Philippus der Hasser.
Das war ein Unhold, dieser Philipp in der Lacken, Gott, das war ein Unhold!
Er soll kohlschwarzes Haar und feuerroten Bart gehabt haben und dieses ungewöhnlichen Aussehens wegen allein schon gefürchtet worden sein. Sein Geschlecht war in dem Tale der Friesen, das breit und fruchtbar ist, uralt angesessen. Der Name »in der Lacken«, den es trug, stammte von seinem Hofe her, der wie eine kleine Ritterburg auf der Insel eines großen Teiches stand, damit er geschützt sei gegen die Feinde, von denen besonders der Philippus rings umgeben war. Die Leute nannten den Teich in verachtender Weise die Lacken, und der Philipp mit seinem Anwesen war ihnen wie die Kröte drin, aber das sagten sie nicht laut, denn der Mann war seines Reichtums und seiner zahlreichen Untergebenen wegen sehr mächtig und sehr böse.
So wie der Philippus das Haar eines Romanen und den Bart eines Germanen trug, so ähnlich mochte auch sein Blut mit den Eigenschaften der beiden Völker gemischt sein. Manchmal, wenn die guten Seiten mehrerer Völker zusammenkommen, gibt es herrliche Menschen; wenn gemischte Eigenschaften sich wieder mischen, entstehen unberechenbare Charaktere; und wenn die schlimmen Neigungen verschiedener Rassen sich vereinen, dann werden Ungeheuer geboren, wie sie aus ungemischtem Blute kaum hervorgehen können.
In Philippus hatte sich vereinigt die religiöse Entartung der Romanen und der Germanen: die Schwärmerei des Katholizismus und die Grausamkeit des Heidentums. Er war, so bildete er sich selbst ein, strenger Christ, er betete, er fastete, er hüllte sich an Sonn- und Feiertagen in einen grauen Büßermantel, in welchem er sich auf dem Kahne über den Teich rudern ließ und in welchem er in der Kirche nächst dem Hochaltare auf dem Betstuhle kniete. Er übte die strengste Enthaltsamkeit und verlangte solches auch von seinen Untergebenen. Nur eines vergaß der fromme Philippus, er vergaß der Liebe. Weil er aber doch ein heißes Herz in der Brust hatte, das imstande war, gewaltig zu pochen, so hegte und pflegte er statt der Liebe den Haß. Bei einem harten Oheim soll er erzogen worden sein und nie einen Hauch der Liebe erfahren haben. Also stand er einsam wie ein starrer Halm auf herbstlicher Heide. Selbst die äußere Natur haßte er und wollte sich an ihr rächen, wenn es regnete im Heuen oder windete in der Kornblütezeit. Öfter als einmal sah man's, wie er mit seiner Peitsche wütend in die Luft hineinhieb, daß es pfiff, um Wind und Wetter zu züchtigen, und einmal befahl er es sogar seinen Knechten, daß sie mit ihren Heugabeln gegen den Regen dreinstechen sollten. Sie taten es, kam aber nichts dabei heraus, als daß sie naß wurden. Wo es nicht sein Vorteil heischte, mit Menschen zu verkehren, da floh er sie. Lebenslustige Männer verabscheute er, liebebedürftige Weiber verachtete er, und Kinder waren ihm eine wertlose Sache, über die er auf der Gasse hinwegschritt wie über junge Hunde und Kaninchen, die man nur nicht zu Tode tritt, weil die Eigentümer darob Lärm schlagen würden. Philippus war natürlich Hagestolz geblieben, im ganzen aber hatte er sich doch so gehalten, daß männiglich sagen mußte: Er ist ein Ehrenmann! Gegen seine Blutsverwandten, gegen jedermann, der