Der verhängnisvolle Vorfall.
Über den Hafenplatz in Lissabon eilten schnellen Schrittes zwei junge Männer. Es war vor Abgang des Schiffes beinahe eine Stunde Zeit, da wollten sie in einem Weinhause noch den Abschied feiern. Die Sachen des Abreisenden hatte der Hoteldiener bereits aufs Schiff gebracht, dort auch den Fahrschein nach Neuyork gelöst, so konnten die beiden Freunde noch ruhig beim Weine sitzen und warten, bis vom Molo herüber, an dem mehrere große Dampfer lagen, das Glockensignal erklang.
Der eine der beiden, ein schlanker Bursche mit leichtem Bartanflug und einer vernarbten Schramme über der Stirn, war der Elektrotechniker Richard Wifart aus Berlin. Er war ein Jahr vorher mehrere Monate lang auf einer Geschäftsreise für das Haus Siemens & Halske in Amerika gewesen und hatte in Neuyork ein schönes Mädchen kennen gelernt, die einzige Tochter eines Rechtsanwaltes. Die jungen Leute hatten sich damals unmittelbar vor Wifarts Abreise nach Berlin verlobt und nun war er auf der Reise nach Neuyork, um Hochzeit zu halten und seine junge Frau nach Europa zu führen. Er war sehr heiter und schaute mit hellen, glücklichen Augen in die Zukunft.
Der andere der beiden Freunde war Herbert Franke, ein etwas kleinerer, untersetzter junger Mann mit dunkelblondem welligem Haar und einem glatten Gesicht, über dessen Wange das schwarze Seidenbändchen des »Zwickers« hing. Er besaß in Hamburg ein großes Export- und Geldgeschäft und war seit drei Jahren dort glücklich verheiratet. Er hatte weiche, fast kindliche Züge und sein blaues Auge hing mit Innigkeit an dem Freunde, den ihm schon die nächste Stunde entführen sollte.
Die beiden hatten auf der Berliner Technik zusammen studiert und waren Freunde geworden, die sich in schwärmerischen Stunden auch das zugeschworen, daß, wenn einer oder der andere einmal heiraten sollte, unfehlbar der andere oder der eine mit bei der Hochzeit sein müsse. Richard hatte bei Herberts Hochzeit in Hamburg ohne jede Schwierigkeit seinen Schwur einlösen können. Anders war's bei Herbert, der den Freund nach Neuyork begleiten müßte, um an dessen Hochzeit teilzunehmen. Er würde es mit tausend Freuden getan haben, wenn er als Chef seines Hauses nicht gerade um diese Zeit wegen Handelsunternehmungen in Europa festgehalten worden wäre. Doch gestatteten es die Verhältnisse, den Freund eine Strecke zu begleiten. Denn die Reise ging nicht den glatten, geraden Seeweg Bremerhafen-Neuyork, sondern über Frankreich und Spanien. In Frankreich hatte Herbert Geschäfte abzuwickeln und auch Richard wurde teils durch den Umstand zu diesem Umwege bewogen, als seine Firma wegen einer elektrischen Straßenbahn mit Madrid in Unterhandlung stand. Anderseits wollte er Verwandte in Granada besuchen.
Die Reise war nicht ohne Widerwärtigkeiten vor sich gegangen. Eine Überschwemmung in den Pyrenäen hatte die Eisenbahnverbindungen unterbrochen, was jedoch wieder den Vorteil gab, durch eine Wagen- und Fußreise die Pyrenäen und einen Teil des nördlichen Spaniens näher kennen zu lernen. Das war jetzt alles hinter sich, die Gebirgsreise, die Verwandten waren abgetan, das Geschäftliche für Herbert war im besten Gang und an diesem Tage Punkt zwölf Uhr sollte in Lissabon das Schiff nach Neuyork auslaufen.
Sie saßen nun bei einer Flasche köstlich feurigen Spaniers und rauchten Zigaretten. Sie waren in hochgemuter Stimmung, der aber ein Mollton des Abschiedes nicht ganz fehlte. Nach dieser gemeinsamen heiteren Reise, auf der sie manchmal ernsthafte Gespräche über die Zukunft geführt, dann wieder tolle Jugendschnacken getrieben hatten, sollte die nächste Stunde jeden allein finden.
