Das Weihnachtsfeuilleton.

»Die alten Germanen feierten zur Wintersonnenwende aus Anlaß der Umkehr des feurigen Sonnenrades – angelsächsisch: hveol, altnordisch: hiol oder jule – das Julfest, und zwar in der Zeit vom 25. Dezember bis zum 6. Jänner, als an welchen Tagen Wuotan und Berchta in den nordischen –«

»Was schreiben Sie denn da, Doktor?« unterbrach der Chefredakteur und Eigentümer einer Provinzialzeitung seinen jungen Journalisten.

»Nun, das Weihnachts-Feuilleton, welches Sie mir erst gestern auferlegt haben, als ob wir nicht den ganzen Dezember über mit Bestimmtheit darauf hätten rechnen können, daß sich auch dies Jahr die Weihnachten präzise wie immer einstellen würden.«

»Ich rechnete aber auch mit Bestimmtheit darauf, daß irgendein Blatt zur Vorfeier einen Artikel bringen würde, den wir hätten benutzen können. – Machen Sie sich übrigens nicht die Mühe, das Ding abzuschreiben, geben Sie offen den Band des Konversations-Lexikons mit dem Artikel ›Weihnachten‹ in die Druckerei.«

»Gut,« sagte der junge Journalist, schnellte den Band über den Bücherhaufen hin und geflissentlich auf die Photographie eines reizenden Mädchenkopfes, daß solche den Augen des Alten verborgen sei. »Gut, so werde ich einen Aufsatz über Weihnachtsgebräuche in den Alpen schreiben, von der Christmette, dem Krippel, den alten Hirtenliedern, von den zwölf Nächten, von dem Dreikönigssingen, von dem –«

»Lassen Sie das, es ist leergedroschenes Stroh, es fällt auch nicht ein Körnchen mehr heraus,« sagte der Chefredakteur.

»Also Weihnachten in der Großstadt, oder Weihnachten auf dem Meere oder in Rom, oder irgendwo, oder Weihnachten der Armen, oder auch Weihnacht eines alten Junggesellen, der –«

»Alles abgebraucht, lieber Freund. Sie sind zu den Zeitungsschreibern gegangen und haben keine Phantasie,« rief der Chef und ging mit verschränkten Armen rasch im Zimmer auf und ab. »Weihnacht ist ein Familienfest, da wollen die Leute etwas Gemütliches, Idyllisch-Heiteres, Naives haben, oder Rührsames, Erbauliches – irgend ein Festglockenläuten.«

Er blieb plötzlich vor dem jungen Doktor stehen, als ob ihm eine Idee gekommen wäre. »Schreiben Sie etwas über Menschenliebe!«

Der andere lachte auf.

»Gibt es denn da etwas zu lachen?«

»Nein, wahrhaftig nicht,« versetzte der Doktor. »Ich werde schreiben. Schreiben über die Liebe, die Gottes Sohn auf die Erde gebracht hat und die seither unter den Menschen waltet. Nämlich einen ganzen Tag im Jahre. Denken Sie sich ein Christfest, das zwei Tage dauern würde. Wie fatal! Drei Tage, das wäre schon unmöglich. An die Gaben und Liebesbezeigungen des Weihnachtsabends knüpft man rasch die Unzufriedenheit, die Mißgunst und Falschheit für die nächsten 364 Tage.«

»Vergessen Sie nicht, daß es auch Schaltjahre gibt,« bemerkte der alte Chef launig.

»Mit Ausnahme des einen Tages, des Christtages, wird jedes immerhin noch ein sehr gemeines Jahr sein,« gab der Doktor zurück. »Das Weihnachtsfest ist der Tag, an dem die Menschheit bei sich selbst den Etikettebesuch macht. Das Weihnachtsfest ist der einzige Tag, an welchem Geben seliger ist als Nehmen, weil der Geber auf eine größere Gegengabe rechnet. Die religiöse Weihe, als den Goldstaub dieses Festes, hat eine windige Volksaufklärerei längst weggeblasen – und so ist die moderne Gesellschaft jener unselige Vogel des Märchens, der sich mit raublustigem Schnabel das eigene Herz aus dem Busen hackt. Die Kinder selbst werden an diesem Tage das erstemal zu Heuchlern und lügen einen Glauben an das erscheinende Christkind, »damit es recht viel bringe«. Was bleibt an Poesie noch übrig? Der gestohlene Tannenbaum mit dem Flitter?«

