Zweite Folge
*
Jesus und Psyche
Phantasie bei Klinger
Der Raum ist groß wie ein Bankettsaal,
ist ganz voll Licht.
Da zeichnet er, da meißelt er, da malt er.
Du fühlst, er braucht so großen Raum:
Klinger.
Und wenn das Glück dich wie ein Schreck befällt,
daß du kein Wort weißt, das von Herzen kommt,
so stand ich.
Allein. Doch neben mir saß Zeus,
ein neuer Zeus, von Antlitz und Gestalt
Beethoven gleich; und in den Abgrund
der Welt und Menschheit starrt sein Schöpferblick
herab vom Thron der Sünde und Erlösung,
daß sich der Adler ihm zu Füßen sträubt,
erwartungsvoll.
Still! atme kaum! Dort drüben schimmert noch
im Abendschein der alte Göttergarten.
Der Gipfel des Olympos flammt von Farben;
buntsäulig ruht im Glanz der fernen Luft
ein Tempelhaus. Es ruht zerfallen; aber
die Pinien und die Lorbeern und die Palmen
drängen sich immergrün wie einst zu Tal,
am Strand des blauen Meeres glühn und duften
des Südens große wilde Blumenbüsche,
die Götter alle sind versammelt, und —
unter sie tritt Jesus.
Sie sahn ihn kommen; immer größer kam er,
der hagre Mann, den Blick zu Boden, langsam,
als ob sein Fuß den Wiesenrasen schonte,
im gelben Seidenkleid, das goldgestickt
wie eines priesterlichen Königs Kleid schien
und Spuren wie von Blut zeigt — warum kommt er
nicht nackt zu ihnen, wie sie selber sind?!
Und streng verhüllt gleich ihm, tragen drei Frauen
ein schweres schwarzes Kreuz ihm nach.
Jetzt senken sie’s, ihr schwesterlicher Schritt
stockt: Jesus sieht die Götter an.
Weh uns! Der wilde Amor weicht empört,
entsetzt zurück vor diesen Augen: Psyche,
weh, Psyche, flieh! Doch seine Psyche fällt
mit seligem Schrei dem Eindringling entgegen,
weh, kniet vor ihm — Psyche, der Götterliebling,
vor Ihm! — umklammert ihm die Rechte, küßt sie,
küßt diese grauenhaft blutstriemige Narbe
der magern Hand, stammelnd und schluchzend: Mein,
mein Herr und Heiland!
Verwundert lauscht mit zuckenden Flügelchen
der aufgescheuchte Schwarm der Amoretten
aus einer Uferpalme. Hermes hat
sich abgewandt und neigt den weißen Stab.
Nymphen und Satyrn wälzen sich im Gras,
daß jene Frauen fraulich-tief erröten,
indessen abseits die Olympierinnen
kaum wissen, was geschieht, so stehn sie da:
Juno in hoher Selbstzufriedenheit,
Athene, selbstbewußt in sich versunken,
und Venus, in sich selbst verliebt,
Jede im Wohlgefühle ihrer Nacktheit,
schamlos und lieblos, herrlich.
Die Sonne taucht ins Meer, die Götter schweigen.
Und Jesus, Psyche überschattend, heftet
den Blick auf Zeus. Der sitzt, zu Tode stumm,
auf seiner Marmorbank. Die greisen Glieder
versagen ihm den Zorn. Die alten Augen
erstarren vor der Nacht im Auge Jenes.
Er hört nicht, wie der Knabe Ganymed
sich an ihn schmiegt und ängstlich flüstert: Vater,
was will der fremde Zaubrer hier? — Zeus stirbt.
Und hinter ihm, indeß er umsinkt, schleppt
Elemosyne, die mitleidige
Verachtetste der Göttinnen, mühselig
den kranken Mars her und will auch zu Jesus,
so sehr der Kriegsgott sich im Fieber wehrt.
Und wieder hör ich Psyches Inbrunst stammeln:
mein Herr und Heiland!
und fühle ihren keuschen Schmerz, und fühle
ihr nacktes Warten, wie sie kniet und weint
und aufstehn möchte; und es wundert mich,
daß man das Gras nicht sieht durch ihren Körper,
so fast verzehrt von langer Sehnsucht ist er,
so abgehärmt die blassen jungen Brüste —
sah das der tote Göttervater nicht?!
Sie zittert. Psyche! Weib, wer bist du? Sprich!
Ich horche auf: aus einer Rosenhecke
antwortet mir Gelächter, übermütig
tritt auf den Plan Bakchos-Dionysos,
Blüten im Haar, sein Pantherfell in Fetzen,
hoch in der Hand den hellen Tafelkelch
voll dunklen Weines, drin der Widerschein
des letzten Sonnenfunkens blutrot schwankt,
und nickt mir zu und hält ihn mir entgegen:
trink, Jesus, trink!
Und langsam streckt sich meine Linke vor
und will ihm wehren. Aber Psyche küßt
noch brennender die Narbe meiner Rechten.
Und langsam muß sich meine Linke wenden,
und nickend nehm ich meinem Bruder Bachus
nun ab den Kelch und setz ihn an die Lippen,
und ziehe meine Psyche an mir hoch,
und setze nun den Kelch an ihre Lippen:
trinke, das ist mein Blut! — Und Psyche trinkt.
O! wie sich ihre bleiche Stirne rötet,
sich ihre Brüste mir entgegenheben!
doch weinend reicht sie mir zurück den Kelch.
Da pack ich ihre Hand und schüttle sie:
hoch fliegt das leere Glas: in blitzendem Bogen
zerklirrt’s zu Scherben an der Marmorbank
des toten Zeus.
Ich aber ziehe meine Psyche an mich
und schlage meinen Königsmantel um sie
und spreche: weine nicht, mein Liebling, komm!
So steig’ich mit ihr auf den Sitz des Zeus
und lege meine Dornenkrone ab:
heut feiert Jesus seine Hochzeitsnacht!
Auf, Bruder Bachus, schwinge deinen Thyrsos!
Ihr Fraun, legt hin das Kreuz! Olympierinnen,
nehmt eure blassen Schwestern bei der Hand:
du, Juno, die im blau verblichnen Kleid,
die mit dem Glaubensblick! Athene, du
verbindest dich der Grünverschleierten,
die so voll Hoffnung blickt! und du, Frau Venus,
fasse den Purpur jener Blassesten,
jungfräulich Blickenden, sie heißt „Die Liebe“ —
dann jauchzt: der Bräutigam ist da!
Auf, ihr Unsterblichen, zum Hochzeitsreigen!
Elemosyne soll mit Amor tanzen!
seht, wie das dunkle Meer von Sternen hüpft!
Mars, stehe auf und wandle, und sei mein! —
Und lasset auch die Kindlein zu mir kommen:
geh, Ganymed! heißa! die Amoretten
warten auf dich! tanzt euern Ringelreihn!
Du aber, Hermes, nimm den toten Zeus
und trag ihn sanft hinüber vor den Thron
des neuen Zeus, der hier errichtet steht,
und neige deinen weißen Stab vor Diesem
und bitte ihn:
Spiel uns, du Göttlicher, dein Hohes Lied,
das hohe Lied der Sünde und Erlösung,
das hohe Freudenlied der Welt und Menschheit,
das hohe Lied der Neunten Symphonie!
Dann wird sein Adler rauschend sich erheben,
still spannt er über uns die Fittiche
und lauscht herab auf uns, wie wir erschauern,
Du, meine Psyche, und dein Jesus, Ich,
in unsrer hellgestirnten Hochzeitsnacht.
Auf, ihr Unsterblichen, auf, tanzt und singt!
singt mir das Lied vom Tode und vom Leben!
morgen ist wieder Tag, die Sonne lebt noch!
komm, Psyche, komm! —
Doch schaudernd lehnt sich Psyche von mir weg
und starrt mich an mit Augen, daß mich friert,
so rätselhaft voll Furcht, voll Sehnsucht — Psyche!
Geliebte! Psyche! Du, wer bist du?! — „Du“
sprach laut mein Mund die Antwort meines Herzens,
ein Echo huschte durch den großen Raum;
so stand ich.
Allein. Mit meiner Seele in dem Meister,
der solches in mir schuf.
Endlich ermannt ich mich von seinem Werk
und suchte wegzusehn; da fiel mein Blick
auf einen großen, graugetrockneten
Stranddistelstrauß, um den sich ein vergilbtes,
einst brennend rotes Seidenband herabschlang,
das einzige Stück Erinnrung in dem Raum,
wo alles Übrige von Zukunft zeugte.
Die Sonne schien darauf und ließ noch Spuren
des zart blaugrünen Purpurschmelzes ahnen,
der einst die frischen Stacheln schmückte: fast
als hab ihn einst verfärbt zu schwacher Glaube,
als hab ihn einst berührt zu scheue Hoffnung,
als hüte blaß ihn noch die Liebe ... Still:
die Tür ging: Er trat ein: der Maler, Zeichner
und Bildner Unsrer Psyche — Klinger — und
da mußt ich denken: Welche Frau ihm wohl
einst diesen Strauß geschenkt hat? Denn es giebt
Frauen, die solche Sträuße schenken ...
