Erste Folge

*

Der befreite Prometheus

Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;

er war erlöst, Zeus gab ihn frei.

Der Riese durfte endlich von dem Gletscher

herunter, drauf er büßend lag;

er durfte nun hinab auf seine Erde,

hin zu den Menschen, die er so geliebt,

daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,

das Feuer des Olympos für sie stahl.

Nicht dauerte den Götterkönig

der Himmelsgünstling, der abtrünnige.

Warum auch lockte die Versuchung ihn,

den Menschen Göttergut hinabzutragen;

er hatte seinen Lohn dahin,

den Heilandslohn,

nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.

Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,

und Laune wars und Gnade, daß sein Blitz

vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,

die lavastarr gehärteten.

O lange Qual! o Leib, zerfleischt, entstellt!

Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel;

kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger

das große Wundmal unterm Herzen schützen,

das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen

des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.

O Tage voller Wut und Ohnmacht!

o Tag der Bitternis, da ihm die Hand,

die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,

zum ersten Male

erlahmte vor der Übermacht des Neides,

des weltbeschattenden, der Götter all!

o Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!

Doch nun war Alles überwunden.

Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.

Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft

der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,

als trüg’er in sich, wie ein Fremder kalt,

nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.

Um seine schmerzgeübte Stirne zauste

der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.

So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.

Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.

Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.

Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.

Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,

seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,

seit er den unstät Irrenden

den ersten warmen festen Herd gebaut.

Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,

die tierisch wild in Hader, Haß und Habgier

einst um das nackte Leben markteten,

die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.

Und nieder kam er in die mildern Lüfte,

ins ebne Land; da sah er blühende Triften,

bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,

und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,

und weither prangten Zinnen sichrer Städte.

Da lachte seine Seele: Sieh doch, Zeus,

war Das nicht wert der tausendjährigen Pein?

Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!

Und in die Dörfer ging er, in die Städte,

und sah die Menschen, sah sie leben, streben,

und ging und ging, und suchte hin und her,

und fand:

weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor!

Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen

als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.

Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid —

den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,

den Neid der Menschen um Besitz —

und war genug doch da, genug für Alle.

In Hütten sah er, in die Burgen sah er;

doch es war Alles Eines,

war alles wie zuvor — und schlimmer noch.

Zuletzt und matt betrat er eines Priesters

entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,

den er vergebens bei den Andern suchte;

dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes

heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,

wollt er noch Einmal unter Menschen rasten

und dann auf immer in die Einsamkeit.

Zum Hausherrn, der die Flamme schütte, sprach er:

„Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“

Der wandte sich erschrocken, blickte scheu

dem großen Mann ins seltsame Gesicht,

und schlich geduckt davon, und schloß sich ein,

und durch die Tür quoll eine fette Stimme:

„Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!

Prometheus, der ist tot — und kommt nicht wieder.

Ja, damals waren bessre Zeiten noch

als heute!“

Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.

Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und

der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle

schlug er lang hin, zum ersten Mal laut schluchzend,

und wehklagte: „O Zeus! sehr furchtbar strafst du!

so nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!

das war das Letzte! ich will sterben gehn!“

Und jäh und gellend riß sich

ein Lachen los aus der vernarbten Brust,

und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:

„Weg von den Menschen! weg! zum Meer! ins Meer!

im Meer, da find’ich Ruhe! endlich Ruhe!“

Nun stand er oben, starr, auf steiler Klippe.

Und wieder sah er im Gelände unten

die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,

bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,

und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,

und weither prangten Zinnen sichrer Städte.

Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,

da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,

brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und

in rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend

schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend

flog übers Meer sein weinendes Gelächter:

„O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,

die mir mein Gut, mein göttliches, veraast!

Hha, meine Menschen, hahahah“ —

Da horch, was scholl da? drang da nicht ein Schrei,

ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?

Er stierte; dunkel rollend ging die See,

von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,

und aus dem Gischt trieb halbzerschellt ein Kahn,

und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.

Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut

ein andres Boot heran, draus warf sich

ein zweiter Fischer in die Brandung.

Und oben auf der Klippe stand Prometheus

und stierte, stierte, und erkannte sie:

aus seiner Wandrung hatt’er sie gesehen,

die ersten Menschen warens, die er traf:

Todfeinde warens — und jetzt kämpfte dort

der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!

Und endlich siegten sie den schweren Sieg,

und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,

sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,

einander in die Arme.

Und oben auf der Klippe stand Prometheus,

und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,

und sah sie lachen — und nun jauchzten sie.

Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,

da überfiel ihn nie erlebte Demut,

und in die Kniee taumelte Prometheus

und auf zum Himmel stammelte Prometheus:

„O Zeus! ich danke dir! du armer Gott!

Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!

O laß mich leben, laß mich leiden!

Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“

Gethsemane

Lautlos steht der starre Hain der Palmen,

tiefe Schatten schaun aus Busch und Halmen,

ihre blauen Tränen weint die Nacht.

Nur von Menschenlauten tief durchtrauert,

steht der stumme Hain und bebt und schauert;

einsam seinen Gott anrufend kauert

auf den Knien ein Mann in Bettlertracht.

„Höre, höre, Geist der Wahrheit,

meinen Zwiespalt, meine dunkle Schuld:

der ich wandelte in Kampf und Starrheit,

Liebe lehrt ich und Geduld.

Ach! ein Baum, der Licht gab, wollt ich leben,

übermächtig der Natur;

nur mein Glaube war mir Leben.

Ach, sie sahn nicht auf mein Streben,

sahn die Tat, des Baumes Schatten nur.

Übermenschlich hab ich mich vermessen,

und sie haben fromm gemeint:

Ich, ich lebte selbstvergessen.

Einer, Er nur — Judas! Freund!

warum willst du mich verraten?!

O, zertrennte mich doch mein Gebet,

daß ich zwiefach lebte Wort und Taten,

Menschen menschlich irrend zu beraten,

auch dem Zweifel ein Prophet!“

Und zum Mond die Arme wild gebreitet,

und die Augen in die Nacht geweitet,

läßt er seine dunkeln Blicke irrn.

Und er sieht die Schaaren seiner Qualen,

durch das Dickicht brechen bleiche Strahlen

und berühren wie mit fahlen

Dolchen marternd seine glühende Stirn.

„Wehe, wehe, Geist der Liebe,

voller Reinheit schwebst du, klar und hoch;

doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe,

und mich kettete die Erde doch!

Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:

Allen wollt ich liebend glühn,

aber meiner Mutter mach ich Schmerzen

und mit sehnsuchtwundem Herzen

weint um mich die Magdalenerin.

Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,

wollt ich trösten all mein arm Geschlecht,

doch im Mitleid glimmt die Rache schon;

auch der Reichste hat auf Liebe Recht!

Judas, Judas, kommst du mich zu richten?

ist Entsagung, ist Gewalt mein Los?

Muß denn diese Welt sich erst vernichten,

um das Reich des Friedens aufzurichten?

Freiheit, lebst du im Gewissen blos?“

Und verzagt aufs Antlitz hingezwungen

spürt er heftiger die Anfechtungen,

seine zarte Stirne trieft von Schweiß.

Und er fühlt sein Blut in großen Tropfen

von den Schläfen in die Gräser tropfen;

seine zuckenden Pulse klopfen

an die Erde hart und laut und heiß.

„Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!

wird denn nur für Opfer Sieg gewährt?

Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit:

wähle, Freund! hier Todeskelch, hier Schwert!

Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,

eine Lebensleuchte wollt ich stehn,

aber jetzt in Sterbensnöten

sieh mich zittern, sieh mich beten:

laß den Kelch an mir vorübergehn!

Allzu willig war mein Fleisch dem Geist!

weh: entbrächen meines Glaubens Gluten.

Sollen Tausend um mich Einen bluten?

Wer nach Meinem Wandel lebt, verwaist.

Nein, ich fühl es: nicht wie Ich will, Vater,

Geist der Welt, der alle Seelen speist,

allen Fleisches Schöpfer und Berater,

Du des Lebens, Du des Todes Vater,

Deiner Hand befehl ich meinen Geist!“

Und er horcht, er sieht die Nacht erglühen:

starrer stehn die Bäume, Fackeln sprühen,

wildverworrene Menschenlaute nahn.

Und verzückt den Seherblick gehoben,

steht und hört er seine Häscher toben,

und ein Siegeslächeln schluchzt nach oben:

„Judas, komm! ich schreite gern voran.“

Tragische Erscheinung

In einer Wüste lagen viele Menschen,

die fast verschmachteten; sie wimmerten.

Ein schönes Mädchen nur,

mit hilflos braunen Augen,

litt stumm den Durst; denn gieriger als der Durst

brannte ihr seliges Mitleid.

Da trat, vom glühenden Horizont herwachsend,

ein fremder Mann vor dieses Volk;

der hob den Zeigefinger ihnen dar.

Aus der gereckten zitternden Spitze quoll

ein großer Tropfen Blut, quoll, hing, und fiel,

fiel in den Sand;

verwundert sah das Volk den fremden Mann.

Der stand und stand, Tropfen auf Tropfen fiel

aus seinem Finger in den Sand;

und immer, wenn die rote Quelle troff,

erbleichte schauernd Er, sie aber staunten,

und einige ächzten: er verhöhnt uns.

Da schrie er laut mit seiner letzten Glut:

so kommt doch, trinkt! für Euch verblut ich mich!

Doch jenes Mädchen sprach, indeß er hinlosch:

sie brauchen Wasser ...

Einsamkeiten

Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld;

hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe,

hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin.

Kein Laut, kein Hauch; der bleiche Abend hält

im dichten Mantel schwer die Luft gefangen.

So tut es wohl dem unbewegten Sinn.

Mein Herz nur hör ich noch; doch kein Verlangen

nach Leben ist dies Klopfen. Lust und Schmerz

ruhn hinter mir versunken, gleich zwei Stürmen,

die sich umarmen und im Wirbel sterben.

Was störst du mich, mein allzu lautes Herz!

Sie haben alle nie wie du gefühlt,

wie du allein; nicht Freund, nicht Weib noch Kind;

sie sind auch einsam. Sieh: dort drüben

müht sich ein grüner Schein im Nebelmeer,

ein Bahnlicht — sieh: so glimmst auch du im Trüben.

Hinaus, hinaus, wo keine Menschen sind!

Was wollt ihr noch? Weiter! auf jenen Hügel,

der grau ins Dunkel schwillt. Gesichter, weicht!

Sie folgen mir; o hätt ich Flügel! —

Und aus dem bleichen Feld tauchen die Sträucher,

koboldig, und der Hügel raucht,

bis feucht von Schweiß sich dick und breit

der Dunstalb an die Brust der Erde saugt.

Gesichter, weicht! weicht! Wie sie keuchen!

Sie folgen mir. O Qual der Einsamkeit!

Am Bahndamm nieder wank’ich in den Sand,

die glühende Stirne auf die nasse Schiene:

o käme jetzt das Eisenrad gerannt!

Kalt frißt sich mir das Stahlgefühl ins Mark,

die Hände pressen wild den starren Reifen;

ich kann nicht mehr. Da: horch: sei stark:

heulend am Horizont ein hohles Pfeifen,

zwei Augen quellen blendend aus dem matten

Dunstdunkel, und — was will der Schatten,

was regt sich da der Erlenbusch?

