Kinderland
Die breitkronigen Ahorne und Eschen, die mein Kinderland beschatteten, sind fort. Das Geld für ihr Holz war fremden Menschen wertvoller als die grüne Laubpracht und der Vogelsang darinnen. Von ihren Wipfeln flöteten die Stare Jahr um Jahr den ersten Frühlingsgruß ins Bergstädtchen hinein. Nirgends sangen Fliegenschnäpper und Schwarzplättel lustiger als hier. Wenn die Finken schlugen, wars wie ein Konzert in grün verhangener Halle. Am Ahornhang blühten die allerschönsten Veilchen, – o, wie sie Frühling dufteten! – und schönere Schneckenhäuser gab es nirgendwo.
Nun ist von der rauschenden Baumherrlichkeit nichts geblieben als ein paar Wurzelstümpfe. Wie letztes Lebenwollen kümmern Jungtriebe daraus hervor, an denen die Ziegen rupfen.
Wenn ich den Kirchenbrink hinansteige, ist mir der Weg ohne die Bäume fremd. Meine Augen suchen etwas. Und wenn sie dann ins Kahle, Leere schauen, tropft es schwer von meinem Herzen. Ein Stück meiner Jugend hat hier gegrünt. Bäume können zu Freunden werden, denen man nachtrauert.
Schattenlos senkt sich der Hang zum Bach hinab. Es ist, als ob er blinzeln muß, sich nicht an die Helle über ihm gewöhnen kann und auch er die Alten vermißt. Als sie noch ihr Laubdach über ihm wölbten, war sein Wasser ein Wechselspiel von grünen Widerscheinen. Um Kiesel und Geröll rieselte ein smaragdenes Mosaik. Bachstelzen wippten darüber hin. Alle Vögel aus der Nachbarschaft kamen zum Trinken hierher. In trockenen Sommern holten sich die Schwalben von dort den Schlamm zum Nesterbauen. Es war ein heimliches Paradies. Brennesseln wucherten den Hang hinauf. Schöllkraut blühte rings, und zur Herbstzeit war es lustig, im Springkraut zu waten. Just an dieser Stelle entfloh der Bach für eine kurze Weile den steinernen Mauern, die ihn bei seinem Lauf durch das Bergstädtchen im Zaume hielten. Denn zu Zeiten konnte er ein ungestümer Geselle sein, der mit Rauschen und Reißen daherstürzte und steinepolterndes Unheil ins Tal wälzte. Zumeist freilich war er ein friedfertiges Bergbächlein, das sein Blänkerwasser pladdernd hinabführte, Wiesen grüßte von Bäumen, Brücken und Häusern schnörkelige Bildlein malte und allen, die es hören wollten, von Berg und Bruch und Urwald erzählte, die ihn geboren. Er hatte auch einen richtigen Namen, der in jedem Erdkundebuch und auf jeder Landkarte steht. Aber die Bergstadtleute nannten ihn nie mit seinem Taufnamen und sagten einfach: die Flut. Auf der Flutmauer, die sich dem Ahornhang anschloß und zum Grundstück des Vaterhauses gehörte, grünte in fröhlicher Ungebundenheit ein Himbeerwäldlein. Dort hatte der Zaunkönig seine Heimlichkeit. Und jedes Jahr knixten von der Gartenplanke hinter den Himbeeren zehn putzige braune Bällchen mit keck emporgerichteten Schwänzen in die Welt hinaus. Ich hätte das Geburtsschloß der jungen Zaunkönige gern gesehen. Aber eine Scheu hielt mich zurück. Es wäre mir als Sünde vorgekommen, ihr heimliches Glück mit meinen Blicken zu stören. Ich bin nie mitgegangen, wenn mir Kameraden ein Vogelnest zeigen wollten. Als ich zum allerersten Male ein Nest aus der Nähe sah, war mir das ein heiliges Erlebnis, bei dem mir das Herz pochte.
Wenn in der Flut eine Wasserratte schnupperte oder gar ein Iltis über die Steine hopste, wurde im Zaunkönigreich Feuer und Mordio gezetert: zerrr, zerrr zerrrzerrrzerrr! Dann wußten alle Vögel, daß ein feindliches Etwas den Frieden im Flutwinkel stören wollte. Sogleich war Frau Wippstert, die graue Bachstelze, zur Stelle. Sie hielt einen Augenblick inne im Wippen und gab den Warnruf weiter: Zuip-tütütüt, zuip-tütütüt! Mit hastigem und ängstlichem pink-pink-pink-pink flog der Fink herzu, und hß-taktak, hß-taktaktak, lumpenpack! warnte das Rotschwänzel. Dieb? dieb? fragte lakonisch der Fliegenschnäpper, der in aller Aufregung die Ruhe bewahrte.
Dann richtete sich auch die gelbe Bachstelze in ihrem Nest auf, legte den Kopf schief und äugte verwundert zur Flut hinab. Ihr Nest hatte sie an unserm Stall. Wenn sie an Regentagen an den Stallfenstern nach Fliegen und Spinnen jagte, hätte sie den Kühen und Pferden im Stall zuschauen können, wenn nicht die Fensterscheiben grün und blau und blind gewesen wären.
Unser Stall!
