SANDIPS ERZÄHLUNG

VII

Bimala ließ mich an jenem Tage rufen; aber sie konnte zuerst kein Wort hervorbringen und kämpfte eine Zeitlang mit den Tränen. Ich sah gleich, daß sie bei Nikhil keinen Erfolg gehabt hatte. Sie war so voll stolzer Zuversicht gewesen, daß sie ihren Willen durchsetzen würde, — aber ich hatte diese Zuversicht durchaus nicht teilen können. Die Frau kennt den Mann sehr gut von der Seite, wo er schwach ist, aber sie ist ganz unfähig, seine Stärke zu ermessen. Der Mann bleibt der Frau ebenso ein Geheimnis wie die Frau dem Manne. Wenn dem nicht so wäre, so wäre die Verschiedenheit der Geschlechter ja überflüssig und eine Kraftvergeudung der Natur.

Ach, was ist es doch um den Stolz! Es schmerzte sie nicht, daß eine notwendige Sache nicht zustande gekommen war, sondern daß eine Bitte, die sie so viel Überwindung gekostet hatte, ihr abgeschlagen war. Welch ein Reichtum an Farbe und Bewegung, Suggestion und Täuschung legt sich doch um dieses »Ich« und »Mein« in der Frau! Darin liegt gerade ihre Schönheit, — sie ist so viel persönlicher als der Mann. Als der Schöpfer den Mann machte, war er ein Schulmeister und hatte seinen Sack voll von Geboten und Grundsätzen; aber als er an die Frau kam, legte er seine Schulmeisterwürde nieder und wurde zum Künstler, der nur mit Pinsel und Palette arbeitet.

Als Bimala so schweigend dastand in ihrem gebrochenen Stolz, mit heißen Wangen und die Augen voll Tränen, wie eine Gewitterwolke, die mit Regen beladen und mit Blitz gewaffnet am Horizonte droht, sah sie so unwiderstehlich lieblich aus, daß ich nicht anders konnte, als zu ihr gehen und ihre Hand fassen. Ihre Hand zitterte, aber sie entzog sie mir nicht. »Bima,« sagte ich, »wir sind zwei Kameraden, die dasselbe Ziel haben. Wir wollen uns hinsetzen und über die Sache sprechen.«

Ich führte sie widerstandslos zu einem Sessel. Aber wie sonderbar! Gerade in diesem Augenblick fühlte meine ungestüme Leidenschaft eine unerklärliche Hemmung, — gleichwie der mächtige Padmastrom, der in unaufhaltsamem Lauf dahineilt, plötzlich durch irgendein kleines Hemmnis unter der Oberfläche von dem Ufer abgelenkt wird, das er zerbröckelt. Als ich Bimalas Hand drückte, erklangen alle meine Nerven wie Harfensaiten; aber dann verstummte die Symphonie plötzlich.

Was war es, das mich hemmte? Nicht eine bestimmte Sache; es war ein Gewirr von vielen Dingen, — nichts deutlich Greifbares, sondern nur jenes unerklärliche Gefühl der Hemmung. So viel ist mir jedenfalls klar geworden, daß ich nicht schwören kann, was ich in Wahrheit bin. Gerade weil ich mir selber so ein Rätsel bin, fühle ich mich zu mir selbst so hingezogen. Wenn ich einmal dahin kommen sollte, dies mein Ich ganz zu erkennen, so würde ich es von mir werfen, — und Glückseligkeit erlangen!

Als Bimala sich setzte, wurde sie totenbleich. Auch sie mußte wohl fühlen, welcher Gefahr sie entgangen war. Der Komet war schon über sie hinweg, aber die Berührung seines brennenden Schweifes überwältigte sie. Um ihr zu helfen, daß sie sich erholte, sagte ich: »Auf Hindernisse mußten wir uns gefaßt machen, aber wir wollen tapfer weiterkämpfen und uns nicht entmutigen lassen. Nicht wahr, Königin?«

Bimala versuchte etwas zu sagen, brachte aber nur ein schwaches »Ja« hervor.

»Lassen Sie uns unsern Feldzugsplan machen!« fuhr ich fort und zog Bleistift und Papier aus der Tasche.

Ich begann eine Liste von den Mitarbeitern aus Kalkutta zu machen und jedem seine Aufgabe zu bestimmen. Bimala unterbrach mich, bevor ich fertig war, und sagte müde: »Lassen Sie das jetzt; ich komme heute abend noch einmal«, und dann eilte sie aus dem Zimmer. Sie war augenscheinlich nicht imstande, irgendeiner Sache ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Sie mußte eine Weile mit sich allein sein, — vielleicht sich aufs Bett legen und sich ordentlich ausweinen!