Er löst sich, kommt; es reißt mich hoch,

der Schatten naht, ich wills begreifen,

er nimmt Gestalt an — Wahnsinn? — Und

den Nebel teilt ein schwarzer Streifen,

mein wühlender Blick wird still und weit:

ein Gruß — stumm stockt in mir ein Schrei:

Jubel, ein Mensch! — O Herz — o Einsamkeit —

und knatternd stampft der Dampfzug mir vorbei.

Bergpsalm

Der Sturm hat seine Schlangen losgelassen.

In langen Windungen zischt Gras und Rohr

und keucht der See ans Land; die silberblassen

zerwühlten Weiden seufzen laut empor.

Empor, empor! Dort, wo die Kiefern sausen,

auf kahler Höhe will ich einsam stehn

und meine ferne Heimat dämmern sehn

und hören, was die dunkeln Wolken brausen.

Ihr grauen Pilger über mir: wohin?!

O könnt ich mit euch, ziellos, ohne Stocken,

dies dumpfe Sehnen ohne Maß und Sinn

ausschütten in den Sturm wie Nebelflocken!

O meine Heimat! Silbern grüßt der Fluß

und glänzt zum Himmel aus dem Blau der Bäume,

und aus dem Zauberwald der Kinderträume

winkt klar der Mutter Blick und Kuß.

Was weinst du, Sturm? — Hinab, Erinnerungen!

dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!

Es grollt ein Aufschrei von Millionen Zungen

nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!

Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten

wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;

heut stöhnt ein Volk nach Klarheit, wild und gell,

und Du schwelgst noch in Wehmutslüsten?

Siehst du den Qualm mit dicken Fäusten drohn

dort überm Wald der Schlote und der Essen?

Auf deine Reinheitsträume fällt der Hohn

der Arbeit! fühl’s: sie ringt, von Schmutz zerfressen!

Du hast mit deiner Sehnsucht blos gebuhlt,

in trüber Glut dich selber nur genossen;

schütte die Kraft aus, die dir zugeflossen,

und du wirst frei vom Druck der Schuld!

Und blutig glüht es um die zackigen Türme,

ein Dornenkranz umflammt die Stirn der Stadt,

ein goldner Fächer scheucht die Wolkenstürme,

hernieder strahlt ein Sonnenpalmenblatt.

O Herz der Weltstadt, du Millionenstimme,

die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit:

still quillts wie Heilandsblut durch diese Zeit,

die Liebe quillt aus deinem Grimme!

Den Kelch des Schweißes seh ich geistverklärt,

das Kreuz der Mühsal blütenlaubumflattert!

Was lachst du, Sturm?! — Im Rohr der Nebel gährt,

die Kiefer knarrt und ächzt, mein Mantel knattert:

Empor aus deinem Rausch! Mitleid, glüh ab!

Laß dir die Kraft nicht von Gefühlen beugen!

Hinab! laß deine Sehnsucht Taten zeugen!

Empor, Gehirn! Hinab, Herz! Auf! hinab!

Lied an meinen Sohn

Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,

mein Herz klopft in die Nacht hinaus,

laut; so erwacht ich vom Gebraus

des Forstes schon als Kind.

Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:

in deine ferne Wiegenruh

stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.

Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,

mein Sohn, und bin nicht aufgewacht

vom Sturm; bis eine graue Nacht

wie heute kam.

Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,

wie damals, als ich sein Getön

vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.

Horch, wie der knospige Wipfelsaum

sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;

mein Sohn, in deinen Wiegentraum

zornlacht der Sturm — hör zu, hör zu!

Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!

horch, wie er durch die Kronen keucht:

sei Du! sei Du! —

Und wenn dir einst von Sohnespflicht,

mein Sohn, dein alter Vater spricht,

gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:

horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!

Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,

mein Herz tönt in die Nacht hinaus,

laut — —

Ausschau bei Nacht

Damals, Seele, ja: ich war ein Kind

und das alte Forsthaus dumpf und eng.

Und in hellen und in dunkeln Nächten,

wenn ich bang am Kammerfenster stand

und die düstern Eichen hoch erschauern hörte,

wurde mir das Dach noch dumpfer.

Denn immer sah ich,

drüben, drüben fern,

wo aus der Waldnacht um die Felder

die eine hohe Kiefer in den Himmel horchte,

immer ruhte dann darüber

in den Wolken

jener weitgewölbte Schimmerkreis.

Und in bleichen Nächten

war er blaß und flehend

wie ein Heiligenschein,

aber in den grauen

tröstlich blau und schirmend

wie der Glanz von einem klaren Stahlschild,

oder mild und gelb wie Kronengold;

und ich wollte König werden.

Meine Mutter aber sagte mir’s:

dort lag Berlin.

Damals wußt ich nicht, warum mir bangte,

als sie mir die Stirne küßte.

Dort lag die Lichtstadt

und strahlte! —

Heute ist auch Nacht;

der Mond stiert in mein Fenster,

und ich sehe über tausend Dächer.

Im schweren weichen Schnee

ruhn und horchen mit verhaltnem Atem

die Schatten der Stadt.

Bis in den blauen Silberschein der Ferne

schwillt in langen Falten

weiß und zart die dichte Decke hin,

wie über die Kissen

eines Täuflings.

Die aber, die darunter schlafen?

und wachen?! —

Schwarz und scharf

stechen die Türme,

Kirche neben Kirche,

in den kühlen Himmel;

stahlspitz flittert ein Glanz

um die finsterhohe Kuppelkrone

jenes Palastes,

und über einem dicken Schlot

stockt ein Schild von Qualm.

Plötzlich:

unten an der Ecke drüben,

wo eine Gaslaterne

trübgelb mit dem Mondlicht kämpft,

schimpft ein frierender Schutzmann

ein betrunknes Straßenmädchen aus.

Seele, ja:

da liegt Berlin.

Weihnachtsglocken

Weihnachtsglocken. Wieder, wieder

sänftigt und bestürmt ihr mich.

Kommt, o kommt, ihr hohen Lieder,

nehmt mich, überwältigt mich!

Daß ich in die Kniee fallen,

daß ich wieder Kind sein kann,

wie als Kind Herr-Jesus lallen

und die Hände falten kann.

Denn ich fühl’s, die Liebe lebt, lebt,

die mit Ihm geboren worden,

ob sie gleich von Tod zu Tod schwebt,

ob gleich Er gekreuzigt worden.

Fühl’s, wie Alle Brüder werden,

wenn wir hilflos, Mensch zu Menschen,

stammeln: Friede sei auf Erden

und ein Wohlgefalln am Menschen!

Jesus der Künstler

Traum eines Armen

So wars, so stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm:

im roten Saal, im Traum, in dunkler Ecke:

stumm, starr und fühlend: schwer: Stein unter Steinen:

bang: starr es fühlend ...

Die schlanken Alabastersäulen leuchten.

Vom Saum der hohen Purpurkuppel hängen

und breiten weit ihr silbern Licht herab

im Doppelkreis die großen weißen Ampeln.

Die roten Nischen bergen zarte Schatten

und spiegeln sich im blanken Pfeilerwerk.

Es ist ganz still ...

Und stumm gleich mir und unbewegt, von Nische

zu Nische, stehn Gestalten: Mann und Weib.

In weißer Nacktheit stehn sie schimmernd da.

Die glatten Sockelblenden werfen Strahlen.

Die roten Wände legen lebensweiche

geheime Schmelze um den Rand der Glieder.

Von Kraft und Ruhe träumt der reine Stein.

So sind sie schön ...

Ich aber hocke in der dunklen Ecke

und fühle meines Leibes Magerkeit

und meiner Stirne graue Sorgenfurchen

und meiner Hände rauhe Häßlichkeit.

In meinem Staub, in meinen Arbeitslumpen,

mißfarben angetüncht, so hocke ich

auf kahlem Postamente, dumpf und bang,

vor ihrer Nacktheit mich der Kleider schämend,

Stein unter Steinen ...

Nur Einer atmet in der stillen Halle.

Dort in der Mitte, auf dem mattgestreiften

eisblassen Marmor, liegt im Dornenkranz,

blutstropfenübersät die bleiche Stirn,

ein Mensch und schläft. Sein weißer Mantel regt sich

in langen Falten leise auf und nieder.

Im Silberlicht der Ampeln glänzen rötlich

der schmale Bart, das schwere weiche Haar.

Hinauf zur Kuppel bebt der milde Mund,

lautlos und schön ...

Nun kommt ein Seufzen durch den stummen Glanz.

Die stillen Lippen haben sich geöffnet.

Im blanken Alabaster spiegelt sich

des blutbesprengten Hauptes leise Regung.

Klar, langsam tun zwei große blaue Augen

empor zur Purpurwölbung weit sich auf,

sanft auf; und alles Rot und Weiß des großen

Gemaches überleuchten diese großen

verklärten Augensterne durch ihr tiefes,

unsäglich tiefes, dunkles, sanftes Blau.

So steht er auf ...

Da scheinen sich die Steine rings zu rühren,

die weißen Glieder eigner sich zu röten,

und nur von Sehnsucht starr; Er aber wandelt.

Die Dornenkrone bebt; und wie er sacht

von Postament zu Postamente schreitet,

und wen er ansieht mit den blauen Augen,

der lebt und steigt in Schönheit zu ihm nieder,

der lebt! der lebt! —

Und steigend, wandelnd, aus den Purpurzellen,

in warmer Nacktheit leuchtend Leib an Leib,

folgt Paar auf Paar ihm von den Marmorschwellen,

stolz, selig stolz, umschlungen Mann und Weib.

Von ihren Stirnen, von den lichtbetauten

sorglosen Lippen weicht ein Bann und flieht,

der weite Saal erklingt von Menschenlauten,

es schwebt ein Lied.

Es schwebt und klingt: „So wandeln wir in Klarheit

und wissen aller Sehnsucht Sinn und Ziel;

in Unsrer Schönheit haben wir die Wahrheit,

zur Freude reif, und frei zum kühnen Spiel!“

So schwebt das Lied ...

Ich aber hocke in der dunklen Ecke,

und fühle meiner Glieder Häßlichkeit

und meiner Stirne graue Sorgenfurchen,

und fühle neidisch ihre warme Nacktheit

und frierend ihren Jubel — ich ein Stein.

Von Pfeiler hell zu Pfeiler tönt der Zug,

des stillen Wandlers Dornenkrone bebt,

ich aber bebe mit in meinen Lumpen

und warte, warte auf die blauen Augen

und will auch leben, auch ein Freier wandeln,

nicht Stein, nicht Stein! —

Und näher glänzt und klingt es um die Säulen;

vom letzten Sockel folgt ein Mädchen ihm;

er kommt! er kommt! —

Und vor mir steht er. Da verstummt der Zug;

ich fühle ihre stolzen Augen staunen,

und fühle seine, seine Augen ruhn

in meinen — ruhn — und will mich an ihn werfen

und will vergessen meinen frierenden Neid

und will ihm küssen seinen rührenden Mund,

da brechen perlend seine Wunden auf,

die bleiche Stirn, die Lippe zuckt, er spricht

— ihm schießen Tränen durch den blutigen Bart —

spricht: „Deine Stunde ist noch nicht gekommen!“

Und ich erwachte. Weinend lag ich nackt;

nackt wie die Armut.

Zu eng

Aus den Papieren eines Arztes

Vier Treppen hoch, nach hinten hinaus;

ein hundertfenstriges Vorstadthaus.

Die Kammer schmal

und niedrig und kahl;

ein rissiger Spiegel, zerschlissen das Bette,

ein Wassernapf, kein Stuhl, kein Tisch,

und an den Wänden glänzte frisch

der Armut schimmlige Tapete.