Eine solche Trennung im fremden Lande hat etwas Beklemmendes. Richard würde in acht Tagen ja drüben bei seiner Braut sein und Herbert nach einigen Querzügen durch die romanischen Länder ungefähr um dieselbe Zeit in Hamburg. Jeder bei den Seinen, und in wenigen Wochen würden sie sich in Hamburg alle zusammenfinden.
Richard erhob sein Glas: »Freund, ich danke dir noch einmal, daß du mich bis an dieses Ende der Welt begleitet hast. Kehre mit Glück nach deiner geliebten Elbestadt zurück und von heute in zehn Tagen denke, daß ich mit meiner Luise am Altare stehe.«
»Und wenn du sie hast, so säume nicht allzulange, sie mir zu zeigen. Ich brenne, dein Weib kennen zu lernen und gedenke mich zu rächen für die Eifersucht, die du bei meiner Susanna immer wieder in mir erweckt hast.«
Sie lachten und stießen die Gläser an.
»Ich hoffe, daß ich rasend eifersüchtig sein werde,« sagte Richard.
»Du hoffest das?«
»Keine Frage. Was wäre das für eine Suppe? Ohne Salz!«
»Das Salz der Ehe – ja. Aber eine versalzene Suppe – nein,« sagte Herbert und drehte sich eine frische Zigarette.
»Und ich bleibe dabei,« scherzte Richard, »daß wir beide uns die ausgiebigste Ursache zur Eifersucht geben, müssen. Wir haben seit acht Jahren aneinander die Herzen und Nieren zu genau erforscht, um nicht zu wissen –«
»Laß das bloß gut sein, Richard. Wir waren zwei Galgenstricke, wenigstens in der Laune, doch als Ehemänner –«
»Komm dort nicht der Hausdiener unseres Hotels?« unterbrach Richard. Zwischen den Tischreihen trippelte ein buckliges Männlein heran und mit sehr kurzsichtigem Auge guckte er jedem Anwesenden unsicher ins Gesicht, bis er unsere Freunde bemerkt hatte. Dann kam er heran und sagte in gutgewähltem Portugiesisch, daß er glaube, die Auszeichnung zu haben, Herrn Herbert Franke aus Hamburg vor sich zu sehen.
»Suchen Sie mich?« fragte Herbert.
»Ich wußte es ja gleich. O, ich erkenne alle meine Herren sofort wieder. War schon am Hafen, auf der Brest Da denke ich, die Exzellenzen werden im Weinhause sein. Und siehe da!«
»Wünschen Sie etwas?«
»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, eine Depesche ist angekommen.«
Er reichte sie hin, nahm die Bestätigung in Empfang und empfahl sich mit graziösen Bücklingen.
»Wenn ein deutscher Tanzmeister so viel Grazie hätte, als ein spanischer Stiefelputzer!« lachte ihm Richard nach. – »Nun, wie stehen die Kurse auf der Hamburger Börs'?«
Herbert hatte seinen Prunkzwicker aufgeklemmt, doch der war wieder von der Nase gefallen. Er hatte hierauf die Depesche für sich gelesen, und Richard sah, daß er unruhig wurde.
»Was ist das?!« sagte Herbert tonlos vor sich hin.
»Etwas Wichtiges?« fragte der Freund.
Der Hamburger hielt mit zitternder Hand das Blatt dem Freunde hin: »Herbert Franke aus Hamburg, Hotel Imperatore, Lissabon: Bitte mit möglichster Eile nach Hause reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama.«
»Was ist geschehen?« fragten beide zugleich und erhoben sich von ihren Sitzen. Sie starrten sich an, einer bleicher wie der andere.
