Scheintod.

Bis zum Jahre 1869 lebte ich in der Residenz, wo ich an der technischen Hochschule als Assistent im physikalischen Kabinett und später als Professor tätig war. Im Jahre 1869 wurde ich zum Bürgerschuldirektor im Landstädtchen B. ernannt. Im Vorfrühling des besagten Jahres übersiedelte ich mit meiner Familie an den neuen Bestimmungsort. Meine Familie bestand aus der Gattin, mit der ich im neunten Jahre vermählt war, ferner aus zwei Kindern, einem Knaben von sieben und einem Mädchen von sechs Jahren. In B. bezogen wir eine geräumige und freundliche Wohnung und richteten uns fröhlich ein. Ich hatte mir in der Residenz die nötigen physikalischen und chemischen Instrumente nebst einer kleinen Sammlung von Mineralien, Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen Dingen erworben, wie sie jeder Schulmann besitzen soll. Ich stellte diese Gegenstände in meinem geräumigen Arbeitszimmer auf; meine Gattin schmückte die Fenster mit ihrem kleinen Herbarium und freute sich der reinen Sonnenstrahlen, die hier nicht mehr von großstädtischem Staub und Nebel zurückgehalten wurden, sondern hell und lieblich auf die zarten Pflanzen und jungen Bäume fielen.

Die Kinder ergötzten sich an dem Vogelgezwitscher vor den Fenstern, hüpften um die Mutter, wenn sie emsig die neuen Verhältnisse ordnete, sprangen in meinem Arbeitszimmer herum, waren stets geschäftig und gelehrsam, und der Knabe versuchte manches Instrument, das ich in den Stand setzte und einübte, auch zu handhaben, und zu seinem Jubel häufig mit Erfolg.

Am glücklichsten waren die Kinder, wenn wir die Elektrisiermaschine spielen ließen, deren Strom uns durchzuckte und die Haare gegen Berg trieb. Bald verstand es der Kleine, selbst die Batterie vorzubereiten und das Experiment auszuführen.

So waren wir alle recht heiter und ich ahnte nicht, welche Schrecken und welcher Jammer in diesem Hause sobald über mich kommen sollten.

Meine Gattin, von Natur aus etwas schwächlich und nervös, zuvor kaum einmal aus der gewohnten Atmosphäre der Großstadt gekommen, fühlte sich z. B. gleich in der ersten Zeit, wahrscheinlich infolge der schärferen Luft und der häufig wechselnden Temperatur, angegriffen. Sie achtete es nicht, bestellte, als der Schnee geschmolzen war, den kleinen erworbenen Garten – glücklich darüber, ihren Lieblingswunsch erfüllt zu sehen und endlich einmal einen Hausgarten zu besitzen. Wie kurz war ihre Freude! – Am 18. März fiel sie plötzlich ein heftiges Fieber an, am 19. konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. In der ersten Zeit ihrer Krankheit lag sie in steter Fieberhitze und zweimal in Delirium; in der letzten Zeit war sie ruhiger, weil erschöpft, und oft lag sie stundenlang in einem ohnmachtähnlichen Zustande. Von den beiden Ärzten des Städtchens war fast immer einer am Bette der Kranken; am sechsten Tage der Krankheit, als eine Art Krisis eingetreten zu sein schien, telegraphierte ich an einen der berühmtesten Ärzte der Residenz, Professor R. Dieser langte noch an demselben Tage ein; ein Konsilium wurde abgehalten und als Resultat desselben mir bedeutet, daß ich mich wohl für alle Fälle gefaßt machen müsse.

Professor R. reiste wieder ab, nachdem er der Patientin ein hoffnungsreiches und mir ein trostloses Wort zugeflüstert hatte. Ich kam nicht vom Bette der Gattin; sie schlummerte zumeist, nur manchmal schlug sie die Augen plötzlich wie erschreckt auf, blickte hastig um sich, sah mich dann betrübt an, oder tat mir wohl auch den Gefallen, ein wenig zu lächeln. Sie sagte mitunter einige Worte, die ganz deutlich und verständig waren, und verfiel dann bald wieder in den Schlummer. Ihre Gesichtsfarbe war sehr blaß geworden, nur bisweilen waren rote Flecken auf ihre Wangen, auf ihre Stirn gehaucht. Der Puls war auf 134 und 140 Schläge in der Minute.

Die Kinder waren vom Krankenzimmer abgesondert; die Kranke fragte mehrmals nach ihnen, ich gab ihr die besten Auskünfte über das Wohlbefinden der Kleinen, und so beruhigte sie sich stets.

