Der Sündensteg.
„Du Kleiner, dort! Den Crispin mein’ ich.“
Der Katechet rief’s, der kleine Crispin erhob sich.
„Du bist ein braver Bub’, geh’, sag’ mir einmal: was ist die Todsünde?“
„Die Todsünde ist eine schwere Uebertretung des göttlichen Gesetzes.“
„Und was bewirkt sie?“
„Durch die Todsünde wird die Seele des geistigen Lebens, das ist der heiligmachenden Gnade Gottes beraubt, und der Sünder wird des ewigen Todes schuldig.“
„Schön!“ sagte der Katechet, „das geht, wie das Vaterunser. Komm’, Crispinus, hol’ Dir Deinen Fleißzettel. Ich weiß, Du kannst mir auch die sieben Hauptsünden, die vier himmelschreienden und die neun fremden —“
„Alle kann ich, Herr Katechet.“
„Recht brav. Nun merket es wohl, meine lieben Kinder: wer in der Gnade Gottes stirbt, der kommt in den Himmel, und wer in der Todsünde stirbt, der fährt in die —“
„Hölle!“ ergänzen die Kinder.
Etliche sind dabei, die nehmen sich vor, in der Gnade zu sterben, denn in die Hölle kommen mögen sie nicht. Und der Crispin schon gar nicht, der kennt das Feuer von seiner Mutter Kochherd, und den Teufel vom Herrn Katecheten; deswegen der Crispin schon gar nicht.
Das Julchen sitzt ebenfalls in der Schulbank, das reckt zwei Finger empor.
„Ja, Juliana, kannst Du auch was?“
Das Mädchen erhebt sich und sagt: „Meine Mutter, die meint halt, wer mit dem lieben Gott gut ist, der braucht sich vor dem — vor dem —“
„Teufel —“
„Nicht zu fürchten.“
Das Mädchen spricht lieber von Gott, als vom — Andern. —
So in der Schulbank. Und später? Später begiebt sich eine grauenhafte Geschichte.
Die klein waren, wurden groß. Der Crispin besonders groß und stark. Er hat eine gute Erziehung genossen, das sieht man schon von weitem. Er kann ein „Betbüchel“ brauchen, und den Katechismus weiß er auswendig. — Was Gott erschaffen, das ist gut und wünschenswerth, sagt er; und das Weibervolk hat auch Gott erschaffen. Und giebt es schon närrisch ein sechstes Gebot, so giebt es auch ein Sakrament der Buße, und im Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, als wie — kurz, er hat was gelernt.
Dem Julchen, das ja ebenfalls groß und schön und auch gut geworden war, erzählte er eines Tages unter dem Hollunderstrauch die Geschichte von der Magdalena.
„Geh’,“ gab ihm das Mädchen zur Antwort, „schlecht werden und dann wieder brav werden? Da bleibt Eins doch lieber vom Anfang weg brav.“ Und lief davon.
Unterwegs begegnete ihr Franz, der junge Wachszieher. Mit dem schwätzte sie schon länger. Der war fein, pflückte ein Vergißmeinnicht ab, steckte ihr’s an den Busen: „Sollst auf mich denken.“
„Wesweg’?“
„Schau’, weil ich Dich gern hab’; glaubst mir’s, oder nicht, zum Fressen gern.“
„Das kunnt Jeder sagen.“
„Freilich, sagen kann’s Jeder; und wenn Du bei mir im Zweifel bist, so kommt’s nur auf’s Probiren an.“
„Probiren thun die Frötter, geräth’s, so thun sie’s öfter.“
„Bei so einer ernsthaften Sach’ kunnt’st auch gescheiter reden, Juliana. Gottswahr, ich hab’ Dich gern! Schau’, ich heb’ meinen Finger gegen Himmel.“
„Jesses, Franz, was hebst denn an!“ schrie das Mädchen erschrocken und drückte ihm den gehobenen Arm niederwärts. „Jetzt will er Gott anrufen zu einer Sünd’!“
„Dich lieb haben, ist denn das eine Sünd’?“
„Zwischen uns Zwei’n wohl, weil ich weiß, wie Du’s meinst.“
„Wie mein’ ich’s denn, möcht’ ich wissen! Heiraten will ich Dich.“
„Na, eben d’rum. Und das thät’ die Sünd’ sein. Ich hab’ nichts, und ich denk’, Du hast auch nicht viel mehr. Auf den Bettelstab heiraten!“
„Ich hab’ mein Handwerk gelernt und weiß von keinem Bettelstab.“
„Wie der Will! Aber kein Jurament leg’ mir nicht ab, wo Du noch nicht weißt, was Du halten kannst. Magst ja sagen, was Du willst, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“
