Auf den Wassern.
I.
Da ich noch Kind gewesen, war es unser rieselnder Hausbrunnen, dem ich mein Fingerlein hinhalten mußte, daß es naß werde. Da ich ein Knabe gewesen, war es das klare Bächlein, in das ich mein kleines Flügelrädchen hineinbaute und aus dem ich die Forelle zog, um sie wieder hineingleiten zu lassen. Da ich ein wandernder Junge gewesen, bin ich am Bächlein entlang gezogen, bis es ein Bach ward, und dem Bache, bis er zum Flusse wuchs; und ins Himmelsgewölbe schaute ich hin, dort wo es in sonnigem Äther niederging über die Ebene, und dachte: Jene Lüfte, jene fernen Wölklein stehen über dem Donaustrom. – Über hohe Stege, über lange Brücken zu gehen, rauschende Wehren, brausende Wasserfälle mit ihrem weißen Schäumen und ihrem Wasserstaub zu sehen, welch eine Lust! Da lag der Fluß glatt wie ein See, dunkel zwischen Weiden auf der Ebene hin und hin; dort rieselte er in kräuselnden Wellen leicht am Sande des Ufers spielend oder wallte über schwarzgrünen Tiefen still und wuchtig dahin. Und wieder in Engtälern zwang er sich brausend und gischtend zwischen Wänden und Felsblöcken fort. Damals fiel es mir auf, daß ein rasch fallender Fluß weniger wasserreich erscheint, als ein still dahinfließender von der gleichen Größe.
Dann die Seen im Gebirge mit ihrem Wogenschlag am Ufer, mit ihren sagenreichen Tiefen und mit ihren Fahrzeugen! Als ich auf solchem See das erste Segelschifflein sah, wunderte ich mich überaus, daß solche Dinge, wie man sie nur in Bildern so oft gesehen, tatsächlich in der Welt vorkämen und daß ich vor einem derselben stand.
Meine Lebenssonne stieg schon empor gegen den heißen Zenit, ich hatte schon Stürme erfahren, äußere und innere, ich war schon Sünder und Büßer gewesen – als ich zum erstenmal das Meer sah. Es war das adriatische. Ich fühlte mich im ersten Augenblick schier ein wenig enttäuscht, so wie es mir stets bei allem Großen ergangen ist, zu welchem eine ausschweifende Phantasie im vornherein die Vorstellung gefälscht hatte. Zum zweitenmal sah ich das Meer in der ernsten, düster bewegten Ostsee. Es war eine grollende Ödnis über derselben, eine nordische Ossianstimmung. Zum drittenmal sah ich das Meer in der Nordsee. Dort nahm ich es mit ihm auf. Es trug mich hinaus, daß ich kein Land mehr sah und kein Schiff außer dem meinen, nichts als das hohe wogende grüne Meer unter unendlichem Himmel. Es ist ein Vorwitz, dachte ich mir damals, daß der Mensch mit seiner zuckenden Nußschale sich dieser unermeßlichen Gewalt hingibt. Es waren drei große Tage und Nächte für mich, so auf dem leibhaftigen Tode dahinzugleiten und ich fühlte, wie es doch lächerlich ist, ein Menschlein zu sein und zu wähnen, daß man die Welt beherrsche. Aber der Menschlein Mut rührt die Götter oder macht ihnen Spaß, und freiwillig gibt die See das Schiff zurück.
Zum viertenmal sah ich das Meer im sonnigen Süden von Genua und in Neapel. Das mittelländische, es ist das freundlichste, auf dem noch der Hauch der klassischen Schönheit zu schweben scheint.
Seither hat mich die Sehnsucht nach dem Meere nicht mehr verlassen; ja in dem Maße, als mir das Geschick die Hochgebirgswelt versagt, steigert sich mein Hang zum Meere. Andere wallfahrten nach den Gletschern des Glockners, ich zur Küste von Miramare.
Schon die Fahrt dahin macht Stimmung. Da löst man sich mählich los von den grünen Bergen der Steiermark; es kommt die unterländische Ebene mit ihren saftigen Wiesen, in der Ferne Weinberge. Durch ein fast wildes, schattenreiches Gebirge fährt man ins Land der Krainer; wir gleiten über die Laibacher Ebene, in welche die weißen Steiner Alpen herableuchten. Dann kommt der Karst. Eine Mondlandschaft mit Schründen, kahlen Bergen und kraterartigen Vertiefungen. Diese Vertiefungen entstanden, als die Oberfläche hinabsank in die Höhlen. Keine geschlossenen Felsen hier, sondern eine endlose Wüste von losen, grauen Steinen, jeder malerisch für sich, jeder im Mondscheine wie beschneit erglänzend zwischen scharfen Schatten. Die Bora hat sie blosgewühlt und den Erdstaub dahingeweht. Hunderte von Äckerlein, Wieslein und kleinen Weiden sind mit hohen Steinmauern eingerandet, zu sehen wie Kirchhöfe in armen Heidedörfern. Dort und da ein Strauch, eine verkümmerte Eiche. In den Mulden und Schluchten stehen kleine Dörfer nach italienischer Bauart, mitten in Weinreben, und darüberhin ziehen sich streckenweise die hölzernen Schutzwände der Eisenbahn gegen Schneewehen. Der Süden und der Norden streiten hier auf dem Karst um die Herrschaft. Der Süden ist zurückgedrängt worden vielleicht zur Zeit, als die Veneter in dieser Gegend die Piloten holten zu ihrer Wasserstadt. In neuer Zeit scheint der Norden wieder weichen zu müssen; denn man ist daran, den Karst aufzuforsten, wovon schon heute stellenweise so erfreuliche Anfänge zu sehen sind, daß Triestiner behaupten, man merke bereits die Zähmung der Bora.
