BIMALAS ERZÄHLUNG

XI

Die Veränderung, die mit einem Schlage über den Geist Bengalens gekommen war, war ungeheuer. Es war, als ob der Ganges die Asche der sechzigtausend Söhne Sagars[23] berührt hätte, die kein Feuer hatte entzünden, kein Wasser in lebendige Erde hatte umwandeln können. Das tote Bengalen stand plötzlich aus der Asche auf und sprach: »Hier bin ich!«

Ich habe irgendwo gelesen, daß im alten Griechenland einmal ein Bildhauer das Glück hatte, dem Bildnis, das er mit eigener Hand gemacht, Leben zu verleihen. Doch selbst bei jenem Wunder war die Form schon da, als das Leben entstand. Aber wo war die Einheit in diesem Haufen unfruchtbarer Asche? Wäre sie hart gewesen, wie Stein, so hätten wir die Hoffnung haben können, daß eine Form aus ihr entstehen könnte, wie ja auch Ahalja, obgleich sie in Stein verwandelt war, doch ihre Menschheit wieder erhielt. Aber diese zerstreute Asche muß dem Schöpfer zwischen den Fingern hindurch in den Staub gefallen sein, um in alle Winde verstreut zu werden. Sie hatte sich angehäuft, aber nie in sich verbunden. Doch an diesem Tage, der für Bengalen gekommen war, nahm selbst diese lose Masse Gestalt an und rief mit Donnerstimme dicht vor unsrer Tür: »Hier bin ich!«

Wie konnten wir anders als an ein Wunder glauben? Es war, als ob dieser Augenblick unsrer Geschichte uns wie ein Edelstein aus der Krone eines trunkenen Gottes in die Hand gefallen wäre. Er hatte keine Ähnlichkeit mit unsrer Vergangenheit; und so hofften wir nun, daß all unser Mangel und Elend wie mit einem Zauberschlage verschwinden würde, daß es für uns keine Grenze mehr gäbe zwischen dem Möglichen und Unmöglichen. Alles schien uns zu sagen: »Es kommt, es ist da!«

So kamen wir zu dem Glauben, daß unsre Geschichte kein Roß brauchte, sondern daß sie wie der himmlische Wagen aus eigener Kraft dahinfahren würde. Auch brauchte man dem Fuhrmann keinen Lohn zu zahlen, man mußte ihm nur ab und zu seinen Becher wieder mit Wein füllen. Und dann würden wir das Ziel unsrer Hoffnungen in irgendeinem unmöglichen Paradies erreichen.

Mein Gatte war nicht ganz teilnahmslos, aber während wir uns begeisterten, schien er immer trauriger zu werden. Es war, als suche er eine Vision hinter der wogenden Gegenwart.

Ich erinnere mich, wie er eines Tages bei einer der Auseinandersetzungen, die er beständig mit Sandip hatte, sagte: »Das Glück ist an unsre Tür gekommen und klopft an, nur um uns zu zeigen, daß wir nicht in der Lage sind, es aufzunehmen, — daß wir nicht alles bereit gehalten haben, um es in unser Haus bitten zu können.«

»Nein«, war Sandips Antwort. »Du redest wie ein Atheist, weil du nicht an unsre Götter glaubst. Uns ist es ganz deutlich offenbar geworden, daß die Göttin mit ihrer Gabe gekommen ist, doch du mißtraust den augenfälligen Zeichen ihrer Gegenwart.«

»Gerade weil ich so fest an meinen Gott glaube,« sagte mein Gatte, »bin ich so gewiß, daß wir noch nicht zu seinem Dienst bereit sind. Gott hat die Kraft, uns seine Gabe zu geben, aber wir müssen die Kraft haben, sie anzunehmen.«

Solche Reden meines Gatten verdrossen mich nur. Ich konnte mich nicht enthalten, mich einzumischen: »Du meinst, daß diese Begeisterung nur ein Rausch ist, aber gibt solch ein Rausch nicht in gewisser Weise Kraft?« »Ja«, erwiderte mein Gatte. »Er gibt vielleicht Kraft, aber keine Waffen.«

»Kraft aber ist eine Gabe Gottes«, fuhr ich fort. »Waffen können von bloßen Handwerkern beschafft werden.« Mein Gatte lächelte. »Die Handwerker werden ihren Lohn fordern, bevor sie die Waffen liefern«, sagte er.