„Wär’ doch kein rechtes Jurament gewesen,“ meinte der Bursche, „dazu gehören Kerzenlichter und ein Crucifix.“
„Freilich, die Kerzenlichter sind dem Wachszieher allemal das Wichtigste. Ich bin halt anderer Meinung: Ein Wort gehört dazu und ein Crucifix. Das Crucifix, mußt wissen, Franz, das hast nicht weit zu suchen. Dort steht ein Tannenbaum, schau’ ihn an, er steht schnurgerad’ zum Himmel auf und reckt die Arm’ kreuzweis auseinander. Willst noch ein Licht dazu, dort brennt schon ein Sternlein am Firmament.“
„Dirndl, Du bist aber schon gar!“
„Hast mich gleich gern, Du herzensguter Bub’, so rufe desweg’ nicht Gott an; er hört es schnell und schreibt Dein Wort ’leicht mit dem Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht es aus?“
„Stehen soll’s bleiben!“
„Ja, wenn der Mensch allemal Herr wär’ über sich selber! Ihr Mannsleut’ seid es am wenigsten. — Franz, nur den Herrgott mach’ Dir nicht zum Feind!“
Nach einem Weilchen entgegnete der Bursche: „Bringst es denn über’s Herz, Juliana, daß Du mich so in den Erdboden hinein predigen kannst?“
„Du wachst mir schon wieder heraus!“ lachte das Mädchen. „Mach’ nur kein so hantiges Gesicht. Geh’, gieb mir die Hand! — So. Bist halt doch mein lieber Narr. Behüt’ Dich Gott! Und jetzt geh’ heim.“
Dann gingen sie auseinander.
Als Julchen auf ihren Hof zurückkam, hob wieder Einer den Arm, aber nicht zum Jurament, sondern zum Schlage. Der Bauer war’s, der Steghofer, bei dem das Mädchen diente. Sie war ein Viertelstündchen über die Zeit ausgeblieben.
Der Steghofer — die Leute kannten ihn ja und wissen es noch heute recht gut wie er’s trieb — war ein roher, jähzorniger Mensch; das hat selbst Crispin, das einzige Kind des Hauses, erfahren. Der Himmel hatte dem Manne die größte Gnade versagt; Crispin war nur ein „angenommenes“, ein Stiefkind. Indeß war es allbekannt, daß Crispin der eigentliche Herr des Hofes sei, daß er nach Verzichtleistung oder nach dem Ableben des Alten die Wirthschaft ganz und gar übernehmen werde. Wenn der Bursche trotzdem von dem Steghofer behandelt wurde, wie der niedrigste und verhaßteste Knecht, so lag die Ursache dafür einzig nur in der zuwideren Wildheit des Bauers, der stets was zu verfluchen und zu prügeln haben mußte. Die Mutter war todt. Leser, in dieser einen Nachricht hast Du den Ursprung zu suchen des Schrecklichen, das geschehen wird.
Die Mutter war todt. Die Güte und die Liebe war aus dem Hause getragen, die stets Schlichtende, Versöhnende, willig Duldende war aus dem Hause getragen, noch ehe der Knabe ihren fraulichen Einfluß auf ihn erfahren hatte. Die Willkür, die Leidenschaftlichkeit und Rohheit seines Stiefvaters war sein Elend und sein Vorbild geworden. Aber schlauer war der Junge, als wie der Alte. Er wußte, was der Alte wollte — der Alte wollte viel! Er sah, was der Alte erreichte — der Alte erreichte nichts. Mit Poltern und Schlagen geht es also nicht; man muß es daher viel feiner machen....
Der Alte verfluchte den Jungen laut; dieser jenen still. Letzteres ist gefährlich. Anfangs vertraute Crispin seine Bitterkeit dem Julchen. Dieses sagte, zu ändern wäre es nicht, so solle er darin seinen Mann zeigen, daß er gelassen ertrage, was zu ertragen sei.
„Auch die Prügel?“
„Die halte Dir vom Hals, aber gieb sie nicht zurück; Crispin, nur das nicht. Dieselbe Hand, die den Vater, die Mutter schlägt, hat Gott in Ewigkeit gegen sich.“
„Du hast recht, Julchen, schlagen werde ich nicht.“
Die Jahre waren da und der Crispin wurde Soldat. Draußen in der Welt giebt es viel zu sehen und zu hören, und Menschen aller Gattungen laufen durcheinander und sagen ihre Gedanken, ihre Gesinnungen.
