Das Bekenntnis eines Verurteilten.

Im Staatsgefängnisse zu Sydney saß ein merkwürdiger Mann. Seine knochigen, sonnengebräunten Glieder waren nur zum geringsten Teile mit Lappen bedeckt. Sein Haupt war wirr umwuchert von Haar und Bart, zwischen welchen ein paar scharfe Augen glühten, wie die Lagerfeuer von Wilden im Busch. Der Mann war am Murrayflusse mit einer Meute von Wilden gefangen worden. Er schien ihr Häuptling gewesen zu sein, so wie er an Gestalt und Kraft seine Genossen überragte, einen längeren Wurfspieß und ein sorgfältiger geschmücktes Känguruhfell trug, als die übrigen. Er war auch der mutigste gewesen; alle anderen stoben vor dem ersten Schusse der Engländer auseinander, er trotzte und trachtete die Rotte zum Angriff zu führen. Aber diese suchte zu fliehen, was ihr mißlang. Der Häuptling wurde niedergeschlagen und gefangen. Er stieß brüllende Töne aus und biß wütend mit den Zähnen um sich; später jedoch, als er im festen Gewahrsam saß, stellte es sich heraus, daß er mit großer Geläufigkeit englisch, deutsch und französisch spreche.

Man vermutete, daß er sich niemals zu Trotze gestellt hätte, sondern mit seinen Gefährten geflohen wäre, wenn er nicht gemeint haben würde, die Engländer führten mehr Gold als Pulver mit sich. Dann begann er zu rasen, sich und das Gold zu verfluchen, und als man d'ran ging, ihm den Prozeß zu machen – denn es hatten sich seltsame Sachen herausgestellt – wurde er gefaßter und verlangte einen Priester. Man sandte ihm einen Pastor, den schickte er wieder zurück – er sei ein geborener Irländer, also Katholik.

Als der katholische Priester zu ihm in das Gefängnis trat, lag er ausgestreckt auf der Erde, verbarg sein Gesicht in das Ziegelpflaster und rief: »Kannst du es glauben, du einer von denen, die mich getauft haben: ein wildes Tier bin ich geworden!«

Der Priester suchte ihn zu beruhigen, aufzurichten. Der Wilde grinste ihm in das Gesicht und schrie: »Stehe mir nicht so würdevoll da. Was, wenn ich jetzt du wäre und du das verdammte Menschentier, das ich bin?«

»Komme zu Frieden,« sagte der Priester, »ich will die Würde des Dieners Gottes gerne ablegen, wenn sie dich blendet, ich will mit dir sein, wie ein Mensch mit Menschen. Du bist unglücklich, aber du gehörst zu uns. Bist du strafbar, so straft dich das Gesetz, nicht der Mensch, der bleibt bei dir und verläßt dich nicht in deiner größten Not und nicht in deiner letzten Stunde. Er bittet dich nur eins: Sei auch du menschlich und mache dein Herz auf, damit dein Bruder Frieden hineinlegen kann.«

»Ich bin braun, nicht wahr?« fragte der Gefangene und wies auf seinen halbnackten Körper, »das hat die Sonne getan und der heiße Wind im Scrub. Und mein Herz, das du haben willst, ist nicht braun, das ist schwarz wie die schwimmende Hölle, die mich hergebracht hat; wer es schwarz gemacht, das sollst du hören. – Ha ha«, lachte er grell. »Es soll aber noch einmal rot werden, bevor ich tot bin.«

Der Priester setzte sich auf die steinerne Bank und sagte: »Damit du siehst, daß ich dir gut bin und vertraue, so schicke ich den Soldaten davon, der zu meinem Schutze dort an der Pforte steht.«

»Das ist mutig, Sir,« versetzte der Gefangene. »Ich habe an den Händen keine Ketten und könnte dich erwürgen.«

»Was würde dir das nützen?«

»Was würde es mir schaden?« lachte der Wilde, »um einen mehr, das wiegt nicht viel, und es könnte sein, es ginge mir gerade noch nach einem katholischen Priester. Doch nein, lass' den Soldaten gehen oder stehen, ich pflege nur um Gold zu morden, aus Rache nie.«

»Wie sollte ich, der ich dich heute das erstemal im Leben sehe, ein Gegenstand deiner Rache sein können?« fragte der Priester.