ihm nichts Übles tat, war er kalt wie ein Stein in der Bergschlucht; wenn ihm aber Böses geschah oder wo er es sich nur einbildete, daß jemand ihm Böses wolle, da begann es zu glühen und zu kochen in ihm, sein Blut schoß zurück in die Brust, daß sein Antlitz ward blaß wie Lehm und seine Fingerspitzen kalt wie Eiszapfen. Aber aus seinen kleinen Augen zuckte es in grünlichen Strahlen. Und vor einem steinernen Christusbilde, das unter der Eiche seines Hofes stand, klammerte er die Finger aneinander zu einer Doppelfaust, und flehte mit aller Inbrunst des Glaubens um Rache. In dem schönen Tale der Friesen gab es Leute, die harmlos sich des Lebens freuten in Spiel und Tanz – er haßte sie. In einem Nachbarsdorfe lebte ein alter Mann, von dem die Sage ging, daß er der lutherischen Lehre anhänge. Diesen Mann kannte Philippus gar nicht persönlich, aber er haßte ihn so sehr, daß er nächtelang schlaflos war und darüber nachsann, was er dem »Scheusal« Schlimmes zufügen könnte. Am meisten aber haßte er einen Karrner. Dieser Karrner war in einem kleinen Eisenwerke desselben Tales angestellt, um mit einem Schubkarren Holzkohlen von dem Schoppen in die Schmiede zu befördern, wofür er einen Tagelohn erhielt, von dem er mit seiner großen Familie sehr kümmerlich lebte. Diesen Menschen haßte der Philippus über alle Maßen. Warum? Hätte er sich gefragt, er würde nicht Antwort haben geben können, denn der Karrner war ein harmloser, sanftmütiger Mensch, der niemandem ein Leides tat. Aber Philippus hatte den Drang, seinen allgemeinen Menschengroll auf eine Person niederzulegen. Der Karrner war ein armer Mann, noch dazu ein fremder, vielleicht sogar ein Andersgläubiger. Er war vor Jahren als Fremdling in das Tal gezogen und hatte sich dort eingeheimt. Aber man wußte nicht, woher er kam, und weß Abstammung er sei. Der Philippus war eines Tages zum Richter und zum Prälaten gegangen und hatte die Ausweisung des Karrners begehrt.
»Hat Euch der Mann Unrechts zugefügt?« fragte der Richter.
»Nicht mir allein,« rief der Philippus, »uns allen fügt er himmelschreiendes Unrecht zu, denn er ist da, er zehrt von unserem Korn, er trinkt von unserem Wasser. Warum soll den Erwerb, Kohlen zu führen, nicht einer der Einheimischen haben? Warum ein Fremdling?«
»Was geht das Euch an, Philipp?« fragte der Richter, »wollt Ihr Euch um die Karrnerstelle bewerben?«
»Es gibt keine Gerechtigkeit mehr,« knirschte der Philippus, verließ mit knarrenden Schritten das Richteramt und begab sich zum Prälaten.
Vor diesem ließ er im Beutel Geld klingen und stellte ihm vor, daß der Josue das Verderben der Leute sein würde, wenn man ihn nicht fortweise, denn er sei sicherlich kein Christ. Solcher Mensch gebe ein arges Beispiel, wie man auch als Unchrist leben könne, ohne vom Blitze erschlagen zu werden, und er gebe das noch weit schlimmere Beispiel, daß der Mensch sozusagen seine Pflichten erfüllen könne, ohne Christ zu sein. Wäre der Josue ein schlechter Hund, ein Räuber und Mörder, so könne man ihn ganz gut in der Gegend belassen als Exempel, was ein Unchrist ist. Weil er aber zu den sogenannten braven Leuten gehöre, eben darum müsse er fort. »Es darf keiner brav sein, der Unchrist ist!« schrie Philippus.