Bann
Wie aus dem Schilf die Wasserfee
tauchtest du zaudernd aus der Schaar
der Andern um uns zu mir her
mit deinem langen schwarzen Haar
und deinem grauen Augenpaar.
Und standest nun und sahst mich an
mit deinem blassen Übermut;
und deiner Fragen perlende Flut
und deiner Lippen springjunges Blut
lachte mich an, lachte mich an.
Nur in deinen Augen blieb so fern,
so fern wie auf des Weihers Grund
in schwimmender Nacht der schwanke Stern,
ein Zittern und Leuchten stehen; und
mir log dein Mund, dein kühler Mund.
Denn in unsern Träumen — o, ich weiß:
auch Du, auch Du — dann tauchen wir
Hand in Hand hinunter: stumm und heiß
sucht Mund den Mund: holen wir leis,
vom grauen Grund, den Stern vom Grund.
Unsre Stunde
Es dunkelt schon. Komm, geh nach Haus.
Komm! das Kastanien-Blattgewühl
streckt sich wie Krallen nach uns aus.
Es ist zu einsam hier, zu schwül
für uns.
Denn sieh: die Linien deiner Hand
laufen den meinen viel zu gleich.
Du schienst mir plötzlich so verwandt,
so vorbekannt;
vielleicht aus einem andern Reich.
Ich hatt ’ne Schwester, die ist tot.
Sei nicht so stumm, als wärst du taub!
Die Abendwolke dampft so rot
durchs junge Laub,
als ob sie uns Blutschande droht.
Horch! Ja, so wild und unverwandt,
wie jetzt die Nachtigall da schlug,
zittert dein Herz in meiner Hand.
Wir wissen es; das ist genug
für uns.
Ohnmacht
Doch als du dann gegangen,
da hat sich mein Verlangen
ganz aufgetan nach dir.
Als sollt ich dich verlieren,
schüttelte ich mit irren
Fingern deine verschlossene Tür.
Und durch die Nacht der Scheiben,
ob du nicht würdest bleiben,
bettelten meine Augen; und
du gingst hinauf die Stufen
und hast mich nicht gerufen,
mich nicht zurück an deinen Mund.
Vernahm nur noch mit stieren
Sinnen dein Schlüsselklirren
im schwarzen Flur, und dann
stürzten auf mich die Schatten,
die mir im Park schon nahten,
als wir den Mond versinken sahn.
Büßende Liebe
Aus deinen grauen Augen droht,
mir so vertraut
wie ein verhaltner Klagelaut,
mit bleicher Flamme ein Verbot;
ich weiß, ich fühls — du warst einst Braut.
Das hat in deinen Blick gebracht
dies fahle Licht,
das durch die schwarzen Wimpern bricht;
vor Zeiten, Seele, eh die Nacht
dich neu gebar ans Tageslicht.
O komm und gieb mir deine Hand;
in dein schwarz Haar
nimm diese rote Lilie dar,
und um dein dunkelblau Gewand
dies goldne Gürtelschlangenpaar.
So führe mich, indeß du weinst,
den langen Pfad.
So kommen wir der Nacht genaht
und beichten Beide: Mutter! einst,
du weißt, wir übten einst Verrat.
Dann legt, indeß wir niederknien,
dann legt die Nacht
auf deines Haares schwere Pracht
die Hand und flüstert: liebe ihn,
der sich und Andre friedlos macht!
Dann hören deine Tränen auf,
dann kommt ein Stern.
Der tagt wie künftiger Frieden fern;
dein graues Auge schaut hinauf,
dein Auge, Seele — hilf uns, Stern!
Stromüber
Der Abend war so dunkelschwer,
und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn;
die Andern lachten um uns her,
als fühlten sie den Frühling nahn.
Der weite Strom lag stumm und fahl,
am Ufer floß ein schwankend Licht,
die Weiden standen starr und kahl.
Ich aber sah dir ins Gesicht
und fühlte deinen Atem flehn
und deine Augen nach mir schrein
und — eine Andre vor mir stehn
und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!
Das Licht erglänzte nah und mild;
im grauen Wasser, schwarz, verschwand
der starren Weiden zitternd Bild.
Und knirschend stieß der Kahn ans Land.
Bitte
Nur sage „Du“ ... ich will ja nie,
nie wieder deine Lippen küssen,
nun wirs gefühlt, so Knie an Knie
gefühlt, daß wir uns lieben müssen.
Das Abendrot umarmte brennend
der Eichen hohe Knospenkette;
wir aber sahen nur, uns trennend,
die schwarz aufragenden Skelette.
Und nickten doch von vielen Bäumen
schon Blüten unsrer Liebe zu,
im keusch verträumten Grün; so träumen,
so nicken Kinder ... sage „Du“.
Gastgeschenk
Dies blaß in Flammen gelb-und-grüne Mannskraut,
knabenüppig, und dies zarte
Schneeglöckchen, eben aufgeblüht,
ganz furchtsam weiß, im irdnen Topf:
die beiden Kinder wuchsen so allein
und hatten niemals einen Kuß genossen,
da pflanzt’ich sie zusammen
und brachte sie zu Dir.
Gottes Wille
Du hungerst nach Glück, Eva,
und fürchtest dich den Apfel zu pflücken,
den dein Gott dir verboten hat
vor dreitausend Jahren,
du junges Geschöpf!
Jeden Abend ahn’ich dich,
wie du die magern Händchen
in deinem einsamen Bette
emporringst zu dem Gott der alten Leute:
Gieb ihn, gieb ihn mir!
Du arme Geduld!
Er hat noch nie die Furchtsamen beglückt,
der alte Gott.
Er gab dir deinen Hunger, deine Hände:
greif zu und iß — dann dulde!
Übermacht
Wenn du fliehn willst, flieh! du kannst es noch;
bald ist es auch für dich zu spät.
Denn siehst du: Ich, ich brenne nach dir
mit einer Kraft, die mich schwach macht,
ich zittre nach dir.
Wie du nach mir! ja, Du! o Du:
du bist noch schwächer,
wehre dich nicht!
Über die grüne Wiese wolln wir rennen,
in den Wald,
Hand in Hand,
nackt,
unsre brennenden Stirnen bekränzt
mit den flatternden Blüten des wilden Mohns,
der glühenden Blume des Leichtsinns!
Bestürmung
Was will in deinen Augen mir
dies dunkelvolle, fremde Weh,
so tief und sehr?
so still und schwer
wie Stürme, die Ruhe suchten
im Schooß der grauen See.
Versinken will, versinken mir
in dieser Augen grauen Schooß
mein Herz — und will
wie Du so still
und schwer an Dein Herz schlagen,
dann brechen die Stürme los!
Und will dich wiegen so mit mir
in rasender lachender Seligkeit
auf freiem Meer!
bis tief und sehr
die Herzen wieder ruhen,
ruhen von Sturm und Leid.
Antwort
„Lieber kein Glück, nur lauter sein.
Nur keinen Schritt abseits vom Recht.
Nur keine Schuld, lieber kein Glück!
O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht!“
Hedwig Lachmann.
Ich will ein Glück! Kennst du den Funken,
der seine hellsten Gluten wagt?
Er glüht. Und ob er feuertrunken
verglüht zu Asche über Nacht:
er glüht! sein Wesen ist sein Schein —
„Lieber kein Glück, nur lauter sein“ —
nur lauter!
Ich hab ein Recht! Kennst du die volle
Woge, die zur Brandung schäumt?
Kennst du den Sturmgeist, der die tolle
springende Woge noch toller bäumt?
Steil starrt die Klippe: brecht, Wogen, brecht —
„Nur keinen Schritt abseits vom Recht“ —
keinen Schritt!
In meine tiefste Seelenstille
horcht mein erstauntes Ohr hinab;
da ringt ein Trieb, da wächst ein Wille,
den eine heilige Macht mir gab!
Ich bin kein Frevler am Geschick —
„Nur keine Schuld, lieber kein Glück“ —
nein: keine Schuld.
Von Jugend auf droht uns im Rücken
die flach erhobne Heuchlerhand;
ich muß mich mit mir selbst beglücken,
seit ich die Welt so feige fand!
Du meine Inbrunst, du mein Recht —
„O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht“ —
auch schlecht.
Und dennoch
Und du vom auserwählten Stamm,
du liebst dein Volk und uralt Blut,
und fast wie Haß ist deine Glut
für deinen schwer gequälten Stamm;
und träumst von euerm Sinai
und der nur Euren Himmelsnäh,
und stehst wie Mose vor Jahwäh
und stehst und schwörst: ich wanke nie.
Und dennoch kam in deinen Mund
das Wort, das einst am Jordan klang;
da rang ein Mensch mit sich — und rang
sich weinend los vom alten Bund
und sprach, indeß sein liebreich Herz
von Pein gehetzt gen Himmel stieg:
Nur Selbstbewältigung ist Sieg,
Sieg über allen Erdenschmerz.
