Einiges über Ursprung und Entwicklung.

Endlich kommen wir zu jener Klasse, die sich zuletzt zu einer glänzenden Höhe emporgeschwungen, die unbedingte Herrschaft über alle anderen angetreten hat, diese Herrschaft zur Stunde weiter ausübt und immer noch in aufsteigender Bewegung begriffen ist. Das gilt freilich nur für einen beschränkten Teil der ganzen Klasse, speziell für die eigentlichen „Herren“; andere gehen zurück und zahlreiche Formen sind bereits ausgestorben. Für die Paläontologie kommen nur die letzteren in Betracht, das sind zirka 1000 Arten, während man etwa 2000 lebende zählt. Was sie im allgemeinen über alle anderen Tierklassen hinaushebt, das ist die treffliche Brutpflege — die Jungen werden mit der Muttermilch ernährt — und die beispiellose Entwicklung des Gehirns. Über ihre Abstammung besteht noch keine Klarheit; doch ist es mehr als wahrscheinlich, daß wir ihre Wurzeln bei den Reptilien, und zwar in der Nähe der Theromorphen (der Säugetierähnlichen), zu suchen haben, die selber wieder von Panzerlurchen oder Wickelzähnern abstammen.

Damit stimmt auch die Tatsache überein, daß die niedersten Säugetiere der Gegenwart, die Kloakentiere Australiens: Schnabeltier und Ameisenigel, die keine lebendigen Jungen zur Welt bringen, sondern Eier legen, mancherlei reptilienhafte Züge aufweisen. Die Abzweigung von den Theromorphen muß schon frühzeitig erfolgt sein, wahrscheinlich in der älteren Triaszeit. In der Jura- und Kreideformation sind nur wenige und recht dürftige Funde gemacht worden. Die einen scheinen niedrigen Kloakentieren anzugehören, während andere unzweifelhaft von Beuteltieren herrühren. Diese besitzen nämlich am Unterkieferwinkel einen hakenförmigen Fortsatz, der den übrigen Säugern fehlt. Außerdem haben die Weibchen in der Beckengegend zwei kleine Knochen, die als Stütze für eine Hauttasche dienen, in welcher die hilflosen Jungen längere Zeit herumgetragen werden. (Übrigens haben die Kloakentiere ebenfalls Beutelknochen.) Während des Mittelalters (Trias, Jura, Kreide) scheinen die Säuger von ganz untergeordneter Bedeutung gewesen zu sein; erst in der Tertiärzeit treten sie in erstaunlicher Machtfülle und Vollkommenheit auf den Plan. Eine so sprungweise, gleichsam explosive Entwicklung erscheint aber sehr unnatürlich, und somit ist die Vermutung wohl berechtigt, daß die Hauptentwicklung, das heißt der Aufstieg von den Kloakentieren zu den Beuteltieren und von diesen zu den modernen, höheren Ordnungen (Huftiere, Wale, Raubtiere, Nagetiere, Affen usw.) in untergegangenen oder unzugänglichen oder doch unerforschten Ländern stattgefunden hat.

Die drei Unterklassen der Säuger können mit drei organisatorisch und zeitlich weit auseinanderliegenden Wanderzügen verglichen werden. Die erste Unterklasse (Kloakentiere), aus der jüngsten Trias stammend, hat sehr geringe Spuren hinterlassen und konnte neben der alles beherrschenden Saurierklasse nicht emporkommen. Hätten sich nicht zufälliger- und glücklicherweise die obengenannten zwei Gattungen der Ameisenigel und Schnabeltiere im weltabgeschiedenen Australien erhalten, so wüßten wir von jener Tierwelt, die auf Jahrmillionen zurückblicken kann, so gut wie nichts. Sie trugen wohl in sich den Keim zur höheren Entwicklung, fanden aber keinen Ausweg aus dem Elend ihrer Pariaskaste.

Die zweite Unterklasse (Beuteltiere) unterschied sich von der ersten beträchtlich. Die heute noch lebenden Beutler, die fast ausschließlich Australien angehören, wo sie keine Konkurrenten hatten, sind nur ein schwacher Abglanz ehemaliger Herrlichkeit. Vorzeiten waren sie fast über die ganze Erde verbreitet, traten in zahlreichen Unterordnungen, Familien, Gattungen und Arten auf und zählten wahre Riesen unter sich. Zu letzteren gehört zum Beispiel der Riesenwombat (Diprotodon), ein Beutelnagetier von der Größe eines Nashorns. Mit seinen Nagezähnen konnte es die größten Bäume fällen und deren Rinde abschälen. Ein überlebender Vetter, der heutige gewöhnliche Wombat Neuhollands, erreicht nur die Größe eines Dachses. Auch die ausgestorbenen Känguruharten waren riesige Geschöpfe, neben denen sich die heutigen Känguruhs, die größten überlebenden Beutler und die größten einheimischen Säugetiere Australiens, geradezu kläglich ausnehmen.

Gewisse Beuteltiere — und zwar gerade die größten, wie Wombat und Känguruh — kommen niemals in nördlichen Ländern vor, sondern bleiben auf die Südhalbkugel beschränkt, und auch die fossilen kleinen nordischen Arten Europas und Nordamerikas sind nie zu hoher Bedeutung gelangt und rasch wieder verschwunden. Daraus scheint hervorzugehen, daß die Beuteltiere im Süden, vielleicht auf dem Südpolarkontinent entstanden sind, womit die Tatsache vortrefflich harmoniert, daß Australien und Südamerika, die so weit auseinanderliegen und schon seit undenklichen Zeiten getrennt sind, ganz gleichartige Formen aufweisen; denn beide standen nach ihrer Trennung noch mit dem Südpolarland im Zusammenhang und also wenigstens mittelbar miteinander in Verbindung. Natürlich müßte dabei vorausgesetzt werden, daß am Südpol ehedem ein viel wärmeres Klima geherrscht, und dafür sind auch in der Tat genügend Beweise vorhanden.

Als die Beuteltiere nach Norden wanderten, stießen sie auf höhere Säugetierordnungen, denen sie erliegen mußten. Jene höheren Säuger aus dem Norden drangen überall sieghaft vor und rotteten die schwächeren, das heißt schlechter organisierten aus. Letztere entgingen in Australien nur durch die Isolierung der Landmassen dem Untergang, denn das Meer setzte den Eroberern ein Ziel.

In Südamerika drangen höhere, flinke und intelligente Säuger erst spät vor und sind durch eine seltsame Verkettung von allerlei Umständen teilweise wieder verschwunden, so daß sich die Beutler auch dort länger, sogar bis in unsere Zeit erhalten konnten. Manches, wie zum Beispiel das Verschwinden der großen Säuger in Südamerika, ist noch rätselhaft, wie denn überhaupt auf diesem Gebiet noch unendlich vieles zu erforschen und aufzuhellen ist.

Die höheren Säugetiere, die sich von den niederen hauptsächlich dadurch auszeichnen, daß ihre Jungen in reiferem Zustand geboren werden, zerfallen in zahlreiche Ordnungen, die sehr verschiedene Stufen der Entwicklung aufweisen. Gewöhnlich unterscheidet man zehn Ordnungen, nämlich Waltiere, Zahnlose, Nagetiere, Fledermäuse, Raubtiere, Klippdachse, Huftiere, Rüsseltiere, Halbaffen und Primaten, zu welch letzteren die Affen und der Mensch gezählt werden. Wir müssen uns auch hier auf einige wenige besonders hervorragende Größen beschränken.