„Luderleben genießen!“ schreit der Eine, „im Himmel giebt’s lauter Betschwestern, da mag ich nicht sein, in der Höll’ finde ich alle lustigen Kameraden wieder.“
„Himmel! Hölle!“ ruft ein Anderer, „lauter Geschwätz. Hin ist hin.“
Was nützt’s, wenn ein Dritter predigt: „Auf Himmel und Hölle bauen nur gemeine, selbstsüchtige Creaturen. Das Gute ist gut, auch wenn es keinen Lohn findet; seiner — des Guten selbst willen — wird der echte und edle Mensch dasselbe üben, und seinen Lohn nur in dem Bewußtsein suchen, Gutes gethan zu haben.“
Gut gemeint vom Dritten auf jeden Fall. Aber was nützt’s einem Menschen wie dem Crispin?
Der Crispin, als er das gehört hatte — bei einer Feierlichkeit, vom Festredner war es gesagt worden, die Militärbande hatte hierauf Musik gemacht, der Crispin das Clarinett geblasen — der Crispin also dachte und blies es in sein Instrument hinein: „Schau’, da hat’s wieder Einer gesagt, das man sich herausnehmen kann: es giebt nichts auf der andern Seiten. Ist schon recht, weiß ich, was ich auf dieser zu thun hab’.“
Jetzt trifft die Nachricht ein, der Steghofer sei schwer erkrankt. Vor Freuden darüber bewirthet der Crispin den Boten bis auf seinen letzten Pfennig. Nun wird er bald Herr im Steghofe sein. Die Dienstzeit vergeht.
Wie der Crispin heimkommt nach Altendorf, findet er Verdruß; sein Stiefvater ist wieder gesund, ist trotziger als vor und eh’.
Als der Bursche das saure Gesicht macht, fährt der Alte auf ihn ein: „Dir ist Einer zuviel im Steghof!“
„Das will ich nicht leugnen,“ erwidert trotzig der Soldat.
„Ja!“ lacht der Bauer — seine Stimme ist aber doch schon heiser — „der Bader hat den Geistlichen schon angeredet, wegen meiner letzten Oelung, der Todtengräber hat schon nach dem Maß gefragt. Hin worden bin ich nicht. Schon Deinetweg’ nicht, Du schlechter Lump! Dir weich ich nicht, gleichwohl Du schon lang’ Deine Kuh auf meinem Grabwasen möchtest weiden.“
Crispin ging dem Alten aus dem Wege. Er knirschte, bohrte die Nägel seiner Finger in das eigene Fleisch. — Soll er denn sein Leben verwarten und Knecht sein, wo doch das Anrecht da ist, auf Haus und Hof! — Er möchte heiraten: er möchte Herr sein. Er wird sich selber helfen.
Der Wachszieher-Franz war Crispin’s Kamerad von Jugend auf. Die Beiden waren recht ungleich, aber just das zog sie zusammen.
„Freund,“ sagte eines Tages Crispin zu Franz, „jetzt schau’ mich an, wie ich da steh’. Vom Fuß bis zum Kopf ein armer Teufel. Keinen Kreuzer Geld. Ich will aber doch ein paar Säcke von meinem Korn verkaufen.“
„Wo hast denn Du Dein Korn?“
„In meiner Tenne, im Steghof, wo denn sonst! Hilf mir die heutige Nacht, daß wir es davontragen. Sollst es nicht umsonst thun.“
„Crispin!“ entgegnete der Franz mit feierlicher Stimme, „Stehlen ist Sünd’, kommst in die Höll’!“
„Bist auch so ein Narr! Hörst, die Höll’ ist letzt’ Jahr abgebrannt; ist nicht assecurirt gewesen!“
„Geh’, Du bist ein Heid’ geworden,“ sagte der Franz.
„Und Du bist ein Christ geblieben und kannst Deine Sünd’ ja wieder beichten. Ist aber keine Sünd’, weil das Korn mein Eigenthum ist.“
Der Franz ließ sich wenden. Der Franz war recht gottselig, grübelte bisweilen gern in religiösen Schriften; im Leben hingegen war er denkfaul und begab sich stets in Allem der Führung seines Freundes. So schlichen sie zur Nachtszeit in den Steghof und trugen Korn davon.
Und an den Sonntagen waren sie im Wirthshaus und lebten in Lust und in Freuden.
