NIKHILS ERZÄHLUNG

VIII

Ein paar Tage später brachte mein Lehrer Pantschu zu mir. Sein Zemindar hatte ihm eine Geldstrafe von hundert Rupien auferlegt und drohte, ihn von seinem Hof zu jagen. »Was hat er denn getan?« fragte ich. »Man hat ihn dabei ertappt, daß er ausländische Stoffe verkaufte«, war die Antwort. Er bat und flehte Harisch Kundu, seinen Zemindar, an, er möge ihm erlauben, seinen Vorrat, den er sich mit geliehenem Gelde gekauft habe, abzusetzen, er wolle nie wieder mit fremden Waren handeln; aber der Zemindar wollte nichts davon hören und bestand darauf, daß der ausländische Stoff auf der Stelle verbrannt werde, wenn er freigelassen werden wolle. Pantschu brach in seiner Verzweiflung trotzig los: »Das kann ich nicht, dazu habe ich nicht die Mittel! Sie sind reich, warum kaufen Sie es denn nicht auf und verbrennen es?«

Aber dies diente nur dazu, Harisch Kundu in Wut zu bringen, und er rief: »Man muß dem Kerl Manieren beibringen, man gebe ihm eine Tracht Prügel!« So bekam der arme Pantschu zu seiner Geldstrafe noch eine Prügelstrafe.

»Was wurde aus dem Stoff?«

»Der ganze Ballen wurde verbrannt.«

»Wer war sonst noch dabei?«

»Eine Menge Leute, die alle Bande Mataram schrieen. Sandip war auch da. Er nahm etwas von der Asche und rief: ›Brüder! Dies ist der erste Scheiterhaufen, den euer Dorf zur Totenfeier des ausländischen Handels errichtet. Dies ist heilige Asche. Bestreut euch damit zum Zeichen eures Swadeschi-Gelübdes.‹«

»Pantschu,« sagte ich, mich zu ihm wendend, »du mußt eine Klage einreichen.«

»Niemand wird für mich zeugen«, erwiderte er.

»Niemand wird zeugen? — Sandip! Sandip!«

Sandip kam auf meinen Ruf aus seinem Zimmer.

»Was ist los?« fragte er.

»Willst du nicht bezeugen, daß man diesem Mann seinen Stoff verbrannt hat?«

Sandip lächelte. »Natürlich werde ich in dem Fall zeugen«, sagte er. »Aber auf der Gegenseite.«

»Was verstehst du darunter,« rief ich aus, »auf dieser oder jener Seite zeugen? Willst du nicht für die Wahrheit Zeugnis ablegen?«

»Ist das, was geschieht, die einzige Wahrheit?«

»Welch andre Wahrheit kann es denn noch geben?«

»Das, was geschehen sollte! Um die Wahrheit aufbauen zu können, brauchen wir eine ganze Menge Lügen. Die, welche in dieser Welt vorwärtsgekommen sind, haben die Wahrheit geschaffen, aber sie sind ihr nicht blind gefolgt.«

»Und nun -?«

»Und nun will ich das tun, was ihr andern ›falsch Zeugnis reden‹ zu nennen beliebt und was die getan haben, die Weltreiche geschaffen, neue Gesellschaftsordnungen aufgebaut und religiöse Organisationen gegründet haben. Die, welche herrschen wollen, scheuen die Lüge nicht; die Ketten der Wahrheit sind für die, die unter ihre Herrschaft fallen werden. Hast du denn keine Geschichte gelesen? Weißt du denn nicht, daß in den ungeheuren Kesseln, in denen die großen politischen Entwicklungen brodeln, Lügen die Hauptbestandteile sind?«

»Politik wird ohne Zweifel im großen ganzen in dieser Weise gebraut, aber...«

»Ach, ich weiß! Du willst natürlich bei solchem Brauen nicht mittun. Du willst lieber einer von denen sein, die den Mischmasch nachher mit Gewalt hinunterwürgen müssen. Sie werden Bengalen teilen und sagen, daß es zu eurem Besten ist. Sie werden der Erziehung einen Riegel vorschieben, und das nennen sie das Niveau heben. Aber ihr werdet immer als artige Jungen greinend in eurer Ecke sitzen bleiben. Wir bösen Buben jedoch müssen sehen, ob wir nicht aus der Lüge eine Festung zu unsrer Verteidigung errichten können.«