Am 26. März in der Morgenstunde war's, als sie mit größerer Entschiedenheit als sonst nach den Kleinen verlangte. Wir sagten, sie schliefen noch.

»So weckt sie auf!« sagte sie mit heller Stimme, »ich muß sterben und will noch einmal meine Kinder sehen!«

Mir fuhr das Wort wie ein Messer durch's Herz.

Die Wärterin brachte die Kinder herein.

»O, kommt, ihr armen Wesen!« rief ihnen die Mutter halb aufgerichtet mit ausgestreckten Armen entgegen, »ihr habt keine Mutter, ihr lieben Kinder, ihr lieben Kinder!« Sie herzte und küßte den Knaben, das Mädchen und wieder den Knaben, und ein Tränenstrom ergoß sich über die Wangen.

Die Wärterin wollte die Kleinen wieder entfernen, allein die Kranke wehrte sich dagegen, preßte das Mädchen an ihren Mund, den Knaben an ihr Herz; mit sanfter Gewalt wollte man ihr sie entreißen, da rief sie laut: »Ich lass' sie nicht, ich lass' sie nicht von mir! – Jesus, Maria und Josef!« Mit diesem Schrei sank sie zurück auf die Kissen.

Wir stürzten um sie zusammen, sie war regungslos, ihr Auge war starr. Die Pflegerin wollte ihr einen Taschenspiegel an den Mund halten, wahrscheinlich, um die Atemlosigkeit zu bezeugen. Ich erinnere mich nur noch, daß ich ihr den Spiegel aus der Hand schlug – weiter weiß ich nicht mehr, was in jener Stunde vorgegangen ist. –

Als ich wieder erwachte, saß ich im Lehnstuhl eines anderen Zimmers; der Doktor stand neben mir und aus meinem entblößten Arm rieselte ein Blutquell ins Becken.

Der Aderlaß soll nötig gewesen sein. Bald besann ich mich auf alles, was geschehen war, und verlangte nach meiner Frau. Sie hielten mich zurück, versuchten mich zu trösten und vorzubereiten.

»Lasset das,« sagte ich, »ich weiß ja, daß sie tot ist. Ich will auch jetzt nicht zur ihr; lasset mich allein oder bringt die Kinder zu mir.«

Sie ließen die Kinder herein. Diese erzählten mir sogleich mit aufgeweckten Mienen, daß in meinem Arbeitszimmer Leute beschäftigt seien, die Wände und die Kästen und die schönen Instrumente mit schwarzen Tüchern zu verhängen. – Von meinem Arbeitszimmer ging die Tür in den Vorsaal, darum hatten sie es zur Aufbahrung der Toten gewählt.

Ein paar Freunde suchten mich zu einem Spaziergange in den Frühlingstag zu bewegen. Ich fühlte das Bedürfnis, die Tote zu sehen und an ihrer Bahre zu beten. Eben als ich eintrat, hatte sie der Totenbeschauer verlassen; noch war die Leinwand zurückgeschlagen von ihrem Haupte. Ich meinte, sie schlafe, ich wollte anfangs nicht glauben, daß sie tot sei. Zubald nur sah ich die bläuliche Blässe ihrer Lippen, das starre, gebrochene Auge zwischen den halbgeschlossenen Lidern; ich befühlte ihre kalten, erstarrten, fast bleifarbigen Hände.

Ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause, ging hinaus vor die Stadt und wandelte in halbbetäubtem Zustande. Spät gedachte ich meiner Kinder und eilte meiner Wohnung zu. Die Kinder waren bereits zur Ruhe gebracht; sie waren ja so früh geweckt worden. Dann waren sie an diesem Tage auch viel im Freien und im Hause selbst herumgesprungen und hatten sich manches Gegenstandes zum Spiele bemächtigt, der ihnen sonst versagt gewesen war. Sie hatten keine eigentliche Aufsicht, waren sich selbst überlassen, und so war dieser Tag ganz nach ihrem Geschmacke. Zwar soll das Mädchen dem Brüderchen wohl einmal den Vorschlag gemacht haben, in das schwarze Zimmer zu gehen und die Mutter zu wecken. Der Knabe mochte den Vorschlag auch ausführen haben wollen, verweilte jedoch am Mineralkästchen, an dem er das Tuch zurückzog und die Steinchen auseinanderlegte. Gerade wollte sich der Kleine auch an den elektrischen Apparat machen, um Funken zu erzeugen, wie er das wohl von mir oft gesehen hatte – als er aus dem Bahrzimmer entfernt wurde.

