspätung gehabt hatten, fand ich das nette Knödelchen stehen. Ich trieb sie neu auf, ich laborirte mit einer Stecknadel im Werke, es war vergebens; selbst das unbeschreibliche Schütteln und Stoßen des Einspänners, der mich in mein Hotel räderte, war nicht im Stande, die Uhr aus ihrer Betäubung zu wecken. Sofort begab ich mich noch an demselben Abend, obwohl es schon spät war, zu einem Uhrmacher; denn meine einzige Begleiterin, die mir buchstäblich sehr am Herzen lag, die mir Rath und Antwort wußte für alle Fragen der Zeit, sie durfte nicht krank sein!

Ich fand im ganzen Stadttheil nur mehr eine einzige, kleine Uhrmacherwerkstatt offen. In derselben saß vor einer grünbeschirmten Petroleumlampe ein kaum erwachsenes Mädchen, welches eifrig bestrebt war, die Gehäuse verschiedener Cylinder- und Ankeruhren blank zu machen.

Als ich eintrat, erhob es sich und fragte: „Was wünschen?“

In dem Augenblick, als ich der kleinen Uhrmacherin in’s Auge blickte und bestrebt war, meinen Wunsch zu proclamiren, fühlte ich in meiner Westentasche lebhaftes Ticken; aha, jetzt geht sie wieder, dachte ich mir, aber es war nicht die Uhr, es war mein heftig pochendes Herz gewesen.

„Mein Fräulein,“ sagte ich, indem ich die Uhr aus der Tasche zog, „sie will nicht gehen.“

„Schön! Ist sie aufgetrieben?“

Ich fühlte mich im Drange des Momentes berufen, der Kleinen irgend etwas Artiges zu sagen, denn es gab unter allen Zifferblättern, die an der Wand herumhingen, keines, das so mild und weiß gewesen wäre, wie ihr Gesichtchen. Mit lebhaftem Bedauern dachte ich an meinen staubigen Reiseanzug, an die Wirren meiner Haare; doch welcher müde Reisende würde noch am Abend wegen eines Geschäftes im Uhrmacherladen Toilette gemacht haben!

„Aufgetrieben, ja,“ antwortete ich, „mein silbernes Cylinderchen da spielt offenbar Cabale gegen mich, um in die Hand eines so liebenswürdigen Fräuleins —“

In diesem Augenblick flog die Thür auf und ein eleganter junger Mensch trat herein.

„Servus, Malchen! — Numero sicher?“

„Morgen, Arthur; Papa kann den Moment kommen, er wird mich nach Hause begleiten!“

Der junge Mann hatte seine Cigarrette auf ein Pult gelegt und mit der unbefangensten Miene von Wien drückte er dem Fräulein einen Schmatz auf das liebe Zifferblättchen, welches eben die gute Stunde zeigte.

„Arthur, leb’ wohl! Morgen also!“

„Morgen neun Uhr Abends. Adieu, Herz!“

Der junge Mensch nahm wieder seine Cigarrette und eilte fort.

„Und bis wann wollen Sie sie haben, mein Herr?“ fragte mich das Mädchen gleichgiltig, indem sie meine Uhr an einen Nagel hing.

„Bis morgen vielleicht,“ sagte ich, „bekomme ich eine Marke?“

„Werden Sie die Uhr selbst holen?“

„Jedenfalls.“

„So brauchen Sie keine Marke. Haben Sie also die Güte, sich morgen im Laufe des Nachmittags anzufragen! ’schamster Diener!“

Ich stand wieder auf der Gasse und ich dachte nach, wie das sonderbar ist, wenn ein so reizendes Mädchen plötzlich zu einem „gehorsamen Diener“ wird.

Am andern Morgen zog sich der Lohndiener meines Hotels eine sehr ernste Rüge von mir zu, weil er meine Kleider nicht ganz in den gewünschten Zustand versetzt hatte.

Ich wollte heute einmal Alles sehr blank und glatt haben.

Der hübschen Uhrmacherstochter halber, meint Ihr? I bewahre! Ich hatte ja Besuche bei Freunden, bei Gönnern vor — und wenn’s auch ein wenig der Sackuhr wegen gewesen wäre, die ich heute abzuholen hatte! — Kurz und gut, der Lohndiener erhielt seine Rüge.

