Mein Vetter, der Türke.
Am 19. Oktober 1880 erhielt ich aus Teheran, der Hauptstadt Persiens, folgendes Telegramm:
»Mein teurer Vetter, ich bin verloren. In Affäre verwickelt, die mir den Kopf kostet, wenn Intervention der österreichischen Gesandtschaft nicht gelingt. Bis die Post Näheres bringt, vielleicht zu spät. Lebe wohl.
Anton.«
Meine Entrüstung darüber, daß Anton, der immer Lustige, um teures Geld solche Späße treibt, war nicht gering. Der Scherz kostete mindestens fünfzig Franken. War der Junge nicht bei Trost? Sollte er im Lande der Sonne doch ein bißchen Sonnenstich bekommen haben?
Nach der Entrüstung kam die Erwägung. Am Ende war doch etwas an der Sache. Vielleicht Liebeshändel; bei solchen kann man auch anderswo den Kopf verlieren. Aber »den Kopf kosten«, das war etwas spezifisch Orientalisches.
Ein Hitzkopf war der Bursche immer gewesen, und bei solchem ist alles möglich. Seinen im Mürztale lebenden Verwandten wollte ich einstweilen die sonderbare Nachricht geheimhalten. Er war meines Vaters Bruders, des Eisenwerksverwalters von Niederaigen jüngster Sohn. Ich hatte ihn stets liebgehabt.
Auf den Drähten der englischen Telegraphen-Kompagnie flogen nun in wenigen Tagen ein paar Depeschen hin und her. Die Gesandtschaft bestätigte alles und drückte den Zweifel aus, ob es gelingen werde, die Todesstrafe in lebenslängliche Zwangsarbeit umzuwandeln.
Kaum zwei Jahre waren verflossen, seit mein Vetter Anton Rosegger nach seinen vollendeten Studien als Techniker sich einer europäischen Auswanderungsgesellschaft nach Persien angeschlossen hatte. Es hieß, daß die Eisenbahn vom Schwarzen Meere aus über Persien nach dem Golfe zustande kommen würde, und dabei wollte er sein Glück versuchen. Ich war anfangs dagegen, weil mir jedes leichtsinnige Auswandern ein Greuel ist; da aber trotz seiner ausgezeichneten Talente, besonders im Zeichnen und in Metallarbeiten, in der Heimat die Aussichten für ein Vorwärtskommen wirklich keine glänzenden waren, der Bursche aber vor Gesundheit und Lebensmut nachgerade Funken sprühte, so ließ ich mich von dem ausgespielten Gemeinplatz: »Junge Leute müssen in die Welt hinaus,« überlisten und erteilte leider meine Sanktion.
Zweimal hatte er seit seiner Abreise geschrieben; das erstemal, daß er in den königlichen Münzwerkstätten zu Teheran arbeite, daß seine Existenz eine gründlich asiatische, doch aber recht erträgliche sei, daß er sich mit den orientalischen Sitten schnell vertraut gemacht habe. Und im zweiten Schreiben an mich hieß es, daß ich zusehen möge, ob er bei einer dritten Europareise des Schah-in-Schah nicht als Großwesir die Majestät begleite! – Wenn die orientalischen Fürsten Hofnarren hielten, dachte ich damals bei mir, dann wäre es schon möglich, daß der muntere, zu allerlei Schalkereien aufgelegte Junge beim Schah sein Glück machte. Nun, in den Ländern von »Tausend und einer Nacht« ist alles möglich – das Großwesirwerden so gut, wie das Geköpftwerden.