»Meine Frau!« sagte Herbert. »Meiner Frau ist etwas widerfahren!«
»Ei nein, davon steht doch kein Wort. Diese verdammte Unklarheit der Depeschen! Man denkt gleich an das Allerschlimmste. Ein paar Worte mehr –«
»O mein Freund, wer weiß, wie schrecklich sie wären, diese paar Worte mehr! Gewiß, meiner Susanna ist etwas widerfahren. Dem kleinen Siegfried ist etwas zugestoßen. Ich reise sofort. Mit dem internationalen Expreßzug.«
»Das geht nicht; denke doch, daß die Verbindungen unterbrochen sind.«
Herbert schlug sich die Faust an die Stirn. Dann las er wieder das Telegramm: »Bitte mit möglichster Eile nach Hause zu reisen. Verhängnisvoller Vorfall. Mama. – Warum depeschiert Mama? Warum nicht meine Frau?«
»Weil sie im Augenblick nicht zur Stelle war. Hast du doch – glaube ich – auch in Madrid eine Depesche von Mama erhalten, über etwas Geschäftliches. Und nun – du kennst ja die alten Frauen. Wenn eine Spiegelscheibe zerschlagen wird, posaunen sie es in alle Winde; wenn ein Schornsteinbrand ist: Verhängnisvoller Vorfall.«
»Laß das, Richard. Du siehst ja, daß ich ruhig bin. Ich muß eben nach Hause. Mit dem nächsten Zug.« Er verlangte vom Kellner den Eisenbahn-Kurier.
»Das hilft dir nichts,« sagte Richard, »du kannst nicht weiter. Du mußt den Seeweg nehmen.«
»Gut, also den Seeweg.«
Herbert sah im Schiffsfahrplan nach, der an der Wand hing. »Eildampfer nach Neuyork.«
»Der geht dich nichts an.«
»Eildampfer nach Southampton.«
»Nichts für dich.«
»Dampfer nach Genua.«
»Zu großer Umweg.«
»Eildampfer nach Brest.«
»Das ist der deinige,« sagte Richard. »Von Brest mit Eisenbahn nach Hamburg.«
»Nach Brest also. Abfahrt jeden Mittwoch mittags zwölf Uhr. – Mittwoch, das ist ja heute!«
»Und zwölf Uhr ist es in zwanzig Minuten. Unsere Schiffe gehen im gleichen Augenblicke ab.«
»Das ist ja ausgezeichnet!« rief Herbert. Er lief ins nahegelegene Hotel Imperatore, um seine Sachen zu holen, seine Rechnung zu begleichen, und eine Viertelstunde später trafen sich die beiden Freunde am Molo. In demselben Augenblick schrillten die Schiffsglocken.
»Brest!« rief Herbert zum Gepäckträger, und dieser eilte dem großen schwarzen Dampfer zu, der links am Molo lag und schwarze Rauchdrubel aus dem Kaminrohre stieß. Gerade gegenüber rechts am Molo lag der Dampfer »Neuyork«. Es rasselten schon die Ketten, um die Brücke aufzuziehen.
»Leb' wohl, Herbert. Es wird nicht so schlimm sein. Gib mir gute Nachricht.«
»Leb' wohl, grüße mir deine Braut.«
»Auf Wiedersehen!«
Ein rascher Händedruck, denn es schrillten die Dampfpfeifen. In großen Sprüngen eilte jeder zu seinem Schiffe. Kaum war Herbert, die Hand eines Matrosen mußte ihn fassen, auf seinem Dampfer, da rollte es, der Koloß zitterte und begann sich sachte zu bewegen.
Sie standen am Bord, jener drüben, dieser hüben, und winkten sich mit den Taschentüchern zu. Die letzten Lebewohlrufe haben den gellenden Hafenlärm nicht mehr durchdringen können.
Welch plötzliche Wandlung. Wer hätte das vor einer halben Stunde gedacht! Herbert schaute auf Lissabon. Je mehr es zurückwich, je höher schien es aufzusteigen. Jetzt fiel ihm ein, was er noch alles hätte tun sollen. Besonders nach Hamburg depeschieren, daß er auf der Heimreise sei. Was hätte er dem Freunde noch alles zu sagen gehabt, dem Glücklichen, der jetzt schnurgerade, ohne Aufenthalt und Unterbrechung, seiner Braut entgegendampft, während ihm nach umständlicher See- und Landfahrt zu Hause ein außerordentliches Unglück erwartet.