»Du hast recht. Du bist als Mensch gekommen und nicht als Geistlicher. So kann ich dir nur sagen, daß ein Geistlicher die Kugel geschoben hat, die jetzt so grob geschlagen, so grob, daß ich aus Verzweiflung einen Schrei tun möchte, der die Welt könnt' erzittern machen. – Nun, du sollst es hören.«

Er erhob sich nicht vom Pflaster, die schweren Verletzungen bei seiner Gefangennahme hatten ihn körperlich entkräftet. Er kauerte da und redete.

»Ich bin der Sohn eines Schäfers in Irland,« begann er, »meine Eltern waren fromme und sogar ehrliche Leute. Auch ich war beides und ich hatte einen phantasierenden Sinn, wie ihn die Hirten haben auf ihren stillen Weiden; dann war ich ehrgeizig und strebte dem Höchsten zu, was ein Hirtenjunge kennt, ich wollte Bischof werden. Von Gold und Edelgestein habe ich damals noch nicht viel gewußt, ich wollte nur Bischof werden. Der Pfarrer von unserer Gemeinde – der gute alte Mann! – der riet mir nicht dazu, er meinte, man könne als armer Hirte ebensogut selig werden, denn als Erzbischof. Aber mir wäre es doch als Erzbischof lieber gewesen. Der Pfarrer nimmt sich meiner an, und sein gutes Herz ist mein Unglück geworden. Er fängt an, mich zu unterrichten und schickt mich nach Dublin in eine geistliche Anstalt, wo ich kostenfrei aufgenommen werde. Ich studiere dort etliche Jahre, steige rasch aufwärts, und wenn es in solcher Art fortgegangen wäre, so könnte ich heute zum mindesten Erzpropst zu Cork oder Waterford sein. Da bringt mir eines Tages einer meiner Studiengenossen ein Werk von dem gottlosen Franzosendichter Voltaire. Kennst du den? Ich auch nicht, weiß nur, daß er gottlos war. Mein Kollege ermuntert mich, ich solle das Buch lesen, aber heimlich, denn es wäre verboten. Verboten? Das ist eine Empfehlung. Ich nehme das Buch mit zu Bette, bin aber schon bei der zweiten oder dritten Seite eingeschlafen. Am Morgen, als der Präfekt kommt, um zu wecken, findet er auf meiner Bettdecke den Voltaire. Er konfisziert ihn und konfisziert auch mich – steckt mich auf vierundzwanzig Stunden in das Karzer. Im Karzer habe ich genügende Zeit nachzudenken, was denn in jenem Buche enthalten sein mochte, daß das Lesen desselben solche Strafen nach sich zieht. Meine Neugierde steigt von Stunde zu Stunde, und als ich wieder frei bin, ist mein Trachten, mich unbemerkt in die Präfektur zu schleichen und das konfiszierte Buch wieder zu erhaschen. Das gelingt mir. Ich verstecke mich an einen sicheren Ort, um ungestört der Lektüre nachhängen zu können; aber der Teufel hol' mich noch vor dem Denken, wenn ich daraus klug geworden bin! Nicht einmal den Titel dieses Buches habe ich mir behalten. Was ist das Ende? Ich werde auf meiner Heimlichkeit entdeckt und auf der Stelle relegiert. – So, das war das erste Kapitel.«

Wunderlich war's, wie das der Mensch halb in Grimm und halb in Selbstironie erzählte.