Infolge der Gesandtschaftsberichte war ich alsbald entschlossen; was blieb auch anderes übrig, hatte ich ihn doch auf dem Gewissen! Ich hatte in meinem Leben manche große Reise gemacht, um nichts anderes, als um meine Neugierde zu befriedigen; warum sollte ich nun nicht nach Persien, um meinen armen Vetter zu retten, oder wenigstens, ihn noch einmal zu sehen. Zu Hause schützte ich eine größere Reise in die Schweiz und nach Savoyen vor, reiste aber nach Wien, wo Geld und Empfehlungsschreiben zu beschaffen waren. Die Briefe und Depeschen zwischen Teheran und Österreich hatten die unterschiedlichste Zeit gebraucht, das eine Mal drei Wochen, das andere Mal fast genau drei Monate; daraus konnte ich auf die Unregelmäßigkeit des Verkehrs schließen. Meine Reise ging auf der Eisenbahn damals nur bis Galatz, dann auf dem Dampfer ins Schwarze Meer hinaus bis zur kaukasischen Hafenstadt Batum und dann, ohne den Elbrus zu besteigen, über das Gebirge. Im Hotel zu Tiflis bekam ich einen heftigen Asthmaanfall, der mich zwei Tage festhielt. Der Wirt, ein Franzose, ließ mich und meine Sachen ins Freie tragen unter ein türkisches Zelt, weil er der Meinung war, ein toter Passagier vertreibe zehn lebendige. Der Arzt verschrieb mir, alle zwei Stunden einen Tschibuk zu rauchen. Der Tschibuk trieb das Asthma von der Brust in den Magen. Vom Schwarzen Meer bis Tiflis führte damals schon ein großartiger Eisenbahnbau, hernach ist es mit der europäischen Kultur aus; man ist in Asien – und das besagt alles. Die Poesie, mit der wir seit unserem Bibelstudium in der Kindheit das Morgenland ausgeschmückt haben, ist in kürzester Zeit aufgelöst. Auf Eseln und Kamelen die grundlosen oder steinigen, stets von Wegelagerern gefährdeten Steige träge hinziehend, blitzt in der Seele nur selten eines jener wunderbaren Bilder auf, wie sie die morgenländischen Dichter, diese windigen Fabulierhänse, geschaffen. Ich habe mir's überhaupt abgewöhnt, einem Dichter etwas zu glauben.
Meine Spannung richtete sich selbstverständlich nur auf das möglichst rasche Weiterkommen meiner aus asiatischen und europäischen Elementen zusammengewirbelten Karawane. Auf dem Kamele nicht wie ein Reiter, sondern, angeschnallt wie ein Warenballen, kauernd – anfangs machte es mir Spaß; später kam's mir unsäglich langweilig vor, da des Tages oft kaum drei Meilen zurückgelegt wurden. Ein die Verhältnisse kennender Russe versicherte, die Reise gehe so außerordentlich gut von statten, daß man diese Karawane einen Eilzug nennen könne. Also reiste ich mit »Eilzug«. Die Ortschaften, die wir passierten, waren über alle Vorstellungen armselig, die Herbergen so elend, Essen und Trinken so europawidrig, daß ich den Vetter nicht begriff, der sich mit den orientalischen Zuständen schon so vertraut gemacht haben wollte. Die Strecke von Wien bis Tiflis legte ich in neun Tagen zurück, jene um das Dreifache kleinere von Tiflis bis Teheran in dreiundzwanzig Tagen. Am 10. Dezember war ich endlich in der persischen Hauptstadt. Trostlose Armseligkeit und fabelhafte Pracht ist der erste Eindruck, den diese Königsstadt macht. Ein wunderliches Gemisch von morgen- und abendländischen Erscheinungen: unter Telegraphenstangen hocken zerlumpte Derwische, in französischen Konditoreien kauern schläfrige Haschischraucher. Neben modernen Palästen gähnen fensterlose Höhlen, aus Stroh und Lehm zusammengebacken, »Bürgershäuser« der Königsstadt. Selbst die Stadtmauern, zumeist aus Lehm aufgeführt, sind derart, daß bei allfällig geplanter Erstürmung derselben eine Wasserspritze bessere Dienste leisten würde als eine Kanone. Eine nähere Beschreibung des Lebens und Treibens zu Teheran behalte ich mir für ein anderes Mal vor, mein jetziges, wichtiges Ziel war fürs erste die österreichische Gesandtschaft.
Das Herz sprang mir bis zum Halse herauf vor Freude, als ich wieder die Sprache der Deutschen hörte, nachdem ich mich bisher so kümmerlich mit meinem bißchen Französisch und Steirisch durchgeholfen hatte. Wo nämlich in Herbergen oder bei Lastträgern mit dem höflichen Französisch nichts auszurichten gewesen war, da hub ich mit geballten Fäusten gut steirisch zu fluchen an, und das hatte manchmal gar keine üble Wirkung. Hier bei der Gesandtschaft umarmte ich den ersten Beamten, der mich auf meine Schriftstücke hin deutsch anredete, wie einen alten Freund, und die erste Frage war: »Ist's noch früh genug?«
Der Beamte wich mit seinem Blick meinen Augen aus und antwortete, am Leben wäre er zwar noch …
Ob Hoffnung vorhanden?