Wie kam es doch, dies Wort der Qual,
erpreßt von heißer Opfernot,
auf Deine Zunge als Gebot:
„bezwinge deines Herzens Wahl!“
und liebst ein auserwähltes Volk
und fast wie Haß ist deine Glut?!
Und um uns, Weib, rauscht laut Ein Blut:
der Menschheit schwer gequältes Volk.
Nur
Und der Abschied war kein Ende,
und mein Blick bewegte dich;
und es war, als legte sich
still dein Herz in meine Hände.
Aber wenn du wiederkehrst,
will ich deine Hand nicht küssen;
will es nur empfinden müssen,
wie du deinem Herzen wehrst.
Nächtliche Scheu
Zaghaft vom Gewölk ins Land
fließt des Lichtes Flut
aus des Mondes bleicher Hand,
dämpft mir alle Glut.
Ein verirrter Schimmer schwebt
durch den Wald zum Fluß,
und das dunkle Wasser bebt
unter seinem Kuß.
Hörst du, Herz? die Welle lallt:
küsse, küsse mich!
Und mit zaghafter Gewalt,
Mädchen, küss ich dich.
Menschliche Botschaft
Und doch, und doch, du stolzes Kind:
viel stolzer fühlt mein kleines Lied,
das kindlich vor dir niederkniet
und fromm beginnt:
Wärst du im Ehrenkleide
der Hohen höchste Zier,
ich fühlte doch trotz Seide
und Hoheit und Geschmeide
als deiner Ehren erste Zier
die Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch: noch stolzer schwebt,
du stolzes Kind, mein kleines Lied,
das nun auf dich herniedersieht
und scheu erbebt:
Wärst du in Schmach gefallen,
du die Gemeinste hier,
und Mein Herz rein vor Allen,
ich dächte Dein vor Allen,
weil meiner Reinheit reinste Zier
die Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch, du stolzes Kind:
viel stolzer fühlte wohl mein Lied,
das stolz vor Deinem Stolze flieht,
wenn stumm und blind
nun ein Erbangen käme,
stumm zwischen dir und mir
nun ein Verlangen käme,
dich blind gefangen nähme,
daß wir vergäßen — fühlst du? wir —
die Gleichheit zwischen dir und mir.
Entführung
Ach! aus Träumen fahr ich.
In die graue Luft,
in die kalte starr’ich.
Ach, dein Samum war ich,
du mein Ambraduft!
Durch die helle Wüste
glühtest du dahin,
und dein Atem küßte
und dein Kuß versüßte
Seele mir und Sinn.
Einsamkeiten hingen
tief ins fliehende Land;
sonnestill ein Ringen,
und mit Allah-Schwingen
hielt ich dich umspannt,
riß ich dich nach oben,
du mein Ambraduft,
Glut in Glut verwoben,
bist du mir zerstoben
in die graue Luft.
Der Brand
Nur Zufall? — Bleiern lag Berlin
im Abendzwielicht Dach an Dach;
trüb sah sie in das Feuer,
das drüben aus dem Giebel brach.
Die Flammen zuckten.
Im Rahmen meines Fensters,
so stand sie schwarz und stumm vor mir;
und im Nebenzimmer spielte
eine blasse Frau Klavier.
Drüben wühlte die Glut.
Die blasse Frau war meine;
und Jene stand so nah und hold.
Flimmernd säumte der rote Schein
die lieben Locken mit dunklem Gold
und Funkengestiebe.
Es zog mich hoch: ich mußte,
ich wollte sie an mich ziehn.
Eine große trübe Wolke Rauch
kroch über ganz Berlin;
die Flammen erstickten.
Ich stand mit scheuen Händen,
das Spiel dort klang so seelenklar;
und oben über der Wolke glomm
und zitterte wie in Gefahr
ein blasser Stern.
Abschied ohn End
Und so muß ich dich nun doch beschwören:
flieh, o flieh mich — mich!
Ich — o sieh mich: ich
weiß, ich will und würde dich betören,
und du darfst, du darfst mir nicht gehören.
Flieh auch Dich!
Kind mit deinen jetzt schon grauen Haaren,
sehr lieb klingt es: „wir“ —
sehr trüb klingt es mir.
Deine Sehnsucht zählt noch nicht nach Jahren,
aber Ich bin längst in mir erfahren
und in dir.
Alles will sich dir zu mir empören,
dir! Du freilich, sieh,
du glaubst heilig: nie!
Und ich weiß, es würde dich zerstören,
wenn wir diese Sehnsucht dann verlören.
Flieh mich! Flieh!
Dann
Wenn der Regen durch die Gosse tropft,
bei Nacht, du liegst und horchst hinaus,
kein Mensch kann ins Haus,
du liegst allein,
allein: o käm er doch! Da klopft
es, klopft, laut — hörst du? — leise, schwach
tönt’s im Uhrgehäuse nach;
dann tritt Totenstille ein.
Bleiche Nacht
Der Nebel staut sich,
Hütten dunkeln,
Dorfgiebel huschen über Lichtern hin,
noch bleicher scheint die Nacht;
die jagende Wagenkette,
schwenkend, strafft sich,
die Maschine heult Warnung,
und vorbei.
Ein entlaubter Kirchhof,
und wieder kreisen
um mein klirrendes Fenster
die öden Wiesen,
huschen Büsche,
eilt der fahle Streifen Horizont
auf den kriechenden Wäldern hin;
mich fröstelt.
Drei Monate:
da war die Mondnacht anders hier.
Wie auf Wolken
trug der kleine Kahn des stummen Fischers
uns den Fluß hinab;
selbst die Schatten gaben Licht.
An meiner Seite saß ein Freund,
und ich sagte ihm
all mein Herzensbangen für ihr Glück.
Und über ihrem Giebel,
unterm Baldachin der Königspappel,
als wir durch die Brücke bogen,
stand groß und strahlend
wie in einem Tabernakel
der goldne Mond
und senkte flimmernd auf das Moos des Daches
sein grünes Haar.
Heute aber, als ich Abschied nahm,
achselzuckt’ ich: mein Fräulein, Glück —??
Und jener Freund
dachte wohl schon damals:
du Tropf und Schuft! —
Mein Fenster schwitzt;
das kühlt die Stirne;
gleich und gleich gesellt sich gern.
Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul
bleich ins bleiche Feld;
ein Dornbusch zerreißt ihn.
Jetzt: dort starrt,
wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf,
der grelle Vollmond durch die kahlen Birken.
Er springt durchs Astwerk;
mit seinen langen blassen Füßen
läuft er auf den blanken Schienen
meinen rasenden Gedanken nach.
Trübes Lied
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ich will einen schwarzen Schleier tragen.
„Ach! du! wozu denn schwarz?“
Ich hab zu klagen. Hab zu klagen.
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ich breche Blumen zu Trauerkränzen.
„Ach! du! warum denn trauern?“
Ich kanns nicht sagen. Kanns nicht sagen.
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ich richte Kerzen zur Totenfeier.
„Ach! du! wer ist denn tot?“
Wie kannst du fragen? Kannst du fragen?
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ja — er ist ins Meer gefallen —
„Ach! du! ins Meer gefallen?“
Von seinen weißen Wolken oben!
Von seinen weißen Wolken.
Dahin
Mit gesenkten Blicken
durch die Menge hin,
durch die fremde dunkle Menge,
eine traumentstiegene Palme,
kam die junge Priesterin.
Mit geschlossenen Wimpern
an den Altar hin,
ruhig an den flammenden Altar,
eine nachtgewiegte Zypresse,
trat die junge Priesterin.
Mit aufstrahlenden Augen
in zwei andre Augen hin,
Augen aus der Fremde,
niegesehene Heimatsaugen,
eine starre Mimose,
stand die junge Priesterin.
Mit hochzuckenden Händen
vor die Flamme hin,
vor die heilige Opferflamme,
eine blitzgetroffene Zeder,
sank die junge Priesterin.
Mit weit offenen Armen
in die Nacht dahin,
wild hin in die fremde Nacht,
eine sturmergriffne Liane,
schwand die junge Priesterin.
Lebewohl
Eine dicke Tigerschlange liegt
müde um mein Herz geringelt,
ihre satten Augen tun sich zu.
Einmal züngelt
ihre dünne Zunge noch im Schlaf —
lebe wohl, mein blutend Täubchen du ...
Ein Stelldichein
So wars auch damals schon. So lautlos
verhing die dumpfe Luft das Land,
und unterm Dach der Trauerbuche
verfingen sich am Gartenrand
die Blütendünste des Hollunders;
stumm nahm sie meine schwüle Hand,
stumm vor Glück.
Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
was stehst du wie ein Geist im Leichentuch —
lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
Was starrst du mich so gottesäugig an?
Ich brach sie nicht: sie tat es selbst! Was quäle
ich mich mit fremdem Unglück ab ...
Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
als hätten alle Blätter Gift getrunken;
so still liegt sie nun auch.
Ich wünsche mir den Tod.
Chinesisches Trinklied
Nach Li-Tai-Pe
Der Herr Wirt hier — Kinder, der Wirt hat Wein!
Aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein:
ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen!
Wenn der Kummer kommt, wenn die Saiten klagen,
wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen,
wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt,
dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist,
dann wolln wir die Kannen schwingen —
die Stunde der Verzweiflung naht.
Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein,
meine lange Laute, die ist mein,
ich weiß zwei lustige Dinge:
zwei Dinge, die sich gut vertragen:
Wein trinken und die Laute schlagen!
Eine Kanne Wein zu ihrer Zeit
ist mehr wert als die Ewigkeit
und tausend Silberlinge! —
Die Stunde der Verzweiflung naht.
Und wenn der Himmel auch ewig steht
und die Erde noch lange nicht untergeht:
wie lange, du, wirst Du’s machen?
du mitsamt deinem Silber-und-Goldklingklange?
kaum hundert Jahre! das ist schon lange!
Ja, leben und dann mal sterben, wißt,
ist Alles, was uns sicher ist;
Mensch, ist es nicht zum Lachen?! —
Die Stunde der Verzweiflung naht.
Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint!
Seht ihr den Affen? da hockt er und greint
im Tamarindenhain — hört ihr ihn plärren?
über den Gräbern, ganz alleine,
den armen Affen im Mondenscheine? —
Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund!
jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grund
auf Einen Zug zu leeren —
die Stunde der Verzweiflung naht.
Der Dritte im Bunde
Nach Li-Tai-Pe
In der Blütenlaube sitz ich beim Wein,
säße gern in guter Gesellen Mitte.
Kommt der Mond, lädt sich leise ein,
nimmt mein Gläschen in Augenschein,
und mein Schatten tut, als wär er der Dritte;
ist eine herrliche Tafelrunde!
Bruder Mond kann nicht mit trinken;
Schatten macht nur nach, was ich tu.
Sei’s! Solange noch Tropfen blinken,
will ich euch doch Willkommen winken,
zechen, bis wir zu Boden sinken!
Glas hoch, Freunde, auf Du und Du,
noch schmeckts dem Munde, es lebe die Stunde!
Noch! Wie lacht der Mond in mein Glas,
wie tut mein Schatten tanzen und springen!
Solang ich noch stehn kann, Freunde, was?
so lange dauert der Freundschaftsspaß,
Freut euch, Brüder, bald fall ich ins Gras!
Dann ists aus! kein Lebwohl wird klingen,
nur der Dritte im Bunde lacht im Grunde:
wann feiern wir Wiedersehensrunde?!
Frühlingsrausch
Nach Li-Tai-Pe
Wenn das Leben Traum ist, wie sie meinen,
wozu dann ihre nüchterne Plage!
Ich, ich berausche mich alle Tage;
und wenn ich Nachts nichts mehr vertrage,
leg ich mich schlafen auf den Pflastersteinen.
Morgens erwach ich sehr bewußt;
ein Vogel zwitschert zwischen blühenden Reben.
Ich frage ihn, in welcher Zeit wir leben.
Er sagt mir: in der Zeit der blühenden Reben!
das ist die Zeit, in der die Frühlingslust
die Vögel zwitschern lehrt und leben, leben!
Ich bin erschüttert. Ich raff mich auf wie toll;
wütende Seufzer pressen mir die Kehle.
Und wieder gieß ich mir den Becher voll,
bis in die Nacht, und pfeiff auf meine Fehle.
Wenn dann mein Mund ausruht, ruht auch mein Groll,
ruht Alles, was ich will und kann und soll,
ruht rings die Welt — o ruhte auch die Seele!
Wer aber kann mit Wein den Gram verjagen?
wer kann das Meer mit einem Schluck verschlingen?
Der Mensch, in diesen Lebensrausch verschlagen,
in dem sich Sehnsucht und Erfüllung jagen,
kann nichts tun als in einen Nachen springen,
mit flatterndem Haar im Wind die Mütze schwingen
und, während ihn die Elemente tragen,
sich ihrer Willkür stolz zum Opfer bringen!
Mein Trinklied
Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
trinkt, bis die Seele überläuft,
Wein her, trinkt!
Seht doch, wie rot die Sonne lacht,
die dort in ihrem Blut ersäuft;
Glas hoch, singt!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
djagloni gleia glühlala!
Klingklang, seht: schon welken die Reben.
Aber sie haben uns Trauben gegeben!
Hei! —
Noch eine Stunde, dann ist Nacht.
Im blassen Stromfall ruckt und blinzt
ein Geglüh:
der rote Mond ist aufgewacht,
da kuckt er übern Berg und grinst:
Sonne, hüh!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben:
Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich,
klingklang, sündlich! Aber eben:
trinken und lachen kann man blos mündlich!
Hüh! —
Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
wächst übern Strom ein Brückenjoch,
hoch, o hoch.
Ein Reiter kommt, die Brücke kracht;
saht ihr den schwarzen Reiter noch?
Dreimal hoch!!!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
djagloni, Scherben, klirrlala!
Klingklang: neues Glas! Trinkt, wir schweben
über dem Leben, an dem wir kleben!
Hoch! —
Erklärung
Ein Freund von mir, ein junger deutscher Dichter,
keiner von dem schön lügenden Gelichter,
bei seinem Wort sieht man in glühenden Schleiern
die Wahrheit ihren nackten Liebreiz feiern —
der schrieb einmal ein Trinklied, keins von Wasser:
„vom Tode und vom Leben“ sagt der Herr Verfasser —
drin jubiliert, um allen Sinn zu sammeln,
ein halb berauschtes, halb bewußtes Stammeln —
mir deucht, er meinte: über Tod und Leben
bleibt alles Reden ein Gestammel eben.
Äonische Stunde
Alfred Mombert zu Ehren
Du himmlischer Zecher!
Noch einen Tropfen Schwermut in meinem Glase,
noch eine Träne wild in meinem Herzen,
glühte, glänzte,
doch du sangst, du sangest —
es rauschte ein Meer durch uferlose Weiten,
in unsrer Nähe wogten gespiegelte Sterne,
Geister tanzten über dem Erdball,
hoch auf quoll der Tropfen in meinem Glase,
eine Lichtflut —
und hell in deine
fiel die Träne aus meinem Herzen.
Zechers Nachtfeier
Auch das Weinblumenlied genannt
Freunde, mein Glas ist leer.
Nur noch ein goldner Tropfen am Grunde
spiegelt schwank eure Tafelrunde,
blank vom Glanz unsrer Feierstunde
und vom Duft der Jahrhunderte schwer.
Freunde, trinkt alle aus!
Durch die Blume, o Wundernamen,
schlagen die weißen Geisterflammen
der edlen Züchter in uns zusammen;
trinkt! ich habe noch rote im Haus!
Freunde, schenkt ein, schenkt ein!
Seelen von Huldinnen schlummern versunken
in diesem Pfühl von rubinigen Funken;
weckt sie, Lippen! und küßt euch trunken!
trunken sein heißt seelenvoll sein!
Freunde, stoßt mit mir an!
Bald wird auch uns der Schlummer bezwingen,
aber auch ihn soll ein Geist uns bringen:
Freunde, ein Traumgeist, der knallen und springen
und aus Eis Feuer speien kann!
Ah, wie sein Hals sich bäumt!
Schleppt ihn herbei, den gefesselten Wilden!
Löst ihn, er sehnt sich nach Göttergefilden!
Seht, wie er steigt und von Luftgebilden
überschäumt! —
Fromme Wünsche
Nach Cecco Angiolieri
Wär ich der Wind, ich risse die Welt in Fetzen.
Wär ich das Feuer, zerfräß ich sie zu Funken.
Wär ich das Meer, sie läge längst versunken.
Wäre ich Gott: Spaß, gäb das ein Entsetzen!
Wär ich der Papst, wie würd’es mich ergetzen,
zu ärgern meine Christen, die Halunken!
Wäre ich König, ließ ich wonnetrunken
mein Volk mit Hunden an den Galgen hetzen!
Wär ich der Tod, besucht ich auf der Stelle
die lieben Eltern wieder mal; im Leben
betret ich nun und nimmer ihre Schwelle!
Wär ich der Cecco — hm, der bin ich eben;
drum wünsch ich Mir die schönsten Jungfernfelle
und will die häßlichen gern Andern geben!
Lied des vogelfreien Dichters
Nach François Villon
Ich sterbe dürstend an der vollen Quelle;
ich, heiß wie Glut, mir zittert Zahn an Zahn.
Frostklappernd sitz ich an der Feuerstelle,
in meinem Vaterland ein fremder Mann.
Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan,
lach ich in Tränen, hoffe voller Leid
und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit,
ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann,
und meine Not ist meine Seligkeit —
ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts ist mir sicher als das nie Gewisse,
und dunkel nur, was allen Andern klar;
und fraglich nichts als das für sie Gewisse,
denn nur der Zufall meint es mit mir wahr.