Das wohl, ei ja, das wohl! Zog der Franz fleißig Wachskerzen für die Heiligen, die auf der Kirchenwand hingen. Dabei kamen ihm aber einmal Gedanken, denn er fabricirte auch Sterbekerzen: Wenn du gach mit Tod abgehst, Franz! Die schwersten Brocken könntest wohl abladen. Nur, daß halt der Beichtstuhl von einem gesunden Mann so viel strenge Buß verlangt. — Später und Alles auf einmal, wird gescheiter sein.
Und sie trugen nächtlich manchen Scheffel Korn aus dem Steghof.
Und auf einmal, da wurde es laut: der Crispin stehle seinem Vater das Korn. Jetzt war der Teufel los, der Crispin mochte an einen glauben oder nicht. — Einsperren ließ der Alte den Jungen nicht, aber noch ärger bedrücken, noch ärger mißhandeln! Sie trugen einen Haß in sich, stark genug, einander zu zerfleischen.
Das Laster geht geraden Weg.
Der Crispin hatte im Kartenspiele eine neue Sackuhr gewonnen; die gefiel dem Franz. Und eines Tages im Wirthshaus fragte dieser: „Wie willst mir sie verkaufen?“
„Franz,“ sagte der Crispin und zerrte den Kameraden in einen Winkel, „willst Du mir meinen Alten schlagen helfen, so schenk’ ich Dir die Uhr mitsammt der Kette.“
„Hörst, das muß ich mir erst überlegen. Einen schlagen, der mir nichts gethan hat! ’s kunnt leicht nicht recht sein.“
„Ihm selber sicher nicht,“ lachte der Crispin, „indeß, überleg’ Dir’s. Wie er ausmißt, so soll ihm eingemessen werden, und —“ er legte die Hand auf den Rücken, „mir hat er gestern wieder übel gemessen.“
„In der Schrift heißt’s so, wohl war. Na, will mir’s überlegen.“
Sieben Tage später war die Neujahrsnacht. Der Nachtwächter schritt durch das Dorf und über den Friedhof. Er blickte in das offene Grab, welches der Todtengräber zur Winterszeit stets bereit hält und dachte: Wer wird der Erste sein im neuen Jahr, der hinabsteigt? —
Draußen vor dem Zaune huschte eine Gestalt vorbei. Der Crispin ging in das Häuschen seines Freundes.
„Recht, daß Du da bist,“ sagte der Franz, „in solchen Nächten, heilig wahr, ich heb’ mich schon an zu fürchten. Schau, da hab’ ich Blei gegossen. Und was ist herausgekommen? Da, schau einmal!“ Er hielt dem Kameraden ein Stück Blei hin.
„Was wird’s denn sein?“ lachte der Crispin, „eine Bleikugel ist’s.“
„Bei Leib’ nicht, bei Leib’ nicht. Ein Todtenkopf ist’s.“
„Das mag auch sein.“
Dann schauten sie in das flackernde Oellicht und sagten nichts; es war, als hätten sie Gedanken über den Todtenkopf.
„Aber, daß ich nicht vergess’,“ sagte hierauf der Crispin plötzlich, „da hab’ ich einen Lichten bei mir. Trink einmal.“
Der Andere nahm die Flasche und setzte sie an.
„Nur besser!“ ermuthigte Crispin seinen bescheidenen Freund, „und daß ich Dich frag’ Franz, — hast Du Dir’s überlegt?“
„Was?“
„Ob Du im neuen Jahre eine neue Uhr haben willst?“
„Und wann denn, daß wir ihn dreschen?“ gab Franz die Frage zur Antwort.
„Kamerad,“ sagte Crispin und faßte die Hände seines bereitwilligen Freundes, „heut’ ist Neujahrsnacht. Wir schließen einen Bund, Franz, und wir wollen alleweil zusammenhalten.“
„Das ist brav von Dir,“ antwortete der Wachszieher, „das gefreut mich arg, daß Du mit mir noch Kameradschaft hast, gleichwohl Du Kaiserlicher bist. Schau’, ich thät’s mit den Leuten nicht schlecht meinen, aber nach mir schaut sich kein Mensch um, müßt — thätest Du nicht sein — mutterseelenallein meine Straße trotten. Mit der Juliana ist’s auch nur so eine Frag’. Du bist mir der Best’, Crispin.“
Der Bursche war bei diesem Bekenntnisse ganz weichmüthig geworden. Beide schüttelten sich die Hände.
Dann blickten sie wieder in das Flämmchen und Crispin seufzte.
