Wale.
Die größten Vertreter der Säugetiere und der Tierwelt überhaupt sind die Walfische. Gewaltigere Riesen als diese hat es nie gegeben. Leider scheinen sie rasch ihrem Untergang zuzutreiben, nicht infolge natürlichen Zwanges, sondern lediglich wegen der unersättlichen menschlichen Profitwut und barbarischen Rücksichtslosigkeit, die nun einmal von der heute noch herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung unzertrennlich sind.
Abb. 20. Walfisch der heutigen Zeit.
Die Wale haben sich in so hohem Grade an das Wasser angepaßt, daß sie außerhalb desselben nicht mehr leben können, obschon sie durch Lungen atmen. Ein gestrandeter Walfisch ist unrettbar verloren. Da sich zum Schwimmen die Fischform oder Torpedoform am besten bewährt hat, so haben sie dieselbe ebenfalls angenommen und hierin sogar viele Fische „überflügelt“. Die Vorderglieder sind zu handartigen Paddeln reduziert und die Finger stecken in einer festen Haut wie in einem Fausthandschuh. Sie dienen zur Steuerung und zur Herstellung der Gleichgewichtslage. Die hinteren Glieder sind vollständig verkümmert, da sie überflüssig geworden sind und nur hinderlich wären. Zur Fortbewegung des kolossalen, ganz mit Fett und Öl durchtränkten Körpers dient die wagrechte Schwanzflosse, die nach Art einer Schiffschraube funktioniert, jedoch weit besser arbeitet als die besten Propeller unserer Maschineningenieure. Bei den Bartenwalen (Grönlandswal, Finnfisch) ist der Schwanz zugleich die einzige, aber furchtbare Waffe.
Man könnte leicht auf die Vermutung gelangen, daß die Wale direkt von Fischen oder von großen Meersauriern (etwa den berühmten Fischdrachen) abstammen, mit welch letzteren sie viele Berührungspunkte gemein haben. Wir wissen aber heute, daß davon nicht die Rede sein kann; jene Übereinstimmungen sind lediglich durch die gleichartige Lebensweise erzeugt worden; es sind „Analogien“ und keine Beweise von Blutsverwandtschaft. Die Wale sind unzweifelhaft die Abkömmlinge von Landtieren, wahrscheinlich von gepanzerten Urhuftieren, deren Vettern die sogenannten Zahnlosen waren, von denen wir noch sprechen werden. Die Abtrennung der Wale und ihre Anpassung ans Meer muß schon in der Kreidezeit erfolgt sein, und in der Kreideformation müssen überhaupt die Ahnen der heutigen höheren Säugetiere gesucht werden.
Der älteste fossile Wal ist das Zeuglodon (Jochzahn), so genannt, weil die zweiwurzeligen Backenzähne die Form eines Joches haben, das heißt aus zwei durch einen Querbalken verbundenen Teilen bestehen. Das erste vollständige Skelett stammt aus Alabama im Süden der Union und besaß angeblich eine Länge von 38 Meter — man hatte nämlich die Reste mehrerer Exemplare zusammengesetzt. Das große Zeuglodon, auch Basilosaurus (Königsdrache) getauft, erreichte eine Länge von 20 Meter, während die größten unter den heutigen Walen nahezu 30 Meter lang und 1500 Kilozentner schwer werden, das heißt das Gewicht von zirka 200 Ochsen erreichen. Man kennt heute ein Dutzend Zeuglodonarten aus Nordamerika, England, Ägypten und Australien.
Die Zeuglodonten hatten einen schlanken, deutlich abgesetzten und beweglichen Kopf mit scharfem Raubtiergebiß und besaßen noch nicht die ausgesprochene Torpedoform wie die heutigen Wale. Sie lebten in der älteren Tertiär- oder Braunkohlenperiode und verschwanden im mittleren Tertiär (Molassezeit).
Auch die heutigen Wale kommen fossil vor, haben somit ein beträchtliches Alter; jedenfalls existieren sie schon seit Hunderttausenden von Jahren. Ihre Reste sind häufig, ganze Skelette jedoch äußerst selten. Die schwammigen Knochen fallen nach dem Tode des Tieres bald auseinander und sinken auf den Grund. In der Tiefe hat aber das Wasser infolge hohen Druckes und wohl auch wegen seines Säuregehaltes eine erhöhte Lösungsfähigkeit und löst dieselben auf, wobei schließlich nur die überaus soliden und harten Ohrknochen (Felsenbeine) übrigbleiben. Natürlich unterliegen auch die Skelette der übrigen Tierarten demselben Schicksal, weshalb der Meeresgrund im allgemeinen arm an gut erhaltenen Tierresten ist.
