Der Mädeljäger.
Am oberen Rande des Tales, wo es sich einengt in eine Felsenschlucht, aus der ein grünlicher Gebirgsbach hervorbraust, steht Schreckenburg. Es ist eigentlich keine Stadt und eigentlich kein Dorf, es ist eben ein »größerer Ort«. Die Einwohner treiben Gewerbe und Landwirtschaft, scheiden sich aber durchaus nicht etwa in Bürger und Bauern. Vater und Kinder, Hausherren und Knechte, Meister und Gesellen, darin liegt der Ständeunterschied von Schreckenburg. Wohl haben sie einen Fürsten, aber auch der hohe Herr ist nichts anderes als Vater. Die Herren von Schreckenburg sind ein altes Geschlecht, schon zur Zeit der Kreuzzüge, heißt es, wäre ihre Burg, deren rauchgrauer Ruinenzahn dort an der Felswand klebt, der Schrecken des fahrenden Volkes gewesen. Wenn man der Historia glauben darf, und man soll es sogar, so haben es die Schreckenburger seit jenen alten Zeiten verstanden, sich Achtung zu verschaffen in der Welt. Große Reiche sind entstanden und gestürzt worden, das Erzfürstentum Schreckenburg stand und blieb stehen im schönen Gebirgstal an der Luser. Der letzte Vorfahre des zur Zeit dieser Geschichte regierenden Fürsten hatte noch hundertundzehn Söldlinge gehabt, und ist von den Millionenheeren der Erde nicht angegriffen worden. Unser Fürst Othmar III. befehligt zur Zeit der Not ein Heer von zweiunddreißig Mann, davon vier zu Pferde! Aber die Zeit der Not kommt nicht, die sonst so kriegslustige Welt hält sich in respektvoller Entfernung vor dem Erzfürstentum Schreckenburg. Die Armee ist fast ständig beurlaubt bis auf sechs Mann, wovon einer den Nachtwächterdienst besorgt. Einmal wurde in einem Winkel dieses Reiches ein unpassender Witz gemacht, Othmar III. rekrutiere lieber Mädeln als Burschen, und den Ausspruch hat der Fürst nicht als Majestätsbeleidigung ahnden lassen. Die guten Leute von Schreckenburg lasen auch manchmal eine Zeitung, in der des Wunderbaren und Nützlichen viel berichtet wurde. Also erfuhren sie, daß in anderen Ländern die Staatsbürgersteuer eingeführt sein soll. So begab sich eines Tages eine Abordnung zum Fürsten und bat um die Gnade, daß auch im Erzfürstentum die Staatsbürgersteuer eingeführt werden möchte, maßen doch auch die Schreckenburger treue Staatsbürger wären und seit jeher bereit, für ihren durchlauchtigsten Herrn Blut und Leben zu opfern. Es fange das Gewerbe an, einigermaßen darniederzuliegen, weil in der Welt zu viel Fabriken gebaut würden, es sinke von Jahr zu Jahr der Viehpreis, weil jedes Land schon mehr und mehr sein eigenes Vieh hätte, kurz, es verschlechterten sich die Zeiten, und darum bäten sie untertänigst um die Einführung der Steuer. Der Fürst soll sie darauf in sehr gütiger Weise aufgeklärt haben, daß sich die Bittsteller in einem Irrtum befänden, wenn sie etwa glauben sollten, die Staatsbürgersteuer würde in anderen Ländern vom Fürsten geleistet an seine braven Untertanen; gerade das Gegenteil wäre der Fall, die Staatsbürger hätten die Steuer dem Fürsten und dem Staate zu leisten. Ob solcher Aufklärung waren die Abgeordneten sehr gedrückt, allein Othmar der Gütige legte dem Sprecher die Hand auf die Achsel und versicherte, für das Wohl seines Reiches auch fernerhin das möglichste zu tun, besonders im Straßenbau und in der Flußregulierung, auch trage er sich mit der Absicht, in Schreckenburg ein neues Universitätsgebäude errichten zu lassen. Darob waren die Abgeordneten sehr zufrieden, obschon sie wußten, daß die Universität nicht allzu ernst gemeint war. Der Fürst liebte es, in launigen Stunden das allerdings schon gebrechliche Volks- und Gewerbeschulgebäude zu Schreckenburg die Universität zu nennen. Wer wirklich in einer Hochschule die derbe körperliche Arbeit für eine spitzfindige Geistestätigkeit umtauschen wollte, der mußte ins Ausland gehen.
Eines Brückenbaues wegen hatte der Schreckenburger nicht unbedrohlichen Konflikt mit einem nachbarlichen Herzog. Der hatte ein großes Reich und viele Mannen, war aber nicht zu bewegen, sich mitzubeteiligen am Bau einer Grenzbrücke über die Luser. Für das Fürstentum war diese Brücke schier die einzige Verbindung mit der weiten Welt. Der Herzog aber sagte, er habe in Schreckenburg nichts zu suchen und brauche keine Brücke hinüber. Das war der Kriegsfall. Othmar bot seinen Heerbann auf und zog auf Umwegen, da die neue Brücke eben noch nicht gebaut war, gen die herzogliche Residenz, um sie zu belagern. Als die zweiunddreißig Mann mit ihren Spießen sich dräuend vor dem Tore aufgestellt hatten, schickte der Herzog einen Gesandten herab. Das war ein Edelknabe, und der lud im Namen seines Herrn den Feind samt und sonders auf einen Löffel Suppe ein. Durch das geöffnete Tor konnte man in das Innere des großen Platzes schauen, der mit wohlausgerüsteten Kriegern versehen war, an der Zahl vielfach den Belagerern überlegen und versorgt mit allen schrecklichen Pulverwaffen der Neuzeit. Fürst Othmar soll hieraus »Kehrt euch!« kommandiert haben und an der Spitze seiner Armee friedlich heimwärts gezogen sein. Aus Anlaß dieses glücklichen Feldzuges, aus welchem alle Mann frisch und munter heimgekehrt waren, haben die dankbaren Schreckenburger ihrem klugen Feldherrn ein Denkmal aus Erz errichtet. Es ragt mitten auf dem Marktplatz empor und zeigt den Fürsten auf dem Pferde, angetan mit allem Ehrenschmucke seiner Erzherrlichkeit, in welcher der schlichte Herr sonst gar nicht mehr zu sehen war.
Othmar der Gütige war in seiner Jugend viel auf Reisen gewesen, in allen Weltteilen, und stets bei Königen und Kaisern zu Tische geladen, was die Schreckenburger mit besonderem Stolze erfüllte. Auch ging im Reiche die erhebende Mär um, daß der durchlauchtigste Herr von Schreckenburg mit allen Potentaten der Welt brüderlich auf du und du stehe.
Um so einfacher gab der Fürst sich zu Hause.
Sein Schloß, welches außerhalb des Ortes auf einer Anhöhe stand, hätte jeder Fremde für ein stattliches Gutsgehöfte gehalten, wenn nicht über dem Tore das Wappen der Schreckenburger, ein dreiköpfiger Adler, angebracht gewesen wäre. Es war teils aus Stein, teils aus Holz gebaut, hatte einen halb um das Gebäude herumlaufenden Söller, helle viereckige Fenster, etwa dreißig an der Zahl, und über dem flachen Schindeldach ein zierliches Türmchen für ein Glöcklein, das den Nimbus einer Sturmglocke trug, tatsächlich aber nur zu den Tageszeiten geläutet wurde. Ein Gehöfte mit Viehstand und Scheunen lag hinter dem Wohnhause in behäbiger Breite da, belebt mit zahlreichem regsamen Gesinde.
Der Haushalt des Fürsten war der eines wohlhabenden Gutsbesitzers und bestand aus sieben Personen, den Hausknecht mit eingerechnet, der, wenn es Gäste gab, im verbrämten Wolfspelz mit Stab und Reichsapfel am Tore zu stehen hatte.
