Das Mündel-Kindel.
Im Garten des Gasthauses zum »Roten Herzen«, an einem Ecktische saß ein junger Mann. Er war der einzige Gast, die Mittagsleute hatten sich schon verzogen und die Nachmittagszecher waren noch nicht angerückt. Die jungen Wildkastanien gaben wenig Schatten, auf den runden Tischen mit den unordentlich verschobenen Tischtüchern, an denen hie und da Spuren der Bratensauce sichtbar waren, lag die grelle Aprilsonne. Drinnen in einem Winkel der Gaststube kauerte der Kellner, der einen Teil des Schlafes, den in der Vornacht anhaltende Trinker ihm gestohlen, einzubringen hatte. Der junge Gast, auf dessen blassem Gesicht schwarze Augenbrauen und ein schwarzes dünnes Schnurrbärtchen lagen, stützte sein Haupt auf den Ellbogen, so daß der gesprenkelte Strohhut auf dem Ohre lag. Er hatte vor sich ein volles Glas Bier stehen, in dem der weiße Schaum bereits zerronnen war. Er blickte hinaus auf die Kastanienallee, in der gelangweilte Spaziergänger hin und her siffelten oder auf den Bänken saßen. Am Alleedamme balgten ein paar Gassenjungen, die grüne Gesichter und dunkle Ringe um die Augen hatten und die paar Lumpen, die sie an den mageren und schmutzigen Gliedern trugen, sich gegenseitig vollends herabzureißen suchten. – Aus dem Sinnen über die Zukunft solcher verwahrloster Kinder wurde der junge Mann geweckt durch einen rasch in den Garten tretenden zweiten, der Überrock und Stock auf einen Sessel warf und sich bei dem Freunde entschuldigte, daß er ihn hatte warten lassen. Mit beiden Händen seinen braunen Vollbart streichend, setzte er sich an den Tisch, rief nach einem Glas Bier und auch der erstere ließ sein abgestandenes Glas gegen ein frisches umtauschen.
»Ich hatte zum Schluß noch eine Überstunde mit drei Prozessen,« erzählte der Ankömmling. »Eine Ehrenbeleidigung und zwei Paternitätsklagen.«
»Paternitätsklagen?« fragte der junge Mann und hob jetzt seinen Kopf in die Höhe. »Das ist interessant.«
»Ach, was verstehst du davon,« lachte der Bezirksrichter.
»Aber anhören kann man's doch.«
»Im Vertrauen gesagt, Alfons, du siehst mir seit einiger Zeit gar nicht danach aus, als ob dir mit Widerlichkeiten gedient wäre. Nein, für Kopfhänger sind Gerichtsangelegenheiten nicht die richtige Unterhaltung. Heil dir!«
Er hob sein Glas zum Anstoßen, Alfons tat ihm verdrossen Bescheid und goß dann sein Bier auf einem Zug hinunter, während der Richter sich mit einem Halben genug tat, den er mit Behagen vollführte, um dann seinen etwas genetzten Bart wieder in Ordnung zu bringen.
»Sage mir, Freund, was fehlt dir? Hast du deine Lustigkeit in den Taschen des Winterrocks gelassen? Gibt dir das Staatsexamen so viel zu schaffen oder hat dir dein Alter die Rationen beschnitten? Andere Mißgeschicke kann ich mir bei einem Studiosus nicht denken.«
»Nicht?«
»Oder unglückliche Liebe? Doch dazu hast du, so viel ich weiß, nie Talent gehabt.«
»Nein, dazu habe ich nie Talent gehabt,« sagte Alfons gelassen nach und schob auf dem Tisch das Salzgefäß beiseite, obschon es ihm nicht im Wege gewesen war. Und rief nach Bier. Aber als der Kellner um das Glas kam, wehrte er ab: »Ich danke. Ich trinke nicht mehr.«
Mit einiger Befremdung betrachtete nun der Bezirksrichter seinen Freund daraufhin, ob er nicht etwa krank sei. Der andere hielt das nun nicht mehr lange aus. Diese Gelegenheit war ihm ja erwünscht. Für die Länge ist solch ein Anliegen nicht zu ertragen, ohne es mitteilen zu können. Und wem sollte er es mitteilen, als diesem Manne, der, um etliche Jahre älter, entfernt mit ihm verwandt und seit Kindheit vertraut, sich stets als verläßlicher und verschwiegener Freund erwiesen hatte.
