Lieb' läßt sich nicht lumpen.
Auf dem vornehmen Ozeandampfer »Poseidon« befanden sich zwei Auswanderer, welche die Aufmerksamkeit der übrigen Reisenden erregten. Eine anmutige, etwa vierunddreißigjährige Frau und ein schöner junger Mensch. Ein Ehepaar oder Geschwister konnten sie kaum sein, dafür war das dunkle Auge, mit welchem die Frau manchmal auf ihn blickte, viel zu unstet, zu gewitterhaft, und dafür war das Wesen des jungen Mannes manchmal zu befangen, manchmal zu kühn sich gebärdend – ein zu seltsames Gemisch von Schüchternheit und Trotz. Als der »Poseidon« von der deutschen Küste gegen den Westen abgedampft war, hatte die Frau heftig geweint, hatte der Jüngling seine Hand auf ihre Schulter gelegt, bis sie plötzlich ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang und ihn küßte. – Hatten diese beiden freiwillig der Heimat entsagt? Waren sie aus zwingenden Gründen ausgezogen? Oder hatten sie sich sonstwie verfahren in der Alten Welt und steuerten nun der Neuen zu, um in ihr einen frischen Lebenslauf zu versuchen? – Also fragten die Mitreisenden sich. Doch das Paar tat nichts, zeigte nichts, was Antwort geben konnte.
Eine solche Ausfahrt hatte Frau Johanna von Martenstein wohl kaum gedacht an jenem Tage, als sie mit zwei Rappen vom Kirchhofe zurückfuhr – eine Witwe von einundzwanzig Lenzen. Damals war ihr sonst lebensfreudiges Herz zugedeckt mit so schwerem Leide, daß ihr die ganze Welt wie ein Totenhaus erschien, in dessen Gewölbe die Sonne als trübe Ampel hing. Damals war ihr unmöglich zu denken, daß in ihrer schmerzerfüllten Brust jemals noch ein irdisches Begehren wach werden könnte. Von Natur religiösen Gemütes und religiös erzogen, hatte sie sich damals vorgenommen, den Mitmenschen von nun an lauter Gutes zu erweisen, zuvörderst Gutes solcher Art, daß es ihnen nicht so sehr für diese, als vielmehr für jene Welt zunutze kommen konnte. Und sie hatte sich vorgenommen, ganz nur noch dem Ewigen zu leben, von Stufe zu Stufe emporzusteigen in jenes Reich, in welchem dem so früh Verlorenen sie wieder zu begegnen hoffte.
Denn wie namenlos nichtig ist ein Leben, wo selbst die Glücklichsten ungeheurem Leide zur Beute werden müssen! War Johanna von Martenstein, das blendend schöne, heitere Fräulein, auf dem reichen Wohnsitze ihrer Väter nicht beneidenswert gewesen? War ihre Liebe zu Oswald von Siegenberg, dem herrlichen Manne, nicht so, daß sie selbst manchmal schauerte vor der Gewalt dieser Seligkeit? Ein Jahr währte es, ein ganzes Jahr und drei Tage – nicht länger. Im fröhlichen Treiben eines Schützenfestes ward er durch ein zufällig sich entladendes Schießgewehr getötet. O gleißendes Geschick mit deinem »Zufällig!« Da doch das darauf Kommende so folgerichtig ist, berechnet auf ein einsames Menschendasein voll grenzenloser Trauer!
An jenem Tage, als Frau Johanna vom Kirchhofe heimfuhr gegen ihr Bergschloß, scheuten im Dorfe vor einem Dörcherkarren die Pferde und traten eines der halbnackt umherlaufenden Kinder zu Boden. Als das Gespann wieder stillstand, ließ Frau Johanna das verletzte Knäblein zu sich in den Wagen heben und bei den Dörcherleuten nachfragen, ob es ihnen gehöre, und was sie in diesem Falle verlangten an Vergütung.