Der Fürst war ein Mann in jenen Jahren, da das Haupthaar voran zu schüttern und hinten zu grauen beginnt. Er war stets glatt rasiert und trug eine goldene Brille. Er ging in grauem oder, wenn es Sonntag war, in schwarzem Tuchanzuge herum und war mit Ausnahme des Propstes und des Reichshauptmannes der einzige im Reiche, der gewichste Stiefel trug. Wenn er zu Fuß durch das Fürstentum wandelte, lief alles, jung und alt, auf ihn zu und küßte ihm die Hand. Wenn er zu Pferde langsam dahintrabte, da wurden die Gesichter der guten Schreckenburger ganz leuchtend vor Stolz, denn jetzt war er der, so auf dem Marktplatze stand in Erz für alle Zeiten. In Wahrheit schaute der Fürst aber auf dem Pferde aus wie ein freundlicher Landarzt, der zu einem Kranken reitet. Beweibet war Erzfürst Othmar III. nicht, noch immer nicht, obwohl er gegen Frauen, und selbst wenn sie dem kleinen Gewerbestand angehörten, eine gewisse ritterliche Ehrerbietigkeit beobachtete. Die Ehrerbietigkeit ließen sich die Eheherren und Liebhaber der Schreckenburger Schönen noch leidlich gefallen, wenn der Fürst aber artig wurde und den Weibchen die Wange kneipte, da empfanden sie so etwas wie die Jakobiner zu Paris vor hundert Jahren. Doch muß gesagt werden, daß der Fürst es sich stets angelegen sein ließ, seinen Untertanen ein würdiges Vorbild von Rechtschaffenheit abzugeben. Für einen Seelenkenner wäre es vielleicht nicht unschwer zu merken gewesen, daß Fürst Othmar die Vereinsamung bereits zu fühlen begann. Nicht so sehr die Vereinsamung auf dem Throne, denn die ist der Gekrönte gewohnt, als vielmehr die Vereinsamung im Gemache und des nahenden Alters.
Eines Tages war er unten im Tale in ein altes Bauernhaus getreten, um mit dem Nachbar eine wirtschaftliche Angelegenheit zu besprechen. Da fielen ihm die stattlichen Kästen und Truhen auf, die in der Stube standen. Sie gefielen ihm, sie würden seinem Hause, das seit den zerstörenden Bauernkriegen nicht an Überfülle von Prunkgegenständen litt, ein freundlicher Schmuck sein. Er fragte den Bauern, ob er ihm diese schöngebauten, festgefügten und kunstvoll geschnitzten Kästen nicht verkaufen wolle?
»Ah nein, gnädiger Herr,« antwortete der alte Landmann, »die Kästen da geben wir nicht her, sie sollen schon im Haus bleiben für unsere Kinder und Kindeskinder.«
»Diese können sich ja wieder welche machen lassen,« meinte der Fürst.
Der Bauer schüttelte den Kopf, das würde nicht gut gehen. Die jungen Zimmerleute nennten sich zwar jetzt fürnehm Meistertischler, brächten so was aber nicht mehr zuwege; sie hätten keine Geduld dazu und auch nicht den Schick. Bei denen müsse ein Kasten in acht Tagen fertig sein, gleich aus jungem Holz, wie es der Förster vom Wald verkauft. »Nachher kreistet's und kracht's, nach einem Jahr kann man die Finger in die Fugen und Sprünge stecken, die Kastenwand kriegt einen Buckel wie das Kameltier oder eine Mulde wie die Fleischhackerschüssel. Ah nein, die alten Kästen geben wir nicht her.«
Der Fürst hat auf solchen Bescheid seines Untertans zu Boden gestarrt und vielleicht sogar mit einer gewissen Wehmut der guten alten Zeit gedacht, da man so schöne Tischlerarbeit machte, und da man solch schöne Tischlerarbeit den Untertanen gelassen wegnehmen konnte.
Als hierauf die Hausmutter in die Stube trat, um mit Weißbrot und gelber Butter den Landesvater zu ehren, sagte zu ihr der Bauer: »Das ist mir rechtschaffen zuwider, Brigitta. Unser Herr hat Gefallen an diesen Kästen, und wir mögen sie nicht weggeben.«
Die Hausmutter sprach: »Da wird leicht geholfen sein. Diese Kästen hat der Zimmermann Reimar gemacht vor dreißig Jahren, wie wir zusammen geheiratet haben, und der Reimar lebt noch. – Gnädiger Herr, bitt' gar schön, ein Stückel Brot und ein Batzel Butter nicht zu verschmähen.«
Der Fürst setzte sich an den Tisch und griff zu. Dieweilen wurde nach dem Zimmermann Reimar geschickt. Der hatte einen krummen Fuß, kam am Abend in den Fürstenhof und blieb dort. Er ist dort geblieben etliche Jahre lang. Er hat zeitweilig einen Gesellen mitbeschäftigt, die längste Weile aber allein gearbeitet, er hat dem Landesfürsten das Haus eingerichtet. Die drei großen Stuben waren schon von alters her mit gutem Holz und schlichtem Schnitzwerk ausgetäfelt und geziert, so wollte der Fürst noch ein Nebengemach traulich einrichten lassen mit Täfelung, Truhen und Kästen und einem geräumigen Himmelbette. Da hatte also der alte Reimar zu schaffen. Er ließ sich gute Weile dabei und baute. Er baute ein Wandgesimse, eine Gerätetruhe, zwei breite Gewandkästen, eine Ofenbank, einen Uhrkasten und endlich das stattliche Himmelbett mit dem Hute darüber, dessen jede Ecke versehen wurde mit dem Ornamente des dreiköpfigen Adlers. Er arbeitete ohne Vorbild und Pläne, die Zeichnungen machte er gleich mit Zimmerfarbe und Reißblei aufs Bau- oder Schnitzholz. Und dieses Holz war an zwanzig Jahre unter dem Dachvorsprung einer Scheune, hoch an der luftigen Wand gelegen, um gehörig austrocknen zu können. Der alte Reimar hatte ein Sprichwort: Der Bräutigam soll seine Braut und der Zimmermann sein Holz sieben Jahre lang kennen, bevor er anhebt. An grünem Holz tat er nicht einen Handgriff. Mit dem Hammer schlug er an den Block: Klingt's gut, so wollen wir in Gottes Namen anfangen! Die größte Stube des Hauses hatte er sich zur Werkstatt erkoren, da hobelte er, schnitt und schnitzte. Häufig saß der Fürst da und schaute dem weißhaarigen Meister in Hemdärmeln und mit dem Lederschurz bei der Arbeit zu. Die ging wie ein langsames Uhrwerk, aber jeder Handgriff hatte einen Zweck und eine Folge. Dabei war der Mann so behaglich und heiter, sagte manchmal ein spaßhaftes Wort, während sein altes Auge an der Arbeit haftete. Dem Fürsten tat der Anblick wohl, wie da ein kleiner Mann aus dem Volke seine Seele gleichsam in ein Kunstwerk umgestaltete, in dem sie fortleben wird, vielleicht länger als die Geschlechter, die an dem Werke mit Bewunderung und Liebe vorübergehen. Mehrmals geschah es, daß der Fürst sich sogar an den Tisch setzte, wo der Reimar sein Mahl einnahm. Denn mit dem Gesinde aß nur der Geselle, der Meister zog es vor, allein zu sein und machte auch mit dem Herrn nicht allzu viele Höflichkeiten. Wenn der Fürst das Butzenscheibenfenster des Erkers öffnete, so überblickte er sein Reich; der Zimmermann hätte das von sich nicht sagen können, er hatte sein Lebtag auch in anderen Tälern, selbst drüben im Herzogtume Häuser gebaut. Fürsten kann es geben, Zimmerleute muß es geben. Also fühlte er sich in dieser Burg nicht besonders untertänig.
Eines Tages kam der Fischerjunge Winard ins Haus und brachte auf dem Rücken eine Fischlagel mit, in der Wasser schwupperte. Er grüßte in der Stube ehrerbietig den Meister Reimar und fragte dem gnädigen Herrn nach.
Der alte Diener war vorhanden und berichtete, Seine Durchlaucht könnten jetzt nicht gestört werden, sie wären just beim Regieren.
»Wenn's nichts anders ist, so soll er nur herauskommen,« sagte der kühnliche Bursche, »ich muß wissen, ob der gnädige Herr die Forellen selber haben will, oder ob ich damit um ein Häusel weiter gehen soll. Heute ist Freitag, und morgen bringe ich sie nicht mehr an.«
Der Diener ging hinein, um das zu melden, da entschuldigte sich der Fürst artig vor seinem Ministerium, das aus dem Propste, dem Kreishauptmanne und dem Meister Grobschmied bestand, ging hinaus und ließ sich die Fische zeigen. Es waren stattliche Tiere und glitten munter in ihrem nassen Gemach auf und nieder.
»Sind sie nicht zu jung?«
»Ich bin zwanzig, gnädiger Herr,« antwortete der hübsche Bursche.
»Die Forellen meine ich.«
»Ah so. Na, die werden nicht mehr besser.«
»Gut, lasse sie da.«
Am Abend desselben Tages war kein Gast vorhanden, und der Erzfürst saß bei den blaugesottenen Forellen allein. Er rief den Zimmermann, ob er Forellen liebe?