Der Prälat lächelte ein wenig. Dann sagte er: »Lieber Philippus! Euer Eifer um die Ehre der christlichen Kirche ist ganz löblich, vorerst aber wird es nötig sein, daß Ihr selber Christ werdet. Prallet nicht auf, mein Freund! Ihr seid vom höllischen Haßteufel besessen, und Christus, unser Herr, hat gesagt, liebet euch untereinander, liebet auch eure Feinde! Darin unterscheidet sich ja eben unsere Religion von den Religionen der Heiden und Juden, daß sie Liebe ist. Darum eben ist die christliche Religion göttlich, darum verwandelt sie in ihrer Hand den Stein zu Brot und das Brot in den Leib des Herrn, weil sie lautere Liebe ist. Darum verwandelt sie den tierischen Menschen zum sittlichen, zum hochgesinnten, uneigennützigen, opferfreudigen Kinde Gottes, weil sie lautere Liebe ist und Liebe verlangt überall. Viele Tausende von Jahren bestand das Menschengeschlecht vor Christus schon; zahllose Religionen lebten auf, gingen nieder, in den Menschen war das Gesetz des Eigennutzes, des Hasses, der Rache oder des stumpfen Hinsiechens an Herz und Geist. Da kam unser himmlischer Christ mit der Liebe. Und keine Religion hat die Menschen so hoch gehoben, als die christliche; die Milde, das Wohlwollen, der Friede, die Weltfreude auch, und das irdische Glück in seiner reinen Form, die ganze menschliche Gesittung, die in den Besten der Gegenwart Ausdruck findet, all das ist ein Werk des Christentums. Der Christ haßt das Laster, die Verworfenheit als den bösen Feind, aber den Menschen als solchen, sei er wer immer, den haßt er nie. – Nein, lieber Philippus, der Josue ist ein fleißiger Arbeiter, ein braver Mensch, so viel ich weiß, der niemandem etwas Böses tut, den wollen wir nicht verjagen. Wollt Ihr ihm schon zeigen, daß der Christ höher stehen kann, als etwa der Heide, so geht hin und schenkt ihm einen Beutel mit Geld für seine armen Kinder.«
Sehr erbost verließ der Mann den Priester, die Treppe herab noch wiederholt das Wort »Pfaffe!« murmelnd. Wußte er doch, daß in den alten Schriften, die er besaß, ganz anderes zu lesen stand. Die Zauberer, die Hussiten, die Juden, die Lutherischen verbrannt auf dem Scheiterhaufen! Das waren noch schöne, gottwohlgefällige Zeiten.
Unterwegs mußte Philippus an dem Eisenwerke vorbei; auf der Brücke des Hammerbaches begegnete er dem Karrner Josue mit der Kohlenladung. Mit heftigem Stoße prallte er an ihn, so daß der Karrner über die geländerlose Brücke in den Bach stürzte. Dann eilte er leicht wie auf Flügeln davon und rieb sich die Hände und ein Wohlgefühl war in ihm, wie er es noch nicht oft genossen hatte.
Aber am dritten Tage, als er das Begräbnis des ertrunkenen Josue erwartete, ward Philippus zum Richter gerufen und dort stand der Karrner lebendig und ganz wieder trocken. Der Josue klagte ihn an. Philippus verteidigte sich: Natürlich war es nicht absichtlich, sondern ganz zufällig geschehen, daß er auf der Brücke an den Karrner gestrichen, der mit seiner ungebührlich breiten Fuhr die ganze Brücke eingenommen; der Karrner sei aber ein so maßlos boshafter Mensch, daß er absichtlich in das seichte Wasser gesprungen sein müsse, um nachträglich zu behaupten, er wäre hinabgestoßen worden. Nicht allein, daß er, Philippus, vollkommen frei von Schuld sei, verlange er auch eine Züchtigung dieser niederträchtigen Kreatur.
Der Richter war aber von der eigentlichen Gesinnung Philipps so überzeugt, daß er ihn auf drei Wochen in den Kerker führen ließ wegen mutwilliger Gefährdung des Lebens eines anderen.
