BIMALAS ERZÄHLUNG
VII
Zuerst argwöhnte ich nichts, fürchtete nichts; ich fühlte nur, daß ich ganz meinem Vaterlande gehörte. Wie beglückend war diese rückhaltlose Hingabe! Nun wurde es mir offenbar wie der Mensch in völliger Selbstaufopferung seine höchste Seligkeit finden kann.
Ich glaube, daß dieser Rausch wohl allmählich ganz von selbst vorübergegangen wäre. Aber das wollte Sandip Babu nicht; ich sollte ihn erst ganz kennenlernen. Der Ton seiner Stimme war wie eine körperliche Berührung, jeder seiner Blicke warf sich bettelnd mir zu Füßen. Und hinter dem allen brannte eine Leidenschaft, so ungestüm, daß sie mich hätte mit den Wurzeln ausreißen und an den Haaren mit sich schleifen mögen.
Ich will der Wahrheit nicht ausweichen. Ich fühlte Tag und Nacht sein zehrendes Verlangen. Es hatte etwas so wahnsinnig Verlockendes, mich in den Abgrund solcher Leidenschaft zu stürzen. Wie furchtbar schien es, wie schmachvoll, und doch wie süß! Dazu kam meine unbezähmbare Neugier, die mich immer weitertrieb. Ich wußte so wenig von ihm, er konnte nie und auf keine Weise mein werden, und seine Jugend loderte in tausend Flammen auf — ach, wie voller Geheimnis war diese ungeheure, heiße Leidenschaft!
Im Anfang hatte ich ein Gefühl der Verehrung für Sandip, doch das schwand bald. Ich hörte sogar auf, ihn zu achten; ja, ich begann, auf ihn herabzusehen. Dennoch war mein Herz ein Instrument, das er meisterhaft zu spielen wußte. Was nützte es, wenn ich vor seiner Berührung zurückwich und sogar das Instrument selbst in mir haßte; es mußte doch seinem Zauber gehorchen.
Ich muß gestehen, es war etwas in mir, was... wie soll ich sagen?... etwas, was mich wünschen läßt, daß ich damals gestorben wäre.
Tschandranath Babu kommt immer, wenn er Zeit findet, zu mir. Er hat die Kraft, meinen Geist zu einer Höhe zu erheben, von der ich in einem Augenblick das Gebiet meines Lebens nach allen Seiten vor mir ausgebreitet sehe und erkenne, wo seine wirklichen Grenzen sind und daß ich töricht darüber hinausgehen wollte.
Aber was nützt das alles? Will ich denn wirklich Befreiung? Es ist, als ob ich nur ein Gebet habe: mag Leid über unser Haus kommen, mag das Beste in mir verkümmern und verdorren; wenn nur dieser süße Wahn mir bleibt!
Wenn ich vor meiner Heirat meinen verstorbenen Schwager sah, wie er wahnsinnig vor Trunkenheit seine Frau schlug und dann in rührseliger Reue schluchzend und heulend gelobte, keinen Branntwein wieder anzurühren, und wie er dann doch am selben Abend sich hinsetzte und ein Glas nach dem andern trank, dann war ich von Ekel gegen ihn erfüllt. Aber mein Rausch heute ist noch furchtbarer. Ich brauche mir das Gift nicht erst zu verschaffen und einzuschenken: es quillt in meinen Adern, und ich weiß nicht, wie ich ihm widerstehen soll.
Muß dies bis zum Ende meines Lebens so fortgehen? Bisweilen sehe ich mich selbst erschrocken an und denke, mein Leben ist ein Nachtmar, der plötzlich mit seiner ganzen Lüge verschwinden wird. Es ist so ganz losgelöst von allem, was war, und hat keine Beziehung mehr zu seiner Vergangenheit. Was es jetzt ist und wie es so werden konnte, kann ich nicht verstehen.
