Auf dem Rigi.

1870.

Wenn man sich von Graz über Stralsund und Amsterdam nach Luzern rädern läßt und endlich auf eigene Socken kommt, so sieht man sich nicht erst um nach Hotel und Staubbürste, nicht erst nach dem Pfyfferschen Relief, nicht nach Thorwaldsens Löwen, nein, man flieht, eilt fort, – endlich auf eigenen Füßen!

Ich lief, kaum ich dem Bahnhofe entsprungen war, über die eingedeckte Holzbrücke, und ich lief dem Hafen und dem Ufer des Vierwaldstätter Sees entlang gegen Küßnacht. Mir war unsäglich wohl und leicht, ich wollte nichts von Menschenwerk und Stadtluft, ich wollte die Natur des Hochgebirges, die ich seit der Fahrt über den Semmering schon so lange entbehren mußte. Das endlich war wieder die freie frische Luft voll Harzduft, voll Waldesrauschen – mein Element. Ich kam mir vor wie getragen, ich berührte die Erde kaum. Wie ein Reh lief ich am See entlang; ich war außer mir vor Freude, daß ich wieder in den Bergen stand. Was waren das für Berge, was war das für ein Alpenland! Jetzt, Du mein Gott, sah ich's erst, ich stand mitten in der Schweiz.

Da lag vor mir der vielarmige See, so ruhig, so dunkelblau, wie das Himmelsauge an einem heiteren Herbstabend. Ein einziges Segelschiffchen glitt über den Spiegel und es war mir, als trage das einsame Segelschiffchen Poesie über den See – mehr konnte ich nicht erkennen.

Diesseits liegt die grüne Wiese und ein kleines Landhaus mit weiten, grün eingerahmten Fenstern und grauen, schuppenartig verkleideten Wänden; vor dem Hause sind Lauben und Rebenpflanzungen.

Jenseits des Sees aber, am bläulich schattigen Ufer erhebt sich der dunkle Wald und die düstere Felswand, und nun ist geschichtet Felswand auf Felswand – hoch empor hat es sich gebaut und getürmt in allen Lagen, in allen Gestalten, und oben an den Hängen und höchsten Hörnern kleben Nebelflocken wie weiße Blüten.

Doch siehe, jene Klamm dort, aus welcher der Wassersturz wie ein milchweißes Band niedergeht, öffnet uns einen Blick in den Hintergrund.

Aber was drängt sich da für ein wilder, finsterer Geselle vor, uns den Blick auf das liebliche Bild abzuschneiden?

Wie ein Verzweifelter steht er da, wüst und zerrissen; ewig starrt er nieder in den tiefen See, ob er wogt und flutet, ob er ruhig ist. – So stürze dich hinein! – Nicht doch, wer weiß, welch' Leid in deinem Herzen nagt. – Man erzählt sich wohl was besonderes von dir, du finsterer Riese. Da kam der römische Landpfleger Pilatus, und aus Reue, daß er den Nazarener zur Hinrichtung verdammt hatte, stürzte er sich von dir in diesen See und davon hättest du den Namen.

Links vor mir, hinter dem Seearm, erhebt sich ein grünlich-grauer, teilweise felsiger, teilweise bewaldeter Berg, in Form einer abgestumpften Pyramide. Dieser Berg ist der Rigi. Auf der höchsten Spitze desselben leuchtete ein weißer Punkt, das Hotel Rigi-Kulm. Und morgen, wenn die Sonne aufgeht, mußt du dort oben sein, und heute, da sie schon beinahe untergeht, bist du weit davon, und hast noch gar keine Herberge.