Kaum konnt ich durch die Tür und kaum

mich drinnen bewegen, so füllte den Raum

ein plumper Sarg, schmucklos und roh,

ein Armensarg. Und auf dem Stroh

des Bettes saß ein magrer Mann,

noch jung, aber mit jenen alten Zügen,

mit denen Gram und Not die Zeit betrügen.

Ich grüßte halb. Er sah mich an

und nickte stumpf

und seufzte dumpf,

und stierte wieder vor sich hin,

hohläugig, in den offnen Sarg.

Noch kaum verändert lag sie drin,

wie ich sie gestern mit ihm barg,

die tote Kurbelstepperin:

ins steife dürftige Leichenhemd

einen Strauß Vergißmeinnicht geklemmt,

ihr totes Kind im welken Arm.

Mich peinigte sein starrer Harm;

drum nahm ich ihn fast grob am Kragen

und sprach ihm zu mit derber Geduld,

er solle erzählen, mir alles sagen,

nicht sitzen, als sei er selbst dran schuld.

Bis er sich endlich zusammenrückte

und langsam klagte, was ihn drückte.

„Herr Doktor, da ist nicht viel zu erzählen;

es war ein einziges langes Quälen.

Es mag wohl bald zwei Jahr her sein,

da zogen wir hier beide ein,

das heißt, noch eh wir Bekanntschaft gemacht;

Schlafstelle blos, in Aftermiete,

ich für den Tag, sie für die Nacht.

Sie steppte damals Trauerhüte

in der Fabrik bis abends acht

und kam erst gegen neun nach Haus;

ich mußte auf den Droschkenbock

für meinen Fuhrherrn nachts hinaus.

So ging es wohl zwei Monat lang;

wir sahn uns kaum. Da wurde sie krank.

Herbst wars; in ihrem dünnen Rock

und bei dem weiten nassen Gang

— sie war schon immer zart gewesen —

da hat sie wohl was weggekrigt.

Ja, Herr, da gabs kein Federlesen:

Geld hatten wir alle beide nicht,

ihr bißchen blos im Kassenbuch,

fürs Krankenhaus war sie nicht krank genug,

wir konnten kein ander Gelaß uns nehmen,

wir mußten uns hier zusammen bequemen,

bis sie wieder konnte auf Arbeit gehn.

Ja, Herr, und da — da ist es geschehn!

Wir hieltens nicht aus so auf die Länge,

so ledig; man ist ein Mensch doch blos,

und unsre Sehnsucht war so groß.

Wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!

Seitdem ist sie mit mir gegangen;

hats auch zur Heirat nicht gelangt,

wir haben unserm Schöpfer gedankt,

daß wir uns so durchs Gröbste zwangen.

Wir halfen einander mit unserm Lohn

und legten noch zurück davon.

So haben wir unsern Weg genommen,

ganz gut — bis ihre Zeit gekommen.

Da kam auch die Not. Da half uns kein Beten.

Sie konnte nicht mehr die Maschine treten;

was andres hatte sie nicht gelernt,

die Eltern hatten sie früh entfernt.

Ich gab ihr, soviel ich konnte, ab;

es war fast schon für mich zu knapp.

Was half uns da nun unser Plagen,

was half uns da nun unser Sparen:

wir mußten die Sachen zum Juden tragen.

Ich habe bei Tag und bei Nacht gefahren,

ich hab mich vor keiner Mühe geschämt,

ich habe mir keinen Schluck mehr bezähmt:

sie wurde doch schwächer und schwächer im Nu,

sie hat sich zuschanden gedarbt und gegrämt.

Und dann, dann kam das Kind dazu:

ich sah sie weinen, ich hörte es wimmern,

ich sah sie Beide verschmachten, verkümmern:

Herr, da wars aus mit meiner Ruh,

da hab ich zum ersten Mal betrogen,

den ersten Fahrgast beim Fahrgeld belogen,

und noch einmal, und noch einmal,

mir schnitt zu sehr ins Herz die Qual,

und mancher tut’s jahrein jahraus,

um’s beim Budiker zu versaufen,

und ich, ich wollte Essen kaufen,

und, Herr, bei mir — bei mir kam’s raus!

Mir wurde noch von Glück gesagt,

daß mich mein Herr blos weggejagt.

Ihr und dem Wurm da gab’s den Rest;

nach Arbeit bin ich in Ost und West

seit vierzehn Tagen herumgelungert,

und dabei, scheint’s, sind sie verhungert.“

Er nickte stumpf

und seufzte dumpf

und glotzte mich hohläugig an,

mit einem Blick so müdgehetzt,

so jeder andern Regung bar,

daß mirs den Rücken niederrann.

Ich hatte zum Trösten mich hingesetzt

und sah, daß Trösten Hohn hier war,

wo so das stumme Elend schrie.

Ich drückt ihm blos das spitze Knie,

den dünnen Arm, und nahm den Hut

und sagte: Kommen Sie zu mir morgen,

ich werde Arbeit für Sie besorgen.

Er dankte. „Herr Doktor, Sie meinen’s gut.

Ich will auch kommen und ehrlich mich schinden,

und werde auch wohl weiterfinden;

blos sie, sie wird davon nicht wach!

Ja, Herr: blos einen kleinen Verschlag,

blos noch so nebenan ein Loch,

daß wir nicht immer uns mußten sehen:

dann wäre alldas nicht geschehen,

sie lebten alle Beide noch.

Wir hätten gewartet, wir hätten gespart;

wir waren, weiß Gott, geduldiger Art.

Wir hätten uns selber ’ne Droschke geschafft,

dann hatt ich ja Verdienst die Menge.

So aber gings uns über die Kraft;

wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!“

Und auf den Sarg hin stierte er wieder,

da fuhr ein Zucken ihm durch die Lider:

„O wenn ich doch wenigstens bei ihr wär,

dadrin da in dem engen Kasten!

Jetzt braucht sie ja nicht mehr zu fasten,

und auch zu eng ists ihr nicht mehr!“

Er stieß ihn heiser heraus, den Witz,

er wollte lachen vor wühlendem Weh;

da riß es ihn um, so stieg’s in die Höh,

und niedertaumelnd von seinem Sitz

schmiß er den kleinen Vergißmeinnichtstrauß

mit wildem Fluch aus dem Sarg hinaus

und warf sich weinend über die Leichen

und küßte die Hälse, die magern, bleichen.

Da bin ich stille weggegangen,

mir graute vor der schmalen Kammer;

und durch die Brust schlich mir ein Bangen,

als sei ich auch schuld an all dem Jammer.

Vergißmeinnicht

Vergißmeinnicht in einer Waffenschmiede —

was haben die hier zu tun?

Sollte heimlich der Friede

hinterm Hause am Bache ruhn?

Laut hallen die Hämmer in hartem Takt:

Angepackt, angepackt,

die Arbeit muß zu Ende!

Und das Eisen glüht, und das Wasser zischt;

und wenn der Schwalch die Flamme auffrischt,

glänzen die schwarzen Hände.

Aber manchmal blickt ein rußig Gesicht

still nach dem himmelblau blühenden Strauß.

Dann scheints, eine Stimme singt hinterm Haus:

vergiß mein nicht! —

Die Magd

Maiblumen blühten überall;

er sah mich an so trüb und müd.

Im Faulbaum rief die Nachtigall:

die Blüte flieht! die Blüte flieht!

Von Düften war die Nacht so warm,

wie Blut so warm, wie unser Blut;

und wir so jung und freudenarm.

Und über uns im Busch das Lied,

das schluchzende Lied: die Glut verglüht!

Und er so treu und mir so gut.

In Knospen schoß der wilde Mohn,

es sog die Sonne unsern Schweiß.

Es wurden rot die Knospen schon,

da wurden meine Wangen weiß.

Ums liebe Brot, ums teure Brot

floß doppelt heiß ins Korn sein Schweiß.

Der wilde Mohn stand feuerrot;

es war wohl fressendes Gift der Schweiß,

auch seine Wangen wurden weiß,

und die Sonne stach im Korn ihn tot.

Die Astern schwankten blaß am Zaun

im feuchten Wind; die Traube schwoll.

Am Hoftor zischelten die Fraun;

der Apfelbaum hing schwer und voll.

Es war ein Tag so regensatt,

wie einst sein Blick so trüb und matt;

die Astern standen braun und naß,

naß Strauch und Kraut, der Nebel troff,

da stieß man sie voll Hohn und Haß,

die sündige Magd, hinaus vom Hof.

Nun blüht von Eis der kahle Hain,

die Träne friert im schneidenden Wind.

Aus flimmernden Scheiben glüht der Schein

des Christbaums auf mein wimmernd Kind.

Die hungernden Spatzen schrein und schrein,

von Dach zu Dach; die Krähe krächzt.

An meinen schlaffen Brüsten ächzt

mein Kind, und Keiner läßt uns ein.

Wie die Worte der Reichen so scharf und weh

knirscht unter mir der harte Schnee.

So weh, oh, bohrt es mir im Ohr:

du Kind der Schmach! du Sündenlohn!

Und dennoch beten sie empor

zum Sohn der Magd, dem Jungfraunsohn?!

Oh, brennt mein Blut. Was tat denn Ich?

wars Sünde nicht, daß sie gebar? —

Mein Kind, mein Heiland, weine nicht:

ein Bett für dich, dein Blut für mich,

vom Himmel rieselt’s silberklar.

Wie träumt es sich so süß im Schnee.

Was tat ich denn? — So süß. So weh.

Wars Liebe nicht? — Wars — Liebe — nicht —

Die Armen

Nach Verhaeren

Sie sind so, diese armen Herzen,

ganz ausgehöhlt von stummen Schmerzen,

blaß und wie Teiche voll Geweine:

rings Leichensteine.

Sie sind so, diese armen Rücken,

verkrümmt vom Tragen und vom Bücken,

krummer als auf den Dünenhütten

die Dachschütten.

Sie sind so, diese armen Hände,

zittrig wie Gräser im Gelände,

wie dürre Gräser, die zittern

vor nahen Gewittern.

Sie sind so, diese armen Augen,

die nur zu Dienst und Demut taugen,

trauervoller als die von Tieren,

wenn sie nach Freiheit stieren.

So sind sie, diese armen Leute;

dem Elend fallen sie zur Beute

mit lammgeduldiger Geberde,

rings auf der freien Flur der Erde.

Vierter Klasse

Es rollt und rüttelt und dröhnt und dampft

und klirrt und rasselt und stürmt und stampft;

an kreisenden Feldern vorüber im Flug

durch Pommerns Ebne keucht der Zug.

Ich schaue und horche und weiß es kaum;

ich träume einen stolzen Traum,

wie Form geworden der Menschengeist

donnernd um Axe und Axe kreist ...

Da schreit ein Kindchen neben mir

und übertönt das Eisentier.

Es klang so weh, mein Traum zerrinnt;

so blaß, so mager ist das Kind.

Im Wagen schwankt die Dämmerung,

und Gaslicht schwankt und Schattensprung;

aus rotgewürfeltem Bettzeug sticht

so spitz heraus das kleine Gesicht.

Von Kisten und Kasten eingezwängt,

von Säcken und Päcken überdrängt,

schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh

und summt ein Wiegenlied dazu.

Und rund herum, bedrückt und schwer,

verworrene Worte, hin und her;

Gesichter, furchig, knochig, stumpf,

und Menschendünste, dick und dumpf.

