Der Thürmer von Münsterwald.
In der Thurmstube des Stiftes Münsterwald saß ein alter, betrübter Mann.
Die unten wohnten, beneideten ihn um den Fernblick. Was sah er denn? Die schneebedeckten Dachgiebel des Städtchens und matten Sonnenschein darauf. Mit der Sonne geht’s scharf abwärts zu dieser winterlichen Zeit; alle Thäler und Hügel schimmern im Schneeglanz, und es ist doch wie eine Dämmerung und der Tag ist kaum so lang, daß sich die Leute in demselben für ihre Abende vorbereiten können.
„Der liebe Herrgott verbrennt viel Sternlein jetzt,“ meint ein armes Weibchen, das wohl weiß, wie theuer im Winter die Beleuchtung kommt. Kaum da oben die Sterne angezündet sind, spinnen sich die Menschen in ihre Häuser ein. Sie verrichten allerlei kleine Arbeiten, singen Lieder, erzählen Geschichten und der Michel meint: „Heute wär’s draußen gut Ketten lecken!“ Um Gotteswillen, kleiner Wastelbub’, probir’s nicht! Dein Zünglein bliebe unselig kleben am Kettenglied, thät’ in der leidigen Kälte anfrieren auf der Stell’. Mancher ist diesem Bauernspaß schon auf den Leim gegangen. Da ist das Kartenspiel in der warmen Stube unterhaltlicher. Im hohen Sommer ginge nach so langer Dunkelheit schon die Morgenröthe auf; jetzt schlägt der Hammer auf dem Thurm erst die neunte Abendstunde. Sie gehen zu Bette; Keiner denkt daran: wie wird sich der Thürmer die Zeit vertreiben? — Jetzt liegen sie neun Stunden lang, da weckt sie die Glocke zur Rorate auf. Ueber der Welt noch immer die stille, schwere Nacht, daß Einem hart wird um’s Herz und der Gedanke kommt: Wenn’s finster bliebe!
Der Thürmer läutet das Ave-Maria. Süß und hoffnungsreich klingt es hin über die Menschenwohnungen, bis hinaus, wo die Wälder stehen. Verlange Dir nicht am Quell’ der heiligen Töne zu stehen, die schmetternden Hammerschläge zerrissen Dir das Ohr; der Thürmer weiß nicht, wie schön seine Glocken klingen.
Der einsame Mann leitet den Schein seiner Lampe auf das Buch, in welchem die uralten Träume der Menschheit aufgeschrieben sind; er sucht die Sprüche des weisen Salomon, die Psalmen des Sängers David, die Worte der Propheten. Aber er dringt nur auf die todten Blätter, nicht tiefer; sein Mund murmelt:
„Die Lust hat uns verbunden,
Die Schuld hat uns getrennt.“
Das stand nicht in der Bibel, das las er aus seiner Vergangenheit. Er war nicht in der Gegend geboren. Als entfernter Verwandter eines nun längst heimgegangenen Prälaten von Münsterwald hatte er einst die Stelle eines Thürmers und Wartes überkommen. Was war dieser Mann einst lebenslustig gewesen! Aber da hat sich eine Geschichte zugetragen, und seit dieser Geschichte lebt er wie ein Einsiedler auf seinem Thurm, bedient von einer Magd, die nichts hört und gern schwätzt.
Jetzt war ein Tag, da mußte der Alte eine Stunde lang mit allen Glocken läuten. Ein Heil war im Anzug, eine Gnade für Münsterwald. Der Thürmer zog seelenlos an den Stricken, hörte seelenlos das erzene Knallen der Töne — er wußte es wohl: Wenn der Menschenzug, der die Straße heran dem Münster zuwallt, endlos wäre, wenn sie Alle kämen, die Heil und Gnaden hätten, oder beladen wären mit Fluch und Schande — der Eine wäre doch nicht dabei, den lockt kein Glockenklang von Münsterwald.
„Die Lust hat uns verbunden,
Die Schuld hat uns getrennt.“
In’s Städtchen zogen, von der Bevölkerung der Umgegend begleitet, drei Missionäre ein. Die Stiftspriester fühlten sich dem weltlichen Sinne ihrer Sprengel nicht mehr gewachsen; die Leute wollten den Kanzelsprüchen Jener, mit denen sie kartelten, kegelten und krügelten, keinen großen Ernst beimessen. Und so hatte das Stift Apostel herbeigerufen, von denen es hieß, daß sie aus weiten Landen kämen, unter ihren Mänteln Geißelhiebe freiwilliger Kasteiung und unter ihren breiten Hüten bereits einen leichten Anflug von Heiligenschein trügen.