Sandip warf sich in die Brust, als er erwiderte: »Sorge dich nur darum nicht! Sie sollen ihren Lohn schon haben.«

»Ich werde die Festmusik bestellen, wenn sie ihre Bezahlung haben, nicht vorher«, antwortete mein Gatte.

»Du brauchst dir nicht einzubilden, daß wir auf deine Freigebigkeit dafür angewiesen sind«, sagte Sandip spöttisch. »Unser Fest hängt nicht von Geldzahlungen ab.«

Und er begann mit rauher Stimme zu singen:

Mein Geliebter, der verschwenderisch seine Liebe ausschüttet und nach Lohn nicht fragt,
Spielt die einfache kleine Flöte, die er für ein Nichts kaufte,
Und mein Herz lauscht den Klängen, bis es sich ganz darin verliert.

Dann wandte er sich lächelnd zu mir und sagte: »Wenn ich singe, Bienenkönigin, so will ich damit nur beweisen, daß, wenn unser Leben voll Musik ist, wir eine schöne Stimme entbehren können. Wenn wir nur singen, weil wir musikalisch sind, so hat das Lied nicht viel Wert. Nun, da ein voller Strom von Musik über unser Land dahinflutet, lassen Sie Nikhil seine Tonleiter üben, während wir mit unsern rauhen Stimmen das Land aufrütteln:

Mein Haus ruft mir zu: Warum willst du hinaus und willst draußen dein Alles verlieren?
Doch mein Leben sagt: Nimm deine ganze Habe und gib sie den Winden preis!
Ich folge dem Ruf des Lebens, was gilt mir das Gut, das doch entflieht?
Muß ich den Untergang freien, so sei es lächelnd getan!
Denn nur das Eine begehr' ich: den Todestrank der Unsterblichkeit.

Du mußt begreifen, Nikhil, daß wir alle unser Herz verloren haben. Niemand kann uns länger in den Grenzen des leicht Möglichen festhalten bei unsrer Jagd nach dem hoffnungslos Unmöglichen.

Halten wollt ihr uns,
Toren, die ihr nicht die unbändige Lust der Verwegenheit kennt,
Die ihr den Ruf nicht hörtet, der uns kam vom Ziel des verschlungenen Pfades!
Alles, was brav ist, gerade und glatt,
Kopfüber damit in den Staub!«

Ich glaubte, mein Gatte wollte die Diskussion fortsetzen, aber er stand schweigend auf und ließ uns allein.

Was mich innerlich aufwühlte, war nur das Widerspiel der stürmischen Leidenschaft draußen, die über das Land hinfegte, von einem Ende zum andern. Ich fühlte, wie der Herr meines Schicksals auf seinem Siegeswagen schnell heranbrauste, und das Rollen der Räder fand einen Widerhall in mir. Ich hatte beständig das Gefühl, daß jeden Augenblick etwas Außerordentliches geschehen könnte, für das mich jedoch keine Verantwortung träfe. War ich nicht in eine Sphäre gerückt, wo nach Recht und Unrecht und den Gefühlen anderer nicht mehr gefragt wird? Hatte ich dies je gewollt — hatte ich je so etwas erhofft oder erwartet? Wer könnte, wenn er mein ganzes bisheriges Leben ansieht, sagen, daß mich irgendwelche Schuld träfe?