Zusammengeduckt mit Hab und Gut,

mit ihrem letzten bißchen Mut,

aus Polen und Preußen sitzen sie da

und wollen nach Amerika.

Nur wenn das Wörtchen „drüben“ fällt,

grünt eine ferne Hoffnungswelt;

und Alle atmen tiefer dann,

und Alle sehn sich nickend an.

Und durch ihr Munkeln, ihr Geschwärm,

durch Rädergepolter und Eisenlärm,

wie Stimmen der Erlösung, ziehn

der Mutter leise Melodien.

O heiliger Stall von Bethlehem,

dein Wunder ist noch heut zu sehn,

wenn eine Wöchnerin beglückt

ihr Kind in Armut an sich drückt!

Nun schläft’s; nun hüllt sie’s ein recht warm

und legt’s behutsam aus dem Arm,

und lehnt sich müd an ihren Mann

und sieht ihn bang und liebreich an.

Und er versteht den Mutterblick

voll Sorge, Furcht und Mißgeschick,

und mit der breiten Schwielenhand

zeigt er hinaus ins finstre Land:

„Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn,

da drüben wird alles anders gehn.

Da schaff ich uns eigen Feld und Vieh,

da wirst du wieder gesund, Marie.

Du brauchst nicht leben wie ein Hund,

ihr werdet beide wieder gesund.

Und unser Kind hat, wenn es groß,

im neuen Land ein besser Los!“

Und Sorge, Furcht und Mißgeschick

vergehen in dem einen Blick,

mit dem sich diese Bauernseelen

von ihrem Kinde stumm erzählen ...

Es rollt und rüttelt und stampft und staucht

und dröhnt und rasselt und keucht und faucht;

durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug

stürmt weiter und weiter der eiserne Zug.

Ich horche und horche und weiß es kaum;

ich träume einen gläubigen Traum,

wie Glück begehrend der Menschengeist

empor zu neuen Formen kreist ...

Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht,

der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;

die Bäuerin ist eingenickt,

aufs Knie des Mannes hingebückt.

Der sitzt noch wach mit mir allein;

wir gucken uns sacht in die Augen hinein,

bis uns der Blick die Zunge lüpft,

bis hin und her das Flüstern schlüpft.

Und er erklärt mir, wie es kam,

daß sie verkauften ihren Kram,

und wie sie der Agent gedingt,

der in den Urwald nun sie bringt.

Es war kein neues Wort dabei;

es war die alte Litanei

von saurem Schweiß und Hungerlohn,

an der nur neu des Jammers Ton.

„Und wie dann gar noch Weib und Kind

mir schwach und krank geworden sind,

da haben wir endlich das Schwerste gewagt,

dem Dörfchen Lebewohl gesagt.

Und hat sie auch zuerst geweint,

so hat sie doch zuletzt gemeint:

fällts uns auch schwer, wenn nur das Kind

ein ander Los als wir gewinnt!“

So schwinden Stationen im Fluge vorbei

und Glockensignale und Kellnergeschrei,

und bleicher tanzen die Lichter schon:

der Morgen steigt auf seinen Thron.

Und um uns her bewegt es sich

und reckt und dehnt und regt es sich,

und langsam werden Alle wach

und blinzeln in den jungen Tag.

Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,

an denen jeder Halm uns grüßt

und jeder Sonnenstrahl das Herz

zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz.

Die Fenster auf! o Luft, o Licht!

Und Alle drängen sich dicht bei dicht

und zeigen hinaus, wo stromumblinkt

mit Türmen und Masten Hamburg winkt.

Die Mutter aber, still im Schwarm,

nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm

und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht

und — da —: was stiert sie und küßt es nicht?

Was stiert und stiert sie, daß mir graut!

Da löst sich ein erstickter Laut,

da liegt’s im Schooß ihr starr und tot —

der Vater stammelt: barmherziger Gott!

Im Wagen, plötzlich, wird es stumm;

die Bauern blicken scheu herum.

Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert:

mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert ...

Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf,

die Schaffner reißen die Türen auf.

Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum;

da stürmt das Leben, es gilt kein Traum.

Es gilt, daß man sich ganz gesteh,

wie unerschüttert von Glück und Weh,

Zukunft formend der Menschengeist

um seine ewige Axe kreist ...

Auf einem Dorfweg

Auf einem Dorfweg, der mir lieb ist:

verkrüppelte Birkchen stehn beschirmt von mächtigen Linden,

im Juli glüht der ganze Ackerrand

von hohen roten wilden Nelken:

da stieß ein Junge

ein kleines Mädchen hin und schlug es sehr,

und als es weinte, lachte er.

Das sah ein Bettler, der betrunken vor mir ging.

Es war zu sehn, wie sich sein Herz empörte,

sein Rücken war verkrümmter als die Birke neben ihm;

die Kinder glühten wie die Nelken schlank,

er hob den Stock mit schwankem Schritt,

da lachte auch das Mädchen mit.

Dem Krüppel schossen Tränen in die Augen.

Er stöhnte laut: o Welt, o Welt!

und mußte sich an eine Linde lehnen

und taumelte

und fiel ins Nelkenfeld.

Die roten Blüten schlugen über ihm zusammen,

die beiden Kinder tanzten wie zwei Flammen

um sein wie blutbespritztes Bett,

und eine Stimme sprach in mir:

da liegt Jesus von Nazareth.

Der tote Hund

Nach Nizami

Der Herr Jesus, auf seiner Wanderschaft,

betrat einen Markt, wurde sehr begafft.

Nur ein toter Hund, schon halb verfault,

wurde noch mehr begafft und bemault.

Da lag er — und rings um die üble Gestalt

machten die Menschen wie Aasgeier Halt.

Puh! sprach einer: mir wird ganz krank

von dem entsetzlichen Gestank.

Ein zweiter sprach: er stinkt zwar sehr,

aber der Anblick entsetzt noch mehr.

So gaffte jeder aus anderm Grund,

doch alle schmähten den toten Hund.

Da trat Jesus unter den Schwarm;

hell hob sich über den Leichnam sein Arm.

Seht! sprach er und stand voll Sonnenschein:

seine Zähne sind wie Perlen rein!

Und lächelte — daß alle, die’s erlebten,

durchglühten Schlacken gleich erbebten.

Ein Märtyrer

Jetzt sollt ihr hören ein rauhes Lied,

von Frieden und Erbarmen leer!

Der Winternachtsturm schreit im Ried

und peitscht das Schilf wie Heu umher;

vor seinem Schnauben erstarrt das Moor,

zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr.

Ein Häuschen umheult er am Haiderand

und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand

und reißt an den Haspen und Sparren,

daß sie kreischen vor Frost und knarren

und drinnen am Ofen die Kinder erschauern

und dichter zum Schooße der Mutter kauern.

Die streckt, von Ängsten dumpf gerührt,

zum Vater, der finster mit hastiger Faust

Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt,

die bittenden zitternden Hände:

„Ach Mann, geh nicht durchs Moor! mir graust.“

Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust,

weist ihr die Worte am Ende:

Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht,

weil jeder nur immer sich selber bedacht.

So habt ihr euch selber zu Knechten gemacht.

Drum schaart euch, ihr Schwachen, zusammen!

Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer,

so schwellen die Wellen zum donnernden Meer,

die Fünkchen zu sausenden Flammen!

Die Backen zucken ihm, und er spricht:

Drum bettle nicht! drum quäl mich nicht!

ich habs den Genossen geschworen.

Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf,

sonst geht der Sieg uns verloren.

„Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg

dein Weib und die jammernden Kleinen!

Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht

erst steht das Eis; o Gott, es kracht,

es bricht! o sieh mich weinen!

Es schreit zum Himmel! dein Leben ist mein!“

Da braust er auf vor Zorn und Pein:

schrei lieber zu Teufel und Hölle!

und hebt mit grimmiger Wucht die Last

und fragt, schon tritt er die Schwelle:

Hat’s etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht,

daß ich tagtäglich in den Schacht

meine Knochen für’n Hungerlohn trage!

und sollte mein Leben nicht Eine Nacht

für Glück und Gerechtigkeit wagen?!

Leb wohl! — Ins Schloß die Klinke knallt.

Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot.

Vom fahlen Horizont her droht

des Mondes Stirne blank und kalt.

Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß.

Der Mond legt übers dunkle Eis

eine bleiche Straße.

Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht.

Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht,

schon schimmern — da knistert’s, da biegt es sich sacht.

Ein Hilfegestammel. Da knirscht es und kracht

und schollert; ein Aufschrei verbrodelt im Moor.

Schrill winselt’s im Schilf, hohl röchelt’s im Rohr.

Hui! zischt es und pfeift’s in den Binsen.

O rauher, o rauher, mein rauhes Lied!

kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn!

nach Opfern schreit der Sturm im Ried.

Doch bald: dann kommt der Frühlingsföhn,

dann schießt in Halme die junge Saat,

der Tag der Auferstehung naht!

Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis,

dann wühlt er die Opfer empor vom Grund,

die Helden alle, die niemand weiß;

und jedes Toten vermoderter Mund

wird klaffend nach Rache blecken

und tausend Lebendige wecken!

Anno Domini 1812

Über Rußlands Leichenwüstenei

faltet hoch die Nacht die blassen Hände;

funkeläugig durch die weiße, weite,

kalte Stille starrt die Nacht und lauscht.

Schrill kommt ein Geläute.

Dumpf ein Stampfen von Hufen, fahl flatternder Reif;

ein Schlitten knirscht, die Kufe pflügt

stiebende Furchen, die Peitsche pfeift,

es dampfen die Pferde, Atem fliegt,

flimmernd zittern die Birken.

„Du — was hörtest du von Bonaparte“ —

Und der Bauer horcht und wills nicht glauben,

daß da hinter ihm der steinern starre

Fremdling mit den harten Lippen

Worte so voll Trauer sprach.

Antwort sucht der Alte, sucht und stockt,

stockt und staunt mit frommer Furchtgeberde:

aus dem Wolkensaum der Erde,

brandrot aus dem schwarzen Saum,

taucht das Horn des Mondes hoch.

Düster wie von Blutschnee glimmt die lange Straße,

wie von Blutfrost perlt es in den Birken,

wie von Blut umtropft sitzt Der im Schlitten.

„Mensch, was sagt man von dem großen Kaiser?“

Düster schrillt das Geläute.

Die Glocken rasseln; es klingt, es klagt;

der Bauer horcht, hohl rauscht’s im Schnee.

Und schwer nun, feiervoll und sacht,

wie uralt Lied so stark und weh

tönt sein Wort ins Öde:

„Groß am Himmel stand die schwarze Wolke,

fressen wollte sie den heiligen Mond;

doch der heilige Mond steht noch am Himmel,

und zerstoben ist die schwarze Wolke.

Volk, was weinst du?

Trieb ein stolzer kalter Sturm die Wolke,

fressen sollte sie die stillen Sterne.

Aber ewig blühn die stillen Sterne;

nur die Wolke hat der Sturm zerrissen,

und den Sturm verschlingt die Ferne.

Und es war ein großes schwarzes Heer,

und es war ein stolzer kalter Kaiser.

Aber unser Mütterchen, das heilige Rußland,

hat viel tausend tausend stille warme Herzen;

ewig, ewig blüht das Volk.“

Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,

dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocken wimmern;

auf den kahlen Birken flimmert

rot der Reif, der mondbetaute.