Der Chef blickte den jungen Mann, der, regungslos im Sessel lehnend, halb geschlossenen Auges solche Worte vor sich hingestoßen hatte, mit Teilnahme an und sagte: »So habe ich Sie bisher nicht gekannt, Doktor! Das ist nicht mehr derselbe Bursche, den ich vor ein paar Jahren bei einem Studentenkommers die von lebensfreudigstem Idealismus getragene Rede halten hörte!«

»Ach, gehen Sie mir mit diesem Studenten-Idealismus! Lebensfreudig, ja, solange es Geld und Bier gibt. Der wahrhaft edle Pathos für Freiheit, Brüderlichkeit und Nationalität schrumpft im Kampfe um die persönliche Existenz oder im bald sich einstellenden Haschen nach Geld und Würden armselig zusammen. Das Ideal von der Freiheit, es ist himmlisch groß und soll im Vereine mit der Liebe ja noch die Welt erlösen; aber in den Köpfen und Händen unerfahrener, verführter, leidenschaftlicher Menschen wird es so leicht zur Empörung gegen Obrigkeit und Gesetz. Der Weg der freien Selbstbestimmung ist schmal. Wie edel ist es, sein Ich zu kräftigen und zu vervollkommnen, und wie niederträchtig ist der Egoismus! Wie groß ist die Vaterlandsliebe und wie gefährlich das aufgehetzte Nationalgefühl! Dieses Nationalgefühl gießt Bleikugeln. Sonst hieß es: Die Fürsten machen Kriege. Heute macht sie das Volk; in den Zeitungen steht's zu lesen, in den Vereinen wird's gelehrt, im Parlament wird's besiegelt.«

»Das ist alles wahr,« entgegnete der Chefredakteur, »doch vergessen Sie nur auch in langen Winternächten nicht, daß auf unserer Erde die Sonne nicht untergeht.«

»Auch die Kirchenglocken,« fuhr der Doktor fort, »versprechen in diesen Tagen den Menschen auf Erden Frieden. Am nächsten Tag, als am Stephanitag, wissen sie schon anderes, zu Ehren des Erzmärtyrers rufen sie die Gläubigen zum unversöhnlichen Kampf gegen alle Andersglaubenden.«

»Lieber Freund,« unterbrach der Chef den Sprecher, »Sie sind krank, Sie denken krank, Sie sprechen, als ob Sie Hunger hätten. Nur Geduld! Abgesehen von dem Weihnachts-Feuilleton, das Sie in solcher Stimmung nie werden schreiben können, sind Sie recht verwendbar und habe ich auch die Absicht, von Neujahr ab Ihren Gehalt neuerdings zu erhöhen. –«

»Sie würden es nicht tun, wenn Sie unter gegenwärtiger Ablöhnung meiner sicher wären.«

Da trat eine Pause ein. Der Doktor schliff mit seinem Fingernagel die Federspitze glatt. Der Chef rieb die Augengläser rein, die auf seiner Stirne angelaufen waren.

»Sie sind heute herb, lieber Freund,« sagte er endlich. »Sie müssen etwas Kratzendes auf der Seele haben. Vielleicht sollten Sie heiraten.«

Der Doktor richtete sich ein wenig auf und blickte den alten Herrn verwundert an. Es war eigentlich ein hübscher Kopf, den er hatte, dieser Doktor. In seiner Haltung, in seiner losen Haarfrisur, in seinem kecken Schnurrbärtchen lag noch etwas Studentisches, aber sein Auge war schwermütig. So jung er war, sah er doch schier aus, wie einer jener wenigen Zeitungsschreiber, die nicht bloß zu schwätzen, sondern auch etwas zu sagen wissen – und zu sagen haben. Die Zeitung, der er gegenwärtig diente, war aber eine von denen, die fortwährend schwätzen, damit sie nichts sagen müssen. Darum hatte sie einen großen Leserkreis und darum hatte sie ihren Eigentümer zum reichen Manne gemacht.

»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,« sagte nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube, die Ursache, daß ich kein Weihnachts-Feuilleton schreiben kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest nicht liebe, nicht empfinde – weil mir dazu das wichtigste Ingrediens fehlt – die Familie!«

»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr ablenkend.