Das Haupt der fahrenden Bettlerfamilie, ein von Branntwein riechender Mann, kroch aus dem Blachenkobel hervor und erklärte rülpsend, an Vergütung erbäten sie drei Silbergulden oder fünf, oder so viel, als der gute Wille wäre; den Jungen aber möge die hohe Frau nur behalten, sie hätten noch genug solchen Gezüchtes.
Frau von Martenstein sah in dieser Begegnung einen Wink des Himmels, den Knaben zu sich zu nehmen, ihn aus Liebe zu ihrem Gatten zu pflegen, gottselig zu erziehen, ihn gleichsam als Seelenopfer zu bestimmen für den Frieden des so plötzlich Verblichenen. Sie zahlte also an die Dörcherfamilie der Silbergulden zehnmal fünf, mit der Bedingung aber, daß dieselbe an den Knaben keinerlei Ansprüche mehr mache, ganz als wäre er gestorben und begraben. Bei solchem Handel hatten beide Teile gewonnen. Die Bettlerleute waren ein lästiges Kind los, und wer einen Blick in das Nest unter der Karrenblache getan hätte, der würde gesehen haben, daß vielfacher Ersatz vorhanden war. Das Lebendigbegrabenwerden eines solchen Würmleins im vornehmen Herrschaftswagen konnte der sonnengebräunten Mutter also nicht viele Tränen entlocken. Frau Johanna vergaß ob des hübschen Knaben, der nach Stillung des Blutes und nach einigem Wimmern neben ihr auf blauem Samtkissen schlummerte, ein wenig ihres Geschickes, und sie nahm sich zu solcher Stunde heilig vor, aus diesem armen Kinde eine Ehre Gottes zu machen.
Am allermeisten gewann bei dem Geschäfte der kleine Konrad selbst, der das fahrende Dörcherdach vertauschte um eine feste Ritterburg, deren Ahnenreihe sich sachte ausgemündet hatte in das rote Meer des bürgerlichen Geblütes, also daß der Stromerknabe kein allzu fremder Eindringling war auf dem vieltürmigen Schlosse. Der herbeigerufene Arzt hatte die Verletzung am Arme als eine unbedeutende bezeichnet, und so geschah es, daß der Knabe Konrad unter gutem Zeichen einzog durch das hohe Tor, aus welchem sie drei Stunden früher den toten Herrn davongetragen hatten.
Frau Johanna von Martenstein legte ihr Trauergewand nicht mehr ab. Wie es unter diesem schwarzen Winter dem jungen Herzen gehen wird, das muß die Folge zeigen.
Der Knabe hatte in einem rückseitigen Teile des Schlosses sein Stübchen und seine Wärterin bekommen, und wurde vorbereitet für die Schule, zu der er denn auch bald hinabtrippelte in das Dorf. Täglich ein paarmal sah ihn die Frau, sie gewöhnte sich an den aufgeweckten Burschen, er speiste mit ihr an demselben Tische, und damit sie ihn persönlich überwachen konnte, ließ sie ihm in ihrer Nachbarschaft ein Zimmerchen herrichten, in dem er spielen und lernen konnte. Die Schule war mit ihm zufrieden, und als sie im Dorfe nach vier Jahren zurückgelegt war, sprach Frau von Martenstein eines Tages bei dem alten Pfarrer des Sprengels vor, teilte ihm ihre Absicht mit, den Jungen in das lateinische Studium einführen und zum Priester ausbilden zu lassen. Der Pfarrer lobte diese Absicht, bestärkte sie in derselben und versprach, die nötigen Schritte einleiten zu wollen. Also geschah es, daß Konrad nach fünfjähriger Schloßherrlichkeit in ein bischöfliches Seminar kam und dort anfing, alle Wissenschaften zu betreiben, allen Betrachtungen zu obliegen, die den menschlichen Geist allmählich in Gegensatz bringen zu den irdischen Sinnen, die ihn entweder sachte und ruhig, oder unter Krämpfen ablösen von dem Weltlichen und ihn ganz in den Bereich des Gedanklichen und Übersinnlichen hinüberspielen. Daß heranwachsende Knaben während und trotz solcher Studien naturgemäß so recht in das blühende, gährende Leben hineinranken, wird nicht beachtet.