Einer von den Fremden war blaß und hager; dem sah man’s an, wie ernst er es mit Hölle und Teufel nahm; der Zweite, Behäbigere, mochte sich schon etwas mehr an den Himmel halten, ob der nun in jener oder dieser Welt zu finden sei. Der Dritte hatte einen langen schwarzen Bart, sein Gesicht war rauh, sein Auge war herb; er schaute beim Einzug so seltsam scharf an den Häusern umher, auch zu den Giebeln und Thürmen auf. — Ammern, Spatzen, Schneemeisen, sonst, lieber Mann, fliegt in dieser Jahreszeit bei uns nicht viel herum!
Der leise Spott, mit dem die Einziehenden empfangen wurden, verwandelte sich bald in Lob und Bewunderung. Auch die Leute von Münsterwald waren aus Fleisch und Blut gebaut, waren empfänglich für das schmetternde Wort, für die grellen Bilder erhitzter Phantasie, für geheimnißvolle, auf die Sinne wirkende Zeichen, und sie erlagen daher den merkwürdigen Experimenten und Demonstrationen der Jesuitenmission gar bald.
Besonders der Schwarzbärtige, der Pater Christof! Wenn der predigte, da wurde die Kirche zu klein — und das will in Münsterwald was sagen! Der Mann predigte ganz anders als seine beiden Genossen, die mit Allem so übernatürlich thaten und, wie der Kirchweihzauberer, unter dem Dache Wetter machten und sogar Blitze in die Menge warfen, welche die Einen brannten, die Anderen blendeten. Der Schwarzbart that nicht desgleichen, wenn er auf der Kanzel stand, er schrie nicht einmal, aber es waren Brusttöne, in denen er sprach. Es war etwas Warmherziges in der rauhen Stimme, es schien immer, als denke er weniger an seine Worte, als an seine Hörer, und der Mauthner vom untern Thor flüsterte einmal dem Nachbar zu: „Der predigt fast, wie ein Mensch.“
Der Ruf dieses Predigers drang auch auf den Thurm. In der lieben Christnacht war’s, als der alte Mann weinte. Da ruft er die Leute zum Gottesdienst, und er selber hört keine Predigt und keinen Orgelklang, er muß zu den Fenstern hinausschauen, ob in dieser lichterreichen Nacht nicht irgendwo ein Unglück auflodere. Wer frägt nach dem alten Thürmer? Sie vergaßen es längst, was ihm einst widerfahren.
Auf der kleinsten der vier Glocken, die zusammen ein so herrliches Geläute gaben, daß man weit und breit in den Hügeln und selbst in den Bergen drinnen vom Musikspiel zu Münsterwald sprach — auf der kleinsten dieser Glocken stand mit Kreide geschrieben der Name „Valentin“. Es war längst schon Staub darüber, aber der Thürmer wischte ihn an dieser Stelle nicht weg, aus Furcht, die Buchstaben zu verletzen. Wie oft hatte er seit jenem längstvergangenen Tage, da das Söhnlein von der Schule heimkehrend mit der Kreide auf dem grauen Metall seine neue Kunst erprobte, diese Glocke geläutet! Der Name Valentin schwang und klang mit, wenn die Glocke ein Brautpaar zum Hochzeitsamte rief und er schwang und klang mit, wenn der Glockenton eine Bahre hinausbegleitete zu ihrem Grabe. Ihn hat wohl weder zum Einen noch zum Andern ein christlich Geläute geführt! — Da ist ein junges Menschenleben vergangen und verloren. Durch wessen Schuld? — Zu Allerseelen macht der Thürmer stets um einundzwanzig Züge mehr an der Glocke, als die Ordnung war, denn einundzwanzig Jahre zählte Valentin. Nun stand der Alte da und schaute den Namen aus Kreide an — und das war sein Weihnachtsfest.
Am nächsten Frühmorgen stieg er hinab in die Kirche und sah den bärtigen Missionär, den Pater Christof, als dieser seine Messe las. Er sah sein Gesicht und dachte: „Zu dem hätte ich Vertrauen; wollte mich gern einmal aussprechen. Mit jedem Glockenzug schreie ich’s in die Welt, wie mir ist, aber sie verstehen anders.“ So ging er nach der Messe in die Sacristei. Als ihn der Priester sah, stolperte derselbe und fiel dem Alten fast in den Arm. Das war diesem ein gutes Vorbedeuten und er trug dem Missionär seine Bitte vor. Von den Predigten könne er nichts gewinnen, weil er als Thürmer soviel schwerhörig geworden sei, so möchte er zum Beichtstuhl kommen.