»Mein Lebenslauf« so fuhr er dann fort, »ja, das wäre was für einen Voltaire oder einen andern Gottlosen – wie sie sagen, gibt es heute deren genug – zum Erzählen. Hundert Bände, wenn er wollt' – mein Lebenslauf ist ja geschaffen, in Bänden zu sein. Du verstehst mich. – Ich habe mich wohl noch einmal an die Direktion des geistlichen Institutes gewandt, in Demut bittend um Wiederaufnahme. Vergebens, sie wurde mir versagt. Ausgeschlossen und verjagt. – Nun, jetzt bin ich ein freier Mann in der großen Stadt Dublin. Ins Gebirge zurückkehren und meinen boshaften Landsleuten sagen: Ich habe wollen ein hochwürdiger Herr werden, aber sie haben mich verjagt und jetzt bin ich wieder da. – Nicht um Altengland! So habe ich mich herumgetrieben, solange es ging, habe mich als Führer und Lastträger nützlich machen wollen, aber es war kein Erwerb. Ich war ein Gassenjunge mit zwanzig Jahren, aber viel unbeholfener und blöder als andere meinesgleichen. Ich habe den Gedanken gefaßt, in einer andern Stadt Aufnahme zu suchen, um meine Studien zu beenden, aber ich stand bereits zu tief, hatte nicht mehr den Mut. Ein Kleidungsstück ums andere habe ich verkauft, in Branntweinhöhlen habe ich gekartelt, und in einer Nacht hat mich die Polizei von der Gasse aufgehoben und in Gewahrsam gebracht. Im Arrest macht man interessante Bekanntschaften, nicht wahr? Nun, ich habe von ihnen profitiert; ich habe erfahren, wie sich der Taugenichts Geld erwirbt und wo die sichersten Spelunken sind. Als sie mich auf meine Beteuerung, ein arbeitsames Leben beginnen zu wollen, frei lassen, verlege ich mich sofort auf die Bauernfängerei. Dieses Geschäft gelingt mir besser als den anderen, denn ich kenne die Bauern. Anfangs treibe ich es zahm und begnüge mich mit einem Imbiß, führe sie in der Stadt eine Stunde herum an ein kaum fünf Minuten entferntes Ziel, um ein größeres Stück Geld verlangen zu können. Endlich gehe ich weiter und führe sie in die Spielhöhlen. Ich bin respektabler Falschspieler, finde aber meinen Meister und in einer Nacht verspiele ich Leib und Leben. Leib und Leben! Wir spielten darum. Ich hatte keinen Heller mehr in der Tasche, keinen Knopf mehr am Leib, der mir gehört hätte. »So gilt's um deine Haut und was dazu gehört!« sagte mein Gegenspieler. »Es gilt,« sagte ich. In einer Minute darauf gehöre ich ihm. »Jetzt habe ich das Recht, dich zu erdrosseln,« sagte mein Herr. »Das hast du,« antwortete ich. »Das wäre doch ein schlechtes Geschäft,« lachte er, »du bist ein schöner, junger Mann und hast ein Gesicht wie ein junger Heiliger – dich verwerte ich besser. Wir reisen nach London, dort blüht unser Weizen und sollst nicht allein das Stroh davon haben. Zeigst du dich verwendbar, so wird es dein Schade nicht sein.« – Es ist gut, denke ich, in London kann ich vielleicht meine theologischen Studien fortsetzen – daraus siehst du, was ich für ein einfältiger Junge bin. Einfältig und verschmitzt! Wir fuhren dann über die See und von Liverpool nach London. Dort begann mein Ruhm. Vom Hehlerjungen zum Taschendieb, zum Einschleicher und Einbrecher ist für ein Talent kein langer Weg, ich übergehe die Heldentaten, sie sind dir und mir langweilig, sie sind tausendmal dieselben. Ich stieg auf meiner Stufenleiter so hoch, bis ich eines Tages Polizeibeamter der City war. In der Tat, ja! Es sind mir – ich war stets der treue Diener meines mächtigen Herrn – Papiere verschafft worden, mittelst welcher ich Priester der heiligen Themis wurde. Gewesene Wilderer sind ja die besten Jäger. Du kannst dir denken, welche Vorteile daraus unserer Sache erwuchsen. Es waren unser eine wohlorganisierte Bande von viertausend Köpfen, die meisten derselben trugen Seidenhüte, viele davon wurden von manchem ehrsamen Bürger Londons untertänig gegrüßt. Unsere Hauptverbündete war die Themse, sie verbarg unsere Toten. In den ersten Jahren, selbstverständlich vor meiner Polizeiperiode, saß ich ein paarmal kurze Zeit, später wohnte ich nur mehr als Gentleman, bezog ein anständiges Gehalt vom Staate, aber ein dreifach größeres von unserer Verbindung. Da kam ein Tag, und es war plötzlich aus. Ein Einbruch in den Tower, um eines unserer Häupter aus dem Gefängnis zu befreien, mißlang. Nun war es mein Amt, dasselbe auf diplomatischem Wege zu befreien; da durchbrach ein vermaledeiter Profoß das Gewebe, womit wir die Londoner Polizei so sinnig umsponnen hatten, ich war entlarvt und leider auch gleichzeitig gefangen. Ich war gefaßt auf zwanzig Jahre Kerker, aber England dachte seinem emeritierten Polizeibeamten eine Vergnügungsreise zu. England besitzt in Australien eine Sträflingskolonie – also nach Australien.« – Nach einer Weile, während sich der Erzähler zu sammeln schien und auf ein Kruzifix blickte, das an der Mauer hing, sagte er:

»Morgen will Neu-Süd-Wales eine schöne Ausnahme vom britischen Gesetz machen und einen henken, weil seine Bande den Reisenden Ludwig Leichhardt umgebracht haben soll. Ich sage dir, Priester, ich habe dich nicht rufen lassen, daß ich mich vor dir verteidige, aber das wiederhole ich dir, wie ich es dem Gerichtshofe wiederholt habe, an dem Morde Leichhardt's bin ich so unschuldig, wie der Schächer am Kreuz an Christi Tod. Ich will nicht gehenkt sein, das ist etwas für gemeine Gäuche. Ich will, daß sie mir den Kopf abschlagen.«

Er schwieg hierauf lange. Der Priester erlaubte ihm, fortzufahren.

»Sehr gern,« versetzte der Gefangene, »wenn ich nur zerknirscht sein könnte! Ich fühle in mir nicht genug Reue, mir ist, als hätte es so sein müssen und lebe ich wieder, so handle ich vielleicht wieder so. Darum muß ich aus der Welt gebracht werden, ich selbst beantrage es. – Der Dampfer, auf welchen wir eingeschifft wurden, hieß »Irland«. Mir zum Hohne der Name meines Vaterlandes. Wir nannten ihn aber die schwimmende Hölle. In Wahrheit, das war er. Unser sind an dreihundert gewesen, lauter Verbrecher aus England. Die Aufseher haben uns, um sich auf dem Schiffe der Sorglosigkeit hingeben zu können, in den tiefsten Unterräumen mit Ketten zusammengeschmiedet. Wir sahen viele Wochen kaum einen Sonnenstrahl, unsere halbblinden Rundfenster waren meist unter Wasser. Keine Luft und Nahrung. Leider noch zu viel zum Verhungern. O Voltaire! Hätte dich im Mutterleib der Blitz erschlagen, ich stünde im Dom und trüge prachtvollen Ornat, anstatt in dieser Pestgrube auf dem Weltmeere zu verderben. Mir zur Linken der Nachbar wurde typhuskrank und starb. Wir verheimlichten den Aufsehern seinen Tod, um seiner Portion Nahrung nicht verlustig zu werden, die wir Nächststehenden uns als Erbschaft teilten. Aber der Tote, der nicht zu ihren Ohren kam, kam zu ihrer Nase und wir wurden auf einige Tage gelüftet. Im Indischen Meere ging es ein wenig unstät her und wir wurden durch Stürme südlich, ich glaubte gegen die Kerguelen, verschlagen. Das Schiff mußte an einer Insel landen, um Wasser zu schöpfen. Hier gelang es dreien von uns zu entkommen. Ich war mit ihnen. Es war aber ein böser Gewinn. Wir durchirrten die unfruchtbare Steinwüste. Einer von uns, der nach der finsteren Hölle das grelle Licht und das heiße Sandwehen nicht ertragen konnte, erblindete. Wir hatten Keulen bei uns, um Tiere zu erschlagen und von ihrem Fleische zu leben. Aber die Gegend war tot und starr, soweit das Auge spähte, der Hunger drohte uns wahnsinnig zu machen, da erschlugen wir unsern Blinden … Nach einigen Tagen, als der Vorrat bereits alle oder verdorben war, sann ich nach einer Gelegenheit, auch meinen andern Genossen umzubringen und der hat später kein Hehl daraus gemacht, daß er einen gleichen Anschlag gegen mich im Schilde geführt. Wir trauten einer dem andern nicht; wir hatten in der fürchterlichen Wüste niemand, als uns allein, und wir waren unsere gefährlichsten Feinde. Endlich wurden wir von unseren Soldaten wieder glücklich eingefangen und, beim heiligen Gott, wir setzten uns nicht zur Wehr. Wir kamen endlich nach Australien und landeten in Van Diemens-Land – wir nannten es das Teufelsland, aber im lustigen Sinne, denn in ihm regierte Vater Howe.«