Noch in der Bucht waren die beiden Schiffe in einer gewissen Entfernung nebeneinander hingefahren und die Freunde hatten mit den weißen Fähnchen ihrer Taschentücher ohne Unterlaß sich zugewinkt. Nun die hohe See erreicht, sah Herbert, wie der Dampfer »Neuyork« sich immer weiter von dem seinen entfernte und wie er als kleiner schwarzer Punkt unweit der Küste gegen Norden eingebogen hatte, während sein Schiff schnurgeraden Lauf gegen Westen nahm.
Herbert hatte seinen Handkoffer auf dem Deck unter eine Bank geschoben und suchte nun den Kapitän auf, um ihm zu sagen, daß er noch keine Fahrkarte lösen konnte, weil er sich erst im letzten Augenblick zur Reise entschlossen habe. Er wolle eine nach Brest.
Der Kapitän starrte ihn an von oben bis unten. »Sie wollen nach Brest?«
»Nach Brest eine Karte erster Klasse.«
Darauf mit yankeemäßiger Gelassenheit der Kapitän: »Dieses Schiff geht nach Neuyork.«
»Was sagen Sie?«
»Dieses Schiff geht nach Neuyork.«
»Um Gottes willen! Aber um Gottes willen!« rief Herbert mit wildstoßendem Atem. »Ich bin doch auf dem Dampfer, der nach Brest geht! Man hat mir's doch gesagt. Das ist doch der Dampfer Brest.«
»Es ist allerdings der Dampfer Brest, aber er geht nach Neuyork. Der nach Brest läuft – sehen Sie! – der schwarze Punkt dort an der Küste, die alte Neuyork, die geht nach Brest.«
»Aber Gott! Aber mein Gott im Himmel! Ich fahre ja nach Brest! Ich muß nach Brest!« schrie Herbert grell auf. »Ich muß – ich muß!«
»Also ein Billett nach Neuyork,« sagte der Kapitän gelassen und nannte den Preis.
Herbert stampfte wütend mit den Füßen und verlangte in seinem wahnsinnigen Schreck, daß der Dampfer umkehre. Darauf schaute ihn der Kapitän mit kühlem Blick neuerdings an und zuckte die Achseln.
Herbert tobte über das Deck hin und fluchte und flehte und bat den Kapitän auf den Knien, ihn wenigstens, auf einem der Rettungsbote nach Lissabon zurückbringen zu lassen oder irgendwie das bereits entschwindende Brester Schiff zur Umkehr, zum Warten zu verständigen.
Der Kapitän zuckte schweigend die Achseln. Endlich gewann der Hamburger doch so viel Vernunft, um einzusehen, daß hier alles Rasen nichts helfe. Der Dampfer schnitt mit brausender Energie die Wellen des Ozeans dem Westen zu. Herbert setzte sich hinter dem Mast auf einen Ballen und starrte zu Boden. Die Mitreisenden, die ihn mit Teilnahme beobachteten, konnten sehen, wie Tränen über seine Wangen liefen.
