Hauptmann Fortner und seine Frau.

Hauptmann Fortner besaß so ziemlich alles, was Glück genannt wird unter den Menschen. Er hatte – und das sage ich voraus – ein lebensfrohes und naturfreudiges Herz. Sein Name war umleuchtet vom Glanze einer Heldentat. Er erfreute sich an einem schönen Weibe, an einem frischen, aufgeweckten Kinde. Nur eine Kleinigkeit fehlte ihm, die aber nötig ist, um dem Leben so recht nachlaufen zu können: anstatt des rechten bluteigenen Beines hatte er einen hölzernen Stelzfuß. Freilich war er auf dieses Stück Birkenholz stolzer als auf alle seine übrigen Glieder zusammen. Bei der Erstürmung von Serajewo hatte er den Fuß verloren und den Heldenglanz gewonnen. Aber dieses empfindungslose Stück Birkenholz schmerzte ihn mehr als alle übrigen Glieder zusammen, und es waren doch etliche darunter, die häufig durchzuckt wurden von rheumatischer Erinnerung an Bosnien. Das hölzerne Bein hatte ihn verdammt zum Ruhestand in jungen Jahren, die härteste Verdammnis, welche ein Soldatenherz zu treffen vermag.

Doch mochte Hauptmann Fortner deswegen mit dem Schicksale nicht viel hadern. Er hatte sein Opfer redlich gebracht, und sein im Grunde weiches, friedliebendes Gemüt bequemte sich zum beschaulichen Pensionistenleben. Die Winterszeit in der Stadt war gerade nicht nach seinem Sinne. Er ging zwar auf Stelzfuß und Krücke wacker spazieren – denn Stubenhocken, das war seine Sache nicht – aber die mitleidigen Blicke waren ihm zuwider, und er ließ seinen Schnurrbart so martialisch auswachsen und schaute so scharf und finster drein, daß seine kampflustige Miene die mitleidigen Herzen zurückschreckte. Anders war es im Sommer, wo er mit seiner kleinen Familie auf einem Dorfe zu wohnen pflegte, in einem weiten Talkessel, der mit schönen Bergen und dunkelnden Wäldern umgeben war. Da konnte er sich erfreuen an den Verrichtungen fleißiger Arbeiter, denen er oft stundenlang vergnüglich zusah, konnte sich ergötzen an der landschaftlichen Natur, zu der er Jahr für Jahr größere Neigung empfand.

Seine Frau Emma harmonierte in all diesen Dingen lange Zeit ganz mit ihm, nur daß ihre gesunden Glieder noch weiter ausholen wollten und konnten. An den zahmen Spaziergängen durch Wald und Wiese fand sie nicht Genügen; mit zweien ihrer Brüder hatte sie einst eine Hochgebirgswander gemacht, und die ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Da sie ihren Knaben in der Pflege einer verläßlichen Kindsfrau wußte, so versäumte sie keine Gelegenheit, um sich Gruppen anzuschließen, die auf einen oder den anderen Berg stiegen, wie solche sich im Hintergrunde des grünen Gaues gewaltig erhoben. Sie sei verliebt in die hohen Berge! so sagte sie selbst, weil eine Frau alles, was ihr gefällt, mit der Liebe zusammenspannt. Der Hauptmann schaute manchmal der wohlausgerüsteten munteren Gesellschaft ein wenig betrübt nach. Das Herz tat ihm weh darob, daß er keinen der ins Land hinausleuchtenden Alpengipfel mehr erreichen konnte, und es tat ihm weh, daß – doch genug der Wehmut für einen Soldaten! Sie ist tapfer und kommt ihm wohlbehalten wieder zurück.

Also geschah es eines Tages, daß ein Bruder von Frau Emma, der Reserveleutnant war, einige junge Leute mitbrachte aus der Stadt in das Dorf; unternehmungslustige Studenten. Sie wurden natürlich dem Herrn Hauptmann Fortner und seiner jugendlichen Frau Gemahlin vorgestellt und von diesen eingeladen zum Kaffee. Bei dem Kaffee entstand der Plan zu einer Besteigung des Hochschwab. Allgemeiner Jubel; nur der Hauptmann schwieg und dachte: Mußt dich eben begnügen damit, andere in Bergeslust zu wissen. Am Abende desselben Tages, während seine Frau ihm wie gewöhnlich das Rauchzeug zurecht tat, stülpte sie ihren weichen Arm ganz leicht auf seine Schulter: »Nicht wahr, lieber Mann, du hast nichts dagegen, wenn ich morgen mit von der Partie bin?«

»Wohin?« fragte er rasch.

»Die auf den Hochschwab geht. Gelt, dir ist es recht?«

Der Hauptmann stopfte seine Pfeife und sagte nichts. Ihm war zumute, als ob ihm jetzt etwas sehr Unangenehmes passiert wäre, und er konnte oder mochte sich doch keine Erklärung geben, weshalb er seine Frau nicht mit der Partie wissen wollte. Sie hat ja recht, hat zwei gesunde Füße und die Berge sind ihre Freude. Warum nicht? Der kleine Fritz zu Hause ist geborgen und versorgt. Allein …

»Wirst du dich denn auch unterhalten mit den weltfremden Leuten?« fragte er sie fast zärtlich.