Das ist dem Philippus, genannt Philipp in der Lacken, passiert. Nun kann man sich denken, daß sein Haß und seine Rachgier im kühlen, feuchten Aufbewahrungsorte nicht verkümmerten, und in der Tat, als er wieder an das Sonnenlicht kam, war er abgemagert bis zum Gerippe und sein langes schwarzes Haar und sein langer roter Bart war wirr und wüst und stellenweise schimmelig. Das Fasten und das harte Lager konnten ihn nicht so heruntergebracht haben, denn derlei Bußübungen waren ihm nicht fremd, aber der Haß! Der Haß, dieses Ungetüm, hatte, als es an fremden Körpern nichts zu beißen fand, sich gegen den eigenen gekehrt und in ihm unbarmherzig genagt und gewütet. Philippus zog sich zurück auf seinen Hof in der Lacken und ließ sich lange nicht mehr sehen. Er las in seinen alten Schriften, und weil das »Vaterunser« ihm viel zu matt und weich schien, so erfand er sich für seine Person ein eigenes Gebet, das er an jedem Morgen und an jedem Abende mit größter Inbrunst sprach. Das Gebet war voller Kraft und Glut, es lautete:
»Herrgott, Allmächtiger im Himmel! Strafe die Unchristen und die Fremdlinge und die Kinder der Welt und alle meine Widersacher. Strafe meine Feinde. Zermalme sie mit Deiner Faust, zertritt sie mit Deinem Fuß, daß das Eingeweide fahr' aus ihrem verfluchten Leibe. Ich bete Dich an, o heiliger Rächer! Lichter aus reinem Wachse sollen brennen vor Deinem Tabernakel! Laß Dein rosenfarbiges Blut nicht umsonst geflossen sein für mich, töte meine Feinde! Gib, daß sie erblinden im Walde und in den Abgrund stürzen! Sende Deinen Blitz an die Tore ihrer Häuser, daß sie den Ausweg nicht finden und im Feuer umkommen! In ihr Trinkwasser gieße die Pest! Rufe die Kriegsheere der Erde, daß sie metzelnd Dein Reich befreien von dem Unzücht! Herrgott, mich, Deinen treuen Diener, lasse nicht zu Schanden werden. Amen.«
Also war die Andacht Philipps, aber es war ihm leichter, nur solange er betete; denn es geschah nichts von allem, was er flehte, seine Wut war nichts als die Waffe des Ohnmächtigen.
Seine Verwandten, sein Gesinde sah, wie Philippus immer finsterer ward, aber sie wagten nichts, um ihn fröhlicher zu machen. Im Hofe auf dem Teich hörte man kein Jauchzen und keinen Gesang und kein Lachen. Nahe dem Lackenhofe, am Ufer der Insel stand ein alter Eichbaum, der weitum den Platz und das Wasser überschattete und eine Dämmerung legte auf den Rasen. In dieser Dämmerung stand ein altes Kreuz. Dieses Kreuz hatte neun Querbalken, es ragte hoch zum Geäste auf. Es war vor Zeiten draußen in dem großen Walde gestanden, der unter dem Namen der Kürlingerwald im ganzen Lande berüchtigt ist. Es hatte nämlich in ihm vor Jahren eine Räuberbande ihr Unwesen getrieben, Reisende ermordet und war oft hervorgebrochen, um Meierhöfe und ganze Schlösser auszuplündern. Eines Tages wurde in dem Kürlingerwalde ein durchfahrender Hochzeitszug, bestehend aus neun Personen, ermordet. Der Räuberhauptmann wollte die Braut entführen, der Bräutigam schoß ihn nieder, worauf sich ein Gemetzel entspann, dem der ganze Festzug unterlegen war. Zum Gedächtnisse hatte man das neunbalkige Kreuz aufgestellt. Später, als der größte Teil des Waldes der Axt zum Opfer gefallen war und das hohe Kreuz herren- und schattenlos auf dem Riede stand, nahm der Philippus davon Besitz, führte es in seinen Hof, stellte es dort auf unter dem Eichbaum und verehrte es ob der blutigen Tat, deren Erinnerung daran geknüpft war.
Unweit des Teiches standen mehrere Meierhöfe, die dem Philippus zu eigen waren, und zu denen sein Gesinde täglich auf großen flachen Kähnen über das Wasser fuhr. Auch Getreide, Heu, Holz und andere Dinge wurden mit solchen Kähnen über den Teich in den Wohnsitz geschafft. Der Teich hatte dort, wo die Schleuse das Wasser hereinließ, eine lange Zunge in das Gelände hin. Als Philippus eines Tages unter dem Eichbaum vor dem Kreuze kniete, fiel sein Blick auf diesen Kanal hinaus und sah, wie dort zwischen Erlen und Silberweiden zwei Knaben standen und mit kurzen Stäben Fische angelten. Dem frommen Manne blieb das Gebet im Munde stecken, er erhob sich langsam und strengte seine Augen an, daß er die Fischdiebe erkenne. Er erkannte sie, es waren die Söhne des Karrners Josue, die er beim Vorübergehen an ihrer Hütte schon oft mit den Augen gespießt hatte. Ein heißes Lustgefühl stieg in ihm auf, eilig holte er vom Hause einen Feuerhaken und einen Strick, damit ging er zum Landungsplatz und ruderte auf einem Kahne hinaus. Aber die entgegengesetzte Richtung, er wollte dann hinter den Uferbüschen die Knaben anschleichen, sie an sich reißen, binden und in den Hof schleppen, um sie zu strafen, das heißt, den Haß zu befriedigen, der in ihm gegen den Karrner mit gesteigerter Heftigkeit brannte. Als er jedoch an die Stelle kam, waren die Kinder nicht mehr dort. Tiefen Mißmutes voll kehrte er zurück auf den Hof und gab seinen Knechten den Auftrag, wenn ihnen von den diebischen Karrnerleuten eines unter die Hände käme, dasselbe ihm zu überliefern, ob lebendig oder tot, der Lohn sei zwölf Silbertaler und ein mit Silber beschlagenes Gebetbuch.