Gewinner stets, verspiel ich immerdar.
Mein Frühgebet: Gott, mach den Abend gut!
Im Liegen vor dem Fallen auf der Hut,
bin reich ich, der ich nichts verlieren kann,
und hoff auf Erbschaft, ich, ein rechtlos Blut —
ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts macht mir Sorge als mein bös Begehren
nach Glück und Gut, doch pfeif ich drauf zumeist.
Wer auf mich schimpft, tut mir die größten Ehren;
der Wahrste ist, wer mich mit Lügen speist.
Mein Freund ist, wer mir klipp und klar beweist:
ein grauer Kater ist ein bunter Pfau.
Und wer mir schadet, lehrt mich: Du, Dem trau!
Wahrheit, Lug, Trug, mir Alles Eins fortan;
begreif ich’s nicht, behalt ich’s doch genau —
ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Lied der Gehenkten
Villons Epitaph
als er nebst Etlichen zum Galgen verurteilt war
O Mensch, o Bruder, machst du hier einst Rast,
verhärte nicht dein Herz vor unsrer Pein;
denn wenn du Mitleid mit uns Armen hast,
wird Gott der Herr dir einst gewogen sein.
Hier hängen wir, so Stücker acht bis neun;
ach, unser Fleisch, einst unser liebst Ergetzen,
jetzt ist es längst verfault und hängt in Fetzen,
samt unsern Knochen fast zu Staub zerfallen.
Doch wolle Keiner seinen Witz dran wetzen —
nein: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Mißachte, Bruder, nicht dies unser Flehn;
du weißt ja, der du unser Bruder bist,
obgleich uns nach Gesetz und Recht geschehn,
daß nicht ein jeder Mensch vernünftig ist.
Verwende dich von Herzen als ein Christ
beim Sohn der Jungfrau, daß er seine Gnade,
da wir nun tot sind, auch auf uns entlade
und uns behüte vor des Satans Krallen.
Die Seele, Bruder, stirbt nicht mit am Rade —
ja: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Sturzregen haben unsern Leib zerspült,
die Sonne uns geschwärzt und ausgedörrt,
Krähn, Raben uns die Augen ausgewühlt,
uns Bart und Brauen aus der Haut gezerrt.
Niemals, kein Stündchen Ruh am warmen Herd;
nur wipp und wapp, und immer wippwapp wieder,
umschwärmt von Krähn, die Winde um die Glieder,
zerhackt, zerlöcherter als Hosenschnallen!
Ja: vor Uns Brüdern seid ihr sicher, Brüder —
doch: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Rettung zu Gott
Nach Verlaine
I
Mein Gott hat mir gesagt:
„Sohn, man muß Mein sein! Mein!
Sieh meine durchbohrte Brust,
mein strahlend, blutend Herz,
und meine wunden Füße,
die Magdalenens Schmerz
mit Tränen wusch; und siehst,
siehst die große Pein
meiner Arm-und-Hände
durch deine Sündenschuld,
siehst das Kreuz, die Nägel,
und spürst und fühlst und glühst,
daß diese bittre Welt
des Fleisches nichts versüßt
als Mein Fleisch und mein Blut,
mein Wort und meine Huld.
War ich nicht Dein, mein Sohn,
dein bis in den Tod?
mein Bruder du im Vater,
mein Kind, mein Sohn im Geist!
Und hab ich nicht geduldet,
wie die Schrift verheißt?
Hab ich nicht geschluchzt
für deine Angst und Not?
Und war mein blutiger Schweiß nicht
der Schweiß deiner Nächte,
mein Freund, mein armer Freund du,
der gern zu mir möchte!“
II
Und ich —: Herr! du sagtest
meine ganze Seele.
Ja, ich will zu dir, Herr,
suche und finde nicht.
Du, dessen Liebe lodert
wie aller Sonnen Licht:
ich Dein sein, Dein? ich Wurm
im Staub und voller Fehle!
Du Friedensborn, den alle
Kreatur erlechzet,
ach, Einen Blick nur träufle
in meinen Gram und Wahn!
Darf ich denn wagen, Herr,
nur deinem Hauch zu nahn,
ich, der auf eklen Knieen
hier vor dir kriecht und ächzet!
Und dennoch such ich dich,
taste, tappe nach dir,
daß auf mein Elend falle
nur deines Schattens Zier.
Doch Du bist ohne Schatten,
Du, dessen Liebe lodert,
du süßer Springquell, bitter
nur dem, deß Herz noch modert
im Rausch der Sündenlust;
du Licht, ganz Licht, deß Glut
und jäher Kuß den blöden
Menschenaugen wehe tut!
III
„Man muß, muß Mein sein! Ja:
ich bin, bin der Kuß
der Allbrunst, bin der Odem,
bin dieser Mund, du lieber
Kranker, von dem du stammelst,
der glühende; und dies Fieber,
das deine Nächte schüttelt,
bin Alles Ich! man muß
nur wagen, mein zu sein!
Ja: meine Liebe, die
zu Höhen lodert, wo
dein armes Ziegenseelchen
nicht hinklimmt, wird dich, wie
der Adler ein Rotkehlchen,
empor zu Himmeln tragen,
o Himmeln, die — o sieh:
sieh meine helle Nacht,
du weinend Auge du
im Schimmer Meines Mondes!
sieh dieses Bett von Reinheit,
all diese Unschuld sieh,
all diese Ruh! —
Sei Mein! die zwei Worte
sind meine höchste Einheit,
denn dein allmächtiger Gott
vermag zu wollen — nein:
nur erst vermögen will ich dich:
sei, sei mein!“
IV
— Herr, Herr, zuviel! ich wag’s nicht.
Ich Dein? Wer? ich, und Dein?
Nein, nein, nur zagen darf ich;
doch wagen — nein! ich bebe!
ich will nicht, ich bin unwert!
Ich Dein? Du Kelch und Rebe,
du aller Heiligen Herz,
du liebreich Brot und Wein,
du aller Gnadenwinde
ungeheure Rose,
du Eifrer Israels,
du lichter Falter, dem
nur die junge Blume
der Unschuld angenehm:
und ich soll Dein zu sein
vermögen? ich lichtlose
Schlacke, ich Frevler, Dein?
Herr, bist du rasend?! Ich
Befleckter, dem die Sünde
Beruf ist, der — o Fluch —
in allen seinen Sinnen,
Gefühl, Geschmack, Geruch,
Gehör, Gesicht, ja im
Gewissen selbst nicht Dich,
in seiner Buße selbst
nur, ach, die Wollust fühlt,
womit der alte Adam
nach neuen Lüsten in ihm wühlt!
V
„Drum muß man Mein sein! Ich
bins, der in dir rast,
bin der neue Adam,
der den alten frißt,
dein Hunger und dein Mannah;
und meine Liebe ist
so strömender, je näher
du der Quelle nahst.
Ein strömend Feuer ist sie,
drin all dein lüstern Blut
auf immer sich verzehrt
und wie ein Duft verdampft;
und ist die Sintflut, deren
schwangere Wut zerstampft
jedweden schlimmen Keim
und all die trübe Brut,
die Ich gesät, daß einst
mein Kreuz so reiner strahle,
und daß auch Du dereinst
durch ein furchtbar Mirakel
der Gnade Mein sein müßtest,
entsühnt all deiner Makel.
Sei mein! empor! sei Mein!
Empor mit Einem Male
aus deiner Nacht zu Mir,
Mir, du verlassner armer
Schelm, dem nichts blieb als Ich,
dein ewiger Erbarmer!“
VI
— Herr! Herr! ich fürchte mich.
Mein Herz zittert und zagt.
Ich seh, ich fühls: man muß,
muß Dein sein. Aber wie,
wie, Gott mein Gott, dein werden?
du Richter, dessen Knie
selbst der Gerechte kaum
anzurühren wagt.
Ja, wie? Denn sieh, es wankt
der Grund, darinnen hier
mein Herz sein Grab sich grub,
und rings auf meiner Flucht
fühl ich herniederstürzen
des Firmamentes Wucht
und rufe: Herr, wo führt
ein Weg von Dir zu mir?!
Reich mir die Hand, mein Leben,
daß dieses Fleisches Weh
und dieser kranke Geist
nur fühle deine Spur!
Denn jemals zu empfangen
und zu genießen je
die himmlische Umarmung:
Herr, ist das möglich nur?
dein zu sein dereinst?
selig in deinem Schooß
wie Sankt Johannes, Herr, zu ruhn?
selig, sündelos?!
VII
„So möglich wie gewiß.
O komm, o siehe, welch
Entzücken deiner harrt!
Laß ab von deinem Harme
und deinem Trotz! komm, sinke
in meine offnen Arme,
gleichwie der Glühwurm in den
erblühten Lilienkelch.
Komm und verdien es dir!