»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen Mädchen,« sagte der Doktor.

»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei.

»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle Eigenschaften hätte, um einen glücklichen Gatten zu machen und Kinder vortrefflich zu erziehen. Und dieses Mädchen käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des Weihnachtsfestes eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem Beifall entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise einen sehr wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein begreiflicherweise nur an einen wohlhabenden oder sonstwie hochstehenden Werber abtreten möchte, da haben Sie einen Konflikt, –«

»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef. »Ein Feuilleton muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls ein seltsames Geschehnis aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig psychologische Eigenheiten, lächerliche Schwächen, rührende Vorzüge der Menschen wiedergeben. Die besten Feuilletons aber sind immer die, in welchen gar kein Inhalt ist – wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus ein prächtiges Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken nach Belieben, und dabei mögen Sie lernen, daß nicht alle Menschen eigennützig sind, wie Sie glauben und sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben werde. – Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet hatte, war ich noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins Geschäft stecken, das damals in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung bestand. Da konnte ich noch nicht viel für das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir jungen Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen auf, wie es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann. Ich freute mich wie ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken zu überraschen, während sie für mich nichts haben sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und ihre kleine Verlegenheit. Einige Tage vor dem Feste ging sie still, aber in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum brannte, und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie an der Ecke des Zimmers zusammen und begann zu weinen. Das ganze Weihnachtsfest war ihr verdorben, weil sie mich nicht beschenken konnte. Und das ist der Gedanke, den ich Ihnen zur Verfügung stelle.«

»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des Mannes, der sich selbst den Spaß machen will und an anderen das Bedürfnis zu geben ignoriert.« So der Doktor.

»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur. »Doch so spitzfindig muß man die Sache nicht nehmen, sonst löst sich das beste Herz in lauter Egoismus auf. – Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt habe, ist übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an der Kasse des Mannes, um ihn zu beschenken.«

»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor.

»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein. Nehmen sie eine Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y., wenn ich bitten darf, denn dieser Buchstabe ist im Petit der Druckerei momentan nicht vorhanden. Das Diebstählchen sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit Leben und Spannung in die Sache.«

»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen wir unseren Lesern einmal eine einfache, edle Empfindung zu. Ich lasse das Weib an der Ecke des Zimmers weinen, weil sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude machen konnte. Nichts sonst. – Das wirkt.«

»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen Gesellen!« sagte der Chef munter. »So geht's mit unseren heutigen Burschen, schwarz-pessimistisch im Räsonieren und kindlich-optimistisch im innersten Empfinden. Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie mir Ihren Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.«

»Es soll ein Feststück werden,« sagte der Doktor mit Lebhaftigkeit. »Vor allem ganz klar ist mir schon der Schlußsatz: Glücklich der Mann, der ein solches Weib sein Eigen nennt, und dreimal glücklich der, welcher einer solchen Mutter Tochter gewinnt!«

»Will mir nicht gefallen. Gefällt mir nicht,« sagte der Chef, indem er sich anschickte, in seinen Biberpelz zu kommen. »Anklang an eine Liebesgeschichte! Paßt nicht für ein Familien-Feuilleton, das man zum Kaffee muß vorlesen können.«

»Herr Chef,« sagte der Doktor und richtete sich endlich einmal von seinem Stuhle auf. »Es ist toll, was wir da reden. Ich habe Ihnen was anderes zu sagen. Sie halten so große Stücke auf die Uneigennützigkeit und Menschenliebe. Nun soll sich's zeigen. Es soll sich zeigen, ob ein Mann der guten Durchschnittssorte Geld und Titel wirklich höher achtet, als die Neigung und Wahl seiner einzigen Tochter, als das redliche Herz eines armen Teufels, der's auch einmal versucht, sein Anrecht an diesem schönen Leben zu erobern, der sich ein bescheidenes Haus gründen möchte als Zuflucht vor den hohlen Promessen und kompakten Torheiten einer zerfahrenen Welt. – Hier!« Er warf die Bücher auf dem Tische auseinander. »Hier unter diesem vergilbten Menschenwitz, unter dieser staubigen Weltweisheit ist mein Schatz begraben. Hinweg, ihr gelehrten Lexika, hinweg ihr Humboldts und Darwins und auch du, alter Grimm – wisset alles und wisset nicht, was die Liebe ist!« Er hob eine Photographie empor: »Kennen Sie das?«

»Wie kommt dies Bild auf Ihren Schreibtisch?« fragte der alte Herr.

