Das Glockenhaus
Im Glockenhaus hatte alles seinen heimlichen Zauber: Der Stufengang am Wiesenhang hinauf, die knarrende Bretterstiege, das uralte Glockengebälk, die Glocken, der Geruch alten Holzes, der fröhliche Ausguck durch die Schalluken. Man konnte mit dem Fingerknöchel an die Glocken klopfen und lange lauschen auf das schwingende, singende Summen im Metall. Man konnte den Läutejungen in seiner Würde bewundern. Man konnte auf den Lukenbrüstungen reiten und lustig herunterspringen in Blumenwiesen hinein.
Zu schön war es im Glockenhaus!
Irgendwo in einer Spinnwebecke da oben blieb mir ein Krümchen Jugendglück hangen. So oft ich die Glocken höre oder das Glockenhaus sehe, huscht ein Gedanke hinauf, dies Glücklein aufzuwecken aus staubigem Winkel. Dann will es wieder froh wie einst zum Fenster hinausturnen oder hinaufklettern ins Glockengebälk bis unter die Schindeln. Und ist ganz voll Seligkeit, wenn ihm der Läutejunge die Gunst erweist, nach dem Läuten dreimal die Betglocke anschlagen zu dürfen.
Das Glockenhaus ist kein wolkenstürmender Bau. Nur ein Spitzlein auf einem Berg. Und es ist nichts an ihm, das anspruchsvoll wäre oder über das Maß des Zweckmäßigen hinausginge. Man könnte es arg nüchtern nennen. Aber es hat seinen eigenen Stolz. Wie ein Wartturm guckt es auf die Bergstadt hernieder. Zu seinen Füßen muß sich die Kirche ducken: Die Herrin zu Füßen des Dieners. Aber das Glockenhaus ist darum nicht hochmütig. Es hält mit dem Kirchturm gute Nachbarschaft. Seit Jahrhunderten haben sie sich guten Morgen und gute Nacht geboten. Sie sind einander so nahe, daß eins dem andern in die Fenster gucken kann. Keins hat vor dem andern eine Heimlichkeit zu verbergen. Der Kirchturm kennt jede Bretterplanke am Glockenhaus und sieht die Roststreifen unter jedem Nagel. Das Glockenhaus weiß genau, wieviel Schieferplatten den Zwiebelbauch des Kirchturms beschuppen. Wenn der Wind nicht ein unterhaltsames Liedlein von einem zum andern hinüberpfeift, haben sie sich nicht viel zu erzählen. Sie sind aneinander gewöhnt und alt geworden und reden nicht unnütz.
Dann guckt das Glockenhaus verschlafen zu, wie sich am Kirchturm langsam die goldenen Zeiger über das Zifferblatt drehen. Oder es horcht auf, wenn’s im Gehwerk drüben knarrt und die Hämmer quietschend zum Stundenschlag ausholen. In blinden Gucklochscheiben blinzelt die Sonne. Auf Messingknauf und Wetterfahne machen die Stare Kapriolen. Das Glockenhaus lächelt.
Und dann schaut es ein wenig in die Kirche hinein. Die Sonne malt Goldstreifen über Bänke und Gestühl. Das rote Altartuch leuchtet. Man sieht die Stille in der Kirche.
Nebenan im Pfarrhaus hat die Frau Pastorin die Betten zum Sonnen ausgelegt. Der Herr Pastor hat sein Hauskäppel aufgesetzt. Er sitzt im Studierstübchen und schreibt. Die Wolken aus seiner langen Pfeife weben duftigen Tüll vor das Fenster. Manchmal steckt er die kurze an. Dann steigt er in den Hof hinab und hackt Holz. Oder schlendert behaglich durch den Garten, ein Feierstündlein zu halten und nach Himbeeren und Salat zu sehen. Gehen Bergstadtmenschen vorüber, ist ein freundliches Grüßen und Wiedergrüßen.
Im Nachbargarten flattert Wäsche. Irgendwo hängt ein Mütterchen die Käsehorte neben der Hintertür auf und legt säuberlich die weichen weißen Käse zum Trocknen auseinander.
Das Glockenhaus hat viel Kurzweil an solcherlei kleinen und beschaulichen Dingen. Es ist nichts Aufgeregtes im Bergstädtchen. Frauen gehen mit der Mehlbutte zum Backhaus. Oder haben die Kiepe aufgehuckt, um darin die Einkäufe für die Woche zu bergen. Oder holen in klappernden Eimern Wasser vom Bottich. Sie schwatzen und stehen und gehen ihrer Wege. Männer begegnen sich und tippen mit dem Finger oder dem Pfeifenmundstück ein Glückauf an die Mütze.