Einladende Höfe genug, einladende Menschen auch, denn die Ufer des Vierwaldstätter Sees sind dicht besäet von lebenslustigen Armen und Reichen, die in niedlichen Häusern oder stattlichen Villen wohnen. Aber ich fühlte ja noch die Flügel an den Fersen, und es lag Küßnacht nicht mehr fern. Dieser kleine Ort mit den großen Häusern ist so einladend, wie sein Name, es war, als ich ihn erreichte, schon dunkel geworden, aber trotzdem ging ich auch hier vorüber. Von Immensee aus, so hieß es in meinem Handbuche, ist der Rigi am kürzesten und bequemsten zu besteigen; mein Ziel für heute war Immensee.

So ging ich. Vor mir leuchteten Johanniswürmchen, über mir die Sterne. Und Grillen hörte ich singen; in Steiermark tun es an so lieblichen Abenden auch die Burschen. Kaum eine halbe Stunde hinter Küßnacht kam ich zu dem Hohlweg, wo Wilhelm Tell den Schuß nach Geßler getan. Es war fast ganz finster, denn die Bäume hingen über mir zusammen. Ich blieb stehen, ich dachte an Schillers Dichtung, an die Tradition, an das Reichsvogtentum der alten Zeit. Mit tiefem Pathos begann ich endlich zu deklamieren: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!«

»Er isch schon da!« rief es plötzlich hinter mir, und zwei Arme legten sich um meinen Leib.

Ich war im Moment so erschrocken, daß ein ganzes Planetensystem vor meinen Augen funkelte.

»Verflucht!« rief ich, »wer ist da?«

»Stell di nit so närrisch, du Dingli; meinst, wo de gohsch und wo de stohsch, sin G'spenster! Luig me an, ob i nit der alt Friedli bi, der bsinnig!« Diese Worte sprach ein armseliges Gestaltlein, und dann reichte es mir die Hand. Ich nahm sie an.

»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?« fragte ich.

»Gueten Obe, de Friedli isch's halt; wonn der wilsch und wonn de z'friede bisch, so weis' i dir e Hus zum schlofe huit; de Nacht isch lang und chüel. Verstöhnt der mi?«

»Angenommen,« sagte ich, »aber führen Sie mich in das nächstbeste Gasthaus, je näher am Berge, je besser, ich will mir für morgen den Weg auf den Rigi so kurz als möglich machen.«

Dann führte mich das Männchen unter fortwährendem Geplauder. Fast possierlich sah es aus; es hatte, wie ich jetzt in der Sternenhelle bemerken konnte, einen Höcker, und trippelte damit geschäftig neben mir her und machte mich auf jedes Steinchen und auf jede Wurzel, über die wir schritten, aufmerksam.

Und bald kamen wir ins »Hus«. Aber das war zu meinem Erstaunen kein Gasthaus, sondern ein großer Bauernhof mit vielen Ställen und Scheunen, aus denen mehrere Blechschellen, wie sie die Herden haben, ertönten.

Als mich mein Begleiter ins Wohnhaus führte, sagte ein Weib, das an der Türe stand, und an dem ich in der Dunkelheit nur bemerken konnte, daß es sehr beleibt war: »Je, Friedli, wen bringst denn da?«

»E Büebli, das im Wald isch gsi und ke Hus g'funde het,« antwortete das Männlein und rieb sich die Hände.

Jetzt kamen auch noch andere Leute herbei, und sie lachten und endlich führten sie mich in eine Stube, die sehr geräumig und reinlich war, und in welcher eine Petroleumlampe brannte.

»Entschuldigen Sie, man wird nicht hier bleiben können?« sagte ich.

Da entgegnete mir ein stämmiger Mann, der in Alpentracht war und ein Pfeifchen schmauchte: »Gasthaus ist zwar keines bei uns, aber wenn Sie nicht gern mehr hinabgehe nach Immensee und weil Sie der Friedli schon einmal gebracht hat, so bleibe Sie in Gottesnamen nur da; wenn Sie zufriede sein wollen, wir tun Ihnen gut, wie wir's haben.«

Nach diesen Worten zog er über den Tisch, der in einer Ecke der Stube stand, ein weißes Tuch, und das Weib, welches früher an der Tür gestanden war, brachte Brot, Butter, Honig und eine Schale Milch, und dann luden sie mich ein, daß ich mich hinsetze und esse.