Auf dem ganzen Karst hat der Reisende das Gefühl, als ob ihn die Eisenbahn über das ungeheure Plateau eines hohen Gebirges dahintrage. Bei Nabresina erreicht die Steinwüste den höchsten Grad, da biegt sich die Bahn nach links, geht durch einen Felseinschnitt, wie es deren auf der Strecke zahlreiche gibt, und der Blick des Reisenden fliegt plötzlich wie befreit hinaus in eine unabsehbare graue Ebene, dort und da der lichte Punkt eines Gebäudes. Das adriatische Meer. So nahe ist es da, daß man meint, es mit einem Steinwurf erreichen zu können. Aber es ist tiefer unten, als es scheint, so tief, daß es uns auch in bewegtem Zustande wie eine glatte ruhige Fläche daliegt. Die lichten Punkte in der Ferne sind freilich Gebäude, aber schwimmende.
Der Gegensatz, aus der Steinstarrnis so jäh vor die weichen, ewig lebendigen Wässer versetzt zu sein, wirkt, und den möchte ich kennen, der, zum erstenmal das Meer sehend, in diesem Augenblick nicht eine Aufwallung seines Wesens verspürte, nicht ein Feuchtes in seinem Auge – die Träne am Meere.
Miramare heißt das Schloß, das dort unten aus der Landzunge scharf am Rande steht, mit seinen weißen Zinnen einsam und melancholisch hinausschaut auf das Meer. – Miramare heißt es. Den Namen hat ihm der gegeben, um den es trauern wird, bis dereinst der letzte Stein auf ihm niedersinkt in die Flut. –
Links von diesem Bilde, im Hintergrunde, wo sich das Meer einbuchtet, liegt im stattlichen Halbkreise das stolze Triest.
Aus dem Bahnhofe von Triest tretend, steht man am Hafen. Fast erschrickt die Landratte vor den Ungeheuern der Dreimaster, die mit ihren turmhohen Stämmen und gekreuzten Takelwerken geisterhaft vor ihr stehen. Vielleicht ist sie eine mathematiklustige Natur und will die Dampfer und Segelschiffe alle zählen, die bis zum Leuchtturme hin im Hafen liegen. Ja, die Landratte wird dieses Unternehmens bald müde sein. Das ganze buntbewegte, laute Hafenleben stockitalienischen Charakters betäubt sie. – Plötzlich versetzt in eine neue Welt! Da verliert mancher den Kopf, mancher nur den Hut, den ihm die Borina tückisch vom Haupte reißt und ins Meer hinauswirft. Schon gleitet ein Nachen hin, sich gelenkig windend zwischen Kähnen, Ankerfesten, unter den schwarzen Bäuchen der großen Schiffe am Molo und bald überreicht der Matrose, heitere Worte hell in welscher Sprache rufend, den Hut, ewig höflich und ewig unzufrieden mit der Gabe, die man ihm reicht. Den Hut setzt man auf und denkt: er wird schon wieder trocken. Trocken wird er und hat eine graue Kruste – vom Salz des Meeres. Das alles macht der Landratte unendlich viel Spaß.
Ganz eigentümlich angenehm berührt mich am Meeresstrande allemal der Gedanke, daß man hier im Vorhofe aller Weltteile sei, gleichsam in der Vorhalle zu Alexandrien, Neuyork, San Franzisko, Kalkutta. Schon im Hochgebirge streift sich der kleine persönliche Egoismus ab; auf dem Meere löst sich auch der große, nationale auf – das Herz weitet sich kosmopolitisch, befreit sich.
Darum hat sich der russische Kriegsdampfer so patzig ausgenommen, der an jenem Tage, als ich in Triest war, mit Kanonengebumme in den Hafen einlief. Solcher Seevagabunden schürfeln viele auf dem Mittelmeere herum, auch Haifische, wovon vor wenigen Jahren einer nach Triest kam und jenem im Meere badenden Mann den Fuß wegbiß. Der Angefallene wurde vor dem Ungeheuer noch gerettet, verfiel aber vor Schreck und Grausen in einen Starrkrampf, an dem er nach wenigen Stunden gestorben ist.
Ich pachtete mir einen kleinen Segler und zwei Matrosen und gebärdete mich wie ein Schiffskapitän, der eine Reise um die Welt unternimmt. Dabei Erinnerung an meine Heldentat im Meerbusen von Sorrent. Als mich dort vor Jahren mein Jollenführer aufs hohe Meer hinausgerudert hatte, begehrte er das Dreifache der von uns früher genau und fest vereinbarten Löhnung. Da ich nicht darauf einging, drohte er, mich nimmer ans Ufer führen zu wollen. Ich konnte mich mit dem Manne auf italienisch nicht anders verständigen, als daß ich zornig den Arm erhob und mit einem echt steierischen: »Himmelsaggra, Kerl, ih hau dir ani aba!« mir mein gutes Recht verschaffte. Ja, ja, wer steirisch spricht! … »Hau dir ani aba!« ist Volapük. Mit der richtigen Gebärde allgemein verständlich.