Mir hat man das erst später erzählt, weil es für sich doch nicht wichtig schien.

Am andern Morgen war mein erster Gang wieder zur Bahre. Die Blumen, die man in das Zimmer gestellt hatte, dufteten stark, die Lichter brannten still – an der Toten war keine Veränderung eingetreten; genau so, wie gestern, war sie auch heute zu sehen; die Zeichen der Verwesung hatten sich noch nicht eingestellt. Ich küßte ihre Stirn, dann kniete ich nieder und zog – wie es Sitte ist – ihr den Brautring vom Finger. Als das geschehen war, tauchte ich die kalte Hand wieder über ihre Brust hin, auf der ein Kruzifix lag – dann ging ich davon und mich in das Unvermeidliche fügend, suchte ich so viel Ruhe und Kraft zu gewinnen, um das Begräbnis anzuordnen. Sie hätten es auch ohne mich gemacht. Auf dem Friedhofe war bereits das Grab fertig; der Schreiner zimmerte am Sarge; der Singverein hielt die Probe der Trauerlieder ab und mehrere Frauen des Städtchens sandten Kränze.

Ich kehrte wieder zu meinem Hause zurück. Auf dem Betschemel vor der Bahr kniete mancher Fremde, dem es wohl im Gesichte zu lesen war, daß ihn nicht sowohl Teilnahme als vielmehr Neugierde hergeführt hatte. Dann kamen andere, beteten, flüsterten oder fuhren sich mit dem Sacktuch über die Augen, besprengten die Leiche mit geweihtem Wasser und gingen wieder davon. Zuweilen war gar niemand zugegen, und aus der geöffneten Tür starrte das Totenbild in den öden Vorsaal.

Ich ging auch davon. Ich mied die Menschen und ging gegen den Wald und dorthin, wo der Fluß über eine Wehr stürzte. Das Rauschen des Wassers tat mir wohl. Ich lag stundenlang am Ufer. Dann fielen mir wieder meine armen Kinder ein, die verlassen waren unter fremden Leuten in jenem Hause, in dem die tote Mutter lag.

Ich eilte heimwärts. Ich eilte über die Treppen zu meiner Wohnung hinan. Kein Mensch war da; selbst die Magd war ausgegangen, um irgend etwas zu holen. Es wären – dachte ich – wohl auch die Kinder mit ihr. Ich nahte der offenen Tür, die zur Bahre führte, und sah es bald, da drinnen war Unordnung angerichtet. Von der einen Wand, wo in den Kästen die physikalischen Apparate standen, war der schwarze Tuchverschlag herabgerissen. Einer der Kästen war geöffnet und die Elektrisiermaschine stand auf dem Fußboden. Das Mädchen hockte dabei und blickte besorgt auf seine Fingerchen. Der Knabe war zur Leiche emporgeklettert und kicherte. Und was ich nun sah, das ist über alle Beschreibung grauenhaft. Die Gesichtszüge der Toten zuckten und verzerrten sich, sie schlug die Augen auf und ihre Lippen bebten wie im Krampfe.

Ich glaube, daß ich im ersten Momente, da ich diese Erscheinung sah, über die Treppe hinabgestürzt bin und nach Hilfe gerufen habe. Sofort aber kam mir der Gedanke, sie ist wieder erwacht. Ich eilte in das Zimmer zurück. Das Mädchen auf dem Boden hielt die Maschine in Bewegung und ich sah, wie von dieser die Drähte um die Hand der Toten gewunden waren. Ich hörte das Knistern des elektrischen Stromes; der Knabe lachte laut, als das Antlitz und endlich auch das Haupt der Mutter sich mehr und mehr bewegte.

Mein erstes war, daß ich die Bahrleuchter umstürzte, der Aufgebahrten das Kruzifix von der Brust entfernte; dann riß ich sie empor, daß ihr Haupt an meinem Busen zu lehnen kam. Jetzt eilten schon Leute herbei, die vor Entsetzen aufschrien, mich für wahnsinnig hielten, bis sie an der Totgeglaubten die Lebenszeichen sahen.

Was nun folgte, weiß ich nicht; was in mir vorging, kann ich nicht erzählen; fast war mir wirklich zumute, alles sei Blendwerk und ich wäre in die Nacht des Wahnsinns gefallen.

Als die Wiedererwachte dann in ihr, oder vielmehr in mein Bett gebracht war, da man das ihre schon zerstört hatte, brachte mir ein Amtsbote ein gefaltetes Stück Papier. Es kam aus der Sanitätskanzlei. Es war der Totenschein meiner Gattin.

