NIKHILS ERZÄHLUNG
III
Ich habe mich nie viel mit mir selbst beschäftigt. Jetzt aber versuche ich oft, Abstand von mir zu nehmen, um mich zu sehen, wie Bima mich sieht. Was für ein Bild trübseliger Feierlichkeit bietet doch ein Mensch wie ich, der die Dinge immer zu ernst nimmt.
Es ist ganz gewiß besser, die Sorgen wegzulachen, als die Welt mit Tränen zu überschwemmen. Nur so kann die Welt wirklich weitergehen. Wir genießen unsere Speise und unsern Schlaf nur, weil wir die Sorgen, die überall, zu Hause und draußen, auf uns warten, wie leere Schatten verscheuchen können. Wenn wir sie nur einen Augenblick ernst nehmen, wo würde da unser Appetit und unser Schlaf bleiben?
Aber ich selbst kann mich nicht als einen dieser Schatten verscheuchen, und daher liegt die Last meiner Sorge beständig schwer auf dem Herzen meiner Welt.
Warum stellst du dich nicht hoch oben auf die große Heerstraße des Weltalls und fühlst dich als einen Teil des Alls? Was ist dir Bima in diesem ungeheuren, jahrtausendelangen Strom der Menschheit? Dein Weib? Was ist ein Weib? Ein leerer Name, den du wie eine Seifenblase mit deinem eigenen Atem groß gemacht und Tag und Nacht sorglich gehütet hast, und der doch beim ersten Nadelstich von draußen zerplatzt.
Mein Weib, — und also in Wahrheit ganz mein eigen! Wenn sie nun aber sagt: »Nein, ich gehöre mir selber«, — soll ich da antworten: »Wie kann das sein? Gehörst du nicht mir?«
»Mein Weib«, — genügt dieser Name als Beweis, daß sie mir gehört, oder wird sie etwa sogar durch ihn mein Eigentum? Läßt sich eine ganze Persönlichkeit in diesen Namen einfangen?
Mein Weib! — Habe ich nicht in dieser kleinen Welt alles gehegt und geliebt, was es Reines und Holdes in meinem Leben gab? Ich ließ es keinen Augenblick von meinem Herzen, daß es mir nicht in den Staub fallen sollte. Was habe ich nicht alles auf ihrem Altar geopfert an Weihrauch der Verehrung und Musik der Leidenschaft, an Blumen, die der Frühling und der Herbst mir brachten! Wenn sie sich nun wie ein Papierboot in das schmutzige Wasser der Gosse hineintreiben läßt, — sollte ich da nicht auch...?
Da falle ich wieder in mein altes Pathos! Warum »schmutzig«? Und warum »Gosse«? Schmähworte, die man in einem Anfall von Eifersucht braucht, ändern die Tatsachen nicht. Wenn Bima nun einmal nicht mein ist, so ist sie es nicht, und kein Zürnen und Wüten und Streiten kann etwas daran ändern. Wenn mein Herz bricht — mag es brechen! Das wird die Welt nicht zugrunde richten — und mich auch nicht; denn der Mensch ist soviel größer als die Dinge, die er in diesem Leben verliert.
Aber das ist die Rücksicht auf die Gesellschaft ... Die überlaß ich der Gesellschaft selbst! Wenn ich weine, so weine ich für mich, nicht für die Gesellschaft. Wenn Bima sagt, daß sie mir nicht gehört, was frage ich dann danach, wo die ist, die die Gesellschaft als mein Weib ansieht!
Leid muß es geben; aber ich muß mich mit allen Mitteln, die in meiner Macht sind, gegen eine Form der Selbstquälerei schützen: ich darf nicht denken, daß das Leben seinen Wert verliert, wenn das Schicksal mich einmal zurücksetzt. Der volle Wert des Lebens darf nicht für die enge häusliche Welt eingesetzt werden; Erfolg oder Mißerfolg auf dem Gebiet meiner persönlichen Leiden und Freuden sind zu belanglos, als daß sie das ganze große Unternehmen des Lebens bankrott machen könnten.
Die Zeit ist gekommen, wo ich Bimala des ganzen ideellen Schmuckes entkleiden muß, mit dem ich sie behangen habe. Ich gab meiner eigenen Schwäche nach, als ich solchen Götzendienst mit ihr trieb. Ich war zu maßlos in meinem Begehren. Ich machte einen Engel aus Bimala, um meinen eigenen Genuß zu erhöhen. Aber Bimala ist, was sie ist. Es ist widersinnig, zu erwarten, daß sie mir zu Gefallen die Rolle eines Engels spielen sollte. Der Schöpfer ist nicht verpflichtet, mir Engel zu schicken, nur weil ich Verlangen nach einem Idealbild von Vollkommenheit habe, das nur in meiner Einbildung besteht.
Ich muß mir eingestehen, daß ich in Bimalas Leben nur ein Zufall gewesen bin. Ihrer Natur nach ist für sie vielleicht nur mit einem Menschen wie Sandip eine wahre Ehe möglich. Doch ich darf mir nun auch nicht in falscher Bescheidenheit sagen, daß ich es verdiene, hinter ihm zurückzustehen. Sandip hat gewiß manches sehr Anziehende, das auch auf mich sehr stark wirkte, aber ich bin doch sicher, daß er nicht größer ist als ich.
Wenn er heute den Siegeskranz davonträgt und ich übersehen werde, so wird der, der ihm den Preis zuerkennt, einmal dafür Rechenschaft ablegen müssen.
