NIKHILS ERZÄHLUNG

VI

Pantschus Frau ist eben an der Schwindsucht gestorben. Pantschu muß sich einer feierlichen Zeremonie unterziehen, um sich von Sünde zu reinigen und die Gemeinde zu versöhnen. Die Gemeinde hat berechnet und ihm mitgeteilt, daß es 123 Rupien[25] kosten wird.

»Welch ein Unsinn!« rief ich empört. »Laß dich darauf nicht ein, Pantschu! Was können sie dir tun?«

Indem er seine geduldigen Augen zu mir erhob wie ein todmüdes Lasttier, sagte er: »Ach Herr, meine älteste Tochter muß ja doch verheiratet werden. Und meine arme Frau muß ihre Totenfeier haben.«

»Selbst wenn irgendwelche Schuld dich träfe, Pantschu,« überlegte ich laut, »so hast du sicher schon genug dafür gelitten.«

»Das ist wahr, Herr«, gab er treuherzig zu. »Ich mußte einen Teil meines Landes verkaufen und den Rest verpfänden, um die Doktorrechnung zu bezahlen. Aber um die Opfergebühren an die Brahmanen komme ich nicht herum.«

Was ließ sich dagegen einwenden? »Wann wird die Zeit kommen,« so fragte ich mich, »wo die Brahmanen selbst sich entsühnen müssen, weil sie solche Opfer angenommen haben?«

Der arme Pantschu hatte die ganze Zeit gegen den Hunger kämpfen müssen, jetzt nach dem Tode und Begräbnis seiner Frau gab er den Kampf auf. In der Verzweiflung nach irgendeinem Trost suchend, fand er ihn zu den Füßen eines wandernden Asketen, und es gelang ihm, so weit in der Philosophie zu kommen, daß er seine hungernden Kinder vergaß. Er lebte eine Zeitlang ganz in der Idee, daß alles eitel sei und daß, wenn es keine Freuden hienieden gäbe, der Schmerz ebenso wenig wirklich sei. Und eines Nachts verließ er seine Kleinen in ihrer baufälligen Hütte und machte sich auf die Wanderung.

Ich erfuhr damals nichts davon, denn ich war in einer furchtbaren Krisis, wo Götter und Teufel sich um meine Seele stritten. Mein Lehrer sagte mir auch gar nicht, daß er die verlassenen Kleinen Pantschus unter sein Dach genommen hatte und für sie sorgte, obgleich er allein im Hause war und den ganzen Tag seine Schule hatte.

Nach einem Monat kam Pantschu zurück; sein asketischer Eifer war beträchtlich abgekühlt. Seine beiden Ältesten, ein Junge und ein Mädchen, schmiegten sich an ihn und fragten: »Wo bist du die ganze Zeit gewesen, Vater?« Sein Jüngster saß auf seinem Schoß; sein kleinstes Mädchen war von hinten an ihm heraufgeklettert und hatte ihm die Arme um den Hals geschlungen, und sie weinten alle zusammen. »Ach Herr«, schluchzte Pantschu endlich und wandte sich an meinen Lehrer. »Ich kann diesen Kleinen nicht genug zu essen verschaffen, und ich kann es auch nicht übers Herz bringen, fortzugehen und sie im Stich zu lassen. Was für eine Sünde habe ich denn nur getan, daß ich so an Händen und Füßen gebunden und gemartert werde?«

Inzwischen war der Faden von Pantschus kleinen Handelsbeziehungen zerrissen, und er sah, daß er sie nicht wieder aufnehmen konnte. Er klammerte sich an den Schutz, den mein Lehrer ihm bei seiner Heimkehr unter seinem Dach geboten hatte, und sagte kein Wort von Nachhausegehen. Mein Lehrer mußte endlich davon anfangen. »Hör' einmal, Pantschu,« sagte er, »wenn du dich gar nicht um deine Hütte kümmerst, wird sie ganz und gar einfallen. Ich will dir etwas Geld leihen, daß du wieder etwas hausieren kannst, und dann kannst du es mir nach und nach zurückzahlen.«

Pantschu war nicht sehr erbaut davon, — gab es denn gar nicht so etwas wie Barmherzigkeit auf Erden? Und als mein Lehrer ihn bat, ihm einen Schuldschein für das Geld auszustellen, da hatte er das Gefühl, daß ihm an einer Unterstützung, die er zurückzahlen sollte, nicht viel gelegen sein konnte. Mein Lehrer jedoch wollte ihn sich nicht gern durch ein äußeres Almosen innerlich verpflichten. »Wer die Selbstachtung eines Menschen zerstört, nimmt ihm seine Kaste«, meinte er.