Der Doktor legte es wieder hin, stellte sich schier herausfordernd vor seinen Chef und sagte leise: »Sie hat mir's selbst gegeben. – Sie schweigen. Sie ahnen als braver Mann, was Sie tun sollen und suchen als schwacher Mensch Ausflüchte, es nicht zu tun. Ich weiß, Sie wunderten sich, daß Ihr sonst so frisches Töchterl seit einiger Zeit verschlossen und traurig ist. Weil es mutlos ist, sie kennt Ihre Absichten mit dem alten Hofrat. Ich bin nicht mehr mutlos, seit ich Ihnen offen gegenüberstehe – ein Mann dem Manne – und mit dem Rechte des Mannes von Ihnen meine Braut begehre!«

Der Chef ließ den Pelz von der Achsel wieder auf das Sofa gleiten, stützte sich an die Tischecke und fast stöhnend antwortete er: »Doktor! Wie Sie mich doch jetzt erschreckt haben!«

Dieser stand da, preßte die linke Faust an die Brust, die rechte Hand hielt er offen hin: »Herr! Sie kennen mich seit fünf Jahren, Sie wissen, was ich bin und wie ich bin – geben Sie mir das Mädchen!«

»Sie werden begreifen –« stotterte der alte Herr, und das ist in solchem Falle fast allemal eine schlimme Einleitung; doch er sagte nur: »Sie werden begreifen, daß ich jetzt – in diesem Augenblicke – nicht vermag, zu antworten. – Kommen Sie doch morgen abends zu uns. Um sechs Uhr zünden wir den Christbaum an!«

Nach diesen Worten machte er sich eilends davon.

Der Doktor brach schier zusammen an seinem Tische, als wäre ihm weiß was Leides widerfahren. Ein Sturm von Küssen ging nieder auf das kleine Bild. – Der Arme hatte schon lange nicht mehr geweint, nicht mehr weinen können; er hielt das Weinen nur für ein Vorrecht der Kinder, für eine Gnade der Glücklichen. Jetzt war auch er dieser Gnade teilhaft geworden. Was ihm das Christkind bescheren wird – es ist leicht zu erraten.

Und als er ruhig geworden war, machte er sich daran und schrieb das Weihnachts-Feuilleton über die Menschenliebe.

Um solchen Preis hätte ich's auch getan.


Wie ein steirischer Schullehrer
die Schlußvorstellung des Burgtheaters besucht hat.

Vor Jahren erhielt ich von meinem alten Freunde, dem Schullehrer zu Oberschachen, einen Schreibebrief, der sich auf ein öffentliches Ereignis in Wien bezog und vielleicht noch immer ein wenig innern dürfte.

Der Brief lautet:

»Lieber Freund!

Du wirst Dich wundern, daß ich Deiner Einladung, mit Dir auf mehrere Tage ins Unterland zu der Weinlese zu reisen, nicht nachgekommen bin. Ich hatte mich wahrlich schon darauf gefreut; ein alter geplagter Schulmeister hätte der mehrfachen Labung wohl vonnöten gehabt. Aber das Pülverchen, welches ich mir im langen Jahr über für die Schulferien zusammengetan, sollte auf ganz andere Art verpufft werden. Es geschieht mir eigentlich recht, und Torheit muß eine große Sünde sein, weil sie immer bestraft wird.