Zahnarme.
(Riesenfaultiere und Riesenpanzertiere.)
Die Wissenschaft bezeichnet sie auch als Zahnlose, Edentaten, aber beide Ausdrücke sind gleich schlecht gewählt. Wohl gibt es darunter zahnlose Geschöpfe, aber auch solche mit sehr vielen Zähnen; immerhin steht das Gebiß auch bei diesen auf tiefer Entwicklungsstufe. Die Zahnarmen bilden gleich den Walen eine in der Jetztwelt isolierte Gruppe recht verschiedenartiger Geschöpfe, die weder unter sich noch zu den übrigen Haartieren, wie die Säuger auch genannt werden, große Verwandtschaft erkennen lassen. Gerade weil man die einzelnen Familien nirgends gut unterbringen kann, hat man sie zu einer besonderen Ordnung in einer Art Gerümpelsammlung zusammengeworfen.
Besonderes Aufsehen erregten seinerzeit die Funde in der sogenannten Pampasformation Südamerikas, der großen Lehmebene der Laplatastaaten und Patagoniens. Zur Diluvialzeit, während welcher die Länder der nördlichen gemäßigten und kalten Zone mit ungeheuren Eismassen bedeckt waren, lebten dort im Süden riesenhafte Faultiere, welche wie eine Wiederholung gewisser alter Riesensaurier erscheinen. In intellektueller Hinsicht mögen sie auch jenen Drachen wenig überlegen gewesen sein, wie sich denn überhaupt die Klasse der Säugetiere keineswegs mit imponierenden Repräsentanten eingeführt hat. Die Säugetiere haben Jahrmillionen gebraucht (Triaszeit bis Gegenwart), um endlich das zu werden, was sie heute sind.
Abb. 21. Lebendes Faultier.
Sehen wir uns nun jene südamerikanische Säugetierwelt genauer an. Heute hausen dort zwerghafte Epigonen der alten Riesengeschlechter. Die jetzigen Faultiere der dichten Urwälder Südamerikas (man unterscheidet zweizehige und dreizehige, Unau und Ai) zeichnen sich durch exemplarische Faulheit aus und tragen ihren Namen mit vollem Recht. Diese „Baumsklaven“, wie sie ein Naturforscher bezeichnet hat, sind zwar gewandte Klettertiere, die hierin vielfach an Affen erinnern, aber sie machen von ihren Seiltänzerkünsten wenig Gebrauch und führen in den Baumkronen des Urwaldes ein höchst langweiliges Stilleben. Mit den großen Sichelkrallen haken sie sich an wagrechten Ästen und Zweigen fest und bringen so Tage und Nächte unbeweglich zu, bis sie vom Hunger oder der Liebe in gelinden Trab versetzt, das heißt veranlaßt werden, aus ihrem vorsintflutlichen Phlegma herauszutreten und ihre Künste am hohen Seile zu zeigen. Haben sie ihre spießbürgerlichen Extravaganzen gesühnt, so setzen sie sich in einer passenden Astgabel fest und halten ein gesundes Schläfchen, das acht und mehr Tage dauern kann, denn ihr Wahlspruch lautet: Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht. Wie es scheint, können sie wochenlang ohne Nachteil fasten und besitzen überhaupt eine unglaublich große Lebenszähigkeit. Die gräßlichsten Verstümmelungen ertragen sie „mit der Ruhe eines Leichnams“, alles Beweise, daß sie einer uralten Sippe angehören und sich nur durch außergewöhnlich günstige Umstände in die Gegenwart herübergerettet haben. Einen vortrefflichen Schutz gewährt ihre Behaarung, welche mit dürrem Riedgras Ähnlichkeit hat und mit der Färbung der Baumäste gut übereinstimmt, so daß ein ruhig herabhängendes oder sitzendes Tier im Halbdunkel des Urwaldes äußerst schwer zu entdecken ist.
Abb. 22. Skelett des Riesenfaultiers (Megatherium) aus dem Pampasschlamm Argentiniens.