»Die werden mich wenig kümmern,« antwortete die Frau, »ich gehe nur mit meinem Bruder Hans. Und am Abende, sagen sie, können wir wieder zurück sein.«

»Es wird etwas spät werden,« bemerkte der Hauptmann kleinlaut. Weil sie betrübt war, daß er keine bestimmte Antwort gab, sagte er endlich: »Ja, ja, Weibchen, wenn es dir Vergnügen macht, gehe nur.«

Am nächsten Morgen wollte er ihr noch Verhaltungsmaßregeln sagen, denn für den Hochschwab kam sie ihm etwas zart und unerfahren vor. Doch als er aufwachte, war sie längst schon fort und ihr leeres Bett hatte nur die herzige Unordnung der verschobenen Decken und Kissen, in welchen stellenweise noch der Eindruck ihres Körpers zu sehen war. Schon um drei Uhr morgens, so erzählte die Kindsfrau, wären die jungen Herren draußen gewesen, aber bevor sie noch am Fenster klopften, sei die gnädige Frau flink und leise aus dem Bette gesprungen und kurze Zeit darauf schon vollkommen marschfertig mit ihnen gegangen. Im Wirtshause wäre Tee gekocht worden und dann habe man die Gesellschaft vom Waldschachen her, wo sie angestiegen, noch munter lachen gehört. Es müßten lustige Leute dabei sein, und über Studenten stehe einmal nichts auf.

Als einst bei Serajewo der Arzt dem Hauptmann Fortner mitgeteilt, daß er sich für alle Zukunft mit einem einzigen Beine werde behelfen müssen, war ihm ein wenig weh geworden ums Herz. Aber so nicht wie jetzt, so weh nicht wie jetzt. Der Zeiger der Uhr stand auf sechs, noch fünfzehn Stunden oder länger, bis sie wieder da sein wird. Mißmutig suchte er sein Holzbein anzuschnallen, es wollte nicht recht gehen, die Kindsfrau machte sich erbötig, ihm dabei zu helfen, er wies sie fast unwirsch zurück zum Knaben und bediente sich zur Not allein.

Im Laufe desselben Vormittags, als der Hauptmann unter der Linde saß, kam der Fleischerknecht mit dem großen Hunde des Weges; ein Kalb wurde herangezerrt und gehetzt. Der Hund sprang hinten drein, bald links, bald rechts, bellte heftig und tat, als ob er dem Kalb in die Beine schnappen wollte, so oft es sich weigerte zu gehen.

»Mylord, setz ab!« rief der Bursche dem Treibhund zu; da stellte dieser augenblicklich seine Arbeit ein und der Fleischer band den lockergewordenen Strick sorgfältig um den Hals des Tieres.

»Die Schwabengeher werden schon hoch oben sein!« rief er so nebenbei dem Hauptmann zu.

»Hast du sie gesehen?«

»Bei der zweiten Fölzbrücke sind sie mir begegnet,« berichtete der Bursche, »sind ihrer aber nicht mehr alle. Der Herr Leutnant hat in der Hütte zurückbleiben müssen.«

»Mein Schwager?«

»Hat sich beim Zaunstiegel den Fuß so stark verstaucht, daß es aus war.«

»Ist doch meine Frau bei ihm geblieben?« fragte der Hauptmann.

»Die Geißer-Gretel gibt ihm Umschläge.«

»Und meine Frau?«

»Sie werden jetzt schon hoch oben sein. – Na, vorwärts. Pack an, Mylord!«

Unter Gekläffe trappelte es weiter, und der Hauptmann blieb an der Linde zurück. Aber er war aufgestanden. Vor allem ließ er einen Wagen einspannen und fuhr zur Hütte in der Fölz. Dem Herrn Leutnant ging's nicht am schlimmsten, er war schon wieder davon, aber nicht auf den Hochschwab, sondern, wie ein Halter schmunzelnd dartat, in die untere Fölzsteinalm, wo die kraushaarige Geißer-Gretel ihre Ziegen hütete.

Im Herzen des Hauptmanns wütete ein heißer Zorn. Er machte allen Ernstes den Versuch, das Gebirge hinanzuklettern, es ging nicht. Er fuhr zurück ins breite Tal, und auf einer Anhöhe stieg er aus und starrte hin in die Wände. Die Wände waren hoch und ätherblau, die Spitze des Gebirges, die weit dahinter lag, war nicht einmal seinem Auge erreichbar. Wenn er an die Beschwerden dachte, die von den Touristen etwa zu überwinden waren, als hartes Klettern, Sonnenbrand, Durst, Sturm, Frost, Erschöpfung, da wurde ihm leicht und tröstlich; wenn er sich aber vorstellte, wie sie auf grünen Matten rasteten, oder in Felsnischen saßen, aßen, tranken, scherzten, da wollte er vergehen vor Qual. Am Nachmittage suchte er bei seinem Kinde Linderung des Gemütszustandes. Der Knabe war im dritten Lebensjahre und trieb allerlei Ergötzlichkeit mit seinen hölzernen, rot angestrichenen Türken, mit seinen kleinen Zehen, mit des Vaters Schnurrbart und Nase, der Vater scherzte überlaut mit dem Kinde, blickte dabei immerfort auf die Uhr, die es heute so gar nicht vorwärts brachte.