Der Schwarzbart stand da, wie eine Bildsäule, so ernst, dann sagte er: „Wenn Ihr schwerhörig seid, so ist der Beichtstuhl nicht der rechte Ort. Wenn es recht ist, so will ich Euch in Eurer Stube besuchen.“
Da wurden dem Thürmer die Augen naß und er sagte: „Ja, der hochwürdige Herr ist wohl ein guter Hirt, der die Sünder aufsucht, aber ich komme schon selber zu Ihm, wenn’s verstattet ist?“
„So kommt Nachmittag, wenn Ihr gespeist und Euch ausgeruht habt, in den Pfarrhof.“
Als der Alte in seinen Thurm hinaufstieg, murmelte er: „So wie Der kunnt er jetzt sein. Was wäre das für mich ein schönes Leben und Sterben, Du heiliger Gott!“ —
Und Nachmittag, als zur Vesper geläutet war und die lichterstrahlende Kirche sich mit Menschen und Leuten (das ist auch in Münsterwald zweierlei) gefüllt hatte, saßen die beiden Männer im abgelegenen Zimmer. Der Priester spielte mit einem schwarzen Kreuze, das ihm über der Brust hing und hörte dem Thürmer zu. Der Thürmer sagte: „Ich habe mir’s überlegt, hochwürdiger Herr, beichten will ich jetzt nicht. Ich fürchte mich allzuviel, daß ich nicht kunnt absolvirt werden. Ich bin kein armer Sünder, wie die Anderen, die jetzt in der Kirche dutzendweise vor dem Beichtstuhl stehen; ich sag’s gleich, ich habe mein Kind umgebracht.“
Der Priester sprang auf; aber gelassener setzte er sich wieder auf seinen Platz — und schwieg.
„Darf ich jetzt anfangen?“ fragte der Thürmer.
„Erzählt, erzählt, was Euch drückt. Ich sage Euch im Voraus, Gott ist gütig.“ So der Priester und that, als wollte er die Hand des Alten erfassen.
„Mir war er’s nicht, mein geweihter Mann,“ sprach der Thürmer, „so schreckbar ist es, sein liebes, bluteigenes Kind verfluchen zu müssen. Ach, das Neugeborne schon ist eine Sünde gewesen — aber eine Sünde, Pater, wie deren auch die Leute in der Kirche d’rüben zu beichten haben. Die Mutter starb, dem Kleinen sang ich’s an der Wiege: Die Lust hat uns verbunden! — Als er größer wurde, hatte mein Valentin Schick für’s Lernen, haben ihn die geistlichen Herren auch zum Ministranten gern gehabt und ist dem Herrn Prälaten der Gedanke gekommen: Wollen einen Priester aus ihm machen. Hätt’ dazu wohl taugen mögen; Altar und Predigtstuhl, das ist fort sein Treiben gewesen. Und hat doch nicht dazu getaugt. O Herr, so ein gottverlassener Mensch, wenn der Priester worden wär’! Ein Dieb, der Bursch. Ja, nicht wahr, da fahren jetzt der geistliche Herr in die Höh’! — Hat brav studirt, der Herr Prälat hat Alles für ihn gethan und bezahlt. — Wie er in seinem einundzwanzigsten Jahr von der achten Schul’ auf Vacanzen heimkommt und uns das Semesterzeugniß hat gewiesen, hab’ ich vermeint, ich müßt’ in die Wolken fahren vor lauter Freud’! Ist der Erste gewesen in seinem Jahrgang! Und was bei ihm selber für eine Lust war. Wie ein junger Hirsch springt er Euch in der Gegend um, und vom Kirchthurmfenster aus hat er mir einmal einen Jauchzer gethan in die Stadt hinab, daß die Leute gar gesagt haben: Wenn solche Kirchenglocken läuten, da wollten sie auch wieder fromm werden. Unser Herr Prälat hat’s zum Glück nicht gehört; das war ein strenger Mann! Und ich für meinen Theil hab’ vermeint, die Jugend müßt’ sich ausjauchzen, und schon gar, wenn der Mensch später einzig nur mehr beten und beten soll. Daß auf Vacanzen die Ersparniß zu wenig wird, mag auch dem Valentin passirt sein, gleichwohl er mir niemals davon was hat merken lassen. Auf einmal in der Morgenfrüh, ich weiß es noch, als wie wenn es gestern wär’ gewesen, der Maria-Himmelfahrtstag war’s — werde ich