Von der Kirche des heiligen Petrus.
1872.
Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der Stube. Da läßt die Magd ihr Spinnrad stehen, da lehnt der Knecht sein Spanscheit hin – da horchen sie alle auf.
Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß, daß zwei Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind zwei Springbrunnen, in denen allweg' drei Regenbogen stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese Regenbogen einmal verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer, sagen sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr mittags nicht so viel Schatten, daß eins eine Stecknadel in denselben könnt' legen. Das ist, weil die Sonnen kerzeng'rad obenauf – weil die Säulen just mitten auf der Welt steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche, die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit sind, daß Roß und Wagen darauf kann fahren, – und so lang, daß, steht an einem Ende der Jäger, am andern der Hirsch, beide voneinander nichts wissen. – Und die Kirche selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so groß, daß, wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer den andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von ihr aus nach – Rom kann sehen? – nein, nach Jerusalem hinein kann schauen. Und der goldene Knopf auf der Kuppel ist so breit, daß darauf sieben Hochzeitspaare können tanzen!
So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden auf Erden, als sich die im steirischen Dorf ihre Peterskirche haben erbaut. Es ist nur gut, daß in ihren Hecken kein Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät' führen, und daß sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße« verstünden zu wandern – sie würden ja so enttäuscht sein.
Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich mein obiges Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem Märchenleben heraus und zur ernüchternden Einsicht kam, wie viel – wie wenig die Menschen im Verhältnisse zur Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen.
Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden, die ich ihr widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch von Alessio gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung eines weisen Mönchs neunundneunzigtausend Engel Platz auf einer Nadelspitze haben, so wird der goldene Knauf der Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender Tanzboden sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just wegen Raummangels gerauft werden müßte.
Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam durch das dunkle, schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke.
Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine Teufelsburg kann nicht finsterer aussehen, man betrachte nur! Eine trotzige Runde, einst eine Totenstätte, dient sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu beschützt von den Engeln«.
Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese endet plötzlich und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz der Erde – auf der Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld mit Quadern bepflastert, da sind zwei weißschäumende Springbrunnen, Silberpaletten, auf denen die Sonnenstrahlen just ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und mitten steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und dem eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen Kreuze soll ein Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes stecken. – Dann die prächtigen Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten Arme des Vatikans, mit denen er den Platz umschließt – die ganze Welt umschließen möchte.
Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen Stufen, steht breit und behäbig und stolz der rötlich schimmernde Quadernbau – der größte Tempel der Welt, der Dom des heiligen Petrus. – Von der Kuppel sieht man nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den Vorderbau herüberragen.
Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde. Ich tat einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden Vatikan, einen Blick nach den riesigen Statuen der Apostel Petrus und Paulus, die an den beiden Seiten der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den Säulen der Fassade – zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz haben. Ich schritt durch das Portal, schob einen der schweren Ledervorhänge bei Seite und stand nun in dem Raum der Kirche. Da war nicht die ernste Dämmerung eines gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des romanischen Stiles – alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der Kuppel prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung. Aber die Größe der Kirche überraschte mich nicht. Die riesigen Säulen, Fenster, Statuen und Bilder, dem Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir täuschende Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen, die ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick niedergleiten ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein, die herunten auf der Bodenfläche herumglitten!
Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das königliche Schloß zu Berlin und die Stefanskirche samt dem Turme zu Wien haben bequem nebeneinander in der Peterskirche und Kuppel Platz.
Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten Bronzestatue des heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die Gläubigen die Zehen weggeküßt haben, bis auf ein paar Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die katholischen Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas, das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des Kreuzes Christi und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde stach. Diese Reliquien werden an Festtagen von den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt; näher besehen dürfen sie nur Priester. – Ich kam zu der Säule, an welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die Peitsche sah ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben. – Ich kam zu der Kathedra, zum päpstlichen Thron, den vier heilige Kirchenlehrer mit den Händen spielend schaukeln. – Ich kam an Grabmäler der Päpste, an Statuen und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare in der Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen Christenheit – zu der Grabstätte des Apostels Petrus. Zwei Marmortreppen führen hinter dem Hochaltare hinab zu dem Grabe des großen Apostels. Ein Baldachin aus Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben durch die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das Grab mit dem goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend.
Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen.
Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein kniete oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht nach der Hauptkirche der Christenheit, nach dem Dome meines Namenspatrons. Wenn in der Christnacht das Turmglöckel klang, weit in den Wald hinein, so war mein Gedanke in Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in der Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller knallten und die Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter aus dem Schlafe:
»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und gibt seinen Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind auf, sonst frißt deinen Teil die Katz'!«
Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus unter den freien Himmel und meinte, ich müßte den Segen fliegen sehen in der klaren Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor die Glocken nicht sah, als sie nach den Chartagen von Rom zurückkamen, so sah ich auch heute den Segen nicht. – Und am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der Peterskirche und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik, und lange schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben von Herzen gern. – Und heute – kann ich an dieser Stätte nicht beten …
Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die Namen der Bischöfe und Kardinäle, die im Konzil 1870 für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten.
Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer Priesterschar. Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren in Purpur; nur wenige, die jüngeren, blickten mit gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem Bilde der gekrönten Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen ihre Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen, wo sie wollten. Andere, vielleicht fremde Priester, aus weiten Landen kommend, durchschreiten feierlich die Kirche und knien andächtig hin vor den Lichterkranz des Hauptaltars und – weinen.
Und wieder andere – wohl Laien im Chorrock – huschen geschäftig hin und her, lächelnd sich jedem untertänig als Cicerone anbietend, gar zuweilen mit einer Opferbüchse schellend, die sie unter dem Rocke verborgen halten. Das sind die Hausfliegen der Peterskirche.
Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe, der Kunst, über all' den Menschen, die gekommen sind aus fernen Landen, um die hier bewahrten Schätze und Herrlichkeiten und Gnadenquellen zu schauen und zu genießen, waltet in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen arbeiten Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer und Zimmerleute, in Nischen und Winkeln klopft und scharrt der Schlosser. Es wird ewig gebaut und ausgebessert, es herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie überall auch in der Natur.
Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß sie bequem von einer Stelle zur andern geschoben werden können. Auch zur Fortschaffung des Kehrichts sind eigene Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den Kopf schütteln, wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die Mistkarren herum, wie auf deinem Rübenacker.
Und trotz all' diesen verschiedenen Dingen herrscht eine gewisse Ruhe in den Räumen und fortan künden es die riesigen Buchstaben oben rings der Kuppel: Tu es Petrus etc.
Wer die Größe des Baues noch nicht glaubt, der steige auf das Dach und wandle zwischen den Tonnengewölben und Giebeldächern und den sechs Kuppeln und den Laternen, wie in einer Stadt von Kirchen und Plätzen mit Springbrunnen sogar – und besteige den gewaltigen Koloß der großen Kuppel und halte Aussicht von der Laterne über Rom, in das Sabiner und Albaner Gebirge, in die Abruzzen und auf das Mittelländische Meer. Und mag er gar hinaufklettern bis zum »goldenen Knopf«, so wird er sich sagen: »Tanzen? Sieben Hochzeitspaare?« –
Dann aber, Freund, wenn du herabsteigst, durchwandere nochmals die Kirche und labe dich an der Schönheit, Erhabenheit, ehe du von dannen ziehst. Du magst durch alle Länder der Erde reisen, alle großen Städte durchforschen, einen solchen Tempel wirst du nimmer finden. Hier, in dem Dome und im Vatikan hast du der Baumeister und Bildner größte Werke gesehen; hier bist du auf der Höhe und an der Grenze der menschlichen Kunst. Höher kann die Flamme des Genius nicht mehr lodern – der Atem Gottes bläst sie aus.
Einen Monat später war ich wieder in meiner kleinen, stillen Dorfkirche und fühlte die Nähe des Herrn.