Zu Mailand auf dem Dome.

1872.

Mailand!

Den Namen, den das ganze Land verdient, trägt seine schönste Stadt.

Hier reichen sich Nord und Süd, Winter und Sommer die Hände. Mai!

Uns begegnet in Mailand zum erstenmale das laute, geschäftige, klingende Treiben des Südländers; der Italiener hingegen nennt Mailand die nordische Stadt. An den Süden erinnern uns in Mailand die flachen Dächer der Häuser, die Marmorbalkone mit den ausgehängten schmutzigen Lappen, die hohen offenen Portale, das schöne Pflaster der Straßen mit Fahrbahnen aus Stein, der Reichtum an Palästen und Statuen und das mächtig erwachende Leben nach dem Ave-Maria-Läuten. An den Süden erinnert uns der helle aber weiche Gesang, der auf den Gassen und aus allen Häusern quillt, das eintönige Geschrei der Ausrufer, das Besetztsein aller öffentlichen Plätze mit Verkäufern und Ciceroni, die reichen, großen Kirchen, der bräunliche Teint der Männer, das glänzend schwarze Haar und das dunkle, gefährliche Auge der Frauen, das zur Vorsicht wohl häufig verhüllt ist mit einem zierlichen Schleier.

Der aus Süden Kommende aber wird wegen des mäßigen Klimas, des frischen Wassers, des Fleißes der Bewohner usw. in Mailand allerdings die Stadt des Nordens erblicken.

Und mitten in dieser stolzen Stadt mit dem Janusgesichte gegen Süd und Nord, steht eine Krone von Elfenbein, nein, eine Marmorkrone, wie keine Dichterphantasie je eine so wunderbare geflochten hat.

Der Dom von Mailand!

Der Italiener nennt ihn ein Marmorgebirge aus dem Norden, und vielleicht mit mehr Recht, als es scheint; waren die Baumeister doch nachweislich Deutsche. (Der Bau der wunderbaren Kuppel soll von Johannes von Graz herrühren!) Ferner ist es die gotische Bauart, sind es die hundert und hundert weithin leuchtenden Zacken, die an die nordischen Bergzacken gemahnen.

So haben die Menschen hier im Angesichte der Alpen einen Tempel gebaut, in dem sich die Erhabenheit der Berge spiegeln soll – ein Gebirge aus Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst, wie es dem klassischen Italien geziemt.

Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht liefern – er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der Völker aufgenommen worden, wie ein liebes Zaubermärchen von der Großmutter. Der Bauer in Steiermark sagt, daß in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele Türme habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der Heilige des Tages und so prange der ganze Heiligenkalender in Stein gehauen auf dem Dome zu Mailand.

Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu klein. Der Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt und die Statuen an denselben und an den Wänden zählen über zweitausend. Es ist des Märchens versteinerter Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst zu Stein, wenn er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen lichten Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über den Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft bleich, schier wie ein ätherisches Nebelgewebe, steht er des Nachts im Mondenscheine.

Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um den Dom, ich will ihn nicht einmal einführen in seine düsteren Hallen – dazu findet sich gelegentlich sicher ein besserer Führer – emporsteigen wollen wir zu jenen Höhen, nach der so viele zackige Spitzen weisen.

Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da ich den Dom bestieg. Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere Stiege über hundert Stufen hinan, der dürstende Blick gefangen zwischen den Quadermauern. Endlich aber lichtet es sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet, wenn man über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade so zumute, wie dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde hervorgetreten, die mächtige Bergkuppe übersieht, die er noch zu besteigen hat. Aber er ist über die Giebel der Häuser hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und sieht auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten Marmortreppen wieder emporzusteigen zwischen dem Gestämm der Türme und den versteinerten Heiligen. Viele derselben haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen Zeit, Blitzableiter an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze des höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende Trikolore aufgezogen, um trotz des recht unangenehmen Konfliktes zwischen der Regierung und dem Vatikan, dem König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre Huldigung darzubringen.

Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder einen Rundgang und sah nun, wie bedeutend die Stadt niedergesunken war und wie sich die Ebene Lombardiens und die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder empor zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft zu fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die gibt es wohl nicht auf dem Dome zu Mailand, statt deren sah ich auf den glatten Marmorplatten des Kirchendaches einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes Mädchen am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte an Gemsen; endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf der Plattform und nahm ungezwungen, wie man nur auf der Alpenhöhe sein kann, zusammen ein Frühstück ein. Er schob dem Mädchen gute Bissen zu, – und das Kirchendach brach darob nicht zusammen.

Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein zweiter gotischer Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes in einem neuen, reichen Kranze von Marmorgebilden, die sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den Erdboden erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan bis zu dem schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja bis in den Himmel hinauf zu entführen scheint.

Da liegt die große Stadt – die höchsten Türme sind tief unten – im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten, an den Fuß des Domes sich schmiegend, steht das königliche Schloß; dort zwischen den Ziegeldächern der kleine, bläulich glitzernde See ist das Glasdach des neuen, prächtigen Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre 1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne Kuppel der Kirche St. Maria della Grazie weist die Stätte des weltberühmten »Abendmahles« von Leonardo da Vinci und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die Porta del Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete Ebene, die südlich von den blauen Apenninen, nördlich und westlich aber in einem ungeheuren Halbkreise von den Alpen begrenzt wird.

Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen, um sich den wunderbaren Bau, das Spiegelbild ihrer Gletscher anzusehen. Dort im fernsten Westen der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein wenig nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten Riesen Montcenis. Dann der leuchtende Zahn des Montblanc und die Zacken vom St. Bernhard und Matterhorn. Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige Gletscherkuppe des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild, durch den sie den fernen Meeren die Wunder und Herrlichkeiten der Alpen kündet. Und nun geht's Kanten an Kanten bis nördlich zur Jungfrau, alle gehüllt in ihre ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet vor stiller Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da unten ausbreitet. – Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard, der Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer, aus dem die Sonne emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier niederwallen und die östliche Aussicht verdecken.

Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht mehr lichtblau, wie das Auge der Germanen, sondern scharf und dunkel, wie der glühendste Blick der Italienerin. Ich sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen flimmern am heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt: ein italischer Himmel.