Wenn Konrad zu den Vakanzen heimkam, ward es allemal lebendiger und frischer auf Martenstein, und die junge Frau im schwarzen Gewand hatte manche Freude. Sie nahm sich stets vor, strenge zu sein gegen den munteren Knaben. Aber wenn Konrad in dem großen verwilderten Baumgarten auf die lustigste Weise umherregierte, die Wildtauben jagte, aus dem Bache Forellen fing, auf den Bäumen mit Eichhörnchen um die Wette kletterte und anstatt eines vollbrachten Lateinpensums lebendige Vögel, die er selbst gefangen, herbei brachte, da beobachtete sie ihn oft heimlich mit Vergnügen und vergaß der Strenge. Und wenn er im großen Teiche schwamm und oft minutenlang unter den Wellen blieb, da bangte ihr um ihn, bis sein Haupt wieder frank und frei aus dem Wasser hervorstand. Sie faltete die Hände über ihrem Schoß und dachte: Es wird ein schöner Bräutigam der heiligen Kirche!
Wenn er endlich wieder fortgezogen war in die ferne Stadt, da empfand Frau Johanna ihre Einsamkeit doppelt, und sie zählte die Monate, die Wochen, die Tage, die Stunden endlich, bis er wiederkehrte. Aber ganz so, wie er fortgezogen, kam Konrad nie zurück; war es, daß er schlanker geworden, war es, daß seine Knabenstimme einen tieferen Ton angenommen, war es, daß an der Oberlippe und unter den Ohrläppchen junger Bartanflug schattete, war es, daß sein Wesen ebenmäßiger, ernster erschien – mit jedem Jahre kam er anders heim, als er fortgezogen.
Und eines Morgens, als Konrad in die Laube trat, wo sie zu frühstücken pflegten, und ihr den Morgenkuß darbrachte, zuerst auf die Hand und dann auf den Mund, fiel dieser Kuß so aus, daß Frau Johanna zuerst betroffen zu ihm aufblickte und dann mit kühlen Worten befahl: diese Formalitäten hätten von nun an aufzuhören, er möge seiner Ehrerbietung für sie stets nur in strenger Pflichterfüllung Ausdruck verleihen.
Konrad errötete, dann setzte er sich ihr gegenüber und nahm schweigend sein Morgenbrot ein. Er konnte freilich nichts dafür, daß aus dem Knaben ein Jüngling geworden war, und daß die Dankbarkeit, die er für seine Gönnerin empfand, in Zuneigung sich verwandelt hatte. Der Schloßfrau war nicht wohl zumute, sie sah plötzlich, daß ein Gefühl, welches ihr bisher die einzige Labe ihres freudlosen Lebens gewesen, zur Gefahr sich steigerte. Noch an demselben Tage mußte Konrad übersiedeln in den entlegensten Trakt des Schlosses, wo ihm zwei Zimmer auf das sorgfältigste eingerichtet wurden. Damit gab Frau Johanna sich aber nicht zufrieden, denn sie sah, daß er sich beengt und befangen fühlte. Um den Rest der Vakanzen – es waren die letzten vor der Priesterweihe – dem jungen Manne nicht gar zu verkümmern, unternahm sie eine Reise nach einem entfernten Wallfahrtsorte, bei deren Rückkehr sie den Studenten nicht mehr auf dem Schlosse zu treffen hoffte. Aber was sie hoffte, das fürchtete sie, und was sie fürchtete, traf ein. Konrad war bereits abgereist in das geistliche Institut und hatte ein Schreiben zurückgelassen, in dem er dankte für alle Wohltaten, in dem er versprach, täglich, so lange er lebe, am Altare für sie zu beten, und in dem er von ihr Abschied nahm. Daß die Zeilen nur geschrieben worden waren, um alles zu verschweigen, zu verhüllen, was in dem leidenschaftlichen Herzen des jungen Mannes vorging – Frau Johanna müßte kein Frauengemüt gehabt haben, um es nicht ein wenig zu ahnen.
