In den Ruinen von Pompeji.

1872.

Eine große Vorwelt ist versunken – hat nichts zurückgelassen, als hier ein Marmorstück, dort ein Erzgebilde, anderswo ein eingegrabenes Zeichen, das wir nicht verstehen können. Und die Tradition, entstellt, durch die Phantasie verzerrt, lautet weiß Gott, wie anders als die Wahrheit! – Wie's immer sei, viel zu wenig Buchstaben für uns, als daß wir lesen könnten. Wir kennen das öffentliche Leben der Römer, wir kennen ihre Verfassung, ihre Gesetzgebung, ihre Kriege. Wir fanden hie und da eine Spur ihrer Priester, ein Lied, ein Buch ihrer Dichter. Das ist schier alles. Es war eine Zeit, die verständnislos wie eine Stubenmagd mit dem Besen alles wegfegte und verwischte, was dargestellt war.

Zum Glück nahm sich die Mutter Erde an und verbarg vor der Vernichterin ein Stück Altertum in ihren Schoß, um es uns, der forschenden Nachwelt, aufzubewahren.

Pompeji und Herkulanum – ich wüßte nicht, daß sie die latinischen Sodom und Gomorrha waren – und doch kam Feuer und Schwefel von oben.

Eine andere Absicht mußte es sein, als nach Christi Geburt 79 die Gewalten des Vesuv zu wüten begannen, die Lava wild qualmend bei Tag und hell erglühend in den Nächten niederströmte zu den Wohnungen der Menschen, und der Aschenregen und der Bimssteinschauer die Städte begrub.

Damals lag Pompeji hart am Meere, das seitdem zurückgewichen ist; es mag ein wesentlicher Stapelplatz für die weiter einwärts gelegenen Ortschaften gewesen sein. Sechzehn Jahre vor der Verschüttung ist die Stadt durch ein Erdbeben halb zerstört worden. Die damaligen Christen glaubten, diese Zerstörungen seien eine Strafe des Himmels gewesen für die Christenverfolgungen, die unter den damaligen römischen Kaisern stattgefunden hatten, und für den Martertod der zu Rom hingerichteten Apostel Petrus und Paulus.

Authentische Aufzeichnungen des schrecklichen Vesuvausbruches im Jahre 79 liegen nicht vor. Das Unheil war eben begraben in sich selbst – und die Lavamassen lagen starr und verschwiegen über der Todesstätte. Pompeji mochte an Ausdehnung die Größe der Stadt Linz gehabt haben; Einwohner werden weniger gewesen sein, da die Bauten bei weitem nicht so groß waren, als das in den heutigen Städten der Fall ist.

Vielleicht stand auf dem ungeheueren Grabe noch lange Jahre hindurch da und dort ein Turm, eine Zinne hervor, wer kümmerte sich darum? Der Landmann baute seine Felder und Weingärten darüber; Feigen und Maulbeerbäume und Pinien und der ganze Wald des Südens wuchs darauf, und Landhäuser und Dörfer wurden, und der Vesuv schlummerte, und der kantige Gebirgswall von Sorento bis Palma hielt Wache und schloß es ein, das schöne, stille, fruchtbare Tal, und der klare Sarno rieselte dahin und ins Meer, Jahrhunderte und Jahrhunderte lang – und Pompeji und Herkulanum waren vergessen.

Siebzehnhundert Jahre zogen dahin, bis das forschende Geschlecht herankam aus dem Norden; da enthüllte die Mutter Erde ihren verwahrten Schatz und zeigte der neuen Zeit die alten Römer, nicht wie sie herrschten auf dem Tribunal, nicht wie sie rangen auf dem Felde oder in der Arena, sondern wie sie lebten in ihrem Hause, in der Familie. Das war ein ganz neues Blatt in der römischen Geschichte und vielleicht wichtiger, wie manch' anderes.

Im Jahre 1748 ließ Karl III. von Neapel auf den ungeheuren Aschenhügeln Pompejis den ersten Spatenstich tun, doch erst in neuester Zeit haben die Ausgrabungen einen solchen Fortgang genommen, daß heute das reinste und klarste Bild der Stadt – getreu bis auf das Nachtlämplein und das Stückchen Mosaik – bis auf die Knochen der Bewohner – vor uns daliegt. Die begrabene Stadt starrt uns an, wie ein unerlöstes Gerippe, das nicht zerfallen darf, weil es Zeugnis geben muß.