»Howe,« unterbrach ihn der Priester, »so hieß ja der berüchtigte Räuberhäuptling in Tasmania.«

»Ganz richtig, Sir, eben derselbe. Ein Landsmann von mir – hatte ähnliche Schicksale und ich war entschlossen, um jeden Preis unter seine Fahne zu kommen und, wie er, ein gefürchteter Bandenführer zu werden. Aber man war schlau und ahnte, daß Howes Schar auf uns neue Einwanderer eine große Anziehungskraft haben dürfte, wir wurden nach Neu-Süd-Wales eingeschifft. Und in diesem Lande erging es mir so wunderlich, wie sonst nirgends. Wir Sträflinge wurden freigelassen und arbeiteten teils an Häfen, Kanälen, Straßen und Eisenbahnbauten und am Aufbaue der Stadt Sydney. Ich sah bald ein, hier war die Stufenleiter wieder eine andere und ich richtete mich danach. Ich arbeitete und heuchelte und war auch fleißig in der Tat und war verwendbar und machte mich verläßlich. Nach einem Jahre war ich Arbeitsaufseher, nach drei Jahren gaben sie mich und einige andere, die sich brav gehalten, frei. Jeder von uns erhielt ein Stück Land mit Schafen und Pferden. Ich verstand was davon und der Hirte aus Irland wurde ein Squatter am Darlingflusse. Ich baute mir ein Haus auf der Station und baute mir ein Haus in der Hauptstadt. Ich war ein reicher und somit ein ehrenwerter Mann. Ich lebte auch danach und hatte eine laute Stimme in unserem Parlament. Es war gut, ich könnte heute Bürgermeister von Sydney sein; mancher der Deportierten hat es hoch gebracht. Vor allem reich sein, das ist die Hauptsache. Danach handelte ich und wie ist es geworden? – Daß ich heimlich einen schwunghaften Rumschmuggel betrieb – du weißt, daß Rum bei uns verboten war, und daß ich selbst auf meinem Landgut eine Branntweinbrennerei besaß – hätte nicht geschadet, wenn es nur nicht an den Tag gekommen wäre. Mir kostete die Sache mehr als die Hälfte meines Vermögens und ich mußte trachten, es wieder zu ergänzen. Und nun beging ich die größte meiner Taten.«

»So erzähle sie,« sagte der Priester, »aber fasse dich kurz.«

»Kurz? Hast du keine Zeit?« fragte der Gefangene, »du willst dich beklagen und ich zähle mein Leben nur mehr nach Stunden.«

»So erzähle, wie du willst, Hauptsache ist hier die Erleichterung deines Herzens.«