Sie erreichen ungefähr die Größe einer Wildkatze; ihre Vorfahren aber wurden 3 Meter hoch und annähernd 5 Meter lang, standen somit an Größe dem Elefanten nicht viel nach, übertrafen ihn aber noch an Plumpheit des Knochenbaus. Die Oberschenkel waren mindestens halb so dick wie lang und der Schwanz bildete einen mächtigen Stützpfeiler, fast in der Art wie beim Iguanodon und verwandten Sauriern. Das unsäglich plumpe Megatherium, das heißt Großtier, besaß in den mächtigen Kiefern 18 vierkantige Backenzähne, die auf grobe, harte Pflanzennahrung hinweisen, und an den Zehen gewaltige Klauen zum Scharren. Alles an diesem Urweltler geht ins Riesenhafte, ist auf Massenwirkung berechnet, ausgenommen das Gehirn, welches von einer selbst für Faultiere bejammernswerten Zwerghaftigkeit war. Es scheint, als habe sich die Natur dieser erbärmlichen mißratenen Geschöpfe geschämt und sie deshalb in den Orkus geworfen. Jedenfalls ist es verständlich, daß die besser ausgerüsteten und intelligenteren Konkurrenten mit ihnen leicht fertig wurden. Daß sie trotz alledem vom mittleren Tertiär (Miozän) bis zum Ende der Eiszeit sich halten konnten, erscheint fast wie ein Wunder. Über ihre Lebensweise weiß man nichts Gewisses, nicht einmal, ob sie Wald- oder Steppentiere gewesen. Jedenfalls ist so viel klar, daß sie nicht wie ihre zwerghaften Nachkommen im Geäst der Bäume affenartig herumgeturnt haben. Man dachte sich, daß sie oft nach Iguanodonart auf den Hinterbeinen, den kolossalen Schwanz als Stütze benutzend, einhergeschwankt und das Laubwerk abgeweidet, wohl auch kleinere Bäume einfach ausgegraben und deren Kronen verspeist haben. Aber schon Darwin äußerte hierüber Zweifel, und neuere Forscher haben die Ansicht geäußert, daß die Riesentiere ihre großen Klauen zum Ausscharren von allerlei Wurzeln und Knollen benutzt und ihre Nahrung in erster Linie dem Erdboden entnommen haben. Jedenfalls vertilgten sie ansehnliche Quantitäten und waren nicht gerade wählerisch, konnten wohl auch gleich ihren Nachfahren lange fasten. Daß sie auch sonst nicht an großer Empfindsamkeit litten, beweist ein fossiler Schädel, dessen Dach durch den Sturz eines Baumes oder den Tatzenschlag eines Kollegen völlig zertrümmert, aber wieder hübsch zusammengeheilt war. „Man muß wirklich staunen,“ sagt Neumayr, „daß ein warmblütiges Tier eine solche Verletzung überleben konnte.“ Das auf Seite 75 [abgebildete Skelett] ist dasjenige des Großen Riesenfaultiers, Megatherium giganteum oder americanum, von dem schon Anno 1789 in Argentinien ein vollständiges Skelett ausgegraben und nach Madrid gebracht worden war, wo es zu allerlei seltsamen Betrachtungen Anlaß gab. Aus dem Diluvium von Argentinien, Brasilien, Chile, Ekuador, Zentralamerika und den südlichen Vereinigten Staaten Nordamerikas sind außer der genannten noch mehrere andere Arten und Gattungen bekannt geworden.
Etwas kleiner, aber noch plumper als das Megatherium giganteum war das Mylodon (Mahlzahn), das gleichfalls in den „Katakomben für ausgestorbene Ungeheuer“, in der Pampasformation Argentiniens, außerdem aber auch in Nordamerika gefunden wird. Die Haut desselben, von der sich Reste erhalten haben, ist mit kleinen Knochenkörperchen vollgespickt, was darauf hinzuweisen scheint, daß die Stammeltern der Riesenfaultiere einen Panzer aus Knochentafeln trugen. Das Becken des Mylodon ist breiter und tiefer als selbst beim Elefanten, woraus zu schließen ist, daß es einen sehr umfänglichen Verdauungsapparat besaß und enormer Nahrungsmengen bedurfte; da mußten die Zähne freilich ein leistungsfähiges Mühlwerk darstellen.
