BIMALAS ERZÄHLUNG
XVIII
Amulja sollte heute morgen von Kalkutta zurückkehren. Ich hatte die Dienstboten beauftragt, mich sofort zu benachrichtigen, wenn er ankäme, aber ich hatte nirgends Ruhe. Endlich ging ich hinaus, um draußen im Wohnzimmer auf ihn zu warten.
Als ich ihn ausschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen, muß ich nur an mich gedacht haben. Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß ein so junger Bursche, wenn er versuchte, solche wertvollen Juwelen zu verkaufen, leicht in Verdacht geraten könnte. So hilflos sind wir Frauen, daß wir, sobald Gefahr droht, die Last auf andre abschieben müssen. Wenn wir ins Verderben geraten, so ziehen wir die, die uns umgeben, mit hinab.
Ich hatte stolz gesagt, ich wolle Amulja retten, — als ob ein Ertrinkender andre retten könnte! Statt ihn zu retten, habe ich ihn in sein Verhängnis geschickt. Mein lieber Bruder, eine solche Schwester bin ich dir gewesen, daß der Tod an jenem Brudertag gelächelt haben muß, als ich dir meinen Segen gab, — ich, die unter der Last ihrer eigenen Schuld zusammenbricht!
Ich fühle heute, daß der Mensch mitunter von dem Bösen wie von einer Seuche befallen wird. Irgendein Keim fällt irgendwo hinein, und noch in derselben Nacht naht mit großen Schritten der Tod.
Warum entfernt man solchen Kranken nicht von den übrigen Menschen? Ich habe an mir selber erfahren, wie entsetzlich die Ansteckung ist, — wie eine glühende Fackel, die nach allen Seiten auszüngelt, um die Welt in Flammen zu setzen.
Es schlug neun. Ich konnte den Gedanken nicht loswerden, daß Amulja in Gefahr sei, daß er der Polizei in die Hände gefallen sei. Es herrscht gewiß große Aufregung auf dem Polizeiamt: Wem gehören die Schmucksachen? Wie hat er sie bekommen? Und schließlich werde ich öffentlich vor aller Welt auf diese Fragen Antwort geben müssen.
Was für eine Antwort soll das sein? Endlich ist dein Tag gekommen, Bara Rani, nachdem ich dich so lange verachtet habe. Dir wird deine Rache werden, wenn das Publikum mich mit verächtlichen Blicken mustert. O Gott, rette mich nur diesmal, und ich will all meinen Stolz meiner Schwägerin zu Füßen werfen!
Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich ging geradewegs zu der Bara Rani. Sie war auf der Veranda und würzte ihre Betelblätter. Thako war bei ihr.
Beim Anblick Thakos wich ich einen Augenblick zurück, aber dann bezwang ich mich, neigte mich tief vor meiner älteren Schwägerin und berührte ehrfurchtsvoll ihre Füße.
»Du meine Güte, Tschota Rani,« rief sie aus, »was kommt dir denn in den Sinn? Warum plötzlich diese Ehrfurcht?«
»Es ist mein Geburtstag heute, Schwester«, sagte ich. »Ich habe dich oft gekränkt. Gib mir heute deinen Segen, daß ich es nie wieder tun möge! Mein Wille ist so schwach.« Ich neigte mich noch einmal und ging eilig fort, aber sie rief mich zurück.
»Du hast mir nie gesagt, daß heute dein Geburtstag ist, liebe Tschotie! Komm doch heute nachmittag zum Tee zu mir. Das mußt du auf jeden Fall tun!«
O Gott, laß es heute wirklich meinen Geburtstag sein! Kann ich nicht noch einmal geboren werden? Reinige mich, mein Gott, und läutre mich und versuche es noch einmal mit mir!
Ich ging wieder ins Wohnzimmer, wo ich Sandip fand. Es war, als ob ein Gefühl von Ekel mir das Blut vergiftete. Das Gesicht, das ich im Morgenlicht vor mir sah, hatte nichts von dem Zauberglanz des Genius.
»Verlassen Sie das Zimmer!« stieß ich hervor.
Sandip lächelte. »Da Amulja nicht hier ist,« bemerkte er, »sollte ich meinen, ich sei jetzt an der Reihe, ein tête-à-tête mit Ihnen zu haben.«
Jetzt rächte sich meine Schuld. Wie konnte ich ihm das Recht wieder nehmen, das ich ihm selbst gegeben hatte? »Ich möchte allein sein«, wiederholte ich.
