Aus dem Ungarlande.

1871.

Man meint, die Donau müsse nach und nach denn doch etwas von Kultur und Sitte aus den deutschen Landen hinabschwemmen. In Städten, wo die Dampfschiffe rasten, da sammelt sich's trefflich an und die Hauptstadt des Magyarenlandes trägt zum größten Teile deutschen Charakter. Bis aber in den Dörfern und auf den Pußten das Gemeinsame aller gebildeten Völker auflebt, wird noch viel Wasser die Donau hinabfließen. Das ist der selbständige, sich in sich abschließende, der stolze Stamm der Magyaren.

Auf meinen Wanderungen in Ungarn kam ich eines schönen Abends in ein großes Dorf. Es war so weit in dem Osten, daß die Dämmerung dort um eine gute halbe Stunde früher eintritt als in der Steiermark. So lag über den endlosen Ebenen hin der aschfarbige Himmel; nur wo die Sonne niedergegangen war, zogen sich glühende Streifen und Nadeln hin, so innig schloß sich der Himmel an die Ebene und so tief war der Horizont hingezogen, daß er zu sehen war wie die Meeresküste, und die lichten Wolkenstreifen darin lagen wie Inseln auf der graubläulichen See.

Ein ungarisches Dorf ist wie das andere. Da liegt es auf der Pußta und eine sehr breite Straße führt durch. Daß sich auf dieser Straße ein Pferd verstaucht oder ein Wagenrad bricht, ist nicht leicht zu denken; denn eine dicke Mulde aus dem feinsten braunen Staub ist hier ausgebreitet hin und hin, welche zur Regenzeit zum mildesten Teppich wird, in dem man sich wie in ein Kissen verbergen kann mit Roß und Wagen.

Und im Dorfe stehen Hütten aus Lehm und Stroh an beiden Seiten der Straße; die Fensterchen sind so klein, daß kaum ein ungarischer Kopf, geschweige ein ungarischer Schnurrbart ordentlich herauslugen kann. Vor und hinter den Hütten sind Akazien und Maulbeerbäume gepflanzt, welche sich über den fahlen Strohdächern die Arme reichen – die Sonne soll hier gar wüst sein, wenn sie obenan steht. Leblos sind die Gassen des Dorfes nicht, es ziehen uns gemütliche Esel, langgehörnte Ochsen, gesprächige Gänse, grunzende Schweine überall entgegen. Auf dem großen Platze des Dorfes sind umfangreiche Pfützen, zu dünn, um darüber hinzuschreiten, zu dick, um darin unterzugehen, ganz gemacht zum Baden und Wälzen für Menschen und Tiere. Es ist kaum übertrieben – man kann's ja sehen, wie Kinder und Schweine, erwachsene Weiber und Gänse, Männer und Esel in zarter Eintracht in der Dorfpfütze Erfrischung genießen.

Ich sah sie noch lange lustwandeln von meiner Wohnung aus, die mir ein Mann in dem besten Hause des Ortes besorgt hatte, ich hörte von der Rocsma (Schenke) her auch die Tonschläge eines Zimbals – ich ging aber bald zur Ruhe.

In den steirischen Bauerngehöften weckt zum Morgen die Leute der Oberknecht, in Ungarn besorgen das die Mücken; sie schreien und poltern nicht wie der Oberknecht, sie summen und singen nur so herum, sie setzen sich nur so auf die Wangen, auf die Stirne, auf die Nase, und beißen und stechen, daß Ballen wachsen wie Schwämme; dann singen sie wieder – im übrigen kann man liegen bleiben und schlafen, so lange man will.

Es war Sonntag. Vor den Hütten saßen die männlichen Einwohner in ihren weiten Beinkleidern, von denen ich nie ergründen konnte, ob sie Hosen oder Kittel seien. Sie aßen Brot und Speck. Dann erhoben sie sich und gingen zur Kirche hinan, die auf dem Hügel stand. Die Weiber kamen aus den Hütten hervor und gingen auch hinan; sie hatten schmucke Spenser. Die Mädchen waren gar in kurzen, schneeweißen Hemdärmeln und in den bloßen, sorglich gescheitelten Locken. Die Männer hatten kaum eine bessere Kleidung als am Werktage zuvor; viele waren sogar barfuß und die Fransen ihrer weißen Beinkleider schwammen in der Mulde.