Mein ganzes Leben lang hatte ich getreulich am Altar meine Opfer dargebracht, — aber als endlich die göttliche Gnade sich offenbaren sollte, erschien ein andrer Gott als der, dem ich zu dienen glaubte. Und gleichwie das erwachte Land von dem Jubelruf Bande Mataram erzittert, mit dem es den plötzlich vor ihm aufgetauchten Zukunftstraum begrüßt, so schlagen alle Pulse dem plötzlich erschienenen, unbekannten, ungestümen Fremden entgegen.

Eines Nachts verließ ich mein Bett und schlüpfte aus meinem Zimmer auf die Terrasse draußen. Hinter unsrer Gartenmauer sind reifende Reisfelder. Nach Norden zu sieht man durch die Bäume des Dorfes den Fluß schimmern. Die ganze Landschaft lag in der Dunkelheit da wie der noch schlummernde Keim einer neuen Zukunft.

In jener Zukunft sah ich mein Vaterland, ein Weib gleich mir, dastehen und voll Erwartung ausspähen. Der plötzliche Ruf eines unbekannten Etwas hat sie aus der Enge ihres Hauses herausgetrieben. Sie hat keine Zeit gehabt zu warten und zu überlegen, oder sich eine Fackel anzuzünden, sondern ist ohne Besinnen in das Dunkel hinausgestürzt. Ich weiß wohl, wie ihre innerste Seele auf die fernen Flötenklänge, die sie rufen, antwortet; wie ihre Brust wogt; wie sie fühlt, daß sie diesem Unbekannten immer näher kommt, es schon erreicht hat, so daß sie sich blind hineinstürzen kann. Sie ist nicht Mutter. Sie hört nicht auf den Ruf ihrer hungrigen Kinder, vergeblich wartet am Abend das dunkle Heim auf ihre Lampe. Sie eilt zu ihrem Stelldichein, denn dies ist das Land der Wischnu-Dichter. Sie hat ihr Heim verlassen, ihre häuslichen Pflichten vergessen; sie fühlt nichts als ein unermeßliches Sehnen, das sie vorwärts treibt, — auf welcher Straße, zu welchem Ziel, das gilt ihr gleich.

Auch ich bin erfaßt von solchem Sehnen. Auch ich habe mein Heim verloren und bin verirrt. Ziel und Weg liegen gleichdunkel vor mir. Ich fühle nur, wie mich die Sehnsucht immer weiter treibt. Ach, du unseliger Wanderer durch die Nacht; wenn der Morgen dämmert, wirst du keine Spur eines Weges sehen, auf dem du zurückkehren könntest. Aber warum zurückkehren? Der Tod ist ebensogut. Wenn das Dunkel mit seiner Flöte mich zum Abgrund lockt, was kümmert mich das Hernach? Wenn seine Finsternis mich verschlungen hat, so werde ich nicht mehr sein, und mit mir sind Gut und Böse, Lachen und Tränen dahin.

XII

Da die Maschine der Zeit in Bengalen plötzlich mit Hochdruck arbeitete, wurde, was schwer schien, leicht und die Ereignisse folgten einander Schlag auf Schlag. Nichts ließ sich mehr zurückhalten, selbst in unserm entlegenen Winkel. Anfangs war unser Distrikt zurück, denn mein Gatte wollte keinen Zwang auf die Leute ausüben. »Die ihrem Vaterlande Opfer bringen, sind in Wahrheit seine Diener,« sagte er oft, »aber die, welche andere dazu zwingen, sind seine Feinde. Sie möchten die Freiheit an der Wurzel abhauen, um sie am Gipfel zu erfassen.«

Aber als Sandip kam und sich hier niederließ und seine Anhänger anfingen, im Lande umherzureisen und in Dörfern und Marktflecken ihre Reden zu halten, da schlugen die Wellen der Erregung auch an unser Ufer. Eine Schar junger Burschen aus dem Ort schlossen sich ihm an, darunter sogar einige, die als ein Schandfleck für das Dorf bekannt waren. Aber die Glut ihrer echten Begeisterung verklärte sie äußerlich und innerlich. Es zeigte sich, wie aller Schmutz und Moder in einem Lande plötzlich weggefegt wird, sobald die reine Brise einer großen Freude und Hoffnung darüber hinfährt. Es ist in der Tat schwer für die Menschen, offen und gerade und gesund zu sein, wenn ihr Vaterland geknechtet am Boden liegt.