„Du mußt wohl auch ein Anliegen haben,“ sagte der Franz. Der Andere nickte mit dem Kopfe.
„Kann ich Dir helfen?“ fragte der Wachszieher, um seine Treue sofort zu beweisen.
„Du könntest mir freilich helfen. Geh’, trink’ wieder einmal.“
„Trinken thu’ ich schon, aber verlassen thu’ ich Dich nicht.“
Da wird es in den Zügen des Soldaten lebendig. „Franz, willst Du mir schwören, daß Du mir hilfst?“
„Schwören!“ murmelte der Andere, „einen Eid ablegen? Bei meiner Seel’, das wird doch nicht vonnöthen sein?“
„Man kann’s nicht wissen.“
„Fällt’s mir g’rad ein, was die Juliana einmal gesagt hat: So lang’ kein Jurament ablegen, so lang’ man nicht weiß, ob man’s halten kann.“
„Bist ein Christ, Franz, so wirst wissen, daß der Mensch schon in der Taufe einen Schwur muß ablegen. Und das kleine Kind kann doch am allerwenigsten wissen, was es wird halten können.“
„Da hast freilich wieder recht,“ meinte der Wachszieher, „und es wird doch nichts Unrechtes sein.“
„Franz, schau, ich kunnt’ von Rechtswegen schon Herr sein und ein Weib haben, und ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt!“ Crispin fuhr mit der Hand über seine Augen. „Du könntest mir helfen.“
„So sag’s, so sag’s! Ich bin nicht so, daß ich Dich im Stich’ laß’. Was kann ich Dir denn thun?“
„Rath’ einmal.“
„Wieder Korn tragen helfen?“
„Nein, Franz.“
„Brauchst etliche Groschen Geld?“
„Nein, Franz!“
„Soll ich Dir Eine überreden?“
„Nein, Franz, dazu bin ich selber da.“
„Nun, aber dem Steghofer die Knochen auseinander schlagen?“
„— — Nein, Franz.“
„Ihm das Haus anzünden?“
„Mein Haus? Nein. Weiter, rathe weiter, Franz!“
„Kunnt’ nicht mehr rathen.“
„Kamerad,“ flüsterte der Crispin, „Du mußt mir schwören, daß Du es — aber greif’ zu, trink’, trink’ — Du mußt mir schwören, daß Du es Niemand sagst!“
„Bei Gott und meiner armen Seel’, das kannst Dich verlassen!“
„Und daß Du mir beistehst, und daß Du mir hilfst! Heb’ auf die Hand! Bei Gott und Deiner Seel’! — Du willst nicht? Nicht einmal den Arm heben, mir zu Lieb?“
„Wenn ich nicht einmal der Juliana ein Jurament hab’ abgelegt, dahier kann ich’s noch weniger.“
„Auch gut, an Dir hab’ ich mich getäuscht, bist ein Feigling.“
Dem Wachszieher — wie er merkt, es handelt sich um seine „Ehre“ — vergeht Hören und Sehen. Er hebt den Arm: „Bei Gott und meiner armen Seele!“
Da klingt es draußen in der Winternacht. Die Kirchenuhr schlägt zwölf.
„Ein neues Jahr und ein neues Leben heb’ ich an!“ jauchzt der Crispin. — „Alter Satan, da drüben, Du hast mir heut’ das letztemal gesagt, daß Du mir nicht nachgiebst. Ueber’s Jahr! Früher noch, viel früher!“
„Red’ nicht so, zu der heiligen Stund’!“ mahnt der Franz. „Sag’s lieber gleich, was Du verlangst.“
„Ich? Was ich verlang’?“
„Deinen Willen hab’ ich gethan, jetzt sag’, was Du verlangst.“
Der Soldat zieht den Burschen an sich und flüstert: „Du bringst den Steghofer um.“
Der Franz prallt zurück.
Der Andere starrt ihn an, in seinem blassen Gesicht steht’s zu lesen, wie ernst es ihm ist.
„Du schlechter Mensch!“ stöhnt der Franz und wehrt mit den Händen ab: „Geh’, geh’! — Geh’!“
„Also, Du magst nicht?“
„Mein Lebtag nicht. Mein Lebtag nicht!“
„So. — Also meineidig willst Du sein, Du guter Christ!“ höhnt der Crispin und seine Augen beginnen zu funkeln.
„Daß Du so was verlangst, das hab’ ich nicht gewußt.“
„Und hast doch geschworen!“
„Hätt’ — hätt’ ich Dir das geschworen?“ ächzt der Franz und ringt nach Athem.