Ein leichtes Achselzucken. Nun erschien der Herr selbst, den seine Unterbeamten Konsul nannten. Ein braunbärtiger Mann mit rotem Fez auf dem Haupte, den er beim Gruße nicht lüpfte. Er war, wie ich schon wußte, ein geborener Mährer. Er setzte sich auf einen sehr niedrigen Schemel, bot mir Platz auf dem Diwan, eine Zigarette und machte mir dann Mitteilungen. – Geschehen sei alles für meinen Verwandten, und mehr als was getan worden, könne überhaupt nicht geschehen. Mein Vetter sei gefaßt, ich sollte es auch sein; er erwarte mich mit großer Sehnsucht, ich würde bald zu ihm geführt werden können, vorderhand müsse ich mich etwas erholen von den Reisestrapazen.
Meinen Anzug ordnete ich in dem mir angewiesenen Zimmer des Gesandtschaftshotels unter Mithilfe eines braunen Jungen rasch und untadelhaft, als sollte ich die Aufwartung bei einem Würdenträger machen, anstatt bei einem Todgeweihten im Kerker; ich hielt mich hierin an eine orientalische Sitte, auf die mich der Konsul aufmerksam gemacht hatte. Das vorgesetzte Mahl mußte mir mein Gastherr mit vieler Mühe annötigen, ich war voller Ermattung und Angst. Auch so müde war ich, so steif die Beine von dem langen Ritt. Der feurige Perserwein tat seine Pflicht, machte mich zuversichtlich und aufgeweckt, um so mehr, als auch der Konsul, der mit mir speiste, bisweilen munteren Gesichtes mich tröstete. In Asien sei ein zum Tode Verurteilter noch lange nicht aufgegeben, Despotenlaunen seien ja bekanntlich unberechenbar.
»Aber, Herr, worin besteht denn eigentlich das Verbrechen meines Vetters?« kam ich endlich dazu, zu fragen.
Darauf, meinte der Gesandte, sei nicht so leichthin zu antworten.
»Hat er in Unkenntnis der Zustände eine staatswidrige Handlung begangen?«
»Ein politisches Verbrechen, meinen Sie,« sagte der Konsul, »derlei gibt es hier nicht, Freund. Aber gegen den Propheten hat er gesündigt, gegen die Tafeln des Kalifen. – Hören Sie denn, wie es sich zugetragen hat. Ihr Vetter hatte in der königlichen Münze, wo wir ihn gleich anfangs durch einen günstigen Zufall unterbrachten, sich bereits eine vorteilhafte Stellung erworben; er befehligte ein paar Dutzend Arbeiter, und der Schah hat den fähigen jungen Mann bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet. Besehen Sie sich einmal dieses Geldstück!« Er zeigte mir ein neues Goldstück, auf welchem das Bild des Schah in feinster Prägung prangte. »Könnte das nicht ebensogut in Paris oder in Wien geschlagen worden sein? Das ist ein Werk Ihres Vetters. Er wäre heute Oberdirektor der Königlichen Münze, wenn nicht plötzlich der Teufel –« er zuckte ab.
»Ich bitte Sie, meine Spannung!«
»… recte das Weib dazwischen gekommen wäre.«
»Ein Einbruch in den Harem?«
»Mit nichten,« sagte der Konsul. »Ihr Vetter hat weder eine Frau des Schah noch die eines anderen Mannes auch nur mit einem Blick entweiht. Der junge Meister aus der königlichen Münze war bescheiden genug; der Tochter eines teheranischen Lederhändlers schaute er hinter den Schleier und erwählte sie. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen, und ich sage Ihnen, es gibt nichts Schöneres auf Erden! Mit ihrem Vater war sie erst vor kurzem aus Ispahan eingewandert. Nun, die Leutchen liebten sich; der Vater drückte erst ein Auge zu, dann auch das zweite, und machte sie endlich gar nicht mehr auf, denn er starb auf einer Handelsreise nach Armenien an der Pest. Nun waren die jungen Leute sich selbst überlassen und wohnten in einem reizenden Häuschen des europäischen Quartiers. Die Idylle blieb nicht lange verborgen; von Derwischen angeführt, brach in Abwesenheit des Münzmeisters eine Rotte in sein Haus, warf ein Tuch über das Haupt des Mädchens, schleppte es davon, um es auf öffentlichem Platze hinzurichten.«
»Um des Himmels willen, was erzählen Sie denn da?« rief ich aufspringend aus.
