Wie ein Kaiserjäger fensterln ging.

Heimweh, wie ein Alpenkind! So geht das Wort. Das Wort ist begründet; ist’s aber auch das Heimweh? Wer möchte sich nur so sehr sehnen nach den Felsen, nach den Wäldern, nach den Hängen, die den Menschen alle Bequemlichkeit versagen, die ihm kein gutes Stück Brot und keinen Tropfen Wein geben.

Aber das Alpenland umarmt und speist sein Kind mit reiner, leichter Luft, erquickt es mit frischer, klarer Quelle, und zu tausendmal ist’s wahr: das Alpenkind, das lebt von der Luft.

Wenn der Bergsohn in der Fremde weilt, und es kommt das Heimweh in sein Herz, und er denkt an seinen fernen Ort und an seine Menschen zurück, und er denkt wohl gar an ein Wesen, das er mehr liebt, als all’ die Anderen, dann steht’s trüb um ihn; und wenn er den Gedanken nicht unterdrücken kann, so wächst und wächst derselbe und erschwert das Gemüth und wird zur Pein.

Wie sieht der Arme aus? Er wandelt und wankt einsam umher, ist blaß und gebrochen, ist unfähig zu Allem, ist gleichgiltig für Alles, was ihn umgiebt; er will nicht leben und will nicht sterben, er möchte nicht im Königsschlosse sein, er möchte nicht im Himmel sein, er möchte daheim sein. Der Schlaf ist sein Einziges, der Traum führt ihn in die treue, stille Heimat — desto qualvoller ist das Erwachen. Er fühlt ein namenloses Verlassensein, er meint, die Heimat mit allem Lieben und allen Geliebten sei ihm für immerdar verloren.

Wohl dem, der in solcher Zeit heimkehren kann, wenigstens auf einige Tage, dadurch wird er geheilt und vermag die Fremde dann zu ertragen.

Wie mancher Junge, den sie zu den Soldaten genommen, ist aus Gemüthsweh desertirt und in seine Berge geflohen, oder er ist geblieben, hat geduldet — ist gestorben. Hätte er in seiner Krankheit auf einige Zeit heimkehren dürfen, es wäre ihm die entehrende Strafe erspart geblieben, oder er hätte viele Jahre noch gelebt in der Fremde und in der Heimat wieder.

Aus vielen ähnlichen Fällen, die mir bekannt sind, will ich hier einen der gemüthlicheren erzählen, der sich unweit von meiner Heimat zugetragen hat.

Das Regiment lag in Laibach. Josef Fallner, ich hatte vorzeit manches Röcklein für ihn gemacht, war dem Regimente zugetheilt, aber er war befreit vom Tagesdienste und theilweise auch vom Reglement, weil er in Diensten des Obersten Wenisch stand. Anfangs war das dem Josef nicht lieb, denn er hätte das Gewehr lieber und sicherer geführt, wie den Kehrbesen; er hatte zur Fahne geschworen, und nun mußte er des Morgens mit der Bettblache eines alten Brummbartes wirthschaften. Indeß gab sich das; denn im Laufe der Zeiten fiel ihm mancher Zwanziger in den Sack und der überklang das Gebrumme des Obersten stets beiweitem.

Freilich ist das nicht die ganze Geschichte von unserem Kaiserjäger, sondern erst die Einleitung.

Josef Fallner war jung und verliebt, der Oberst Wenisch aber war alt und auch verliebt. Wenn nun die beiden Männer in eine und dieselbe Maid... kurz, es wäre eine närrische Combination und eine tragische Situation. Indeß die Thatsachen sprechen anders. Die Erwählte des Obersten war eine große, dicke Dame, die in manchen Stücken lebhaft der Austria ähnelte, welche der Alte in seinem Zimmer aufgehangen hatte, nur daß sie viel jünger war und viel älter aussah als besagte Allegorie. Josef’s Herzensgebieterin aber war sehr jung und schön und durch und durch sehr liebenswürdig. Alle Augen im ganzen Krainerland zusammen waren nicht so schön als die ihrigen, und in ganz Laibach war keine Zuckerbäckerin, die so süße Küsse hatte als sie. Nur einen Fehler hatte sie, welchen Josef nicht verwinden konnte, sie war nämlich nicht in Laibach, sondern auf einem Bauerngut bei Mürzzuschlag in Steiermark.

