Erster Abschnitt

*

Freudenruf

O freu dich, Mensch: Deine Welt erschallt!

Überall ist Frühling, wo dein Herz nachtigallt!

Menschenlieder, ihr schwanken

Meer- und Himmels-Gedanken,

Berg-, Fluß-, Fluren-Träume,

Wolken- und Wellen-Schäume,

Waldversunkenheiten,

Sternentrunkenheiten,

Wein- und Blumen-Gelüste,

schwellende Lippen und Brüste

bis hinauf zur Sonne —

ja: ihr wiegt uns in Wonne!

Deutsches Lied

Mich drängt zu singen

deutschen Geistes Kraft.

Erde nimmt Himmelschwingen,

wenn er dich, Volk, aufrafft.

Über die Eichenkronen

stürmt er zugvogeldreist

in alle Zonen,

wenns ihn zur Tat hinreißt.

Welten schweben nieder,

wenn er träumen will;

Himmel nimmt Erdgefieder,

heimatstill.

Mag er zu schlafen scheinen,

wenn er ruht:

plötzlich durch all die Seinen

zuckt Morgenglut.

Mit einem Märchenlachen

heller Verwegenheit

hörst du, Volk, ihn erwachen.

O Geist der Herrlichkeit!

An mein Volk

Ich möchte wohl geliebt von Vielen sein,

und auch geehrt; ich weiß es wohl.

Aber niemals soll

mein Stolz und Wert mir drum gemein

mit hunderttausend Andern sein.

Ich hab ein großes Vaterland:

zehn Völkern schuldet meine Stirn

ihr bißchen Hirn.

Ich habe nie das Volk gekannt,

aus dem mein reinster Wert entstand.

In meiner Heimat steht ein Baum,

den liebe ich, der steht sehr stolz

mitten im Mittelholz.

Da träumt ich manchen jungen Traum;

er wurzelt tief, der hohe Baum.

Da träumt ich, daß der Mensch allein

dem hunderttausendfachen Bann

entwachsen kann:

bis auch die Völker sich befrein

zum Volk! — mein Volk, wann wirst du sein?

Auf den Weg

Jugendsehnen, Jugendirren:

ach, was mag sich draus entwirren!

Nimmer ruht der Wünsche Spiel,

jeder Tag entfernt das Ziel.

Antrieb

Jüngling, du bist frei zum Flug;

sei nur immer Manns genug!

Spring aufs Glücksrad, rolle, rolle

durch die Welt, die wettlauftolle;

nimm als Lohn die eigne Bahn,

aller Ruhm ist fremder Wahn.

Welt und Zeit

Es klagt die Zeit: die Welt vergreist,

wo ist der alte heilige Geist!

Indeß liegt Seine Heiligkeit

im Schooß der Jungfrau Sinnlichkeit,

was zwar die Jungfernschaft befleckt,

doch eine junge Welt ausheckt.

Dann ruft die Zeit: Halleluja,

der heilige Geist ist wieder da!

Bekenntnis

Ich will ergründen alle Lust,

so tief ich dürsten kann;

ich will sie aus der ganzen Welt

schöpfen, und stürb’ ich dran.

Ich wills mit all der Schöpferwut,

die in uns lechzt und brennt;

ich will nicht zähmen meiner Glut

heißhungrig Element.

Ward ich durch frommer Lippen Macht,

durch zahmer Küsse Tausch?

Ich ward erzeugt in wilder Nacht

und großem Wollustrausch!

Und will nun leben so der Lust,

wie mich die Lust erschuf.

Schreit nur den Himmel an um mich,

ihr Beter von Beruf!

Grundsatz

Nicht zum Guten, nicht vom Bösen

wollen wir die Welt erlösen,

nur zum Willen, der da schafft;

Dichterkraft ist Gotteskraft.

Selbstzucht

Mensch, du sollst dich selbst erziehen.

Und das wird dir mancher deuten:

Mensch, du mußt dir selbst entfliehen.

Hüte dich vor diesen Leuten!

Rechne ab mit den Gewalten

in dir, um dich. Sie ergeben

zweierlei: wirst Du das Leben,

wird das Leben dich gestalten?

Mancher hat sich selbst erzogen;

hat er auch ein Selbst gezüchtet?