»Papa!« sagte der Kleine plötzlich, »werden die Studenten Mama wieder zurückbringen?«

Gegend Abend stand er immer nur am Fenster. So oft er auf der Gasse Schritte oder einen Wagen hörte, steigerte sich seine Spannung. Zum Nachtmahl bestellte er ihr Lieblingsgericht, Forellen mit Artischocken. Es ward neun Uhr, es ward zehn Uhr, sie kam nicht. Die Nacht war finster und schwül, manchmal leuchtete ein matter Blitzschein auf. Der Hauptmann legte sich zu Bette, aber als der Tag anbrach, hatte er noch kein Auge geschlossen. Am Vormittage stellte sich sein Schwager Hans ein, der sehr aufgeweckt war und versicherte, daß sein Fehltritt über die Zaunstiegel sich schon wieder bekehrt habe.

»Zum Teufel, wer kümmert sich um deinen Fehltritt!« rief der Hauptmann, »wo meine Frau ist, will ich wissen.«

»Sind sie noch nicht da?« fragte der Leutnant überrascht. »Also müssen sie in den Fölzerhütten übernachtet haben.«

»Mensch!« sagte der Hauptmann und umklammerte mit ehernen Fingern den Arm des Schwagers, »Mensch, hast du denn wirklich keinen Hauch einer Ahnung von dem, was Frauenehre ist!«

»Mit solchen Begriffen, lieber Freund, plagt sie sich selber nicht,« antwortete Schwager Hans. »Bei Hirtinnen nimmt man's nicht so genau.«

»Und was man so Ritterlichkeit nennt unter Brüdern,« sagte der Hauptmann mit niedergedämpfter Wut. »Du hast dich zum Begleiter meiner Frau, deiner Schwester, gemacht und hast sie fremden jungen Männern überantwortet. Die einzige Dame mit Studenten auf einer Bergpartie, in Alpenhütten … Man muß Sägespäne im Kopfe haben …«

»Na, erlaube mir!« fuhr der Leutnant auf, »in diesem Tone lasse ich von meiner Schwester nicht sprechen!«

»Den Spieß umkehren! Auch gut!« rief der Hauptmann seiner nicht mehr mächtig. »Kuppler!«

Der Leutnant schoß auf dieses Wort wie von einer Feder geschleudert in die Luft. In demselben Augenblicke erhoben sich vor dem Hause fröhliche Stimmen. Die Touristen waren da. Keine allzugroße Müdigkeit sah man ihnen an, sie waren fröhlich und die junge Frau Hauptmännin war trotz der Schäden, die sie an ihrer Kleidung trug, lustig bis an die Grenze der Ausgelassenheit. Die jungen Herren verabschiedeten sich vor der Tür von der Frau, die sie noch an ein Versprechen erinnerte, bei einer nächsten Partie wieder ihre Kameraden zu sein.

Warum gehen sie heute nicht ins Haus, die jungen Herren? Warum treten sie ihm heute nicht unter die Augen?

Hauptmann Fortner hatte sich zurückgezogen auf seine Stube, er hätte es gerne gesehen, wie sich seine Frau beim Wiedersehen des Kindes benahm, er hätte gerne erfahren, ob sie nicht Ungeduld habe, den Gatten zu begrüßen. Sie kam aber nicht, sie zog in ihrem Gemache das zerfahrene Gewand aus, sie zog einen Sonntagsstaat an und machte sorgfältig Putz. Endlich hielt er es nicht mehr aus, er trat bei ihr ein und fragte kurz: »Was wird denn heute noch sein?«

»Warum?« fragte sie, wie über seine Frage befremdet.

»Bekommen wir Besuch, oder machst du welchen?«

»Ah, du meinst, weil ich ein frisches Kleid angezogen habe? Mein Gott, soll ich nicht mehr ein anständiges Gewand am Leibe tragen?«

Trotzig? Wie? Auch die dreht den Spieß um, dachte der Hauptmann, aber das wird mich nicht irremachen.

»Emma,« sagte er mit Aufwand aller Fassung, »du scheinst von mir Vorwürfe zu befürchten, weil du mir mit den deinen zuvorkommen willst.«

Alsogleich richtete sie sich auf und fragte: »Wieso?«

»Sei ganz unbesorgt,« entgegnete er, »Vorwürfe werde ich dir nicht machen. Aber das wirst du dir merken: heute bist du das letztemal mit fremden Leuten auf einer Landpartie gewesen.«

Sie blickte ihn betroffen an.

»Außer in meiner Gesellschaft wirst du keinen Fuß mehr in die Welt setzen.«

»Deine Gefangene also,« entgegnete sie. »Es ist wohl ein Verbrechen, auf den Berg zu steigen. Es geht zwar alles hinauf, nur die Philister nicht. Und die Krüppel nicht. Ich will mein junges Leben –«

»Kein Wort mehr! – Du hast weder Takt noch –« Er sprach das Wort nicht aus.

Sie war still. Mit einer Handarbeit machte sie sich zu schaffen.