Das Herz der Schloßfrau Johanna war nun erwacht. Zornig schrieb sie an den Jüngling, er sei undankbar, daß er solchergestalt fortlaufen könne. Und in einem fast heftigen Schreiben an das Institut verlangte sie den Theologen. Er eigne sich nicht zum Priester, er habe aus eigenem Antriebe diesen Stand nicht gewählt, habe nur aus Pflichtgefühl die ihm unbesonnen vorgeschlagene Laufbahn betreten, auf der er bald pflichtvergessen und unglücklich werden müßte. Sie rufe ihn daher zurück und wolle ihn für einen praktischen Beruf ausbilden lassen. – Als die Briefe abgesandt waren, erschrak sie. Was soll das werden? Wohin soll das führen? fragte sie sich selbst. Gib Gott, was Gottes ist! – Das Institut antwortete nicht anders, als daß der Tag bekannt gegeben ward, an dem Konrad seine erste Messe lesen werde. Frau Johanna atmete fast auf nach schwülem Drucke. In einem Gebete hatte sie des Himmels Beistand angerufen gegen die Macht der Versuchung, und es gelang ihr, ein Bruchstück ihrer Standhaftigkeit wieder zurückzuerobern. – Es ist vorbei, also beredete sie sich selbst, die Zeit meiner Liebe liegt weit hinter mir. Ich habe nur noch einen Weg: dem Himmel zu.
Die erste Messe sollte Konrad in der Dorfkirche lesen, zu der Martenstein eingepfarrt war. Zu diesem Festtage rüstete sich die ganze Gegend, das Dorf und auch das Schloß. Doch hatte Frau Johanna den alten Dorfpfarrer ersucht, daß Konrad während seiner Anwesenheit im Pfarrhofe wohnen dürfe. Diesen Wunsch hörte der alte Herr mit einigem Befremden, sagte ihn aber gerne zu. Am Vorabende des Festes erschien Konrad. Er war im Gewande des Priesters, allein in dem schwarzen Talare war sein schönes Angesicht noch blasser, sein Auge noch tauiger, neben der Tonsur kräuselte sein braunes Haar noch reicher und lockender. Als er hörte, daß seine Wohnung im Pfarrhofe war, stutzte er. Noch am dunkelnden Abende ging er zum Schlosse hinauf und fand Frau Johanna im Baumgarten einsam an einem Tische sitzend, in ihrer Hand einen frisch geflochtenen Kranz aus weißen Rosen.
»Mutter,« sagte er, ohne anders zu grüßen, »ich muß dich schwer beleidigt haben, daß du mich verstoßen hast!« Er ließ sich vor ihr auf die Knie, und sein Körper bebte.
»Konrad!« rief sie, der Schrei war gellend, sie beugte sich, suchte ihn aufzurichten. Er haschte nach ihrer Hand und drückte die heftig an seinen Mund.
»Kind!« sagte sie und entzog ihm die Hand rasch, fast zornig. »Du bist ja mein Kind!« hauchte sie, riß ihn mit beiden Armen an sich, bedeckte seine Stirn, seine Augen, seinen Mund mit Küssen. – Frau von Martenstein! – Frau Johanna von Martenstein! Küßt so eine Mutter? Jawohl, er war festgeschmiegt an das schöne Weib, wie der Säugling sich festschmiegt an die Mutterbrust … Aus dem Tale klangen die Kirchenglocken, da tauchte Frau Johanna ihn mit beiden Armen von sich, und ehrfurchtgebietend wie eine Siegerin schritt sie dahin unter den Bäumen. In der darauffolgenden Nacht schloß sie kein Auge. Sie wimmerte unter der Last des einsamen, freudlosen Lebens, sie wollte beten um Kraft, um Entsagung, aber ihr Gebet rief: Lieben oder sterben!