Noch hat Keiner Gott erflogen,

der vor Gottes Teufeln flüchtet.

Wen’s trifft

Schicksal hämmert mit blinden Schlägen:

Wachs bleibt Wachs, Gold läßt sich prägen,

Eisen wird Stahl, Glas zerspringt —

springt an hundert eiserne Türen,

keine Klinke will sich rühren,

die den Scherben Rettung bringt.

Die geflügelte Fackel

Du wünschtest dir und deinem Haus ein Zeichen,

das euch für alle Zeit ein Glücksbild sei;

doch welches Gleichnis ist so reich und frei,

so vieler Seelen Wünsche auszugleichen?

Wir möchten alle gern das Glück erreichen,

das endlich eint dies ewige Zweierlei;

doch fass ich meins, geht deins vielleicht entzwei.

So lag und sann ich über solch ein Zeichen.

Da träumte mir: Gewappnet mit zwei Schwingen

kam eine Fackel durch die Nacht geweht.

Sie loderte; die Sterne alle hingen

wie Mücken nach der Flamme hingedreht.

Und ihr Emporflug trieb mich aufzuspringen:

dies Zeichen gilt für Jeden, der’s versteht!

Die Glocke im Meer

Ein Fischer hatte zwei kluge Jungen,

hat ihnen oft ein Lied vorgesungen:

Es treibt eine Wunderglocke im Meer,

es freut ein gläubig Herze sehr,

das Glockenspiel zu hören.

Der eine sprach zu dem andern Sohn:

Der alte Mann verkindet schon.

Was singt er das dumme Lied immerfort;

ich hab manchen Sturm gehört an Bord,

noch nie eine Wunderglocke.

Der andre sprach: Wir sind noch jung,

er singt aus tiefer Erinnerung.

Ich glaube, man muß viel Fahrten bestehn,

um dem großen Meer auf den Grund zu sehn;

dann hört man es auch wohl läuten.

Und als der Vater gestorben war,

fuhren sie weg mit braunblondem Haar.

Und als sie sich grauhaarig wiedertrafen,

dachten sie eines Abends im Hafen

an die Wunderglocke.

Der eine sprach, verdrossen und alt:

Ich kenne das Meer und seine Gewalt.

Ich hab mich zuschanden auf ihm geplagt,

hab auch manchen Gewinn erjagt;

läuten hört ich es niemals.

Der andre sprach und lächelte jung:

Ich gewann mir nichts als Erinnerung;

es treibt eine Wunderglocke im Meer,

es freut ein gläubig Herze sehr,

das Glockenspiel zu hören.

Der Pirat

Nach José de Espronceda

Mit zehn Kanonen, blank an Bord,

mit vollen Segeln vor dem Wind,

die flink wie Möwenflügel sind,

streicht eine Barke durch die Flut:

die Barke des Piratenherrn,

auf allen Meeren ausgekannt

von einem bis zum andern Strand,

der „Hai“ getauft für seinen Mut.

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,

im Tauwerk rauft und pfeift der Wind;

ein langer Silberstreifen rinnt

breit durch die blaubewegte Flut.

Und der Piratenkapitän

sitzt singend hoch an Steuers Rand,

links Asiens, rechts Europens Strand,

und singt und singt und schwenkt den Hut:

„Fliege, mein Segler, fliege,

unverzagt;

fliegst und segelst zum Siege!

Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,

der Himmelslaunen, der feindlichen Schiffe,

weil dein Herr sein Leben wagt!

Zwanzig Prisen

haben wir gemacht,

haben die Staatsmützen

ausgelacht;

hundert Nationen

liegen und grüßen hier

mit ihren Flaggen

zu Füßen mir.

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer.

„Könige streiten da drüben

in blinder Gier

um ein paar Äcker Rüben.

Seht, ich lache! Meine Gefilde

reichen, soweit das weite wilde

Meer entrollt sein frei Panier.

Da ist kein Wimpel,

wie er auch glänze,

da keine Küste,

wo sie auch grenze,

die nicht Salut getan

meinem Geschlecht,

die nicht erkannten

mein Hoheitsrecht.

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer.

„Kaum schrein vom Mars die Jungen:

Schiff in Sicht!

rennt’s schon mit vollen Lungen.