Die portugiesische Küste war nur mehr ein ferner blauer Streifen und allmählich verschwand sie ganz. So fuhr er nun von Europa davon und zwar zu einer Zeit, wo er's am wenigsten durfte, wo er daheim am notwendigsten war, wo er von den Seinen zu Hilfe gerufen wurde in einer großen Not. – Daß man einmal so durch die weite leere Luft würde telegraphieren können wie heute? Damals gab's keinen Gedanken daran. – Wenn er nur eine Ahnung hätte, was geschehen ist! Ein verhängnisvoller Vorfall! War ein Brand ausgebrochen? War Frau Susanna erkrankt oder der kleine Siegfried, der erst wenige Wochen zuvor den Scharlach überstanden hatte? Oder gar jemand plötzlich gestorben? O heiliger Gott, wie das qualvoll ist! Und mit jedem Augenblick entführt das Schiff ihn weiter und weiter von seinen Lieben, die in Sehnsucht auf ihn warten. – Sollte bei der Berliner Firma Schwippe & Sohn, bei der er stark engagiert war, etwas los sein? Nein, hatte ihm doch sein Bureaudirektor Maischuster erst nach Madrid mitgeteilt, daß Ultimo die hundertachtzigtausend Mark bar bezahlt worden waren. Oder wäre ein Einbruch in die Kasse vorgekommen? Unmöglich, Maischuster ist der vorsichtigste Mensch, ist imstande, sein Nachtlager auf der Eisenkasse zu nehmen, um sie zu bewachen Ein öffentliches Unglück müßte man ja in den Blättern gelesen haben. Also was ist geschehen? – Ringsum war nichts mehr als die grünen Wässer des Atlantischen Ozeans, und der Dampfer, der den unglücklichen Namen »Brest« trug, schnitt seine schnurgerade Straße nach Westen.
Dann dachte Herbert auch an seinen Freund, der auf der »Neuyork« nordwärts der fernen französischen Küste zufuhr, ohne Gepäck, vielleicht auch ohne Geld, ins Ungewisse hinein. Wie mochte dem zumute sein, der seine Braut wartend weiß in Neuyork, und er kann nicht eintreffen zu dem für die Hochzeit bestimmten Tage und kann ihr keine Nachricht geben. Sein unglücklicher Freund Herbert, ja der wird dem Schiffe entsteigen, mit dem Luise den Bräutigam erwartet, aber sie erkennen sich nicht, gehen fremd aneinander vorüber.
Herbert hat nun allerdings in seinem Taschenbuch die Adresse der Familie Luisens, und zu ihr soll auch der erste und wohl auch einzige Weg sein in Neuyork. Hat er doch Richards Koffer, der auf diesem Schiffe ist, dort abzugeben. Und dann mit dem nächsten Schiffe nach Hamburg! Aber welche Ewigkeit liegt dazwischen! Der erste Tag wollte kein Ende nehmen; wie sollten die neun Tage vergehen, ohne daß er vor Ungeduld stirbt? – Auf ein aus dem Westen entgegenkommendes Schiff hatte Herbert noch gerechnet, das ihn aufnehmen und nach Europa bringen konnte. Aber außer ein paar kleinen kreuzenden Segelschiffen war kein Fahrzeug zu sehen. Am zweiten Tage kam von Norden her ein großer englischer Dampfer, ein Ostindienfahrer, dann nichts mehr auf den öden, unendlichen Wässern. Kein Schiff, das ihn erlöst und in die Heimat gebracht hätte. Nichts und nichts. Er mußte eine Beute der »Brest« bleiben, sich in Geduld fassen und tatlos warten auf das, was das Schicksal über ihn verhängt haben mochte. So saß er denn auf dem Deck, stets allein, und brütete. Mancher der Mitreisenden, es waren auch ein paar Deutsche darunter, wollte sich ihm nahen, um ihn zu zerstreuen; er ging nicht darauf ein. Er brütete vor sich hin in dem Gedanken: Immer weiter fort, immer noch weiter fort! Wäre er auf irgendeiner Stelle der Erde festgehalten für die Länge der Zeit! Aber dieses immer noch weiter fort, immer noch weiter der Heimat entrückt werden – es war nicht zu ertragen. Es war eine unsägliche Qual. Herbert nahm sich vor, wenn er seine Lieben wiedersehen sollte, so wird er sie nicht mehr verlassen, nicht auf zwei Tage lang. Aber – er wird sie ja nicht wiedersehen, sicher nicht alle wieder. Tag und Nacht waren seine Gedanken zu Hamburg in seinem Hause, er sah nichts als Brandstätten, Totenbahren, gesprengte Kassen und fallierte Geschäftsfirmen.