»Es wird nun vom Gold die Rede sein,« fuhr der Irländer fort, »und das ist ein böses Thema. Es war zur Zeit, als Australien auf war, um Gold zu graben. Der Squatter wie der Vornehme, der Fischer wie der Beamte, alles grub Gold. Alle aus der alten Welt anlangenden Schiffe brachten Goldgräber. Viele wurden reich, viele gruben sich das Grab. Noch mehr wurden elend. Auch ich habe gegraben, aber die Lohnarbeiter haben mich betrogen und für meine Person war mir die Wühlerei nicht amüsant genug. Es gibt bessere Mittel, um reich zu werden, als die Arbeit der Hand. Die Spekulation, du errätst es ja. Ich sah, wie sich die goldsuchenden Menschenmassen immer mehr in das Binnenland zogen, während die Lebensmittel, je mehr von der Küste entfernt, je kümmerlicher und ungenügender wurden. Ich verkaufte mein Haus in Sydney und kaufte ganze Schiffsladungen mit Nahrungsmitteln und schaffte sie in Gegenden, in welchen große Goldfunde vorausgesehen werden konnten. Aber die Berichte von neuen Goldgruben schwankten hin und her und die Goldgräber zogen der Fata Morgana nach, gleichviel, ob sie in den wasserlosen Wüsten oder im Scrub verschmachteten. Ein großer Teil meiner Waren lag an einem Nebenflusse des Murray und lief Gefahr, zu verderben. Diese Waren mußten an Mann gebracht werden. Aber wie? Die Gegend war wieder öde geworden, nur die Känguruhs und die Dingohunde durchstrichen den Scrub. – In denselben Tagen war's, daß ein Squatter, nennen wir ihn John Peak, von seinem Bruder am Murrumbidschifluß ein Schreiben erhielt, daß in seiner Gegend, westlich der Blauen Berge, ein unbeschreiblich reiches Goldlager entdeckt worden sei. Ich selbst sah den Brief und machte ihn bekannt. Allsogleich große Aufregung in den Küstenprovinzen und die Leute eilten herbei, um sich bei John Peak des näheren zu unterrichten. Peak kündigte an, daß er gesonnen sei, an einem der nächsten Tage früh mit großen Warenladungen von Lebensmitteln nach dem Murrumbidschiflusse aufzubrechen, wer wolle, der könne sich dem Zuge anschließen. Und siehe, an dem bestimmten Morgen, kaum die Elster ihr Lied sang, war eine große Anzahl von Männern mit Grabscheit und allerlei Arbeitsgeräte zusammengekommen, um sich dem Zuge anzuschließen. Vierzig paar Ochsen waren an schwer beladene Wagen gespannt und diesen schwerfälligen Fuhrwerken folgten die Goldgräber, junge, kräftige, lebenslustige und arbeitsmutige Leute, heiter und hoffend, und so bewegte sich die Karawane den neuen Goldfeldern entgegen. Es war im Januar, also mitten im Sommer. Die Gegend war heiß und wurde von Stunde zu Stunde öder. Das Gras an der Wurzel war zu Heu geworden, die Bäche waren vertrocknet, kaum daß in einzelnen schlammigen Sümpfen Menschen und Tiere ihren Durst zur Not löschen konnten. Die Blätter der Gummibäume hingen welk herab, gaben aber keinen Schatten. – Ich erzähle dir diesen Zug genau, wie er in meiner Erinnerung ist, weil er mir von allen meinen Wegen heute am schwersten auf dem Herzen liegt. Der Weg hatte über Gebirgskämme und Steinflächen geführt, aus denen wir zwar fortkamen – ich war stets dabei, das merke dir – die Ochsen dagegen aber harte Mühe hatten, die schweren Wagen weiterzubringen. Wir mußten Hand anlegen, jetzt vorwärtsschieben, jetzt zurückziehen und dann wiederum die Lasten vor Sturz in die Abgründe bewahren. Einige hatten dem Fuhrwerk bereits auch ihre mitgeschleppten Habseligkeiten aufgebürdet, wofür sich Mister John Peak wacker bezahlen ließ. So hatte die Reise bereits vier Tage gewährt und wir befanden uns nun in einer vollständigen Wildnis, wo weit und breit keine Ansiedlung war, ein dürrer Boden, den wohl noch niemals die Füße eines Europäers betreten hatten.