Unmittelbar nach dem Frühstück ließ ich mir die Haare schneiden und las dabei die Morgenblätter. Das ist von der Natur so weise eingerichtet, daß, während die Augen Morgenblätter lesen, die Ohren für den ewig sprudelnden Redequell des Friseurs frei sind. Nachdem dieser den Rapport entgegengenommen hatte, daß die Haare am Hinterkopfe glatt zu scheeren und vorn nur zu stutzen seien, begann er, begleitet von dem Wispern der Scheere, zu sprechen. Fast in einem einzigen Athemzuge sprach er vom Wetter, vom Theater, von Regenwürmern, von Arbeiterversammlungen, von Apolloseifen, vom Stefansthurme, von Schlafröcken, von der Pferdebahn, vom Donaubad u. s. w. — Plötzlich rief er aus: „Pardon!“

„Was haben Sie?“

„Soll ich Euer Gnaden nach der neuesten Façon etwa die Locken auch vorn glatt scheeren?“

„Pfui Teufel, so geschmacklos!“

„Ich dächte, Fieschi?“

„Aber nein, sag’ ich, blos stutzen!“

„Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung, Euer Gnaden, es geschah im Eifer der Unterhaltung, ich hab’ Euer Gnaden ganz glatt geschoren.“

Ich sprang auf, blickte in den Spiegel, taumelte zurück — Gott im Himmel, das war nicht geschoren, das war ja förmlich rasirt!

Was war zu machen? Ich klagte nicht, ich fluchte nicht — in stiller Resignation verließ ich das Haus und der Hut sank mir tief in die Stirne.

Die Herren, bei denen ich meine Aufwartung machte, verwanden es; doch, wo ich Damen vorgestellt wurde, da gab es in einemfort zu lachen; da wurde der Hund oder der Vogel oder die Katze, oder was Anderes vorgeschützt, das so „urkomisch“ sei, aber ich wußte wohl, daß es der geschorene Chinese war, der das Zwerchfell so unwiderstehlich reizte.

Ich suchte nach beruhigenden Gedanken: für den Sommer ist’s am Ende ja praktisch so, und bis der Winter kommt, ist Alles wieder ausgeglichen; also nur kein graues Haar wachsen lassen, es wird schon noch dunkelbraunes kommen!

Sofort durchzog ich wieder mit lustigem Gemüthe die Stadt, bestieg den Stefansthurm, besuchte einige Galerien und verschaffte mir eine Eintrittskarte in das Opernhaus.

Gegen Abend begab ich mich in mein Uhrmachergeschäft. Malchen war wieder da und rieb Gehäuse und Silberketten blank; am Pulte saß ein mürrisch aussehender alter Mann und feilte an einem Messingdraht.

„Wünschen?“ fragte mich das Mädchen, als ich eingetreten war.

„Vielleicht meine Uhr schon fertig?“

„Haben Sie die Güte — die Marke!“

„Fräulein verabreichten mir keine, als ich gestern die Uhr da ließ.“

„Werden entschuldigen, mein Herr, bei uns ließen Sie keine Uhr!“

„O gewiß, mein Fräulein, Sie werden sich noch erinnern, es war schon spät, kurz vor der Sperrstunde, als ich sie brachte.“

„Es war wohl ein Herr da, der mir eine silberne Cylinder übergab.“

„Ja, ja, das war ich.“

„Oh, bitte, Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß ich meine Kunden nicht kenne. Jener Herr, dem ich keine Marke gab, wird seine Uhr persönlich holen.“

„Will Dir wer was herauslügen, Mali?“ brummte der Alte an seinem Pult.

„Aber sehen Sie mich doch nur an, Fräulein!“ sagte ich.

Sie sah mich an; „jener Herr trug lange dunkle Haare,“ bemerkte sie.

„Du ewiger Himmel, ich war ja beim Haarschneider!“ rief ich, doch der Alte schrie dazwischen: „Sie, Sie Abenteurer, Sie, wenn Sie nichts vorzuweisen haben, so haben Sie auch nichts zu holen. ’s ist die Polizei in der Nähe!“

„Aber Fräulein!“ flehte ich, den Alten vollständig ignorirend, „ich kann’s ja beweisen, daß ich es war, der die Uhr brachte und dem Sie keine Marke verabfolgten; — es war auch sonst noch Jemand da —“

„Du lieber Gott, wie viel Dutzend Jemande kommen des Tags über!“ lachte das Mädchen.

„Derselbe Jemand aber kam zur späten Abendstunde,“ sagte ich leise, „und möglich, daß er heute wieder kommt — Arthur heißt er!“ Damit that ich einen kurzen, aber vielsagenden Blick nach dem Alten.

Das Mädchen wurde einen Moment verlegen und meinte dann: „’s wird denn doch sein; Sie waren da; o, entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich Sie nicht auf den ersten Augenblick — bitte, da ist Ihre Uhr, hoffe, daß sie jetzt ganz vortrefflich gehen wird!“

Ohne ein Wort zu sagen, zahlte ich die Kleinigkeit für die Reparatur. —

„Vielmals um Entschuldigung!“ hauchte die schöne Mali nochmals.

„Bitte, bitte!“ entgegnete ich, verließ die Werkstatt und eilte dem Opernhause zu.

„Arthur heißt er!“ Das war meine Empfangsmarke, mit der ich mich auswies, daß ich den Tag früher in der Werkstatt war. Und die Uhr — sie geht heute noch und bringt mir gute und böse Stunden.

Vielleicht macht es schön Malchen so mit Arthur.