Eines Tages sagte meine Schwägerin mit höhnischem Lachen: »Was für eine rührend gastfreundliche Hausfrau wir doch haben! Ihr Gast will durchaus nicht weichen. Zu unsrer Zeit hatten wir auch Gäste; aber wir kümmerten uns nicht so ausgiebig um sie — wir waren törichterweise zu sehr in Anspruch genommen durch die Sorge für unsern Gatten. Der arme Nikhil muß es büßen, daß er zu modern ist. Er hätte als Gast kommen sollen, wenn er bleiben wollte. Jetzt sieht es so aus, als ob es für ihn Zeit wäre, zu gehen.«
Dieser Sarkasmus traf mich nicht; denn ich wußte, daß es diesen Frauen nicht gegeben ist, Art und Ursache meiner Hingebung zu verstehen. Das begeisternde Gefühl, meinem Vaterlande Opfer zu bringen, stählte mich damals, daß solche Pfeile mich nicht erreichen und verletzen konnten.
VIII
Seit einiger Zeit ist von der Sache des Vaterlandes gar nicht mehr die Rede. Den Gegenstand unsrer Unterhaltung bilden jetzt die sexuellen Probleme der Gegenwart und ähnliche Fragen, dazwischen etwas Poesie, sowohl altindische wie moderne englische, und das Ganze ist immer begleitet von einer tiefen Grundmelodie, wie ich sie nie vorher gehört habe, voll Männlichkeit und zwingender Gewalt.
Es war so weit gekommen, daß wir jeden Vorwand verschmähten. Wir hatten auch nicht den geringsten Scheingrund dafür, daß Sandip Babu noch immer da blieb und daß ich von Zeit zu Zeit vertrauliche Gespräche mit ihm hatte. Ich war in einem beständigen innern Kampf. Ich war zornig auf mich selbst, auf meine Schwägerin, auf die Einrichtung der Welt, und ich gelobte mir, nie wieder die Frauengemächer zu verlassen, und wenn ich daran sterben sollte.
Zwei Tage lang tat ich keinen Schritt hinaus. Da wurde es mir zum ersten Mal klar, wie weit es mit mir gekommen. Ich fand gar keinen Geschmack mehr am Leben. Was ich auch anrührte, hätte ich am liebsten gleich wieder hingeworfen. Ich fühlte, daß ich wartete, daß alle meine Nerven vom Kopf bis zu den Zehen gespannt waren auf etwas, — auf jemand; mein Blut fieberte vor Erwartung.
Ich versuchte, mich durch Arbeit abzulenken. Der Fußboden des Schlafzimmers war sauber genug, aber ich bestand darauf, daß er unter meiner Aufsicht noch einmal gescheuert wurde. Die Sachen lagen ganz ordentlich in den Schränken; ich zog sie alle heraus und ordnete sie anders. Ich fand am Nachmittag nicht einmal Zeit, mein Haar hochzustecken, ich band es nur lose zusammen und wirtschaftete umher und plagte jeden. Dann fing ich an, in der Vorratskammer zu kramen. Die Vorräte schienen mir sehr zusammengeschrumpft, und das konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, aber ich fand nicht den Mut, irgend jemand dafür zur Verantwortung zu ziehen, denn hätte der sich nicht fragen müssen: »Wo hatte sie denn die ganze Zeit ihre Augen?«
Kurz, ich benahm mich an jenem Tage wie eine Besessene. Am nächsten Tag versuchte ich, etwas zu lesen. Ich habe keine Ahnung, was ich las, aber plötzlich merkte ich, daß ich ganz unbewußt, mit dem Buch in der Hand, den Korridor entlang gegangen war, der zu den Außengemächern führte. Nun stand ich an einem Fenster, der Veranda gegenüber, die sich vor der Zimmerreihe auf der andern Seite des Hofes hinzieht. Es war mir, als ob das eine dieser Zimmer zu einem andern Ufer entwichen wäre und die Fähre aufgehört hätte zu fahren. Es war mir, als sei ich nur noch der Geist von der, die ich vor zwei Tagen gewesen, verurteilt, dazubleiben, wo ich war, ohne doch wirklich da zu sein, und immer sehnsüchtig hinüberstarrend.