»Bleiben Sie sitzen und hören Sie die Tafel des Kalifen: Wenn eine Anhängerin der Rechtgläubigen – des Mohammedanismus – sich mit einem Ungläubigen paart, so soll sie getötet werden. – Dem ist aber vorzubeugen, wenn der Mann sich zum Islam bekennt und sie zu seinem rechtmäßigen Weibe macht. Das österreichische Konsulat griff sofort ein. Ich begab mich zum trostlosen Münzmeister, um ihn zum formellen Bekenntnisse des Islams zu bewegen, traf ihn aber nicht mehr in der Werkstätte. Er war zur Moschee geeilt, in der seine Braut gefangen gehalten wurde, und schleuderte dort einen Derwisch, der ihm den Eintritt verwehren wollte, so heftig an die Marmorbrüstung, daß der zusammenstürzte und für alle Zeit auf das Aufstehen verzichtet hat. Die fanatische Menge nahm den Gewalttätigen natürlich gefangen, um ihn der Tafel des Kalifen zu überliefern, die da spricht: Wer Blut vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden. – Die Gesandtschaft machte alle erdenklichen Anstrengungen, ihn zu retten: er selbst gab alle Hoffnung auf, nur Muselman wollte er vor seinem Tod noch werden, um die Braut zu retten. Damit war's aber zu spät. Die Tafel des Kalifen sagt: Ein Ungläubiger, der einen Derwisch erschlägt, kann nimmer des Islams sein.«
»Also beide verloren?«
»Ich habe mich an die übrigen europäischen Gesandtschaften gewendet in dieser Sache, allein die Tafel des Kalifen sagt: Der Islam steht über allen Gesetzen. – Und doch, Freund, haben wir Unglaubliches erreicht. In einer der europäischen Anwandlungen, denen der Schah – Allah segne ihn! – bisweilen unterworfen ist, hat er seinen Münzmeister begnadigt –«
»Begnadigt?!« Ein heißer Freudenschreck.
»– zu zehnjähriger Zwangsarbeit bei den Straßenbauten im Elbrusgebirge.«
Mir fiel auf, daß der Konsul solches mit einer gewissen Trauer sagte. Ich wußte noch nicht, was es heißt, zehn Jahre Zwangsarbeit in Persien. Keiner überdauert sie, es ist eine langsame Hinrichtung.
»Zugunsten des Mädchens,« fuhr mein Berichterstatter fort, »fand der Schah, der sich für den Fall persönlich interessierte, die Deutung des Kalifen, nach welcher die Sünderin durch eine Wallfahrt nach der heiligen Stadt Kum in der Salzwüste gereinigt werden könne. Sie ist aber nicht in die Salzwüste, sondern unter heimlichen Begünstigungen ins Elbrusgebirge gezogen, wo der Verurteilte seine Strafe sofort angetreten hatte.«
»Ich finde ihn nicht in Teheran?« war meine Frage.
»Sie finden ihn auch im Gebirge nicht,« antwortete der Konsul.
»Sie foltern mich, Herr! Was soll ich denn tun?« rief ich, von meinem Diwan aufspringend, denn die Sehnsucht nach meinem unglücklichen Verwandten verzehrte mich.
»Sie müssen zum Großwesir gehen,« sagte mein Gastherr mit blinzelnden Augen. Da hatte ich genug.
»Den Großwesir bestechen? Ich bin arm.«
»Bringen Sie ihm, was Sie haben, Ihren Mut, Ihre Liebe zum Blutsverwandten, vielleicht rührt ihn das. Unser neuer Großwesir ist nicht so schlimm wie sein Name. Wäre er vor zwei Monaten schon in seiner Würde gestanden, wir hätten das mit Ihrem Vetter nicht erlebt. Er kann uns helfen, kommen Sie nur, ich begleite Sie zu ihm.«
Diese plötzliche Zuversicht meines Konsuls richtete mich auf; ich fühlte kein steifes Bein mehr, aber auch kein steifes Rückgrat; es soll sich ordentlich biegen, wenn's dem Anton gilt. Mein Gastherr klingelte seinem Burschen, einem flinken Kaukasier; die Pferde wurden vorgeführt, wir ritten zum Großwesir.