Am nächsten Tage, als Konrad, angetan mit prunkendem Ornat, am reichgeschmückten Altare stand, auf dem Haupte eine Krone aus Rosen, umgeben, bedient von einer Priesterschaar, umklungen, umjubelt von Musik, wie ein Heiliger verehrt von der versammelten Menschenmenge, da saß Frau Johanna in ihrem Kirchenstuhl, und geruhigt dankte sie Gott, daß rein das Opfer am Altare stand. Konrad war anzusehen wie eine aufrechtstehende Leiche, so fahl war sein Angesicht, so seelenlos seine Bewegung, so erloschen sein Auge.
Bei der Abreise Konrad's war Frau von Martenstein gefaßt, beinahe heiter. Seine Züge blieben blaß und kalt, als wären sie zu Marmor geworden seit zwei Tagen. Kein heller Blick, kein warmes Wort mehr, ernst und still fuhr er davon und der Stadt zu, in der das Priesterhaus stand.
Frau Johanna hatte sich sehr getäuscht mit ihrer Siegesfreudigkeit. Als alles vorüber war, und wieder der Alltag herrschte auf Martenstein, als sie sich vorstellte, daß das nun in unabsehbaren Zeiten so bleiben müsse, daß nie mehr ein lieber Mensch das Schloß, den Baumgarten beleben würde, da krampfte es in ihrem Herzen wie höllische Pein. Und in den Nächten kam es über sie wie Anklage, wie Vorwurf – Gewissensqual. Mit welchem Rechte hatte sie den Knaben aus der Armut gerissen, um ihn ins Elend eines Standes zu verbannen, zu dem er nicht geboren ist, wo er kein Glück finden kann? Das fahrende Leben von handwerkenden, bettelnden Dörchersleuten, ist es nicht besser als ein Lebendigbegrabensein in der Soutane? Wie liebesdurstig er ist! Etwas, das nicht ihr Eigentum war, hat sie sich angeeignet, um es dem Vorteil ihres Seelenfriedens zu opfern. Und nun muß sie etwas, das ihr Eigentum ist, hingeben und hinwelken sehen. Ihren Bräutigam hat sie der Kirche überantwortet, einer Braut, die den Gespons zur himmlichen Seligkeit erhebt oder schon auf Erden verdammt macht. – So deutlich hatte Frau Johanna noch nie gesehen, als jetzt, da es zu spät war.
Zu spät? Wann ist's zu spät? Er lebt noch, sie kann ihren Irrtum noch gutmachen, ihm noch Genugtuung geben … Das wäre die Stimme des Gewissens, meinte sie; es war aber die Stimme der Leidenschaft. Wie man auch tüfteln und deuteln mag, das Herz will seine Rechte, und Lieb' läßt sich nicht lumpen.
Und eines Tages besuchte Frau von Martenstein wieder einmal den alten Pfarrer ihres Ortes, um ihn zu fragen, ob das landwirtschaftliche Erträgnis des Jahres auf seinen Feldern wohl für die Bedürfnisse reiche, oder ob sie ihm mit etwas beispringen dürfe. Der Greis dankte, was er habe, das genüge reichlich für seinen Bedarf. Hierauf brachte die Schloßfrau folgendes vor: Sie werde von Tag zu Tag älter, es falle ihr manchmal beschwerlich, zur Pfarrkirche herabzusteigen, besonders zur Winterszeit. Also beabsichtige sie, die alte Schloßkapelle wieder instand setzen zu lassen; der Altarstein besitze urkundlich ohnehin die vorgeschriebenen Weihen, und so wolle sie täglich die heilige Messe im Schlosse lesen lassen.