»Gustav,« sagte er plötzlich und rückte seinen Sessel. »Ich möchte dir etwas sagen. Vielleicht kannst du mir einen Rat geben. Aber sitzen bleiben möchte ich nicht hier. Machen wir einen Spaziergang.«
Sie legten ihre Münzen hin und gingen. Durch die Allee hinaus schwieg Alfons, erst als sie in den Eichenwald kamen, wo der Kiesweg mit dem Schatten der treibenden Baumzweige besprenkelt war, bückte er sich nach einem Steinchen, warf es wieder fort und sagte: »Denke dir, Gustav, ich habe Malheur gehabt. Mit der kleinen Blonden.«
»Mit der Strohhutmamsell? Aber das ist doch wohl tempi passati. Du hast mir ja schon lange nichts mehr von ihr erzählt.«
»Nun eben dann hättest du dir's denken können. Sie ist tot und – das Kind lebt.«
Da blieb der Richter stehen, kehrte sich dem Freunde zu und sagte leise und gedehnt: »Na, hörst du!« –
Alfons schaute ihn unsicher an. »Dein Richterantlitz magst du nur abseits lassen. Das kann ich jetzt nicht brauchen. Ich bin schwer abgestraft. So teuer ist dir das sicher nie zu stehen gekommen. Sie starb in der Klinik. Das Kleine – heute sechs Tage alt – ist im Findelhaus.«
»Nun also!« rief der Richter, aber Alfons fand den Ruf nicht ganz harmlos. »Entweder,« sagte er, »glaubst du, ich gebe mich mit dem Findelhaus zufrieden, oder –. Sei versichert, daß mir die Sache verteufelt nahegeht. Soll es nun ins Waisenhaus? Oder in eine andere Anstalt? Ich höre, man bringt so einen Wurm nirgends unter. Dann geben sie ihn aufs Land hinaus. Wo sie Engerl machen.«
»Aber, das wirst du doch nicht zulassen!«
»Ja, glaubst du denn, ich werde mich nennen und bekennen?«
»Mein lieber Alfons, das wirst du allerdings müssen.«
»Du kennst doch meinen Alten. Der würde mich enterben. Was sage ich, enterben. Ermorden! Wenigstens träfe ihn der Schlag.«
»Dein Vater mag zwar ein bißchen so etwas sein, wie ein Moralphilister. – Du verzeihst schon. Aber ich halte ihn auch für einen anständigen Mann – du verzeihst abermals. Das Kind seines Sohnes wird er nicht verderben lassen. Ist es ein Knabe?«
»Natürlich! Aber daß ich den Alten in die Geschichte einweihe, das ist ganz ausgeschlossen. Wenn ich nur Geld hätte, dann ließe sich's leicht machen.«
»Setzt er dir immer noch bloß zwanzig Kronen aus, monatlich?«
»Könnte ich mir ein Automobil halten oder wenigstens ein Reitpferd, wie andere unserer Sippe, ich hätte mich nie nach dieser Richtung hin so weit verloren. Ich habe schon gedacht, ob ich jetzt nicht die Reise nach England machen sollte, wie es mein Alter wünscht. Natürlich hielte ich mich die Zeit über bei einem guten Freunde verborgen und mit dem Gelde wäre das Kind für eine Weile versorgt. Was meinst du?«
Als die beiden Männer langsam weiter gingen, sagte der Richter in einem etwas singenden Tone: »Ja, ja. So machen sie's alle. Fast alle. Ist die eine Dummheit vollbracht, dann machen sie die zweite. Aber es ist ja gar nicht nötig, Alfons, daß du deines Kindes wegen ein Schwindler wirst. Es wird auch so gedeihen. Hat es schon einen Vormund?«