Dieser Ritt durch die Stadt hat keine Erinnerung in mir hinterlassen, ich habe sicherlich nichts gesehen und nichts gehört, so erfüllt war ich von dem Schicksale meines Anton und meiner Mission. An der Pforte des Palastes sah ich die ersten Mohren; sie warfen sich auf den Bauch, als wir an ihnen vorbei die Treppe hinaufstiegen. Wir gelangten in eine dämmernde Halle mit schwarzen Wänden und schneeweißen Marmorsäulen. Das ganze Licht dieses Raumes schien von den weißen Säulen auszugehen, ich sah kein Fenster. Die folgenden Räume, die wir durchschritten, waren noch märchenhafter; aber mich entzückte keine Pracht, mich erschreckte sie nur, es war ja doch nichts als das Hohnlachen des Despoten.
Endlich standen wir vor schweren Vorhängen; ein wohliger, betäubender, völlig fremdartiger Geruch. Mein Konsul legte mir die Hand auf die Achsel: »Nur Fassung!«
»Ich habe Mut,« darauf meine hohlstimmige Antwort.
»Auch für das Schlimmste? Auch für das Beste? Wir sind im Orient!«
Die Vorhänge wallten zurück, mir war ganz traumhaft. Was jetzt geschah – man wird mir's nicht glauben können. – Aus einem Nebengemach schritt der Würdenträger, in einem reichverzierten Kaftan, rasch auf mich zu und fiel mir lachend um den Hals.
Ich schrak zurück, war starr und glotzte ihn an. – War er's? War er's selber? – »Das – das ist zu dumm!« schrie ich entrüstet über diese beispiellose Riesenfopperei. – Der Anton stand vor mir, mein Toni, meines Vaters Bruders Sohn!
»Gerettet? Gerettet?« rief ich, »so lass' mich zum Großwesir, daß ich ihm danke auf den Knien.«
»Bitte sich nicht zu genieren!« sagte er, trat einen Schritt zurück, kreuzte die Arme über der Brust und stand in seinem reichen Gewande mit vergoldetem Krummsäbel da wie ein indischer Fürst aus der Phantasie Scheherazades.
»Komödiant!« kreischte ich.
»W–a–a–s? Mensch, gib acht, daß ich dich nicht kürzen lasse!«
Der Konsul zog mich beiseite und flüsterte mir mit schrecklich gewichtiger Miene zu: »Es ist der Großwesir!«
Auf alle Ausschmückung der Begebenheit verzichte ich. Die Überraschung war den Herren zu gut gelungen. Bald darauf saß ich in einem der innersten Gemächer ganz blöde da. Der Vetter war hinausgegangen, der Konsul redete mir zu, nicht weiteren Zweifel zu setzen in die Richtigkeit der Erscheinungen. Er erinnerte an die Tafel des Kalifen, wo es heißt:
Die Welt ist wahr, sei es auch du. Und wenn du lügst, dann tue es so dick, daß man dir nicht glaubt. – »Was Sie da sehen, das werden Sie aber glauben,« fuhr der Konsul fort. »Denn alles, was ich Ihnen von dem Münzmeister, von seiner Braut, von seinem Totschlage, von seiner Verurteilung und Begnadigung erzählte, es ist wahr. Erst vor wenigen Wochen ist er von der Zwangsarbeitskolonie am Elbrus zurückgekehrt nach der Residenz, um seinen hohen Posten anzutreten. Man hat's nach Österreich berichtet, aber Sie waren schon abgereist.«
»Das ist alles recht schön,« war mein zögernder Einwand, »wenn ich nur auch wüßte, wie der Mensch aus einem Zwangsarbeiter am Elbrus ein – ein so großes Tier wird.«
»Oh,« sagte der Konsul, »das ist einfach. Man rettet dem Schah das Leben. Der Schah macht nämlich mit mäßigem Gefolge einen Jagdausflug ins Gebirge und wird in den Engpässen bei Scheristanak von kaukasischen Räubern überfallen. Aus der Nebenschlucht bricht, angeführt von einem jungen Münzmeister, die Sträflingskolonie hervor und schlägt die Räuber in die Flucht.«
»Herr!« rief ich, »das ist ja ein Märchen! Das ist ein tolles Märchen!«
Er zuckte die Achseln: »Wir sind im Orient! – Hören Sie weiter. Einige Tage vor dem Ereignis im Elbrusgebirge hat gerade der Großwesir aus der persischen Königskrone heimlich ein paar Diamanten gebrochen, so wie man aus dem Weihnachtskuchen die Rosinen zwickt. Das ist dem Schah nicht recht, er läßt den Herrn abtun und setzt an seine Stelle den jungen Münzmeister.«
Man hat's seinerzeit ja auch in den Blättern gelesen.