Aber der Meister lag schon in seinem Bett und seufzte. In letzter Zeit litt er an der Gicht. So saß Seine Durchlaucht einsam da. Der Kammerdiener war brummig. Wenn die Tiere wenigstens lebendig gewesen wären. Aber sie lagen feierlich auf dem Silberteller, sie waren so sinnig mit einem grünen Kranz von Krautwerk umgeben, wie sich selbst ein Erzfürst keine schönere Aufbahrung wünschen könnte. – Der Fürst fand am Essen kein Vergnügen, er stand vom Tische auf, faßte den silbernen Armleuchter und stellte sich damit vor den Spiegel. Seit einiger Zeit hatte er sich den Schnurrbart wachsen lassen, der war durchaus noch nicht grau, sondern hübsch nußbraun, wie der Meister Reimar die Kästen streicht. Aber was anfangen? In der Jugend hatte er wohl gelernt, wie man Weiber gewinnt, doch wie man um ein Weib freit, das schien ihm eine verdammt heikle Aufgabe. In solchem Falle kann der Herrscher nicht einmal seine Geheimräte zu Rate ziehen. Das kommt nun davon, daß er mit den Nachbarspotentaten den Verkehr so völlig vernachlässigt hat. Übrigens hatte der Fürst auf seinen Weltreisen Reiche kennen gelernt, deren mächtige Herrscher sich in der Wahl einer Ehefrau durchaus nicht einschränken lassen. Bei uns ist dem Prinzen eine Prinzessin vorgeschrieben. Zwei Gekrönte auf einem Thron, ist das aristokratisch?
Am nächsten Tage trat der Fürst gelegentlich in die Tischlerwerkstatt, um der Arbeit des Alten zuzusehen, der nur das Zimmerhandwerk gelernt hatte und nun die edelsten Tischlerarbeiten schuf. Meister Reimar lag aber im Bette, und ein Mädchen war da, das ihn pflegte. Das machte sich gar nichts draus, als der gnädige Herr eintrat, sondern beschäftigte sich eifrig damit, dem Alten warme Tücher um die Beine zu winden und ihm die Kissen zurecht zu legen. Dieses Mädchen hatte ein Haar wie Seide. Wie Naturseide, so lichtgelb und zart. Das waren gar keine Haarfäden mehr, das war purer Flaum; so wallte es hinter den rundlichen Achseln hinab, und in der Mitte war es lose zusammengehalten mit einem blauen Bändchen. Der Fürst ging hinaus in seinen Tiergarten, dort hatte er etliche Hirsche und Rehe drinnen und in einem hohen Drahtgeflechte zwei Fasanen. Die Hirsche waren noch nicht zahm, flohen mit hochgetragenem Gestämme ins Dickicht. Ein klaräugiges Rehlein blieb vor dem hohen Besuche stehen, ohne irgendein Zeichen von Angst oder Ehrfurcht. Der Fürst legte gesalzenes Brot in die hohle Hand und hielt es ihm vor. Das Reh schnupperte hin, fraß es aber nicht. Da trat ein junger Mensch hinzu und sagte: »Wetten wir was, gnädiger Herr, von mir nimmt es das Brot!«
»Kümmere dich um deine Forellen!« sprach der Herr und wandte sich ab, denn der dreiste Ton des Burschen war ihm zuwider. Diesen Fischerjungen muß man unter die Soldaten stecken, daß er Manier lerne. –
»Na, Alter, klappt's heute mit den Beinen?« fragte Seine Durchlaucht an einem nächsten Tage, als Meister Reimar wieder bei der Arbeit war.
»Schön Dank, gnädiger Herr, es tut's wieder.«
»Das Alter zwickt wohl schon ein bißchen?«
»Ah, des Alters wegen möcht's schon noch passieren.«
»Wie alt seid Ihr denn, Reimar?«
»Zu Martini achtundsiebzig.«
»Allen Respekt. Ich meine für das, was Ihr noch leistet.«
»Solang' mich die Augen nicht verlassen …«
»Saget, Meister, wer war denn das junge Frauenzimmer, das Euch so sorgfältig gepflegt hat vor etlichen Tagen?«
»Die Hedwig meinen der gnädige Herr. Muß wohl recht um Verzeihung bitten. Mir hätte schon auch im Haus keine Wartung gefehlt, aber wenn ein Kind einem zugeht, das kann man nicht wehren, muß einen noch freuen.«
»Es war doch kein Kind mehr,« sagte der Fürst. »Mag wohl schon an siebzehnmal über Silvester gesprungen sein.«
»Es ist so, gnädiger Herr, meine Enkelin lauft schon im achtzehnten um.«
»Euere Enkelin? Sagtet Ihr nicht letzthin, daß Ihr ein alter Junggeselle wäret?« fragte der Fürst.
»Wie man halt eben so sagt,« antwortete der Zimmermann, »ist nur damit gemeint, daß ich nie verheiratet gewesen bin.«
»Und eine Enkelin, sagt Ihr?«
»Ja mein!« rief der Alte aus, dieweilen er mit dem Reifmesser an einem dreiköpfigen Adler herumschnitzte, »in dieser Sache hat sich der Mensch nicht zu beklagen, da ist alleweil Segen Gottes genug vorhanden.«
»Ist sie ein Tochterkind?«
»Ein Sohnkind, gnädiger Herr. Aber ehelicherweis. Mein Sohn ist braver gewesen wie ich.«
Der Fürst wandelte hernach in der Pappelallee auf und ab, die Hände am Rücken, das Haupt gesenkt. Seine verflogene Jugend hatte ihm kein solches Glück aufbewahrt. Wenn er einmal an der Gicht darniederliegt, wird ihm keine Enkelin warme Tücher um die Beine winden.
Von dieser Zeit an forschte Othmar III., wann der Zimmermann Reimar denn wieder einmal an der Gicht darniederliegen würde. Der ließ darauf warten. Hingegen kam eine sehr schöne Fronleichnamsprozession. An diesem Tage pflegte zu Schreckenburg aller Pomp entfaltet zu werden, den der Ort aufbrachte. In früherer Zeit war auch der Hofstaat ausgerückt, der Erzfürst in seiner vollsten Würde, Prinzen und Prinzessinnen, Edelknaben und Zofen, da strahlten an den Mänteln und Roben die Goldspangen, an den Diademen die Diamanten. Das war längst nicht mehr. Zur Zeit des schlichten Volksfürsten Othmar III. gab es derlei nicht zu sehen. In seinem schwarzen bürgerlichen Gewande, begleitet von den Spitzen der Behörden, ging er hinter dem Baldachin einher, sein entblößtes Haupt blinkte diesmal in der Sonne silberiger als je. Seine Andacht war an diesem Fronleichnamsfeste keine gewöhnliche. Vor der Priesterschaft wallten in langen weißen Gewändern vier Kranzjungfrauen dahin, die auf rotseidenen Kissen die Marterwerkzeuge Christi trugen. Diese Jungfrauen waren alle schön und blühend wie der Mai, aber eine davon war anders als die übrigen. Sie überragte die anderen um eine halbe Kopflänge, ihr Haar wallte wie eine lichte Seidenwelle über den Nacken hinab. Ihre Wangen waren wie die Blüte des Apfelbaums, ihr Haupt senkte sie nicht, wie die drei Genossinnen taten, zu Boden, aufrecht trug sie es, und ihr großes Auge mit dem feuchten Glanze schaute vor sich hin gegen die Berge, auf welchen der Himmel ruhte. Würdevoll wie eine Königin. Sie trug auf ihrem Kissen die Dornenkrone des Heilandes. Das ist die Krone des Volkes. Hat der Erzfürst eine bessere?
»Das Adlerschnitzen geht Euch gut von der Hand,« sagte am nächsten Tage der Fürst zum Zimmermann. Dieser hatte gerade wieder den dreiköpfigen in der Arbeit für das Himmelbett.
»Na, wohl doch nicht, gnädiger Herr. Das ist ein vertracktes Vieh. Da könnt's wohl auch passieren, daß man das Tier gar nicht erkennt, wie es dem alten Herzog drüben ergangen ist mit seinem zweiköpfigen. Dem hat sein Jäger einmal vom Hochgebirg einen Adler heimgebracht. So, das soll ein Adler sein? ruft der Herzog dem Jäger zu, du mit deinem Jägerlatein bleibe mir vom Leib! Glaubst du, ich kenne den Adler nicht? Ein Adler hat zwei Köpfe.«
»Und unserer hat drei,« lachte der Fürst, belustigt von dem Spottgeschichtchen, das man über seinen Nachbar erzählte. Dann sprang er über: »Was meint Ihr, Meister, sollten die hohen Herrschaften aus ihren Wappen nicht einmal das Tier herausnehmen und den Menschen hineingeben?«
»Oho, den brächte unsereiner noch weniger zuweg. Der Mensch, heißt es, soll in der Kunst das allerschwerste sein.«
»Es müßte ja gerade kein geschnitzter sein? Vielmehr ein lebendiger, wie ihn Gott erschaffen hat! Was meint Ihr dazu?«
»He he,« lachte der Alte, wie auf einen Spaß.