Du weißt, daß schon seit Wochen von der bevorstehenden Schließung des alten Burgtheaters in Wien die Rede war. Frau Muse muß ja auch einen Ringstraßenpalast haben. Die Schließung des alten Burgtheaters hat mir Herzeleid bereitet. O schöne Zeit, als mich, den armen Studenten, das Burgtheater zum Verschwender meiner irdischen Güter gemacht hatte! Meine väterliche Munifizenz hatte mir täglich für das Nachtmahl die Mittel auf ein paar Würste ausgeworfen: ich ging stets hochvergnügt ohne sie schlafen, um von dem Ersparnis mir am Sonntag meinen Galeriestand im Burgtheater zu erwerben. Wenn ich mich um zwei Uhr nachmittags am Tor anstellte, so hatte ich reichlich vier Stunden Zeit, um, das Buch in der Hand, die Schulgegenstände zu lernen oder zu wiederholen, was freilich mitten in dem Gedränge, das sich gegen Abend einstellte, einer gesteigerten Sammlung des Geistes bedurfte. Endlich knarrte das Tor, begann der kurze, aber rasende Wettlauf durch die dunklen Gänge, über die winkeligen Treppen; bald war ich festständig auf der vierten Galerie, und es begann die olympische Seligkeit. Wagner, Löwe, Beckmann, Anschütz, Rettich waren da, aber ich sah keinen Schauspieler, ich sah und hörte und fühlte nur die Gestalten der Dichter; für Schiller, Shakespeare, Calderon, Grillparzer usw. hegte ich eine geradezu religiöse Andacht. Diese Burgtheaterbesuche haben mich dazumal emporgehoben über meine Bettelstudenten-Existenz, ja mich sozusagen in die Region der größten Geister eingeführt. In der Welt habe ich's nicht so weit gebracht, als ich es zu bringen damals den Anschwung nahm, aber bei den Unsterblichen bin ich heute, nach mehr als vierzig Jahren, noch ein wenig heimisch.

Als nun der Tag der Burgtheaterschließung näher und näher rückt, werde ich unruhig, und plötzlich ist der Entschluß da: Opferst dein für die Ferien bestimmtes Scherflein, reisest nach Wien zur letzten Vorstellung, damit du das alte Theater noch einmal siehst, welches das Glück und die Liebe deiner Jugend war. So bin ich am Donnerstag abends richtig in Wien. Mein erster Gang ist in die Vorstadt Landstraße; obzwar die alte Frau nicht mehr lebt, bei der ich einst meine Kammer gehabt, so wußte ich doch, daß Verwandte von ihr da seien, bei denen ich vielleicht ein billiges Nachtquartier erlangen konnte. Aber ich finde keine Verwandten, ich finde auch das Haus nicht, ich finde die Gasse nicht, und da sehe ich, daß der ganze alte Stadtteil dahin ist, und daß auf dem Platz lauter Paläste stehen. Anfangs erschrak ich, dann mußte ich lachen über mich selbst, der doch so oft von den Veränderungen gelesen und gehört, die in Wien vorgehen; weshalb hätte gerade das alte Haus in der Marxergasse auf mich warten sollen! Ich bin hierauf lange in der Stadt umhergestrichen und habe bei mir überlegt, ob ich es mit einem Hotel wagen dürfe oder nicht. Man hört halt immer von großer Teuerung, und ich weiß noch nicht, wie viel der morgige Tag kosten wird. Auch eine mögliche Erhöhung des Theaterkartenpreises dürfte mich nicht unvorbereitet finden. Endlich dachte ich, sicher wäre sicher und ging in ein Kaffeehaus, da hatte ich Jause, Nachtmahl und vielleicht auch Nachtquartier auf einmal. Man liest ja doch, daß in Wien Kaffeehäuser die ganze Nacht offen bleiben, also nimmt man eine Schale Mokka – denke ich – raucht seine Pfeife, liest Zeitungen, und so vergeht die Zeit. Vielleicht, daß man sich gegen Morgen ein wenig auf die Bank legt, um für den nächsten wichtigen Abend frisch und munter zu sein.

Im Kaffeehause an einem Nebentisch höre ich einige Herren über die morgige Schlußvorstellung im Burgtheater sprechen. Da meint der eine, das Galeriepublikum dürfte sich morgen wohl schon zu Mittag anstellen müssen, um hinein zu kommen. Darauf sagte ein junger Mann, er habe gehört, daß sich schon im Laufe des Vormittags Leute anstellen würden, er selbst habe die Absicht, schon um acht Uhr beim Tore zu sein. Einen Tag könne man doch wohl opfern für diesen Abend, der nicht mehr wiederkehren wird. – Sehr wahr! nickte mein Kopf, und ich komme dir doch zuvor. – Mehrmals hatte ich schon auf eine der mit rotem Sammt überzogenen Bänke hingeschielt, wo ich mich später niederzulassen gedachte.