»Was weiß ich. Wenn's erst auf so einen Vormund ankommt – das sind mir auch die rechten. Die Waisen, die da auf dem Lande draußen verlausen und versumpern und endlich Trottel oder Lumpen werden – alle haben ihre Vormünder. Du siehst, daß ich mich schon unterrichtet habe.«
»Also deinem Vater willst du nichts sagen?«
»Nein. Es würde das ganze Familienglück – was man so nennt – zerstören. Am meisten würde Mama darunter zu leiden haben. Nein, daheim in der guten Stube breite ich meine Sache nicht aus. Niemals.«
»Lieber verleugnest du das arme Kind, lässest es verderben, zum Trottel oder Spitzbuben werden. Na, ich dank' schön.«
Da faßte Alfons den Freund am Arm und sprach: »Ich habe dir nicht vertraut, damit du mich rasend machen sollst. Wenn du keinen Rat weißt – ich habe dich ja nicht verpflichtet dazu.«
»Fonserl! Fonserl! Nachdem, wie du jetzt geneigt bist, anderen Unrecht zu tun, sehe ich klar, daß du dich in Unrecht fühlst. Und das freut mich. Das Unrecht kommt von deinem Kummer und der Kummer kommt von der Liebe. Du liebst deinen Knaben.«
»Aber ja!« brauste Alfons auf, zornig erregt darüber, daß ihm eine fremde Hand so tief in den verstecktesten Herzwinkel griff. Die andere Liebe hatte er dem Freunde gern verraten, dieser hatte er sich geschämt Sie war zu zart und wundersam, er war ihrer zu ungewohnt. Dieses so sanft und so unwiderstehlich hinneigende wehe Gefühl, dieses Lustgefühl, dieses Angstgefühl – dieses abgrundtiefe Erbarmen – wenn das Vaterliebe war! – Dann erzählte er, wie er durch mancherlei Liste ins Findelhaus gekommen war und das Kind gesehen hatte. Für eine Verwandte in der Provinz sollte er ein kleines Kind aussuchen, eine lächerlichere Lüge fiel ihm nicht ein, doch sie war gut genug, um ihn vor das Bettchen zu bringen, über dem auf der Tafel der Name Richard Fachler und eine Nummer stand. Das war auch alles, was sein Kind besaß, und er – der junge Vater – sollte einmal drei Stadthäuser erben. Und konnte ihm nichts davon geben. So klein lag es da und sein rotes Köpfchen war kaum größer wie ein Apfel. Den Mund und das Näschen hatte es, so deuchte ihm, von seiner Mutter, dem guten armen Mädel, das sie am selben Tage in die Leichenkammer getragen. Die Augen des Kindes hatte er nicht gesehen, es schlief, es versäumte den Augenblick, da sein Vater vor ihm stand, das erste- und vielleicht das letztemal.
»Und seither,« sagte Alfons, »wohin ich blicke, überall dieses Kindergesicht. Vorhin im Gastgarten sah ich Gassenjungen, verkommene Rangen, und einer hatte das Gesicht Richards, der Teufel hol's, und war doch eine Fratze! – Freund, ich glaube, ich bin hysterisch.«
»Weißt du, was man draußen im Volke sagt?« sprach nun der Richter. »Wenn von den Eltern eines stirbt, erbt der andere Teil die Liebe desselben zum Kind, so daß er eine doppelte Liebe hat, die des Vaters und die der Mutter. Wörtlich weiß ich nicht, wie es lautet, ein Spruch ist's.«
»Ja mein Gott, was finge denn ich mit dieser doppelten Liebe an! Und kein Kind dazu. Nein doch, auf einmal so ein kleines, kreischendes Kind haben, und doch wieder keines haben – etwas Komischeres gibt's nicht mehr.« So der junge Mann, und dabei mußte er sich heftig schneuzen.