»Ich werde keine Landpartie mehr machen,« schluchzte sie in ihr Spitzentuch hinein. »Ich will vergessen, was das ist, auf einem Berg zu sein. Ich werde zu Hause bleiben. Das werde ich tun, ich verspreche es.« Und sie weinte kläglich.

Er verließ ihr Zimmer, denn lange wäre es ihm nicht möglich gewesen, fest zu bleiben. –

Seit diesem Tage war es schon eine Weile her. Der Schwager Hans hatte anfangs fast Duellgedanken gehegt, sich endlich aber dafür entschieden, nicht mehr in das Haus des Hauptmanns zu gehen, solange dieser ihn nicht ausdrücklich zu sich bitte. Der Hauptmann bat ihn aber nicht zu sich. Sein Verhältnis zur Frau war äußerlich wie früher. Von der Alpenpartie war nicht ein Sterbenswörtchen mehr gesprochen worden. Nur der Kindsfrau war eines Tages eine anzügliche Bemerkung über die schönen Studenten entschlüpft, das kostete ihr den Dienst. Der Hauptmann zahlte ihr auf der Stelle den Monatslohn aus und sie war entlassen. Frau Emma war seit jenem Tage in der Tat nicht hundert Schritte vom Hause fortgegangen. Sie saß immer, auch beim schönsten Sommersonnenschein, in ihrem Zimmer oder im Hofraum neben dem Hühnerstall und stickte altdeutsche Zieraten in Tisch- oder Bettwäsche.

Anders der Hauptmann. Ob heller Sonnenschein den weiten Talkessel füllte bis zum Überschäumen, oder ob schwere Wolken über dem Tale lagen, wie ein eherner Deckel mit Arabesken, den Hauptmann zog's hinaus. Mit mühseligem Schritte ging's voran, aber sein Antlitz war erfüllt von Naturfreude, und sein Auge war offen für alle Vorgänge in Flur und Wald und Wasser und Stein und am hohen Himmel. Dann saß er am Feldrain und blickte hinaus in das Bergrund, dessen Linien mit einem Ätherhauche sanft verschleiert waren, so daß die Felshäupter und Almkuppen doppelt weit entfernt und doppelt hoch erschienen. Und der Grund des Tales lag da wie ein Schachbrett mit den durch graue Holzzäune geteilten Quadratchen seiner grasgrünen Wiesen und strohgelben Felder; darauf die Figuren der Höfe und Baumgruppen und der alten Burg, die auf einem Felskopfe stand. In der Sohle Tiefe lag eine weiße, stellenweise breit auseinanderquellende Sandriesel, in der sich jetzt ein winziges Bächlein schlängelte, fast verschmachtend wie eine Forelle auf dem Trockenen. Der Hauptmann freute sich an all der Augenweide, aber in seine Freude klang leise, ganz leise ein Glöcklein des Schmerzes. – Dann humpelte er durch das feuchte Dunkel des Waldes, wo der Hauch der Germen und der Genzianen und der Zyklamen war. Was das Herz frisch wurde mitten in diesem ungeheuren Neste des Lebens! Doch, das Glöcklein in ihm klang fort, leise, aber immer und immer. – Wäre ich nicht allein! so quoll es einmal hervor zwischen seinen Lippen, denn im Grunde erträgt ein reges Herz die Freude nicht weniger schwer allein, als das Leid. Und die Natur, wenn sie in ihrer allebendigen Stille unter uns, über uns daliegt, um uns webt und leuchtet, eine ewige Harmonie der Kräfte auf der Wage unendlicher Räume, nur zum kleinsten Teil wahrgenommen, erfaßt von unseren Sinnen – sie wirkt schier beklemmend auf die Seele. Unsere Glücksahnung und Wohlempfindung darüber, daß wir ein Teilchen dieser vollkommenen, unzerstörbaren, unendlichen Größe sind, wird getrübt durch das Bewußtsein, daß es unmöglich ist, das Ganze, zu dem wir gehören, zu überschauen und zu begreifen. Uns beginnt zu bangen vor den allewigen Gewalten, so sehr ihre Erscheinungen unsere Sinne auch entzücken mögen, und wir fliehen zu geliebten Menschen, bergen unser zitterndes Herz an einer fühlenden Brust.

Etwas unstet stolperte unser Hauptmann dahin, wenn solche Gedanken und Empfindungen ihn bewegten. Da war es auch, daß er am See stand. Er setzte sich auf einen stumpfkantigen Stein, der von der Felswand niedergebrochen war und schaute hin auf die glatte Tafel, die mittendurch einen Sprung hatte, der eine Teil war der tiefschwarze Spiegel des Fichtenwaldes, der andere des lichten Himmels. Wie freundlich und wie kurz ist der Weg zu allen diesen Schönheiten, und wie leicht ist er zu gehen; ein wahrer Genuß für den, der gesunde Füße hat. Und doch ist niemand da, und die Bäume und die Steine und die rieselnden Ufer sind einsam, und der Mensch, der hier sitzt und hinausschaut … Muß man denn immer voller Mühe und Gefahr und anderen Args hoch hinaufsteigen ins tote Gestein? Ist die Schönheit denn nicht am schönsten, wenn man mitten in ihrem urheiligen Wehen und Weben steht? – Sie weiß es nur nicht, wie leicht sie das alles haben könnte, und sie sitzt zwischen Mauern wie eine Gefangene.

Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Mitten aus der stimmungsvollsten Landschaft ging er fast zornig fort und nach Hause. Seine Frau saß im Hofe, neben der Scheunenstiege auf einem Sockel und stickte. Nach drei Seiten waren die Mauern, an deren Ecken Strohhalme wirr niederhingen und Spinnenweben klebten. Die vierte Seite war von einem Holztore geschlossen, über das ein Stückchen Himmel hereinblaute. Emma wollte nicht einmal dieses kümmerliche Stück Ätherblau sehen, sie schaute auf ihre Arbeit und stickte. Die Magd fegte mit einem Besen den Hof aus, der Staub umwirbelte die Frauengestalt; sie hüstelte und kehrte sich nicht daran. Also trat der Hauptmann an sie heran und sagte mit freundlicher Stimme: »Emma, heute sollten wir doch zusammen einen kleinen Spaziergang unternehmen. Es ist zu himmlisch draußen. Komm!«

Sie bückte sich nach einer Nabel, die aber gar nicht hinabgefallen war, und antwortete ganz leichthin: »Nein, ich bleibe zu Hause.«

Er schwieg und ging allein wieder hinaus. Am nächsten Tage nahm er seinen Knaben mit, der aber hockte mitten auf der sonnigen Straße hin und beschäftigte sich mit Steinchen und Käfern und der Hauptmann blieb doch allein mit seiner Freude an der großen landschaftlichen Natur und mit seinem Drange, sie mit einem lieben Menschen teilen zu können. –

So war es in diesem Sommer und so war es im nächsten Sommer. Der Hauptmann ging allein und mühselig in der Gegend umher und Frau Emma saß daheim in den engen Mauern ihres Hauses. Sie sagte kein Wort davon, daß sie auch einmal hinaus möchte. In unbewachten Stunden aber war zum Fenster hinaus ihr Auge sehnsuchtsvoll gerichtet nach den Zinnen des Hochschwab, die über den Waldungen niederleuchteten. Da trat der Hauptmann wieder einmal zu ihr hin und sagte: »Liebes Kind, wenn du wüßtest, wie schön es ist da draußen auf dem Feldpfade, da drüben im Walde, am See!«

»Ja, ich kann mir's denken,« sagte sie und stickte.

»Auch dieser Sommer wird bald dahin sein,« fuhr er fort, »und du hast wieder nichts gehabt vom Landleben.«

»Ich bin ganz zufrieden hier im Hause,« war ihre Antwort.

»Aber es wäre so nett, wenn wir säßen da oben unter dem Ahorn und ins weite Tal hinausschauten und plauderten, und Fritz spielte neben uns im Grase oder sammelte Beeren.«

»Nimm ihn nur mit,« sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich warte, bis er so groß ist, daß man mit ihm Alpenpartien machen kann.«

»Muß es denn gerade eine Alpenpartie sein?« fragte er, sogleich ärgerlich.

»Das muß es nicht,« sprach sie, »darum sage ich ja, daß ich zu Hause bleibe.«

Also ging er wieder allein davon. Dieser Sommer war besonders einladend zu Spaziergängen. Die morgendlichen Wiesen voll Taues, die mittägigen Wälder voll Blumenduftes und Schmetterlingsgegaukel, die abendlichen Schluchten voller Lichtspiele. Und die Vollmondnächte mit ihrem stillen, fast überirdischen Zauber – dem einsamen Menschen wurde immer nur weh' im Herzen. Blumen pflückte er, Waldfrüchte sammelte er und brachte sie heim seinem Weibe.

»Ah, wie hübsch!« sagte sie, »danke dir!« legte den Strauß neben sich hin und stickte.

Einmal brachte er sie bis zum Baumgarten. Sie saß unter einem Apfelbaum und arbeitete. Manchen kurzen Blick tat sie hinaus zwischen den schlanken Stämmen und dem luftigen Laub in die freie, mit silberigem Duft gesättigte Gegend, er merkte ihr an, wie wohl ihr war und sein Entzücken darüber, er vermochte es nicht zurückzuhalten.

Da sagte Frau Emma plötzlich: »Ich glaube es wird kühl,« raffte ihre Sachen zusammen und ging hinab zum Hause.

So war es Sommer für Sommer. Frau Emma saß in ihrem Zimmer oder im Hofe, der Hauptmann strich mit seinem Stelzfuße über die Matten, über sonniges Heideland, in schattenfrische Gründe. Fritz wuchs heran, ward ein aufgeweckter Junge, blieb aber, wenn er auf den Schulferien zu Hause war, weder bei der stickenden Mutter in der Stube, noch ging er mit dem beschaulichen Vater. Er suchte Kameraden, mit denen er auf die Bäume kletterte, auf hohen Stelzen gehen, in den Bächen Krebse fangen und andere Knabenlust hegen konnte.

Zehn Jahre war er alt, als eines Tages seine Mutter zu ihm sagte: »Daß du doch den ganzen Tag herumlaufen kannst! Wirst du denn nicht müde?«

Der Junge blickte sie verwundert an; müde sein, er wußte nicht, was das wäre. Noch am Abende wollte er nicht ins Bett, aber als er endlich drin lag, schlief er auch schon.