Da war es eines Abends im Erntemonat. Den ganzen Tag über hatten die Kähne verkehrt zwischen den Meierhöfen und dem Wohnsitze im Teiche. Es gab schwere Garbentrachten und Philippus freute sich. Es war ein Hagelwetter niedergegangen in der Gegend, er freute sich, daß der Himmel seine Felder verschont hatte, aber noch mehr freute er sich, daß er die seiner Nachbarn verheert hatte. Und diesem Freudentag folgte ein würdiger Abend. Mit der letzten Garbenfuhr brachten drei Knechte einen Mann mit, der auf den Garben ausgestreckt lag und um Erbarmen wimmerte. Er war mit Strohwinden an Händen und Füßen gebunden, es war der Karrner Josue.
Als Philippus gehört hatte, welch ein werter Gast angefahren gekommen wäre, stellte er sich, die Hände in den Taschen des Beinkleides und mit ausgestemmten Füßen ans Ufer und sah mit Behagen zu, wie die Knechte den Gefangenen zu Häupten und zu Füßen packten, um ihn abzuladen. Mit einer Schwenkung des Kopfes deutete er gegen den Eichbaum hin, sie taten nach Befehl und vor dem Kreuze warfen sie den Karrner zu Boden.
»Herr und Vater!« so begann nun einer der Knechte zu berichten. »Wir haben ihn ertappt. Des Meierhofes Haushahn hatte er gestohlen und getötet und verzehrt. Wir haben den armen, lieben, schönen Vogel seit dem Morgen nicht mehr gesehen. Aber am Nachmittage haben wir Federn gefunden hinten im Schachen, und nicht weit davon den Karrner, der eine solche Feder auf dem Hute getragen. Er wollte vorüberhuschen, aber wir haben ihn abgefangen, er hat geleugnet, aber wir haben ihm nicht geglaubt. Wir haben den Dieb und Mörder des unschuldigen Tieres zu dir gebracht.«
»Einer bekommt nur vier, weil euer drei sind,« sagte Philippus zu den Knechten, »das Gebetbuch sollt ihr abwechselnd benutzen. Bleibt nur da. Wir haben heute einen Feierabend. Nachher werden wir Wein trinken. Zuerst müssen wir eine Abendandacht halten und dem Herrgott ein Opfer darbringen vor dem Kreuze.«
Diese Worte waren in einer so seltsamen Weise gesprochen, daß die Leute einander mit Befremdung ins Gesicht schauten. Philippus, ohne den Gefesselten, der auf dem Rasen sich wand, zu beachten, kniete hin vor das Kreuz, streckte die beiden Arme gegen Himmel und hub an, so zu beten: »Gerechter Gott, ich danke Dir, Du hast mich erhört. Du hast meinen Feind gelegt in die Gewalt meiner Hände. Dein ist die Rache, und nach Deinem Willen will ich meine Feinde lieben. Ich töte ihn nicht aus Rache. Ich liebe meinen Feind und werde ihn küssen, ehe er geopfert wird. Herrgott! Du bist nicht der Judengott, der das Opfer Abrahams verschmäht hat, Du bist der Christengott, der das blutige Opfer seines eingeborenen Sohnes angenommen hat zur Versöhnung. Ich bin nicht der hoffärtige Pharisäer, der an Deinem Altar steht, ich bin der demütige Zöllner, der sein Angesicht verhüllt und betet: Herr, ich habe gesündigt. Nimm für alle meine Sünden dieses Opfer und verzeihe mir und gib mir ein langes Leben und eine glückselige Sterbestunde und die ewige Seligkeit. Amen.«
Mittlerweile war es dämmernd geworden. Am Himmel lag eine rauchbraune Wolkenschicht, nur am Gesichtskreise gegen Sonnenuntergang war ein glühendroter Streifen schnurgerade hingezogen, wie ein Spalt zwischen Wolken und Erde, durch die das Abendrot hereinleuchtete. Vom Hause hatte sich bald alles Gesinde versammelt um den Eichbaum und manchem begann unheimlich zu werden.