Der fünfte Tag war ein Sonntag, da wurde Rast gehalten. Es ist aber keine Sonntagsruhe gewesen, die Leute waren unzufrieden und drangen in John Peak, ihnen doch endlich mitzuteilen, wann diese trostlose Gegend ein Ende nehme, wo die Goldfelder wären. John Peak hatte die Ungeduldigen zu vertrösten gewußt von Tag zu Tag und jetzt entgegnete er unwirsch, ob sie denn glaubten, daß er das Goldland herbeizaubern könne? Ob nicht auch er selbst, seine Leute und sein Vieh an dem Ungemache der Reise zu leiden hätten, ob er sie denn gebeten habe, mit ihm zu kommen, ob es nicht reine Gefälligkeit von ihm gewesen wäre, sie mit sich zu führen? Das sprach er vernünftig. Es ließ sich laut nichts darauf entgegnen, jedoch hinter seinem Rücken begannen die Männer zu murren: »John Peak hat den Weg verloren und will es nicht gestehen.« Ob er sich seiner Sache gewiß sei? wurde er befragt. Das wäre er. Er solle noch einmal den Brief seines Bruders zeigen. Er zeigte den Brief und da stand's: Am Murrumbidschifluß ein unbeschreiblich reiches Goldlager gefunden. Der Fluß mußte ja in dieser Gegend sein, nur war er unter anderen Schründen, die sich im wüsten Grunde hinzogen, schwer zu erkennen, da er ausgetrocknet sein konnte. Sie beruhigten sich also wieder. Die Menge der Goldsucher war bereits bis zu tausend Köpfen gestiegen. Das Lager wurde nicht abgebrochen. John Peak sandte Leute aus, angeblich nach der Besitzung seines Bruders. Mittlerweile zehrte die Menge von seinen Vorräten und zahlte ihm hohes Geld. So ging ein Tag um den andern hin und nun erhob sich eine Unruhe im Lager, die nichts Gutes ahnen ließ. Der Argwohn war da: Die ganze Goldgrubengeschichte wäre erfunden. John Peak habe die Leute in die Wüste verlockt, um seine Lebensmittel zu enormen Preisen zu verkaufen. Und in der Tat, die Lebensmittel wurden von Stunde zu Stunde knapper und stiegen im Preise, so daß viele, deren Barschaft zu Ende ging, bereits Hunger litten. Einzelne trennten sich von der Menge los und irrten in Sand und Scrub umher, in der Hoffnung, auf die geträumten Goldfelder zu stoßen. Man soll nichts mehr von ihnen gehört haben.

Im Lager wuchs die Aufregung, es kam zu einer Volksversammlung, in welcher die Vermutung des Verrates offen ausgesprochen wurde. Nach einer stürmischen Stunde schien es sichergestellt, daß die Menge nur in diese Öden geführt worden war, um dem Squatter die bereits im Verderben begriffenen Lebensmittel zu konsumieren. Um aber dem Manne nicht Unrecht zu tun, sondern vollständige Gewißheit zu erlangen, wurde beschlossen, auf Kosten der Versammlung eine Expedition auszuschicken, den vorgeschützten Bruder oder die Goldlager zu finden. John Peak sollte bis zur Rückkehr der Männer strenge bewacht werden.

Am folgenden Morgen wurde die Expedition, mit Lebensmitteln und guten Pferden versehen, abgelassen. Sie durchstrich die rotbraunen Flächen, fand weder Vegetation noch Wasser, weder Weg noch Steg, überall nur die nackten Granitfelsen, stellenweise knietiefen Sand und wirbelnden Staub. Soweit das Auge reichte kein grünes Blatt, kein Grashalm, nach allen Seiten hin nichts als grauer Himmel und brauner Sand.

Heiße Winde aus Nordwesten bliesen da und dort ein finsteres Gewölke heran, aber es waren nicht die willkommenen Wasserdünste, es war glühender Staub. Die Expedition soll viel gelitten haben, stieß aber am dritten Tage auf eine kleine Oase, wo sich eine Schafzucht befand. Es war die Gegend, wie sie von John Peak als der Wohnort seines Bruders verzeichnet worden. Die Männer fanden bei den Hirten freundliche Aufnahme; sie zogen ihre Erkundigungen ein und erfuhren erstens, daß hier kein Mensch wohne, der einen John Peak zum Bruder habe, und erfuhren, daß in dieser Gegend von einem Goldlager weder jemals eine Spur, noch eine Rede gewesen sei.

Die Expedition hatte ihren Zweck erreicht und trat die Rückreise an. Um der gefürchteten Sandwüste zu entgehen, wollte sie eine andere Richtung einschlagen, stieß aber auf grundlosen Morast des Murrumbidschi und auf undurchdringlichen Scrub. Von der Expedition erlagen zwei Mann. Auf der wieder betretenen Sandwüste stand eine weitere Überraschung bevor. Raubvögel umflatterten drei menschliche Leichen, die auf dem Rücken lagen und ihr Antlitz gen Himmel gerichtet hatten. Endlich hatte die Expedition sich zurückgefunden zu den weißen Zelten und sie erstattete Bericht, daß weit und breit kein Bruder des Squatter und keine Spur einer Goldmine entdeckt worden sei.