Der Fürst rückte dem Zimmermann näher und setzte sich auf das Hinterteil der Schnitzbank. Plötzlich sagte er: »Meister Reimar, machet Feierabend für heute. Wir wollen einmal eins plaudern mitsammen.«
Der Alte hing das Schnitzmesser an die Wand, befreite das dreiköpfige Ungeheuer aus der Zwänge und dachte: Wohl eine rechte Freud', so was. Wie unser gnädiger Herr gemein ist! In seiner Weise wollte er damit der Leutseligkeit des Fürsten ein Lob zudenken.
»Wird Euch Eure Enkelin nicht bald wieder einmal besuchen? Wo wohnt sie denn? Nehmet sie doch ganz zu Euch, Vater Reimar, in diesem Hause ist Platz genug.«
Der Antrag rührte den Alten fast zu Tränen.
Eine Woche später war der Fürst bereits in der Lage, heimlich seine Studien zu machen an dem schönen heiteren Mädchen, das in dem Schlosse herumwirtschaftete, so geschickt, harmlos und fein, als wäre es darin geboren worden. Nach wenigen Tagen beherrschte es in Form einer fröhlichen Dienstfertigkeit die Beschließerin und die alte Kochfrau, ohne daß diese es merkten. Sie war die Unbefangenheit selber, auch dem Fürsten gegenüber. Dieser ging scharf drein, denn viel überflüssige Zeit war nicht mehr vorhanden. Eines Tages befahl er, das Frühstück solle ihm die Hedwig auf das Zimmer bringen. Und diese lud er ein: »Willst du nicht auch eine Tasse mit mir trinken?«
»O Gott!« lachte das Mädel auf, »wann hab' ich heut' schon gefrühstückt! Das ist schon lang geschehen.«
»So bist du am Ende wieder hungerig?«
»Das tät' sich doch nicht schicken,« antwortete sie. »Wenn dem gnädigen Herrn schon allein die Zeit lang wird beim Frühstück, so soll er halt eine gnädige Frau dazu nehmen.« Das sagte sie munter und harmlos hin. Der Fürst aber stand auf und trat rasch auf sie zu. So rasch, daß sie erschrocken einen Schritt zurückwich. »Hedwig!« sagte er leise, und sonst nichts – kein Wort. Sie verließ schnell das Zimmer.
Der Kammerdiener des Fürsten bat noch an demselben Tage um seinen Abschied. Wenn ihm gar schon eine Bauerndrulle vorgezogen werde zur Bedienung! Man hätte es ihm gar so deutlich nicht zu machen gebraucht, auch etwas weniger deutlich hätte er verstanden, daß er überflüssig geworden sei … Laut grölend wandte er sich gegen die Wand.
»Franz,« sprach der Fürst zu ihm mit gütiger Stimme, »Franz, du bist ein altes Schaf.« Das alte Schaf hat den Abschied nicht erhalten. –
»Herr Reimar! Herr Hoftischlermeister!« rief es eines Tages hinter ihm, als der Zimmermann zur Dämmerstunde durch den ruhsamen Park ging und sein Abendgebet verrichtete. Und als er sich umwandte, sah er, wie ein junger Mann auf ihn zueilte. Es war aber der Fürst, der so flinke Schritte machte und so frisch aufgelegt war.
»Herr Tischlermeister!« fuhr der nahekommende Herr fort, »wollt Ihr ein schönes Märchen hören? Es ist sehr alt, vielleicht kennt Ihr es schon von der Mutter her.«
Der Zimmermann blieb ehrerbietig stehen und horchte.
»Es war einmal ein König,« begann der Fürst, den Alten am Arm nehmend und mit ihm zwischen den Ahornen dahinschreitend, »dieser König war sehr mächtig und hatte viele Städte voll von Untertanen. Er aber wohnte in einem großen Schlosse und war einsam. Wisset Ihr, was das ist: Einsamkeit?«
»Ich kann mir's denken,« sagte der Zimmermann, »das ist Langeweile. Ich hab' sie weiter nie gehabt.«
»Aber der König hat sie gehabt, Reimar! Als er jedoch ans Freien dachte, da fiel ihm das Rätsel ein. Kennt Ihr es? Was ist das, Meister: Gott sieht's nie, der König selten, der Bauer alle Tag?«
»Hoho, das wird wohl seinesgleichen sein!« entgegnete der Zimmermann.
»Seinesgleichen, gut. Also sah der König sehr selten seinesgleichen und unter den wenigen Prinzessinnen gefiel ihm keine. Er trug sich in ganz eigentümlichen Meinungen über das Weib. Er wollte eine Besondere haben. Die Richtige ist nicht gleich die Erstbeste von seinesgleichen. Er wollte eine große Auswahl haben, um seine Einzige sicher zu finden. Er dachte an denjenigen, der seinesgleichen alle Tage sieht.«
»So hätte er sich ein feines Bauernmädel aussuchen sollen,« meinte der Zimmermann.
Der Fürst blieb plötzlich stehen, kneipte den Alten am Arm und sagte: »Das hat er getan.«
Der Zimmermann zog's ins Bedenkliche und sprach: »Wenn das Bauernmädel klug ist? Ich wollt' mich doch erst besinnen, ob ich einem König die Hand geben möchte.«
»Wisset Ihr,« sagte der Fürst, »der Mensch hat zwei Hände. Auch der König. Geht eine Verbindung zur rechten Hand nicht, so geht sie vielleicht zur linken. Meinet Ihr nicht auch so?«
»Hab' es wohl einmal gehört,« meinte nun der Alte. »Zur linken Hand. Verstehe aber den Unterschied nicht.«
»Ich auch nicht, Meister. Aber wir drehen uns um die Sonne und wissen nicht warum. So drehen wir uns um Sitten, für den einen haben sie Sinn, für den anderen nicht. Tatsache ist, daß der Fürst ein Kind aus dem Volke freien will …«
Der Zimmermann schwieg. Es wurde ihm unheimlich. – Diese hohen Herren! Sie mögen sonst noch so brav sein, in dem einen Punkt denken sie leichter, als andere Leute! – An seine Hedwig dachte der Alte, da wurde ihm heiß in der Brust. Am Ende ist's doch gefehlt, daß sie im Schlosse wohnt. Sie ist ein heiteres dummes Ding und weiß nichts. Man muß sie heim zum Vater schicken. –
Der Fürst nahm sich jeden Morgen vor, an diesem Tage mit Hedwig ein entscheidendes Wort zu sprechen. Aber zum Teufel, das war schwerer, als er es sich gedacht hatte. Auf dem Wege des Scherzes hatte er's schon versucht, dabei kam er nicht weit, das Mädel wußte sehr klug zu parieren. Ob sie nicht eine Erzfürstin sein möchte? war eines Tages, als sie mit dem Wedel die Ahnenbilder abstaubte, seine Frage.
»Das wär' mir nicht zuwider,« antwortete sie, »da wollt' ich mir gleich einen schönen Erzfürsten nehmen.« Dabei versetzte sie einem graubärtigen Ahnen mit dem Wedel eins ins Gesicht. – Und der hohe Herr verschob es klüglich, mit ihr zu sprechen. Eines Morgens war sie fort. Sie hätte heim müssen ins Elternhäuschen, um die Ziegen auf die Weide zu führen. Die Ziegen!
Mit finsterer Stirn trat der Fürst in die Werkstatt. Der alte Reimar war just daran, das Himmelbett zu streichen.
»Wieder braun und wieder braun!« rief der Fürst. »Muß denn alles dunkel sein? Das Bett will ich blau haben, himmelblau. Warum fragt Ihr mich nicht, wie ich's haben will, wenn Euch der gute Geschmack fehlt? Oder traut Ihr dem meinen nicht? Mißtrauen! Ich glaube fast, man mißtraut mir. Das möchte ich erst sehen, nach wessen Willen es zu gehen hat in meinem Hause, in meinem Staate!«
Verblüfft schaute der Zimmermann drein, dann antwortete er: »Nach dem meinen nicht. Ich hab's auch nur aus Gefälligkeit getan.« Legte den Pinsel weg und packte sein Werkzeug zusammen. – An der einen Seite ist das Himmelbett braun gestrichen, an der anderen Seite lacht uns noch heute das nackte Holz an, erzählend vom beleidigten Handwerksmann, der dem Fürsten plötzlich die Arbeit aufgesagt hat. Und da soll noch einer behaupten, dieses Schreckenburg wäre kein moderner Staat!