Mir zieht der Duft von Heu und Häcksel durch die Nase. Ich spüre den Geruch von warmem Pferdeschinn, der an Kummeten und Zäumen klebt. Ich denke an heimliche Balkenwinkelei, an Stollen, Schächte, Räuberhöhlen und Burgverließe im Heu. Vom Hühnerwiemen flattern bunte Federn herab. Mäuse kraspeln im Futterkasten. Ich fühle ihr sammetenes Fell in der Hand und lasse sie laufen, weil ihre Knopfäugelchen bitten. In den Fensterwinkeln blaken Spinneweben. Fliegen, Heumotten und Heusamen fingen sich darin. Schwarze Spinnen liegen auf der Lauer. Sie gucken kaum mit dem Kopf aus ihren Höhlen wie die mißtrauischen Ratten, die ihr Loch unter der Krippe haben. Über Krippen und Heuraufen klettern meine Gedanken durch die Futterluken in den Heuboden hinauf. Als ich noch Wachstuchschürzen trug, war er mir ein Ort heimlicher Schauer.
Wißt ihr noch, Anna und Johanne, wie sich der Hosenmatz an euren Rock geklammert und sich vor dem Schatten gefürchtet hat, den die Stallaterne über das Heu warf?
Nach dem Füttern mußte er den Kuhschwanz halten, wenn ihr beim Melken saßet. Aber ihr machtet ihm die Arbeit leicht und wußtet ihm die schönsten Märchen zu erzählen. War es nicht der Däumling, der im Bauch der Kühe immerfort seinen Reim rief:
Schtripp, schtrapp, schtrull,
Is der Emmer noch net vull?
Die Erinnerung an viele liebe Tiere kommt mir. Pferde, Kühe, Kälber, Schafe, Kaninchen und Meerschweinchen hopsen mir durch die Gedanken. Hat keines seinen Platz in meinem Herzen verloren. Ich rufe sie bei Namen. Sie spitzen die Ohren und horchen. Dann erkennen sie mich. Eins nach dem andern kommt in froher Eilfertigkeit, mir die Hand zu lecken. Aus ihren Augen strahlt Freuen und Dankbarsein. Sie schmiegen sich an mich. Ich fühle den warmen Hauch ihrer Nüstern, das Kitzeln der Spürhaare. Ich streichle sie wie einst … Wie einst …
Unter meinen Händen zerrinnt ihr Bild und sinkt in die dunklen Tiefen zurück, daraus es Träume auferweckten. In die gleiche dunkle Tiefe, darin Jugend und Kinderzeit untergingen. Ist nichts von allem geblieben als das bittersüße Tröpflein Eswareinmal, das heiß am Herzen brennt.
Ich schließe die Stalltür. Sie trägt tausend Spuren von Flitzbogen- und Armbrustpfeilen und Pusterohrbolzen. Geradeso wie die Bretterplanken der Laube am Gartenhang. An ihren vier Ecken grünten Ahornbäume. Es ließ sich wunderschön auf das Laubendach klettern und im Ahorngezweig herumturnen. Dort hingen im Winter die Speckschwarten und Schweinepötzel für die Meisen. Und in der Laube war der Futterplatz für Finken und Goldammern. Im Frühjahr schnitzten wir dort unsere Pfeifen aus Quitschenruten. Wenn sich die Rinde nicht lösen wollte, half beim Klopfen ein Zauberspruch:
Ra-ra bi-ba,
Wutte nich gera’n,
Schmiet eck deck in Graben,
Halet deck die Raben,
Kimmt de ule Hesse,
Mit den schtumpen Messe,
Bein af,
Kopp af,
Alles, wat dran sitt,
Mot af – af gahn.
Die Laube konnte durch die Hoftür in unsern Hof gucken. Zwischen Garten und Hof floß die Flut.
An dem Geländer der alten Knüppelbrücke, die sich über die Flut legt, hat der Knabe oft gelehnt und dem Rätsel nachgesonnen, woher das Wasser kommt, das Tag und Nacht, Wochen, Monate, Jahre unter der Brücke talab fließt und sich nie erschöpft. Bis sich ihm das Geheimnis auftat: Irgendwo auf Bergeshöhn mußte ein furchtbar großer Turm stehen. Der war bis obenhin gefüllt mit Wasser. Unten war eine Öffnung, die der liebe Gott groß und klein stellen konnte wie der Müller das Mühlenwehr. Meistens ließ er nur wenig Wasser durch, damit es nicht zu schnell alle werden sollte. Wenn der Turm leer zu werden drohte, bestellte er einen Regen, der den Turm wieder auffüllte. Manchmal verrechnete er sich. Dann ging der Turm über, und das Wasser schoß heulend und brausend die Flut hinab. Die Abflußgosse unseres Bottiches kleckerte wie ein winziges Wasserstrählchen dazu.
Der Eisenbottich auf dem Hof ist fort. Er wurde altes Eisen. Das Eisen stand hoch im Preis. Der Lumpensammler holte ihn. Fremden Menschen konnte er nicht sein, was er mir war.
Wenn aus den beiden Wasserpfosten das Wasser in seinen Rostbauch plörrte, war es wie Quellenmusik in einem Waldtal. Und wenn Eimer auf seinen Rand gestülpt wurden, kam aus dem Eisen läutendes Klingen. Unten auf dem Grunde schwammen meine Forellen. Die Pferde schlürften Wohlbehagen aus ihm.
Vorbei.
Das Vaterhaus ist fremde Stätte geworden. Es springen im Hof keine Hunde mehr an mir hinauf. Und die Pferde, deren Hufe über das Steinpflaster klappern, sind – Pferde. Es singt mir keine Schwalbe mehr das Morgenlied. Ich hänge keine Starkasten mehr auf. Und wieviel Rotschwänzel in meinem Kinderland nisten, weiß ich nicht.
Mein Fuß geht an den lieben Stätten vorbei. Und das Herz blutet.