Meine Herren Matrosen hier in Triest aber kreuzten im Hafen, über dessen Spiegel der Wind dort und da kräuselnden Schaum aufhobelte. Sie waren nicht hinauszubringen auf die hohe See, auf der die weißen Gischten sprangen. Sie könnten der heftigen Bora wegen nicht mehr zurück. – Wer sagt, daß ich zurück will? Ihr bekommt für die Stunde einen Gulden, ob wir nun nach Miramare segeln oder nach Sidney. – Hierauf ging's hinaus. Der Wind pfiff im Segel und die dunkelgrünen Wasser wogten in bauchigen Wellen und scharfen Kämmen und gebärdeten sich wütend gegen unser armes Schifflein, dessen Bord zu einer Seite schier unter Wasser tauchen wollte, so sehr wir die entgegengesetzte Seite mit unserem irdischen Gewichte zu beschweren suchten. Die Matrosen waren stets mit ihren Ruderstangen, mit den Segeltauen beschäftigt und hereinspritzender Gischt und Schweiß rann ihnen vom braunen Gesicht. Mitunter stießen sie einen Ruf aus, der im Brausen nicht gehört wurde. Ich stemmte mich mit den Füßen stramm gegen die tiefgehende Wand und schaute hinaus. Eine anspringende Welle schlug mir die Brille von der Nase, was auch ganz gut war, denn sie war schon sehr stark mit Salzkrusten belegt, daß ich damit nichts mehr gesehen hatte.
Der Karst lag bereits in grauer Ferne, durch welche Triest in unbestimmten Umrissen, wie ein gelblichweißer Steinhaufen, schimmerte. Vor mir lag die ungeheure Anhöhe des Meeres. Es zeigt sich nicht wie eine ebene Fläche, sondern wie eine schwellende Höhung, üppig und fessellos, als überflute es sich selbst immer und überall. Auf Landseen frägt man sich manchmal nach der Tiefe oder Untiefe des Grundes. Auf dem Meere denkt man nicht mehr daran, denkt nicht an Berg und Tal da unten, nicht an das Gold, nicht an die Schiffstrümmer und Gebeine, die unten ruhen mögen, denkt auch nicht an die Ungeheuer des Tierreiches, die im Innern des Gewässers herrschen. So ganz nehmen die Erscheinungen der Oberfläche den Neuling gefangen.
Es gibt wahrscheinlich Leute, die sich das Meer unter dem sonnigen Tage licht und glitzernd denken als durchsichtiges Wasser, spiegelnd wie Kristall, blendend für das Auge und am Horizont mit dem Himmel allmählich sich verwebend, wie der ferne Gesichtskreis in einer Landschaft. Das Meer ist anders. Es ist dunkel und glanzlos, in einem tiefgesättigten Grau, Blau oder Grün, auf welchem sich die weißen Schaumfetzen schuppenartig und zuckend abheben. Die auch bei stürmischer See schnurgerade und ruhige Linie des Horizontes ist scharf geschnitten, unten das dunkle Gewässer, oben der lichte Himmel. Unbegrenzt und doch die Grenze scharf vor dem Auge. Dieses ungeübte Auge weiß auf dem hohen Meere aber nicht, ist die Gesichtsgrenze wenige Stunden oder viele Meilen weit entfernt, es ist immer, als ob eine nahe Wasserhöhe die natürliche Sehweite einengte. Erst wenn in der Kimmung ein Schiff auftaucht, gewinnt man einen Maßstab für die weite Fläche, die man überblickt. Wenn etwa zur Mittagszeit draußen auf der Schneide ein kleiner Punkt erscheint, so hat man am Nachmittag wohl allmählich die Gestalt eines Segelschiffes vor sich, aber erst am Abend steht es uns so nahe gegenüber, daß man die Einzelheiten seines vielgliederigen Takelwerkes erkennen kann. Ein andermal vermeint man das schimmernde Segel eines Fischerkahnes zu sehen, aber plötzlich fliegt es in die Lüfte auf, eine Seemöve ist's, wie diese Vögel ja des Menschen treue Begleiter sind auf den Wassern, weil von den Ablagerungen der Schiffe oder von der Beute derselben manches für sie ausfällt.
Wunder nimmt die ewige Reinheit des Meeres. Was fließt nicht alles da zusammen, welche Abfälle von den großen schmutzigen Seestädten, von den tausenderlei Fahrzeugen, welch ein Wust von Dingen, die weder untergehen, noch sich auflösen können, wird ins Meer geworfen. Nichts von all dem ist zu sehen, selbst in den Häfen nicht. Seit vielen tausend Jahren gleitet die schmutzige Geschichte der Menschheit millionenfach über die Meere – sie müßten Jauche geworden sein. – Das Meer ist rein wie am Tage der Schöpfung. Dieselbe, ewig menschliche Spur verzehrende, reinigende Kraft wie im Walde, wie in der Luft, ist auch im Meere. Nichts, gar nichts haben die Geschlechter, die Völker dem Meere anhaben können, es ist heute, wie es vor dem Menschen war.