»Regnet's denn?« rief plötzlich der Richter; zwischen den Ästen der Eichen klatschten einige Tropfen nieder. »Es muß wohl, denn ich habe den neuen Überzieher an und keinen Schirm bei mir. Da regnet's immer. – Schon wieder vorüber. Aprilwetter. – Ja, Freund, du hast mich zwar nicht um Rat gefragt in deiner Angelegenheit. Es gibt eigentlich weiter auch keinen. Aber ich biege das Dokument ein. Das heißt, es wird berücksichtigt. Es ist ja nicht ganz unmöglich, daß sich etwas machen läßt.«
Solches ist besprochen worden auf jenem Spaziergange. Am Abende, als die Freunde auseinandergingen, schlenderte Alfons noch eine Weile durch die Stadt, es tat ihm aber das elektrische Licht weh und er suchte die Gassen, wo nur noch einige der alten, trüben Gaslaternen brannten. Er kam auch zu dem Gebäude der Findelanstalt, ging einen recht langsamen Schritt und kam endlich doch vorüber. Nach dem Friedhofe führte diese schmale, winklige Gasse hinaus. Aber er sagte sich: Nicht sentimental sein! Wenn du was Warmes übrig hast, so gib es Lebenden. Er kehrte um und kam wieder am Findelhause vorüber. Es war schon spät in der Nacht.
Am Stadtplatz, links von der Rathausecke mit dem sechseckigen Turm, standen in geschlossener Reihe die Häuser des Kaufmannes Marand. Das letzte derselben, das Eckhaus an der Bürgerstraße, trug das Schild »zu den drei Schaufeln«. Es war vom Erdgeschoß bis zum dritten Stock mit Waren aller Art angestapelt; die Treppen, Hofsöller und Hallen surrten den ganzen Tag wie ein Bienenschwarm von Kauflustigen, die von zahlreichen Kommis und Handlangern bedient wurden. Durch das Gedränge schritt manchmal, die Hände am Rücken, ein alter stattlicher Herr, mit weißem, halbkurzgeschnittenem Haar und grauem Spitzbart. Er machte vornehmeren Kunden die Honneurs, wer ihn aber nach einer Ware oder deren Preis fragte, den wies er mit einer leichten Handbewegung an die Bedienenden. Das war Herr Josef Marand, der Chef des Hauses. Im vierten Stock hatte er eine geräumige Wohnung für sich, sein kleines Frauchen und seinen einzigen Sohn Alfons. So lebhaft es in den unteren Stockwerken herging, so still war es im obersten. Der Sohn, ein studiosus juris war selten zu Hause, und wenn doch, so war er in neuester Zeit schweigsam und schwermütiger Stimmung. Die Mutter suchte ihm seine Lieblingsspeisen aufzudrängen, durchwärmte übermäßig sein Zimmer, wollte mehrmals schon den Arzt rufen, denn sie war überzeugt, daß eine innere Krankheit in ihm nage. Sein Vater war der Meinung, Alfons arbeite zu wenig und der Müßiggang mache mißlaunig.
Nun wurde der alte Herr selbst, obschon er stets tüchtig arbeitete, eines Tages in eine große Mißlaune versetzt. Kam er zum Mittagsmahl mit zorngeröteten Wangen, einen grauen Papierbogen in der Hand. »Da haben wir's!« polterte er auf seine erschrockene Frau los. »Diese Lumpen! Da setzen sie Kinder auf die Welt und lassen andere dafür sorgen. Sie können mich zwingen, sagt mein Rechtsanwalt, und ich sage, sie können mich nicht zwingen. Geht das Bezirksgericht kurzer Hand her und kommandiert mich zum Vormund eines Findelkindes. Oder so etwas. Den Herrn Papa kennt man nicht, natürlich, und die Mutter stirbt bei der Geburt. Diese Gewissenlosigkeit! Und jetzt drängen sie mir den Balg auf, es ist ja zum Totlachen! Aber ich rekurriere! Zwingen! Ich glaube nicht, daß man zu so etwas gezwungen werden kann. Das ist doch eine Gewissenssache, und zu einer solchen kann kein Mensch gezwungen werden. Nein, was sie einem bei uns alles aufmutzen wollen!«
Seine Frau war bald beruhigt und meinte, das Unglück sei ja nicht so groß. Er hätte doch öfter schon Vormundstelle vertreten und wisse, daß außer ein bißchen Überwachung des Mündels nichts verlangt werde.
»Nichts verlangt, nichts verlangt? Schon morgen bin ich zu Gericht beschieden zur Pflichtgelobung, um neun Uhr. Gerade diese fatale Stunde, wo die erste Post abzufertigen ist. Und so geht's hernach fort mit den Laufereien, einmal zum Gericht, dann zum Kind, dann in den Stadtrat, dann zum Vater –«
»Aber wenn man den Vater gar nicht weiß,« lachte die kleine muntere Frau.