»Königin,« sagte er, »die Gegenwart eines andern hindert nicht, daß Sie allein sind. Verwechseln Sie mich nicht mit jedem Beliebigen! Ich, Sandip, bin immer allein, selbst wenn ich von Tausenden umgeben bin.«
»Bitte, kommen Sie zu einer andern Zeit! Heute morgen...«
»Warten Sie auf Amulja?«
Ich wandte mich zornig ab und wollte aus dem Zimmer gehen, als Sandip aus den Falten seines Mantels meinen Schmuckkasten hervorzog und ihn heftig auf den Marmortisch setzte. Ich war aufs höchste bestürzt. »Ist denn Amulja nicht fort?« rief ich aus.
»Fort, wohin?«
»Nach Kalkutta?«
»Nein«, frohlockte Sandip.
O, so hatte mein Segen doch gewirkt. Er war gerettet. Mag nun Gottes Strafe mich, die Diebin, treffen, wenn nur Amulja gerettet ist!
Der Wechsel im Ausdruck meines Gesichts reizte Sandip. »So erfreut, Königin?« fragte er höhnisch. »Sind diese Schmucksachen so kostbar? Wie konnten Sie sich denn dazu entschließen, sie der Göttin zu opfern? Denn Sie haben sie ihr tatsächlich geopfert. Wollten Sie ihre Gabe nun zurücknehmen?«
Der Stolz stirbt schwer und erhebt noch bis zum letzten Augenblick immer wieder seine Krallen. Ich fühlte, ich mußte Sandip zeigen, daß der Verlust der Schmucksachen mir vollständig gleichgültig war. »Wenn sie Ihre Begierde erregt haben,« sagte ich, »so können Sie sie nehmen.«
»Meine Begierde umfaßt heute den Reichtum ganz Bengalens«, erwiderte Sandip. »Gibt es eine größere Kraft als die Begierde? Sie ist das Roß der Großen dieser Erde, wie der Elefant Airavat das Roß Indras. Diese Juwelen gehören also mir?«
Als Sandip den Kasten nahm und wieder unter seinen Mantel barg, stürzte Amulja herein. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, seine Lippen waren trocken, sein Haar wirr; es war, als ob die Blüte seiner Jugend in einem einzigen Tage verwelkt sei. Sein Anblick schnitt mir durch die Seele.
»Meinen Kasten!« rief er und stürzte geradewegs auf Sandip zu, ohne mich anzusehen. »Haben Sie den Schmuckkasten aus meinem Koffer genommen?«
»Deinen Schmuckkasten?« fragte Sandip spöttisch.
»Es war mein Koffer!«
Sandip lachte auf. »Deine Unterscheidung zwischen mein und dein wird etwas schwach, Amulja«, rief er. »Doch ich sehe, du wirst trotzdem als frommer Priester sterben.«
Amulja sank auf den Stuhl und barg das Gesicht in den Händen. Ich trat zu ihm und legte meine Hand auf seinen Kopf. »Was fehlt dir, Amulja?« fragte ich.
Er sprang auf. »O Schwester Rani,« rief er, »ich wollte Ihnen so gern selbst die Juwelen zurückgeben. Das wußte Sandip Babu, und nun ist er mir zuvorgekommen.«
»Was liegt mir an den Juwelen?« sagte ich. »Laß ihn sie nehmen! Das macht nichts.«
»Nehmen?« fragte er ganz verständnislos.
»Die Juwelen sind mein«, sagte Sandip. »Es sind die Insignien, die meine Königin mir verliehen hat.«
»Nein, nein, nein!« rief Amulja leidenschaftlich. »Niemals, Schwester Rani! Ich habe sie Ihnen zurückgebracht. Sie dürfen sie niemandem anders geben.«
»Ich nehme deine Gabe an, mein kleiner Bruder«, sagte ich. »Aber laß den, der Verlangen danach hat, seine Begierde befriedigen!«
Amulja funkelte Sandip Babu an wie ein Raubtier und stieß heiser hervor: »Hören Sie, Sandip Babu, Sie wissen, daß selbst der Galgen mich nicht schreckt. Wenn Sie sich unterstehen, diesen Schmuckkasten wegzunehmen...«
Sandip lachte gezwungen und sagte: »Du solltest mittlerweile wissen, Amulja, daß ich nicht der Mann bin, der sich vor dir fürchtet.«
»Bienenkönigin,« fuhr er dann zu mir gewandt fort, »ich bin heute nicht hierher gekommen, um Ihnen die Schmucksachen zu nehmen, sondern um sie Ihnen zu geben. Sie hätten unrecht getan, wenn Sie meine Gabe aus Amuljas Händen angenommen hätten. Um dies zu verhindern, mußte ich mich erst ihres Besitzes versichern. Nun nehmen Sie hier diese meine Juwelen als eine Gabe von mir. Da sind sie! Verschwören Sie sich mit diesem Burschen, soviel Sie wollen! Ich muß fort. Sie haben alle diese Tage Ihre besonderen Gespräche gehabt, von denen ich nichts wissen sollte. Wenn jetzt besondere Ereignisse kommen sollten, so geben Sie mir nicht die Schuld!«
»Amulja,« fuhr er fort, »ich habe deine Koffer und Sachen nach deiner Wohnung bringen lassen. Ich will nichts mehr in meinem Zimmer haben, was dir gehört.« Nach diesem letzten Pfeilschuß eilte Sandip hinaus und warf die Tür hinter sich zu.