»Wenn du gar nicht müde wirst, so kannst ja mit mir einmal auf den Hochschwab gehen!« sagte die Mutter.

Da jubelte Fritz auf, klatschte in die Hände, hüpfte vor Freude auf einem einzigen Fuß herum und jauchzte: »Auf den Hochschwab! Auf den Hochschwab!«

Darüber freute sich nun auch der Hauptmann. Zwar äußerte er anfangs einiges Bedenken, das aber gründlich niedergeschlagen wurde. Sie würden sich einen Führer nehmen, wenn es sein müsse, übrigens wisse sie – Frau Emma – auf den Bergen wohl Bescheid. Die Vorstellung, daß seine zwei liebsten Menschen den großartigen Naturgenuß haben würden und er selbst sozusagen durch die Augen seines Weibes und seines Kindes die Welt wieder einmal vom hohen Berge aus anschauen könne, trug in dem Hauptmann den Sieg davon. Er versorgte sie mit allem Notwendigen und ließ sie gehen.

Und in einer kalten Tagesfrühe, als der Morgenstern aufstieg über den Bergen des Mürztales, verließen Mutter und Sohn das Haus. Ein Träger ging mit ihnen, der jedoch nach einigen Stunden überflüssig wurde, denn als sie auf den Höhen waren, hatten sie den Mundvorrat zum Teile aufgezehrt und die Überkleider angezogen. Was gab es da noch viel zu tragen! Die Frau nahm die Ledertasche an sich und schickte den Träger zurück.

Hauptmann Fortner saß wieder auf seiner kleinen Anhöhe, blickte zum Hochschwab empor wie einst, und dachte seinem Weibe nach wie einst. Aber heute nicht mit Trauer, sondern mit frohem Stolze. War doch er selbst bei ihr in seinem frischen, tapferen Söhnlein; an Seite dieses Ritters wußte er sie gerne. Und auf den Träger und Führer konnte man sich wohl auch verlassen. Also saß er da den lieben langen Tag über und genoß die Alpenherrlichkeit, als wäre er oben mit seinen lieben zwei Menschen. Am Abende wollte er ihnen dann entgegenfahren durch das Hochtal, denn die Rückkehr war noch für denselben Tag bestimmt. Aber am Mittage kam der Führer zurück und berichtete, sie wären allein oben und hätten ihn zurückgejagt. Für das erste kam jetzt ein Donnerwetter über den Mann, der seine ihm Anvertrauten verlassen hatte; dieser aber entgegnete, er hätte gemeint, den Weibern müsse man ihren Willen lassen. Und sie würden ja gar nicht auf die Spitze des Schwab wollen, sondern sich wahrscheinlich auf die grüne Alm hingelegt haben. Auch habe er andere junge Leute oben gesehen, die Kohlröslein und Edelweiß gesucht. Gegen Abend würden alle wohlbehalten wieder herabkommen. – Für das zweite ließ der Hauptmann sofort einspannen und fuhr durch das Hochtal hinauf, soweit der Weg fahrbar war. Als dieser in einer breiten Sandhalde sich verlor, stieg der Hauptmann, aus und wollte es mit der Krücke versuchen, emporzusteigen. Da kamen sie herab. Einige Knaben waren es, Hirten und Bauernjungen, und mit ihnen auch der Fritz.

»Seid ihr da?« rief ihnen der Hauptmann entgegen.

»Ich will nicht fahren, Papa!« schrie Fritz, »wir wollen zu Fuß gehen und Krebse fangen. Ich bin gar nicht müde.«

»Wo ist die Mutter?« fragte er.

Da stutzte der Junge.

»Mama wird ja voraus sein,« sagte Fritz. »Der,« er deutete auf einen anderen Knaben, »der hat gesagt, daß sie voraus ist.«

Hierauf erzählte Fritz: Als sie oben an den Felsen gewesen, habe er die Knaben gesehen, die im Gewände Blumen gesucht hätten. Er habe sie gekannt und sei zu ihnen hingelaufen, und sie hätten einen Hut voll schöner Rosen gefunden. Dann sei ein anderer Bub gekommen und habe gesagt, Mama wäre wohl schon hinabgestiegen, und dann wären sie auch eilends hinabgegangen. – So war der Junge nun da und die Mutter nicht mit ihm. Dem Hauptmann ging es kalt wie Stahl ins Leben. Da er gesehen, daß es für ihn unmöglich war, hinanzuklettern, fuhr er eilends zurück ins Tal und bot Leute auf, sein Weib zu suchen. Am späten Abend stiegen sie an, aber am nächsten Morgen waren sie noch nicht zurück. Fritz schlief in derselben Nacht so fest und süß, daß in dem verzweifelten Vater ein Haßgefühl erwachte gegen sein eigen Kind, das so sorglos und leichtsinnig sein konnte, die Mutter auf wildem Berg zu verlassen und dann daheim im Federbette gottlos ruhig zu schlafen.

Am nächsten Mittag war noch niemand zurück. Am darauffolgenden Abende kam einer der suchenden Männer, um zu fragen, ob sie nicht etwa doch schon zu Hause sei.