Am fünften, sechsten Tage wurde er etwas gefaßter. Die Nahrung, wovon er sonst mit Widerwillen genossen, begann ihm zu munden, der Schlaf wurde ruhiger und erquickender. Je mehr man sich der amerikanischen Küste näherte, je klarer ward es ihm, daß er dort etwas erfahren müsse. Und mit dem ersten Schritt, den er auf das nach Deutschland abgehende Schiff setzen wird, ist er soviel als zu Hause, denn jede Sekunde bringt ihn dann im Fluge näher der Stelle, wo er aufzurichten und zu trösten haben wird. Er ist nun gefaßt, so schlimm kann es unter keinen Umständen sein, als er es in der Vorstellung durchlebt hat. Denn er hat alle denkbaren Unglücksfälle durchlitten, und in der Tat wird es doch nur einer sein. »Verhängnisvoller Vorfall«. Der Ausdruck imponierte ihm nicht mehr ganz so. Was ist verhängnisvoll? Alles Mögliche. Alte Frauen lieben in Hyperbeln zu sprechen. Vielleicht war es sogar im scherzhaften Sinne gemeint, um den Sohn, der sonst mit der Rückreise manchmal arg zu säumen pflegte, ein wenig zu peitschen. Vielleicht ist bei der ganzen Sache verhängnisvoll nur die Verwechslung der Schiffe auf dem Hafen zu Lissabon. Aber – wer weiß es?! Gott allein, dem er nun alles anheimgibt. Ja, das ist der Anker. Dem Allmächtigen will er's anheimgeben. – Ach, wie eine solche Seereise herrlich wäre bei ruhigem Gemüte! Und wie peinvoll sie gewesen ist, wie so schrecklich nichts vorher in seinem Leben war. Richard, der mag zusehen, wie er herüberkommt. Hochzeiten lassen sich verschieben. Wenn sich alles so verschieben ließe? – Ei doch, wir haben den »Verhängnisvollen Vorfall« ja Gott anheimgestellt.
Am zehnten Tage um fünf Uhr früh war die Freiheitsgöttin in Sicht, im Hafen von Neuyork. In der aufgehenden Sonne glühte sie rot, wie Eisen in der Esse. Und dann tauchte die abenteuerlich herrliche Stadt auf. Um sieben Uhr betrat Herbert den Boden von Amerika. Da war im Augenblick sein Anliegen völlig vergessen, so lebhaft stürmte die neue Welt und ihr Treiben auf seine Sinne ein. Er kam sich vor wie ein dreister Abenteurer und wollte es sein. Wollte es denn in Gottes Namen einmal sein! Er war völlig berauscht. – Den Koffer seines Freundes bekam er nicht ausgefolgt, um ihn an dessen Braut zu überschicken; er wurde ins Magazin gestellt, bis der Eigentümer selbst sich um ihn ausweisen konnte. Das erste, was Herbert suchte, war eine Auskunftstelle wegen Abfahrt der Schiffe und ein Telegraphenamt. Zu seiner größten Freude sollte an demselben Tage, abends zehn Uhr, ein deutscher Lloyddampfer nach Southampton und Bremen abgehen. So ist er in sechseinhalb Tagen zu Hause. – Und nun wollen wir frühstücken. Er ging in das nahe dem Hafen gelegene Hotel »Grodin«. Aber es schwankte noch der Boden unter den Füßen, er hatte auf schwankendem Boden das Gehen verlernt. Im großen Hotel trat er in eines der Speisenkabinette. Da war's behaglich ruhig; ein einziger Herr saß in der Ecke und sprach mit Eifer seinem Imbiß zu. Er blickte nicht vom Teller auf, bemerkte den Eintretenden kaum, dieser aber tat einen Schrei.
»Maischuster!«
Ja, es war sein Bureaudirektor aus Hamburg. Im ersten Augenblick glaubte er, der Direktor sei ihm nachgereist, doch schon im zweiten Augenblick glaubte er etwas anderes. Denn Maischuster, als er plötzlich vor sich seinen Chef sah, zuckte heftig ein und wechselte die Farbe. Dann sprang er auf, raffte vom Nagel Hut und Überrock; Herbert aber stand an der Tür, packte den Mann fest am Arm und sagte gedämpft:
»Maischuster, was ist das?«
Der Direktor ergab sich wehrlos, denn er glaubte, Herbert sei aus Hamburg nachgereist, um ihn festzunehmen und vor der Tür stünden die Häscher, denn durch die Fenster sah man Wachleute.