»Es hat keinen Zweck, über diese Dinge zu streiten,« mischte sich mein Lehrer ein. »Wie können die, die die Wahrheit nicht in sich fühlen, einsehen, daß das höchste Ziel des Menschen ist, sie aus ihrer Verborgenheit ans Licht zu bringen, statt beständig materielle Werte anzuhäufen?«

Sandip lachte. »Vortrefflich!« sagte er. »Eine Rede, ganz wie sie sich für einen Schulmeister gehört. Diese Weisheit kenne ich aus Büchern, aber in der wirklichen Welt habe ich gesehen, daß die Hauptbeschäftigung der Menschen die Anhäufung von materiellen Werten ist. Die, welche Meister in dieser Kunst sind, kündigen in ihrem Geschäft die größten Lügen an, tragen mit ihren breitesten Federn falsche Rechnungen in ihre politischen Hauptbücher ein, lassen täglich lügenstrotzende Zeitungen vom Stapel und schicken Prediger in die Welt, die ihre Lügensaat verbreiten wie Fliegen die Pestkeime. Ich bin ein bescheidener Schüler dieser Großen. Als ich zur Kongreßpartei gehörte, trug ich nie Bedenken, zehn Prozent Wahrheit mit neunzig Prozent Lüge zu verdünnen. Und wenn ich jetzt auch nicht mehr zu der Partei gehöre, so habe ich darum doch nicht die grundlegende Tatsache vergessen, daß das Ziel des Menschen nicht die Wahrheit, sondern der Erfolg ist.«

»Der wahre Erfolg,« verbesserte mein Lehrer.

»Meinetwegen,« erwiderte Sandip, »aber die Frucht wahren Erfolges reift nur auf dem gut geackerten Felde der Lüge. Die Wahrheit aber wächst von selbst, wie das Unkraut und die Dornen, und nur Würmer können Frucht von ihr erwarten.« Damit eilte er aus dem Zimmer.

Mein Lehrer lächelte, als er mich ansah. »Weißt du, Nikhil,« sagte er, »ich glaube, Sandip ist nicht ohne Religion, seine Religion geht nur auf die Kehrseite der Wahrheit, gleich wie der dunkle Neumond auch sein Licht hat, wenn auch an der verkehrten Seite.«

»Darum auch eben,« stimmte ich zu, »habe ich auch immer eine Zuneigung zu ihm gehabt, obgleich wir uns nie einigen konnten. Selbst jetzt kann ich mich nicht über ihn entrüsten, obgleich er mich tief verletzt hat und es vielleicht noch mehr tun wird.«

»Das ist mir klar geworden,« sagte mein Lehrer. »Ich habe mich lange gewundert, daß du immer noch mit ihm Geduld hattest; ja, mitunter war ich geneigt, es als Schwäche an dir zu tadeln. Jetzt sehe ich, daß ihr beiden, wenn ihr euch auch nicht reimt, doch denselben Rhythmus habt.«

»Einen Reim brauche ich nicht, da mein Schicksal sich doch zu einem ›Verlorenen Paradies‹ zu gestalten scheint!« bemerkte ich, sein Wortspiel aufnehmend.

»Aber was soll mit Pantschu werden?« fragte mein Lehrer.

»Sie sagen, daß Harisch Kundu ihn von seinem Hof weisen will. Wie wäre es, wenn ich den Hof kaufte und ihn dann an Pantschu verpachtete?«

»Und seine Geldstrafe?«

»Wie kann der Zemindar die einziehen, wenn er mein Pächter wird?«

»Und der verbrannte Stoff?«

»Ich werde ihm andern verschaffen. Ich möchte sehen, ob irgend jemand es wagt, meinem Pächter zu wehren, Handel zu treiben, wie es ihm gefällt.«

»Ich fürchte, Herr,« warf Pantschu mutlos ein, »daß, solange ihr reichen Leute miteinander kämpft, die Geier der Polizei und des Gesetzes sich fröhlich um euch ansammeln und die Menge ihren Spaß daran hat, aber wenn es ans Töten geht, da wird der arme Pantschu allein an der Reihe sein.«

»Wieso? Was könnte dir geschehen?«

»Sie werden mir mein Haus niederbrennen, mit Kindern und allem.«

»Nun, für deine Kinder will ich sorgen«, sagte mein Lehrer. »Du kannst darum Handel treiben, womit du willst. Sie sollen dir nichts anhaben.«

Noch am selben Tage kaufte ich Pantschus Hof, und er ging in aller Form in meinen Besitz über. Dann kam gleich eine neue Störung.