Manchmal bringen Wanderer Unrast mit. Vor Zeiten waren Wandersleute seltene Gäste im Bergstädtchen. Jetzt aber kommen sie in Trupps und in Horden. Sie singen Wanderfrohsinn durch die Straßen oder johlen. Das Glockenhaus hat sich an alles gewöhnt. Aber ein bedenklicher Knacks ging doch durch sein Gebälk, als zum ersten Male eine fremde Knabenschar zum Takt eines politischen Haßliedes durch die Bergstadt zog. Der Einpeitscher ging nebenher. In den Augen der Knaben war nichts von Wanderlust. Als ob ihre Seelen mit Gift geätzt wären. Der Einpeitscher wußte das. Aber dies Gift war sein Lebensinteresse. Wandern und Politik, Politik und Knaben: Das hatte das Glockenhaus noch nicht erlebt, solange es denken konnte. Und es schüttelte den Kopf ob der Wirrnis solcher Zeit.
Stiller noch als der Sommer ging vor Zeiten der Winter durch die Harzheimatberge. Das Bergstädtchen tat einen langen Winterschlaf. Und das Glockenhaus schlief mit. Sie wachten erst auf, wenn zu Fastnacht die Bergleute und Hüttenleute mit Musik zur Kirche zogen und aus allen Häusern der Duft von heißem Schmalz und Öl und von frischgebackenen Fastnachtskrappeln durch die Straßen strich und bis hinauf auf den Glockenberg wehte. Die Wiesenhänge ringsum waren unberührte Reine, durch die der Fuchs seine Schnürfährte zog. Aber dann kamen die langen Bretter in die Berge. Mit dem Winterschlaf wollte es nichts mehr werden. Die Bergstadtfrauen schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, als sie ihre Geschlechtsgenossinnen aus der Großstadt in Männerhosen einherstolzieren sahen. Und das Glockenhaus hat verwundert dreingeschaut ob der vielen bunten Wolljacken in den Straßen unten. Nun sind ihm auch das vertraute Bilder geworden. Auf allen Hängen zerfurchen Männlein und Weiblein den Schnee und treiben Sport mit den Brettern oder mit dem Kostüm. Das Glockenhaus hat helle Augen für Zünftiges und Unzünftiges. Drüben am Sprunghügel hupfen die Bergstadtbuben. Das Klappen der Schneeschuhe beim Aufsprung tönt bis zum Glockenberg herüber.
Das bunte Winterleben geht fort, bis Wind und Regen den Schnee auch aus den höchsten Schneisen des Bergwaldes fortleckten. Die Schneeschuhläufer stellen die Bretter in die Ecke. Für eine Weile sind die Bergstadtleute unter sich. Dann hat das Glockenhaus nicht viel zu gucken. Das Leben im Bergstädtchen geht wieder seinen gemessenen Gang. Frauen schwatzen. Männer begegnen sich. Fuhrwerke bollern. Manchmal kommt ein Leierkastenmann. Und die Kinder rufen hinter ihm her:
Orgel – orgel – nort – nort – nort,
Meine Orgel ist kaputt.
Oder es kommen wandernde Musikanten, die Braker, trätern ihren Vers und fangen in ihren Trompeten und Bombardons die Geldstücke auf, die ihnen aus den Fenstern zugeworfen werden. Oder fahrende Leute mit bunten Wagen kommen, mit denen ein Stück Romantik in die Ereignislosigkeit des Bergstädtchens hineinrollt.
Manchmal geht der Ausrufer durch die Straßen, ein obrigkeitliches Dekretlein auszurufen oder eine Tanzmusik anzukündigen. Der Wind zerpflückt die Worte. Das Häusel auf dem Glockenberg ist auch nicht begierig auf derlei Sachen. Es wundert sich nur, daß der Ausrufer nicht mehr den langen und blankknöpfigen Büttelrock trägt wie in alten Zeiten. Damals sah er viel würdevoller aus. Die Bergstadtjungens, die auf verbotenen Wegen ruschelten, hatten Angst vor ihm. Nun steckt er in schlichtem, bürgerlichem Röcklein. Aller Respekt ist dahin. Von der Würde seines Amtes zeugt nichts mehr als eine abgeschabte Aktentasche und die Klingel. Er versteht sie meisterlich zu schwingen. Aber trotz aller Meisterschaft will aus der Amtsschelle nur ein dürres Bimbim heraus. Wie könnte es auch anders sein. Dem Glockenhaus ist es schon lieber, wenn ihm an jedem Sommertag die Kuhherde mit melodischerem Geläut aufwartet. Wenn der Kuhhirt getutet hat, ist auf allen Straßen im Bergstädtchen ein unruhiges Gequirle. Es ordnet sich gemach zum Zuge und strebt ins Freie. Auf blanken Fellen glänzt die Sonne. Glockenbügel malen grüne Striche in den rotbraunen Zug.