Dem Erzfürsten tat es heimlich weh, den Meister beleidigt zu haben, aber er holte ihn nicht zurück. Ein Fürstenwort ist nicht von heut' auf morgen. Doch ging er von dieser Zeit an häufiger auf die Jagd. Er ging über die Felder des Landmannes und schoß Haselhühner, er ging an den Fluß und fischte Forellen, er ging auf den Almweiden hin, wo die Rinderhirten und Ziegenhirtinnen sind, und schoß nichts. Da war es einmal am Wasser, daß der Fischerjunge Winard, der ihm die Lagel nachtrug, seine Schafpelzmütze abzog, die der Bursche auch im Sommer trug und jetzt zwischen den Händen knüllte, und daß er gar untertänig zum Fürsten die Worte sprach: »Gnädigster Herr! Ich bitt' schön, ich hätt' halt schon lang ein Anliegen!«
»Was ist's, mein Sohn, was fehlt dir?« munterte ihn der Fürst freundlich auf. Er war ja selber kein Freund von Förmlichkeiten, und es war wahrlich nicht das erste Mal, daß er seinen Untertanen, wie er sie immer noch zu nennen pflegte, unter Gottes freiem Himmel Audienz erteilte.
»Getrau' mir's halt frei nicht zu sagen. Es ist was recht Wichtiges …« So stotterte der Bursche.
»Du weißt, was in meiner Macht steht …«
»In – des gnädigen Herrn Macht tät's wohl stehen.«
Jetzt blickte ihn der Fürst prüfend an. Er kannte den hübschen und klugen Jungen schon seit länger. Manchmal auch war er ihm schon zu keck gewesen. »Ist dir etwa deine Stelle nicht mehr gut genug? Ist dir der Sold zu gering?«
Der Bursche wurde tiefrot im Gesicht und murmelte kaum verständlich: »So bin ich nicht, daß ich Geldes wegen meinen Herrn auf der freien Weide anginge …«
»Dann ist's …« der Herr griff ihm ans Kinn und hob ihm das Haupt: »Schaue mich an, Knabe! Ist's die Liebe?«
Neigte der Junge heftig den Kopf: Ja, das wär's, die Liebe.
»Und dein Schatz will dich nicht? Ja, siehst du, das geht manchem so.«
»Wollen tät' sie mich sonst schon,« gestand der Bursche, »aber 's hat ihr wer was in den Kopf gesetzt. Sie kunnt eine bessere Partie machen, sagt sie.«
»Ich will dir etwas sagen, Junge. Den Nebenbuhler mußt du ausstechen.«
Halb abgewendet antwortete der Bursche: »Er ist halt viel stärker als ich. Zwar das nicht, stärker nicht – aber angesehener.«
»Wohl ein Bauer?«
»Das nicht.«
»Gar ein Bürger?«
»Wohl ein wenig mehr.«
»Was tausend! Ein Gutsbesitzer?«
»Und noch etwas dazu, gnädigster Herr.«
»Zum Rätselraten sind wir beide nicht beisammen, mein Junge!« sagte der Fürst etwas ernster.
»Ich glaub's auch gar nicht,« sprach der Bursche dreister. »Es geht nur so ein Gerede. Und die Leut' sind ganz wild darüber. Sie sagen, dafür tät' ein braves Bauernmadel zu gut sein. Aber die Weibsbilder setzen sich's gleich in den Kopf und glauben die größte Dummheit. – Der gnädigste Herr wollt' sie haben, sagen sie …«
Das war jetzt für den Erzfürsten keine Kleinigkeit. In solcher Lage war er nie gewesen und von seinen Berufsgenossen auch kaum jemals einer. Darauf ist keine Hofetikette eingerichtet. In zorniger Erregung wählte er den kürzesten Weg und sprach sehr langsam und nachdrücklich: »Was sagst du? Diese Dreistigkeit geht doch über alle Begriffe! Ich rate dir …!« Mit dem Finger wies er in die Ferne.
Jetzt ereignete es sich aber, daß der Bursche kerzengerade vor ihm stehen blieb, daß er mit den blonden Wimpern zuckte und trutzig das Wort sagte: »So ist es doch wahr …«
Der Fürst ging mit raschen Schritten dahin, der Bursche eilte ihm nach, glühend und bebend vor Aufregung rief er gellend: »Nachher setzt's was, gnädiger Herr! Die Hedwig laß ich nimmer, und wenn's meinen Kopf kostet.«
Der Herr wandte sich noch einmal um und schaute sich das im Liebeswahnsinn brennende Menschenkind an.
»Wer mir das Mädel untreu macht,« rief der Bursch, die Fäuste ballte er, »da setzt's was! Ich bin auch nicht allein. Ich hab' Kameraden!«
Warf die Fischlagel zu Boden und sprang durch das Strauchwerk davon.
– Erzfürst Othmar! Klang das nicht wie eine Kriegserklärung?
Noch an demselben Tage, als die unerhörte Drohung gefallen war unten am Wasser, beschied der Fürst den Forst-, Jagd- und Fischermeister Jonathan zu sich und sprach mit diesem seinem Agrikulturminister längere Zeit. Er befragte ihn über die allgemeine Aufführung des Fischerjungen Winard.
»Keine Klage,« antwortete der Forstmeister. »Soweit brav, aber ein Hitzkopf. Vor etlichen Wochen drei Tage lang im Kotter gebrummt. Raufhändel, Liebesgeschichten.«
»Man nehme ihn zu den Soldaten.«
»Schwerer Ersatz, gnädiger Herr!«
»Man nehme ihn zu den Soldaten!« sagte der Fürst.
Als der Forstmeister es dem Fischerjungen hinterbringen wollte, daß er durch allerhöchste Gnade in die Armee aufgenommen werde, war der Winard nicht mehr da. Die Vermutung lag nahe, daß er ins Ausland geflohen sei, denn er hatte ein Handbündel mitgenommen.
Wenige Tage nachher brachte die Post dem Fürsten ein kunstvoll und doch unbehilflich gefaltetes Brieflein. Das war vom Fischerjungen, dem das Schreiben nicht arg vonstatten ging. Der ließ sich vernehmen wörtlich wie folgt:
»Eier gnaden, gnädigster First und durchlauchdicker Herr!
Mus woll tausendmal um verzeihin biten wegen letztmal aber i kan nit anderst und vonwegen dem Mädel kunt i schlecht wern. Ich bit Ihnen, se kriegn bessere, lassens mir de, i bit Ihna kniefellig, sunst weis nit, was gschicht. Da thät ma wull all zamhalden, wann unsri Madln, die Bauern Madeln nit mehr sicher gangeten. Schreims mir nur bar zeillen das i mich verlassen kann und mich wieder aufzeign kann und wil mein Dienst fleißi verichten. Gnedigster Herr unterdeniger Diner
Winard Oberlimer.«
Der Winard Oberlimer wartete nun auf das Antwortschreiben des Fürsten. Er wußte wohl, daß hohe Herren sich nicht so leicht herbeilassen, mit Arbeitsleuten Briefe zu wechseln, aber in einem so wichtigen Falle, dachte er, würde der gnädige Herr doch eine Ausnahme machen. Er wartete Tage und Tage, er konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Wo er wartete, das wissen wir nicht, denn er hatte vergessen, in dem Briefe seinen Aufenthaltsort anzugeben. Auch der seidenhaarigen Hedwig hatte er geschrieben und ihr Vorwürfe gemacht darüber, weil sie, »die spottschlechte Person, sein glihend Hertz um eitel guld und ehr verkaufft« hätte. Die Hedwig wußte sein Versteck und antwortete ihm das Folgende:
»Mein Lebtag wär's mir nit eingefallen, das von wegen dem Fürsten, wie du meinst. Wenn ich dich auch einmal mit ihm gereizt hab. Aber dein Schimpf- und Spottbrief auf mich zeigt nit von deiner grossen Lieb und jetzt thu ichs. Nit wegen eitel Guld und Ehr, wie du schreibst, sondern weil mir ein guter freundlicher Mensch lieber ist, wie ein Zornnickel. Deine Wäsch hab ich dir aufs letztemal gewaschen und geflickt und kannst sie abholen lassen. Mit Achtung
Hedwig Sommerauer.«
Nun war Feuer auf dem Dache. Beim Straßenwirt an der Brücke kamen an Sonntagen die Burschen des Tales gern zusammen. Jetzt war der Winard unter ihnen und warb Streiter. Um das Gerücht wußte jeder schon, so brauchte er ihnen nur den Brief der Hedwig vorzulesen, als Beweis wie es stand.