Nun trat seine Exzellenz herein, das schrecklich schöne Gewand hatte er abgelegt. Doch sah er mit seinem an beiden Seiten niederhängenden Schnurrbart, mit der breiten, maikäferbraunen Leibbinde, in der scharlachroten Pumphose und den gelbseidenen Sandalen immer noch türkisch genug aus. Sonst war's das breite, wohlgerötete steirische Gesicht mit den frischen grauen Augen. Nun ließ sich ja mit ihm reden. »Gelt,« sagte er, mich bei der Hand fassend, »du bist nit bös, daß ich den Spaß gemacht hab'. Für die ausgestandene Angst müssen wir doch auch ein Pläsier haben.« Aber als ich mich höflich nach seiner Frau Gemahlin erkundigte, und ob ich ihr vorgestellt werden könne, da kam wieder die Tafel des Kalifen Abu Bekr: Wer Begehr nach der Frau seines Gastherrn hat, der soll mit dem Tode bestraft werden.
»Sehr gütig, Exzellenz, darf ich noch fragen, wann der nächste Zug nach Europa abgeht? Den Karawanenzug meine ich.«
Aber das begann doch immer gemütlicher zu werden, und bald fand ich, daß es doch gar nicht so übel ist, Geschwisterkind und Gast des Großwesirs von Persien zu sein. Auch dem Schah wurde ich vorgestellt: der war sehr leutselig, erkundigte sich nach Wien und den Wienern, die er ein paar Jahre vorher besucht hatte, erkundigte sich besonders nach der Naschhütte neben dem zweiten Kaffeehaus im Prater, und was die Volkssänger Schrammeln machten. Dann schneuzte er sich mit den Fingern und trippelte davon.
Noch lieber hätte ich die Gemahlin des jungen Großwesirs, die schöne Fatima gesehen. Der Konsul zeigte mir auch die Fenster des Harems. Diese waren sehr unzugänglich, und ich erwog, ob es den Herrn Vetter arg verdrießen würde, wenn ich es einmal mit dem steirischen Fensterln versuchte, in welchem er selbst einst Meister gewesen war. In Anbetracht der bekannten asiatischen Sitten habe ich's aber unterlassen.
Nach fünfwöchentlichem Aufenthalt in Teheran ward mir der persische Boden endlich heiß unter den Füßen; mit Teppichen, Pelzen, Gewürzen und einem krummen Ehrensäbel beschenkt reiste ich ab, vollkommen beruhigt über das Befinden meines lieben Vetters Anton.
Das Versprechen hat er mir gegeben, mich gelegentlich daheim zu besuchen. Bis dato ist er nicht erschienen. Unser Briefwechsel blieb ein lebhafter. Seine Brüder in Steiermark rauchen den feinsten türkischen Tabak. Im Jahre 1887 hat er seinen Abschied genommen und sich in Unteritalien bei Potenza ein Landgut gekauft. Als ich ihn im vorigen Frühjahr einlud, uns doch einmal zu besuchen und zuverläßlich auch die Frau Schwägerin Fatime mitzubringen, lehnte er ab und kam wieder mit seiner verdammten Tafel des Kalifen.
Ach du mein! Ich achte ja diese Tafeln. Wie schön zum Beispiel ist der Satz: Wenn du lügst, dann tue es so dick, daß man dir nicht glaubt.