Nach den Kühen läutet die Kälberherde hinaus. Ziegen und Schafe tappeln hinterdrein.
Das Glockenhaus gibt den Tieren das Geleite nach draußen und macht einen Morgenspaziergang in die Umwelt. Es sieht die Landstraßen im Tal sich schlingen und drehen und sich auf Bergeshöh verlieren, Wiesenpfade sich verlaufen im Irgendwo des Gehölzes. An Waldsäumen und Fichtenkämmen tastet sich sein Blick hinauf zu blauen Höhen und Wolken. Aus Wälderdunkel, darin hier und dort sich das Rauchfähnlein eines Holzhauerfeuers in die Luft kräuselt, gleitet sein Auge gemach wieder hinab in lichtes Wiesengrün. Von weit draußen grüßen Forsthäuser her. Bäche blänkern daran vorüber. Und da ist auch der Mühlengraben, der mitblänkern will. Fischen nicht die Jungens schon wieder Elritzen in ihm? Und dort schmiegt sich die Mühle ans Bergstädtchen. Wenn das Tor zum Mühlenrade offensteht und die Sonne in den Radschacht scheint, blitzt silbernes Geglitzer bis zum Glockenhaus hinauf.
Das ist von seinem Morgenausflug aus den Bergen heimgekehrt ins Bergnest. Unten in der Schule ist Pause. Die Jugend quirlt auf dem Schulhof durcheinander. Das Glockenhaus freut sich an dem Gebalge der Jungen und an dem Ringelreihen der Mädchen. Es kennt sie alle von der Stunde an, in der zum ersten Male der Wald über ihre Wiege hinrauschte. Sie wachsen unter seinen Augen heran und durchjauchzen eine frohe Bergjugend zwischen Wiesen und Wäldern und Bächen. Aus Mädeln und Buben werden große Menschen. Das Leben greift nach ihnen. Es packt sie nicht alle mit sanften Händen an. Die Mädel schlüpfen unter im warmen Nest einer Häuslichkeit. Die andern gehen harter Hantierung nach. Das Glockenhaus begleitet sie auf allen Wegen, auf denen sie ihr Brot suchen. Es gibt ihnen ein herzhaftes Glückauf mit, wenn sie sich rüsten zu saurer Schicht im Schacht. Es ist mit ihnen, wenn sie Axt und Säge auf die Schulter nehmen oder mit Holzkarren und Kiepen steile Hohlwege hinaufanken, im Bergwald untertauchen und heimkehren mit schwankender Last. Es schaut ihnen zu, wenn sie auf den Wiesen rings sich mühen, das Heu zu bergen und in schweren Bündeln hangab zu schleppen.
Seit Jahrhunderten sind ihm alle Bilder mühseliger Bergmenschenarbeit vertraut. Geschlechter sind gekommen und gegangen. Die Arbeit voll Sorge und Plage ist immer die gleiche geblieben. Und sie wird für alle immer die gleiche bleiben, solange die Tanne grünt und Erz wächst und bis auf die Stunde, in der die Mühseligen ihren Lauf im Tal beschließen. Dann ist der große Feierabend gekommen. Sie falten die müden Hände. Man trägt sie hinaus zu denen, die vor ihnen den gleichen Pilgerpfad der Mühe und Arbeit wandelten. Dann schaut ihnen das Glockenhaus mit großen Augen nach. Unter seinem Spitzdach haben sich die Schalluken geöffnet. Lebewohl! rufen die Glocken. Und bis in fernes Bergesblau schwingt ihre Klage:
Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal …
Der Klang verhallt. Im Glockenhaus bleibt ein Sinnen zurück. Im Wald drüben, der hinter dem Kirchturm einen samtgrünen Hintergrund malt, jagen Kreuzschnäbel durch die Wipfel. Die Graudrossel singt. Bergwiesen blühen. Die Bäche spinnen ihr Plätscherlied in Ewigkeiten fort. Die Heimat lebt. Menschen sterben. –
Der Wandel der Zeiten hat auch den Weg ins Glockenhaus gefunden. Es gehen keine Läutejungen mehr hinauf ins Glockenhaus. Das Läuten ward ein Amt. Das Geschlecht der Läutejungen ist ausgestorben. Es schnitzt keiner mehr seinen Namen ins Gebälk. Und reitet auch keiner mehr auf der Brüstung der Luken und läßt seine Beine baumeln zwischen Himmel und Erde. Sie läuten auch nicht mehr dreimal am Tage. Es ist mancherlei anders geworden im Glockenhaus. Die große Glocke holte der Krieg. Sie ward zu Metall zerschlagen. Ihr Klang zerklirrte und starb. Verwaist blieb die kleine zurück. Wie ein Armesünderglöcklein verrichtete sie in den Jahren des Krieges ihren Dienst. Verzagt klangs vom Glockenberg herab. Die kleine Glocke ward zum Symbol der Armut und Not.