»Kameraden!« rief er, »verlaßt's mich jetzt nit! Ihr wisset, wie wir uns gern gehabt haben, dieses Madel und ich. Und jetzt soll sie verdorben werden? Heiraten! Der Herr so eine von niedrigem Stamm? Wer's glaubt, ich nit. Und was mir geschieht, kann jedem geschehen. Einer allein kann nichts machen, der wird eingekottert. Zusammhalten! Verlaßt's mich nit, Kameraden!«
Etliche gaben zu bedenken, daß es eine gewagte Sache sei. Andere überstimmten sie: »Untertanenpflicht und Treu haben wir allzeit gehalten. Und wenn uns der Fürst Othmar jetzt ruft: In den Krieg für euer Land, für euern Herrn! so wird nicht einer das Hundsfott sein und sich drücken. Aber wir leben nicht mehr in der alten Zeit, Gott sei Dank, wir haben die Freiheit! Wenn's um unsern Schatz geht, da halten wir zusammen, gegen wen der will! Wir verlassen dich nicht, Winard!«
Der Nachtwächter im Ofenwinkel war schon lange unruhig gewesen, jetzt stand er auf, rüttelte am Ofengeländer, daß es klirrte und rief: »In diesem Tone kann ich nicht weiterreden lassen. Zerstreut euch!«
Brüllendes Gelächter. Sie zerstreuten sich nicht, sie bestellten frischen Trunk. Nur einer ging fort, ein einziger, und das war der Nachtwächter. –
Sachte entfalteten sich trübe Aussichten im Staate Schreckenburg. Die Leute waren ernster, mürrischer. Die Kirchen blieben leerer als sonst, die Wirtshäuser waren voll. Die Leute sangen nicht mehr ihre heiteren Lieder, sie steckten die Köpfe zusammen. Der Fürst bot den Heerbann auf. Nach wenigen Tagen teilte ihm der Kriegsminister, der in gewöhnlichen Zeitläuften das Grobschmiedgewerbe betrieb, mit bekümmerter Miene mit, daß im Reiche nicht alles so sei, wie es sein sollte.
»Ist dieser Winard Oberlimer eingezogen?« fragte der Fürst.
»Leider nein, gnädigster Herr. Der hat unten im Straßenwirtshaus an der Brücke ein förmliches Lager aufgeschlagen. Er hat Genossen. Sie haben den Verkehr mit den Nachbarsländern abgeschnitten, fangen die hereingehenden Waren ab, das Korn, den Wein. Unsere Holz- und Viehausfuhr ist gehemmt. Seit gestern ist auch die Post ausgeblieben.«
Nun verlor der Fürst die Ruhe. »Sofort die Truppen zusammenziehen und die Wegelagerer aufheben.« Nach etlichen raschen Schritten über die Dielen hin riß er den Kopf heftig empor und rief: »Die Rädelsführer standrechtlich erschießen!«
»Durchlauchtigster Herr,« sagte der Kriegsminister. »Schon vor drei Tagen sind die Reichstruppen einberufen worden. Aber – es kommt niemand.«
»Wie?« Der Fürst war starr vor Entsetzen.
»Das Mannsvolk scheint sich alles beim Straßenwirt versammelt zu haben.«
»Verschwörung? Revolte?« –
Um diese Zeit war es, daß der König eines großen Nachbarreiches von dem Hochgebirge herabkam. Er war nach einer Reise aus den südlichen Gegenden heraufgekommen, hatte eine Gemsenjagd gehalten, dann einen hochgelegenen Luftkurort besucht, um seine dort weilende Schwester, die Prinzessin Aglaia, abzuholen und nach Hause zu begleiten. Der König hatte »seinen lieben Vetter«, Othmar III., benachrichtigen lassen, daß er in zwei Tagen durch Schreckenburg reisen werde. Da hieß es nun einmal, sich in den Hofstaat werfen! Die Reichstruhe wurde aufgemacht, und bald stand der Erzfürst da in seiner vollen angestammten Herrlichkeit. Die taffetnen Strümpfe hatten ein paar kleine Schabenschäden, hingegen prangten die Silberschnallen der Bandschuhe in untadelhaftem Glanze. Der seidene Rock hatte die Meinung grün zu sein, schillerte aber stellenweise mehr ins Gelbliche, als es bei einem charakterfesten Tuche unbedenklich ist. Die Lendenschärpe, die breite rotflammende Schleife über der Brust, die funkelnden Sterne und Kreuze schlichteten alles reichlich. Der goldene Kragen war allerdings etwas zu wulstig, um dem an Freiheit gewöhnten Herrn die Kopfbewegung uneingeschränkt zu gestatten. Auf dem stahlblinkenden Reichshelm prangte der dreiköpfige Adler und legte seine goldenen Flügel schwer zu beiden Seiten herab über die Ohren. Das Schwert war für Riesen geschmiedet worden und schleifte einigermaßen widerspenstig um die Ecke, wenn der Fürst eine Bewegung nach rechts oder links zu machen hatte. Die Quaste des Griffes baumelte unten bei den Knien aufsichtslos herum. – Das Ganze war ziemlich überwältigend. Bettelhaft vor seinem königlichen Vetter zu stehen, das war des Fürsten Sorge nicht. Etwas ganz anderes trübte seinen Sinn. Bereits hatte er seine verfügbaren sechs Getreuen hinabgeschickt zum Straßenwirt mit dem Befehl, die Brücke freizugeben für allerhöchste Herrschaften, die an diesem Nachmittage durchreisen würden. Die Antwort, die sie zurückbrachten, war dem Fürsten nicht vermeldbar. Sie war nicht hoffähig. Der Herr war außer sich. Das wäre doch eine Blamage, wenn der Erzfürst Othmar Seine Majestät mit einem Bürgerkriege begrüßen müßte! Sofort eine zweite Abordnung zum Brückenwirt: Was denn eigentlich der Herren Begehr sei! – Die Antwort, das wisse Seine Durchlaucht recht wohl. – In Wahrheit war es dem Fürsten nicht ganz klar. Da er wußte, daß der Fischerjunge Winard dabei eine Rolle spielte, so konnte er sich's nur halb und halb denken. Es mag ja unsinnig sein, das mit dem Mädel – so dachte er sich zu – es mag ja Dummheit eines besonders entwickelten Johannestriebs sein, gut, der Mensch bleibt immer ein Tor, und der Esel hat die Farbe des Alters. Allein sich einen politischen Zwang antun lassen und am Ende gar um Verzeihung bitten, daß er ein hübsches Mädel gerne anschaue? So weit wird's wohl noch lange nicht gekommen sein. Zwar kracht die Welt! Kracht in allen Ecken und Enden! Es ist das undenkbarste schon geschehen. Nicht jeder, der versammelt bei den Vätern ist, ging auf gewöhnlichem Wege heim. – Er besichtigte seinen Thron, der im Saale stand. Ein schlichter Lehnsessel, mit rotem Leder ausgepolstert, mit silbernen Nieten verziert. – Das Holz war alt, aber kaum ein halbes Dutzend Wurmstichlein, die es aufwies. Die Ahnen waren darauf gesessen! Und nun sollte etwa so einer, wie der Fischerjunge? Die seinige auf dem Schoß? Denn für zwei nebeneinander hat der Sessel, genau besehen, nicht Raum. – Na, es wird sich ja noch schlichten lassen. Übermütige Bauernlümmel, nichts anderes. Ein gewöhnlicher Raufhandel um ein Weibsbild, und die verrückten Burschen vergessen, mit wem sie's zu tun haben. – Es wird sich alles ordnen, bis wir klar sehen. Nur die hohen Herrschaften dürfen nichts erfahren, denn die Geschichte ist zu dumm! Das beste wird diesmal sein, was auch sonst sehr oft das beste ist – aus der Not eine Tugend zu machen. Das Schloß ist zwar nicht danach angetan, aber Gastfreundschaft ist stets eine Tugend gewesen.
Es naheten die königlichen Gäste. Eine Anzahl Staubwedel war tätig im Fürstenhause einen halben Tag lang. Die Beschließerin warf einen schwellenden Sack mit Eiderdunen ins noch unfertige Himmelbett. Etliche Schuljungen, vom Oberlehrer gewissenhaft ausgesucht, wurden in weiches buntes Pagengewand gesteckt. Bei dieser Auszeichnung kam's nicht darauf an, welche die bravsten waren, sondern welche schlank und frisch dastanden. Sechs Mann martialisch mit Helm und Lanzen bewaffnet, umgaben die Räte des Reiches, und mit solchem Hofstaate zog der Fürst den Reisenden entgegen. Er selbst ritt auf einem klobigen Rappen. Oberhalb des Ortes, am Eingange der Bergschlucht, begegneten sie sich. Zwei einzige Wägen kamen gerollt, im ersten saß der König und die Prinzessin. Der König sah mit seinem weißen Vollbart und im grauen Lodengewand aus wie ein Jäger. Die Prinzessin saß ebenso einfach da; sie hatte weder die Blüte der Jugend an sich, noch den Reif des Alters, ein Alpenrosenstrauß war ihr einziger Schmuck. Mit ruhiger Freundlichkeit reichte sie dem vorsichtig vom Rosse gestiegenen Fürsten die Hand, die er küßte. Das umstehende Volk freute sich des Anblicks und war stolz auf die ritterliche Erscheinung seines Fürsten, den es noch nie in diesem unerhörten Glanz gesehen hatte. »Ja, unser gnädiger Herr!« sagten sie, »da sieht man, wie armselig so ein König dasteht vor einem Erzfürsten von Schreckenburg! Das ist ein prachtvoller Herr!« Ein behendiger Alter schlug mit den Armen um sich und flüsterte in die Leute hinein: »Die unten an der Brücken! Wenn sie ihn jetzt so sehen könnten! Denen möcht' die Kurasch schon vergehen!«
Mittlerweile hatte der Fürst die Herrschaften willkommen geheißen und sie eingeladen auf sein Schloß, zur Rast auf einige Tage.