Ungefähr bis ein Uhr mochte ich mich mühsam durchgeraucht, durchgelesen und durchgegähnt haben, da kommt der Kellner, oder wie sie ihn im Kaffeehause heißen, und bedeutet mir, daß das Haus gesperrt würde. »Ich weiß es,« sage ich, »darum bin ich eben da und will bei der letzten Vorstellung sein.« Das Kaffeehaus würde gesperrt, belehrte der Kellner, es sei die Polizeistunde. Mein Ansuchen, ob ich mich – mit ausgezogenen Stiefeln natürlich – wohl auf eine der Bänke hinlegen dürfte, wurde abschlägig beschieden. So zahlte ich meine kleine Sach' und ging. Ist ja auch kein Unglück; man nutzt Zeit und Weil, geht spazieren, beleuchtet ist's, man sieht immerhin etwas, und so wird die Nacht recht gut vergehen.

O Herr und Freund! Die Nacht verging, aber wann! Man weiß es erst, wie lange der Mensch schläft, wenn man warten muß, bis er wach wird. Um vier Uhr beginnt freilich schon das Knarren der Wägen, aber man sieht auch, daß um diese Stunde noch immer Leute nach Hause gehen, bei denen die Nacht erst anhebt. In der Stadt kehrt man die Kappe nämlich um: für den Tag hat man schwere Fenstervorhänge, damit die Sonne nicht herein kann, um den Schlaf zu stören; für die Nacht erfindet man das elektrische Licht.

Endlich und endlich wird es über den Hausdächern grau. Ich kaufe mir in einem Greißlerladen ein paar Knackwürste und ein Brotlaibchen und gehe nun damit langsam dem Burgtheater zu. Dort herum ist es noch fast ganz so wie einstmals; klein und unscheinbar steht es da und duckt sich unter das schützende Dach des Kaiserhauses. Ich finde mein Tor und stelle mich an. Es schlägt halb sieben. Jetzt wird's licht. Bis es wieder finster wird, ist der Einlaß. Ich bin sehr glücklich, nur kam mir, als ich so dastand, das Bedauern, daß ich den schwarzen Stadtrock angezogen hatte und nicht den Lodenmantel; das gab sich aber bald, um acht Uhr waren unser schon so viele, daß wir einander anwärmten, denn wir hatten einen geschlossenen Körper zu bilden, welchen neu Dazukommende nicht zu sprengen vermochten. Anfangs regte sich gegen jeden neu Anstehenden eine Art von feindlicher Gesinnung, denn er ist ein Konkurrent und wird den Kampf erschweren; allmählich macht man untereinander Bekanntschaft und plaudert über mancherlei. Die verschiedenen Passanten, die Burgwache, vorüberrollende Hofwägen geben Anlaß zu allerlei Unterhaltung. Das Hauptgespräch bildete an diesem Tage das Burgtheater. Alte Erinnerungen an seinen großen Gründer, den Kaiser Josef, an die Dichter, die in diesem Hause vorgeführt wurden, an die genialen Künstler, die da wirkten.

Eine ganze Kulturgeschichte zog vorüber an dem geistigen Auge derer, die bei diesem unscheinbaren Tore standen. Und einer tat die Bemerkung, es gäbe in der großen Wienerstadt kein Haus, von dem so viel und so edler Idealismus ausgegangen sei für Stadt und Reich, als von diesen schlichten Mauern. Die Welt habe ihr Auge und ihr Herz hierher gewendet, und der Genius der Menschheit habe seinen Jüngern hier über ein Jahrhundert lang Stelldichein gegeben. – Ein graubärtiger Alter wies auf den Glücksstern, der über dem Hause stets geleuchtet habe. Während andere Schauspielhäuser mit prunkendem Hochmut aufgerichtet wurden, die Kunst für den Tagesgeschmack herrichteten, um damit Geldgeschäfte zu treiben, und so geräuschvoll, wie sie entstanden, niedergebrochen waren, bewahrte dieses Haus in stiller Weihe seine ewigen Güter, und kein Unheil fand den Mut, an seine Pforten zu pochen. Selten endet ein Schauspielhaus eines natürlichen Todes; viele dieser Gebäude geben sich so leidenschaftlich mit Glanz, Glitzer, Blendwerk und buntem Schimmer ab, bis sie selbst endlich aufgehen in einem furchtbar herrlichen Feuerwerke. Das Burgtheater hütete seine Ampel treu, bis der neue Altar fertig war, auf den es sie hinstellen konnte, um dann selbst mit würdevoller Sicherheit eines edlen Greises zur Ruhe zu gehen. – Ein Mensch, welcher nur der Hetze wegen dazustehen schien, weil er mit allem, was ringsum vorging, seine flachen Späße trieb, erklärte solche Bemerkungen für »Burgtheater-Phrasen«, während ich den Männern, die so gesprochen, hätte die Hand drücken mögen.