Komm an mein Ohr, schütt aus
all deine Niedrigkeit
mit deinem höchsten Mute!
sag Alles, Sohn: frei, schlicht
und ohne Stolz im Blute!
reich mir der Reue blassen,
schmachtenden Blumenstrauß!
Dann tritt an meinen Tisch,
einfältiglich! da soll
ein köstlich Mahl, dem selbst
die Engel andachtvoll
nur zusehn dürfen, dich
erquicken und entsühnen;
da sollst den Wein du trinken,
den Wein des immergrünen
Weinstocks, dessen Güte
und Kraft und Süßigkeit
dein Blut befeuern werden
für die Unsterblichkeit.
*
„Dann geh und glaube fein
demütig an das Urwort
der Liebe, allwodurch ich
dein Leib-und-Seel ich bin!
Und kehre ja, mein Sohn,
sehr oft von neuem in
mein Haus ein, meinen Wein dort
zu kosten und den Schwur dort
zu leisten auf mein Brot,
ohn welches all dein Streben
nur ein Verrat vor mir!
Und bitte mich, wie Brauch,
mich, Vater, Sohn und Geist,
und meine Mutter auch,
daß du das Lämmlein werdest,
das stumm versprützt sein Leben,
daß du das Kindlein werdest,
bekleidet mit dem Linnen
der Unschuld, und dein eigen
armselig Sein und Sinnen
vergessest, um einst Mir
ein wenig gleich zu werden,
Mir, der zu Zeiten des
Pilatus und Herodes,
des Petrus und des Judas
auch dir gleich ward auf Erden,
für dich am Kreuz zu sterben
eines verruchten Todes.
*
„Und um zu lohnen deinen
Eifer in diesen Pflichten,
die also süß, daß ihre
Wonnen unsäglich sind,
will ich dich schmecken lassen
schon auf Erden, Kind,
den Vorschmack Meines Friedens:
meine dunkellichten
geheimen Nächte, wo
der Geist sich meinen Söhnen
auftut und vom vollen
Kelch der Verklärung trinkt,
wo hoch am heiligen Himmel
der Mond verheißend blinkt
und aus der rosigen Finsternis
die Engelchöre tönen,
verkündend die Entrückung
empor zu Meinem Lichte,
die ewigen Küsse meiner
Langmut und Erbarmung,
die Psalmen meines Ruhms
und ewigen Traumgesichte,
die ewige Weisheit und
die ewige Umarmung
im Schauder deiner seligen
Schmerzen, die auch mein:
den Aufrausch der Verzückung,
Mein zu sein!“
VIII
— Ach! Herr! wie wird mir! Sieh mich:
weinend vor Deine Füße
stürz ich, schluchzend und jauchzend!
deine Stimme macht
mir wohl und weh! mein Auge
weint, meine Seele lacht!
und all das Weh, das Wohl
hat all die selbe Süße.
Aus Tränen jubl’ich, Herr!
Aus meiner Inbrunst wecken
mich Hörnerrufe; Waffen
winken auf klirrender Au,
funkelnde Schilde, und drüber
Engel in Weiß und Blau,
und dieser Hörnerruf
füllt mich mit Wut und Schrecken.
Den Taumel fühl ich, fühle
das Graun der Auserwählten.
Ja, ich bin unwert, aber:
Herr, Deine Gnad ist groß.
Sieh: voller Dank, voll Demut:
hier, sieh mich Schweißgequälten,
o sieh mich Glutbeglückten —
obgleich ein namenlos
Erschauern, Herr, den Trost mir
deines Mundes schwächt,
und zitternd geht mein Atem — —
IX
„So, altes Herz, so recht!“
Mirakel
Nach Verlaine
Da kam ein stiller Reiter
mit Namen Unglück her;
der stieß in mein alt Herz mir
seinen dunkeln Speer.
Mein alt Herz gab gar einen
trüben Auswurf Blut;
der ist auf der Haide vertrocknet
in der Sonnenglut.
Mein Auge losch in Schatten,
ein Schrei ging aus mir aus,
und mein alt Herz erstarb mir
in einem wilden Graus.
Drauf hat der Reiter Unglück
seltsamlich gerastet,
stieg vom Pferd hernieder sacht
und hat mich angetastet.
Seine Handschuhhand von Eisen
fuhr in meine Wunde,
indeß er einen Bannspruch sprach
mit seinem harten Munde.
Und als mich also eisig
durchfuhr die Hand von Eisen,
ward mir ein neues Herz geboren,
da will ich Gott für preisen.
Ein Herz, gar jung, gar rein und gut,
das schlug wohl sonder Fehle,
denn heller Gluten trunken
genas mein Blut und Seele.
Aber schier geblendet
lag ich und glaubt es kaum;
wie Einer, dem die Herrlichkeit
des Herrn erscheint im Traum
Da stieg der stille Reiter
wieder auf sein Tier,
und gab den Sporn, und jählings
hob er sein schwarz Visier
und schrie, und jetzt noch fährt mirs
durch mein Ohr wie Stahl:
Hüt dich! so gnädig komm ich
nur Ein Mal! —
Stimme von oben
Willst du von Gott neue Wunderzeichen,
arbeite!
Willst du alten Göttern wunderlos gleichen,
genieße!
Willst du nichts Göttliches erreichen,
verzweifle!
Bach’sche Fuge
Es steigt ein Geist vom Gnadenstuhl,
tief unten raucht der Sündenpfuhl,
und brodelts noch so lavaheiß,
von oben nahts wie klares Eis,
taucht strahlend in den Höllenschlund,
bis der erstarrt zum Himmelsgrund,
nun steigt auf Stufen von Kristall
der Geist zurück ins blaue All,
nun spiegelt sich im Sündenpfuhl
wie lauter Licht sein Gnadenstuhl.
Rembrandts Gebet
Seele des Lebens,
Licht hüllt dich ein.
Kommt, Schatten, helft! schlagt drein! schlagt drein!
reißt mir aus Schein und Widerschein
das Geheimnis!
Was starrst du stahlblank,
männlicher Panzerhut,
Augäpfel an
voll weiblicher Dämmerglut?
Was späht im Blitzstrahl hinter der Wolkenwand
über dem Volksaufstand
jenes Geisterantlitz?
Schrei nicht nach Klarheit, Mensch:
Verklärung soll sein!
Komm, Lichtschein, hilf! schlag in die Schatten drein!
Geheimnis, pack ich dich?
O heiliger Mummenschanz:
nicht hell, nicht dunkel: ganz
in Offenbarungsglanz
hüllst du auch mich,
Seele des Lebens.
Die Schöpferhand
August Rodin zu Ehren
Chaos bedrängte dich, du Geist: Sturzwelt:
roh Erz, plumpes Gestein, wüst stiebender Sand:
empörte dich in alle Fibern zum Widerstand,
und durch die störrische Masse
ordnungsbrünstig
drang deine Schöpferhand.
Da ward der Denker, der mit brütender Wut
das Kinn auf die geballte Rechte preßt,
da ward die Schöne, deren nackte Glut
sich von der stürmischen Woge tragen läßt,
da ward der Dichter, dem die Weltschrecken
das Haupt recken,
und wird ein Turm, wo Menschenarbeit kündet,
welch Himmelreich der Erdgeist gründet.
Der letzte Traum
Zum Gedenken an Detlev v. Liliencron
Es war am sechsten Abend, und Gott sprach:
Alles ist gut geworden. Alles. Nur
der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich.
Er möchte ewig leben, ewig träumen.
Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! —
Es war am sechsten Abend, und ein Dichter
sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch?
Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert,
er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen,
sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen
durch eine fremde, unerschöpflich fremde,
traumvolle Welt — er stammelte:
Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du?
Alles war gut. Nur Ich — was ist mit mir?
Ich seh da immer Menschenschaaren ziehn —
da an der Wand — Heerschaaren — Kriegerschaaren —
von Land zu Land mit mir — Erobrerschaaren —
von Stern zu Stern — zur Schlacht — Schlachtopferschaaren —
im Traum — sie opfern sich für Gott hin — hörst du?
die ganze Welt hin — sich hin — mich hin — Gott! —
Wenn ich nur endlich schlafen könnte — schlafen — —
Ruhe
Nach Verlaine
Auf die Nachricht vom Tode des Dichters
Ein großer schwarzer Traum
legt sich auf mein Leben;
Alles wird zu Raum,
Alles will entschweben.
Ich kann nichts mehr sehn,
all das Gute, Schlimme;
kann dich nicht verstehn,
o du trübe Stimme.
Eine dunkle Hand
schaukelt meinen Willen,
glättet mein Gewand,
still im Stillen.
Ecce Poeta
Doch hör ich noch der Tausende Entzücken
und Ihn von seinen goldnen Sternen sprechen,
und sehe noch ihn seine Rosen brechen
und noch den Kranz das Haupt ihm blutig drücken.
Sie lagen jubelnd an den Silberbächen
und ließen sich mit seinen Blumen schmücken,
und sahn ihn Blüte nur um Blüte pflücken
und nicht die Dornen ihm die Stirn zerstechen.