Ich sage dies nicht im Gefühl stolzer Überhebung. Die einfache Notwendigkeit zwingt mich, mir allen Wert, den ich wirklich habe, zu vergegenwärtigen, damit ich nicht ganz an mir selbst verzweifle. Möge daher doch durch die schreckliche Erfahrung des Leides mir wenigstens eine Befreiung zuteil werden — die Befreiung von dem Mangel an Selbstvertrauen!
Ich habe unterscheiden gelernt, was ich wirklich in mir habe und was ich törichterweise zu haben glaubte. Die Abrechnung ist gemacht, und das, was übrig ist, bin ich selbst, — nicht ein verkrüppeltes Selbst in Fetzen und Lumpen, nicht ein krankes Selbst, das auf Krankenkost gesetzt werden muß, sondern eine Seele, die das Schlimmste erduldet und es überstanden hat.
Mein Lehrer ging eben durch das Zimmer und sagte, indem er mir die Hand auf die Schulter legte: »Mach, daß du zu Bett kommst, Nikhil, es ist spät in der Nacht.«
Ja, es ist so schwer für mich geworden, zu Bett zu gehen, bevor es spät ist und Bima fest schläft. Am Tage sehen wir uns und sprechen sogar miteinander; aber was soll ich sagen, wenn wir allein zusammen sind, in der Stille der Nacht? — Da schäme ich mich, körperlich und seelisch.
»Wie kommt es, mein Meister, daß Sie noch nicht schlafen?« fragte ich zurück. Mein Lehrer lächelte ein wenig, als er hinausging, und sagte: »Die Zeit des Schlafens ist für mich vorüber. Jetzt bin ich im Alter, wo man wacht.«
Bis hier hatte ich geschrieben und wollte gerade aufstehen und zu Bett gehen, da sah ich durch das Fenster vor mir, wie der schwere Mantel der Juliwolke sich plötzlich etwas öffnete und ein großer Stern hindurchschien. Er schien zu mir zu sagen: »Im Traumland knüpft man Bande, und sie zerreißen wieder, aber ich bin immer hier — die ewige Lampe der Hochzeitsnacht.«
Und plötzlich wurde mein Herz von der Gewißheit erfüllt, daß hinter dem Vorhang der körperlichen Dinge durch die Jahrtausende hindurch treu die ewige Liebe wacht und auf mich wartet. Manches Leben hindurch habe ich in manchem Spiegel ihr Bild gesehen, — in zerbrochenen Spiegeln, in gekrümmten Spiegeln, in staubigen Spiegeln. Und immer, wenn ich versuchte, mir den Spiegel ganz zu eigen zu machen, und ihn sorgfältig verschloß, dann sah ich das Bild nicht mehr. Aber wozu das alles? Was habe ich mit dem Spiegel, oder überhaupt auch mit dem Bild zu tun?
Meine Geliebte, dein Lächeln wird nie ersterben, und an jedem Morgen wird dein rotes Stirnzeichen mir neu leuchten.
»Welch kindischer Selbstbetrug!« spottet irgendein Teufel von seiner dunklen Ecke aus, — »mit solchem törichten Geschwätz bringt man Kinder zur Ruhe!«
Das mag sein. Aber Millionen und Abermillionen von Kindern schreien und müssen zur Ruhe gebracht werden. Kann es sein, daß all diese Scharen mit einer Lüge gestillt werden? Nein, die ewige Liebe kann mich nicht täuschen, denn sie ist wahr!
Sie ist wahr, darum habe ich sie so oft gesehen und werde sie immer wieder sehen, selbst wo ich irre gehe, und selbst durch den dichtesten Tränenschleier. Ich habe sie auf dem Marktplatz des Lebens gesehen und im Gedränge verloren und wiedergefunden; und ich werde sie wiederfinden, wenn ich durch die Spalte des Todes diesem Leben entronnen bin.
Ach, Grausame, spiele nicht länger mit mir! Wenn es mir nicht gelungen ist, dich zu finden, indem ich den Spuren deiner Füße auf dem Wege, dem Duft deines Haares in der Luft folgte, laß mich nicht ewig darum trauern und weinen! Der Stern, der durch den Wolkenmantel glänzt, sagt mir, daß ich nicht verzagen soll. Was ewig ist, muß unvergänglich sein.
Jetzt will ich zu meiner Bimala gehen. Sie wird ihre müden Glieder ausgestreckt haben und eingeschlafen sein, erschlafft von all den innern Kämpfen. Ich will einen Kuß auf ihre Stirn drücken, ohne sie aufzuwecken, — das soll mein Blumenopfer auf ihrem Altar sein. Ich glaube, wenn ich auch alles vergäße nach dem Tode, — all mein Irren und all mein Leiden, — die Erinnerung an diesen Kuß würde in mir nachzittern, denn der Kranz, der aus den Küssen der Liebe gewoben ist, wird einmal, nach vielen Existenzen, die ewige Liebe krönen.
Als der letzte Schlag verklungen war, der die zweite Stunde kündete, kam meine Schwägerin ins Zimmer. »Aber was machst du denn, lieber Bruder?« rief sie. »Geh doch um Gottes willen zu Bett und hör auf, dich so zu quälen! Ich kann es nicht ertragen, zu sehen, wie du leidest.« Die Tränen traten ihr in die Augen, als sie mich so bat.
Ich konnte kein Wort hervorbringen, sondern berührte nur in stummer Ehrfurcht ihre Füße und ging zu Bett.