Als ich da stand, sah ich Sandip aus seinem Zimmer auf die Veranda treten, eine Zeitung in der Hand. Ich konnte sehen, daß er furchtbar aufgeregt war. Der Hof, das Geländer vor ihm, alles schien seine Wut zu erregen. Er warf die Zeitung hin mit einer Gebärde, als hätte er die ganze Welt zerreißen mögen.
Ich fühlte, daß ich mein Gelübde nicht länger halten konnte. Ich war im Begriff, weiterzugehen, nach dem Wohnzimmer, als meine Schwägerin plötzlich hinter mir stand. »O Himmel, dies setzt allem die Krone auf!« rief sie aus, als sie wieder forthuschte. Danach hatte ich nicht mehr den Mut, weiterzugehen.
Als am nächsten Morgen mein Mädchen kam und rief: »Herrin, es ist hohe Zeit, die Vorräte herauszugeben«, warf ich ihr die Schlüssel hin mit den Worten: »Sag Harimati, daß sie es besorgt«, und setzte mich mit einer englischen Stickerei, die ich angefangen hatte, ans Fenster.
Da kam ein Diener mit einem Brief. »Von Sandip Babu«, sagte er. Welche unerhörte Dreistigkeit! Was sollte der Bote davon denken? Mein Herz zitterte, als ich den Brief erbrach. Er enthielt keine Anrede, sondern nur die Worte: »Eine dringende Angelegenheit — das Vaterland betreffend. Sandip.«
Im selben Augenblick hatte ich die Stickerei beiseite geworfen und war aufgesprungen. Ich ordnete mit ein paar Griffen mein Haar vor dem Spiegel, den Sari wechselte ich nicht erst, sondern zog nur schnell eine dazu passende Jacke an.
Ich mußte durch eine der Veranden, wo meine Schwägerin des Morgens zu sitzen und Betel zu schneiden pflegt. Ich bekämpfte meine Verlegenheit. »Wohin, Tschota Rani?« rief sie.
»Ins Wohnzimmer draußen.«
»So früh! Zu einer Matinee, wie?«
Und als ich ohne zu antworten weiterging, summte sie ein anzügliches Lied hinter mir her.
IX
Als ich die Tür des Wohnzimmers öffnete, sah ich Sandip, der in einen illustrierten Katalog von Gemälden der Britischen Akademie vertieft war und der Tür den Rücken zukehrte. Er bildet sich ein, ein großer Kunstkenner zu sein.
Eines Tages sagte mein Gatte zu ihm:
»Wenn die Künstler je einen Lehrmeister brauchen, so werden sie nie darum in Verlegenheit sein, solange du da bist.« Es war sonst nicht die Art meines Gatten, zu spotten, aber in letzter Zeit ist er anders darin, und er verschont Sandip nie.
»Warum meinst du, daß die Künstler keine Lehrmeister brauchen?« fragte Sandip.
»Weil der Künstler ein Schöpfer ist«, erwiderte mein Gatte. »Darum sollten wir uns bescheiden damit begnügen, unsere Lehren über die Kunst aus dem Werk des Künstlers zu entnehmen.«
Sandip lachte über solche Bescheidenheit und sagte: »Du meinst, daß Demut das Kapital ist, das die meisten Zinsen einbringt. Ich bin aber der Überzeugung, daß die, denen es an Stolz fehlt, dem Rohr gleichen, das auf dem Wasser umhertreibt und keine Wurzeln im Boden hat.«
Die widersprechendsten Gefühle bewegten mich, wenn sie so redeten. Einerseits wünschte ich sehnlichst, daß mein Gatte in dem Streit siegte und daß Sandips Stolz gedemütigt würde. Und doch war es gerade dieser nicht zu beugende Stolz Sandips, der mich so anzog. Er leuchtete wie ein kostbarer Diamant, der keine Schüchternheit kennt und der Sonne selbst keck ins Antlitz strahlt.
Ich trat ein. Sandip mußte meine Tritte hören, als ich mich näherte, aber er tat, als hörte er nichts, und ließ seine Augen nicht von dem Buch.