Pantschu hatte den Pachthof als alleiniger Erbe von seinem Großvater übernommen. Jeder wußte dies. Aber nun tauchte von irgendwoher eine Tante auf, mit ihren Koffern und Bündeln, ihrem Rosenkranz und einer verwitweten Nichte. Sie setzte sich in Pantschus Hause fest und erhob Anspruch auf eine Leibrente.

Pantschu war wie vom Donner gerührt. »Meine Tante ist schon lange tot«, wehrte er ab.

Ihm wurde erwidert, daß er an seines Onkels erste Frau dächte, aber dieser Onkel hätte bald darauf eine zweite genommen.

»Aber mein Onkel starb vor meiner Tante«, rief Pantschu, der die Sache immer weniger begriff. »Wie hatte er da noch Zeit, sich zum zweitenmal zu verheiraten?«

Das war schon richtig. Aber Pantschu sollte bedenken, daß niemand behauptet hätte, die zweite Ehe sei erst nach dem Tode der ersten Frau geschlossen; sondern sein Onkel hätte noch zu ihren Lebzeiten eine zweite Frau genommen. Da ihr aber der Gedanke, mit einer Nebengattin zusammen zu leben, nicht angenehm war, so wäre sie bis zum Tode ihres Gatten im Hause ihres Vaters geblieben, worauf sie fromm geworden wäre und sich nach dem heiligen Brindaban zurückgezogen hätte, von wo sie jetzt kam. Diese Tatsachen wären sowohl den Beamten Harisch Kundus wie einigen seiner Pächter bekannt. Und wenn der Zemindar es nur energisch genug verlangte, so würden sich sogar Zeugen finden, die an dem Hochzeitsfest teilgenommen hatten.

IX

Eines Nachmittags, als ich gerade sehr beschäftigt war, kam Bescheid in mein Geschäftszimmer, daß Bimala mich rufen ließe. Ich war überrascht.

»Wer, sagtest du, läßt mich rufen?« fragte ich den Boten.

»Die Maharani.«

»Die Bara Rani?«

»Nein, Herr, die Tschota Rani.«

Die Tschota Rani! Es schien mir eine Ewigkeit, daß sie mich nicht hatte rufen lassen. Ich ließ alle warten und ging in die inneren Gemächer. Als ich unser Zimmer betrat, wartete meiner eine neue Überraschung, denn als ich Bimala dort fand, sah ich deutlich, daß sie sich für mich geputzt hatte. Das Zimmer, das in letzter Zeit durch die beständige Vernachlässigung ein etwas geistesabwesendes Aussehen bekommen hatte, hatte an diesem Nachmittag etwas von seiner alten Ordnung wieder erlangt. Ich stand schweigend da und sah Bimala fragend an.

Sie errötete leicht, und die Finger ihrer rechten Hand spielten eine Zeitlang mit den Spangen auf ihrem linken Arm. Dann brach sie plötzlich das Schweigen.

»Sag einmal, ist es recht, daß unser Markt der einzige in ganz Bengalen ist, der ausländische Waren zuläßt?«

»Was wäre denn das Richtige, was man tun sollte?« fragte ich.

»Laß sie wegschaffen!«

»Aber die Waren gehören nicht mir.«

»Gehört nicht der Markt dir?«

»Er gehört vielmehr denen, die ihn zum Handel brauchen.«

»So laß sie mit indischen Waren handeln!«

»Nichts wäre mir lieber. Aber wenn sie es nun nicht tun?«

»Unsinn! Wie können sie so unverschämt sein? Bist du denn nicht...«

»Ich habe heute nachmittag sehr viel zu tun und kann mich mit Auseinandersetzungen nicht aufhalten. Aber ich muß mich weigern, jemanden zu tyrannisieren.«

»Du tust es ja nicht in deinem Interesse, sondern für das Vaterland.«

»Tyrannei für das Vaterland heißt Tyrannei gegen das Vaterland. Aber das ist etwas, fürchte ich, was du nie verstehen wirst.« Und damit ging ich fort.