Als sie hinanstiegen, war ich auch unter ihnen. Da ich von ihren Gesprächen nicht viel verstand und mich in dieselben also auch nicht mischen konnte, hatte ich Zeit, die Gegend zu betrachten. Das Dorf unten war weit gedehnt, es zählte tausend und mehrere hundert Einwohner. Draußen, gegen Südwesten lagen die Weinhügel, weiter links standen üppige Buchen- und Eichenwälder; – mein geliebter Baum, die Tanne, wächst dort nicht, weit und breit, darum hat die Luft keine Würze, sie ist immer süßlich, lau und schal, wie gekocht. Im Osten lag Heideland, im Norden zogen sich unabsehbare Getreidefelder hin, und weit draußen lag still und ruhig wie die Heide und das Kornland der Donaustrom. Hinter demselben sah man wieder die gelben Streifen der Felder, die fahlen Flächen der Heide und zuletzt im Äther ein mattgraues Band – die Karpathen. Dann begannen die Wolkengestalten in der ungeheuren Himmelsglocke, und diese Wolkengestalten waren mir das Schönste zu allen Tageszeiten im Lande der Ungarn.

Die Gemeinde, die mit mir auf den Hügel gestiegen war, und die Kirche, die, weiß übertüncht, weit in das Land hinausschaute, war kalvinisch. Auf dem Turme prangte kein Kreuz, sondern ein Ding in Gestalt jener alten Waffen, die man Morgensterne nannte. Die Fenstergitter bildeten Herze, Ringe, doch kein Kreuz. Auf dem Friedhofe hinter der Kirche waren viereckige Holzpfähle mit ausgezackten Köpfen als Denkmäler in die Erde geschlagen, aber kein einziges Kreuz. Die Kalviner mögen das Kreuz nicht leiden; sie wollen nicht erinnert sein an den Schandflecken der Menschen, die ihren Heiland zu Dank an das Kreuz geschlagen. Die Kalviner wollen auch kein Bild, weder eine Darstellung Gottes noch der Menschen; unmittelbar wollen sie mit dem Gegenstand verkehren. Das sieht löblich aus; doch wie dadurch der Sinn, die Kunst zuteil kommt, denen die Religion und ihr Kult auch eine Pflegestätte sein soll? Die Einfachheit der lutherischen Tempel tut wohl, ein kalvinisches Gotteshaus aber ist nicht mehr einfach, es ist geradezu trostlos. Da ist rein gar nichts als die nackte Mauer und der Fußboden und die Decke, die glatte Kanzel, der Opfertisch und einige Stühle. Das alles in allem. Dann kommt der Pastor und hält eine Rede, dann singt die Gemeinde Psalmen. Wohl recht einfach, aber noch einfacher wäre, wenn die Mauern auseinandergefallen und die Menschen Gott anbeteten, frei in der allherrlichen Natur des Himmelsgezeltes. Das wäre ein rechtes Bild Gottes und doch kein Bild – ein wahres Gotteshaus.

Der eifrige, eigenstimmige Gesang der »reingläubigen« Kalvinisten hätte mich bald zum Lächeln gebracht, aber das wäre gefährlich gewesen. Es war ein so sonderbares Gesurre, dann wieder ein so gewaltiges Geschrei; und eine einzelne Stimme war in dem Volke, so grell und zackig, und diese wollte nirgends recht hineinpassen, und sie ging, alle anderen Töne durchschneidend, ihre eigenen Wege. Dabei machten die Leute Gesichter, und wie sich der Gesang drehte, so auch ihre Augen und mit den Lippen stiegen und fielen auch die Schnurrbärte. Aber die Andacht in Ehren, sie wird gut gewesen sein.