„Du hast geschworen, daß Du mir hilfst. Weißt, Franz, anders ist mir nicht zu helfen.“
Der Wachszieher verhüllt sein Angesicht.
„Nun?“ frägt der Soldat.
„Nein,“ ruft Franz, „das thu’ ich nicht. Ein Mörder werden, davor behüt’ mich Gott.“
„Gut,“ sagte der Crispin, anscheinend gelassen, aber lauernd, „so werde ich’s selber thun. Du könntest einen Vatermord verhindern, hörst Du, einen Vatermord! Und thust es nicht. Und brichst den Eidschwur, hast Gott zum Feind und bist ein doppelter Verbrecher. Ich heiß’ Dich einen Schurken, Dein Lebtag lang.“
Der arme Franz — in Wahn befangen — rang die Hände, starrte stumm vor sich hin, schüttelte rathlos den Kopf. Wie ein armer Sünder saß er da. Wie ein Verzweifelter saß er da. Die Hand nicht rühren und ein zweifacher Mörder sein! — Aber Vatermord und Meineid sind die schrecklichsten Gräuel. Einen Mord wird Gott vergeben, einen Meineid nimmer. Der Mord führt einen Menschen aus dieser elenden Welt; der Meineid lügt dem Herrgott frech in’s Gesicht, beschwört ihn, die Lüge ewig zu rächen. Und wenn Du stirbst und den Namen Gottes anrufst — Dein Mund hat falsch geschworen; und wenn der Teufel an Dein Bett kommt und Du willst die Hand zum Kreuzzeichen heben — die Hand hat falsch geschworen. Der Herrgott schreibt den Eid mit seinem Blitzstrahl an’s Firmament. Wer löscht ihn aus? —
Das Blut des Steghofer löscht ihn aus! schreit in ihm der böse Wahn.
„Nun?“ fragte der Crispin wieder.
„Laß’ Zeit! Ich kann nichts sagen.“
„Ist’s denn ein Schad’ um die Bestie?“
„Aber, mein Gott, ihm das Leben nehmen!“
„Sonst nimmt er’s Andern. Weißt Du, wie er gestern die Juliana wieder behandelt hat?“ Der Franz fuhr auf. Der Crispin erzählte mit wenigen Worten. Da unterbrach ihn der Wachszieher: „Sei still, ich thu’s! Sei still.“
Der Crispin nahm das gegossene Bleistückchen in die Hand und sagte: „Bleikugel! Todtenkopf! Was Du willst. Du siehst, dem Alten ist’s Bestimmung. — Da, Kamerad, die Uhr gehört Dein, aber der Steghof sei in sieben Tagen ausgeräumt!“
Der Franz stieß die Uhr von sich, schrie: „Nein! Behüt’ Dich Gott!“ und stürzte aus der Stube — in die erste finstere Nacht des neuen Jahres hinein.
Mittlerweile verging ein Tag und es verging der zweite. Die beiden Freunde sahen sich nicht. Crispin brütete an seinen Plänen fort; an den trägen, weichmüthigen Franz dachte er kaum mehr. Der war für ihn denn doch nicht der Rechte.
Finster ging Crispin umher, er ging im tiefen Schnee und er ging durch die Wälder. Das Hochwild erschrak vor ihm, aber floh nicht, als wisse es: Der jagt anderes Wild, als das vierfüßige. Weit drüben im Bergwald ist eine tiefe, finstere Schlucht, die Natterklamm geheißen. Zur Sommerszeit hörte man in den Untiefen der Natterklamm ein Wässerlein fallen; im Winter lag Eis und Schnee in den Klüften. Hoch über dieser Schlucht führte ein Steg, der nur aus zwei nebeneinandergelegten Bäumen bestand und im Volksmunde der Sündensteg genannt wurde. Vor Zeiten ging die Sage, daß er unter keinem schweren Körper brechen könne, wohl aber unter einer schweren Sünde, die darüber getragen würde, in den Abgrund stürzen müsse. Daher war der Steg von Manchem gemieden worden; da er aber auch unter Solchen nicht brach, welche sich, der Sünde bewußt, frevlerisch darüber wagten, so kam die Sage allmählich in Vergessenheit. Leute, die nach Hallwies hinaus wollten, benützten diesen Steg, weil der Weg durch den Wald bis in den Flecken um eine Stunde kürzer war, als die Fahrstraße dahin.