Der Weg von Neapel, zwischen den sonnigen Fluten des Meeres und den unterirdischen Gluten des Vesuv hin, bereitet würdig auf Großes vor. Er führt über Lava und Ruinen: aber mitten in den Ruinen prangen Gärten. Und da stehen zwischen dem schwarzgrauen Gemäuer Brunnen, an denen Esel Wasser emportreiben, und Weinlauben, unter welchen Hüter und Eseltreiber und Ciceroni auf dem Rücken liegen und auf die Feigen und Trauben warten, die ihnen ja, wenn heute nicht, so morgen in den Mund fallen müssen. Wir gehen über Herkulanum, aber diese Stadt ist nicht ausgegraben, doch sind neue, blühende Ortschaften aus ihr hervorgewachsen. Zwischen den Ruinen selbst prangt die in Italien allgegenwärtige Gartenkultur, und da stehen Villen; und manches Haus ist aus Lava gebaut, mit Lava gedeckt, aber trotzig bleibt es stehen, bis etwa eines Tages neues Baumaterial von den Höhen des unheimlichen Berges niederschießt.

Der Weg verläßt das Meer, biegt links in das Tal, wohl ein wenig abseits von dem ewig drohenden Vesuv. Man sieht es aber dem stillen, wie träumenden Gesellen nicht an, daß er die Hölle im Herzen trägt, daß er imstande ist, das halbe Tyrrhenische Meer zu beleuchten und das ganze südliche Italien mit Asche zu bestreuen. Aber die Menschlein sind zutraulich und streicheln den schlummernden Löwen und krabbeln an ihm hinauf mit ihren Häusern und Gärten. Und plötzlich wird er wach.

Hier, von Pompeji ein Erdwall, durch den eine gewölbte Pforte führt. Wie durch ein Friedhofstor gehen wir hinein und stehen in der zugrunde gegangenen Stadt.

Neapel und Pompeji. Dort das tolle, übermütige rasende Leben, die alles bewegenden Leidenschaftskämpfe von vierhunderttausend Menschen; hier – alles vorüber. Die Geschichte dieser Stätte ist erfüllt – tretet leise auf die Steinplatten, störet den Frieden der Ewigkeit nicht!

An dem, was in Pompejis Ruinen am bedeutendsten scheint, am Forum, an den Tempeln, an den Theatern, ging ich nach kurzer Besichtigung vorüber. Ich wandelte durch die geraden Gassen, deren mächtige, unregelmäßige Pflasterblöcke aus Lava noch die Furchen der Räder zeigen, und ich ging in die Häuser, die sich nicht auszeichneten, wo aber die Menschen gelebt, geliebt, gehaßt haben, gestorben sind. Auf Wandgemälden ließ ich meine Augen gern ruhen, die voreinstigen Bewohner taten's ja wohl auch – es waren hier schöne Gestalten dargestellt auf dunkelrotem Grunde; und ich fragte die Mosaikkörnchen auf den Fußböden, ob sie nicht Kunde wüßten von Haus und Heim des alten Geschlechtes. Aber Kunde hiervon geben nur Inschriften, Statuen, Hausgeräte, Schmuckgegenstände, Särge usw. im Museum zu Neapel. Diese Räume sind leer; all' das Wiedergefundene ist im Museum aufbewahrt; schier ganz Pompeji ist uns wieder geworden; den Sarg und die Vasen und den Todesschmuck hat das Grab gegeben, nur den Menschen nicht. Was wir hier sehen, ausgegrabene Buchstaben sind es nur eines versunkenen Blattes der Weltgeschichte, aber sie sind nicht blutbefleckt, wie die Ruinen der Kaiserpaläste in Rom – ein stilles Willkommen rufen sie uns zu und laden uns ein in das Haus des römischen Bürgers.

Die Häuser sind niedrig und dachlos, aber die Mauern sind noch gut erhalten oder ausgebessert. Hie und da führen enge Steintreppen empor zu dem Dachraum. Spuren von Feuerherden, Bettstätten, Hausaltären finden sich, noch mit Götterbildern versehen, aber viel häufiger die Vertiefungen der Bäder mit Säulengängen ringsherum. Das Bad ist den Römern der Mittelpunkt der Genüsse gewesen. Die engen, niedrigen Türen haben bequeme Antrittssteine und sind noch mit Holzpfosten eingelegt. Sehr spärlich sind die Fenster, sie gehen in den Hofraum; und es muß, wenn der Hausvater so bei den Seinen saß (das scheint aber nicht gar oft geschehen zu sein), sicherlich die heilige Vestaflamme, das Herdfeuer, allein gewesen sein, welches den Raum erhellt hat.