Hoi, alle Segel breit, Fersengeldsegel,

rennt es und rennt es; denn diese Flegel

lieben den König der Meere nicht.

Aber wie Brüder

Ich und Ihr,

meine Getreuen,

teilen die Beute wir.

Ein einzig Eigentum

nehm ich für mich

ohne Rivalen:

dich, Schönheit, dich!

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer.

„Verdammt zum Höllenfeuer,

zum Tod am Strick,

sitz ich und lache euer!

Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange,

den häng ich auf an der Segelstange,

vielleicht von seiner eignen Brigg!

Und wenn ich falle:

was ist das Leben!

Hab es schon damals

verloren gegeben,

als ich die Kette brach,

als ich, ein Held,

mir schuf mein eigen Recht,

mir meine Welt.

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer.

„Melodieen wie brausend

Orgelgewühl

spielt mir im Nachtsturm, sausend,

meiner geschüttelten Taue Gestöhne,

meiner Kanonen Donnergedröhne

und des schwarzen Meeres Gebrüll.

Von ihren tobenden

Liedern umschnoben,

geh ich zur Ruhe,

wogenumwoben,

jubelnde Zungen

rund um mich her,

in Schlaf gesungen

vom Meer, vom Meer.

Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind, mein Reich die Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer!“

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,

im Tauwerk rauft und pfeift der Wind;

ein langer Silberstreifen rinnt

breit durch die blaubewegte Flut.

Und der Piratenkapitän

lehnt schweigend hoch an Steuers Rand,

links Asiens, rechts Europens Strand,

tief in die Stirn gedrückt den Hut.

Mit zehn Kanonen, blank an Bord,

mit vollen Segeln vor dem Wind,

die flink wie Möwenflügel sind,

streicht seine Barke durch die Flut:

die Barke des Piratenherrn,

auf allen Meeren ausgekannt

von einem bis zum andern Strand,

der „Hai“ getauft für seinen Mut.

An die Ersehnte

Ich habe dich Gerte getauft, weil du so schlank bist

und weil mich Gott mit dir züchtigen will,

und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist

wie in schmächtigen Pappeln im April.

Ich kenne dich nicht — aber eines Tages

wirst du im Sturm an meine Türe klopfen,

und ich werde öffnen auf dies Klopfen,

und meine zuchtlose Brust wird gleichen Schlages

an Deine zuchtlosen Brüste klopfen.

Denn ich kenne dich — deine Augen glänzen wie Knospen,

und du willst blühen, blühen, blühen!

und deine jungen Gedanken sprühen

wie gepeitschte Sträucher an Sturzbächen;

und du möchtest wie ich den Stürmen Gottes trotzen

oder zerbrechen!

Im Fluge

Ganz in Eines flocht, o Gott, der Tanz

unsre bang beseligten Gestalten;

und ich sah, ihr schweres Haar war ganz

von dem einen Silberpfeil gehalten.

Und da hob sich schon ihr Mund und bog

sich mir dar mit bittendem Gefühle;

willenlos ein Blick, und im Gewühle

blitzt der Pfeil auf, der zu Boden flog.

Und sie senkte tief ihr heiß Genick,

plötzlich ganz von ihrem Haar umflossen;

und ich habe diesen Augenblick,

den mir Gott gegeben hat, genossen.

Entzückung

Hab ich schon mit dir gespielt,

als wir Kinder waren,

scheu um Nachbars Ecke geschielt

nach deinen flirrenden Haaren?

Wenn mich nur dein Atem streift,

fühl ich uns durchs Haidekraut springen;

wenn mich deine Hand ergreift,

möcht ich mit dir ringen.

Bist du doch so schlank und schmeid,

daß ich Tag für Tag sinne:

Spielst du mit mir Engelsmaid

oder Frau Teufelinne?

Denn in Nächten, da schwing ich dich

flügeltraumwild um hohe Feuer:

O, umschling, umschlinge mich,

glühendes Abenteuer!

Durch die Blume

Ich kann dir nicht die Blume nennen,

der deine Seele gleicht.

Sie müßte tief scharlachen brennen.

Solche Blumen welken leicht.