»Eben, der Vormund soll ihn suchen, das gehört zu seinen ersten Pflichten. Und wenn man so 'nen Kerl dann noch bei den Ohren nehmen dürfte! Hat der Vormund Rechte? niemals, nur Pflichten – ich pfeife darauf.«
Alfons saß bereits bei seinem Suppenteller und löffelte tüchtig darauflos.
»Du ißt schon wieder zu heiß, Kind!« verwies ihm die Mutter, denn er war rot im Gesicht bis hinter die Ohren. Während des Essens stellte er sich dann gelangweilt, lugte aber doch heimlich auf das Dekret, das der Alte neben sich auf die Kommode geworfen hatte. Der Name interessierte ihn ein bißchen. – Es war richtig. Richard Fachler. Sein Vater war Vormund des Enkels geworden.
An einem der nächsten Tage begegnete Alfons seinem Freunde Gustav auf der Promenade. Ganz flüchtig, denn beide gingen in Gesellschaft. »Zufrieden?« rief ihm der Bezirksrichter zu.
Nun kam die Notwendigkeit heran, daß Marand im Findelhaus sich nach dem Kind erkundigte. Die Besuchsstunde traf sich gerade mit einer Handelskammersitzung, er hatte also nicht Zeit und schickte seine Frau. Die kam ganz erregt nach Hause. Ein so herziges Kind habe sie noch ihr Lebtag nicht gesehen. Dann begann sie, es zu beschreiben, während der Alte mit finsterem Gesicht den Kurszettel durchsah und Alfons mit der Seidenbürste seinen Zylinder glättete. So ordentlich hatte er den Hut noch nie gebürstet; so lange die Mutter redete stand er am Fenster und bürstete den Hut. Sie hatte auch die Papiere der Kindesmutter mitgebracht, derer bemächtigte sich sofort der Student, um seinem vielbeschäftigten Vater die Durchsicht zu ersparen. Außer den gewöhnlichen Dokumenten war ein zierliches Notizbüchlein da, das er unterschlug und aus dem er später ein paar Blätter entfernte.
In der nächsten Woche wurde Marand – und zwar zu sehr ungelegener Stunde, er hatte notwendig im Warenmagazine zu tun gehabt – zu Gerichte beschieden, um seine Unterschrift zur Verfolgung und Habhaftmachung des Kindesvaters zu leisten. Er tat ein übriges und bestimmte für die Auffindung dieses »Strolches« ein Prämium von fünf Dukaten. Mittlerweile kündigte das Findelhaus dem Kinde den Aufenthalt, es sei eigentlich kein Findelkind, weil ja die Mutter bekannt war, es gehöre in ein Kinderasyl. Da gab es nun neuerliche Laufereien zu den Behörden, zu allerlei Anstalten und Persönlichkeiten und der Arzt verlangte, das Kind müsse eine Amme haben, es sei schwächlicher Natur und könne nur durch besondere Sorgfalt am Leben erhalten werden. Unter solchen Plagen nahm Marand eines Abends, als er mit seiner kleinen Familie beim Tee saß und eine vorzügliche Havanna rauchte, Anlaß, über die Folgen eines Fehltrittes zu sprechen und ganz ausdrücklich seinen Sohn davor zu warnen. »Wenn du einmal so was anstelltest, Alfons! Ich weiß nicht! Ich möcht's nicht erleben! Merk' dir's!« – Darob war die Mutter etwas ungehalten und meinte, das sei wirklich ganz überflüssig, vor Alfons solche Sachen zu besprechen; wenn sie sonst keine Sorgen hätte; diese, daß ihr Sohn in fraglicher Beziehung etwa nicht musterhaft sei, wolle sie leicht ertragen. Man müsse ihn nur nicht mit der Nase daraufstoßen.