Plötzlich leuchtete mir die Welt in neuer Klarheit. Es war mir, als fühlte ich in meinem Blut, daß die Erde das Gewicht ihrer Körperlichkeit verloren hatte, und daß ihre tägliche Aufgabe, das Leben auf sich zu erhalten, keine Last mehr für sie war, sondern daß sie in wundervollem Schwung durch den Raum wirbelte und den Rosenkranz ihrer Tage und Nächte abbetete. Welch endlose Arbeit, und dabei welch unerschöpflich quellende Kraft! Niemand wird sie aufhalten, o nein, niemand kann sie je aufhalten! Aus der Tiefe meiner Seele sprang die Freude hoch auf wie ein Wasserstrahl, als wollte sie den Himmel stürmen.

Ich habe hernach oft darüber nachgedacht, was es war, das mein Gefühl damals so aufwallen machte. Zuerst fand ich keine Erklärung dafür. Aber dann wurde mir klar, daß die Fessel, an der ich mich Tag und Nacht innerlich wund gerieben hatte, zerbrochen war. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß der trübe Schleier, der meinen Geist umdunkelt hatte, geschwunden war. Ich konnte alles, was sich auf Bimala bezog, wahrheitsgetreu vor mir sehn, wie auf einer photographischen Platte. Es war offenbar, daß sie sich besonders geputzt hatte, um mir jenen Befehl abzuschmeicheln. Bis dahin hatte ich Bimalas Schmuck nie als etwas von ihr Unterschiedenes angesehen. Aber an jenem Tage erschien mir die Art, in der sie sich nach englischer Mode frisiert hatte, als bloßer äußerlicher Aufputz. Das, was vorher das Geheimnis ihrer Persönlichkeit in sich trug und mir von unschätzbarem Wert gewesen war, war jetzt darauf aus, sich wegzuwerfen.

Als ich aus dem Schlafzimmer, diesem zerbrochenen Käfig, hinaustrat in das goldene Sonnenlicht draußen, fiel mein Blick auf die beiden Reihen von Bauhinien neben dem Kiesweg vor meiner Veranda, die den Himmel mit einer zarten Röte zu übergießen schienen. Eine Gruppe von Staren schwatzte und lärmte nach Herzenslust unter den Bäumen. Hinten auf der Wiese stand ein leerer Ochsenkarren, vornübergekippt, mit der Nase auf dem Boden und den Schwanz hoch in der Luft, — der eine von den losgeschirrten Ochsen weidete im Grase, der andre hatte sich niedergelegt und schloß behaglich die Augen, während eine Krähe auf seinem Rücken saß und ihm die Insekten abpickte.

Es war mir, als wäre ich dem Herzschlag der großen Erde näher gekommen, als ich sie so in der Schlichtheit ihres täglichen Lebens sah; ich spürte ihren warmen Atem in dem Duft der Bauhinienblüten, und ein Lobgesang von unsagbarem Wohllaut schien von dieser Welt aufzusteigen, wo alle Wesen sich einer Freiheit erfreuen, an der auch ich teilhabe.

Wir Menschen sind fahrende Ritter, auf der Suche nach der Freiheit, zu der uns unsre Ideale rufen. Sie, die uns das Banner webt, unter dem wir ausziehen, ist das wahre Weib für uns. Wir müssen der, die uns in ihrem Zaubernetz zu Hause zu halten sucht, die Maske abreißen und sie als das erkennen, was sie ist. Wir müssen uns hüten, daß wir sie nicht in die Reize unsrer eigenen Träume und Sehnsüchte kleiden und uns durch sie so von unserm wahren Ziel abziehen lassen.

Heute weiß ich, daß ich obsiegen werde. Ich bin an das Tor der Einfalt gekommen, ich sehe jetzt die Dinge wie sie sind. Ich selbst habe meine Freiheit gewonnen, ich werde andern die Freiheit lassen. In meiner Arbeit werde ich mein Heil finden.

Ich weiß, daß hin und wieder mein Herz mir weh tun wird, aber jetzt, da ich seinen Schmerz in seiner ganzen Wahrheit verstehe, kann ich ihn unbeachtet lassen. Jetzt, da ich weiß, daß er nur mich angeht, was hat er da noch zu bedeuten? Das Leid, das der ganzen Menschheit gehört, soll meine Krone sein.

Rette mich, Wahrheit! Laß mich nie wieder nach dem falschen Paradiese der Illusion trachten! Wenn ich allein wandern muß, laß mich wenigstens deinen Pfad gehen! Laß deine Trommelschläge mich zum Siege führen!