Und wen ihr roter Liebreiz bannt,

der möchte sie verjüngen

und muß tief herum den Sand

mit seinem Blute düngen.

Entbietung

Schmück dir das Haar mit wildem Mohn,

die Nacht ist da,

all ihre Sterne glühen schon.

All ihre Sterne glühn heut Dir!

du weißt es ja:

all ihre Sterne glühn in mir!

Dein Haar ist schwarz, dein Haar ist wild

und knistert unter meiner Glut;

und wenn die schwillt,

jagt sie mit Macht

die roten Blüten und dein Blut

hoch in die höchste Mitternacht.

In deinen Augen glimmt ein Licht,

so grau in grün,

wie dort die Nacht den Stern umflicht.

Wann kommst du?! — Meine Fackeln lohn!

laß glühn, laß glühn!

schmück mir dein Haar mit wildem Mohn!

Ihr Wunsch

Nach Pierre Louys

Manche hüllt sich in weiße Wolle.

Manche ziert sich mit Seide und Gold.

Manche schmückt sich mit Blumen,

mit grünen Blättern und Früchten.

Ich, ich möchte nur nackt leben.

Nimm mich, Geliebter, wie ich bin:

ohne Kleid, ohne Schmuck, ohne Schuhe:

sieh, hier stehe ich, ganz nur ich!

Meine Haare sind schwarz von ihrem Schwarz.

Meine Lippen sind rot von ihrem Rot.

Meine Haut schimmert reizender

als eine offne Muschel im Mondschein.

Nimm mich, wie meine Mutter mich machte

in einer fernen Liebesnacht.

Und wenn ich dir gefalle so,

dann vergiß nicht, es mir zu sagen!

Die Umworbene

Nach Pierre Louys

Der Erste hat mir einen Schmuck geschenkt,

einen Schmuck aus Perlen, der eine kleine Stadt wert ist,

samt den Denkmälern und der Kirche,

dem Rathaus und der Steuerkasse.

Der Zweite hat mir Verse gemacht.

Er hat gesagt, ich sei viel holder

als eine Seerose im Morgenrot

und scheuer als der Abendwind.

Der Dritte war so schön,

daß seine Schwester sich umgebracht hat,

weil er sie nicht mehr küssen wollte.

Ich hätt ihm nur zu winken brauchen.

Du, du hast mir nichts gesagt.

Du hast mir nichts geschenkt, denn du bist arm.

Und bist nicht schön.

Aber dich liebe ich.

Der Rächer

Durch die schlafende Lagune

zieht ein langer stiller Kahn

seine Bahn;

einsam zieht er durch das Dunkel,

durch das sanfte Flutgefunkel,

wie ein großer schwarzer Schwan.

Aber nun: im Zelt der Gondel

fallen Worte schwer voll Glut.

Und die Flut

ebnet sich in weiten Kreisen;

drohend wird der Ton der leisen

Laute, und das Ruder ruht.

Donna Anna, deine Schwüre

sind noch dunkler als die Nacht!

Stolz verlacht

hab ich Alle, die dich schalten,

aber — wenn sie Recht behalten:

hüte dich! ein Rächer wacht!

„Liebster, willst du mich betrüben?

Sieh doch: hab ich denn von Lust

je gewußt,

eh du diesen Leib berührtest,

dies gescholtne Herz verführtest?“

sinkt sie ihm an Hals und Brust.

Sag mir — will er herrisch wehren,

aber an ihm liegt sie dicht:

„Fühlst du’s nicht?

Wie der Vogel in die Weiten,

sehn ich mich nach Seligkeiten!“

hebt sie schmachtend ihr Gesicht.

Und er sieht und fühlt bezwungen

ihrer Augen dunkle Macht;

schwer und sacht

rauscht ihr Kleid im Ampelschimmer,

rötlich schwankt das Gondelzimmer,

Küsse stöhnen durch die Nacht.

Und sie unterdrückt ein Lachen:

wie er von ihr trunken ist,

sich vergißt!

Doch ihr Spott ist kaum verflogen:

wütend über sie gebogen

sieht er ihre Dirnenlist.

Und ein Ringen. Und ein Keuchen.

„Gott, Erbarmen“ — bricht ein Schrei

dumpf entzwei.