Den Kaiser schauert.

Durch die leere Ebne irrt sein Blick:

über Rußlands Leichenwüstenei

faltet hoch die Nacht die blassen Hände,

glänzt der dunkelrot gekrümmte Mond,

eine blutige Sichel Gottes.

Ballade vom Volk

Bahnhofsgewühl;

am Sperrgitter staut sich’s.

Schutzleute brüllen;

und rings glotzen tausend

Tiergesichter,

Hundegesichter,

Fuchsgesichter, ein Wolfsgesicht,

Schafsgesichter, Gänsegesichter,

ein kollernder Truthahn,

grunzende Schweine —

Volk.

Der Zug fährt ein, hält.

Das Gewühl wird still,

einen Augenblick still.

Am Fenster erscheint

Bismarck

und grüßt;

und rings jubeln tausend

leuchtende, glühende,

funkelnde, strahlende,

erzengelhelle Menschengesichter —

Volk.

Drohende Aussicht

Der Himmel kreist, dir schwankt das Land,

vom Schnellzug hin und her geschüttelt

saust Ackerrand um Ackerrand,

ein Frösteln hat dich wachgerüttelt:

die Morgensonne kommt.

Mühsam entstiebt dem Nebelzelt

ein Krähnvolk, herbstlich abgemagert,

indeß sich dick aufs Düngerfeld

der Frührauch der Fabriken lagert;

die Morgensonne kommt.

Schwarz schiebt sich durch den grauen Flor

ein langer Zug von Schlackenbergen,

Schornstein an Schornstein schnellt empor,

schreckhafte Hüter neben Särgen;

die Morgensonne kommt.

Vom Horizont her nahn mit Hast

und einen sich zwei Straßendämme,

von Apfelbäumen eingefaßt,

schon blaß beglänzt die knorrigen Stämme;

die Morgensonne kommt.

Jach folgt zum andern Himmelssaum

dein Blick den fruchtberaubten Zweigen,

und plötzlich siehst du Baum an Baum

sein brandrot glühendes Laub dir zeigen:

der Tag ist da!

Dichters Arbeitslied

Geh hin, mein Blick, über die grünen Bäume!

Da huscht ein Vogel, der nimmt dich mit,

Märchenvogel Edelschwarz.

Bleib nicht zu lange im Reich der blauen Träume!

Hier rasten Menschen am Straßenrand,

ihre Hände sind vom Alltag schwarz.

Bring ihnen her den Abglanz der freien Räume!

Sie möchten alle gern in ein Märchenland,

ihr Sonntagskleid ist edelschwarz.

Die stille Stadt

Liegt eine Stadt im Tale,

ein blasser Tag vergeht;

es wird nicht lange dauern mehr,

bis weder Mond noch Sterne,

nur Nacht am Himmel steht.

Von allen Bergen drücken

Nebel auf die Stadt;

es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,

kein Laut aus ihrem Rauch heraus,

kaum Türme noch und Brücken.

Doch als den Wandrer graute,

da ging ein Lichtlein auf im Grund;

und durch den Rauch und Nebel

begann ein leiser Lobgesang,

aus Kindermund.

Der Arbeitsmann

Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,

mein Weib!

Wir haben auch Arbeit, und gar zu zweit,

und haben die Sonne und Regen und Wind.

Und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,

um so frei zu sein, wie die Vögel sind:

Nur Zeit.

Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn,

mein Kind,

und über den Ähren weit und breit

das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,

oh, dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,

um so schön zu sein, wie die Vögel sind:

Nur Zeit.

Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,

wir Volk.

Nur eine kleine Ewigkeit;

uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,

als all das, was durch uns gedeiht,

um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.

Nur Zeit!

Predigt ans Großstadtvolk

Ja, die Großstadt macht klein.

Ich sehe mit erstickter Sehnsucht

durch tausend Menschendünste zur Sonne auf;

und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen

seines Kiefern- und Eichen-Forstes

wie ein Zaubermeister ausnimmt,

ist zwischen diesen prahlenden Mauern

nur ein verbauertes altes Männchen.

O laßt euch rühren, ihr Tausende!

Einst sah ich euch in sternklarer Winternacht

zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen

wie einen ungeheuren Heerwurm

den Ausweg aus eurer Drangsal suchen;

dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal

und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen

von Freiheit, Gleichheit und dergleichen.

Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:

sie wurzeln fest und lassen sich züchten,

und jeder bäumt sich anders zum Licht.

Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste,

euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,

ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern —

so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch!

vorwärts! rückt aus! —

Ein Freiheitslied

Es ist nun einmal so,

seit wir geboren sind:

die Blumen blühen wild und bunt,

wir aber mauern Wände

gegen den Wind.

Es wird wohl einmal sein,

wenn wir gestorben sind:

dann blühen die Blumen noch immer so,

und über unsre Mauern

lacht der Wind.

Märzlied

Im März,

da gruneln die Dornen am Zaun.

Im März,

da fängt der Fuchs an zu rauhn.

Im März,

über Deutschlands Äckern und Aun,

da fliegt durch Wolken und Licht und Sturm

eine erste Schwalbe von Turm zu Turm:

wird Frühling? —

Maifeierlied

Es war wohl einst am ersten Mai,

viel Kinder tanzten in Einer Reih,

arme mit reichen,

und hatten die gleichen

vielen Stunden zur Freude frei.

Es ist auch heute erster Mai,

viel Männer schreiten in Einer Reih,

dumpf schallt ihr Marschgestampf,

heut hat man ohne Kampf

keine Stunde zur Freude frei.

Doch kommt wohl einst ein erster Mai,

da tritt alles Volk in Eine Reih,

mit Einem Schlage

hat’s alle Tage

ein paar Stunden zur Freude frei.

Bergarbeiterlied

Wir tragen alle ein Licht durch die Nacht,

unter Tag.

Wir träumen von unerschöpflicher Pracht,

über Tag.

Wir helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich;

Glückauf!

Wir machen das Erdreich zum Himmelreich;

Glückauf!

Einst fiel alles Leben vom Himmel herab,

über Tag.

Wir Bergleute schürfen’s aus dem Grab,

unter Tag.

Wir fördern’s herauf, das tote Gestein;

Glückauf!

Wir machen’s wieder zu Sonnenschein;

Glückauf!

Auf Erden ist immerfort jüngstes Gericht,

unter Tag.

Aus Schutt wird Feuer, wird Wärme, wird Licht,

über Tag.

Wir schlagen aus jeglicher Schlacke noch Glut;

Glückauf!

Wir ruhn erst, wenn Gottes Tagwerk ruht;

Glückauf!

Erntelied

Es steht ein goldnes Garbenfeld,

das geht bis an den Rand der Welt.

Mahle, Mühle, mahle!

Es stockt der Wind im weiten Land,

viel Mühlen stehn am Himmelsrand.

Mahle, Mühle, mahle!

Es kommt ein dunkles Abendrot,

viel arme Leute schrein nach Brot.

Mahle, Mühle, mahle!

Es hält die Nacht den Sturm im Schooß,

und morgen geht die Arbeit los.

Mahle, Mühle, mahle!

Es fegt der Sturm die Felder rein,

es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.

Mahle, Mühle, mahle!

Sturmbild

Ferdinand Hodler zu Ehren

Fergin im Sturm, kehr um! Weib, wie du wüst dich plackst!

Du bist kein Mann! — Sie hört nicht, sie stemmt sich langgestreckt

gegens Gebrüll der Wellen, das übern Kahnrand bleckt;

weiter und weiter stemmt sie, ruckt, rudert, ringt und rackst.

Nach dem Holzfäller blickt sie, der mit geschwungener Axt

jenseits des Stroms sich reckt, wieder und wieder reckt.

Oder sieht sie ein Ziel gar, das ihr sein Aufgriff steckt,

und fühlt nun hingerissen: Ich pack’s, da Du es packst!?

So fragen sich im stillen mit hochgezognen Brauen

in einem Ufergarten einige zarte Frauen

von edlem Wuchs und edlerer Geberde.

Sie denken an die Helden alter Zeiten

und sinnen zwischen leichten Handarbeiten,

wie das Gewaltsame — gewaltig werde.

Die Hafenfeier

I

Vom stillen Hafen singt manch kleines Lied;

Hafen der Weltstadt, bist du jemals still?

O großer Braus der Unruhe, wenn schrill

werktags die Dampfbootschwärme, Fähren, Schlepper, Jollen

Signale kreischend durchs Sprühwasser tollen,

Rauchwolken durchs Gestarr der Maste rollen,

durchs Möwengetümmel um Schlot und Spriet.

Fremder, dann stehst du zuerst wie irr,

spürst nicht das Werk, das da wachsen mag,

nicht von den Werften herüber den Takt im Hammerschlag,

nur das Gekrach und Gerassel, Geklirr, Geschwirr,

und ziellos fragt dein Blick ins Gewirr:

wird je auf Erden noch Feiertag?

Bis du erschüttert vermeinst, daß eisenhart

die ganze Menschheit im Arbeitskleid

von allen Brückengeländern dir Antwort schreit;

und vor dem starken Schall der Gegenwart

verstummt dein Ruf nach ewiger Seligkeit.

II

Sieh dort: der schlichte Mann in der Barkasse,

die unscheinbar vom wimmelnden Kai abschwenkt,

der ordnet dir die lärmende Masse.

Ihm dankt im stillen jede Speichergasse;

ein Schiffsherr ists, der viele Schiffe lenkt.

Vorbei an Docks, Hellingen, Höften, Leichtern, Kranen,

deren Getriebe seinem Antrieb entsprang,

rechnet sein Kopf wohl grad an neuen Bahnen

für unsre Herrschaft auf den Ozeanen,

doch durch die Brust wogt ihm wie dir ein Ahnen,

ein Drang, ein Klang, ein Urgesang:

Unruhe braust, wo sich der Geist aufrafft,

wo flügelfrei sich Mut und Wille verschwören,

Herzen und Hirne zur Tat zu empören.

Unruhe ists, was sich Beruhigung schafft,

was Freiheit und Gewalt zur Ordnung strafft,

um immer kühneren Flugs die Ruhe zu stören.

Unruhe heißt die Schöpferkraft.

III

Jetzt hüpft der emsige Herr von Bord; gewandt

schlüpft er durch festschmuckbunte Zuschauerhaufen.

Ein Riesenschiff soll heut von Stapel laufen.

Flaggen und Wimpel flirrn; guirlandenumspannt

harren zehntausendköpfig die Tribünen.

Und über alldas ragt der Rumpf des Hünen

wie vom exotischen Blick seines Gebieters gebannt.

Der grüßt sich höflich durch, durch die Spaliere

der Würdenträger, Damen, Kavaliere,

Schutzleute, Kurtisanen p. p. — und dann:

ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann,

der dieses Völkerfriedenswerk ersann,

es neigen sich die Herren Offiziere.

Der Fürst begibt sich an die Kanzelstufe,

besteigt sie, spricht: Ich tauf dich Imperator.

Willig rollt der Koloß von seiner Kufe,

und auf der Strombahn im Sturm der Jubelrufe

wiegt sich ein Echo: Triumphator.

IV

Was aber tönt noch immerfort wie Klagen?

Was murrt und schluchzt, wenn die Anker tauchen?

Was stöhnt, wenn die Frachtspillketten aufstauchen,

während die Dampfersirenen wie brüllende Bestien fauchen,

die Baggermaschinen ihr Hundegeheul anschlagen.