Der Sonnenstern vermag tagsüber das Meer nicht zu durchdringen, es bleibt selbst unter heiterem Himmel immer eine gewisse Dämmerung darüber ausgegossen. Erst mit dem Untergange der Sonne zeigt sich ein helleres Licht und Farbenspiel. Die Sonne wird röter, je tiefer sie sinkt, und fast am Rande des Meeres angelangt, ist ihre untere Hälfte matt und dunkelglühend, während die obere noch heller leuchtet. Dadurch erscheint die Scheibe wie eine von oben her beleuchtete Kugel. Dieser glühende Ballen taucht nun in weit größerer Gestalt, als er je am Zenite gestanden, ins Meer; es ist einem, als müsse man das Zischen hören, wenn die Sonne hineinsinkt. Das Meer, in welches sie taucht, ist schwarz wie Tinte, es widerspiegelt nichts, nur die Wellen, die unser Schiff umgeben, haben einen flüchtigen Perlmutterglanz. Noch sieht man der Sonnenscheibe Hälfte, sie ist glanzlos, als sauge sie sich bereits an Wasser voll. Endlich ist nur mehr der oberste Rand da – man könnte meinen, am Horizont stehe ein brennendes Schiff; der letzte lodernde Punkt verzuckt – dann ist alles verloschen. Auf den Gewässern ist es ruhiger geworden, keine Bora mehr, kaum eine leichte Brise, das Wogen der Wellen ist ein Wiegen geworden. –
Kehren wir um. Die Sterne des Himmels müssen den Weg weisen, bis das drehbare Licht des Triester Leuchtturmes uns begrüßt. Allmählich taucht auch das Geflimmer der Stadt auf, die Signallichter der Masten und endlich sehen wir die zickzackigen Streifen der sich im Wasser spiegelnden Laternen des Molo.
Das kleine geschäftige Treiben der Menschen ist sehr possierlich nach einem solchen Versunkensein in der großen Natur. Und noch possierlicher ist es, daß man sich alsbald auch selber wieder hineinmischt, mit einer Wichtigtuerei, als hänge das Heil der Welt ab von unserem alltäglichen Hasten. Unser eigenes hängt freilich ab von diesem Kampf ums Dasein; wenn das Dasein doch nur mehr solche Momente hätte, als ich erlebt da draußen auf See in der sanften Gewalt Gottes.
II.
Abbazia! Schon das Wort klingt wie der Gesang eines tropischen Vogels. Wo liegt dieses Abbazia?
Dem Wiener ist es spielend leicht zu erreichen, er schläft sich einfach hinüber. An einem Spätabende läßt er sich auf dem Südbahnhof ein Eisenbahngelaß aufsperren, zieht die Fenstervorhänge zu, macht sich bequem, raucht noch ein paar Zigarren, legt sich dann hin und –
Nach einiger Zeit wird er wach, reibt den letzten Rest Duseligkeit aus den Augen, streckt sich und sagt: »Ah, das war ein köstlicher Schlaf! – Wo sind wir denn schon?« Er zieht die Vorhänge auf: Ah!
Hesperien im Morgensonnenschein!
Der Eisenbahnzug steht hoch an einem Ausläufer des Karst in der Station Mattuglie. Steil und größtenteils kahl stürzen die kalkfelsigen Berge ab und unten liegt blauend das Meer.
Es ist die Bucht von Fiume, die allerdings viele Ähnlichkeit mit einem Binnensee hat, weil sie in der Ferne von mehreren langgestreckten bergigen Inseln begrenzt wird. Nur rechts, am istrianischen Strande entlang, öffnet sich eine Straße hinaus auf die freie hohe See. Das ganze Bild ist ein südliches und erinnert an italienische und spanische Küsten; Liebhaber des Orients mögen sich auch an die Buchten Griechenlands, an den Strand von Palästina, an den Fuß des Libanons versetzt fühlen. Die Höhen des Karstes und der kroatischen Alpen, frei vom Meeresspiegel aufspringend, geben sich gar stolz und ihre Schneegipfel schauen neugierig herab auf die immergrünen Lorbeer- und Palmenhaine an der Küste.
Dem Ankömmling wird gesagt, er habe von der Station Mattuglie aus mit Wagen nach Abbazia vierzig Minuten zu fahren, und auch nicht länger zu gehen. Bei der klaren kühlen Witterung wählt er das letztere. Mit jedem Schritte, den er abwärts tut, steigert sich die Wärme der Luft. Seine Umgebung sind graue, aus der Erde quellende Felsblöcke, Steinfletze und dazwischen dort und da eine ärmliche Hütte aus Quadern, Gärtlein mit Ölbäumen und Weinreben, und kleinen Wiesen, die terrassenartig mit Rohsteinwällen oder festen Mauern eingefaßt sind. So ähnelt mancher Gemüsegarten einem Gebäude, manche Ziegenweide einer Festung. Da ist der Schafstall und die Hütte des Hirten massiv, wie für die Weltgeschichte gemacht; und wenn das Schaf vom Steuereinzieher davongetrieben wird und der Hirte auswandert und das Strohdach einbricht, so stehen die Steinmauern so gut ihr Jahrhundert noch, als bei uns daheim die Ruinen der Ritterburgen. In der Gegend sieht man wohl Häuserruinen stehen; die Zeit hat hier ein armes Volk erdrückt. Die neuesten Tage bauen an diesen Küsten Palast um Palast, aber nicht für die Einheimischen, sondern für die Fremden, die in ihren großen Städten müde geworden sind und sich hier am Meeresodem wieder erfrischen wollen.