Als sie fort war, flammte meine Leidenschaft heißer auf, gleichwie die Wolke sich tiefer färbt, wenn die Sonne hinabgesunken ist. Ich fühlte, daß ich mir den Augenblick aller Augenblicke hatte entgleiten lassen.

Welch ein erbärmlicher Feigling war ich gewesen! Sie war gewiß aus bloßem Ekel vor meinem schwächlichen Zaudern von mir gegangen, — und sie hatte recht!

Während diese Gedanken mich schmerzhaft durchzuckten, kam ein Diener und meldete Amulja, einen unsrer jungen Leute. Ich hätte ihn am liebsten abgewiesen, aber bevor ich mich dazu entschließen konnte, trat er ein. Dann begannen wir über die Nachrichten zu sprechen, die wir von den verschiedenen Distrikten hatten, und von ihren Kämpfen um ausländische Waren, und bald war die Luft von allen berauschenden Dünsten gereinigt. Mir war, als erwachte ich aus einem Traum. Ich sprang auf, ganz bereit zum Kampf, — Bande Mataram!

Es gab verschiedene Neuigkeiten. Die meisten von den Händlern, welche Pächter von Harisch Kundu waren, waren zu uns übergegangen. Viele von Nikhils Angestellten waren auch heimlich auf unsrer Seite und zogen die Drähte in unserm Interesse. Die Kaufleute von Marwari erboten sich, eine Geldbuße zu zahlen, wenn sie nur mit ihren augenblicklichen Vorräten räumen dürften. Nur einige mohammedanische Händler waren noch hartnäckig.

Einer von ihnen hatte ein paar deutsche Schaltücher für seine Familie gekauft. Sie wurden ihm unterwegs abgenommen und von einem unsrer jungen Leute aus dem Dorfe verbrannt. Dies hatte zu Unannehmlichkeiten Anlaß gegeben. Wir waren bereit, ihm indische Wollstoffe dafür zu kaufen. Aber wo waren billige indische Wollsachen zu haben? Wir konnten ihm seine Tücher doch nicht gut durch Kaschmirschals ersetzen! Er ging und beklagte sich bei Nikhil, der ihm riet, vor Gericht zu klagen. Natürlich sorgten Nikhils Leute dafür, daß nichts dabei herauskam, da sein Rechtsanwalt selbst auf unsrer Seite war.

Die Sache ist nämlich die: wenn wir die verbrannten ausländischen Stoffe jedesmal durch indische Stoffe ersetzen und noch obendrein einen Prozeß durchkämpfen sollen, — woher sollen wir das Geld nehmen? Und das Beste dabei ist, daß die Zerstörung ausländischer Waren den Bedarf noch vermehrt und damit also den Fremden Vorteil bringt. Es geht ihnen damit wie dem glücklichen Händler, dem der Nabob seine Kristalleuchter zerbrach, weil ihm das Klirren des zerbrechenden Glases so viel Spaß machte.

Eine andere Frage ist, ob wir, da es keine billigen bunten indischen Wollstoffe gibt, die Boykottierung der ausländischen Flanelle und Merinos so streng durchführen oder eine Ausnahme zu ihren Gunsten machen sollen.

»Weißt du,« sagte ich schließlich in bezug auf den ersten Punkt, »wir werden auf keinen Fall fortfahren, denen, deren ausländische Stoffe beschlagnahmt sind, dafür indische Stoffe zum Geschenk zu machen. Die Strafe soll sie treffen, nicht uns. Wenn sie uns verklagen, so müssen wir es ihnen dadurch heimzahlen, daß wir ihnen ihre Scheunen niederbrennen! — Was erschreckt dich dabei, Amulja? Es ist nicht die Aussicht auf ein großartiges Feuerwerk, was mich lockt. Du mußt bedenken, daß wir im Kriege sind. Wenn du Angst hast, Leiden zu verursachen, so geh und suche dir Liebesfreuden; für unsre Aufgabe können wir dich dann nicht brauchen!«

Die zweite Frage entschied ich dahin, daß ausländische Waren auf jeden Fall verboten bleiben sollten und wir uns auf keinen Kompromiß einlassen wollten. In der guten alten Zeit, als man diese bunt gefärbten ausländischen Schals bei uns noch nicht kannte, wurden unsre Landleute ganz gut mit ihren einfachen baumwollenen Tüchern fertig, das müssen sie wieder lernen. Sie sehen vielleicht nicht so prächtig aus, aber jetzt ist nicht die Zeit, an das Aussehen zu denken.