Herbert hatte den Zusammenhang nun durchschaut. »Sie haben sich etwas zuschulden kommen lassen, Maischuster!«
»Da haben Sie's, da haben Sie's! Ich gebe ja alles zurück!« stammelte der Bureaudirektor und zog aus dem Westenlatz ein Paket. »Ich hätte es ja ohnehin zurückgegeben, ich wollte nur – – Lassen Sie mich bloß los. Lassen Sie mich los, oder – –« Er suchte mit einer Hand in die Rocktasche zu kommen. Die beiden Männer rangen, stießen Stuhl und Tisch um, bis Kellner herbeieilten, Hoteldiener und Wachleute, mittels welcher der Defraudant festgenommen und gebunden werden konnte.
Herbert öffnete das wohlverschnürte Paket und fand in Noten und Papieren eine Summe von 230000 Mark. – Und nun wußte er's. Nun glaubte er es zu wissen, was die Depesche »Verhängnisvoller Vorfall« bedeutete. Sein Herr Maischuster war ihm in Hamburg mit der Kasse durchgegangen. Und nun sah er auch, wie es kommen kann, wenn man in eigener Ohnmacht sein Anliegen dem Herrgott anheimgibt, der in diesem Falle schon vorher für die Sache gesorgt hatte. Herbert mußte in Lissabon das unrichtige Schiff besteigen, um in Amerika den Dieb zu erwischen.
Dem Maischuster wurde noch eine Tasche mit Goldstücken und ein Revolver abgenommen und dann ist er in behördliches Gewahrsam gebracht worden.
Als Herbert das auf so wunderliche Art wiedergewonnene Vermögen wohlverwahrt hatte, ging er daran, das Haus der Braut seines Freundes aufzusuchen. – O wie war das jetzt anders, wie war dieses Neuyork jetzt schön! Nur die Betrübnis der Miß Luise fürchtete er noch, wenn anstatt des heißerwarteten Bräutigams ein fremder Mensch kommt, um zu sagen, der Bräutigam sei auf ein unrechtes Schiff gestiegen und könne kaum vor einer Woche eintreffen. Im Wildpark, dem Lärme ein wenig entrückt, stand ein stattliches Haus. Hohe Tannen, wie er sie seit den Pyrenäen nicht mehr gesehen hatte, überragten mächtig die Giebel und auf den Wipfeln sangen zu Hunderten die Vögel. Herbert drückte mit Beklemmung am Taster, das Tor öffnete sich und vor ihm stand – Richard. Er war eben vor einer Stunde angekommen. Ein amerikanischer Eildampfer, mit dem sein nach Brest fahrendes Schiff gekreuzt, hatte ihn aufgenommen und hierher gebracht. Laut lachend fielen sich die beiden Freunde in die Arme und Herbert erzählte mit kurzen Worten lustig, daß er in den wenigen Stunden seines Aufenthaltes in Neuyork schon ein großes und gutes Geschäft gemacht habe. Dann, gleich im Stiegenhaus, wurde die Braut vorgestellt – ein frisches, rund- und schwarzäugiges Mädchen, das ohne viel Förmlichkeit dem Freunde ihres Richard derb die Hand schüttelte.
Gegen Abend desselben Tages kam die erbetene Depesche aus Hamburg mit dem Berichte, der verhängnisvolle Vorfall bestehe darin, daß der Bureaudirektor eine große Defraudation verübt habe, flüchtig geworden sei und bis zur Stunde noch keine Spur von ihm zu entdecken wäre. Dann hieß es: »Sonst alles wohl. Deine Susanna.«
»Nun also!« rief Richard. »Das wäre geschlichtet. – Und nun wirst du bei unserer Hochzeit sein!«
»Das versteht sich. Ich eile nur, meiner Familie zu berichten, daß wir ihn haben.«