Ich fürchtete, daß er anfangen würde, über Kunst zu reden, denn wenn er von Bildern spricht, kann ich meine Feinfühligkeit in bezug auf sie nicht unterdrücken und habe immer große Mühe, bei seinen Reden meine Selbstbeherrschung zu bewahren. Daher war ich schon beinahe im Begriff umzukehren, als Sandip mit einem tiefen Seufzer aufsah und so tat, als ob ihn mein plötzlicher Anblick erschreckte. »Ach, da sind Sie!« sagte er.
In seinen Worten, in seinem Ton, in seinen Augen lag eine Welt von Vorwurf, als ob die Ansprüche, die er an mich hatte, meine Abwesenheit, wenn auch nur von ein paar Tagen, zu einem schweren Unrecht machten. Wohl empfand ich diese Haltung als eine Beleidigung für mich, aber ach, ich hatte nicht die Kraft, darüber zu zürnen.
Ich antwortete nicht, aber obgleich ich Sandip nicht ansah, konnte ich nicht umhin, seinen anklagenden Blick zu fühlen, der sich in meinem Gesicht festbohrte und nicht weichen wollte. Ich wünschte so sehr, er möchte etwas sagen, daß ich hinter seinen Worten Schutz finden könnte. Wie lange dies dauerte, weiß ich nicht, aber endlich konnte ich es nicht mehr aushalten. »Was ist das für eine Sache,« fragte ich, »worüber Sie mich zu sprechen wünschten?«
Sandip tat wieder überrascht, als er sagte: »Muß es sich denn immer erst um eine bestimmte Sache handeln? Ist Freundschaft an sich ein Verbrechen? O, Bienenkönigin, daß Sie das Höchste, was es auf Erden gibt, so gering schätzen! Darf man der Verehrung eines Herzens die Tür schließen wie einem verlaufenen Hunde?«
Ich fühlte wieder, wie mein Herz in mir zitterte. Jetzt mußte die Krisis kommen, zu ungestüm, um sich abwenden zu lassen. Freude und Angst kämpfen in mir um die Herrschaft. Würden meine Schultern stark genug sein, ihrem Ansturm standzuhalten, oder würde sie mich zu Boden werfen, das Antlitz in den Staub?
Ich zitterte am ganzen Körper. Mich mit Gewalt bezwingend, wiederholte ich: »Sie haben mich gerufen wegen einer Sache, die das Vaterland angeht, daher habe ich meine häuslichen Pflichten gelassen, um zu hören, was es gibt.«
»Das versuchte ich ja eben Ihnen klarzumachen«, sagte er mit einem sarkastischen Lachen. »Wissen Sie denn nicht, daß ich gekommen bin, um zu verehren? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich in Ihnen die Schakti unsers Vaterlandes verkörpert sehe? Es handelt sich doch nicht nur um unser geographisches Vaterland. Niemand kann sein Leben hingeben für eine Landkarte! Wenn ich Sie vor mir sehe, dann nur wird mir die ganze Schönheit meines Vaterlandes offenbar. Wenn Sie mich mit Ihren eigenen Händen salben, dann werde ich mich von meinem Vaterlande geweiht fühlen; und wenn ich mit diesem Bewußtsein im Herzen im Kampfe falle, so falle ich nicht in den Staub eines Landes, das die Landkarte zeigt, sondern mein Haupt sinkt nieder auf ein liebend ausgebreitetes Gewand — wissen Sie, an welches Gewand ich denke? An den erdroten Sari, den Sie neulich trugen, mit dem breiten, blutroten Saum. Ich sehe ihn immer vor mir. Das sind die Visionen, die im Leben Kraft und im Tode Freude geben!«
Sandips Augen sprühten Feuer, als er so sprach, aber ob es das Feuer der Begeisterung oder das Feuer der Leidenschaft war, hätte ich nicht sagen können. Ich mußte an den Tag denken, wo ich ihn zuerst reden hörte und wo ich zweifelte, ob er ein Mensch oder eine lebendige Flamme sei.