Hohl ein Brodeln im Kanale.

Stille wirds mit einem Male.

Furchtsam flüstert er: Vorbei.

Flüstert’s furchtsam wie im Traume,

küßt im Traume ihren Mund

weinend wund,

hört sie um Erbarmen flehen,

und als könnt er sie noch sehen,

starrt er in den blauen Schlund.

In der dunklen Wasserschale

sieht er ruhn den weißen Mond,

ruhn den Mond,

sieht er winken die versunknen

weißen Arme und die trunknen

Lippen, oh so lieb gewohnt.

Und nun öffnet sie die Augen,

und von tiefer dunkler Macht

schwer und sacht

fühlt er sich hinabgezogen,

sinkt er in die warmen Wogen,

schließt sich über ihm die Nacht.

Durch die schlafende Lagune

wie ein großer schwarzer Schwan

irrt ein Kahn.

Willst du auf den Leuchtturm klimmen,

siehst du fern ein Ruder schwimmen

auf der glatten Wasserbahn.

Die Tochter der Sonne

Noch war Polen nicht verloren,

Warschau schwirrte von Maskenfesten.

Die Kavaliere klirrten mit silbernen Sporen

um die Gunst der Damen in den Palästen.

Oder sie tranken den edlen Wein

gegen die edle Herzenspein

unter den goldgestickten Westen.

Nur ganz leise die Greise beim Spiel der Karten

sprachen von Wettern, die Polen umstarrten —

da erschien die Tochter der Sonne.

Es war nicht Maria Lubmirska; wohl war die schön,

als Aurora frisiert mit Brillanten.

Wohl kam die Potocka mit Hörnergetön

als Diana, in Brüsseler Kanten.

Auch die Fürstin Sapieha im Luna-Korsett

tanzte wieder wunderbar Menuett

mit den andern Beautés und Charmanten.

Aber Franziska Krasinska war schöner als sie;

frei von Locken umströmt bis an die Knie

kam die Tochter der Sonne.

Sie hatte geträumt von dem weißen Aar,

der Polens Schild retten würde;

und der Schild wies ihr Bild mit gekröntem Haar,

und der Vogel trug leicht die Bürde.

Sie trat in den Saal wie gen Himmel entrückt,

nur mit flimmerndem Flor wie mit Strahlen geschmückt

und mit ihrer Jungfraunwürde.

Und Prinz Karl sah nur sie, tanzte nur mit ihr,

dem armen Fräulein von Sandomir —

O, du Tochter der Sonne!

Wenn ich eine Krone begehre, so ist es nur,

deine keusche Stirne damit zu schmücken!

Und sie hörte scheu den artigen Schwur

und floh in den Park vor Entzücken.

Sie hörte ihn ewige Treue lallen,

nur die Bäume waren Zeugen, die Nachtigallen,

und am Weiher tanzten die Mücken.

Sie hörte, sie wehrte, sie ließ nicht nach,

bis Prinz Karl ein Held zu werden versprach;

o! wie strahlte die Tochter der Sonne.

Sie strahlte den ganzen Sommer lang,

schon fegte den Park der Regen,

da ward Seine Hoheit liebeskrank

und bedräute sich selbst mit dem Degen.

Durch Warschaus Gassen jagte der Schnee,

da raste ein nächtliches Mietcoupé

dem Tempel Hymens entgegen.

In geheimer Kapelle, so kalt sie war,

kniete prinzliche Hoheit am Traualtar,

kniete die Tochter der Sonne.

Wie glühte des Königssohnes Gesicht

im fröstelnden Schein der Kerzen!

wie glänzten in dem spärlichen Licht

die geweihten wächsernen Herzen!

Doch als er am dritten Morgen erwachte

und als sie noch immer an Polen dachte,

begann er gnädigst zu scherzen.

Er steckte den Trauring ins Gilet

und erhob sich gähnend vom Kanapee —

da erblich die Tochter der Sonne.

Sie dachte noch manch verhärmtes Jahr,

daß er Polens Schild retten würde.

Denn Prinz Karl blieb der Königssohn, der er war,

und trug wahrlich leicht seine Bürde.

Er ließ sie, mit seinem Kind an der Hand,

polnisch betteln gehn von Land zu Land

um ihre Frauenwürde.