IM ERSTEN JAHR ANNO 1693 CHURFUERSTLICHE REGIRUNG ERNESTI AUG HERTZOGEN ZU BRAUNSCH U LUENEB BISCHOF ZU OSNEBRUG & IST DISE KLOCK GEGOSSEN V NICOLAUS GREVEN IN HANNOVER.
Sie sah während ihres Erdendaseins Kampf, Elend und Hungersnot. Unter ihren Augen haben die Horden Belsunces und Vaubecourts im Bergstädtchen geplündert. Aber alles das und die Kriege nachher waren kleine Begebenheiten gegenüber dem Jammer des großen Krieges. Und als das Glöcklein den Frieden in die Berge rief, klangs wie ein Erlösungsschrei aus tiefster Not.
Wußte nicht, daß sein Friedensgeläut der Grabgesang des Vaterlandes sein sollte. Wußte auch nicht, daß bald hernach sein eigenes Stündlein schlug: Es kamen neue Glocken, – stählerner Ersatz. Man hängte sie in das alte Gestühl. Die kleine Bronzeglocke ward herabgenommen. Sie fand einen neuen Platz abseits. Es brauchte keiner darüber zu schreiben: Abgetan! Man sah es dem Platz an.
Gräme Dich nicht, du Glöcklein. Das ist neue Zeit. Viel Altes, Gutes, Echtes ist in die Ecke gedrückt und hat dem Neuen weichen müssen gleich dir. Glücklich, wer in sich das Bewußtsein seines Wertes bewahrt und den Glauben an sich nicht verliert!
Wenn die Stahlglocken läuten, kann das Bronzeglöcklein im Verbannungswinkel nicht an gegen das stählerne Bellen. Es wird überschrien. Ein feines Stimmchen abseits singt sein Lied für sich:
Bellt nur, ihr Aufdringlichen, die ihr mich verdrängtet! Ersatz seid ihr und unecht. Euer Maul ist groß. Ihr wollt mich überschreien. Wer seinen Unwert verdecken will, schreit. Eure Stimme ist unedel. Ihr wollt etwas scheinen, wozu ihr nicht geboren seid. Stahl ist Krieg. Ihr taugt nicht zum Gottesdienst. Kinder einer zweifelhaften Zeit seid ihr, die manches über den Haufen warf, was sie bereuen wird. Doch, es sind noch Menschen im Bergstädtchen, die Sinn behielten für echte Werte und das Alte ehren. Sie lieben mich. Sie horchen auf meine Stimme. Ich läutete ihren Ahnen und Urahnen, die im Gottesacker am Berg schlafen. Ich bin die alte Zeit, in der nur das Wahre, Echte, Erzene galt! Schreit nur: Diese Wahrheit tötet ihr nicht!
So singt die kleine Bronzeglocke im Winkel, und es ist ein richtiges Zänklein ins Glockenhaus gekommen.
Aber es soll euch nicht gelten, ihr Bergstadtleute. Aus dem Glockenhaus weht kein Hader zu euch hinab. Die alte Glocke ist verständig. Sie weiß, daß sie das Opfer der Not und der Elendszeit ward. Sie weiß auch, daß nirgends in der Welt diese Zeit drückender war als in euren Bergen, auf denen wohl die Tanne grünt, aber kein Brotkorn wächst. Sie will nicht rechten. Nur manchmal muß sie ihr Herz ausschütten. Und ich sage euch: es ist heilsam, dann und wann ihrer Stimme zu lauschen und darüber nachzudenken, was sie zu erzählen hat. Wenn es ein Großes zu beläuten gilt, wird der Zwist im Glockenhaus schweigen. Und immer einig werden die drei ungleichen Schwestern sein in dem Gebet:
Holder Friede, süße Eintracht
Weilet, weilet
Freundlich über dieser Stadt!
Und ein Bergstadtkind in der Ferne betet mit.