Am nächsten Morgen, als Alfons auf die Universität ging, begegnete ihm auf der Treppe ein Weib vom Lande. Es hatte einen großen Handkorb bei sich, das runzelige Gesicht, das nur teilweise aus dem wulstigen Kopftuche hervorguckte, war über der Nase mit einem Leinwandpflaster bedeckt. Zu ihren Füßen heulte plötzlich ein braunes Dachshündchen auf, dem sie auf die Pfote getreten. »Luder, verdammtes!« kreischte die Alte und stach mit ihrem roten Regenschirm nach dem Tiere. Und dann erkundigte sie sich mit einer dünnen singenden Stimme, die aus zahnlosem Munde kam, ob in dem Hause der Kaufmann Marand wohne. Sie habe gehört, er sei der Vormund eines Findelkindes und da sie gerade beim Arzt in der Stadt zu tun gehabt habe, so wolle sie gleich ein kleines Kind mit nach Hause nehmen und da möchte sie halt anfragen, was dafür bezahlt würde.
Alfons antwortete, der Mann wohne allerdings im Hause, aber er würde sie, wenn sie in dieser Sache vorspreche, unfehlbar über die Stiege herabwerfen. Darob ist die Alte umgekehrt und Alfons hat auf seinem Weg in die Vorlesung und während derselben den Gedanken weitergesponnen, wie, wenn der kleine Richard diese Hexe zur Nähr- und Pflegemutter bekäme?
Bei einem Vorspruch im Findelhaus, um für das Kind die Bleibefrist zu verlängern, fand der alte Herr sich doch genötigt, sein Mündel anzusehen. Und als er nach Hause kam, war er unwirsch und über sein Journal gebeugt rief er aus: »Der arme Wurm kann ja schließlich nichts dafür. Es ist ein armer Wurm. Anders kann man's nicht sagen.« – Und abends beim Tee lauerte er die Stimmung seines Frauchens ab. Sie hatte viele gute Tage und er wollte nicht gerade einen der wenigen schlechten erwischen.
»Die Sache bin ich satt,« polterte er plötzlich hervor. »Ein Gelaufe hin und her, schon wochenlang. Eine Behörde schiebt's auf die andere, niemand will sich annehmen ums arme Wesen. Wenn ich – wie es beinahe aussieht, das Findelhaus bezahlen soll und die Amme verlohnen und fürs weitere Fortkommen sorgen – ja zum Satan, da ist's einfacher, man nimmt das Kind ins Haus – –.«
Und nun forschte er, was sie dazu für ein Gesicht zog. Sie zog aber gar keins, sondern behielt ihr natürliches bei, das gute freundliche, feinrunzlige Gesicht. Hingegen hatte Alfons, der gerade eine Zigarette zu drehen im Begriffe war, mit einer plumpen Armbewegung die Tabakschachtel über den Tischrand hinabgestoßen, nun konnte er sich den feinen Türkischen auf dem persischen Teppich zusammenfegen.
»Im Gartenzimmer,« setzte der alte Herr bei, »würde es wenig genieren. Natürlich eine Amme dazu, und die Sache hat sich gehoben. Selbstverständlich nur für die erste Zeit, bis das Geschöpf etwas kräftiger ist und ohne Bedenken aufs Land gebracht werden kann.«
Die Frau war über diesen Vorschlag verwundert. Instinktiv regt es eine Frau auf, wenn der Mann plötzlich ein fremdes Kind unsicherer Herkunft ins Haus nehmen will.
»Was meint Ihr?« fragte er.
»Mich geniert's nicht,« antwortete Alfons mit gleichgültiger Miene.
Die Mutter meinte, das müßte erst gut überlegt werden. Hätte man so etwas einmal im Hause, dann wäre es schwer, es wieder fortzubringen. Es müsse extra dafür eine Magd gehalten werden und allerlei sonst. Die Männer hätten keine Ahnung, was das heißt, ein kleines Kind im Hause haben. Aber sie seien nachher doch die ersten, die sich über das Kindergeschrei beklagen.
»Mich geniert's gar nicht,« versicherte Alfons noch einmal.
»Ich glaube endlich auch dem Vater auf der Spur zu sein,« sagte der Alte. »Heißt das, positive Anhaltspunkte sind noch keine vorhanden, aber mancherlei stimmt auffallend. Ihr erinnert euch noch an den Kommis Steiner, den ich vor zwei Jahren entlassen mußte. Der soll in dem Hause des Strohhuthändlers Goll gewohnt haben. Beim Goll im Hause, dort ist ja auch die Kindsmutter gewesen.«
Das Tabakzusammenfegen auf dem Teppich erlitt eine Unterbrechung. Alfons war für zwei Augenblicke erstarrt.