Von Kloster zu Kloster, von Hofe zu Hofe,

wie eine entlohnte Kammerzofe,

irrte die Tochter der Sonne.

Dreißig Jahre schleppte sie Schmach und Schmerz,

Warschau klirrte von russischen Sporen,

da schien ihr endlich die Sonne aufs Herz:

wohl war Polen, Polen verloren,

doch ihr Bett umstanden Hofärzte zuhauf

und schnitten die todkranke Brust ihr auf,

und zwischen den Herrn Doktoren

stand ihr hoher Gemahl zu Tränen erweicht:

pauvre cœur, pauvre cœur — sei die Erde dir leicht —

oh, du Tochter der Sonne.

Wollust

Nach Shakespear

In wüster Schmach Vergeudung heiliger Glut

ist Wollust, wenn sie praßt; und eh sie praßt,

roh, schamlos, tierisch, aller Welt zur Last,

meineidig, tückisch, voller Gier nach Blut.

Gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt;

sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht,

sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht,

als hätt ein Tollwurm die Vernunft zerfetzt.

Wahnwitz im Rausch, Wahnwitz in Wunsch und Wahl,

maßlos im Taumel vor, nach, in der Brunst,

erdürstet Überglück, genossen Dunst,

verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual —

Ach! Jeder kennt und Jeder geht den Weg:

zu dieser Hölle diesen Himmelssteg.

Ein Brandbrief

„Schöne und geliebte Dame“ —

wenn die Kühnheit uns erlaubt ist;

oder, wenn sie nicht erlaubt ist,

„Gnädiges, verehrtes Fräulein“ —

hehre Schwester in Apoll!

Höchst prosaisch, aber desto

mehr gelesen ist das Prachtwerk,

höchstens noch der Bildungs-Meyer

ist in Deutschland mehrgelesner

als dies Prachtwerk, drin wir eben

mit dem großen Blick der Freude

und mit kleinen Lettern Euer

holdes Dichterheim entdeckten,

nämlich im Adreßkalender:

Numro dreizehn, Blühmkes Hof.

Ach, der Eine von den beiden

höflichst Endesunterschriebnen

kann den Sonntag nicht vergessen,

jenen Sonntag, Donna Agnes,

als wir unter den Akazien

auf dem schmalen tiefen Sandweg,

neben dem Kartoffelacker

mit den vielen rosaroten

abendlich beglänzten Blümlein,

von den kleinen Kindern schwärmten,

ganz besonders von den dicken,

die Sie gern anbeißen möchten,

ach, und dann auch von den großen,

aber leider ziemlich magern

Kindern, jenen unverblümten

Liebesdichtern, die Sie, glaub’ich,

auch am liebsten beißen möchten,

ach, und von dem — Herrn Major.

Nein, er wird es nie vergessen,

nie und nimmer, dieser Eine.

Und der Andre von den beiden

höflichst Endesunterschriebnen

hat vor Neid kaum essen können

(achtzig Pfennig à la carte) —

als ich einmal übers andre

mein Erlebnis mit geschwenkter

Gabel in die Lüfte malend

„unvergeßlich, unvergeßlich“

schwurbereiten Mundes rief.

Ach, der Ärmste, dieser Andre:

melancholisch vor dem leeren

Teller saß er, saß und knurrte

durch den dicken, herbstlaubblonden,

mittaglich bewegten Schnurrbart:

„Teufel, war der Braten hart!“

Aber ich, ein Arzt für Seelen,

die sich selbst nicht helfen können,

winkte mit geschwungnem Messer

einem schwarzgeschwänzten Bückling:

„Kellner, bitte, das Rezeptbuch,

nein, pardon, Adreßbuch mein’ich“ —

und so fand ich und verschrieb ich

jenem Andern und mir selber:

Numro dreizehn, Blühmkes Hof.

Donna Agnes, zwei Verlassne,

die sich selbst nicht helfen können:

denn des einen Liebesdichters

Leib-und-Seelen-Zuflucht hat sich

in ein Ostseebad verflüchtigt,

und der andre mit dem dicken

blonden Schnurrbart hat gar keine:

zwei von Weib und Welt Verlassne

flehen hier mit zwanzig Fingern

um ein hilfbereites Herz.