Ich konnte kein Wort hervorbringen. Es ist nicht möglich, hinter den Schranken äußeren Anstandes Schutz zu suchen, wenn in einem Augenblick das Feuer aufspringt und mit blitzendem Schwert und brüllendem Gelächter alles vernichtet, was der Geiz sorgsam aufgehäuft hat. Ich war in Todesangst, daß er sich vergessen und meine Hand ergreifen könnte. Denn er stand vor mir, am ganzen Körper bebend, wie eine züngelnde Flamme; seine Augen sprühten versengende Funken auf mich.
»Wollen Sie denn ewig mit Ihren kleinlichen Pflichten im Haushalt Götzendienst treiben«, rief er nach einer Pause, »Sie, die Sie die Macht in sich haben, Leben oder Tod über uns zu verhängen? Soll diese Ihre Macht in einer Zenana verborgen bleiben? Werfen Sie alle falsche Scheu von sich, ich bitte Sie; machen Sie sich doch nichts aus dem Geflüster um Sie herum! Werfen Sie sich noch heute mit offenen Armen in den Strom der Freiheit draußen in der Welt!«
Wenn Sandip in dieser Weise seinen Kult des Vaterlandes mit seiner Verehrung für mich verwebt, so beginnt mein Blut zu tanzen, und alle Schranken, die mich zurückhalten, geraten ins Wanken. Seine Reden über Kunst und sexuelle Probleme, seine Unterscheidungen zwischen dem Wirklichen und Unwirklichen hatten nur den Geist des Widerspruchs in mir hervorgerufen, der mich hinderte, sachlich zu antworten. Aber dieser Geist ging jetzt in Flammen auf, und mit ihm mein Widerstand. Ich fühlte mich durch meine Weiblichkeit verklärt und einer Göttin gleich. Warum sollte ihr Glanz nicht sichtbar von meiner Stirn strahlen? Konnte meine Stimme nicht ein Wort finden, einen vernehmlichen Ruf, der wie eine heilige Zauberformel mein Vaterland weihte und entflammte?
Plötzlich stürzte mein Mädchen Rhema mit aufgelösten Haaren ins Zimmer. »Geben Sie mir meinen Lohn und lassen Sie mich gehen«, schrie sie. »In meinem ganzen Leben bin ich nicht so...« Das Übrige wurde von Schluchzen erstickt.
»Was ist denn geschehen?«
Es stellte sich heraus, daß Thako, das Mädchen meiner Schwägerin, sie ohne irgendwelchen Grund maßlos beschimpft hatte. Sie war in einem solchen Zustand, daß ich mich vergeblich bemühte, sie zu beruhigen, indem ich ihr sagte, ich wolle gleich nachher kommen und die Sache untersuchen.
Der Schlamm häuslichen Lebens, der unter den Lotusblättern der Weiblichkeit lag, kam an die Oberfläche. Damit Sandip nicht noch mehr davon erblickte, eilte ich schnell zurück.
X
Meine Schwägerin war in ihr Betelnußschneiden vertieft, ein leises Lächeln spielte um ihre Lippen, als ob nichts Verdrießliches passiert wäre. Sie summte noch dasselbe Lied.
»Warum hat deine Thako die arme Khema so beschimpft?« brach ich los.
»Hat sie das? Das Weibsbild! Ich werde sie aus dem Hause peitschen lassen. Wie schändlich, dir deinen Morgen so zu verderben! — Aber was hat denn auch diese Dirne Khema für Manieren, daß sie hingeht und dich stört, wenn du beschäftigt bist? Plage du dich jedenfalls nicht mit solchen häuslichen Zänkereien, Tschota Rani! Überlaß das nur mir und geh wieder zu deinem Freunde!«
Wie plötzlich der Wind in den Segeln unsres Geistes umschlägt! Daß ich Sandip draußen aufgesucht hatte, war in der Beleuchtung des Zenana-Kodex etwas so Unerhörtes, daß ich nicht wußte, was ich antworten sollte und in mein Zimmer ging. Ich wußte, daß meine Schwägerin dahinter steckte, daß sie ihr Mädchen zu dieser Szene aufgereizt hatte. Aber ich fühlte mich auf so unsicherem Boden, daß ich keinen Gegenhieb wagte.