Sie waren alle jammernd hergekrochen,
und Jeder sprach von Plagen ohne Zahl.
Er hatte Allen alle weggesprochen;
verschmachtet sank er hin am Bachesrande.
Da starrten sie, da sahn sie seine Qual.
So träumte mir in unserm Vaterlande.
Die ferne Laute
Eines Abends hört ich im dunkeln Wind
eine ferne Laute ins Herz mir singen.
Und ich nahm die meine im dunkeln Wind,
die sollte der andern Antwort bringen.
Seitdem hören Nachts die Vögel im Wind
manch Gespräch in ihrer Sprache erklingen.
Ich bat auch die Menschen, sie möchten lauschen,
aber die Menschen verstanden mich nicht.
Da ließ ich mein Lied vom Himmel belauschen,
und da saßen Nachts um mein Herzenslicht
die Unsterblichen mit hellem Gesicht.
Seitdem verstehn auch die Menschen zu lauschen
und schweigen, wenn meine Laute spricht.
Notturno
So müd hin schwand es in die Nacht,
sein flehendes Lied, sein Bogenstrich,
und seufzend bin ich aufgewacht.
Wie hat er mich so klar gemacht,
so sanft und klar,
der Traum — und war
doch bis ins Trübste feierlich.
Hoch hing der Mond, das Schneegefild
lag bleich und öde um uns her,
wie meine Seele grauenschwer.
Denn neben mir, so starr und wild,
so starr und kalt wie meine Not,
von mir gerufen voll Begehr,
saß stumm und wartete der Tod.
Da kam es her: wie einst so mild,
so müd und sacht,
aus ferner Nacht,
so kummerschwer
kam einer Geige Hauch daher,
kam dämmernd her des Freundes Bild.
Der mich umflochten wie ein Band,
daß meine Jugend nicht zerfiel,
und daß mein Herz die Sehnsucht fand,
die große Sehnsucht ohne Ziel:
da stand er nun im öden Land,
ein Schatten trüb und feierlich,
und sah nicht auf noch grüßte mich.
Nur seine Töne ließ er irrn
und weinen durch die kalte Flur;
und mir entgegen starrte nur
aus seiner Stirn,
als wärs ein Auge hohl und fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.
Und trüber quoll das trübe Lied,
und quoll so heiß, und wuchs, und schwoll,
so heiß und voll
wie Leben, das nach Liebe glüht,
wie Liebe, die nach Leben schreit,
nach ungenossener Seligkeit,
so wehevoll,
so wühlend quoll
das strömende Lied und flutete;
und leise, leise blutete
und strömte mit
ins öde Schneefeld, rot und fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.
Und müder glitt die müde Hand,
und vor mir stand
ein bleicher Tag,
ein ferner bleicher Jugendtag,
da starr im Sand
er selber ein Zerfallner lag,
da seine Sehnsucht sich vergaß
in ihrer Schwermut Übermaß
und ihrer Traurigkeiten müd
zum Ziele schritt;
und laut auf schrie das weinende Lied,
wie Todesschrei, und flutete,
und seiner Saiten Klage schnitt
und seine Stirne blutete
und weinte mit
in meine starre Seelennot,
als sollt ich hören ein Gebot,
als müßt ich jubeln, daß ich litt,
als möcht er fühlen, was ich litt,
mitfühlen alles Leidens Schuld
und alles Lebens warme Huld —
und weinend, blutend wandt er sich
ins bleiche Dunkel, und verblich.
Und bebend hört ich mir entgehn,
entfliehn sein Lied. Und wie es zart
und zarter ward,
der langen Töne fernes Flehn,
da fühlt ich kalt ein Rauschen wehn
und grauenschwer
die Luft sich rühren um mich her,
und wollte bebend nun ihn sehn,
ihn lauschen sehn,
der wartend saß bei meiner Not,
und wandte mich —: da lag es kahl,
das bleiche Feld, und fern und fahl
entwich ins Dunkel auch der Tod.
Hoch hing der Mond, und mild und müd
hin schwand es in die leere Nacht,
das flehende Lied,
und schwand und schied,
des toten Freundes flehendes Lied;
und dankbar bin ich aufgewacht.
Ein Ewiger
Ich lag in einem dunkeln Taxushain
und hatte Furcht.
Im Schatten vor mir saß ein Mann,
der war wie eine große
nebelvolle Höhle,
in der ein riesenhafter Dachs der Urzeit
neue Welten träumte.
Nur ab und zu
schob er seine schweren Wühlerhände
durch das Gitter,
und mit grauen,
grausam traurigen Augen
griff er sich ein Menschenhirn zum Fraß.
Und über ihn, im Hintergrund der Höhle,
mit unendlich weichem,
kleinem, stolzem Munde,
lag eine schöne geistesirre Frau gebeugt,
die weinte über den traurigen Dachs.
Da hob der Mann
die starre Gottesstirne zu mir her,
darüber ihm die Haare
seidenfein und blond
in langen wirren Wellen lagen,
als ob er eben aufgehört zu fliegen;
und seine scheuen Frauenlippen zuckten.
Ich aber sah hinauf,
wo durch den dunklen Taxuswald
der kalte blaue Himmel strahlte,
klar, weit, hoch,
und sah die Sonne um das Höhlengitter blitzen,
und eine Freude wie im Winter
zerbrannte meine Furcht zu Funken,
die sprühten einen Namen in das Dunkel,
sternhell:
Strindberg.
Loke der Lästerer
Nach Strindberg
Götter der Zeit, ich schmähte gestern,
und schmähen will ich euch auch heut,
Götter der Zeit, euch ewig lästern;
hört mein lachendes Lästergeläut!
Ihr führt die Macht, ich führe Klage,
ich führe das Wort in meiner Macht.
Dreizehn liegt ihr beim Gelage;
das bedeutet Totenwacht,
Unfall, Hinfall — singt die Sage.
Götter, nehmt euch gut in Acht:
sehr schnell eilen die lustigen Tage,
Götter, Götter, und Loke lacht!
Ja, ich saß in jüngeren Stunden
zu Gast in eurem Freudensaal:
an dem Strick, den ihr gebunden,
hingeschleift zu euerm Mahl.
Darum: eure eiternden Wunden,
Loke kennt, kennt ihre Zahl!
Ekel fühlt ich vor den vollen Gefäßen,
und euer Wein war ekler noch;
euer Singsang verdarb mir das Essen,
der fad wie dünne Brühe roch.
Und das könnt ihr Loke nicht vergessen,
daß er nicht lobkrähend vor euch kroch.
Nein, ich will kein Loblied krähen,
will nicht singen für euern Fraß;
nein, ich will euch lieber schmähen
mit meinem großen, schönen Haß!
Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen,
mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch,
mir die Zähne ausgebrochen,
aber meine Zunge lästert doch!
Ja, ich habe eure Schmach verraten,
Götter — das war all mein Fehl;
eure heiligen Greueltaten,
eurer festen Schlösser Sündenhehl.
Drum heißt Loke der Erste der Hasser,
der Lästerer Erster in euerm Lied;
ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß er
Verräter verriet!
Wenn den Gewaltigen straft der Schwache,
dann heißt die Strafe Rachewut.
Sei’s! Ja, Götter: ich übte Rache,
hört es, Rache — und rächte gut!
Habe erbrochen die Bundeslade,
habe den Moder ans Licht gescharrt,
euch abgerissen die Maskerade
und eure Nacktheit offenbart.
Habe euern Götzendienst verachtet,
von euern Bildern den Flitter geklopft;
habe das goldne Kalb geschlachtet,
sah das Stroh, womit es ausgestopft.
Habe gerächt, du alte Götterhure,
gerächt all meiner Jugend Weh,
als ich knien gemußt zum eklen Schwure
und dir Weihrauch streun, du Lügenfee!
Ja: mein Wahrheitswort, das lachte
ins Gesicht dem Götterpack,
daß ihr Schloß und Tempel krachte —
hah, wie rannte das Köterpack:
die Göttervetteln, die Götterpinsel:
Der knöpfte die Hosen fest, Die nahm
die Unterröcke mit Gewinsel
vor die kranke verschrumpfte Scham.
Aber die Lüge ging zum Pfuhle
und fischte Nattern im dumpfen Hain;
die ließ die tückische Götterbuhle
Gifte in Lokes Antlitz spein.
Und dann schlugen sie Loke in Ketten,
Hundert gegen Einen war die Tat;
doch — in ihren Götterlotterbetten
schrein sie doch von Hochverrat.
Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe,
aber seine Zunge ist noch frei,
und die alten Göttergerippe
zittern noch von seinem Geschrei.
In den langen Nächten seiner Qualen
sitzt an seinem harten Bett sein Weib,
schützt ihm liebreich mit kristallnen Schalen
vor dem Nattern-Eiter seinen Leib.
Wenn dann die tückischen Vipernrotten
beißen wollen die treue Hand,
dann hört Loke auf zu spotten:
wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land.