»Unseliges Kind!« rief der Hauptmann, den Knaben rüttelnd, er wollte ihn würgen und küssen zugleich. – Unseliger Mann! so widerhallte es dumpf in ihm. – Denn die Ahnung war zur Vermutung, diese zur Wahrscheinlichkeit, diese zur Gewißheit geworden: Sein Weib war geflohen, entführt. Alles war angespielt gewesen, sie hatte den arglosen Knaben im Gebirge wohl fortgeschickt, war von dem Buhlen sicher schon erwartet worden unter den Wänden, war mit ihm jenseits in die Gegend der Salza davongeeilt, nach dem Österreicherland, in die weite Welt. Also endet's mit dieser Ehe …

Herr Hauptmann, wir bitten um Urlaub. Bevor wir das Schlimmste annehmen, wollen wir uns doch selbst auf die Suche machen nach der Frau.

Als Frau Emma den Träger zurückgeschickt hatte, stieg sie mit dem Knaben munter die Matten an. Sie hatte Mühe, Fritz vorwärts zu bringen, an jeder Blume, an jedem Käfer blieb er hängen. Nur das, was greifbar, faßbar, fangbar und tragbar war, machte dem Knaben Lust, alles andere war für ihn nicht da. Endlich kamen sie in das Gebiet der Steine. In wuchtigen Blöcken, in sandigem Schutt, in starrenden Wänden waren sie da. Ringsum steile, zerrissene Felsen. Sie waren in ein Kar hinaufgegangen und in einen Hochkessel hineingekommen, wo kein Halm und kein Zirm mehr stand – alles kahl und starr. Sie kehrten um, bogen um eine Wandrippe, und da war es, daß Fritz die Knaben sah drüben am grasigen Hang zwischen Zirmbüschen und grauen Steinen. »Gemsen! Gemsen!« hatten sie geschrien, da begann Fritz zu laufen und zu klettern und in wenigen Minuten war er bei den Knaben. Die Mutter freute sich anfangs, daß er Genossen gefunden, sie setzte sich auf einen Stein um zu warten, bis sie herüberkämen vom Hang. Dann wollte sie sich mit ihrem Jungen auf den weiteren Anstieg machen. Sie kamen aber nicht, und als die Frau endlich aufstand, um über den Zirmbusch hinüberzuschauen, waren sie nicht mehr zu sehen.

Nun begann sie zu rufen nach dem Fritz. Die Rufe schlugen an die Felsen. Der Knabe kam nicht und war nicht zu sehen und nicht zu hören. Jetzt begann ihr plötzlich bange zu werden. Sie hub an, zwischen dem Gezirm hinzuhuschen, mit Händen und Füßen über Felsklötze zu klettern, in großen Sprüngen von Stein zu Stein zu setzen. Sie kam an den grünen Hang, wo früher die Knaben zu sehen gewesen, sie sah und hörte keinen. Sie blickte in die Tiefe, wo es wie ein dunkelgrüner See lag, es war ein Zirmschachen; nirgends ein Mensch. Sie kletterte anwärts in einer steinernen Runse, wohin konnten sie anders sein, als da hinauf, denn an beiden Seiten waren die Wände. Sie kam in eine Wandfalte hinein, in der Schutt und Schnee lag: auf dem Schnee war keine Spur eines Menschenfußes. Jetzt suchte sie zu einem Felsrücken hinanzuklettern, um weiteren Blick zu gewinnen. Aber als sie auf dem Grate stand, war vor ihr ein zweites Grat, das noch schärfer hervorsprang und ihr also wieder die Aussicht deckte. Sie kroch über die breite steile Runse auf allen Vieren quer hinüber, sie arbeitete sich empor an den starren Felsrücken. Der Blick war jetzt frei in ein tiefes Felsental, an beiden Seiten finster ansteigendes Gewände, auf den Zinnen Nebel, in den Tiefen Schatten. Hart vor den Füßen der Frau ein schwindelerregender Abgrund. Und von ihrem Fritz keine Spur. Schon bluteten ihr Hände, Füße und Knie, aber keine Müdigkeit. Sie wollte den Weg, den sie gekommen zurückeilen, verlor aber die Richtung. Sie kam an eine Stelle, wo noch ein kleiner Vorsprung war, dann aber der Grund, auf den man einen Fuß stellen konnte, jäh aufhörte. Sie wollte zurück, sah aber, daß sie aus einem Abgrund heraufgeklettert, an dem der Rückweg unmöglich war. Nun, da stand sie oben. Wie in der Kirche ein Heiliger an der Wand, so stand sie da oben, konnte nicht weiter. Alle Glieder zitterten ihr, auf der Stirn kalter Schweiß, blaue Flammen, rote Funken vor den Augen, sie sank hin aufs scharfe Gestein.

Als Frau Emma wieder wach wurde, wußte sie nicht, wo sie war, glaubte zu träumen, griff mit der Hand nach links, nach rechts, um ihr Bettgewand zu tasten. Kaltes feuchtes Gestein. Jetzt besann sie sich mit heißem Schreck ihrer Lage. Ringsum Nacht, am Himmel Sterne. »Fritz!« schrie sie gellend. Er war nicht da. Sie sprang auf, um trotz der Dunkelheit hinabzusteigen, sie glitt aus und rasch ging's in die Tiefe.