XIX
»Ich habe keine Ruhe gehabt, Amulja,« sagte ich, »seit ich dich wegschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen.«
»Warum, Schwester Rani?«
»Ich fürchtete, du könntest damit in Gefahr geraten, man könnte dich für einen Dieb halten. Ich möchte lieber die 6000 Rupien gar nicht haben. Jetzt mußt du noch etwas anderes mir zuliebe tun, du mußt gleich nach Hause gehen zu deiner Mutter.«
Amulja zog ein kleines Päckchen hervor und sagte: »Aber Schwester, ich habe die 6000.«
»Wo hast du sie her?«
»Ich versuchte alles mögliche, um Gold zu bekommen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu beantworten, »aber es gelang mir nicht. So mußte ich das Geld in Banknoten bringen.«
»Sag' mir aufrichtig, Amulja, schwöre mir, wo hast du das Geld her?«
»Das will ich Ihnen nicht sagen.«
Es wurde mir dunkel vor den Augen. »Was hast du Schreckliches getan?« rief ich. »Ist es denn...«
»Ich weiß, Sie werden sagen, daß ich auf ungerechte Weise zu diesem Gelde kam. Gut, ich gebe es zu. Aber ich habe den vollen Preis für meine Schuld bezahlt. Daher ist das Geld jetzt mein.«
Ich wollte nicht mehr wissen. Das Blut erstarrte mir in den Adern.
»Schaffe es fort, Amulja«, flehte ich. »Bringe es wieder dahin, wo du es hergenommen hast!«
»Das würde in der Tat schwer sein!«
»Es ist nicht schwer, lieber Bruder. Es war ein verhängnisvoller Augenblick, als du mich zuerst sahst. Selbst Sandip hat dir nicht so viel schaden können wie ich.«
Bei Sandips Namen fuhr er auf wie von einer Viper gestochen.
»Sandip!« rief er. »Durch Sie habe ich erst erkannt, was für ein Mensch er ist. Wissen Sie, Schwester, daß er keinen Heller von dem Gold, das er Ihnen abnahm, ausgegeben hat? Er schloß sich, nachdem er von Ihnen gegangen war, in seinem Zimmer ein und weidete sich an dem Anblick des Goldes, das er vor sich auf dem Fußboden ausbreitete. ›Dies ist nicht Gold,‹ rief er aus, ›dies sind die Blütenblätter der göttlichen Lotusblume der Macht; es sind Kristall gewordene Melodien aus den Flöten, die im Paradiese des Reichtums erklingen! Ich kann es nicht übers Herz bringen, sie zu wechseln, denn es ist, als sehnten sie sich, die Erfüllung ihres Daseins zu finden als Schmuck um den Hals der Schönheit. Amulja, mein Junge, blick' sie nicht mit deinem leiblichen Auge an, sie sind das Lächeln Lakschmis, der bezaubernde Strahlenkranz von Indras Gattin. Nein, nein, ich kann sie nicht dem Tölpel von Verwalter überlassen. Ich bin sicher, Amulja, er hat uns belogen. Die Polizei ist dem Manne, der das Boot versenkte, gar nicht auf der Spur. Der Verwalter will nur etwas für sich dabei herausschlagen. Wir müssen versuchen, die verhängnisvollen Briefe von ihm wiederzubekommen.‹«
»Ich fragte ihn, wie wir das anfangen sollten; er gebot mir, Drohungen oder Gewalt anzuwenden. Ich war bereit, wenn er das Geld zurückgeben wollte. Das könnten wir später erwägen war die Antwort. Ich will Ihnen die Einzelheiten ersparen, Schwester, wie ich es endlich fertig brachte, den Menschen so zu ängstigen, daß er die Briefe herausgab, die ich verbrannte, es ist eine lange Geschichte. Am selben Abend noch kam ich zu Sandip und sagte: ›Jetzt sind wir in Sicherheit. Geben Sie mir das Gold, daß ich es morgen meiner Schwester, der Maharani zurückgebe!‹ Er aber rief: ›Was ist das für eine Narrheit von dir? Du wirst bald vor dem Sari deiner geliebten Schwester vom ganzen Vaterlande nichts mehr sehen. Sag' Bande Mataram und banne den bösen Geist!‹«