Da setzte ich mich zum Tisch und aß.

Das Männlein, das mich gebracht hatte, kauerte in einem Winkel der Stube und sah mir wohlgefällig zu, wie ich mir erkleckliche Brotlappen herabschnitt, sie auf einer Seite fürsorglich mit Butter, auf der anderen minniglich mit Honig bestrich, und meinen Appetit spielen ließ.

»Nun, wie ist denn das?« fragte ich endlich, als der Mund einmal einen Augenblick frei war, »der Mann dort hat mich im Hohlweg aufgefangen. Ist das ein Fremdenführer?«

»Ei nein,« sagte der Hauswirt fast hochdeutsch, »er ist ein Vetter von meinem Weib und da behalten wir ihn so im Hause, trotz der Albernheiten, die er tut.« Und mit einem Finger auf die Stirne klopfend: »Hat da d'rin lauter Räder, sonst nichts! Ei ja, tun tut er niemandem nichts, will allen Leuten, die ihm begegnen, Gefälligkeit erweisen. Einem Narren sieht man doch damit gleich.«

»Aber das war nicht dumm, daß er mich da hergeführt hat zu Milch und Honig!«

»Gesegn' Gott, wenn's schmeckt!« sagte der Bauer, »sind sicher ein Studiosus? – Ni ja, hab' mir's gleich dacht. Mein Älterer, der Medardi, ischt auch Studiosus, unten in Zürich. Sie wollen gewiß morgen auf den Berg? Und vor Aufgang noch? Schau', das ist viel! Die Sonne, wissen Sie, geht da oben viel früher auf, als anderswo; hier unten kommt sie gerade um drei Stunde später. Ja, da möge Sie heut' wohl gleich ins Bett gehe. – Sepheli!« rief er hernach in ein Nebenstübchen, »Luig, isch das Bett für den Ma da neumis scho fertig? Tausigsappermost, 's isch hochi Zit!«

»Nun,« sagte ich, »so wollen wir heute noch die Rechnung begleichen«.

»Jetzt hören Sie mir auf!« lachte der Mann, »so ein Studiosus da!«

»'s isch fertig, do lit er, wie ne Grof!« hörte ich in einer Kammer über uns sagen, und mein Gastherr sprach: »Fertig wär's. Jetzt sag' ich Ihnen eine ruhsame Nacht!«

»Gunn der 's Gott der Herr!« schmunzelte mir das alte Männlein aus seinem Winkel zu und ich wurde in eine Oberstube zu Bett gebracht.

Das Bett war nicht mit allzufeiner Leinwand überzogen, die Decke etwas steif; dennoch aber schlief ich auf meiner ganzen Reise nicht so süß als in dieser Bauernstube.

»'s isch Zit, Büebli, 's hat eis gschlage!« rief es plötzlich, und der Friedli stand mit einer Talgkerze vor dem Bett und rüttelte an der Decke.

Wenn die Zeit des Schlummers des Menschen glücklichste Zeit ist, wie Philosophen gesagt haben, warum läßt man sich wecken eines Sonnaufganges wegen?

»Bisch sölli müed und schlöfrig gsi? Freili jo, Suntig isch, chumm, 's git e gueti Tag!«

Wohlan, wenn es einen guten Tag gibt, da muß man dabei sein. – Ich erhob mich und in wenigen Minuten darauf gingen wir in der kühlen Nachtluft durch junges Dickicht hinan. Friedli wies mir den Weg. Es war sehr taunaß, über den Zuger See und über das östliche Hügelland gegen Zürich hin hatte sich Nebel gelagert. Der Sternenhimmel war rein. Da wir auf einem guten Fußweg waren, der nicht leicht zu verfehlen sein konnte, sagte ich meinem Begleiter, daß er nun umkehren möge, und ich wollte ihm eine Münze in die Hand drücken; er kehrte weder um, noch nahm er die Münze. Erst als der Morgenstern aufging, meinte Friedli: »'s isch ein anderer da, bin jetzt frei dervo, bhüetis Gott!«

»Leb' wohl, Friedli!« sagte ich und das Wort kam mir aus dem Herzen. »Wenn ich einen andern Rückweg einschlage, so dank' ich dir und den deinen noch einmal. Leb' wohl, Friedli!«

»Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!« sagte er und ging bergab.