Zu Füßen des Wanderers liegt nun hart am Meere der Flecken Voloska. Slawisches und romanisches Wesen ist hier gemischt, ersteres wiegt an Ausdehnung und Zahl vor, letzteres drückt aber der Gegend den Charakter auf. (Zu erinnern, daß diese Aufsätze in den Achtzigerjahren geschrieben worden sind.) Von Voloska aus links führt eine Kunststraße nach dem nahen Fiume, rechts am Meere hin geht's nach Abazzia. Der Weg ist kurz, bald stehen wir im Kurorte. Die im Hintergrunde sich steil erhebenden Berge – mit der Spitze des 1400 Meter aufsteigenden Monte Maggiore – sind unwirtlich und stellenweise armselig bestanden mit Laubholz; sie lassen am Strande nur einen kümmerlichen Raum für Menschen. Dieser Raum ist von einem immergrünen Wald von Lorbeerbäumen, Palmen, Zedern und Sebengewächsen bestanden. Dem entsprechend ist die Blumenwelt. Fast betäubt den Fremden anfangs die weiche Luft und der üppige Duft. Es ist, als ob man in einem ungeheuren Gewächshaus stünde, von dem für den Augenblick die Glaswände und das Dach weggenommen worden. Und in diesen Wald hinein bauten sie den Kurort Abbazia. Tiefschattige Haine, bunte Rasenplätze, glatte Kieswege, wildes Gefelse und Ruinen von Bauernhütten wechseln zwischen den Häusern; so sinkt die Fläche sanft zum Meere hin, wo wildzerklüftete braune Steinwuchten und Klippen gegen die andonnernden Wogen ihre Vormachst halten. Es ist wohl nicht zweifelhaft, wer am Ende siegen wird, das weiche Wasser oder das harte Gestein. Dieses verliert bei jedem Wellenschlag Atome, das Wasser zergischtet jede Sekunde und ist doch ewig gesund. Aber bis der Strand dahingewaschen sein wird, dazu hat's noch lange Zeit; da mag früher wohl ein großer weltberühmter Kurort hier florieren und wieder aus der Mode kommen und verfallen, wie die Wohnungen der früheren Ansiedler verfallen sind.
Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele des Wassers zusehen. Gerne treibt es – und das ist bei gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein Gebaren – in langgezogenen Wellen, wovon eine von der anderen etwa zehn bis fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert und sie wie grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe dem Strande begegnet ihr aber eine von den Steinen zurückgeworfene Welle, über diese hinwegspringend bricht sie sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig emporwallt oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren und ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten, besonders am sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar, rinnt das Meerwasser in mächtigen Strömen durch Höhlungen in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig durchlöcherte Steine, durch die das Wasser gurgelt und drängt, um auf der anderen Seite stoßweise hervorzuspringen. Die Färbung des Meeres ist von höchster Mannigfaltigkeit, hier kommt noch dazu die Schattierung von den Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den späten Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen. Freundlich schimmert Fiume und Porto Re am Fuße des kroatischen Gebirges und im südlichen Hintergrunde steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens hoch in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem Bodensee gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit der See und die Herrlichkeit der Alpen im Bilde vereinigt!
Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das Erdbeben gewütet hatte, kamen Flüchtlinge herüber nach Abbazia, das sich patriotischerweise anschickt, die österreichische Riviera zu werden. Und man hat gefunden, daß die Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts nachgibt, sondern sie sogar übertrifft.
Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen Wert. Wer den nordischen Winter nicht liebt oder ihn der Gesundheit wegen fliehen muß, und doch nicht ins ferne Ausland will, der schlafe sich also in einer schönen Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen Meeres kann er dort Christfest halten.
III.
Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen Hospizes Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast steht in dem immergrünen Walde, mit dessem Laube man die Unsterblichen ehrt. Zu meinen Füßen ruht der Kurort und darüber hinaus dehnt sich das Meer.
Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide und in die laue salzige Flut steige, ist recht gut, aber besser noch ist das andere: ich bade im Meer mein Herz.
Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers. Die Ostsee z. B. hat in den Sommermonaten eine Wärme von 16–17 Graden Celsius, das Mittelmeer von 22 bis 27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen heißen Wüstenländern liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden, also um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes Bad ist. Ebenso verschieden ist der Salzgehalt der Teile des Weltmeeres. Die Ostsee hat etwa ein viertel Prozent Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb Prozent mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau Lot bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt worden ist, meinte einer, der alles Salzbittere den Frauen zuschreibt.) Das Tote Meer, das merkwürdigste Binnenmeer der Erde, hat auch ein so großes spezifisches Gewicht, daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei dem besten Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige Meer, welches fast absolut klar ist und die Sonnenstrahlen wohl viel tiefer in sich läßt, als der Ozean, in den das Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer unten herrscht absolute Finsternis.
Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe und Flut; in der Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem Mittelmeere unbedeutend, hingegen kommt der tägliche Wechsel des Steigens und Fallens in den südlichen Meeren in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme?
Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das Heilsamste, was die See für uns hat, ist die Seeluft. Sie wirkt mehr als die See-, Sand- und Schlammbäder, und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit, ihren Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht vom Lande. Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen und auch den Homunkel gemacht haben, behaupten auf Grund ihrer sehr wissenschaftlichen Untersuchungen, daß in der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der simpelste Fischer oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde Landbewohner weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne mit dem Wasser geradezu in Berührung zu kommen – weil seine Lippen einen salzigen Geschmack annehmen, in seinen Haaren sich Salzkristallchen bilden. In Helgoland kann man es häufig bemerken, daß bei starken Seewinden die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen Salzkrusten überziehen.
Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als heilsam für den Magen bezeichnen, soll von den faulenden oder verwesenden Stoffen aus dem Tier- und Pflanzenreiche kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob solche für den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel von den einen bejaht, von den anderen verneint zu werden pflegen. Was existiert denn überhaupt auf Erden, über das alle Leute der gleichen Meinung wären? Die Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die Laien.
Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter Luft, da kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt ist, schon in Betracht. Wohltätig ist der Aufenthalt an der Küste, wohltätiger ist er auf einer Insel, am wohltätigsten auf hohem Meere, auf dem die Luft fast vollkommen rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden Kurorte kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den Zweck haben, mit ihren heilbedürftigen Insassen sich immer auf der See umherzutreiben.
Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als auf oder an dem Meere, dort gibt es kühle Sommer und laue Winter. Wer sollte es denn glauben, daß im nordischen Helgoland im Freien die Feige reift und die Rose noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande. Je gegliederter ein Land ist, je mehr Höhen und Tiefen es hat, je ungleichartiger im Winter und Sommer, bei Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut es mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen, für Leute, die eine schwache Brust haben, seid ihr kein guter Freund! Oder man müßte immer auf euren höchsten Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine gleichmäßigere ist als in den Tälern.
Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und aufs Meer, sondern auch die Engherzigen. Der Egoist, der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie sollten einmal etliche Monate lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe und Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des Menschen begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm unterwirft, wo die Elemente, wie sie eben in Laune sind, das menschliche Fahrzeug als Spielzeug gebrauchen. Da ist's nichts mit der Übervorteilung anderer, und die ganze Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus, doch nur mit heiler Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines Schiffsbrüchlein soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt, man lernt, sagen sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar sein für jeden Atemzug und Achtung haben vor den Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung, und wäre es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel. Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts geworden, die Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere hat ihn zu einem ganzen Manne gemacht.
IV.
Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst ihn. Wenn du es mit dem Leben, mit der Welt, mit dir selbst einmal heftig zu tun gehabt hast, so kennst du ihn ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so unerträglich, daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke: Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes Weh, es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, und alles, was du um dich siehst, in dir fühlst, ist namenloses Elend. Ich nenne das Leid nicht, es hat einen abscheulichen Namen.
In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine Stimme: »Geh' ans Meer!« – Ich schrak empor. Wer ist da? Wer ruft? War das nicht die traute Stimme eines längst und auf ewig verstummten Mundes? – Ja, miß dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne Gebimmel und Geserres schlafen gehen … Um Mitternacht stand ich auf und eine Stunde später saß ich im Kurierzuge nach Abbazia.
Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, und bei Mattuglie tief unten lag das Meer im Sonnenlichte. Ich stieg hinab, wie man hinabsteigt von den felsigen Höhen Palästinas gegen das mittelländische Meer. Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser waren stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes sie küsse; und doch schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten sie heraussteigen; aber ohnmächtig rieselten sie wieder zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das ist viel zu zahm. Das Meer in meinem Herzen, das brandet anders! Jetzt hüllen mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis ist es ja nicht, nach dem ich dürste. Nach Frieden des Herzens schrei' ich auf. – Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume halten ihre üppigen Früchte mir entgegen. O nein, Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach Frieden des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu im Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu grüßen, um mich zu trösten. Das ist es aber nicht, warum ich gekommen bin. Nach zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in die Felsen des Karstes, hinab …
Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde und abgehärmt sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig Stunden mochten verflossen sein, seit die Stimme mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine andere. Es donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand auf, öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter salziger Hauch, und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte die Luft.
Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. »Das Meer«, antwortete er schreiend und ging vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer und mußte jauchzen, so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen Bergen wogte es heran, schlug schwer und wild an die Klippen des Strandes und die Wasser sprangen, aufwärts gießend, weit herein ins Land. Kein Lüftchen aber regte sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht war lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich so wütend gemacht? Du bist ja entzückend zornig. Ich habe kein Lied gefunden für mein Herzweh, nun singst du es, du gewaltige Harfe Gottes! – Auf hoher See draußen weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, als wollte das Meer emporklettern an die Hänge des Karstes.
Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? Draußen auf hoher See wühlt das Gespenst, welches das Meer heran hetzt. Es ist der Scirocco. Am Strande ist er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt er seine Rüssel ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend, sausend in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, schleudert kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge um; aber das Meer bringt sie nur in schönes Kräuseln – nichts weiter.
Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern und dem zischenden Aufflammen der weißen Gischten stand ich da. – Der Scirocco, und das ist alles? Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco weht draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine Seele ein bißchen Scirocco gefahren, und nichts weiter? – Wohlan, Freund, weil wir denn einmal dran sind, ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose Elend, das kaum zu ertragen ist. Nervosität heißen sie das Ungeheuer, und wenn Scirocco geht – nun du weißt es ja.
Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, wie ein Meer von Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte nieder, und die Wolken hingen hinein ins Meer, und die Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter aus den Wellen reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß würden. – Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon so trübe war, wie erst mußte sie bei so düsterer Witterung trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn der Teufel einmal los ist, so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich fühlte mich urgesund und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie ein Mensch verzagt und traurig sein könne.
Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber weit hinaus gefärbt von den lehmfarbigen Gießen des Süßwassers. Und doch sah man kaum einen Gießbach herabkommen von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande und noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen auf. Denn das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, voller Höhlen, Löcher und Kanäle, ist wie ein versteinerter Badeschwamm; alles Regenwasser saugt es in sich auf, um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.