»Sie kennen die Gewalt von Sandips Zauber, Schwester Rani. Das Gold blieb in seinen Händen. Und ich verbrachte die lange dunkle Nacht auf den Badestufen des Sees und murmelte: Bande Mataram.«
»Als Sie mir dann Ihre Juwelen zum Verkauf übergaben, ging ich noch einmal zu Sandip. Ich konnte merken, daß er böse auf mich war. Aber er versuchte, es nicht zu zeigen. ›Wenn du sie noch in irgendeinem Koffer von mir aufbewahrt findest, magst du sie nehmen‹, sagte er und warf mir die Schlüssel zu. Sie waren nirgends zu sehen. ›Sagen Sie mir, wo sie sind‹, sagte ich. ›Ich werde es tun, wenn du von deiner Narrheit geheilt bist, jetzt nicht‹, erwiderte er.«
»Als ich sah, daß er sich nicht bewegen ließ, mußte ich auf andre Mittel sinnen. Ich versuchte das Gold gegen die 6000 Rupien in Banknoten von ihm einzutauschen. ›Du sollst sie haben‹, sagte er und verschwand in seinem Schlafzimmer, während ich draußen wartete. Dort erbrach er meinen Koffer und ging durch eine andre Tür mit Ihrem Schmuckkasten geradewegs zu Ihnen. Er wollte nicht, daß ich ihn Ihnen brächte, und nun wagt er, ihn seine Gabe zu nennen. Wie kann ich sagen, wieviel er mir geraubt hat! Niemals werde ich ihm verzeihen!«
»Aber eins ist gewiß, Schwester, die Macht, die er über mich hatte, ist gänzlich gebrochen. Und Sie sind es, die sie gebrochen hat!«
»Lieber Bruder,« sagte ich, »wenn das wahr ist, so habe ich nicht umsonst gelebt. Aber es bleibt noch mehr zu tun, Amulja. Es ist nicht genug, daß der Zauber gebrochen ist. Seine häßlichen Spuren müssen getilgt werden. Zögre nicht länger, geh' sogleich und bringe das Geld dahin zurück, wo du es hergenommen hast! Kannst du es nicht tun, mein Liebling?«
»Mit Ihrem Segen ist alles möglich, Schwester Rani!«
»Bedenke, daß es sich nicht um deine, sondern auch um meine Sühne handelt. Ich bin eine Frau; die Außenwelt ist mir verschlossen, sonst ginge ich selbst. Daß ich die Last meiner Sünde auf dich wälzen muß, ist meine härteste Strafe.«
»Sagen Sie das nicht, Schwester! Der Weg, den ich ging, war nicht Ihr Weg. Er lockte mich wegen seiner Gefahren und Schwierigkeiten. Jetzt, da Ihr Weg mich ruft, mag er tausendmal schwieriger und gefährlicher sein, Ihr Segen wird mir zum Ziel helfen. Es ist also Ihr Befehl, daß dies Geld wieder an seinen Platz gebracht werde?«
»Nicht mein Befehl, mein Bruder, sondern ein Befehl von oben.«
»Davon weiß ich nichts. Für mich genügt es, wenn der Befehl von Ihren Lippen kommt. Und, Schwester, ich hatte doch eine Einladung von Ihnen? Um die darf ich nicht kommen. Sie müssen mir, bevor ich gehe, Ihr prasad[37] geben. Dann werde ich, wenn es irgend möglich ist, noch vor Abend meinen Auftrag erfüllen.«
Die Tränen traten mir in die Augen, als ich mit einem Versuch zu lächeln sagte: »So sei es.«
Fußnoten:
[37] Speise, die durch die Berührung eines verehrten Menschen geweiht ist.