John Peak hatte den Brief seines angeblichen Bruders selbst geschrieben, um die Leute in die Wüste zu locken und bei ihnen seine Waren abzusetzen – John Peak wurde in aller Form zum Tode verurteilt. –

Der aufgeregten Menge hatte man vor das Zelt, in welchem Peaks Warenlager sich befand, ein Faß Rum gerollt, den Boden eingeschlagen und alles drängte sich vor, einen Becher des Getränkes zu erlangen. Bald war das Faß leer und auch ein zweites, ein drittes, dann wurde mit wildem Lärm das Warenlager gestürmt und jeder nahm, was ihm das Nächste war. Der eine trug einen Sack Reis fort, der andre einen Sack Zucker, der dritte eine Kiste Thee; andere Mehl, Butter, Schinken, Tabak. Jeder wollte sich nun entschädigen, und es ging toll zu im Wüstenlager.

Als man sich endlich nach dem Verurteilten umsah, um ihm zur Krone des Festes sein Recht anzutun, war der Vogel ausgeflogen. – Jetzt sahen sie den Flüchtling auf raschem Renner über die weite Ebene dahinjagen.«

So der Gefangene.

»Ja,« entgegnete nun der Priester, »ich habe seinerzeit von dieser Geschichte vernommen. Aber warum erzählst du nicht von dir?«

»Ja,« sagte der Gefangene: »hast du in John Peak denn nicht mich erkannt? Nicht wahr, dir graut? Mir auch, mein Herr, mir auch.«

»Nun bist du wohl zu Ende?«

»Fast. Was jetzt noch kommt, ist zahm. Ich floh zu den Wilden. Da ich schon früher ihre Sprache erlernt hatte, sie aber in jenem Scrub an mir das erstemal einen Weißen sahen und sich vor mir fürchteten, so gab ich mich für den Geist ihres Stammvaters aus, der aus der andern Welt zu ihnen zurückgekehrt sei, um ihnen zu verkünden, daß ein fremdes, furchtbares Volk gegen sie über das Meer heranziehe, welches den Blitz des Himmels und den Donner bei sich hätte. Sie haben mir geglaubt, haben mich in ihrer Weise angebetet, haben mich in eine große Höhle geführt und mir dort ihre Opfergaben zu Füßen gelegt. Merkst du den Witz des Schicksals? Nun war ich's, was ich einst auf den Heiden Irlands sein wollte: ein Prophet, ein Priester, ein Erzbischof. – Sie brachten mir das beste, was sie hatten, es war für mich kaum genießbar; ich sagte, ich sei bei Speise und Trank die Zubereitung der andern Welt gewohnt und bereitete sie, wie es die Weißen tun. Ich suchte die Wilden für meine Zwecke zu erziehen und galt als ihr Häuptling und Gott, gleichwohl manche unter ihnen waren, die mir nicht zu trauen schienen. Die Furcht hielt sie im Zaume. Ich suchte sie mit dem Speer, mit dem Bumerang, mit der Keule im Kampfe zu üben, um mir ein streitbares Heer gegen meine eigene Rasse heranzubilden.

So groß war in mir der Haß geworden. – Mein Vorhaben, die Wilden zum Kriege zu erziehen, war aber nicht durchführbar. Und weißt du, wer mich bei meiner Gefangennahme am Murray niedergeschlagen hat? Der Wilden einer, mein eigener Waffenträger. Er hätte mich gewiß getötet, wenn ich ihm nicht von den Soldaten entrissen worden wäre. – So bleibt es doch dir, mein alter Vaterstamm, anheimgestellt, an mir dein Richteramt zu vollführen. Jetzt entweiche ich nicht mehr auf flüchtigem Renner, jetzt leugne ich nicht mehr, daß ich schuldig bin, jetzt will ich nur eins, o Menschen, nur dieses eine versagt mir nicht!«

»Was ist dein letzter Wunsch?« fragte der Priester.

»Es ist der: Ich will nicht erwürgt werden mit dem Strick, ich möchte langsam, langsam sterben und mein Blut geben.«

Am nächsten Morgen, als der rote Schein lag über den Wässern des Ostens, wurde der Gefangene aus dem Kerker geholt und in den Hof des Gerichtsgebäudes geführt.

Als der Todgeweihte mitten im Hofe den Galgen sah und den Henker daneben, stürzte er sich kopfüber auf das Steinpflaster – und das rote Blut entströmte dem zerschmetterten Haupt.