Nachdem Pantschu den Schuldschein unterschrieben hatte, war sein Gruß lange nicht mehr so ehrerbietig, auch die ehrfurchtsvolle Fußberührung unterließ er ganz. Mein Lehrer lächelte darüber; ihm war nichts lieber, als daß Pantschu weniger Unterwürfigkeit zeigte. »Es ist schon recht, daß ein Mensch dem andern die schuldige Achtung erzeigt,« pflegte er zu sagen, »aber was darüber hinausgeht, ist vom Übel.«

Pantschu begann, Stoffe auf dem Markt zu kaufen und im Dorf damit zu hausieren. Er bekam zwar nicht viel bares Geld dafür, aber was er an Waren erübrigen konnte, in Gestalt von Reis, Flachs und andern Erzeugnissen des Feldes, verwandte er auf die Abzahlung seiner Schuld. Nach zwei Monaten konnte er die erste Rate abzahlen, und dementsprechend zog er auch von seinem Gruß etwas an Ehrerbietung ab. Ihm mußte das Gefühl gekommen sein, daß der, den er als einen Heiligen verehrt hatte, ein bloßer Mensch und nicht einmal über die Lockungen des Gewinnes erhaben war.

Während Pantschu mit diesen Dingen beschäftigt war, drang plötzlich die Sturmflut der Swadeschi-Bewegung auf ihn ein.

VII

Es war Ferienzeit, und viel junge Leute aus unserm Dorf und der Nachbarschaft waren von ihren Schulen und Universitäten nach Hause gekommen. Sie schlossen sich mit Begeisterung der Gefolgschaft Sandips an, und einige gaben in ihrem Übereifer ihre Studien ganz auf. Viele von ihnen waren Freischüler meiner Schule hier, einige erhielten Stipendien von mir für ihr Studium in Kalkutta. Sie kamen geschlossen zu mir und forderten, ich solle die fremden Waren von meinem Markt in Suksar verbannen.

Ich sagte ihnen, ich könne das nicht tun.

Sie wurden sarkastisch: »Wie Maharadscha, würden Sie zuviel dabei verlieren?«

Ich beachtete das Beleidigende in ihrem Ton nicht und wollte gerade antworten, daß nicht ich, sondern die armen Händler und ihre Kunden den Verlust haben würden, als mein Lehrer, der dabei war, sich einmischte.

»Ja, den Verlust wird er haben, nicht ihr, das ist klar«, sagte er.

»Aber fürs Vaterland...«

»Nicht der Boden ist das Vaterland, sondern die Menschen darauf«, unterbrach sie mein Lehrer. »Habt ihr ihrem Schicksal sonst auch nur einen Blick gegönnt? Aber jetzt wollt ihr ihnen vorschreiben, was für Salz sie essen und was für Kleider sie tragen sollen. Warum sollten sie sich solcher Tyrannei beugen, und warum sollten wir dazu helfen?«

»Aber wir selbst essen auch nur indisches Salz und Zucker und tragen indische Stoffe.«

»Ihr könnt tun, was ihr wollt, um euren Zorn zu kühlen und euren Fanatismus zu befriedigen. Ihr habt die Mittel und braucht nicht danach zu fragen, was es kostet. Die Armen wollen euch auch nicht daran hindern, aber ihr wollt durchaus, daß sie sich eurem Zwang unterwerfen. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist jeder Augenblick für sie ein verzweifelter Kampf um die bloße Existenz; ihr könnt euch nicht einmal vorstellen, wieviel ein paar Pennys für sie ausmachen, — so wenig habt ihr mit ihnen gemein. Ihr habt euer ganzes bisheriges Leben in einem bessern und bequemern Abteil zugebracht, und jetzt kommt ihr plötzlich her und wollt sie zu Werkzeugen eurer Wut machen. Das nenne ich feige.«