Die Kinder hatten ihre scheintote Mutter durch den elektrischen Strom zum Leben erweckt. Sie wurden nun ins Verhör genommen. Unbeaufsichtigt, wie sie waren, hatten sie sich in das Bahrzimmer begeben, hatten, unbekümmert um die Leiche, die Instrumente hervorgeholt, von welchen sie gestern verscheucht worden waren, und gedachten heute besonders am elektrischen Apparat, der stets der Gegenstand ihrer Wünsche gewesen war, ihr Mütchen zu kühlen. Sie wußten das Ding nach dem, was sie von mir gesehen haben mochten, trefflich in den Stand zu setzen. Anfangs mußte das Mädchen die springenden Funken aushalten, und tat es so lange, bis ihm die Fingerchen verbrannt waren. Hierauf belud sich der Knabe selber so lange, bis ihm alle Haare zu Berge stiegen. Und schließlich kam den Kindern der Einfall, die schlafende Mutter zu elektrisieren.

Noch vor Mitternacht dieses merkwürdigsten Tages meines Lebens war nach vielen entsprechenden Mitteln und Maßregeln die Wiedererstandene zu ihrem vollen Bewußtsein gekommen. Ihre Hände waren wieder weich, ihr Auge war wieder lebendig und klar, doch blickte sie verwirrt. Ich hätte ihr mögen an die Brust sinken und ihr die Wucht, welche in meinem Gemüte lag, ausschütten; die Ärzte aber beschworen mich, jede Aufregung zu vermeiden und es in allem ganz so zu halten, wie mit einem gewöhnlichen Kranken.

Nach Mitternacht verfiel sie in einen ruhigen Schlaf, aus dem sie gegen Morgen wieder erwachte. Sie suchte mit den Augen mich, wendete sich ein wenig zu mir und sagte: »Mein Freund, jetzt ist doch alles gut. Aber das ist ein schwerer Traum gewesen; – den möchte ich nicht ein zweites Mal träumen!« Und hierauf erzählte sie, es sei ihr gewesen, als läge sie auf der Bahre – viele Stunden lang. Man habe Anstalten getroffen, sie zu begraben, man habe schon den Sarg in das große Zimmer getragen; sie habe die Lichter der Bahre gesehen, habe jedes Geräusch, jedes Wort, das in der Nähe gesprochen wurde, ganz genau gehört, sei aber nicht imstande gewesen, einen Laut oder auch nur das mindeste Lebenszeichen von sich zu geben. Sie habe schon das gräßliche Geschick, lebendig begraben zu werden, vor Augen gehabt. Am schrecklichsten sei ihr das herzerschütternde Weinen ihres Gatten gewesen, der ihr schließlich den Ehering vom Finger gezogen habe. – Als sie dieses erzählte, hob sie ihre Hand gegen das Auge und stieß den Schrei aus: »Wo ist der Ring? Mein Gott, wo ist der Ring!«

Wir selbst alle im tiefsten Herzen erschüttert, suchten sie zu beruhigen, ihre Hand wäre in der Krankheit abgemagert, der Ring müsse zufällig vom Finger geglitten sein und würde sich leicht finden.

»O, nein, nein!« rief sie, »das ist kein Traum gewesen! Ich bin auf der Bahre gelegen!« Und sie verbarg ihr Gesicht mit den Händen und verfiel in ein solches Zittern und Beben, daß ihr ganzer Körper sich schüttelte und wir sie mit kräftigen Armen im Bette niederhalten mußten.

Die fürchterliche Aufregung, in der sie weinte, um Hilfe rief, mit Gewalt von dem Lager wollte und laut betete, dauerte etwa eine Stunde lang. Dann trat plötzlich die Abspannung ein.

Noch an demselben Tage, fast genau vierundzwanzig Stunden nach ihrem Erwachen aus dem Scheintode, ist sie gestorben.

Wieder versuchten wir den elektrischen Strom, aber vergebens. Die Geheimnisse der Natur sind unerforschlich; ich veranlaßte, daß noch einmal die Kinder den elektrischen Strom sammelten und leiteten – vergebens; die Schläferin wachte nicht wieder auf. Wir legten sie nicht mehr auf die Bahre, wir ließen sie auf dem Sterbebette ruhen, bis sich – und das dauerte nicht lange – die ersten Symptome der Verwesung einstellten.

Dann war das Begräbnis.

Nicht in jenes Grab ließ ich sie senken, das bestimmt gewesen war, die Scheintote aufzunehmen. Eine neue Stätte wurde ihr bereitet.

Möge sie im Frieden ruhen!