Ist es der Grundton ewiger Grausamkeit,

der qualvoll selbst aus unsern Werkzeugen ächzt?

O Menschenkind, das nach Vergöttlichung lechzt,

hör nur, wie deine Machtgier teuflisch gen Himmel krächzt,

die dich und deinesgleichen im Namen der Menschlichkeit

gesetzlich peinigt und sittlich maledeit!

Dann starren die Häuserreihen rings um die Hafenbecken

dich an wie Folterkammern, wo Angst, Wut, Jammer, Schrecken

vom Keller bis zum Dachfirst gellt,

wo jeder den andern martert, Verbrecher zugleich und Richter,

höchstens daß mittendrunter einsam ein Denker, ein Dichter

sich selbst abquält mit Allbeglückungszwecken;

so büßt der Weltgeist seine Welt.

V

Ja, das erschüttert, das macht die Seelen hungern,

das läßt uns stets nach besserer Zukunft lungern;

was ist denn unser Arbeitsertrag?

Sieh nur, wie alle Augen, die finstern und die grellen,

Herren wie Knechte, Meister wie Gesellen,

sich die Verzweiflungsfrage stellen:

war je auf Erden schon Feiertag?

Was fördern all die Fäuste, die sich schinden

an Hämmern, Hebeln, Kolben, Kurbeln, Gewinden,

an Ketten, Drähten, Tauen, Trossen?

Hier diese Panzerfregatte, sie wird verrosten, verwittern,

dort der zementne Leuchtturm zerbersten und zersplittern,

rascher dann, als er hochgeschossen.

Was hemmt die abgehärteten Lohnsklavenschaaren,

die ihren Blutschweiß täglich zu Markte fahren,

endlich zu meutern gegen die Zwingherrngilde?

Ists, weil sie schärfer als andre Narren gewahren,

daß Wahn uns alle bannt? — Ihr Herrn, seid milde! —

VI

Gern sieht das Volk Machthaber über sich:

herrliche Männer, liebliche Frauen.

Ein Labsal bleibts dem Kärrner im Alltagsgrauen,

ein lichtes Vorbild anzuschauen,

sei’s königlich, sei’s bürgerlich.

Die plumpesten Burschen, begrüßt sie eine Yacht,

in der ein müßiges Mädchen wie eine Blume lacht,

sie grüßen lachend wieder, Mann für Mann;

sie fragen nicht, was solche Blumen nützen,

sie schwenken ihre schweißgetränkten Mützen,

sie freuen, freuen sich daran.

Oder am Abend, wenn sie verrußt, verstaubt

heimgehn vom Landungsplatz, wo rolandshoch

des Staatsmanns Standbild sein felskahl Kuppelhaupt

dem Strom zukehrt: jawohl, sie schaun dran hoch,

als ob sein Schatten ihnen den Frieden raubt,

ehrlich anknirschend gegen sein Kriegsrüstungsjoch,

aber stolz auf ihn, stolz sind sie doch.

VII

Und keiner blickt mehr nach den Kirchturmspitzen,

die grünspanschimmrig hinter dem Mastenwald

vom Sonnenuntergang bestrahlt

über den rauchgeschwärzten Dächern sitzen,

und unter denen im Altarkerzenschein

menschenklein

der Gottessohn die Finger am Marterkreuz krallt.

Und wenn noch mancher, den Not und Kummer kränkt,

Ihm und der Mutter aller Schmerzen

ein paar Minuten echter Andacht schenkt,

so tut ers nur, indem er denkt,

daß er mit seinem abgehetzten Herzen

zeitlebens selber am Kreuzpfahl hängt.

Die Besten aber beklagen nicht ihr Los,

sie träumen auch kein künftiges Glücksland her;

sie wissen, Kraft ist Lust, die aufschluchzt vor Begehr,

opfergroß

sich hinzugeben, wie der Strom dem Meer.

VIII

Denn über allen Wassern, die hier stranden,

heller als alle Träume und Gesichte,

die durch erhitzte Hirne im Glühdrahtlichte

der schaukelnden Kajüten branden,

glänzt eine Träne aus der Weltgeschichte.

Die weinte Bismarck, als er, schon ein Greis,

das größte Überseeschiff aus jenem Zeitwendkreis

auf seinen Namen taufen sollte.

Er hatte noch kein solches Schiff gesehn,

nun sah er dies Gewaltwerk menschlicher Mühsal stehn,

sah, wie’s auf seinen Wink ins schäumende Flutgrab rollte.

Und sah im Geist sein Deutschland hinaus aufs Weltmeer rollen,

sah Menschen, Helden, Sklaven, sturmschwalbenschaarendicht,

hoch, niedrig, arm und reich, gleich sterblich, Schicht auf Schicht,

wieder und wieder ihre hoffnungsvollen

glückleeren Hände ruhlos nach neuem Schicksal strecken,

und alldas sollte nun sein Name decken —

da rann die Träne über sein Gesicht.

IX

Es wird noch manche Opferträne rinnen,

die leuchtender von Seele zu Seele brennt

als der erlauchteste Stern am Firmament;

doch immer wieder, wenn Sturm ein Wrack berennt,

wird Kapitän wie Trimmer erschüttert sinnen,

warum sie durch den quälenden Aufruhr treiben,

warum sie nicht im stillen Hafen bleiben.

Denn manchmal ist er still. Wenn mitternächtig

kein Hochbahnzug mehr über die Brücken fährt,

wenn sich, vom dunkeln Wasser kühl verklärt,

das Bordlaternenheer sternbilderprächtig

im Abgrund spiegelt, Funken tief bei Funken,

dann scheint das Himmelreich herabgesunken.

Dann winkt dir aus der todesstillen Flut

der Feiertag, seit jeher prophezeit:

da sinkt der Menschensohn vom Kreuz, da ruht

auf dem erstorbnen Erdball weit und breit

der Hauch der ewigen Seligkeit.

Drei Blicke

Die Wolken rauchten immer dunkelroter,

der Abendhimmel stand in Höllenfarben,

und wenn die fernen Blitze lautlos zuckten,

dann zuckte auch die lange Vorstadtstraße,

durch die mein Herz der sinkenden Sonne zuzog,

mit allen Fenstern hocherglühend mit,

und jede Scheibe starrte dann noch toter.

Und plötzlich schlug aus einem Trödelladen

der Heiland seine Augen zu mir auf;

er lag gekreuzigt mit ergebnem Blick

in einem alten Rahmen zum Verkauf.

Und neben ihm zwei neue Kinderpuppen;

die lächelten so fühllos himmelauf,

daß angesichts der drohenden Wolkenschwaden

mein Herz erschrak vor diesem bunten Laden.

Da zuckte wieder, und noch glasig trüber,

durch den gebrochenen Heilandsblick die Röte,

und an den Puppenaugen grell vorüber

beleuchtete der Blitz im Hintergrunde

ein Steingesicht mit stolzem Blick und Munde:

Goethe

O habe Dank, du Ewiger, jede Stunde:

du hast uns Hoheit über Tod und Leben

mit deiner selbstbewußten Stirn gegeben!

Ein Heine-Denkmal

Standrede eines träumenden Herrschers

Ich danke dir, Bildhauer, daß du dich

für deinen Fürsten noch bemühn willst; bitte,

nimm Platz! — Du weißt, ich bin der Krone müde,

zu Neujahr geb ich sie dem Volk zurück;

es mag versuchen, selbst sich zu beherrschen,

mir ist es teils zu reif und teils zu schlecht.

Mein Hingang aber soll mein Volk und mich

noch einmal in beglückter Ehrfurcht einen

und unsern Enkeln eine Ehrfurcht bleiben

durch ein Geschenk fürstlicher Menschenliebe;

dazu entbot ich dich.

Ich weiß, dich drängt dein großes Lebenswerk:

„der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“ —

ich danke dir, daß Mein Gesuch dir vorgeht.

So höre, was ich ausgesonnen habe,

du bist der Einzige, der es schaffen kann:

ein Denkmal für Herrn Heinrich Heine.

Erlaube, daß ich uns das Fenster öffne;

der Märzgeruch der Großstadt tut mir wohl.

Dort auf dem Platze vor der Kathedrale

möcht ich das Denkmal aufgerichtet sehn,

mitten im Kranz der Linden.

Da soll er sitzen, wie er innerst war,

der kranke Jude und der große Künstler,

der unsre Muttersprache mächtiger sprach

als alle deutschen Müllers oder Schulzens.

Verziere reich mit Gold den Krankenstuhl,

bunt soll das Denkmal sein, ein Schmaus den Sinnen!

Fußdecke, Rock, Symbole, alles Beiwerk

soll sich in dunklen Tönen unterhalten,

von ungewissen Lichtern überlacht;

aus dem gedämpften Rot und Grün der Broncen,

aus Porphyr, Syenit, Basalt und Lava

soll marmorklar nur sein Gesicht herleuchten

und seine blassen Dichterhände.

Und rück ihn nicht zu hoch vom Boden weg,

nicht in die Luft, damit ihm Volk und Erde

nah bleiben, wie es großen Künstlern lieb ist.

Nur eine einzige Stufe von Granit,

in mächtigem Geviert, gib ihm als Sockel,

daß man sein Lächeln deutlich sehen kann,

dies müde Lächeln des getauften Juden,

mit dem er sich nach neuer Liebe sehnt,

dies bittre Lächeln, das zu sagen scheint:

O Moses, du gefällst mir nicht,

du bist mir überflüssig,

und dein vergrämtes Angesicht

ist längst mir überdrüssig.

Zu seinen Füßen aber laß — nein, so:

in seine Linke gib ihm einen Stock

und eine himmelblaue Schellenkappe!

Und links zu Füßen des getauften Juden,

den Stock beschnüffelnd und beblinzelnd, hockt

— ich schlage vor: aus rheinischem Eisenquarz —

ein fettes Schwein, das echte deutsche Hausschwein.

Mach mir dies Schwein ja wahrhaft wahr und schön,

wie’s dieser große Künstler wert ist; und

vergiß mir auch die Borsten nicht!

Doch rechts zu Füßen dieses großen Künstlers

laß einen flügelstolzen Greifen liegen,

mager, die Geiernase möglichst krumm,

den edeln Pantherleib zum Sprung gereckt.

Ich sehe, wie des Dichters blasse Rechte

liebkosend nach dem stählern hochgeschwungnen,

dem nordseegrauen Flügelpaar hintastet.

Ich sehe seinen meerblau stillen Blick,

die dunkeln Amethysten der Pupillen,

in sich gekehrt, heimkehrend aus der Ferne;

er träumt ein Lied.

Über die finstern Furchen der Nordsee,

über die fliehenden Schäume her,

sieht er ihn kommen,

seinen Ahnherrn Ahasver:

er sucht den Messias.

Der Wind jagt seinen Bart,

morgendlich funkelt ein Strand;

seit Jahrtausenden so, der arme Alte,

sucht er den Tod.

Plötzlich sprühn ihm alle Wellen Licht:

fern am Strand steht Einer, der reckt sich,

jünglingskeck, und blickt und lacht,

lacht in die Sonne:

der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwacht.

Und Ahasver schreit auf,

daß sein Schrei die Möwen vor ihm herschreckt

über das leuchtend spritzende Wasser,

und ans Land stürzt er und bricht zusammen,

und Jahrtausende schluchzen

dem erstaunten Michel ins dumme Herz:

Mein Heiland Du,

mein heimlich erstandener

Herr Israels!