Es waren alles alte Schüler meines Lehrers, daher wagten sie nicht, unehrerbietig zu werden, obgleich sie vor Zorn bebten. Sie wandten sich zu mir: »Wollen Sie denn der Einzige sein, Maharadscha, der dem Vaterlande in seinem Bestreben Hindernisse in den Weg legt?«

»Wer bin ich, daß ich so etwas wagen sollte? Würde ich denn nicht lieber mein Leben hingeben, um ihm zu helfen?«

Der Wortführer lächelte hämisch, als er fragte: »Dürfen wir fragen, was Sie denn Positives tun, um zu helfen?«

»Ich habe indisches Garn aufgekauft und es auf meinem Markt in Suksar feilgehalten, und ich habe auch ganze Ballen davon auf die Märkte der benachbarten Zemindars geschickt.«

»Aber wir sind auf Ihrem Markt gewesen, Maharadscha,« rief derselbe Student aus, »und haben gefunden, daß niemand dies Garn kauft.«

»Das ist weder meine Schuld, noch die meines Marktes. Es zeigt nur, daß nicht das ganze Land euer Gelübde abgelegt hat.«

»Es zeigt noch mehr«, nahm mein Lehrer das Wort. »Es zeigt, daß, was ihr euch gelobt habt, nur dazu dient, andre zu plagen. Denn andre, die das Gelübde nicht abgelegt haben, sollen erst alles für euch tun, damit ihr das eure halten könnt. Ihr braucht Händler, die das Garn kaufen, Weber, die es verarbeiten, und Kunden, denen es aufgenötigt wird. Und eure Methode? Ihr macht Lärm, und der Zemindar zwingt die Leute mit Gewalt. Und was kommt dabei heraus? Ihr wollt die Ehre davon haben, und die andern sollen die Opfer bringen.«

»Und dürfen wir uns erlauben, zu fragen, was für Opfer Sie gebracht haben?« fragte ein Naturwissenschaftler weiter.

»Wollt ihr das wissen?« rief mein Lehrer. »Nikhil selbst ist es, der das indische Garn aufkaufen muß; er mußte eine Webschule gründen, damit es gewebt wurde, und nach seinen bisherigen glänzenden Geschäftserfolgen ist zu erwarten, daß seine Baumwollenstoffe, wenn sie so weit sind, daß sie vom Webstuhl kommen, ihn ungefähr soviel kosten, als wenn sie von Gold wären; daher werden sie vielleicht nur als Vorhänge in seinem Gesellschaftszimmer Verwendung finden, obgleich sie auch für diesen Zweck eigentlich zu dünn und durchsichtig sind. Wenn ihr einmal eures Gelübdes überdrüssig seid, so werdet ihr es sein, die am lautesten über ihre künstlerische Wirkung lachen. Und wenn die Kunstfertigkeit ihres Gewebes je einmal richtig gewürdigt wird, so wird dies von Ausländern geschehen.«

Ich kenne meinen Lehrer, solange ich lebe, aber nie habe ich ihn so erregt gesehen. Ich konnte sehen, daß der Schmerz sich schon eine Zeitlang still in seinem Herzen angehäuft hatte, weil er mich so über alles liebt, und daß seine gewohnte Selbstbeherrschung schon lange heimlich untergraben war und er nur noch mit Mühe an sich hielt.

»Sie sind soviel älter als wir«, sagte ein Student der Medizin. »Es würde unziemlich sein, wollten wir mit Ihnen streiten. Aber, bitte, sagen Sie uns endgültig, sind Sie entschlossen, die fremden Waren nicht von Ihrem Markt zu entfernen?«

»Ich werde es nicht tun,« sagte ich, »weil sie nicht mir gehören.«

»Weil Sie dadurch Verluste erleiden würden«, lächelte der erste Sprecher.

»Weil der, der den Verlust haben würde, auch die Entscheidung haben muß«, erwiderte mein Lehrer.

Mit dem Ruf »Bande Mataram« verließen sie uns.

Fußnoten:

[25] Silbermünze von ungefähr 2 Mk. Wert.