Donna Agnes, Eures Namens

keusche Schutzpatronin wird Euch

mit viel tausend deutschen Lesern

und noch deutschern Leserinnen

einst zum Lohne benedeien:

Donna Agnes, bitte, bitte,

pumpen Sie uns hundert ℳ!

Wir verpflichten uns auch gerne,

sie uns selber abzuholen,

sie und Sie, und anstandshalber

auch die Sonne mitzubringen,

echte goldne Sonntagssonne,

die auch Wochentags kann scheinen,

einen ganzen halben Tag lang,

in ein paradiesisches Gärtchen,

wo es einen himmlischen Sekt gibt,

wo wir Abends mit den Blättern

um die Wette schwärmen können,

mit den Blättern der Akazien

oder auch der Roßkastanien

oder des Kartoffelackers,

von den kleinen dicken Kindern,

von den Kindern wie die Kinder,

nur nicht von dem — Herrn Major.

Item: Eures Winks gewärtig,

jedem Stephansboten fluchend,

der nicht Botschaft von Agnesen,

Botschaft und Entbietung bringt:

liegen wir (Straubinger Straße,

Numro fünfzehn, fünfte Treppe)

Donna Agnes, hehre Schwester,

ehrerbietigst hier auf unsern

unverblümten Dichterknieen

Dir zu Füßen:

Richard Dehmel,

Detlev Freiherr Liliencron.

Die zwölf sittsamen Gastwirte

Ihr Alle kennt den Dichter Liliencron,

den Freiherrn von Poggfred, den reichen armen Baron.

Doch bevor er sein Luftschloß, sein ewiges, baute,

war er Hardesvogt auf Pellworm und verdaute

Akten auf dieser „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“

in der windigsten Gegend der Nordsee.

Im Amtskreis des Hardesvogts Liliencron

hatten dreizehn Gastwirte abwechselnd Tanzkonzession.

Und er ließ die Leute tanzen, soviel sie wollten,

mit der dollste, wenn sie nach Noten dollten;

weshalb er noch heute dort der Tanzbaron genannt wird,

wenn der Wind mal leise seinen Dichternamen hinträgt.

Da erhielt der Hardesvogt Liliencron

eines Morgens eine Denunziazion:

Gastwirt Nielsen untergrabe die guten Sitten,

er habe wiederholt den „Turnus“ überschritten.

Und verfaßt war das Skriptum nicht etwa vom Herrn Pfarrer,

sondern von den andern zwölf Gastwirten dieser

„vermaledeiten einsamen kleinen Insel“.

Der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron,

kannte seine lieben guten Sittenwächter schon.

Und nächsten Nachmittag mußten die zwölf Tugendreinen

beim Gastwirt Nielsen, ihrem Konkurrenten, amtlich „erscheinen“ —

und der Hardesvogt sprach vor Vernehmung des Tatbestandes:

Nu laat uns mal fix ierst ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!

Alsdann ließ leutselig der Herr Baron

den Ersten sich äußern, ohn Ansehn der Person.

Er ließ ihn weitschweifig immer weiter schweifen,

er hörte wohl draußen die Möwen keifen,

bis der nichts mehr wußte — da sprach der Herr Hardesvogt:

Denn laat uns man fix noch ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!

Und dann ließ der leutselige Herr Baron

den Zweiten sich äußern, im nämlichen Ton.

Er hörte wohl draußen über den Deichen

die Schneegänse schnatternd durchs Abendrot streichen —

bis er abermals sprach: Na denn, miene Herrn,

denn laat uns man noch so’ne lütt Runn’ Grogk kriegn!

Und dann lauschte dem dritten und vierten Sermon

der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron.

Er hörte derweil wohl draußen im Grauen

einen wilden Schwan sich Bahn durch den Nebel hauen —

bis Gastwirt Nielsen Licht machte und höflich meinte:

Schall’t denn woll noch so’ne lütt Runn’ Grogk sien?

Und so hörte der Hardesvogt Liliencron

alle zwölf Konkurrenten, ohn Ansehn der Person.