Nun richteten sich alle Blicke auf meinen Gatten, von dessen Gütern allein ausländische Waren wie Zucker und Salz und Kleidungsstoffe nicht verbannt waren. Selbst die Gutsbeamten wurden am Ende darüber verlegen und beschämt. Und doch hatten noch vor einiger Zeit, als er anfing, einheimische Artikel in unserm Dorfe einzuführen, jung und alt ihn heimlich und öffentlich wegen seiner Torheit getadelt und verspottet. Als es noch nicht ein Ruhm war, zur Swadeschi-Bewegung zu gehören, hatten wir sie von ganzem Herzen verachtet.

Mein Gatte schärft noch immer seine indischen Bleistifte mit seinem indischen Messer, schreibt mit Rohrfedern, trinkt Wasser aus einem Zinngefäß und arbeitet des Abends beim Licht einer altmodischen Öllampe. Aber solch langweiliger Zuckerwasser-Patriotismus sprach uns nicht an. Wir schämten uns vielmehr immer der einfachen und unmodernen Einrichtung seines Empfangszimmers, besonders wenn hohe Beamte oder andere Europäer bei ihm zu Gaste waren.

Mein Gatte hörte meine Vorstellungen lächelnd an. »Warum regst du dich über solche Kleinigkeiten auf?« pflegte er zu sagen.

»Sie werden uns für Barbaren halten oder jedenfalls finden, daß es uns an feiner Lebensart fehlt.«

»Wenn sie das tun, so vergelte es ihnen dadurch, daß ich denke, ihre Feinheit geht nicht tiefer als ihre weiße Haut.«

Mein Gatte hatte auf seinem Schreibtisch einen gewöhnlichen Messingtopf, den er als Blumenvase benutzte. Oft, wenn ich hörte, daß er einen europäischen Gast erwartete, schlich ich mich in sein Zimmer und setzte an seine Stelle eine Kristallvase von europäischer Arbeit.

»Sieh einmal, Bimala,« wehrte er endlich, »jener Messingtopf weiß so wenig von sich wie jene Blumen; aber dies Ding hier macht seinen Zweck so laut bekannt, es paßt nur für künstliche Blumen.«

Nur die Bara Rani schmeichelt den Launen meines Gatten. Einmal kommt sie ganz außer Atem an: »O, Bruder, hast du es schon gehört? Sie haben jetzt im Dorf prachtvolle indische Seife! Ich bin zwar über die Jahre hinaus, wo man sich jeden Luxus leistet, aber wenn sie keine tierischen Fette enthält, möchte ich sie doch versuchen.«

Mein Gatte strahlt, wie er das hört, und nun wird das ganze Haus mit indischen Seifen und Wohlgerüchen überschwemmt. Fürwahr eine schöne Seife! Sie ist vielmehr eine Art scharfen Sodas. Und als ob ich nicht ganz gut wüßte, daß meine Schwägerin für sich die alte europäische Seife weiter gebraucht und diese den Mädchen zum Zeugwaschen gibt!

Ein andermal heißt es: »Ach lieber Bruder, besorge mir doch ein paar von diesen neuen indischen Federhaltern!«

Ihr »Bruder« ist wieder glückstrahlend, und das Zimmer meiner Schwägerin wird mit allen Arten von scheußlichen kleinen Stöcken garniert, die sich Swadeschi-Federhalter nennen. Nicht, daß das irgendwelche Bedeutung für sie hätte, denn Lesen und Schreiben ist nicht ihre Sache. Doch liegt auf ihrem Schreibzeug noch immer derselbe elfenbeinerne Federhalter, der einzige, den sie je benutzt hat.