eilends von meinem Thurm gerufen, auf den Kirchplatz hinab, und da ist ein Leuthaufen beisammen und mitten drin haben sie — mit einem Strick die Hände gebunden — meinen Valentin. Beim untern Thor hat dazumal der Wanschel-Moses, wie wir ihn geheißen haben, sein Häuslein gehabt. ’s ging das Gered’, daß der Moses viel Geld hätt’ besessen und nur deswegen in Münsterwald geduldet gewesen, weil ihm allerlei Leute schuldig waren. Bei diesem Juden hat der gottvermaledeite Theologus einbrechen wollen. O frommer, geistlicher Mann! Was das ist, wenn Einem das eigene Kind auf einmal als Dieb und Räuber vorgeführt wird! Was das ist! Tausend Jahr’ lieber im höllischen Feuer brennen, als das erleben! — Nichts weniger als Solches hätt’ ich an meinem Sohn vermuthen mögen; ein Starrkopf ist er oft gewesen, und jähzornig, wie ich jähzornig bin, sonst war er brav. Und jetzt auf einmal das! — Daß mich der Schlag nicht hat getroffen am selbigen Himmelfahrtstag! Getroffen hat er mich freilich, nur allzuböse, geistlicher Herr, nur allzuböse! — Geleugnet hat er’s, der Schandbub’, wo sie ihn doch im Fenster haben gefangen. Geleugnet hat er’s, wo doch aller Beweis ist dagelegen, daß es nicht anders gewesen sein kann. Daß ein lustiger Student Geld braucht, ist nichts Neues, aber daß er deswegen dem Juden zum Fenster hineinsteigen muß, wird der Pater noch nicht gehört haben. Der Prälat hat’s auch niemalen gehört und hat nichts zum ganzen Handel gesagt, als wie: Wenn der junge Mann beim Juden Geld sucht, so braucht er vom Stift kein’s. — Und aus ist’s gewesen. Alles hat ihn verhetzt: Dieb! Dieb! Sonst hat man nichts gehört auf dem ganzen Platz. Der Valentin hat bei mir wollen Schutz suchen. — Einbrecher! schrei’ ich voll Schand’ und Zorn mir kommst nimmer vor die Augen! Und stoß’ ihn mit der Faust zurück. — Jetzt haben sie ihn geschlagen und gerissen, haben ihn aus der Stadt gehetzt, die staubige Straßen fort — und seit dieser Stund’ hab’ ich meinen Sohn nimmermehr gesehen.“
Der Priester legte seine Hand auf die zitternden Arme des Alten; er zitterte selbst. Der Thürmer fuhr fort: „Der Zorn ist freilich wohl bald vergangen, aber da ist die Reue gekommen, und die ist noch viel fürchterlicher. O, sagt mir doch: Wenn ihn Gott selber verlassen hat, ist es denn unrecht, wenn ihn auch der Vater verläßt?“
„Das himmlische Gesetz, wie das irdische, sprechen den Vater frei, sein Kind zu richten,“ sagte der Missionär. „Und gesetzt, Ihr wäret der Richter Eures Valentin gewesen, hättet Ihr nicht die Thatsache auf das strengste untersuchen müssen, bevor Ihr ein Wort in sein Herz geschleudert, das alle Kindesliebe im Augenblick vernichten mußte? Ihr habt nichts untersucht, Ihr habt nicht an’s Kind gedacht; die Schande, die Ihr auf Euer Haupt fallen sahet, der leidige Zorn war’s, weswegen Ihr Euren Sohn verstoßen habt. Valentin ist an dem Verbrechen unschuldig gewesen!“
„Jesus Maria!“ rief der Thürmer und rang die Hände — aus Verzweiflung — aus Glückseligkeit? Dann setzte er mit starrem Blicke bei:
„Wie wißt Ihr denn das?“
„Könnt Ihr Euch an den Juden Moses noch erinnern?“
„Er ist bald darauf aus der Gegend gezogen. Ich weiß nur, daß er so häßlich als geizig gewesen ist.“
„Häßliche Juden haben oft hübsche Töchter,“ sagte der Geistliche; „sollte der Moses keine solche gehabt haben?“
„Ja, ’s ist schon recht, er hat eine gehabt, derentwegen hat er ja fort müssen, weil sie die Burschen von ganz Münsterwald verhext haben soll.“
„Und könnte sie Euren Valentin nicht auch verhext haben?“
Der Alte horchte auf.