Eigentümlich war der Ausgang. Sie sangen noch alle, als sich plötzlich die kleinen Mädchen erhoben und singend das Bethaus verließen; diesen folgten die erwachsenen Mädchen, wie sie in den Stühlen gesondert waren. Dann erhoben sich die Weiber und die alten Mütterchen und verließen singend die Kirche. So waren nach und nach alle weiblichen Stimmen verstummt und es sangen nur noch die Männer. Nun aber begannen sich die Knaben zu entfernen und nach diesen traten die Jünglinge, dann die Männer hinaus. Jetzt saßen noch die Greise da und sangen. Dann erhoben sich auch diese und gingen, ihnen folgte der Pastor und nun saß außer mir nur mehr der alte Chormeister allein in der Kirche und sang, bis endlich auch der schwieg und die Kirche verließ. So war der Gesang nach und nach abgestorben und es war still und leer im Bethaus. Jetzt verließ auch ich meinen Winkel und ging an der Kanzel und an dem Opfertisch vorüber in das Freie.

Da war's gar heiß in der Sonne, aber siehe, die Dorfschwemme war in der Nähe. Die Leutchen, wie sie aus der Kirche kamen und sich mit den Ärmeln den Schweiß wischten, machten nicht viel Aufhebens, sie entkleideten sich kurzweg und stiegen in die Pfütze und wuschen sich säuberlich und plätscherten. Sonst, glaube ich, heißt es nach der gestrengen Satzung Kalvins, daß, wer in der Öffentlichkeit einen solch schlüpfrigen Wandel führt, des Landes verwiesen und ausgepeitscht werden soll; nein, so pedantisch genau scheinen es die ungarischen Kalviner nicht zu nehmen.

Sehr schwer sollen sich übrigens auch die Katholiken der ungarischen Dörfer ihre Sache nicht legen. In der Nähe meines kalvinischen Dorfes ist ein katholisches, von dem mir ein alter Einwohner desselben Folgendes erzählte: Als vor mehreren Jahren im Dorfe der Peterspfennig eingeführt wurde, war viel Lärm. Der Pfarrer predigte auf der Kanzel von der Not des heiligen Vaters und stellte diese so ergreifend dar, daß er dabei in Schluchzen ausbrach. Die Bauern blieben trockenen Auges, aber sie starrten so vor sich hin, als ob sie sagen wollten, daß es mit dem heiligen Vater nicht so bleiben dürfe, und daß sie sich in dieser Sache nicht spotten lassen wollten. Und die Bauern derselben Gegend sind wohlhabend. Der Pfarrer ließ mitten in der Kirche eine weidlich große Blechbüchse aufstellen und predigte nun jeden Sonntag von der Armut des heiligen Vaters. Aber die Blechbüchse war denn doch wohl sehr geräumig, denn oft verfügte sich Seine Hochwürden zur stillen Nachmittagsstunde in die Kirche und klopfte mit dem umgebogenen Zeigefinger an die Büchse – das gab noch immer einen schauerlichen Widerhall. Hierauf ließ der Pfarrer einen Priester aus Gran kommen, der eine glänzende Rednergabe besaß und der auf der Kanzel das Elend des Papstes und den Hunger, den er leiden muß, so lebhaft darstellte, daß die Bauern ordentlich Appetit bekamen und nach der Predigt sogleich in die Schenke eilten und ein Bedeutendes an Speck und Schnaps verzehrten. Indes der Pfarrer hatte der Sache Genüge getan und konnte nun wohl einer bedeutenden Ernte gewiß sein. Freilich wohl gab die Büchse noch immer einen hohlen Ton, doch Silberstücke füllen einen solchen Bauch nicht so bald. Als nun eine bedeutende Zeit um war, ließ der Pfarrer die Sammelkasse öffnen und fand darin – ja sind denn diese Bauern Ludersleute? – fand zweiundeinenhalben Kreuzer und einen Pfeifendeckel. So ist mir wohl von boshaftem Munde erzählt worden, und Ähnliches ereignete sich auch in anderen Dörfern Oberungarns.