»Wie alt seid Ihr denn?« fragte hierauf der Pfarrer.
»Wohl schon ziemlich in den Dreißigern,« antwortete Frau Johanna.
»Und weil Ihr, die ziemlich in den Dreißigern stehende Frau, nicht herabgehen könnet zur Pfarrkirche, soll ich, der ziemlich in den Achtzigern stehende Mann, täglich zu Euch hinaufsteigen, um die Messe zu lesen?« fragte der Greis.
»Das könnte kein Christenmensch begehren,« antwortete die Frau von Martenstein, »natürlich muß ich mir selbst einen Schloßkaplan halten. Und in dieser Angelegenheit wollte ich um Eurer Hochwürden Vermittelung gebeten haben. Ich dachte nämlich an Konrad, der, soviel ich weiß, noch keinen Seelsorgerposten hat, und der mit mir ohnehin in verwandtschaftlichem Verhältnisse steht.«
Auf solche Eröffnung versetzte der Pfarrer: »Frau, warum habt Ihr es nicht früher gesagt, daß Ihr mit dem jungen Manne zusammenleben wollet? Jetzt ist es zu spät, er hat die Weihen des katholischen Priesters, und Ihr wisset, was das heißt.«
Frau Johanna stutzte, als sie ihre Gedanken so derb erraten sah; zwar stellte sie sich anfangs höchst überrascht wegen solcher »die gute Absicht gröblich mißkennender Deutung«, machte eine schlaue Schwenkung und sagte, es müsse ja nicht gerade Konrad sein, er sei ihr nur eingefallen, sie wolle sich für einen älteren Herrn entscheiden, damit böse Zungen kein Ärgernis fänden. Allein den alten Herzenskenner täuschte sie nicht. Es war ihm ja schon früher die Neigung nicht ganz verborgen geblieben, die in dem jungen Priester für seine Gönnerin keimte; und gerade seine plötzliche Kälte und Versunkenheit machte ihn nachdenklich. Der alte Pfarrer, in der Absicht, Schlimmes zu verhüten, schrieb an das Konsistorium und sprach diesem die Meinung aus, daß es bei dem schwärmerischen Temperamente Konrad's, bei seiner weltmännischen Befähigung und der unternehmenden Tätigkeit desselben geraten sein dürfte, den jungen Priester nicht in eine ruhige Seelsorge seiner Heimatsgegend zu setzen, sondern diese schätzbaren Eigenschaften vielmehr auszunützen etwa für Bekehrungsmissionen in anderen Ländern. Mehr sagte der Alte nicht, das Konsistorium verstand ihn vollkommen.
Mittlerweile hatte Frau Johanna auf Mittel und Wege gesonnen, Konrad wenigstens als Leutepriester auf eine der Pfarreien zu bekommen, über welche sie vermöge alter Schloßrechte das Patronat innehatte. Es war ihr unmöglich zu denken, daß sie fürder diesem Menschen fern sein sollte. In einer Nacht träumte ihr, daß eine Stimme rief: Johanna, wozu verlangst du dir den jungen Priester? Zum Beichten oder zum Sündigen? – Noch im Halbschlaf rief sie laut: Er ist mein Herzensfreund!
Also waren seit dem Fest der ersten Messe an sechs Monate verflossen, da erhielt Frau Johanna ein Schreiben folgenden Inhaltes:
»Teure Mutter!