„Könnte er nicht in die Kammer der jungen Jüdin haben steigen wollen?“
„Heiliger Gott!“ rief der Thürmer, „Ihr sagt es doch, warum hätte er das selber nicht gesagt?“
„Meint Ihr, daß Euer Sohn nicht so albern gewesen sein könnte, aus Furcht vor dem Prälaten und der Entziehung der nöthigen Gnaden den Besuch bei der Jüdin zu verschweigen?“
„Nein, nein,“ sagte der Alte, „solcher Dinge wegen, so wichtig sie für meinen Sohn waren, opfert man den ehrlichen Namen nicht.“
„Oder meint Ihr nicht, daß Euer Sohn so ritterlich sein konnte, die Ehre des Mädchens mit seiner eigenen zu erkaufen?“
„Was sagt Ihr da?“ fuhr jetzt der Thürmer wie aus einem Traume erwachend empor, „seid Ihr, Mann Gottes, seid Ihr allwissend? Ja, ja, so war’s, so mußte es gewesen sein, nicht anders! O, ich unseliger Mensch, daß mir erst jetzt ein Licht aufgeht!“
Dann schrie er zornig auf: „Und warum hat er mir’s nicht vertraut? Sag’ mir Einer, warum hat er es seinem Vater nicht vertraut?“
„Hat er nicht zu Euch flüchten wollen? Ihr habt sein Herz getroffen. Ein vom Vater als Dieb und Einbrecher verschrieener Sohn kann nicht mehr zurückkehren.“
„Ich bitt’ Euch, habt Erbarmen und martert mich nicht zu Tode. Um Gotteswillen sagt, wo habt Ihr ihn gesehen? Lebt er? Wo ist er? Ich such’ ihn auf, ich muß meinen Valentin wiedersehen.“
„Er ging über das Meer. Es war Trotz in ihm. Er hat sich dazumal vorgenommen, nicht eher in seine Heimat zurückzukehren, als bis seine Ehre wieder hergestellt ist und sein Vater das Wort zurückgenommen hat. Käme er heute, nach neunzehn Jahren, was meint Ihr? Er würde noch zu früh kommen.“
„Kommen, kommen soll er, ehe ich alter Mann von dieser Welt fort muß! Ich bin von seiner Unschuld nun auf einmal überzeugt, o Gott, erst heute! erst heute! Ja, die Jüdin, es kann nicht anders sein. Kommen soll er, sehen will ich mein Kind wieder.“
„Beruhigt Euch, guter, armer Mann,“ sagte der Missionär, „er wird wohl kommen. In Münsterwald ist er vergessen; das ist der beste Segen für einen ehrlos Gewordenen: vergessen sein. Wenn es aber plötzlich heißt: der Sohn des Thürmers ist wieder da, so werden Einige fragen: der alte Thürmer, hat denn der einen Sohn? Ja, werden Andere sagen, das ist der Dieb, der Einbrecher beim Wantschel-Moses. Ihr müßt von der Geschichte damals ja gehört haben. — Und so wird’s wieder lebendig.“
„Ich will es vom Thurme ausrufen, daß er unschuldig ist,“ sagte der Thürmer.
„Das ist nicht nöthig. Euer Sohn gehört nicht mehr zu Denen, deren Glück und Frieden davon abhängt, was die Leute über ihn sagen. Der Beruf, den er gewählt, giebt Beweis, daß er nicht der Mann ist, der des Mammons wegen beim Juden einsteigt. — Valentin hat in einem katholischen Priesterhause Nordamerikas seine Studien vollendet, dann stieg er hinab in die ungeheueren Landstriche westlich des Lorenzostromes, um jenen wilden Völkern menschliche Gesittung zu verkünden. Wie oft hat ihn das Heimweh angepackt, das Andenken an den Vater gepeinigt! In den ersten Jahren hat er Euch brieflich seine Unschuld betheuert, aber es kam die Antwort nicht zurück.“
„Ich weiß von keinem Brief!“ sagte der Thürmer.