»Freund, das geht nicht!« antwortete Seine Majestät. »In zwei Tagen ist die Eröffnung unseres Reichstages, da müssen wir zu Hause sein.«
»Dann verhüte der Himmel Achsenbruch, Überschwemmung und Brückeneinsturz!« sagte der Fürst.
»Hoffentlich!« lächelte die Prinzessin, »wir haben ja das schönste Wetter.«
»Gewiß, Hoheit, gewiß! Sehr schönes Wetter. Es wird auch anhalten. Und doch ist soeben die Nachricht eingetroffen, daß unten an der Luserbrücke der Verkehr unterbrochen sei,« sagte der Fürst beklommenen Atems und setzte gar ritterlich bei: »Ich bin im Augenblicke ja selber noch nicht genau unterrichtet. Sollte es sich aber bewahrheiten, dann wäre der einsame Herrscher auf Schreckenburgs Thron dem Zufalle außerordentlich verpflichtet!« daß er ihm so liebe Gäste in den Schoß werfe – konnte dazugedacht werden.
Der König tat die Bemerkung, daß er schon unterwegs Andeutungen vernommen hätte, als wäre an der Luserbrücke etwas nicht richtig. So als ob sich dort allerlei Gesindel zusammenrotte.
»Arbeiter werden es sein, Majestät, um die Passage freizumachen,« fiel der Fürst ein.
»Jedenfalls werden wir des Herrn Vetters liebenswürdige Einladung annehmen,« entschied die Prinzessin, »denn über eine schadhafte Brücke fahre ich nicht, niemals!«
Hierauf lenkten sie rechts ein, der Fürst ritt voraus, die Wägen fuhren langsam hintendrein und das Gefolge kam zu Fuße nach. –
Mittlerweile war ins Kriegslager beim Straßenwirt die richtige Begeisterung gekommen. Man hatte für den Krieg auch schon einen Namen. Mädeljäger-Krieg! Ging er doch gegen den Mädeljäger. Und jetzt erst kamen sie herfür von den Bergen und aus den Gräben, und wie das Feuer seinen Wind erzeugt, so schafft sich ein Aufstand rasch den nötigen Schwung. Früher hatte man nie viel davon gehört, und jetzt wußte jeder zu sagen vom gefährlichen Mädeljäger, von bedrohten Weibern und eroberten Schönen. Da reckten sich die Speere hoch in die Luft gleich Schwurfingern, daß die Stunde der Vergeltung gekommen sei! In äußerste Erregung geriet der Fischer Winard, denn jemand hatte erzählt, daß man in der Nacht den Zimmermann Reimar mit seiner Enkelin Hedwig begegnet habe – in heimlicher Eile durch den Wald, wahrscheinlich gegen das Schloß hin. Jetzt war's helle, der alte Kuppler führte sie dem Wüstling zu. Darum also die ganze Tischlerei im Fürstenhause! – Der Winard brachte stockend kaum die Worte hervor: »Kameraden! Werden wir halt heut' bei der Nacht das Schloß stürmen.«
Jeder Bursch, der ein Liebchen hatte, jeder Ehemann, der ein junges Weib besaß, fühlte sich eins mit dem Fischerjungen. Es war die große, gemeinsame Sache. –
Mit stillem Wohlgefallen blickte der König zum Fenster des Fürstenschlosses hinaus, mit lautem Jubel die Prinzessin. War Seine Majestät gleichwohl schon ein wenig gelangweilt gewesen auf diesem gar so schlichten, stillen Landsitz, Ihrer Hoheit, seiner Frau Schwester, gefiel es gar wohl. Das war nicht Palast und nicht Hütte, das war ein trauliches Haus. Und der Fürst! Er war nicht Knabe und nicht Greis, er war ein stattlicher Mann von angenehmstem Wesen. Ihre Hoheit war in einer sehr getragenen Stimmung, es war nicht Lust und es war nicht Weh, es war so etwas ganz Besonderes. Und als nun zur abendlichen Stunde die Hunderte von Fackeln heranloderten über die Matten, lärmend, knallend und jauchzend, da waren die Hoheiten nachgerade sehr gerührt über die Ovation, die ihnen hier von der schlichten Landbevölkerung gebracht werde. Der Fürst lud die Gäste zwar ein, rasch in das Hofzimmer zu kommen, wo das Abendmahl gedeckt sei. Es wäre besser, sich von den Fenstern zu entfernen, die guten Leute hätten in solchen Dingen kein Maß und Ziel, sie wären manchmal ein wenig zu unbefangen für ein Damenohr, er würde dann selber zu ihnen hinausgehen. Kaum er es gesagt hatte, war draußen ein schmetterndes Krachen, das geschlossene Einfahrtstor sprang in Trümmer, eingerannt mit einem wuchtigen Baumstamm.
»Ein Überfall?« rief der König.
»Es ist ein Überfall!« sagte der Fürst, »wenn's mir gilt, gut!« Er eilte zur Tür. Die Prinzessin stürzte ihm nach, fiel ihm in den Arm und kreischte in höchster Angst: »Othmar! Bleibt! Verlaßt mich nicht!«
»Ein Weibsbild ist drinnen!« schrie draußen vom Lindenbaum her eine Stimme.
»Sie ist drinnen!« erscholl es im Menschenhaufen, der wie Wildwasser in den Hof flutete.
»Tun müßt's ihr nichts, ich bitt' euch!« lautete der Befehl des Fischerjungen.
»Umbringen niemanden!« schrie es von mehreren Seiten, »lebendiger ist der Vogel mehr wert als wie toter! Aber in den Käfig mit ihm! Für Hühnervolk ist ein einköpfiger Geier schon gefährlich, wie erst ein dreiköpfiger!«
Das Haustor hielt dem ersten Ansturme stand. Da wurden schon Leitern herbeigeschleppt, um zu den Fenstern hineinzusteigen. Roter Rauch wirbelte von den brüllenden Lunten empor an die Wände und übers Dachwerk. Zwei Männer taten einen großen Sack auseinander, um den Mädeljäger, wenn sie ihn gefangen hätten, hineinzustecken. Der Winard hatte aus dem Schuppen einen herrschaftlichen Kobelwagen hervorziehen lassen. Da hinein, wenn wir sie herunter haben! Mit zwei fürstlichen Rößlein will er die böse Hedwig in seine Hütte führen. Das Gejohle rings ums Schloß war so wüste, daß der alte Kammerdiener auf dem Söller vergeblich rief, wen's denn anginge? Den guten Fürsten oder die Majestäten, oder ihn selber? Wenn ihn selber, er trage sein altes Haupt willig herab.
»Feuer ins Dach!« Dieser Ruf war lauter als das Jammern des Alten. Etliche Männer hieben mit Äxten den Brunnenständer um und rollten den Trog über, daß das Wasser, anstatt Feuer zu löschen, auf dem Sande dahin sickerte. Ein Doppelfenster flog auf, so heftig, daß es schrillte. Es war oben im Zimmer des Fürsten. Er selbst stand am Fenster, rot beleuchtet von dem Fackelschein. Er wollte sprechen, das wurde bemerkt und dumpfer ward der Lärm. Der Fürst bog sich heraus, er hatte wieder seinen schwarzen Rock an. »Liebe Leute!« rief er. Das Gewoge wollte sich nicht legen, die Speere schlugen klirrend aneinander.
»Mein vielgeliebtes Volk!« rief er lauter, da wurde es still.
Der Fürst begann mit bewegter Stimme zu sprechen: »Ich bin erschüttert von der Kundgebung, ich bin hocherfreut von dem neuen Beweise euerer Liebe und Anhänglichkeit, mit der ihr mir ergeben seid. Es ist das größte Glück eines Fürsten, seine väterliche Huld vom Volke so gewürdigt zu sehen. Treu' um Treue! Und sinniger hättet ihr diese großartige Huldigung nicht anbringen können, als heute, an diesem Abende, an dem ich nebst dem Fürstenglücke auch das menschliche Herzensglück gefunden habe. Und schöner glaube ich diesen Beweis euerer Liebe nicht ehren zu können, als wenn ich euch jetzt euere künftige Herrscherin vorstelle …«
»Hört ihr's?« unterbrachen sie ihn.