»Mein lieber Mitbruder im Herrn,« so redete Philippus nun den Karrner an. »Heute finden wir uns vor einem anderen Richterstuhle, als dazumal. Ich hege keinen Groll gegen dich, und fordere dich auf, deine Sünden zu bereuen.«
»Herr Philippus, ich weiß nichts von dem Hahn!« entgegnete der Karrner, seine Stimme war heiser; »ich habe ihn nicht gestohlen. Ich bin auf einem Botengange zum Schmied in Siebenbrücken nur vorbeigegangen an dem Meierhofe. Sie haben mir die Federn gezeigt, ich sagte aber, das sind keine Hahnenfedern, das sind Geierfedern, wovon ich eine auf den Hut gesteckt, und ich weiß nichts vom Hahn!«
Philippus streichelte mit seinen knochigen Händen sich den langen roten Bart. Dann sagte er zum Gefangenen: »Du zwingst mich auch noch, daß ich dich als Lügner strafe. Du weißt es wohl noch nicht, wie meine ehrwürdigen Vorfahren den Lügner gerichtet haben? Du sollst es sogleich erfahren. – Junge!« so wandte er sich an einen halberwachsenen Burschen, »gehe in meine Stube und hole die gelbe Tasche heraus.«
Die Verblüffung der Anwesenden wuchs. In früheren Jahren war Philippus ein beliebter Metzger gewesen. Hatte es in der Nachbarschaft und selbst weiter um im Tal etwas zu schlachten gegeben, so wurde Philippus dazu gebeten; dieser Mann warf mit einigen Schlägen jeden Ochsen hin, und das Schwein war auf seinen wohlgezielten Stoß augenblicklich tot. Als aber Philippus später bei zunehmendem Alter und bei gesteigertem Grolle gegen alles anfing, sich an den Qualen der Tiere zu ergötzen, machte er die Sache umständlicher und richtete es manchmal so ein, daß das Opfer noch zuckte, wenn er ihm die Eingeweide herausriß. Da meinten die Leute, er solle daheimbleiben auf seinem Lackenhof, sie wollten ihre Metzgerei schon selbst besorgen. Also mußte er sich begnügen mit den Freuden, die das Metzgern in seinem eigenen Hause bot. In der gelben Ledertasche, um die der Junge jetzt geschickt worden war, befanden sich die Schlachtwerkzeuge.
Weil es nun dunkel geworden war, ließ Philippus zwei Fackeln anzünden, deren Träger zur rechten und zur linken Seite des Kreuzes stehen mußten. Der schwarze Pechrauch qualmte empor. Philippus öffnete die Tasche, er tat es langsam, mit feierlicher Gebärde, doch das leise Zittern seiner Hand verriet eine innere Leidenschaft. Das erste, was er hervorzog, war ein Schlagbeil; dann kam ein Eisenring mit scharfen Kanten, hernach ein langes scharfes Messer. Der Gefesselte begann beim Anblick dieser Dinge zu beben, die Zuschauer wurden blaß vor Entsetzen. In den Mienen des Philippus war ein unheimliches Zucken, in seinen grünlichen Äuglein ein grauenhaftes Leuchten. Der Oberknecht flüsterte zu seinem Kameraden: »Er ist wahnsinnig geworden!« Zögernd trat der Knecht zu Philippus vor, berührte ihn ein wenig am Arm und sagte leise: »Herr Vater! Wäre das so gemeint? Peitschen, wenn Ihr wollt, aber so nicht. So nicht. Es ist ja nur ein Hahn gewesen, ein altes wertloses Tier. Wir führen ihn zum Gericht, wenn Ihr wollt. Dort sollen sie den Dieb bestrafen.«
Philippus bäumte sich langsam empor. »Was geht das dich an!« sagte er dumpf und rauh. »Richtet ihn auf!«
Nach diesen Worten ergriff er mit beiden Händen das Beil. In demselben Augenblicke krähte ein Hahn.