Nachdem zu Mittag die Burgmusik uns die Zeit verkürzt hatte und abgezogen war, aß ich mein Mittagsbrot. Gegen Abend wurde mir von Stunde zu Stunde wärmer, und ich legte meine Hand an die Türschnalle, wendete kein Auge mehr von der Pforte, als müsse sie sich jeden Augenblick auftun.

Mittlerweile war die Menge und das Gedränge der Wartenden gewaltig geworden, auch Frauen und Kinder darunter, die mit lauter Stimme manchmal alle Heiligen anriefen vor Angst, erdrückt zu werden. Ich wurde steinfest an das Tor gedrängt. Fünf Uhr war schon lange vorbei. – Diese Stunde war die längste; wir nahten der sechsten, da knarrte das Tor und ging auf. Ich wurde nachgerade hineingestoßen. Und an der Kasse, da habe ich meine Geldbörse nicht! Ich suche im Rocksacke, im auswendigen, im inwendigen, im Beinkleid – ich finde sie nicht! Und während ich noch suche und suche, werde ich zur Seite gedrängt, und alles, was hinter mir gewesen, rast an mir vorüber. Mir war schlecht bis zum Sterben. Nach der Polizei wollte ich rufen, aber ich brachte vor Entsetzen kein lautes Wort heraus. Nach einer Weile, als ich, den kalten Schweiß auf der Stirn, an der Wand lehnte, kam ich endlich so weit zu mir selbst, daß ich mit einiger Fassung meine Taschen neuerdings durchsuchen konnte, und da steckt die vermaledeite Geldtasche wohlverwahrt im Westensack, wo ich aus Besorgnis vor Verlust sie freilich selbst hingesteckt hatte. Aber was nutzt's, an der Kasse ist keine Karte mehr zu haben. Ich stehe mit gerungenen Händen: »Ein Platzel wird doch noch sein im ganzen Haus! Ich zahle dafür, was ich habe!« Dieses höllische Achselzucken von dem Manne! Ich vergesse es nimmer. Und ein Gefühl war in mir, als sei von diesem Augenblicke an mein Leben zwecklos. Wenn mir die Geldtasche wenigstens gestohlen worden wäre! Aber zum Unglücke auch noch das Bewußtsein der eigenen Dummheit, das war das allerschrecklichste.

So stand ich jetzt in der dämmerigen Vorhalle, und drinnen spielten sie Goethes »Iphigenie«. Ich legte das Ohr an die Wand, ob denn nicht ein einziger Laut zu erhaschen wäre. Ach, die Glücklichen, die drinnen sind! Und die reichen Leute, wie gut haben sie es! Da fahren sie im letzten Augenblick an, setzen sich auf ihre bequemen Sessel, wo man alles aufs beste sieht und hört, und keiner denkt an den armen Schulmeister, der aus den fernen Bergen hergekommen, um unter Darben und Kümmern auch nur das bescheidenste Plätzchen zu erringen, und dem es trotzdem mißlungen war. – Ich muß es wohl sagen, die hellen Tränen sind mir übers Gesicht geronnen.

Ich bin aber nicht hinaus, sondern habe gewartet, daß vielleicht doch ein Wunder vom Himmel falle und mich hineinführe. Aber es fiel keines vom Himmel. Lange betrachtete ich die Stücke einer Holzbrüstung, welche die Hineinstürmenden zertrümmert hatten. Jetzt kann hier ja alles zertrümmert werden, sie brauchen nichts mehr. Diese Trümmer brauchen sie auch nicht. Es kam mir der Gedanke, ein Holzstück mitzunehmen, als Andenken an das alte Burgtheater. Ich könnte mir daraus ja Bilderrahmen oder dergleichen schnitzen. Gedacht, getan; als ich jedoch das Holz in der inneren Rocktasche bergen will, stehen zwei Wachleute da, um mich festzunehmen. Im ersten Augenblicke war ich fast gewillt, die Nacht über unter behördlichem Schutze zu bleiben, allein eine Stimme in mir sagte: »Nein, Franz, dich einsperren lassen! So darf das alte Burgtheater für dich nicht enden.« – Ich gab daher der Wahrheit gemäß an, wer ich bin, weshalb ich hergekommen war und warum ich das Stück Holz mit mir nehmen wollte. Hierauf besprachen sie sich eine Weile, und ich begann schon zu hoffen, die Sache könne eine günstige Wendung nehmen. Aber es kam nichts weiter heraus, als daß ich fortgewiesen wurde und das Holztrumm mitnehmen durfte.