Freilich bestritt der Kaiserjäger nicht, daß auch er selbst einst dort lebte, ja sogar dort geboren und assentirt wurde; aber Thatsache blieb es auch, daß er Minna schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hatte.

Wenn der Oberst und die „Austria“ im Kabinet waren, so stand Josef im Vorzimmer oder er saß wohl auch und sann. Was er sann, das wäre schwer wiederzugeben, weil er sich dessen selbst nur dunkel bewußt war; aber er ahnte es und ich ahne es auch, um so mehr, da er aus seinem Brüten nicht selten plötzlich aufsprang, einen Fensterflügel aufriß und gegen die Karawanken hinauf rief: „Minna, ich halt’ es nicht mehr aus, ich desertir’!“

Da war es dem Josef immer, als ob er über das Gebirge und durch die Lüfte her die Antwort vernommen hätte: „Ja, komm’ nur!“

Zwar nicht zu selten schrieb er ihr Briefe mit Versen und blumigen Rändern, aber die letzte Zeit her wurden ihm ein paar gar nicht beantwortet. Er zweifelte zwar nicht an ihrer Treue, aber vielleicht hatte sie dieselbe im Laufe des halben Jahres einem Andern geschenkt. Haben nicht gerade die treuesten Mädchen der schönen Tugend genug, um Viele damit zu beglücken?

Im Frühjahr war’s, da wurde plötzlich das Regiment nach Wien abberufen. Josef jubelte über diesen Befehl — jetzt fährt oder marschirt er in wenigen Tagen an Mürzzuschlag vorüber, sieht seine Heimat und auch Minna wieder.

Ei, der Kaiserjäger denkt und der Oberst sagt: „Josef, das Regiment geht nach Wien, auch ich werde per Eilzug nach Wien abreisen; bleib Er indes da und hüte Er das Haus, längstens in zwei Tagen bin ich wieder hier. Was glotzt Er denn so blöd drein, Er, Er —“ Er gab dem Diener einen zweideutigen Namen, der indes Josef’s inneres Leidwesen weder vermehrte noch verminderte.

Der Kaiserjäger war so aufgeregt, daß er dem Alten nachschwor: „Geh’ nur, Oberst, ich vernichte Dir derweil Deine Austria!“

Aber die Austria ging auch mit nach Wien, nur die wahrhafte Austria, das Bild blieb, und der arme Josef blieb in diesem Krain, das — wie zum Trotze — alles Schöne sonst hatte, nur seine Minna nicht.

Der Oberst und seine Herrin waren fort, Josef war in den weiten, öden Gemächern allein. — Dann schlug er sich auf die Stirne und brüllte: „Wenn ich närrisch werde, so ist dieser Oberst schuld!“

Jetzt wirbelte der Tambour. Die Musik klang, das Regiment zog durch die Gassen dem Bahnhofe zu.

In diesem Moment kam unserem verzweifelten Kaiserjäger ein herrlicher Gedanke, er überlegte ihn nicht erst, er führte ihn gleich aus. Er warf seinen Mantel und seine Patrontasche um, er stülpte den Tschako auf den Kopf, er schloß die Thür des Vorzimmers ab, eilte auf die Gasse und marschirte in „Reih’ und Glied“ mit den Anderen dem Bahnhofe zu.

Die Ausführung des Planes gelang so leicht und ohne alles Hinderniß, daß einem schreibseligen Erzähler hier kaum etwas zu bemerken übrig bleibt. Selbst in Mürzzuschlag ging um Mitternacht das Aussteigen, ohne bemerkt zu werden, das Sichverlieren in den Hallen des Bahnhofes und das Hineilen über die Flur gegen das bewußte Bauernhaus hinauf einfach und ohne die geringste Beschwerde.

Jetzt wirst Du an das wohlbekannte Fensterlein klopfen, und Minna wird es öffnen und ausrufen: „Josef, Josef! Ei, das ist nicht möglich!“ — Aber es ist doch möglich und Du bist da, und wenn Du sie umarmest und küssest, so wird sie es begreifen — aber in zwei Stunden mußt Du wieder auf dem Bahnhofe sein.