Erst neulich hatte ich gesehen, daß ich den unbeugsamen Stolz, mit dem ich von meinem Gatten die Entlassung Nankus gefordert hatte, nicht bis zu Ende aufrechterhalten konnte. Ich wurde plötzlich verlegen, als die Bara Rani kam und sagte: »Es ist wirklich ganz meine Schuld, lieber Bruder. Wir sind altmodische Leute, und mir wollte die Art deines Sandip Babu nicht recht gefallen, daher sagte ich dem Türhüter... aber wie konnte ich wissen, daß unsre Tschota Rani dadurch beleidigt sein würde? — Ich hätte gerade das Gegenteil erwartet! Aber ich bin nun einmal so unverbesserlich einfältig!«
Was so herrlich scheint, wenn man es von der Höhe der nationalen Sache aus betrachtet, erscheint trübe und schmutzig, wenn man es von unten sieht. Und bald steigert sich Unwillen und Zorn zu Abscheu.
Ich schloß mich in mein Zimmer ein, setzte mich ans Fenster und dachte darüber nach, wie leicht das Leben doch sein würde, wenn man mit seiner Umgebung in Harmonie bleiben könnte. Wie einfach und selbstverständlich sitzt meine Schwägerin da auf der Veranda mit ihren Betelnüssen, und wie unerreichbar fern ist mir mein natürlicher Platz bei meinen häuslichen Pflichten gerückt! Wie soll das alles enden? fragte ich mich. Werde ich je aus diesem Zustande wie aus einem Fiebertraum erwachen und alles vergessen, oder werde ich zu einem Abgrund geschleppt, aus dem es in diesem Leben kein Entrinnen gibt? Wie brachte ich es nur fertig, mein Glück von mir zu stoßen und mein Leben so zu Grunde zu richten? Jeder Winkel dieses Schlafzimmers, das ich vor neun Jahren als junge Frau zuerst betrat, starrt mich erschrocken an.
Als mein Gatte von seinem Magisterexamen nach Hause kam, brachte er mir diese Orchidee mit, die aus einem fernen Lande jenseits des Meeres stammt. Unter diesen kleinen Blättern quoll solch eine Fülle von Blumen hervor, es sah aus, als ob die Schönheit selbst ihr Füllhorn ausgeschüttet hätte. Wir beschlossen, sie hier über dem Fenster aufzuhängen. Sie blühte nur das eine Mal, aber wir haben immer gehofft, daß sie noch einmal blühen würde. Aus Macht der Gewohnheit habe ich sie selbst in diesen Tagen noch begossen, und sie ist noch grün.
Es sind jetzt vier Jahre her, da rahmte ich ein Bild meines Gatten in Elfenbein und stellte es in die Nische da drüben. Wenn jetzt mein Blick zufällig darauf fällt, so muß ich die Augen niederschlagen. Bis vorige Woche pflegte ich es regelmäßig jeden Morgen nach dem Bade mit Blumen zu schmücken, als eine Art Morgenopfer, das ich meiner Liebe brachte. Mein Gatte schalt mich oft darum.
»Es beschämt mich, daß du mich auf eine Höhe erhebst, auf die ich nicht gehöre«, sagte er eines Tages.
»Welch ein Unsinn!«
»Ich bin nicht nur beschämt, sondern auch eifersüchtig!«
»Nun höre ihn einer! Eifersüchtig auf wen denn, bitte?«
»Auf dies mein falsches Ich. Es zeigt nur, daß ich dir zu unbedeutend bin, daß du einen außerordentlichen Mann haben möchtest, vor dessen Überlegenheit du dich beugen kannst, und daher mußt du dir helfen, indem du dir ein andres Ich von mir machst.«
»Es macht mich nur böse, wenn du so redest«, sagte ich.