Nun kehre ich wieder zu meiner Gemeinde zurück. Ich hatte ihr den Vormittag des Sonntags gewidmet, desgleichen sollte auch mit dem Nachmittag geschehen.

Doch ich verlor sie bald; sie verkrochen sich in ihre Hütten, nur daß in der Schwemme noch ein oder der andere Junge plätscherte und daß dann und wann ein Mägdlein auf dem Wege in den entlegenen Keller und zurück durch die Gassen eilte und im Vorbeieilen den Fuß auch ein wenig in das Wasser steckte.

Erst am Abende wurde es rege. Eine Schalmei fing zuerst an, dann begannen in der Schenke Pauken und Pfeifen und jetzt kamen sie herbei von allen Seiten des Dorfes und hüpften schon unterwegs den Nationaltanz.

An Mädchen strömt eine große Auswahl herbei; der Bursche braucht nur zu winken, läuft ihm gleich eine zu. Sie legt ihre Hände flach auf seine Achseln, er legt die seinen an ihre Hüfte, dann beginnen sie zu hüpfen nach rechts und nach links, daß der Schnurrbart wedelt. Das Mädchen guckt dabei ein wenig in seine Augen, ein wenig in den Spiegel, der über die beschnürten Flügel seines glatten Spensers geht, zwar nicht aus Kristall besteht, sondern nur aus dem Glanze des Speckes von so manchem Jahre. Gegessen und getrunken, gönn's ihnen Gott, wird wohl auch wacker. Dann kommen auf Eselkarren die jungen Leute der Nachbardörfer; sind sie auch vormittags geschieden in Bethäusern verschiedener Konfessionen, den Nachmittag haben sie gemeinsam; der Katholik hopst mit lutherischen Mädchen und schlürft kalvinischen Wein, und mitunter verteilt er, weil's denn so brüderlich hergeht, zuzeiten katholische Prügel.

An demselben Abend war's lustig zu sehen und zu hören, aber als es gegen die elfte Stunde ging, da begann auf dem Kirchturme plötzlich die Glocke zu tönen. Ich erschrak; war Feuer im Ort, oder ein Sterbender? Kein Unglück treffe das Dorf und lange lebe der Magyare! Aber Ruhe soll er machen, heim soll er gehen noch vor Mitternacht, so will's der Herr Pastor und darum läßt er die Glocke läuten. Ein praktischer Kalviner benützt die Kirchenglocke also auch zur Polizei; das hat Schiller in seinem Lied von der Glocke vergessen.

Es wurde wirklich bald ruhig in der Schenke und sie gingen heim. Ich sah noch lange durch das offene Fensterchen in die laue Nacht hinaus. Ein paar Hunde bellten unten, sonst war es still; mir kam es fast unheimlich vor; das nächtliche Glockengeläute hatte mich etwas aufgeregt.

Endlich wollte ich das Fenster schließen, da sah ich plötzlich oben an der Kirche ein Flämmlein. Es zuckte hin und her, dann verschwand es. Oben bei den Toten, was mochte das sein? Wieder sah ich das Flämmlein, und jetzt wuchs es an und wuchs gewaltig zu einer hohen, riesigen Flamme und die Wände der Kirche waren rot beleuchtet. Denn doch ein Brand! Ich wollte Lärm schlagen, da war die Flamme wieder verloschen.

Nun war meine Neugierde wach im höchsten Grade. Was spukt da oben auf dem Hügel? Belustigt sich der Totengräber durch Feuerwerke, oder gehört das zum kalvinischen Kult? – Das muß ich doch sehen!

Angezogen, wie ich noch war, nahm ich schnell meinen Stock, verließ das Haus und eilte gegen die Kirche hinan, immer das Licht im Auge behaltend, das oben abwechselnd wuchs und zusammenzuckte.

Und als ich durch das Tor in den Gottesacker ging, da sah ich's. Ein Mann und ein Weib hatten ein totes Ferkel und das hielten sie über ein kleines Feuer, um die Haare von der Haut zu sengen. Dieses weltliche Geschäft störte die Ruhe der Toten zwar nicht, konnte mich jedoch auch nicht recht erbauen.