Josef ist glückselig.

Er athmet die frische Alpenluft, er sieht und fühlt die Heimat wieder, wenn auch im Dunkel; das Heimatland ist selbst mitten in der Nacht schöner, als die Fremde im klaren Sonnenschein. Und dieses Süße und Wohlige war doch nur Zierde und Umrahmung zum bewußten Fensterlein.

Jetzt kommt er zum Hause, naht der rückseitigen Kammerwand und klopft an’s Fensterlein. Es bleibt still. Er klopft mehreremale und lauter; jetzt hört er etwas im Innern, es ist ein langgezogenes Schnarchen. „Minna!“ ruft er leise und klopft noch stärker; wenn er wegen Minna einmal von Laibach nach Mürzzuschlag fährt, so schlägt er wohl auch noch die Scheibe ein!

In unserem Kaiserjäger steigt schon der Aerger auf, aber in dem Momente wird seine Aufmerksamkeit vom Fenster ab und auf was Anderes gewendet. Plötzlich packen ihn nämlich ein paar rauhe Hände am Rockkragen, reißen ihn zurück, und schon sausen verschiedenartige Körper auf seinen Rücken nieder. Er stemmt, er wehrt sich, aber der feindlichen Hände sind vier und sechs geworden. Es läßt sich in einer solchen Situation nicht viel Vernünftiges denken, aber unter all’ den lebhaften Eindrücken, welche die sonderbare Umgebung auf Josef machte, rang sich in ihm doch die Frage empor: „Teufel, wer prügelt mich da?“

Diese Worte waren wie ein Zauberspruch. Wie auf’s Commando ließen die Hände und die Stöcke ab, und drei Stimmen riefen zugleich: „Himmel und Erde, der Josef! Aber Josef, wie kommst denn Du hierher?“

Der schob sich den Rock und die zerknitterte Patrontasche zurecht und brummte.

„Wenn wir Dich etwa geschlagen haben, Josef, so verzeih’ uns, wir haben gemeint, Du bist der Bachnatzl, der in jeder Nacht zum Fenster unserer Schwester kommt und Minna keine Ruh’ läßt.“

Da rief der Kaiserjäger lustig aus: „Schwäger, grüß’ Euch! Na, dem Bachnatzl hat’s ’golten? Schon recht, Schwäger, hättet Ihr ihn nur noch kräftiger durchgebläut, hättet Ihr ihm seine Säbelbeine abgeschlagen, diesem verdächtigen Mauser!“

Die Chronik erzählt, daß Josef jubelte — jubelte über die Schläge, die er von den Brüdern seiner Minna erhalten, sie waren ja dem verhaßten Nebenbuhler zugedacht. Wohl erzählt die Chronik auch von einer zerschlagenen Patrontasche und von blauen Flecken hinter einem grauen Mantel; aber dies Alles tritt in den Hintergrund, nachdem Josef in der Stube bei Minna sitzt und die Versicherung vernimmt, daß sie freudig auf ihn warten will, bis er seine Jahre ausgedient haben werde.

Die drei Brüder Minna’s wollten das ganze Haus aufwecken und schreien: „Der Josef ist da!“ Aber dieser verbat sich’s. Kaum daß er Minna in den Armen hielt, so war’s schon wieder Zeit zum Aufbruch. Am Bahnhofe schlug das Signal des Zuges nach Süden.

Zwölf Stunden später steckte der Kaiserjäger den Schlüssel an die Thüre des Vorzimmers seines Herrn; es war Alles noch wie gestern.

Noch an demselben Abend kam auch der Oberst von Wien zurück: „Was hat Er gemacht, Josef, während meiner Abwesenheit?“ fragte er seinen Diener.

„Geschlafen, Herr Oberst,“ war die Antwort, „aber mir hat viel geträumt.“

„Was hat Er denn für blaue Beulen hinter den Ohren?“

„Weiß Gott, Herr Oberst, ich steige im Traum oft so umher!“

Der Schalk!