„Ihr habt ihn eben nicht erhalten, erst viel später habe ich erfahren, daß jenes Schiff, welches das Schreiben an Bord hatte, auf hohem Meere zugrunde gegangen war. So ist es gekommen, daß Ihr von Eurem Sohne nichts mehr gehört habt. Vierzehn Jahre lang hat Valentin mit seinen Genossen in Canada gewirkt, bis sie in Entbehrung aller menschlichen Bedürfnisse fast selbst zu Wilden geworden waren. Ohne Erfolge, nur mit dem Bewußtsein in der Brust, ihre Pflicht erfüllt zu haben, kehrten sie zurück und ich schloß mich aus Sehnsucht, mein Vaterland wieder zu sehen, einer nach Europa abgehenden Missionsgesellschaft an.“
„Wer? Ihr?“ fragte der Thürmer, „ja, waret Ihr denn dabei?“
Da faßte der Priester die beiden Hände des Alten und sagte: „Vater, wollt Ihr Euren Valentin denn gar nicht mehr erkennen?!“
Am selbigen Christabende soll zu Münsterwald das Ave-Marialäuten so seltsam geklungen haben. Die Glocken hatten einen überaus hellen Ton, so daß die Leute sagten: „Es wird das Wetter umschlagen.“ Und als es eine Viertelstunde fort gegangen war, hoben sie ihre Gesichter gegen den Thurm und riefen: „Na, hört er denn heute nicht auf zu läuten?“
Der alte Mann läutete und läutete — vergaß in der Freude auf das Aufhören. —
Die Missionspriester blieben noch einige Tage in Münsterwald.
Immer größer wurde der Andrang zu ihren Predigten und ihren Beichtstühlen. Spät Abends noch stieg der Schwarzbart täglich in den Thurm hinauf. Die Leute meinten, der Pater sei sicherlich ein Sterngucker und betreibe von den Thurmfenstern aus seine Studien.
Einmal, es war am vorletzten Tage der Mission, kletterte auch ein Anderer die finstere Stiege empor, der wohl in seinem Leben nicht gedacht haben mochte, daß er einmal einer gar absonderlichen Angelegenheit wegen auf den Münsterwalder Kirchthurm sollte steigen müssen. Es war der Korbflechter Martin aus Grabendorf, welches Dörfchen als Vorort von Münsterwald gilt. Der hatte heute mit dem Thürmer zu sprechen. Es ging aber ungelenk, denn der Thürmer war schwerhörig und der Korbflechter heiser. Es sprach sich ungern aus, was ausgesprochen werden mußte. Unten durch das Beichtstuhlgitter hatte es sich so leicht hineinflüstern lassen, denn das wußte der Martin, was man dem Beichtvater sagt, das sagt man dem Grab. Und darauf rechnete er. Aber diesmal saß der Schwarzbart drinnen; der war sonst der Gütigste und jetzt auf einmal der Strengste, der verweigerte dem Beichtenden die Absolution.
„Zu Dir hat er mich heraufgeschickt, Thürmer,“ berichtete der Korbflechter Martin, „Dir soll ich es beichten und wenn Du mich lossprechen könntest, so wollte er es auch thun. Das ist hart für mich! Es hat mir ja schon lange kein Gut gethan da drinnen, schon lange hätte ich Dir’s gern anvertraut, aber Du kannst Plaudern, Dir verwehrt’s Niemand, und dann hetzen mich die Leut’ aus, wie sie den armen Valentin ausgehetzt haben. Ich will Dir’s sagen, mein lieber Thomas, Du kannst unchristlich sein und einen armen Familienvater zugrunde richten, kannst es! freilich kannst es! aber darum wird Dein Sohn doch nicht mehr zurückkehren; im Himmel wirst ihn sehen, wenn Du mit mir barmherzig bist!“
„Was weißt Du denn für eine schreckbare Sach’, daß Du einen so großen Anlauf nimmst?“ fragte der Thürmer.