An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und Sturm hinangestiegen zum hohen Monte Maggiore, wo es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der Wind die Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure Firmament hinaus, das unten lag und mit weißen Sternchen und dunklen Punkten bestreut war, so als ob Tauben und Adler in der Ferne schwebten. Das war das Adriatische Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und Fischerbarken. Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, nicht den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos und still da, man sieht keine Bewegung, man hört kein Brausen, es ist fast langweilig wie ewig wolkenloser Himmel. – Nach Norden hin sah ich zwischen Wolkenspalten die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und inmitten steht das winzige Menschlein, ein mikroskopisches Insektchen, und wähnt Leid zu haben, das härter wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer als die Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh gesehen? Ich zahle Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? Haben es die Fluten davongespült? – Hei, wie jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen! In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche zwischen den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. Ich werde hinabgeschoben, gestoßen in einen der zahlreichen Trichter, wo grüne Wieslein sind und Maulbeersträucher und Löcher in den Berg hinein. Hier ist's ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den Sieg davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen Scirocco. – Nein, ich will nicht bleiben in dieser Grube, will wieder hinauf zur Zinne, Leib und Seele einmal so recht durchfegen lassen von dem nordischen Luftbesen – ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel, wie wohl tut der Sturm!
Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. Ich blieb tagelang am Strande von Abbazia. Am Strande saß ich, versunken in Gedanken an große Zeiten, an große Menschen. Oder ich ruhte in einem Kahne und ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die Berge in sich zusammen und verschwanden.
Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. Da habe ich gedacht: Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich hier im Sonnenlichte, so ist's recht, sinke ich in die Dämmerungen des Abgrundes, so ist's auch recht. All das, was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen, bedeutet nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch Weh ist Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein großes, unsterbliches Wesen, die Felsgebirge sind meine Knochen, das Weltmeer ist mein Blut, die Stürme sind mein Atem. –
V.
Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar hat die Statistik noch nie gesprochen, als bei der letzten Volkszählung. Im neunzehnten Jahrhundert hat die Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt. Die Zeitungen verbuchen es mit Jubel – je mehr Leute, je mehr Abonnenten! Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und es geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander und dann die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, Kolonien gattern zu gehen. Wer sich einmal zurückziehen wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin denn? Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und da sogar Menschen.
Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, ob es denn nicht um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel gäbe, wo man mit der wilden Natur allein bei sich selbst sein kann? Unter den Fragestellern war auch ein Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein Schiff. Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs Meer. Das Meer ist noch unbevölkert und dein Eigentum, wohin du kommst – wo es am größten und weitesten ist, wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.
Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie ich. Immer wieder, wenn mir das Land zu enge wird und die Erde zu hart, gleite ich hinab zur Adria und fahre hinaus in die feuchten, sonnigen Einöden. Das Land ist hart, das Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich nicht, die unbarmherzigen Quäler, die törichten Handschriftensammler und Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir jeder für sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich Tag für Tag an die Türklinke reihen, um sich vom armen Poeten schließlich doch nichts zu holen als – Enttäuschung. – Die Scholle lädt überall, wo man auf sie tritt, ein zum Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten, ungeliebt will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, Ehre, Ruhm, die nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert haben, für den Einsiedler aber belanglos sind. Tückisch lockt der schätzebergende Erdboden zu sich hin, und wenn der Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht, verletzt er sich daran zu Tode.
Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.
Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, es wiegt ihn im süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe zeigt ihm lachend oder drohend, wie klein er ist und dieweilen der Mensch sich doch immer mit dem Großen messen will, wird er selber größer. Ich fange keine Seeungeheuer, lege keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen Telegraphen, tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine Seeschlachten und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben – und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig wesentlicher, als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin ich nichts sonst als Mensch und das ist, ernsthaft gesprochen, doch etwas mehr als Hofrat oder General oder Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man nichts ist und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal so recht gründlich an sich selbst zu erinnern.
Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und hinein in ein Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem vergessenen Wunder der Romantik, oder nach Pola, der Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit (für den Kriegsfall sind wir immer optimistisch, denn man kann ja gleich bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit die Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, der ungemütlichen ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. Oder nach dem schlummernden Eilande Lussin, oder nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach dem halb morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am Saume der Schwarzen Berge – oder wohin sonst an den istrischen und dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht auszurufen: Nicht bloß die Scholle, auch die Welle gibt Schätze.
Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl schwimmender Burgen, in denen man sich heimisch fühlen kann. Schon das Schiff als solches ist dem Landwurm ein Ereignis. Die Bauart der Schiffe und die innere Einrichtung ist gar verschiedenartig und jedes hat seine besondere Eigenart. Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an leidlicher Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen Lloyd, das ist bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung und Bedienung ist stets höflich und die Offiziere trachten den Reisenden die Fahrt angenehm zu machen. Nun also, und das ist hier die ganze Menschheit. – Und die See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende über Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten: Das Land sei gut, das Meer sei hart! Auf der Adria habe ich selten einen bedenklichen Fall von Seekrankheit gesehen. Es pflegt sonst von dieser Sache zu viel gesprochen zu werden, manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen schon darauf und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff setzt, ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an den malerischen Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel Teller und Gläser ohne jede Schutzvorrichtung dastehen sieht, wie auf jedem andern Tisch. Aber der Quarnero! Der schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des Golfes von Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr das hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen Wellen, mit seinem Dröhnen und Gischten, so daß der entsetzte Neuling glaubt, er sei mitten im grausen Sturm! Die meisten Reisenden freuen sich aber gerade auf den Quarnero, weil dieser Strich zu den schönsten Partien der österreichischen Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und des Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des Schiffes hinaus, wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln gibt, während die Bewegungen in der Mitte des Fahrzeuges unsicherer und tückischer die Nerven antasten. Übermütige Reisende halten was darauf, von den aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen zu werden. Aber das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder Fahrt gelingt die Taufe. – Bei der prächtigen Meerschau auf so zahmem Rosse reitend, wundert man sich völlig, daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr Mode geworden sind.
Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen Insel Lussin. Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap zurückgelegt, um der hohen See sich endlich zu erfreuen, taucht fern im Südosten ein länglich gestreckter Berg auf, der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die Sohle unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588 Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich Respekt zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner Felswände und nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube, auch wenn sonst, soweit das Auge reicht, der Himmel blaut. Den Ossero-Touristen wird geraten, sich mit festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein gutes Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das »unendliche Meer« Lügen strafen und die italienische Küste schauen. An drei Stunden brauchte der geschwinde Dampfer, um den Ossero endlich zur linken Seite zu haben. Auch zur rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein steil aus dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am Quarnero. Dann geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit orientalischer Verve steigt die Stadt den halbkesselförmigen Berg hinan, so daß die Fenster jedes rückwärtigen Hauses über der Achsel des vorderen herabschauen auf den Hafen, um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am Landungsplatze versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes als Packträger oder Ciceroni ein paar Soldi zu verdienen. So gleichmütig sie den ganzen Tag den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre Erwerbslust, wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen.
Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau in Blüte gewesen; anderswo können sie das jetzt besser und so ziehen die Lussiner auf fremden Meeren oder liegen daheim auf ihren Steinfliesen, sich damit begnügend, daß sie leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt bei fünftausend Einwohnern, hört man kein Wagenrad rollen; ein einziges Pferd, so geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und dieses soll ein Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und die Blumen kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den Einwohnern die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl von Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln, wonach sie bloß anzuziehen brauchen; er überspinnt den Steinhaufen, Lussin genannt, ganz wunderbar mit Ölbäumen, Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen, mit Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert ihn mit Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten der Tropen. Allerdings, umsonst hat der Mensch auch das nicht, jede Parzelle der fruchtbaren roten Erde mußte den Steinen abgerungen werden, den grauen Blöcken klein und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden hervorquellen, genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht weiß wohin, aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein, um jeden Pfränger, in dem eine elegische Ziege oder ein einsames Schaf steht. Dazwischen stets von dem mattgrünen Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine Gemse herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am Strande das Wasser macht aus diesen Steinen! Diese Zacken und Runsen, die phantastischesten Aushöhlungen im großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in solchen Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen!
Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach Norden hin den Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener Landsee, ringsum mit hügeligem, größtenteils kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein paar höhere Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und das herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859 war diese Bucht voll italienischer und französischer Kriegsschiffe, die sich hier versammelt und organisiert hatten, um Venedig zu erobern. Österreich aber steife sich darauf, zu siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger kann man schon nicht mehr sein.
Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn man vom Hafen zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter hinaufsteigt. Die Fläche des Quarnerolo. Zu Füßen der buchtenreiche Strand mit Lussingrande, St. Martino, und links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso. Aber, was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es eine lang hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen und weißen Rändern? Nein, es sind die Berge von Dalmatien, es ist der Velebit mit seinen Schneefeldern.
Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen hin. Die kleine Bucht Cicale im Westen der Insel, an zwanzig Minuten von Lussinpiccolo entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort der Kurgäste. Dort beginnen wieder die Einsamkeiten der hohen See. Selten ein roter oder weißer Segler, noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß ein einfältiger Landmensch wohl fragen möchte, wie denn das kommt, daß das Wasser dort draußen nicht weniger und hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das Heranfließen nur scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die Wassermassen nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint, daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte ich an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen, eine Gischtwelle warf sich über die Strandfelsen zu mir heraus und übergoß mich pudelnaß von oben bis unten. So – nun gehe hin und erörtere es mit deinen Lesern, ob die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben.
Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft dich von einem Rücken auf den andern und scheinest du zu sinken, so fängt es dich doch allemal wieder auf in den weichen Schoß. Im stürmischen Zustande ist es weit harmloser, als es sich stellt, im stillen aber tückisch. Wenn man dem Segler ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen auf der glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die keine Narbe hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt und sich am Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet – das ist die große wässerige Langweile. Auf jener Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar eingetreten, wenn einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze von Lussin nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen See zu verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer ausgezogen seien nach Kauffahrern und nach den blühenden Städten des Mittelmeeres, um etwas zu erobern. Zu rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten nannte man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal auch Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die Herren Seeräuber von Lussin gehört, daß in der wundervollen Stadt Venedig eine Massenhochzeit stattfinde, dieweilen eine größere Anzahl Patriziersöhne sich junge Weiber erkieseten. Solches Gerücht machte unsere Seeräuber leckerig und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern. Das galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus, denn das Lagunenvolk wehrte sich mannhaft und nahm die Seehelden gefangen. Dann kam das Strafgericht der Dogen, das von beispielloser Grausamkeit war. Zur Abschreckung für alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute rauben wollten, wurden verurteilt, die – Schwiegermütter zu heiraten, mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß auf Lussin zu entführen. – Für mich gab der Gondeliere dieser Geschichte noch eine andere Pointe. Er hielt, als wir in Sansego landeten, die Hand auf. Ich gab und war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen Strafgerichts.