»Das ist er! Er ist es!« rief alles untereinander und deutete auf einen Söller hin. »Er ist nicht gestohlen worden, da oben sitzt er!«
»Es muß ein anderer sein!« sagte Philippus.
»Nein, nein, es ist der vom Meierhof. Mit einer Garbenfuhr muß er herübergekommen sein auf die Insel. Es ist unser Hahn, wir kennen seine Stimme und der Karrner ist unschuldig!«
»Und sterben muß er doch!« sprach Philippus, mit gehobenem Beile dem Hingestreckten nahend. Jene drei Knechte, die den Karrner gebracht hatten, rissen den Wütenden nach rückwärts. Wütend, rasend wehrte er sich vor seinen eigenen Knechten. Es half nichts, sie warfen ihn zu Boden und entwanden ihm die Waffe. Der Jungknecht erfaßte das Schlachtmesser, schnitt an dem Josue die Strohwinden entzwei, führte den also Befreiten eilig zum Ufer hinab, machte den zur Stelle stehenden Kahn frei, und nun glitt der Karrner hinaus – gerettet.
Philippus riß sich mit gewaltigem Grimme von den Armen seiner Knechte los und sprang zum Ufer hinab: »Sterben muß er!«
Aufrecht wie er war, lief er ins Wasser hinein, der schwarzen Masse des Fahrzeuges nach, das eben vom Ufer abgestoßen hatte. Der Karrner sah noch die Gestalt des Verfolgers und in dessen Hand das Blinken des Messers, er sah, wie die Gestalt mit jedem Schritte, den sie nach vorwärts tat, tiefer ins Wasser sank, bis endlich nur mehr das dunkelbemähnte Haupt über demselben war. Aber dieses dunkle Haupt glitt heran und rasch heran, so sehr der des Ruderns unkundige Karrner auch die Schaufel einsetzte und vorwärts strebte. Er hörte das schnaufende Fluchen des Verfolgers, er sah, wie manchmal neben dem Haupt aus dem Wasser ein Arm sich hob mit dem Messer. Der Mann schwamm nicht, das war zu merken, er hatte noch Grund unter den Füßen. Also floh das Fahrzeug vor der schwarzen Kugel, die auf der Oberfläche des Wassers nachzurollen schien. Der Karrner dachte an sein Weib, an seine Kinder, er rief die Mutter Gottes an um Hilfe in solcher Not, mit aller Macht die Fluten schlagend. Und siehe, der dunkle Punkt des Hauptes tauchte tiefer und tiefer hinab – noch ein Sprudeln und Gurgeln des Wassers, dann war der Verfolger verschwunden.
Der Karrner erreichte das andere Ufer, sprang aus und lief davon, neu dem Leben wieder geschenkt.
Die Nacht währte lange. Im Lackenhof war keine Ruhe. Als es Morgen ward und der Hahn krähte, suchten sie nach dem Hausherrn. Man fand ihn nicht auf der Insel und nicht drüben im Meierhofe. Die Sonne stand schon hoch, als er unten, wo der Teich in einem Bächlein abfloß, ausgestoßen wurde. Das lange schwarze Haar voller Schlamm, der lange rote Bart voller Schlamm und Schaum, in verglasten Auge keine Glut mehr – der Haß war erloschen mit dem Leben.
Das ist die Geschichte von Philippus dem Hasser, wie sie mir unter den anderen höchst unwahrscheinlichen Geschichten auf fremden Straßen der wandernden Seele begegnet ist. Warum sie erzählt worden? Aus Vorwitz nicht, aus Lust zum Fabulieren nicht. Auf ihrer Stirn deutlich zu lesen steht der Grund. Sie ist erzählt worden dem häßlichen Hasse zu Trotz und der lieben Liebe zu Liebe.