»Was nützt es, daß du böse mit mir bist«, erwiderte er. »Schilt dein Schicksal, daß es dir keine Wahl ließ, sondern dich zwang, mich blindlings zu nehmen. Nun mußt du beständig versuchen, seinen Fehler wieder gutzumachen, indem du in mir ein Muster aller Vollkommenheit zu sehen suchst.«
Ich war damals so gekränkt durch diesen bloßen Gedanken, daß mir die Tränen in die Augen traten. Und immer, wenn ich jetzt daran denke, muß ich die Augen vor jener Nische niederschlagen.
Denn jetzt habe ich ein andres Bild in meinem Schmuckkasten. Als ich neulich im Wohnzimmer aufräumte, nahm ich den Doppelrahmen fort, in dem Sandips Bild neben dem meines Gatten steckte. Diesem Bild opfere ich keine Blumen, sondern ich halte es unter meinem Schmuck verborgen. Es übt einen um so größeren Zauber auf mich, weil ich es heimlich aufbewahre. Ich betrachte es von Zeit zu Zeit bei verschlossenen Türen. Des Abends schraube ich die Lampe hoch und sitze da, mit dem Bild in der Hand, es unverwandt anstarrend. Und jeden Abend will ich es am Lampenfeuer verbrennen, um es nie mehr zu sehen; aber jeden Abend verberge ich es mit einem Seufzer wieder unter meinen Perlen und Diamanten.
Ach, ich elendes Weib! Welch ein Reichtum von Liebe faßte jedes dieser Schmuckstücke ein! Ach, warum bin ich nicht tot?
Sandip hatte mir klargemacht, daß es nicht in der Natur der Frau liegt, zu zaudern. Für sie gibt es weder rechts noch links, — sie geht immer geradeaus. Wenn die Frauen unsres Vaterlandes aus ihrem Schlaf erwachen, wiederholte er mir beständig, so werden sie mit Siegesgewißheit ihren Ruf erschallen lassen: »Ich will!«
»Ich will« — führte Sandip eines Tages aus, — war das erste Wort am Anfang der Schöpfung. Es wurde nicht von irgendeinem Grundsatz geleitet, sondern es wurde zu Feuer und wandelte sich zu Sonnen und Sternen. Es kennt keine Gerechtigkeit. Weil es den Menschen haben wollte, opferte es unbarmherzig Millionen von Jahren hindurch Millionen Tiere auf, um zu seinem Ziel zu kommen. Dieses furchtbare Wort »ich will« ist Fleisch geworden im Weibe, und daher versuchen die Männer in ihrer Feigheit mit allen Kräften, diese elementare Flut einzudämmen. Sie fürchten, daß sie, wenn sie lachend dahintanzt, alle Hecken und Stützen ihres Kürbisfeldes umreißen könnte. Die Menschen haben sich zu allen Zeiten geschmeichelt, diese Kraft sicher in den Schranken der Konvenienz eingeschlossen zu halten, aber sie sammelt sich an und wächst. Jetzt ist sie noch ruhig und tief wie ein See, aber allmählich wird ihr Druck immer stärker, die Deiche werden nachgeben, und die Kraft, die so lange stumm gewesen ist, wird brüllend hervorstürzen mit dem Ruf: »Ich will!«
Solche Worte Sandips hallen in meinem Herzen wider wie die Schläge einer Kriegstrommel. Sie bringen jeden Konflikt in mir zum Schweigen. Was kümmert es mich, was die Leute von mir denken? Was bedeutet mir jene Orchidee und jene Nische in meinem Schlafzimmer? Wodurch sollten sie die Macht haben, mich zu verkleinern und zu beschämen? Das Urfeuer der Schöpfung brennt in mir.
Ich fühlte mich versucht, die Orchidee herabzureißen und aus dem Fenster zu werfen, die Nische ihres Bildes zu berauben und dem schamlosen Geist der Zerstörung, der in mir wütete, die Zügel schießen zu lassen. Schon hatte ich den Arm erhoben, um es zu tun, da krampfte ein plötzliches Weh mein Herz zusammen, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich warf mich nieder und schluchzte: »Wie soll dies alles enden, wie soll es enden?«