Wenn er seine Ketten schüttelt,
dröhnen die Berge und das Feld;
in Hütten und Burgen, wachgerüttelt,
ahnt man bebend das Ende der Welt.
Da hört Loke auf zu lästern,
sondern aus den düstern Augen drohn
sengende Blitze den Götternestern,
und er ruft nach seinem Sohn.
Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer,
dann läßt er rasseln sein Schuppenfell
und reckt den Schwanz, der Weltempörer,
hinten am wilden Wolgaquell.
Und es prasseln und knacken und splittern
die Forsten im Wolkonskywald;
und die Pyrenäen zittern,
wo sein Bauch zuckend sich ballt.
Und seine Brust zerpeitscht zu Schäumen
des Seine-Stromes heilige Flut,
dessen Ufer noch glühn und träumen
von Erlösung und von Blut.
Aber: wo der Drache das Haupt geborgen,
fragen die feigen Götter und schrein.
Ewig folgt auf heute morgen;
mein Bescheid wird euer Gestern sein!
Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache,
Götter, aus ist dann die Zeit!
Wißt ihr: wenn erst zischt der Drache,
wird euch nie mehr Unheil prophezeit!
Dann erliegt die Welt dem Brande,
der verbrennt, was brennen soll,
der das Gold befreit vom Schlackensande,
der verschont, was lebensvoll.
Und der alte dürre Norden,
dann vom Feuer reingeglüht,
fruchtbar Ascheland geworden,
saamt sich neu, gebärt und blüht.
Dann, in ewig grünen Hainen,
neu geboren, lebt ein frei Geschlecht,
nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen,
Keiner mehr ein Götterknecht.
Götter, wenn sich dann die Raben
um eure Gräber tummeln auf der Flur,
keine Träne wird dann Loke haben,
seine ewig junge Hoffnung nur!
Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinen
schwer in eure Götterruh,
denn er glaubt an jenen seinen Einen,
nicht an euer Blindekuh.
Doch euren Gräbern lacht sein Geläute
wie Freundesnachruf: Götter der Zeit,
ruht in Frieden, Götter! Heute
lebt die Gottheit der Ewigkeit.
Um Ibsens Schatten
Als du, gewaltiger Schatten, noch des Körpers waltetest,
der siebzigjährig beim Geburtstagsfestbankett
uns jungen Männern unerschütterlich Bescheid tat,
warf ich auf dich vom trotzig hochgeschwungenen Becherrand
den trunknen Spruch:
Skaal, Ibsen, Skaal,
du Feind der Halbheit, Meister des Doppelsinns!
ich schleudre dir ein Wort zu, das dich ganz beleuchtet:
Skaal, du vom heiligen Geist Beschatteter! —
Nun sitzen wir beim Todesfestbankett,
trotzig auch heut, doch nicht von flüchtiger Trunkenheit,
Jeder im Rücken seinen eigenen Schatten fühlend,
ein Kranz von Schatten um den leeren Platz, Gewaltiger,
der du im Lichtkreis über unsrer Tafel geisterhaft,
noch unerschütterlicher als dein Körper einst,
lastest.
Warum entschwebst du nicht? willst du uns prüfen?
O! mit noch höher geschwungenem Becherrand
will ich dir dann Bescheid tun, schweigsamer Gast.
Sieh, wie mein Schatten auffährt! und rings um mich
an allen Wänden, allen Ecken des Saals empor
heben sich Schatten-Arme, mitschwingende, heben
Dich, Dich, du Unerschütterlicher, auch empor
durchs düstre Flackerlicht des Trauerraums,
durchs rauchgeschwärzte Schnitzwerk, Decke und Dach,
empor durchs Sternenbildergewölb der Frühlingsnacht,
bis dahin, wo kein irdisches Zwielicht mehr uns täuscht —
nun schwebst du hoch genug für unsre Andacht.
Da sehn wir dich im Strahlenschooß der Allmacht ruhn:
tiefschwarz von Lichtquell zu Lichtquell dich dehnend
schwebst du im Spiegel unsrer begeisterten Augen,
schwebst, lebst, und waltest.
Und so — mit unsern begeisterten Augen — siehst du,
wie Männer kommen: einsam, einzelne nur,
doch von Jahrhundert zu Jahrhundert kühnere,
wortkarg wie Du, sinnstark wie Du:
die kämpfen ihre Zweifel vor dir aus.
Und Frauen siehst du kommen: mehr und mehr,
und von Jahrtausend zu Jahrtausend stolzere,
wortscheu wie Du, werktreu wie Du:
die richten ihren Glauben an dir auf.
Dann wird wohl Eine — o! ich seh ihr Gesicht,
braun ist’s von Sonne, so hart wie Erz kann’s scheinen
und kann wie Honigwabenhaut so zart sein —
wird dir in einer heilig strahlenden Nacht wie heut
einst zulächeln:
Dank, Ibsen, Dank,
du Freund des Gradsinns, Seher des Widersinns!
ich bring dir einen Blick dar, der dich voll beglänzt:
Dank, du vom ewigen Licht bestärkter,
gewaltiger, unerschütterlicher Schattengeist! —
Götterhochzeit
Ein Zwiegesang
O ewig Gesuchte!
„O endlich Gefundener!“
Im Umsturz der Welten!
„Am Quell der Gestirne!“
Überm donnernden Absturz
meiner verschütteten Geister.
„Unterm sanften Aushauch
unsrer verströmten Seelen.“
Die Sphären weinen.
„Der Äther lächelt.“
Äonen waren.
„Äonen werden sein“ —
werden —
„sein! —
laß uns lachen, Geliebter!“
Lachen?
„Jubeln!“
Geliebte, wem?
„Äon dem Ungeborenen!“
Äon dem Wiedergeborenen ...
Schöpfungsfeier
Oratorium natale
Chor der Ahnen:
Welch ein Festtag! Wieder reihn sich Flammen,
wieder neigen Blumen sich zusammen,
Kind, weil Du am Leben bist.
Kind, noch immer Kind, trotz deinen Jahren,
horch, ein Vatergeist will heut erfahren,
ob dein Herz dem Leben dankbar ist.
Der Vatergeist:
Sieh, er fragt dich mit gebeugtem Rücken,
den die Schatten seiner Taten drücken,
doch mit ungebeugtem Sinn:
Denkst du noch an meine Züchtigungen,
harten Worte, strengen Forderungen?
wozu nahmst du soviel Trübes hin?
Und ich seh, du blickst auf deine Hände,
auf dein Festgewand, auf Tisch und Wände,
und du lächelst stolz und mild.
Ja, du lerntest dich zum Schaffen zwingen,
all das Wohlgefügte dir erringen,
das dich heut entzückt als helles Bild.
Aber dazu Jahre voller Plagen,
um ein Augenblickchen zu erjagen,
wo das Leben Glanz gewinnt?
Aber schon ergreift mich dein Entzücken,
dankbar hebt sich mein gebeugter Rücken:
dieser Augenblick ist göttlich, Kind!
Chor:
Dieser Augenblick ist selbst dem Bangen
einer Mutterseele Dank genug.
Heut erscheint sie dir von Glanz umfangen,
die dich einst mit dunklem Lichtverlangen
unter ihrem Herzen trug.
Die Mutterseele:
Voll Entsetzen hörte sie dich wimmern,
als man dir vom Körper wusch ihr Blut.
Zaghaft sah sie in verhängten Zimmern
dein klein Seelchen wie ein Flämmchen flimmern;
heut ist’s eine große Glut.
Saaten Lichtes treiben in dir Sprossen,
überschwänglich flammt die Himmelsflur;
Welten hält dein freier Blick umschlossen,
strahlend zeigt er Freunden und Genossen
unsers Daseins ewige Spur.
Zwar im Nebel auf den irdischen Auen
tönt bald fern bald nah des Todes Ruf.
Doch Verklärung quillt aus seinem Grauen:
unsern Kindern bleibt der Himmel blauen,
den die Mutterseele schuf.
Ein paar Kinderstimmen:
Deine Kinder sehn den Himmel gerne,
auch bei Nacht sein hohes helles Sieb;
aber mehr als Sonne, Mond und Sterne
sind uns deine Augen lieb.
Und so lieb und solche hellen Wunder
sind auch unsre Augen dir;
Sonne, Mond und Sterne sind nur Zunder
zwischen dir und uns, das fühlen wir.
Die Mutterseele:
Immer heller wird uns angezündet
rings vom Vater Geist dies Flammenspiel.
Jede Kerze flimmert ihm verbündet,
jede Blume schimmert einbegründet
in sein glanzverhülltes Ziel —
Chor:
in sein glanzverhülltes Ziel.
Der Vatergeist:
Immer wieder lockt es die Entzückten,
bis die Mutter Seele den beglückten
Schöpfungsaugenblick genießt.
Weil wir’s nie und immerfort erreichen,
tragen wir des Ringes heiliges Zeichen,
das von Hand zu Hand die Welt umschließt —
Chor:
das die weltenvolle Welt umschließt.