Die in denselben Gebieten vorkommende Gattung Megalonix, auch in Höhlen gefunden, zeichnet sich durch elliptische Backenzähne und geradezu fabelhaft große Krallen aus, während das Skelidotherium sich durch die Dicke seiner Knochen hervortat. Das war, soweit bis jetzt bekannt, das plumpste aller Landsäugetiere; der Oberschenkelknochen ist beträchtlich dicker als lang. Es ist auf Südamerika beschränkt.
Ein Vetter desselben, das Grypotherium, scheint stellenweise in Höhlen gehaust zu haben. In einer dicken Mistlage am Boden einer Höhle Patagoniens an der Meeresküste fand man Knochen und große Hautstücke, die eingebettete Knochenkörner und lange, steife gelbliche und rotbraune Haare erkennen ließen. Es gelang, die harten Fellstücke aufzuweichen, worauf sich ein durchdringender Fäulnisgeruch entwickelte, der eine Menge von Aasfliegen herbeilockte. Das Interessanteste ist aber folgendes: „Die untersuchten Fellstücke waren auf der Innenseite so sauber vom Fleische entblößt und abgeschabt, daß sie nur von Menschen, nicht aber von Tieren abgebalgt sein können. Von manchen Stücken kann man sagen, daß sie zugeschnitten sind, um als Kleidungsstücke verwendet zu werden.“ Man fand in der erwähnten Höhlenschicht auch aufgeschlagene Knochen sowie allerlei Steingeräte, so daß die gleichzeitige Anwesenheit des Menschen als erwiesen gelten darf. Kein Zweifel, der Urmensch hat das Grypotherium gejagt und dessen Fleisch und Fell benutzt. Es wurde sogar die Vermutung geäußert, der Eiszeitmensch habe mit jenem Riesenfaultier zusammengewohnt, das heißt er habe es als eine Art Haustier gehalten. Über die Ernährung besteht noch keine Übereinstimmung. Nach den einen Forschern weist der Zahnbau auf weiche Kost: Laub und Kräuter, andere machen auf die großen Scharrkrallen aufmerksam, welche doch wohl zum Ausgraben von Wurzeln dienten; vielleicht wurden auch allerlei hervorgescharrte Insekten und Würmer mit verspeist.
Die Gürteltiere, niedrigstehende altertümliche Säuger Südamerikas, besitzen einen aus Knochenplatten bestehenden Panzer und erinnern damit an Schildkröten, denen sie auch hinsichtlich Langsamkeit und Stumpfsinnigkeit ähneln. Die kleinste Art, der Schildwurf, auch Gürtelmaus genannt, wird nur spannenlang und führt nach Art der Maulwürfe eine unterirdische Lebensweise, die größte Form, das heutige Riesengürteltier, erreicht die Größe eines Schweines und hat in den Kiefern zirka hundert stiftförmige Backenzähne. Alle sind im Besitz von Sichelkrallen, mit denen sie Erdhöhlen graben und nach Insekten und Würmern wühlen; sie sind übrigens Allesfresser und nehmen auch Aas und Früchte an. In der Gefangenschaft werden sie meist mit rohem Pferdefleisch, Brot und Milch ernährt. Ihr Fleisch soll sehr schmackhaft sein, weshalb sie viele Feinde haben und immer seltener werden. Bei Verfolgung kugeln sie sich zusammen oder graben sich mit erstaunlicher Schnelligkeit in den Boden ein.
Abb. 23. Lebendes Gürteltier.
Die ausgestorbenen waren schwerfällige, unbehilfliche Riesen, so die Glyptodonten, welche die Größe einer Kuh erreichten. Sie konnten sich nicht zusammenkugeln, weil der Panzer starr war wie bei den Schildkröten. Der Kopf war gleichfalls mit Knochenplatten geschützt und der Schwanz steckte in einem dicken Knochenfutteral. Man kennt mehrere Dutzend Arten solcher Panzertiere, deren Wohngebiet sich von Patagonien bis zum südlichen Teile der nordamerikanischen Union erstreckte. Interessant ist die Beobachtung, daß die großen Panzer derselben von den Urmenschen als Aufbewahrungsstätten benutzt wurden. Die Knochen sind herausgenommen, und häufig findet man im Innern bearbeitetes Hirschgeweih, zertrümmerte Schädel, aufgeschlagene Röhrenknochen und Zähne eines riesigen Urnagers, welche offenbar als Messer dienten. Wie eine Überlieferung aus jener längst verflossenen Zeit klingt die Kunde, daß heute noch im Staate San Paolo (Brasilien) Gürteltierpanzer als Wiegen Verwendung finden.