Als sie das zweitemal erwachte, loderte vor ihr ein Feuerbrand. Die Sonne war emporgestiegen, Frau Emma lag in einem Zirmstrauch, halb noch getragen von den buschigen Armen. Allmählich kam sie zu sich. Da sah sie, es war alles verloren. Denn hier, wo sie lag, war seit der Weltschöpfung kein menschlicher Fuß noch gestanden, es konnte an den senkrechten Wänden keiner heran und keiner davon. Wie das hier alles hübsch beisammen ist: zu Füßen das Grab für den Leib, zu Häupten der Himmel für die Seele. Grausig schön standen die hohen Felsen ringsum in Morgenglut und grausig einsam! – Und dort draußen, weit hinter den kahlen, niedrigen Riffen blaut das Waldland. Sanft und weich wie eine Wiege liegt der Talkessel zwischen zahmen, waldigen Bergen. Frau Emma hatte ihre Taschen ausgesucht nach Brotkrumen, denn der Mundvorrat war unterwegs geblieben. Dann blickte sie empor die senkrechte Wand über ihrem Haupte, ob nicht ein Striemlein Wassers herabrinne. Wie war alles dürr! Sie wußte wohl, dieser lechzende, klebende Gaumen mit dem widerlich bitteren Geschmack war der Anfang vom Sterben. – O lieb Gelände dort draußen mit den Auen, mit deinen heimlichen Wäldern! Voller Leben! Voller Leben! Und ich konnte dich verschmähen, du heiteres Paradies! – Mein Mann! Wie hat er unzähligemale meine Hand gefaßt! Jetzt kann ich diese treue Hand nicht mehr erreichen! Allein ließ ich ihn wandeln zwischen Blumen und frischen Wäldern hin und mein Sinn war steinernes Hochgebirge. Jetzt bin ich in dir, du furchtbare tödliche Welt. Dort unten war Liebe, Freude, Glück in hundertfachen Formen, ich habe alles versäumt. Verliebt in das Hochgebirge! Habe ich nicht einmal damit geprahlt? Nun vergehe ich in dir. Mein Mann, mein Kind, mein junges Leben! – In solch herzversengenden Gedanken verging Stunde um Stunde. Und als die Sonne hoch über den starren Zinnen stand, und der Fels glühte und das verlassene Menschenherz im Verschmachten war, da lebte das Auge noch einmal auf. Sind dort unten im Kar nicht schwarze Punkte, die sich bewegen? Das bereits entfliehende Leben, stürmisch drängt es wieder zurück ins Menschenwesen. Als ob nie eine Müdigkeit, nie ein Verschmachten gewesen wäre, so erhebt sich das Weib über dem Zirm und winkt mit dem weißen Tuche und ruft: »Hier! Hier! Ferdinand!« Nicht mehr das Kind ruft sie, den Mann ruft sie, denn all ihr Fühlen und Sehnen und Lieben ist zurückgekehrt zu ihm. Und ihre einzige, alleinzige Erquickung zu dieser Stunde das Bewußtsein, daß sie ihn nie betrogen.

Was Menschen vermögen, wenn es gilt, einen der Ihren zu retten! Koste es was es wolle, und wäre es ein Fürstentum. Und Wunder wirkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit, es überwindet die äußere starre, herzlose Natur. – Schon zu dämmern begann es, als die Stricke geschleudert wurden von Fels zu Fels, von Kante zu Kante heran bis zum Zirmstrauch, zur Felsenbrust, um ihr dieses verzagende Menschenleben noch abzuringen. Bei Fackelschein wurde sie hinabgetragen und um Mitternacht lag sie auf dem taufeuchten Rasen der Matte und schlief. Und als wieder der Morgen dämmerte, lag sich das Ehepaar unter krampfhaftem Schluchzen in den Armen und daneben in seinem Bettchen schlief göttlich leichtsinnig der blühende Knabe.

Also ist es geschehen und also hat Frau Emma erfahren, daß die Waldberge besser und schöner sind, als die Felsen, und daß der Mann verläßlicher ist als das Kind. Und dem Hauptmann ist es eingefallen, daß es vielleicht nicht allemal gut ist für den Ehegatten, gleich das Schlimmste zu befürchten, wenn die Frau aus seinem Bereiche tritt.

Frau Emma ist nicht mehr auf den Hochschwab gegangen, weder mit Studenten, noch mit ihrem Knaben. Sie ist an heiteren Sommertagen auch nicht mehr in ihrem Zimmer gesessen oder im staubigen Hofraum. Arm in Arm mit ihrem Manne, und gleichsam seine Krücke, ist sie gegangen über die blumigen Auen, durch die grünen Wälder und entlang am stillen blauen See. Ein Glück ist gekommen über beide, von dem sie in langen Jahren keine Ahnung gehabt. Wenn sie im Tale so dahinwandelten, mußte Frau Emma nur eins vermeiden – den Blick auf das Gebirge des Hochschwab. Denn wenn sie hinter den Waldkuppen die kahlen Felsriesen aufragen sah, da wurde ihr übel.