„Dir mag’s vielleicht nicht schrecklich sein, wenn ich Dir sag’, daß Dein Valentin dazumal ganz unschuldigerweis’ fortgejagt ist worden?“
„Das sagst Du mir nicht mehr, mein lieber Martin.“
„Weißt Eins, ist’s gut; aber das Andere weißt Du doch nicht!“
Jetzt hob sich in der Glockenstube knarrend der Hammer. Der Korbflechter zuckte zusammen, aber der Thürmer sagte: „Es wird Dich doch nicht erschrecken, wenn die Uhr schlägt!“
„Oh, seit vielen Jahren kann ich das Uhrschlagen nicht mehr hören,“ versetzte der Martin, „ich fürchte mich vor der letzten Stunde. Ich sag’ Dir’s, Thomas, das Geheimniß möchte ich nicht mehr länger tragen, hör’ mir zu: Daß Dein Sohn als Einbrecher ist ausgeschrieen worden, das kommt von mir!“
„Was ist das?“ rief der Thürmer, „jetzt muß ich aber doch unrecht verstanden haben. Ach, was man taub wird! Sag’s noch einmal.“
„Ich habe den Valentin in Verdacht gebracht,“ sprach der Korbflechter, „der jungen Jüdin wegen ist’s hergegangen, der Tochter des Moses wegen. Die hab’ ich oftmalen aufgesucht, und just das, hab’ ich vermeint, wird mir der Beichtvater nicht verzeihen mögen. Aber das ist noch wundersleicht gegangen; wie ich ihm jedoch das letztere habe erzählt daß ich auf den Thürmerssohn Valentin, der sich auch ein Weniges an die Jüdin gemacht hat, eifersüchtig bin gewesen, daß ich ihm in derselbigen Nacht bei dem Judenhäusel aufgepaßt habe und Leut’ zusammengerufen und ihn abfangen lassen und ausgeschrieen: des Juden Geld hätt’ er sich holen wollen — da ist der Beichtvater mit seinem Latein zu End’ gewesen.“
„Du hast gewußt, daß es nicht um’s Geld? — daß er sich beim Mädel wollte anmelden? Hast Du das gewußt, Martin? hast Du das?“
„Das hab’ ich freilich gewußt. Und just da ist er mir im Weg gewesen.“
„Martin!“ murmelte der Thürmer, „hättest Du — wenn Du schon schlecht hast sein können — ihn beim Prälaten verklagt: der dürfte die Liebschaft zwischen dem Theologen und der Jüdin schon verhindert haben.“
„Wer weiß es?“ warf der Martin ein, „höchstens, daß er den Valentin nicht weiter hätte studiren lassen; da wäre der Valentin in Münsterwald geblieben und mir erst recht im Weg gestanden. Sie hat ihn lieber gehabt, als mich. Wie mir’s dazumal ist gewesen, Thomas! — Heut’ versteh’ ich’s ja selber nimmer, wie der Mensch so sein kann — aber wie es mir dazumal gewesen, so hab’ ich mir heilig wahr keinen andern Rath gewußt, als den: du mußt ihn sicher machen.“
Jetzt drehte sich der alte Thürmer ein wenig, schaute den Korbflechter an und murmelte: „Wie Du dastehst, noch alleweil hübsch bei Person und soweit in Ansehen bei den Leuten, wohl, wohl! — hättest Du vorig’ Jahr nicht Gemeindevorstand von Grabendorf werden sollen? — so kennt man Dir’s bei Gott nicht an, was Du für ein grundschlechter Mensch bist.“
„Mußt nicht so, Thomas, mußt nicht,“ sprach der Andere und hielt seine Hände bittend zusammen, „denk’ Dir, ich bin verblendet gewesen in meiner Begier’ und hab’s nicht wissen können, daß mein Spitzbubenstreich so grob für den Valentin sollt’ ausfallen. Nun, wie ich gesehen, was angerichtet worden ist, da hab’ ich nicht mehr die Kurasch gehabt, daß ich’s laut gemacht hätt’: Er wär’ der ehrliche Mann und ich der Schurk. O, mein Gott, wenn Du wissen könntest, Thürmer, was ich wegen dieser Geschichte schon ausgehalten hab’! Kein aufrichtiges Beten und kein ruhiges Schlafen die langen Jahre her, und so oft ich vom Thurme eine Glocke hab’ gehört, ist’s mir gewesen: jetzt schreit sein Vater wieder zum gerechten Herrgott auf. Was hab’ ich umhergewurmt, daß ich doch einmal etwas vom Valentin hören sollt’; ich habe nichts von ihm gehört; Du auch nicht, gelt, und jetzt weißt, warum ich Dich so oftmals hab’ gefragt, ob Du von Deinem Sohne nichts mehr hättest vernommen, bis Du mich einmal angefahren, was ich mich so viel um den Lumpen zu scheren hätt’! Da hab’ ich genug gehabt, hab’ nicht mehr gefragt — aber still ist’s in mir nimmer geworden. — Und jetzt auf einmal, mein Thomas, jetzt ist mir so leicht, daß ich Dir möcht’ um den Hals fallen, wenn ich nicht müßt’ vor Dir auf’s Knie und bitten: Verzeih’ mir’s, verzeih’ mir’s!“
Da lag der Mann vor dem Alten auf dem Boden; der Alte ließ ihn nicht lange liegen.