Der alte Steghofer, hatte er in Hallwies, wo das Steuer- und Gerichtsamt war, Geschäfte, so ging er stets über die Natterklamm.
Ja selbst im Winter, wo Alles sonst die Straße wählte, ging der Alte seinen Waldsteig, wie sehr dieser oft auch verschneit und verweht war.
Auch in diesen Tagen wurde der Bauer, wie es nach Neujahr immer zu geschehen pflegte, in das Steueramt beschieden. So traf er heute im Hofe Anordnungen für morgen, wenn er nach Hallwies gehe.
Crispin lauerte. Ein Gedanke stieg in ihm auf; vielleicht war der Gedanke nicht mehr so jung, vielleicht war er schon reif. — Wenn das da oben der Sündensteg ist, so muß er unter diesem Manne brechen, er muß brechen. — Der Bursche nahm eine Handsäge unter den Wettermantel und eilte damit durch den schneestöbernden Wald gegen die Natterklamm. Er kletterte an den Hängen hin, kroch unter den Steg hinein und sägte die beiden Balken von unten mehr als zu zwei Drittel durch.
„So,“ sagte er, „jetzt bist wieder der Sündensteg und wirst zur rechten Zeit brechen.“
Dann ging er vergnüglich dem Hofe zu.
Juliana hantirte in der Küche und sättigte das Feuer und bereitete das Abendmahl. Dabei war sie flink und heiter und sang in die Flammen hinein. Der finstere, stürmische Alte focht sie gar nicht an; — sie läßt’s ihn treiben, wie er’s treibt und thut ihre Obliegenheit. Der Alte ist eben nicht gescheit und wird schon kindisch. — Heute saß er neben ihr auf dem Herd und fettete seine Schuhe für den morgigen Gang. Er war heute fast wohl gelaunt und mochte das Singen leiden. Eigentlich mochte er das Mädchen, welches sang, auch leiden; Juliana war erwachsen, da fiel es dem Steghofer plötzlich ein, er wolle von nun an anders mit ihr umgehen. Aergeres konnte er diesem trotzigen Buben, dem Crispin, gar nicht anthun, als wenn er die Juliana heiratete.
„Julchen,“ sagte er und rieb emsig an dem Leder, „das Kochen, das kannst. Du wärst richtig eine tüchtige Steghoferin.“
„Kann schon sein,“ antwortete das Mädchen.
„Wirst ihn halt zusammenpacken müssen, den Steghofbauern. Was meinst?“
„Ist mir viel zu wüst. Und Soldat ist er auch noch.“
„Wer?“
„Nun, wer denn? Der Crispin.“
Der Alte beugte sich über den Herd, klopfte mit dem Zeigefinger auf die Brust und flüsterte: „Der Steghofer bin ich!“
„Freilich,“ antwortete der Crispin, der auf einmal in der Küche stand und so hoch war, daß sein Haupt in den Rauch hineinragte. Es war daher nicht zu sehen, welche Miene er zu seinem „Freilich“ gemacht hatte. Er hätte auflachen mögen, als er merkte, wie der Alte noch an’s Freien denke. Aber er hielt sich still, er wußte, der Tod schärfe schon die Sense.
„Morgen reden wir davon,“ sagte der Steghofer zum Mädchen.
„Morgen wird gutes Wetter sein,“ versetzte Crispin in gleichgiltigem Tone, „der Schnee ist steinhart gefroren.“
„Ist mir lieb,“ sagte der Alte, „so brauch’ ich keine Schneeleitern über den Waldsteig.“
„Laß’ mich auch zum Feuer, ich muß mir die Finger wärmen,“ murmelte der Soldat und drängte sich zwischen dem Mädchen und dem Alten zur Herdgluth.
In demselben Augenblicke knallte ein Schuß — gellte ein Schrei — klingelten die Scherben einer Fensterscheibe zu Boden.
Und in demselben Augenblicke eilte ein Mann vom Fenster weg durch die Nacht dahin. „Ist eingelöst!“ stöhnte er laut zum funkelnden Sternenhimmel auf, „das Jurament ist eingelöst!“ Die Schußwaffe schleuderte er weit von sich und floh in den finstern Wald, ohne Ziel und ohne Rast, gleich wie Einer, der es weiß, daß er sich trotz Allem den Herrgott doch zum Feinde gemacht hat.
Franz war es. Er war der Meinung, den alten Steghofer, der auf dem Herde saß, getödtet zu haben. Er hatte es nicht gesehen, wer von seiner Kugel getroffen zu Boden gestürzt war.