Im Rate der göttlichen Vorsehung ist es bestimmt, daß Menschen, die sich allzulieb haben, weit auseinander müssen. Du kannst Dich verstellen, wie Du willst, ich weiß, daß Du mich liebst. Aber wir sehen uns nicht mehr auf dieser Welt. Über mich ist beschlossen worden, daß ich nach Ostindien reisen muß als Missionär. Heiden bekehren, ohne selbst bekehrt zu sein. Ich bin kein Mensch mehr, sondern ein willenloses Werkzeug, es ist alles aus, in zwei Tagen reisen wir, unser sieben, mit dem Orientzuge ab. Anders hätte es kommen können. Wie gut Du es mit mir gemeint hast! Habe Dank, Du in Ewigkeit meine Lieb' und Pein. Gedenke, dieses Leben ist bald vorbei. Vielleicht in jenem.
Konrad.«
Als Frau Johanna den Brief gelesen hatte, war ihr gar nicht so zumute, als müsse sie verzweifeln oder verzichten. Im Gegenteil, sie fühlte plötzlich eine bisher ungekannte Kraft und Kampflust in sich. Der Brief war voll blutigen Schmerzes und voll herber Vorwürfe. »Ich bin kein Mensch mehr!« Wer hat sein Menschentum ihm genommen, wer muß es ihm wieder geben? – Durch des Weibes Gehirn wogten frische Pläne. – Abreise in zwei Tagen mit dem Orientzuge! Alle Dazwischenkunft in der Stadt ist zu spät. Doch zieht die Eisenbahn nicht über die Heiden? nicht durch die Dohlenschluchten, welche nur wenige Meilen von Martenstein entfernt sind? Die Station Dohlau liegt in wüster, einsamer Gegend, muß dort nicht jeder Zug stehenbleiben, um Wasser zu schöpfen? – Die Frau war entschlossen.
Konrad's Gemüt glich am Tage der Abreise einem ausgebrannten Vulkan. O, wie hatte es getobt, geloht! – jetzt war es still. Man sagte ihm, er gehe in einen fremden Weltteil, und willenlos gab er sich drein. Von seinen Genossen waren mehrere voll heller Verzückung, sprachen von den Flammenzungen des göttlichen Geistes, mit denen sie die Ungläubigen bekehren würden. Fast frevelhaft hochgemut verließen sie die Heimat. Konrad saß einsam an einem Fenster des bereits hinrollenden Zuges und war vertieft in sein Brevier. Aber an das Gebet dachte er nicht, an nichts dachte er, der Stumpfsinn des Wehrlosen war über ihn gekommen, der Stumpfsinn des Gefesselten. Manchmal blickte er müde hinaus auf die Landschaft, und wie Wälder und Wiesen, Berge und Täler versanken von diesem schönen Lande. Es dämmerte der Abend; wenn neuer Tag erwacht, wird Fremde um ihn sein. Ihm gleichgültig, sein Herz ist ohnmächtig geworden. – Der Zug rollte über Heiden, rollte in einer Felswildnis, durch eine Waldschlucht. Nun stand er still. Auf dem Bahnhof brannten zuckend ein paar Laternen, gepeitscht vom Sturmwind. Niemand stieg aus, niemand ein, an der Maschine rauschte das Wasser. Plötzlich schreckte Konrad auf, er hatte draußen seinen Namen rufen gehört. Dort an der Wand stand eine schwarze Gestalt, die rief laut, wenn in dem Zuge ein hochwürdiger Herr namens Konrad sei, so möge er auf einen Augenblick ins Freie kommen.
Fast unwillkürlich erhob sich der Genannte und stieg aus. Die schwarze Gestalt faßte ihn an der Hand, zerrte ihn heftig in den Hintergrund durch das Tor, stieß ihn in einen bereitstehenden Wagen, die Tür schlug zu, und die Rosse trabten dahin durch Nacht und Wind.
Als Konrad zu sich kam, merkte er wohl, daß er an Seite der Frau Johanna von Martenstein saß.
»Schon das zweitemal,« sagte diese, »führe ich dich so im Wagen heim.«
»Ich bin verloren,« hauchte Konrad.