Hinten aber auf den Dünen sitzt

mit verwunderten Mienen,

den Sonnenaufgang nach der Uhr erwartend,

das versammelte deutsche Publikum,

Christen-und-Judenpöbel,

und jemand sagt:

Ja, Herr Geheimrat von Schultze,

davon ahnten wir nichts! —

So bilde mir, mein Freund, den Blick des Dichters.

Laß, Meister, des Hellenen freie Kraft,

laß auch des alten Inders freie Inbrunst,

laß des Germanen freie Leidenschaft

als sieche Sehnsucht drin entdeckbar sein,

siech durch die lange Knechtschaft Israels.

Und hinter seinen goldnen Krankenstuhl

stell auf die rechte Seite einen Greis,

ärmlich, ins Knie gesunken, arbeitskrüpplig,

der einem Enkel eine Krone aufsetzt

und seine marmorn blühende Nacktheit segnet;

nimm Meine Krone als Modell!

Links aber hinter seinen Krankenstuhl,

das Schwein des Vordergrundes überragend,

setz auf die Sockelstufe eine Jungfrau,

im Myrtenkranz, im Silberschleier, bräutlich,

so bräutlich, wie es nur der Deutsche träumt;

die soll nachsichtig einem Affen wehren,

der grinsend, mit unzüchtiger Geberde,

dem Dichter in den Rücken glotzt.

Mach mir den Affen ja schön wahr und schön,

wie’s dieses großen Künstlers würdig ist!

dann gib ihm braune Augen, wie dem Greise.

Dem Knaben aber und der Jungfrau blaue,

wie sie der große Künstler selber hatte,

doch so von Dir, Bildhauer, deutsch verklärt,

daß ich den kranken Dichter stammeln höre:

O Venus, alte Frau Sünderin,

verneige dich der Reinen!

o könnt ich noch mit Kindersinn

zu ihren Füßen weinen! —

So, Freund und Herr, möcht ich das Denkmal haben.

So, Meister, bis ins Kleinste lebensgroß

das Einzelne; das Ganze aber so,

daß uns der Schauder ängstigt und beglückt

vor unsrer menschlichen Tiergöttlichkeit.

Dann um das alles, wie um einen Friedhof,

zieh mir ein schmiedeeisern Gitterwerk

von hohen Lilien, deren Blütenköpfe

ein Dornenkranzgewinde eint.

Und eile dich mit deiner Arbeit, Freund!

schon weil dein großes Lebenswerk dich drängt

„der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“;

sonst schilt mich noch das deutsche Publikum.

Nimm dir Gehilfen nach Belieben! Horch,

der Märzsturm braust vom Turm der Kathedrale;

wenn der Dezemberreif die Linden schmückt,

möcht ich das Werk vollendet sehn, ich will’s

dem deutschen Volk zu Weihnachten bescheren.

Leb wohl, mein Künstler! —

Landstreichers Lobgesang

Jetzt bin ich endlich mit der Welt allein;

sing, Seele, sing dich von der Menschheit rein!

Sie klagt in einem fort, still oder schrill,

daß keine Seele sein kann, was sie will;

das ist gemein.

Ich will heut Nacht kein Bett noch Essen haben!

ich will mich am Geruch des Frühlings laben!

Die Knospen platzen all vor Trunkenheit;

ihr in der Stadt, ihr platzt vor Futterneid.

Das tat mir leid.

Ich ging von Haus zu Haus: Sing, Seele, sing:

erbarm dich, Mensch, und sei kein Kümmerling!

Geh in den Wald, da lacht der Sternenschein:

sing, freie Seele, sing! was kannst du sein?

Herrin des Frühlings!

Du kannst dir jeden Ast zum Szepter nehmen;

der Tau beträufelt dich mit Diademen.

Du trägst ein Schleppkleid von Milliarden Blüten;

das brauchst du nicht vor Mottenfraß zu hüten,

sie welken bald.

Sie welken, Seele, um dich zu erfreuen:

du darfst dein Reich in alle Lüfte streuen!

Wenn dir das nicht gefällt, dann komm, schlag drein!

sing, Seele, sing! was kannst du sonst noch sein?

Magd des Sommers!

Da darfst du Tag für Tag die Hippe zücken,

siehst Schwad an Schwad vor dir zusammenknicken,

stellst Korn in Garben, oder läßt es liegen,

damit die Spatzen was zu fressen kriegen;

freut dich das nicht?

Nachts hörst du dann die jungen Mäuse pfeifen;

fühlst, Schatz, wohl auch was unterm Schnürleib reifen?

Wenn nicht, so geh und hör die Hengste schrein!

sing, Seele, sing! du kannst auch männlich sein!

sei Knecht des Herbstes!

Geh in den Weinberg, pflück die vollen Trauben;

kannst auch Kartoffeln aus dem Acker klauben.

Kartoffeln geben Schnaps für arme Luder;

Wein ist für Kenner, und die besten Fuder

schluckt die Nachwelt.

Dann gleichst du selbst den ausgepreßten Träbern

und nährst die Nasenwurzeln auf den Gräbern.

Wird dir das lästig, so zerspreng den Stein!

sing, Seele, sing! du kannst noch freier sein!

Herrgott des Winters!

Herrgott, wie stärkst du da die schwachen Kräfte:

da spannst und spornst du die erstarrten Säfte,

bis dir die eisige Haut vom Körper birst,

worauf du wieder Frühlingsgöttin wirst,

du freie Seele!

So zog ich durch die Stadt und sang euch an,

bei Tag und Nacht, ihr Menschen, Weib wie Mann.

Bei Nacht, da brannte immer künstlich Licht,

doch auch bei Tag verstandet ihr mich nicht;

euch rief die Pflicht.

Mich ruft die Kraft; ich nahm den Stock und ging.

O Menschheit, dich beschämt ein Schmetterling!

Hier schwirrt er vor dir her im Sternenschein,

erhabner Untertan der Welt allein;

sing, Seele, sing! —

Hohes Lied

Fern dem Menschenschmerz,

zwischen Eis und Stein:

reines Herz, nun lausche,

du bist nicht allein!

Horch, die Gletscher-Adern rauschen,

Quellen singen — und ein Geist stimmt ein:

Meine Kinder werden einst

auf dem Regenbogen spielen.

Folgt dem Vater denn, ihr vielen,

bis ihr oben über den schwülen

Schluchten der Berge, durch die er muß,

schimmern dürft!

In die Niederungen

führ ich euch gezwungen,

der ich mit dem Erdreich ringen muß.

Seht, da giebt es Herzen,

die das Reinste schwärzen;

Gift und Geifer tropft in meinen Fluß.

Aber weiter, weiter,

Kinder, auf vom Grund!

Seht, mein Herzschlag läutert

jeden Tropfen — und

alle, alle werden einst

oben auf dem Regenbogen spielen!

Ruf an die Kühnsten

Du junger Bergsteiger,

der in den Sturm deine Arme streckst,

dir Fichtenwipfel als Flügel nehmen,

Wolken und Sterne herabfegen möchtest

und sie mit Schweiß und Blut,

Deinem Schweiß und Blut,

in eine neue Welt umkneten,

wie auch ich einst, auch ich:

lern Kraft sammeln!

Ruhig am Meerufer sitz ich jetzt,

seh dich auf halber Höhe keuchen,

höre den Seegang aus drangvoller Weite

unablässig heranrollen

und rufe dir zu:

Keine menschliche Maßlosigkeit

faßt den unermeßlichen Weltplan.

Oft stand ich auf schwindelnder Gletscherkante,

nur geklammert an meinen Eispickstock,

ohne Führerseil,

über Wolkenmeeren,

über den Berghäuptern allen rings,

selbst den Morgenstern mir zu Füßen,

selbst die Sonne,

und —

mußte dennoch mein Haupt senken,

mußte hinab wieder steigen

unter die Sonne,

unter die Wolken,

zwischen die Schatten der kleinsten Klippen.

Denn kein Weltschöpfer ist der Mensch,

nur der Erdgeschöpfe gewaltsamstes.

Nicht ein Sternchen vermagst du

aus seiner Achse zu reißen,

nur in deinem Fernrohr kannst du es drehen.

Einen Turm kannst du bauen auf jeder Höhe,

wo du Werkleute hinzuführen vermagst;

kannst ein Schiff steuern in jede Weite,

ein Flugschiff sogar, das Helden mitträgt,

soweit du dich samt deinem Werkzeug

in den windigen Bann der Erdschwere fügst.

Das kann Menschengewalt, du junger Steiger,

du Flieger, ihr jungen Vorstürmer alle:

Tatkräfte sammeln!

Vogel Greif

Mein Flieger, mein kühner, wo gehts heut hin?

„Hoch über die Wolken, schöne Gönnerin;

höher als höchste Alpenspitzen

soll mein Fahrzeug durchs Weltblau blitzen.“

Vogel Greif heißt dein Fahrzeug? „Vogel Greif;

heut soll er den Sieg mir greifen.“

Du kühner, du stolzer, dann nimm mich mit!

Und sie sprang in den Sitz mit straffem Schritt.

Nur an ihrer Brust das Blumensträußchen

zitterte wie ein gefangnes Mäuschen,

als sie sich lachend den Wetterpelz

um die schlanken Hüften legte.

„Du kühne, du schöne, wirf weg den Strauß!

leicht fliegt ein Blumenblättchen heraus;

ein einziges Blättchen ins Flugwerk verschlagen

kostet uns beiden Kopf und Kragen.“

Und während der Vogel Greif knatternd stieg,

kobolzte der Strauß in ein Kornfeld.

Viertausend Meter stieg er und mehr,

eisig kreiste das Weltblau um sie her;

aus stürzenden Wolken in sausendem Bogen

stiegen sie lachend, lachend, und flogen,

bis die Erde ein fernes Fabelland war,

Vogel Greif — da stockte das Flugwerk.

Da stockte das Lachen; nur’s Steuer noch klang,

schrill das Steuer im Gleitflug-Sturmgesang.

Durch sausende Wolken in stürzendem Bogen

glitten sie keuchend, keuchend, und flogen,

bis die Erde schon fast wieder Erde war:

Vogel, greif! Da knackte das Steuer.

Wie vor zwanzig Minuten der Blumenstrauß

kobolzten sie aus dem Wrack hinaus,

hinaus, umklammert in wirbelndem Kreise

mit fliegenden Haaren zur letzten Reise;

du kühner! du kühne! klangs geisterleise

auf ins eisige Weltblau.

Und als man sie fand, er atmete noch,

im Todesfiebertraum sah er hoch,

hoch über die Wolken und hauchte: siegen —

morgen werden wir höher fliegen —

morgen —

höher — —

Die Musik des Mont Blanc

(Den Bergfreunden Charles Simon, René Koenig, Paul Montandon zur Erinnerung)

Leitwort

Ob wir reden, ob wir schweigen,

aus den Tiefen klingt ein Raunen:

Laßt uns auf die Höhen steigen

und in alle Welten staunen!