Wenn auch die malerische Ausschmückung der Wände, der bunte Stucküberzug der Säulen, die Muschelmosaik der Altäre, Bäder und Fußböden überall mannigfaltig ist, so sind doch, außer den öffentlichen Gebäuden, die Häuser und inneren Räume ziemlich einförmig. Sollten sie nach tausend Jahren etwa Neapel einmal aus der Asche des Vesuv hervorgraben, so wird es hierin weit mehr zu staunen geben.

Die Verschüttung Pompejis kann nicht plötzlich vor sich gegangen sein, sie mag stunden-, ja tagelang gedauert haben, und doch hat man in den Ruinen Hunderte von Leichen gefunden. Sie wollten sich nicht trennen von ihren Wohnstätten, oder waren krank, bresthaft, gefangen und wurden vergessen, oder sie haben in Rauch und Staub den Ausweg nicht gefunden und sind erstickt. Erwürgt und verscharrt von der Natur werden sie nach langer Grabesruh' zum Tageslicht erhoben. – Wie ehedem leuchtet wieder die Sonne, wogt das Meer, droht der Vesuv. Es ist dieselbe Welt wie einst – die Natur ist nicht älter geworden; Millionen sind geboren, gestorben – aber das Menschengeschlecht ist noch jung und bereitet sich vor für künftige Jahrtausende.

Ein kleines Mädchen, wahrscheinlich das Kind eines Aufsehers, spielte in einem dieser stillen Hofräume mit bunten Steinchen. Es baute sich damit eine Pyramide und klatschte in die Händchen, als sie fertig war. Die Abendsonne fiel schief in das Gemäuer, färbte die Wände und Säulen rot, färbte des Kindes Antlitz rot und die Äuglein glühten in Freude. Da dachte ich: Schicksal, du hast hier Menschen und Menschenwerke vernichtet, das war unsäglich Jammer und Not. Gut denn, es ist vorüber, aber warum fängst du mit diesem Kinde von Neuem wieder an?

Über das Gemäuer sah ich den bläulichen Vesuv ragen; violett war er in dem Abendsonnenäther, als es in den Ruinen schon zu dunkeln begann. Ein braunes, leichtes Bändchen schwebte über dem Kegel, und löste sich auf in den Lüften, und zog immer wieder nach, so sanft und mild, wie zur Winterszeit ein Hauch aus warmer Brust.

Der Abend lag über der zerstörten Stadt, der Halbmond hing darüber. Ich war allein in den weitläufigen Ruinen. Einen Hügel stieg ich hinan, der noch große Teile Pompejis birgt und da lag ich stundenlang auf einem Stein und träumte. Jeremias sang Klagelieder auf den Trümmern Jerusalems. Was sollte ich klagen? Lieber fragen. – Mir war Welt und Menschheit wie ein Fragezeichen.

Es war eine stille, milde Nacht; nur von dem Meeresufer wehte das Anprallen der Wellen an das Gestein leise herüber. Die Wölklein über dem Kegel des dunklen Vesuv waren ein wenig gerötet. Das Tal schwieg; in dem Gemäuer löste sich zuweilen ein Steinchen und bröckelte nieder …

So weit ist meine Wanderschaft gegangen, daß ich zu einer Stadt gekommen bin, auf deren Hauptstraßen bestaubte Gräser wuchern, und über deren Forum das Eidechschen schleicht. –

Und als der Wanderer diese seltsame Stätte, dieses stumme, eherne Traumbild gesehen, da lenkte er seine Schritte wieder der nordischen Heimat zu.

Der Mond sank nieder zum Meere und zog einen glänzenden Streifen über das Gewässer gegen das Auge. Noch einmal warf er seinen erblassenden Strahl auf die bleichen Felsen von Sorrent, auf den finsteren Vesuv, auf die Ruinenstadt. Dann spielte er mit den zitternden Wellen des Meeres und stand auf der Linie des Horizontes wie ein goldenes Schifflein.

Da – ehe der Halbmond noch versank in dem Gewässer, – war ein schwarzes Täfelchen in ihm. Es war wohl das Segel eines fernen Schiffes.

Endlich versank die Leuchte langsam – nur noch ein Spitzchen, nur noch ein Sternchen blieb zurück, dann verlosch auch dieses in den Fluten.

Das Segelschiff aber trieb – Gott schütze seinen Lauf! – in tiefer Nacht auf weiten Wassern, und Friede war über den Ruinen.