„Mir selber hat erst vor etlich’ Tagen Einer verziehen,“ sagte der Thürmer, „so verzeih’ ich Dir auch. Geh’ zu Deinem Beichtvater und sag’ ihm’s; vielleicht kann er Dich absolviren.“
„Aber jetzt,“ murmelte der Korbflechter, seine Augen waren naß, „jetzt kommt freilich erst das Schwerste. Du wirst es den Leuten sagen wollen, wie’s steht; ich kann Dir’s auch nicht verdenken — Du wirst Deinen guten Namen und das Andenken Deines Valentin wieder weiß machen wollen, Du hast ja Recht, und das thät’ Jeder — aber was wird aus mir armem Teufel werden, aus meinem Weib und meinen Kindern?“
Der Thürmer schaute in die Glockenkrone auf, in der erst vor Kurzem wieder das Lied vom heiligen Christ geklungen war und dann nahm er den Martin an der rechten Hand und sprach: „Sei ohne Sorgen. Wenn ich gesagt habe, ich verzeihe Dir, so ist Dir verziehen und vergessen. Es wird keine Rede mehr davon sein. Die alte Zeit ist vorbei, die Leute haben an der neuen genugsam zu schaffen, so sei Alles begraben.“
„Thomas!“ sagte der Martin, „wie bist denn? — Als in der heiligen Nacht diese Glocken gerufen, da haben die Kinder gesagt: Die Engel thäten läuten! ’s ist keine Mär’, Du bist ein Engel!“
„Laß das sein, mein lieber Martin, was ich Dir versprochen hab’, das kommt mir leichter an, als Du glauben magst. Geh’ jetzt heim zu Deinen Kindern!“
„Wirst sehen, Thürmer, was ich noch thu’!“ rief der Korbflechter und knarrte die Stiege hinab.
Am nächsten Tage stieg der Schwarzbart noch einmal in den Thurm hinauf, um von seinem Vater wieder Abschied zu nehmen. — Niemand sollte wissen, wer sich hier gefunden hatte, Niemand sollte ahnen, daß in diesem Pater Christof der vor neunzehn Jahren wegen Einbruch ausgehetzte Valentin stecke.
Und als Vater und Sohn in der Thurmstube noch beisammen saßen und sich bemühten, etwas Wein zu trinken, der da war, um die Betrübniß des Abschieds zu mildern, entstand unten auf dem Kirchplatz plötzlich eine Bewegung, ähnlich der am Himmelfahrtsmorgen vor neunzehn Jahren. Ob das wahr wäre? riefen die Stimmen. „Wir wollen den Thürmer sehen!“
Bevor dieser noch geholt werden konnte, stürmten sie schon die Stiege hinan in die kleine Wohnung des alten Thomas.
Die Münsterwalder hatten auf Valentin nicht vergessen, nur aus Rücksicht für den Alten die Geschichte liegen lassen. Nun war Alles wieder lebendig, und sie schrieen es dem Alten in’s Ohr, was damals der Korbflechter Martin gethan habe.
„Wer hat Euch’s erzählt?“ fragte der Thürmer.
„Der Martin selber. O, Gott, der Valentin!“ riefen sie nun, „wie mag’s dem armen, jungen Mann ergangen sein. Der hat sich gewiß aus Verzweiflung das Leben genommen!“
„Nein!“ sagte der Pater Christof, „seid Ihr doch wunderliche Leute, kaum Ihr ihn von einer Schuld freisprecht, klagt Ihr ihn der andern an. Ein Mord — und der Selbstmord ist auch einer — läßt gar nicht besser, als ein Einbruch. So vertheidige ich den Valentin, er hat sich nicht umgebracht, er steht vor Euch.“
Stand vor ihnen und ging zur selben Stunde wieder von ihnen fort. Sein letztes Wort an die Leute von Münsterwald war die Bitte, dem Korbflechter Martin dieser vergangenen Geschichte wegen nichts Schlechtes nachzutragen — das freiwillige Geständniß hätte Alles gelöscht.
Der alte Thomas blieb auf seinem Thurme und blickte den abziehenden Priestern nach, so lange er sie sehen konnte.
Und als die Gestalten verschwunden waren, hob er sein feuchtes Auge gegen Himmel empor. — Dort soll ja für alle Gerechten und Büßer ein Wiedersehen und ewige Seligkeit sein.