Erster Satz

Wenn du hoch im Flugschiff bei funkelnder Winternacht

überm Schneefeld der Großstadtdächer hintreibst,

untergetaucht ist alles unreine Stückwerk,

in dem ruhevollen Lichtnetz der Straßenschluchten

sind die Türme und Kuppeln nur flüchtige Knotenpunkte

dir und deinen Gefährten zur Richtung,

von eurer Brustwehr sinnt ihr mit Göttergefühlen

auf die eingemauerte Menschheit hinab,

das verkrochene Arbeitsgewürm,

das sich müde plagte für eure Lustfahrt:

wenn dann dennoch ein Anflug eisigen Schauders

aus dem Hetzwutgeräusch der Treibschraubenflügel

deinen Blick emporschnellt zwischen die stillen Sterne,

weht ein Ton immer höheren Raumes dich an,

und von Worten durchstürmt, die Gipfel und Abgründe bergen,

ahnst du die Musik des Mont Blanc.

Fliehst wohl gern die Stadt auch bei glühendem Sommertag,

auch du arbeitsmüde, steigst aus dem Eilzug,

schleppst deinen Dunst durch den Landstraßenstaub,

findest ein dürftiges schattengrünes Fleckchen,

wirfst dich matte Raupe ins Gras,

schmachtest ins Blau nach einer Gewitterwolke,

bis dir ein Schmetterling durch deine Schwermut taumelt,

bis eine Schwalbe dich dem Taumel entreißt,

bis du als Adler aus himmelgewiegter Weite

auf dich herabträumst — Da, o Erweckung:

traf dich ein Anhauch immer leichterer Luft?

schwebte ein Laut immer weiteren Raumes dir vor?

da verwünschst du deine Versunkenheit,

sehnst dich nach der Musik des Mont Blanc.

Was will Sehnsucht? sich verlieren in Fernen!

Was will Ahnung? sich der Tiefe entheben!

Steig hinan, wo in eines Tages Spanne

Sommer-und-Winterbrand deine Inbrunst entflammen,

wo du vor herzhinreißender Mühsal

am Seil der Gefährten dir selbst zum Spiel wirst!

Und ob ihr im ewigen Schnee an blendender Wand hängt,

durststumm, schweißblind, mit schwarzen Brillen,

ob im Finstern um eure zusammengeschanzten

froststarren Körperklumpen der Sturm heult,

horch, ein Klang fernsten Raumes fliegt dir zu:

nun beginnt die Musik des Mont Blanc.

Zweiter Satz

Auf dem Nacken des Riesen schreitest du;

seit Jahrtausenden hockt er im weißen Mantel.

Mit den vergletscherten Armen umschlingt er

die unzähligen schweren steilzackigen Kronen,

die er aufs Haupt sich stülpen wollte.

Höher konnt er sie nicht mehr heben;

nun hält er sie starr umklammert und lauscht

durch die wetterwilden Jahrtausende hin,

lauscht den Geistern der unerreichten Bezirke,

wie sie posaunend und harfend und pfeifend

und manchmal singend seine geliebten Kronen

ihm wegwinden möchten. Und staunend spürst du

mit hohlem Schritt, wie er heimlich knirscht,

bis in dein Herz, der gebannte Riese.

Aber das Staunen ist nur Vorspiel.

Tritt auf seinen Scheitel! der trotzt dem Bann.

Sieh, unsre Spuren verwehen schon.

Leise lechzt sein Atem herauf aus dem Eisschlund,

wo wir uns Stufen hackten im Nebel

ans grelle Licht her. Die dünne Luft schwirrt.

Dein Herz will fliegen und kann nicht. Graust dir?

Hier, wo kein Adler mehr kreist, hier wagten

Menschen ein Sternwartchen herzurichten.

Leise saugt’s der Gletscher in seinen Schlund;

kaum noch ein Balken stiert aus dem Grabloch.

Und mit lächerlich offnem Mund gewahrst du,

daß auf dem Kampfplatz um die Erhabenheit

auch das Grausen nur Vorspiel ist.

An dein Herz hallt ein Dröhnen. Lachte der Riese?

O, er jauchzt! Von seinem Panzermantel

prallt ein Wetterstoß ab. Mit orgelndem Echo

jauchzt er dem Blitz nach. Aus seinem Triumphblick,

hell über Wolken und Schluchten, Stromland und See hin,

bäumt sich ein Regenbogenpaar.

Und mitjauchzend denkst du der Menschlein wieder,

die unten beben, indeß hier oben

unser entzückter Herzruf schallt,

schallt, verhallt — ohne Echo — still, Freunde:

auch das Entzücken ist Vorspiel nur.

Dritter Satz

Ruhe aus, wilde Seele: Frieden herrscht

auf gewaltigen Bergen im Mittagsglanz.

Schmiegsam wie du wird der harte Schnee;

es glüht ein Feuer im kalten Wind,

dein trunknes Blut klingt hinan zur Sonne.

Sternhell schwillt der Erdball mit dir ins Licht,

dunkel rührt sich der Raum, er schwebt, er schwebt,

ins Glockenblaue: nun fliegt dein Herz:

ins Reine, ins Reine —

du vernimmst die Melodie des Mont Blanc.

Du träumst nicht, du wachst nicht, du bist nur da;

ein Schimmer bist du im Brennpunkt der Welt.

Da rauscht eine Stimme, Myriaden Stimmen:

Wo seid ihr, Gefährten? Nicht jenseits, nicht diesseits,

wir schimmern auf rauschendem Gipfel wie du.

Du ruhst nicht einsam; du siehst, es ragen

Myriaden Gipfel in gleicher Ruhe,

ins Klare, ins Klare —

du begreifst die Harmonie des Mont Blanc.

Du richtest dich auf; wir richten uns auf.

Du lächelst und schweigst; wir lächeln und schweigen.

Es schweigt der leichenstarre Firn.

Und wenn wir auf seiner zerfurchten Bahn uns

von Abhang zu Abhang im Abendglanz

heimsausen lassen, dann mögen die Berge

einstürzen, du fliegst und fühlst wie wir:

wohin wir auch fliegen, wir fliegen, fliegen,

ins Freie, ins Freie —

dich ergreift der Rhythmus des Mont Blanc.

Vierter Satz

Halt! was trommelt uns nach? wer tanzt da oben?

stürzen Murmeltiere vom Himmel ab?

Achtung, Steinfall! Und Rucksack übern Kopf,

in die Schneewand gebohrt mit Füßen und Fäusten,

hören wir’s hüpfen mit Sammetpfoten,

mit Klumpsohlen hopsen, galopp: rechts, links

purzeln die Tode an uns vorbei

und liegen unten. Und ein Stück Kohle,

wer weiß von welchem sturmverschleppten Scheit Brennholz,

trollt hinterdrein und trällert und summt:

das ist nur ein scherzhaftes Zwischenspiel.

Wißt ihr noch? kennt ihr die Stelle wieder?

dort vorm Jahr: die Eisbrücke unter mir.

Ich stand, sah zurück: durchs Gewirr der Spalten

stieg Jemand uns nach, uns immerfort nach,

mit verhülltem Gesicht, dunkeln Augenlöchern,

mit vielen Leuten am Seil: wer ist es?

was will der fremde vermummte Führer,

wo Jeder Führer ist und Geführter,

was tappt er blos nach? Ich hebe den Pickstock

und warne, da kracht’s, noch erraff ich im Sprung

den Rand — damals scholl mirs wie Abgrundgelächter

durchs innerste Mark, jetzt lacht die Erinnrung:

Es war nur ein spaßhaftes Zwischenspiel.

Es werden noch viele Brücken zerkrachen;

er braucht’s, der Bauherr des weißen Friedhofs,

das Riesenkronen-Bröckelwerk.

Rings aus Trümmern die Türme, verjährte Lawinen

zu smaragdenen Labyrinthen gefroren,

die nächste Laue zerschellt sie wieder,

hohl verrollt ihr Paukenwirbel: gebt Raum!

Raum, ihr lockern Gesellen! auch ihr da, Granitpack,

du Großer Gendarm mit dem wackligen Helm,

ihr Englischen Fräuleins: noch besteigen

nur Waghälse eure glatten Hüften,

einst liegt ihr alle zerbröckelt im Bett,

der nächste Neuschnee verdeckt den Schutt,

und Brocken auf Brocken wird wieder Brücke,

wird alles ein lachhaftes Zwischenspiel.

Fünfter Satz

Wohl weint’s im Dunkeln, horch, Tropfen zu Tropfen,

Milliarden Tropfen, die sich lautlos

unter der aufgepreßten Last

zusammenschlichen: o horch, nun auf einmal

aus stahlblau dämmerndem Gletschertor

durch den Schutt der Moräne, da sprudeln sie

als milchheller Quell. Nun schöpfst du und trinkst

von dem jubelnden Wasser, und schaust zurück,

immer wieder zurück zu dem sternegekrönten Scheitel,

wo kein Bleiben ist für dein staubhaftes Leben,

und glaubst ihn immer noch rauschen zu hören,

so entrückt dich die Musik des Mont Blanc.

Dann zeigt sich ein Fleckchen, da sprießt wieder Gras.

Dann erscheint eine Hütte, da stürzt Quell in Quell.

Dann bäumt sich der Gießbach und springt dir voran

durch blühende Wiesen ins nächtige Waldtal.

Da hörst du im Schlaf rings die Haustierheerden

geisterhaft läuten; und andern Tags

bist du vielleicht schon fern, siehst die Bäche

zum See gesammelt, der Schiffe trägt,

klirrst mit schweren Schuhn durch die große Stadt,

hörst den Menschenlärm brausen, hörst ihn nicht,

hörst noch immer um deine hämmernden Schläfen

mit unendlichen Flügeln von Schneefeld zu Schneefeld

das Schweigen der Jahrtausende geistern,

so verfolgt dich die Musik des Mont Blanc.

Dann willst du wie sonst mit ergebenem Schritt

an dein Tagwerk gehn, dein vergängliches Werk.

Gehst wie sonst deinen Weg, gehst über die Brücke,

wo du tausendmal wie Tausende gingst,

blickst wie sonst hinab mit gesenkter Stirn,

da wölbt sich ihr Bild, da spiegelt’s dich mit,

spiegelt Tausende mit, da bäumt sich dein Herz,

nicht wie sonst, nicht wie sonst: wie der Gießbach bäumt sich’s

und kommt von der Höhe und will ins Weite

und fühlt, wie Welle in Welle tief

sich bindet, sich drängt, vieltausendwerkig

voll Ahnung, voll Sehnsucht — Das bleibt! das bleibt!

das wird rauschender Strom und verrauscht ins Meer,

in Stürme, in Wolken, ins Luftmeer, Lichtmeer,

von Raum zu Räumen, ins Freie, ins Freie —

so verschwebt, o Welt, die Musik des Mont Blanc.

Gebet im Flugschiff

Schöpfer Geist, unbegreiflicher,

der du Wesen ersinnst, die Gestalt annehmen,

grausig gütiger du,

denn jedes lebt vom Tod vieler andern,

Götter wie Menschen,

Tiere, Pflanzen,

Kristalle, Gase, Ätherdämonen,

kann jedes übergehn in jedes,

ins Meer, ins Luftmeer, in fernste Gestirne,

bauen einander, zerstören einander,

begehren auf wider sich und dich,

lassen sich Krallen wachsen vor Gier,

Flügel,

und selbst Maschinen, die Vögeln gleichen,

ächzen aus ihren Nöten zu dir

um das letzte Quentchen Vollendung:

Jetzt: hier schweb’ich in deinem Licht,

wie ein Wasserstäubchen im Regenbogen

mitdurchhaucht von all deinen Farben,

ohne Bitte,

nur voller Dank

deines beseelenden Odems teilhaftig,

deiner Inbrunst,

die sich staunend in Menschenmund nennt:

Phantasie! —