In Wahrheit war dies alles nur gegen mich gerichtet, weil ich die Schrullen meines Gatten nicht mitmachen wollte.

Es hatte keinen Sinn, daß ich versuchte, ihm die Unaufrichtigkeit meiner Schwägerin zu beweisen; sein Gesicht wurde strenge, sobald ich nur daran rührte. Man schafft sich nur Ärger, wenn man versucht, solchen Menschen die Augen zu öffnen.

Die Bara Rani näht sehr gern. Eines Tages konnte ich nicht umhin herauszuplatzen: »Was für eine Komödiantin du doch bist, Schwester! Wenn dein ›Bruder‹ da ist, so bist du Feuer und Flamme für die Swadeschi-Scheren, aber bei deiner Arbeit gebrauchst du jedesmal die englischen.«

»Was schadet das?« erwiderte sie. »Siehst du denn nicht, wie es ihm Freude macht? Wir sind hier zusammen im Hause aufgewachsen, und ich kenne ihn von seiner Kindheit an. Ich kann es einfach nicht ertragen, wie du, wenn er nicht mehr lächelt. Der Ärmste, er hat kein anderes Vergnügen als das Kaufladenspiel. Du bist die Einzige, die ihn froh machen könnte, und doch wirst du ihn zugrunde richten.«

»Was du auch sagst, es ist nicht recht zu heucheln«, erwiderte ich.

Meine Schwägerin lachte mir ins Gesicht. »Ach, du unschuldige kleine Tschota Rani! Du bist so gerade wie der Rohrstock eines Schulmeisters, nicht wahr? Aber eine rechte Frau ist nicht so geschaffen. Sie ist weich und biegsam, so daß sie sich beugen kann, ohne krumm zu werden.«

Ich konnte die Worte nicht vergessen: »Du bist die Einzige, die ihn froh machen könnte, und doch wirst du ihn zugrunde richten.«

XIII

Suksar, das auf unserm Gebiete liegt, ist eins der größten Handelszentren im ganzen Distrikt. An der einen Seite eines Wassers wird täglich Markt abgehalten, an der andern Seite findet einmal in der Woche ein größerer Markt statt. In der Regenzeit, wenn der See mit dem Fluß Verbindung hat und die Schiffe hinaufkommen können, werden große Mengen Baumwollgarn und Stoffe für den Winter zum Verkauf dorthin gebracht.

Als unsre Begeisterung ihren Höhepunkt erreicht hatte, erklärte Sandip, daß alle ausländischen Artikel samt dem Teufel der Ausländerei aus unserm Gebiet vertrieben werden müßten.

»Selbstverständlich«, antwortete ich kampfbereit.

»Ich habe mit Nikhil deswegen gesprochen«, sagte Sandip. »Er sagt mir, wir können Reden halten, soviel wir wollen, aber Zwang will er nicht dulden.«

»Da lassen Sie mich nur machen«, sagte ich im stolzen Gefühl meiner Macht. Ich wußte, wie tief die Liebe meines Gatten zu mir war. Wäre ich bei Sinnen gewesen, so hätte ich mich eher in Stücke reißen lassen, als daß ich in solchem Moment mein Recht darauf geltend gemacht hätte. Aber Sandip sollte die ganze Macht seiner Gottheit kennen lernen.