Das war im ersten Schimmer des Morgensternes.

Ich ging aufwärts. Die Luft strich kühler und kühler; über dem Hügelland lag ein lichter Streifen, einzelne Vogelstimmen wurden wach.

Der Weg führte durch Wald und Strauch, über Weiden und an Sennhütten vorüber, oft über Gerölle und an Felswänden hin.

Nach einer zweistündigen Wanderung war ich am Hotel »Rigistaffel«. Ich blieb stehen und blickte abwärts und auswärts. In den Tälern lag noch Schatten, der Stern des Vierwaldstätter Sees in tiefer Dämmerung. Die Ufer waren mit lichten Punkten von Dörfern und Villen bestreut; Luzern lag da wie ein winziges Häuflein weißer Steine.

Eine Stunde später stand ich auf der höchsten Spitze des Rigi, am Hotel »Rigi-Kulm«, das mir gestern als kleiner Punkt entgegen geleuchtet.

Ich hörte einmal einen Mann, der den Rigi bestiegen hatte, folgende Worte sprechen: »Ich weiß nicht, was die Leute an diesem Rigi finden; das Hotel ist gar nicht so außerordentlich, ja im Gegenteile, man lebt im Tale billiger und besser. Und die Aussicht, du mein Gott, nichts als Berge. Und da geht noch ein kalter Wind. Was doch die Leut' an diesem Rigi finden!« –

Nach der anstrengenden Partie trank ich im Hotel, in welchem sich einige Engländer befanden, ein kleines Schälchen Milch für fünfundsiebzig Centimes, dann ging ich wieder in das Freie, wo ein kalter Wind zog und ich nichts sah als Berge.

Aber welche Berge!

Die Gletscherwelt der Schweiz, wie sie südwestlich des Rigi in einem ungeheueren Halbkreis daliegt. Und dann tauchte im Osten langsam und langsam die glühende Riesenscheibe empor und dann entzündete sich das Meer der Gletscher und das war ein stilles Glühen und Leuchten hin über das ganze wunderbare Hochland!

Acht Tage früher hatte ich das Wogen und Fluten der Meereswellen in der Nordsee gesehen und die Sonne ging auf. Und heute aus dieser unendlichen Ruhe ging die Sonne auf. –

Als meine Augen getrunken hatten bis zur Berauschung, und als sich mein Herz gelabt hatte an der ewigen Schönheit, stieg ich wieder abwärts.

Meine liebenswürdigen Wirtsleute bei Immensee sollte ich nicht mehr sehen. Ich ging südlich gegen das Klösterli Maria im Schnee, gar einsam und arm im Alpenkare gelegen. Da steht über 4000 Fuß hoch ein Wallfahrtskirchlein, und da leben in einem dürftigen Hause drei Kapuziner. Sie betreiben eine kleine Milchwirtschaft, und ihr niedriges Dach dient armen Wallfahrern und vom Unwetter überraschten Touristen zum gastlichen Hospiz.

Von hier aus geht es an Hängen und durch Schluchten steil abwärts gegen Arth, ein kleines Dorf, das an der südlichsten Spitze des Zuger Sees liegt.

Als ich den See gegen Zug entlang ging, sah ich über dem jenseitigen Ufer noch einmal meine gastliche Herberge, den Bauernhof. Das Männlein sah ich nicht; bald rollten mich die Räder wieder fort aus dem Lande des Friedli.

– Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!