Also nahm ich Abschied von dem Hause, zu welchem ich auf weitem Wege wie auf einer Wallfahrt hergekommen war. Habe Dank, du geliebtes Haus! Habe Dank, du geliebtes Haus! Anderes konnte ich nicht mehr denken. So taumelte ich auf die Gasse.

Auf dem Kohlmarkt war noch ein Bildergeschäft offen. Um das Geld, welches für den Eintritt bestimmt gewesen, kaufte ich mir die Porträte von Shakespeare, Schiller und Lessing. Hierauf machte ich einen Spaziergang über den hell erleuchteten Ring. Als ich an das Gebäude kam, das sie von jetzt an das Burgtheater heißen werden, stand ich ein wenig still. Da ragte es vor mir, weiß und kalt. Was wird es nützen, wenn auch die großen Schauspieler mit den Klassikern hier einziehen, wenn die Zuschauer nicht mehr so gläubig sind als einst! Es soll herrlich sein in dem neuen Hause. Ich werde diese Pracht wohl niemalen sehen; ich bewahre mir nur die Erinnerung an das alte Burgtheater, wo die Begeisterung meiner Jugend gewesen.

Auf der Wieden kehrte ich in einem Gasthofe ein; jetzt war gar keine Ursache mehr, so ängstlich zu sparen, morgen früh geht's heimwärts. Aber als morgen früh kam, war ich ein armer Mann geworden. Das Zimmer, dessen Preis im Vorhinein vereinbart worden, hätte mich noch nicht ruiniert, allein das Service, die Bougie und wie all diese schönen Dinge heißen, deren Sonderberechnung man sich in der ehrlichen deutschen Sprache nicht zu nennen getraut, haben mich wirtschaftlich herabgebracht; endlich das Stubenmädchen, das bei meinem Scheiden die hohle Hand herhielt, der Kellner, der die Hand herhielt, der Hausknecht, der die Hand herhielt und der Portier, der auch die Hand herhielt, haben mich selbst zum Bettler gemacht. Kaum konnte ich noch eine Eisenbahnkarte bis Mürzzuschlag erschwingen; in Neustadt als Frühstück und Mittagsmahl ein Paar Frankfurter gehörten so gut wie das Burgtheater bereits der idealen, mir unerreichbaren Welt an.

Mich verdroß es nicht, 's ist einmal so der Welt Lauf. Nur gesund nach Hause kommen! Dann lese ich meine Dichter, und alles ist gut. Im Mürztale wußte ich einen befreundeten Amtsbruder, bei dem ich vorsprechen wollte und der mir schon aus der Not helfen würde mit einem Zehrpfennig für den Rest meiner Heimreise per pedes. Damit mir aber mein Unstern bis zu Ende treu bleibe, mußte der Amtsbruder auf Ferien verreist sein. Jetzt war ich glücklich daran, daß ich in einem Bauernhause um einen warmen Löffel Suppe bat, der mir auch ohne weiteres geschenkt worden ist.

Am vierten Tage meiner Reise, die weniger reich an Vergnügen, denn an Erfahrung war, bin ich nach Hause gekommen, um nun den übrigen Rest der Ferien in stiller Beschaulichkeit zuzubringen.

So weißt du es, lieber Freund, wie es kam, daß ich mit dir nicht ins Weinland fuhr. Mein Mißgeschick habe ich verwunden und gestatte dir, daß du mich recht auslachen darfst. Wenn du einmal zu mir kommst, will ich dir die schönen Bilder von Shakespeare, Schiller und Lessing zeigen, zu denen ich aus dem Holze der Brüstung Rahmen geschnitzt habe, damit ich auch fürder mich freuen und erbauen kann an unseren Klassikern im Rahmen des Burgtheaters.«