Sandip hatte mir in seiner unwiderstehlichen Art klargemacht, wie die Weltkraft sich jedem Einzelnen in Gestalt einer besonderen Wahlverwandtschaft offenbart. »Die Philosophie der Wischnu-Verehrer«, sagte er, »spricht von der Schakti der Freude, die im Herzen der Schöpfung wohnt und das Herz der ewigen Liebe immer anzieht. Die Menschen haben ein immerwährendes Verlangen, diese Schakti aus den verborgenen Tiefen ihrer eignen Natur hervorzubringen, und die unter uns, denen es gelingt, verstehen sogleich deutlich die Sprache der Musik, die aus dem Dunkel zu uns hertönt.« Und sang:

Meine Flöte, die von Liedern quoll, ist verstummt,
Jetzt wo ich Antlitz in Antlitz dir gegenüberstehe.
Mein Ruf suchte dich unter allen Himmeln, als du verborgen lagst;
Nun findet all meine Sehnsucht Erfüllung im Lächeln deines Auges, Geliebte.

Während ich seinen Allegorien zuhörte, hatte ich vergessen, daß ich nur ganz einfach Bimala war. Ich fühlte mich als Schakti, als Verkörperung der Weltfreude. Nichts konnte mich hemmen, nichts war mir unmöglich; was ich berührte, gewann neues Leben. Die Welt um mich her war durch mich neu geschaffen; denn hatte nicht erst der antwortende Ruf meines Herzens all dies Gold über den Herbsthimmel ausgegossen? Und diesen Helden, diesen treuen Diener des Vaterlandes, der mir so ergeben war, — diesen feurigen Geist, diese brennende Kraft, diesen leuchtenden Genius, — ihn auch schuf ich jeden Augenblick neu. Habe ich nicht gesehen, wie meine Gegenwart ihm immer wieder neues Leben einflößt?

Neulich bat mich Sandip, ich möchte Amulja, einen jungen Burschen und eifrigen Anhänger von ihm, empfangen. Ich sah, wie sogleich ein neues Licht in den Augen des Knaben aufflammte, und wußte, daß auch er die Schakti-Kraft an mir gespürt und daß sie in seinem Blut zu wirken begonnen hatte. »Was für eine Zauberin Sie doch sind!« rief Sandip am nächsten Tage aus. »Amulja ist plötzlich kein Knabe mehr, die Fackel seines Lebens brennt lichterloh. Wie kann sich Ihr Feuer unter dem Dach Ihres Hauses verbergen? Früher oder später werden sie alle davon berührt, und wenn alle Lampen brennen, welch einen Dewali-Karneval[24] werden wir dann hier im Lande feiern!«

Vom Glanz meines eignen Nimbus geblendet, beschloß ich, meinem getreuen Priester diese Gabe zu gewähren. Ich vermeinte in meiner stolzen Überhebung, daß niemand mich in dem hindern könnte, was ich wirklich wollte. Als ich nach diesem Gespräch mit Sandip in mein Zimmer zurückkehrte, machte ich mein Haar los und band es wieder hoch. Miß Gilby hatte mir gezeigt, wie man es von hinten hochbürstet und in einem Knoten hochsteckt. Diese Frisur liebte mein Gatte ganz besonders. »Es ist schade,« sagte er einmal, »daß die Vorsehung einem armen Alltagsmenschen wie mir statt dem Dichter Kalidasa all die Wunder eines Frauennackens offenbart hat. Der Dichter würde ihn vielleicht mit einem Blumenstengel verglichen haben; aber ich empfinde ihn als eine Fackel, die die schwarze Flamme deines Haares hochhält.«

Und dabei — — — Aber warum, ach, warum muß ich an all das denken?

Ich ließ meinen Gatten rufen. Früher konnte ich hundert Vorwände jeder Art ersinnen, um ihn zu veranlassen, zu mir zu kommen. Jetzt, da alles das längst vorbei war, verstand ich diese Kunst nicht mehr.

Fußnoten:

[23] Der Fluch, der sie in Asche verwandelte, hatte verhängt, daß sie nicht anders ins Leben zurückgerufen werden könnten, als wenn der Ganges zu ihnen herabgebracht würde. (Anm. d. engl. Übers.)

[24] Dewali (eig. dīpāli »Reihe von Lampen«), Name verschiedener Götterfeste, die mit nächtlichen Illuminationen gefeiert werden. (Übers.)