Die meisten von den Bootsleuten waren dafür gewonnen, daß sie sich weigerten, ausländische Waren überzusetzen, aber der Hauptfährmann, Mirdschan, war noch widerspenstig.

»Könnten Sie nicht einfach sein Boot versenken?« fragte ich unsern hiesigen Verwalter.

»Nichts leichter als das«, erwiderte er. »Aber wie, wenn man mich nachher zur Verantwortung zieht?«

»Wer wird die Sache so plump anfangen, daß man ihn zur Verantwortung ziehen kann? Doch wenn es dazu kommt, so will ich es schon auf mich nehmen.«

Mirdschans Boot lag an der Landungsstelle angebunden, nachdem es die Ladung zum Marktplatz übergesetzt hatte. Es war niemand darin, denn der Geschäftsführer hatte eine Unterhaltung veranstaltet, zu der alle eingeladen waren. Als es dunkel geworden war, wurde das Boot, nachdem man es mit Schutt beladen hatte, durchbohrt und aufs Wasser gestoßen. Es sank mitten auf dem Wasser.

Mirdschan verstand alles. Er kam weinend zu mir und bat um Gnade. »Ich hatte unrecht, Herr —« begann er.

»Wie kommt es, daß du das jetzt plötzlich einsiehst?« fragte ich höhnisch.

Er gab keine direkte Antwort. »Das Boot war 2000 Rupien wert«, sagte er. »Ich sehe jetzt meine Schuld ein, und wenn Sie mir diesmal verzeihen, so werde ich nie mehr...« und damit warf er sich mir zu Füßen.

Ich sagte ihm, er solle in zehn Tagen wiederkommen. Wenn wir ihm nur gleich die 2000 Rupien bezahlen könnten, so würde er mit Leib und Seele unser sein. Und er ist gerade der Mann, der unsrer Sache ungeheure Dienste leisten könnte, wenn wir ihn für uns gewännen. Wir werden nie ordentlich vorwärts kommen, wenn wir nicht die nötigen Mittel in Händen haben.

Sobald Bimala des Abends ins Wohnzimmer kam, ging ich ihr entgegen: »Königin! Alles ist bereit, der Erfolg wartet, aber wir müssen Geld haben.«

»Geld? Wieviel?«

»Nicht so sehr viel, aber auf die eine oder andre Weise müssen wir es bekommen.«

»Aber wieviel denn?«

»Augenblicklich genügen bloße 50000 Rupien.«

Bimala fuhr innerlich zusammen, als sie die Zahl hörte, aber sie versuchte, es nicht zu zeigen. Wie konnte sie sich wieder geschlagen geben?

»Königin!« sagte ich, »nur Sie können das Unmögliche möglich machen. Das haben Sie in Wahrheit schon getan. Oh, daß ich Ihnen die ganze Größe Ihrer Leistung zeigen könnte, dann würden Sie es wissen. Aber jetzt handelt es sich um etwas anderes. Jetzt brauchen wir Geld.«

»Sie sollen es haben«, sagte sie.

Ich sah, daß sie auf den Gedanken gekommen war, ihre Schmucksachen zu verkaufen. Daher sagte ich: »Ihre Schmucksachen müssen unsre Reserve bleiben. Man kann nie wissen, wann wir sie brauchen.« Und als Bimala mich in stummer Bestürzung anstarrte, fuhr ich fort: »Dies Geld muß aus der Kasse Ihres Gatten kommen.«

Bimala war noch bestürzter. Nach einer langen Pause fragte sie: »Aber wie soll ich sein Geld bekommen?«

»Gehört sein Geld nicht ebensogut Ihnen?«

»Ach, nein!« sagte sie, von neuem in ihrem Stolz verletzt.

»Nun,« rief ich, »dann gehört es auch nicht ihm, sondern seinem Vaterlande, dem er es in der Zeit der Not entzogen hat!«

»Aber wie soll ich es mir verschaffen?« wiederholte sie.

»Verschaffen müssen und werden Sie es sich. Wie Sie es anfangen, das wissen Sie selbst am besten. Sie müssen es sich für die Göttin verschaffen, der es mit Recht gehört. Bande Mataram! Dies ist das Zauberwort, das die Tür seines eisernen Geldschranks öffnen, die Wände seiner Stahlkammer durchbrechen und die Herzen derer beschämen wird, die pflichtvergessen ihrem Ruf nicht folgen. Sagen Sie Bande Mataram, Bienenkönigin!«

»Bande Mataram!«