„Jesus und Maria! Was ist das!“ hatte Juliana ausgerufen. „Der Franz, der Franz hat geschossen. Der Wachszieher hat hereingeschossen! Ich hab’ ihn durch’s Fenster gesehen!“
Einen Schrei zum „gerechten Gott“ hatte der Gottesleugner noch ausgestoßen. Und dann, von Blut übergossen, das aus seiner Brust emporsprudelte, mit brechender Stimme hatte es Crispin bekannt, was mit dem Wachszieher verabredet war, und wie dieser nun treulos auf ihn geschossen habe.
„Mir,“ gurgelte der alte Steghofer, „mir hätte das gegolten?“ Und dann hastete er hinaus, hinab in den tiefsten Keller, und schloß sich ein, und betete und zitterte die ganze Nacht vor Mörderhänden und vor Kälte. Bald hatten sich um den Steghof Leute versammelt; die Einen legten den todten Crispin auf das lange Brett, die Anderen waren auf, um den Mörder zu verfolgen. Das Schußgewehr hatten sie bald gefunden, und man hatte es als das des Wachsziehers erkannt. Sie wollten es nicht glauben, daß der sanfte, fast blöde und sonst so gottesfürchtige Bursche diese That verübt haben sollte. Die es aber glaubten und den Erhebungen zufolge glauben mußten, die fluchten sowohl über die Scheinheiligkeit des Einen, als über die Glaubenslosigkeit des Andern.
Mit Fackeln durchzogen sie den Wald; eine Menschenspur im Schnee leitete sie gegen die Natterklamm.
„Sollte er denn nach Hallwies hinausgegangen sein?“ fragen sich die Leute.
„Ja, ja, der ist auf kürzestem Wege zum Gericht gelaufen, um sich selbst anzuzeigen,“ gaben sie sich Antwort.
Als sie zur Klamm kamen, zog die Fußspur dem Stege zu — und der Steg war eingestürzt. Die Balken niedergebrochen und in den Eis- und Schneemassen der Tiefen kaum mehr zu sehen. Der Schein der Fackeln vermochte nicht, in den Abgrund zu dringen. Jenseits der Klamm waren die Tritte nicht mehr zu spüren.
„Also hier am Sündensteg!“ sagten die Leute.
Still und mit gesenkten Fackeln kehrten sie in ihre Häuser zurück.
Als sie nach zwei Tagen — es war der siebente Tag nach der Neujahrsnacht — den Sarg des Crispin durch den Wald und an den Felswänden herübertrugen, brauste ein Wettersturm; und als sie den Crispin begruben, machte es der Caplan mit seiner Einsegnung so kurz als möglich. Hingegen begann auf dem Heimweg die alte Haushälterin des Wachsziehers zu erzählen, wie sich der Franz in den letzten Tagen benommen hätte. — Gar wie ein Irrsinniger. Beim Tag nichts gearbeitet, nichts gegessen, alleweil in Büchern geblättert und wie im Traum herumgegangen, bei der Nacht so laut aus dem Schlafe gesprochen, daß sie es in ihre Kammer hören konnte, wie er rief: „Fort muß er! Steghofer, Du mußt fort, ich hab’s meinem Herrgott versprochen!“
Der alte Steghofer war aus seinem Keller kaum mehr hervorzubringen; der Schreck schien in seinem Gehirn etwas zerstört zu haben, die Todesfurcht zerriß seinen Organismus. Nach wenigen Wochen starb er. Juliana war Erbin des Steghofes. Sie konnte sich aber nicht freuen.
In dem darauffolgenden Sommer fanden sie in den Klüften der Natterklamm die Reste des unglücklichen Franz. Sie wurden im Walde begraben. Einer von den Fremden, die aus Hallwies gekommen waren, hielt folgende Grabrede: „Diese einsame Grube und jenes jugendlichen Mannes Grab auf dem Kirchhofe sind zusammen verbunden. Mörder liegen darin — Gemordete liegen darin. Soll ich die Meuchler nennen, denen diese unseligen Menschen zum Opfer gefallen sind? Die Bigotterie und der Unglauben.“ —
Die Gräber sind verwachsen und verwildert. Der Steghof ist verkauft, Juliana hat ihr Glück in einer andern Gegend gesucht und gefunden.
Der „Sündensteg“ ist wieder neu gezimmert; die alte Sage ist durch das Ereigniß aufgefrischt worden; aber Wenige erfreuen sich eines so guten Gewissens, um furchtlos über den Steg zu wandeln.