Von den Füßen der Pferde sprühten Funken, aus den Nüstern der Pferde stoben Flammen, fast so war es bei den grelleuchtenden Blitzen zu sehen.
»Wir fahren in die Hölle!« stöhnte Konrad.
»Drein gesaust, Kutscher!« rief Frau Johanna, ihre Arme ungeduldig in die Luft hinausstoßend: da flogen die Felsen, die Bäume, die fahlen Strünke vorüber wie Nebelgebilde im Sturm. Aufrecht stand der Kutscher und stach mit den Augen auf den wilden Pfad hin. Ein blendender Blitz, ein Knall, daß die Grundfesten bebten, da sprang von einem Steine geschnellt der Wagen empor, der Kutscher war hingeschleudert, und die Pferde rasten entfesselt dahin.
»Sterben!« sagte Konrad.
»Leben!« rief Frau Johanna, aber das wüste Gefährte toste leitlos, weglos hin und einem Abgrunde zu, in dessen Tiefe gelbe Nebel wallten. Bei dem roten Scheine einer in den Himmel emporwabernden Fichte sahen sie das Verderben, dem sie nahten.
»Sterben!« wimmerte jetzt Frau Johanna.
»Leben!« schrie der Jüngling, sprang jäh auf den Bock, erfaßte den Leitriemen und riß mit übermenschlicher Kraft die Rosse zurück. Diese standen.
Mit einem Tone, in welchem Entzücken und Ehrfurcht lag, sagte Frau Johanna zu Konrad: »Mich gereut es nicht, daß ich dich hole, du bist ein Mann.«
Endlich kam der Kutscher nachgehinkt, um seinen Platz wieder zu besteigen. Vom Himmel goß unendlicher Regen.
Zur Stunde des Morgengrauens, als der Wagen in den Burghof von Martenstein gerollt war, als Konrad in seinem wohlbekannten, trauten Zimmer saß, belehrte ihn die glutvolle Umarmung der Schloßfrau, welch eine Wendung sein Leben genommen hatte. Und nun zeigte es sich auch, daß dieser junge Mensch nichts weniger war als ein ausgebrannter Vulkan.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Frau Johanna von Martenstein in ihre Gemächer wankte, dort in die Kissen sank und weinte. – Also mußte es geschehen! Seit Jahren hatte es in ihr gerufen: Laß ihn nicht von dir! Und seit Jahren hatte sie die Frömmigkeit gemahnt: Weihe ihn dem Herrn! Sie hatte sich beherrscht, hatte ihn hingegeben. Und nun, als er dem Herrn geweiht war, raubte sie ihn aus seinem Tempel. Was einst ein Vergehen gewesen wäre, das hatte sie reifen lassen zur Sünde. – Was soll jetzt werden? Wird dieser Frevel Gottes Gnade finden? Vielleicht. Nie aber die der Kirche, nie die der Gesellschaft.
Zur späten Stunde desselben Tages trat Frau Johanna von Martenstein vor den jungen Mann und sagte: »Konrad, wir haben unser Geschick beschlossen und den Schlüssel ins Meer geworfen. – Vor einiger Zeit hat jemand angefragt, ob Martenstein verkäuflich sei. Wohl, ich verkaufe alles, hier ist nicht mehr unseres Bleibens. Du solltest nach dem Osten, nun gehe mit mir nach dem Westen. In einer vorurteilsloseren Welt wollen wir unser Haus gründen. Ist es dir also recht?«
»Wie kannst du fragen?« versetzte Konrad.
»Weil du nun der Herr bist,« antwortete sie.
Er sagte nichts mehr, um so mehr sprach sein erwachter Blick. Ein ernster Stolz, eine frisch auflodernde Daseinslust war in dem Wesen des jungen Mannes, dem die Frau in der Vollreife des Lebens sich gern unterwarf für alle ihre Zukunft.
Wenige Wochen später befand das Paar sich auf dem großen Ozeandampfer »Poseidon«.