Der Fürst wendete sich zur Seite, da stand neben ihm ein Weib.
»Die Hedwig?«
»Ist sie's?«
»Nicht ist sie's. Eine andere, eine Fremde! Seht doch!«
Der Fürst erhob seine Stimme hoch und rief: »Das ist meine Braut, Ihre königliche Hoheit, die Prinzessin Aglaia von Bramburg!« –
Kein Schuß ist gefallen, kein Tropfen Blut vergossen worden in diesem Bürgerkriege. Das Volk hatte sich verloren in die Wirtshäuser des Reiches. Hatten die Leute zuerst gleichwohl nicht gewußt, wie ihnen geschah, so schlug der finstere Trotz doch bald in helle Fröhlichkeit um. Sie hatten ja einen so schlauen Herrn und jetzt auch eine so königliche Herrin, bei der, wenn die Blütezeit auch schon vorüber, doch noch immer nicht Matthäi am letzten war! Wer soll da nicht als warmer Patriot eins trinken über den Durst? – Als der nächste Morgen tagte, gab es um das Schloß nur zertretenen Rasen mit schwarzen Fackelabfällen und manchen Balkensplitter. Darüberhin schritt munter das bräutliche Paar.
»Das ist schnell gegangen, du mein Herz!« lispelte der Fürst und legte die zarte Hand der Braut zwischen die seinen. »Gestern um diese Morgenstunde haben wir einander noch nicht persönlich gekannt – und heute –!«
»O, mein Lieber, ich habe dich immer gekannt!« rief sie hochbeseelt, »ich habe deiner immer gedacht, mein Herz hat dich immer gesehen, dich, wie du bist, da ich längst noch nicht wußte, daß es einen Fürsten Othmar gibt. Ich wäre achtzig Jahre alt geworden, ohne einen anderen Mann zu sehen als dich. Und du?«
Da er nicht ganz befriedigende Antwort wußte, so entgegnete er bloß: »Meine Empfindung läßt sich gar nicht schildern.« –
Ungut war es dem Fischerjungen Winard. Daß er seine Hedwig nicht mit fürstlichen Rössern in sein Haus führen konnte, das wurmte ihn kläglich. Und doch war er froh, sie im Schlosse nicht gefunden zu haben. Wo aber war sie denn? Zu Hause bei ihrer Mutter nicht, davon hatte er sich noch in derselben Nacht überzeugt. Einem Almhirten begegnete er, der wußte zu sagen, daß er hinten im Hochgebirge dem krummen Zimmermann mit einem jungen Frauenzimmer begegnet wäre. Gegen das Welsche hinüber hätten sie die Richtung genommen. – So sauber! Jetzt konnte der Fischerjunge auch dem Welschland den Krieg erklären.
Übrigens kam dieser neue Feldzug dem Burschen nicht ungelegen, daheim drohte ihm ja ein Hochverratsprozeß und drüben am Waldrande stand aus alten Zeiten her noch immer so etwas, wie ein aufrecht ragender Holzblock mit einem Querbalken. Allein mit leeren Taschen reist ein Schreckenburger nicht ins Ausland. Die halbe Arche Noahs plünderte er und machte sich damit auf den Weg gen Welschland. Am ersten Abend sprach er unterwegs in einer Sennhütte zu. Anfangs unterhielt er die Sennin mit einem behendigen Eichkätzchen, das an der Angelschnur hängend munter über Winards Achseln und Haupt spazieren sprang und sich dann wieder neckisch in den Rocksack versteckte. Dieses possierlichen Anblickes wegen tischte die Sennin eine Schüssel Milch auf. Dann langte der Bursch aus der Hosentasche ein kleines Schildkrötlein hervor und ließ es über den Tisch krauchen. Die Sennin war voll Entsetzen über das Tier, das sein dreieckiges Köpflein immer weiter vorstreckte gegen sie hin; aber aus Achtung für den jungen Fremdling, der solche Ungeheuer mit sich führte, buk sie ihm auch noch einen Eierkuchen. Nachdem dieser mit Wohlbehagen verzehrt worden war, gestand er der Sennin, noch etwas bei sich zu haben. Er griff in den zweiten Hosensack und zog ein feines Garnnetz hervor, in dem sich eine graue Schlange ringelte. »Darf ich sie auslassen?« fragte der Winard, die Sennin kreischte vor Grausen, da sagte er: »Ach, das Tierlein tut ja nichts, es ist bloß eine junge Viper.« Die Sennin hatte sich ihr Lebtag mehr mit Kühen und Schweinen abgegeben, als mit Blindschleichen, und so glaubte sie es ihm getreulich und brachte dem tapferen Tierbändiger zum Nachtisch noch Weißbrot und ein Töpflein mit goldigem Honig. Erst am nächsten Morgen fragte er, ob sie nicht einen alten krummen Mann mit einem jungen Mädel hätte des Weges gehen sehen. Ja, so ein Paar wäre vor etlichen Tagen vorbeigezogen gegen das mittägige Land hin.
Während der Nacht hatte das Eichkätzchen die Schlange totgebissen. So warf der Bursche auch die Schildkröte ins Heu, und leichten Mutes zog er weiter gen Welschland. Am zweiten Tage sprach er in einer Kohlenbrennerhütte zu, fing dort Fische aus dem Bach und ließ sie von der Köhlerin braten. Dann lud er das schwarzäugige Weib artig zum Schmause ein. Am nächsten Tage wußte die Köhlerin ihm zu berichten, der krumme Alte mit dem jungen Mädel sei erst gestern gesehen worden und sitze unten in der Ölmühle. Die Ölmühle stand am Flüßlein Esonto, und dort fand er den krummen Alten und das junge Mädel. Nur war es nicht der Zimmermann Reimar und seine Enkelin Hedwig, sondern ein welscher Scherenschleifer mit seinem Kinde.
Der Winard gehörte zu jenen Trotzköpfen, die nie einen ihrer Irrtümer eingestehen und nie umkehren wollen. Diesmal aber war die Überzeugung, daß er auf dem Irrwege ging, zu schlagend; doch zur Umkehr konnte er sich noch immer nicht entschließen; er ging eine Weile, das Gesicht noch gen Welschland wendend, rückwärts wie ein Krebs, bis er über einen Maulbeerstrunk stolpernd auf den Rücken fiel. Ein paar Tage später war er doch wieder im Gebirge, und da hörte er plötzlich von einem Hirten das Wort ausrufen: »Hau, da ist er ja wieder, der Mädeljäger!«
Der Mädeljäger! War das nicht der Fürst? War nicht der Fürst so genannt worden? Wahrhaftig – dachte sich der Bursche – das stimmt auch bei mir! Bei mir vielleicht ganz besonders, wie ich ihr nachjage seit einer Woche! Ihr und so weiter. – Jetzt fing er sachte an, sich zu schämen. Wieder den Weg hatte er verloren in der Waldwildnis, mißmutig bei einer Pechbrennerklause kehrte er zu, einen Löffel warmer Suppe erbittend. In der Klause saß der alte Reimar und zimmerte an einer Wiege. Diese Wiege, so klein sie war, brachte den Winard schier aus der Fassung. »Wo ist die Hedwig?« schnob er.
Der Alte ließ seine Hand mit dem Schnitzger auf dem Knie ruhen und antwortete: »Winard, das sag' ich dir nicht. Ihr habt gerauft um sie, so sollt ihr sie keiner kriegen. Ich hab' das Mädel gut versteckt, du findest es nicht. Der gnädige Herr auch nicht.«
»Der hat schon eine andere. Der heiratet eine alte Prinzessin. Und ich muß die Hedwig haben!«
»Mußt sie haben? Na, dann ist's was anderes. – Mädel!« rief er durchs Fenster in den Wald hinaus. Sie war gerade bei den Pechersleuten unter dem Baume. Blieb aber nicht kleben an dem Baumstamm, der von Holz war, sprang dem Burschen an den Hals, der von Fleisch und Blut war.
Jetzt ist die Geschichte aus. – Wie? Die Wiege geht euch noch im Kopfe um? Fürs Pecherpaar hatte er sie gezimmert. – Aber sollen sie denn hocken bleiben beim Pecherpaar in der Waldhütte? Am Tage, als Erzfürst Othmar der Gütige mit seiner geliebten Braut Hochzeit hielt, erging eine allgemeine Amnestie für politische Verbrecher. Es war nur einer vorhanden, und so wurde der Fischerjunge Winard jubelnd begrüßt, als er mit seiner Hedwig zurückkehrte ins heimatliche Fürstentum.