»Der Steiner, meinst du?« fragte die Frau. »Wenn ich nicht irre, ist der damals ja nach Triest übersiedelt.«
»Ei richtig, Frau, du hast recht. Man hörte sogar, daß er nach Südafrika ausgewandert sei, ich erinnere mich. Also der nicht. Dann ist's aber jedenfalls ein anderer. Ich werde ihm schon noch draufkommen.«
Die Tabaksammlung ging wieder ruhig vonstatten.
»Natürlich, in dieser Angelegenheit kommt's auf die Hausfrau an,« sagte der Kaufmann. »Wenn es dir nicht recht ist, dann nicht.«
»Mein Gott, recht ist – recht ist!« entgegnete sie gutmütig greinend. »Wenn ein gutes Werk geschieht, das muß einem wohl immer recht sein.«
Da klatschte Alfons die Hände zusammen und rief in aller Lustigkeit aus: »Die Mama! Jetzt hat sie ein kleines Kind bekommen!« Und schon lange nicht mehr, wenn er des Abends auf sein Zimmer ging, klang's so warm und froh wie heute: »Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!«
Nun war der kleine Richard im Hause Marands. Anfangs gab es Unebenheiten im Haushalte. Ein Kind, und es mag noch so klein sein, beherrscht das Haus. Aber sie ertrugen es. Hatten sie sich's doch selbst eingebrockt. Der Vater hatte es im Hause haben wollen, die Mutter hatte ja gesagt. Alle vormundlichen Laufereien des beschäftigten Kaufmannes hatten ein Ende, das Gericht sagte nichts weiter, denn es wußte die Waise in guter Hut. Alfons war jetzt fast immer zu Hause, er brachte manche Stunde im Gartenzimmer zu und spielte mit dem Knaben, der von Woche zu Woche prächtiger gedieh und ein sehr schönes Kind war. Und selbst zur Zeit, wenn andere Studenten in der Kneipe saßen, blieb Alfons daheim und spielte mit dem Kind.
Nach ein paar Jahren war der Knabe ein gesundes, kräftiges Menschlein geworden. Ein lieber kleiner Kerl. Das Haar war nachgedunkelt, die langen Augenwimpern und Brauen waren pechschwarz und die großen runden Augen schauten frisch und kindlich in die gute Welt hinaus, die liebevoll um ihn aufgerichtet worden war. Nun bekam er die erste Hose und das übrige dazu – einen »Matrosenanzug« mit den flotten Schulterklappen und den goldenen Ankern daran, und das Käppchen, wie es ähnlich einst auch Alfons gehabt.
Zur Zeit fiel Josef Marands sechzigster Geburtstag.
Am Vorabende lud der Jubilar seine Frau und seinen Sohn zu einer Besprechung ein.
»Ich hätte einen Wunsch,« sagte er, »aber ich fürchte, ihr werdet nicht damit einverstanden sein. Besonders du nicht, Alfons: Denn für dich bedeutet es eine Einbuße. Übrigens – du könntest ja auch fünf Geschwister haben, oder acht, oder mehr. Einen Bruder verträgst du spielend.«
Jetzt hob die Frau ihre Hand und wollte ihm den Mund zuhalten.
»Lasset mich bloß ausreden,« sagte er ernsthaft. – – »Wenn wir den Richard ganz adoptieren wollten? Was denket ihr?«
Nun konnte Alfons sich nicht mehr halten. Laut lachend fiel er dem Alten um den Hals und umarmte die Mutter und küßte sie und lachte und rief endlich aus: »Papa! Mama! also ihr wisset alles? Ihr wisset alles?«
Sie stutzten und schauten ihn an. Nichts wußten sie. Aber als jetzt der kleine Richard zur Tür hereinhüpfte, im neuen Kleidchen und hell lachend auf Mama zu, kreischte das Kaufmannsfrauchen auf: »Marand, Josef! Das ist ja der Fonserl!«
Da wußten sie alles.