Und als der zwölfte seinen Sermon geschlossen,

da war die siebente Runde Grogk genossen,

und das machte pro Mann eine Mark und fünfundsiebzig

oder zusammen zweiundzwanzig Mark fünfundsiebzig.

Da erhob sich der deutsche Dichterbaron

und sprach im königlich preußischen Regierungston:

Der p. p. Nielsen hat sich fraglos als sittenlos erwiesen,

und somit tu ich hiermit demselben zu wissen:

er zahlt eine Ordnungsstrafe im Betrag von drei Reichsmark —

Adjüs, miene Herrn! —

Da erhielt der Hardesvogt Liliencron

nie wieder eine Denunziazion.

Aber leider trat die hohe Regierung

mit seinem Tanzbein in zarte Berührung;

item ist er auf Poggfred, sein ewiges Luftschloß, gezogen,

denn da tanzen wir alle nach seinem Fidelbogen.

Alle! —

Eine gantz neu Schelmweys

Zu singen im Tone des weilandt Magistri Pfefferfraß

Wir Schelmbe sind ein feinen hauff,

da kann kein HErrgott wider auf;

die Welt ist voll von Unsern Preiß,

seit Adam stahl im Paradeys.

Hosianna!

Uns bleibt kein geldt in vnsern sack,

Wir synd ein fürnemb Lumpenpack,

Wir han das Allergrößt gefolg,

kein fuerst vnd Hertzog hat ein solch.

Hurrra!

Zu nie keyn diensten taugen Wir

als für dem Edlen Malwesier.

Dem tun wir fröhnden, nimmer faul:

ein jede Flaschen findt jr maul.

Hoppla!

Wir han nit weib, wir han nit kindt,

Wir sind die rechten Sausewind.

Vnd läßt uns Eine Dirn nit ein,

die ander wird so süsser seyn!

Eia!

Wir schieren umb kein pfaff uns nit,

Wir han unß Eignen segen mit.

Vnd pfeiffen wir am letzten loch:

der TEuffel nimbt in Gnad vns doch!

Sela!

Novemberfahrt

Ja lacht nur, lacht, am Straßenrand

ihr pelzvermummten Gaffer!

Uns hat aus härterm Lehm gebrannt

der Wein- und Weiber-Schaffer.

Und wenn wir etwas zittrig sind

und etwas rot die Nase,

so meint nur nicht, das sei vom Wind:

das Wetter steckt im Glase!

Wir fahren in die Welt hinein,

wenns Uns gefällt und gut scheint;

wir fahren in dem Sonnenschein,

der unter unserm Hut scheint.

Und wenn die olle Sonne sieht

so junge Dreistewichte,

dann wird sie gleich vor Angst verliebt

und macht ihr schönst Gesichte.

Hurrah, Novembersonnentag,

du Wunderwanderwetter,

derweil am Herd das Zimperpack

sich wärmt den Katterletter.

Hurrah, so herb dein Reiz und Duft,

so würzig und voll Schwere!

Hurrah, ich schlürfe deine Luft,

als ob es Rheinwein wäre!

Der brave Strubel

Unser Hofhund, Strubel heißt er,

ist gar lobesam;

nur die Ruhestörer beißt er,

denen ist er gram.

Ach, er liefe gern den Katzen

durch den Garten nach;

bellt auch gerne nach den Spatzen

auf dem Scheunendach.

Doch er muß darauf verzichten,

folgsam seinem Herrn;

denn er ist ein Hund mit Pflichten

und gehorcht wohl gern.

Wenn dann Väterchen ihm schmeichelt

„hast es brav gemacht“

und das Kinn ihm gnädig streichelt,

ists als ob er lacht.

Und wie schön kann Strubel springen

und kann aufrecht gehn,

kann Verlornes wiederbringen

und kann Schildwach stehn!

Demut, Biedersinn und Treue

sind in ihm vereint,

und wir preisen stets aufs neue

Strubel, unsern Freund.

Frecher Bengel

Ich bin ein kleiner Junge,

ich bin ein großer Lump.

Ich habe eine Zunge

und keinen Strump.

Ihr braucht mir keinen schenken,

dann reiß ich mir kein Loch.

Ihr könnt euch ruhig denken:

Jottedoch!

Ich denk von euch dasselbe.

Ich kuck euch durch den Lack.

Ich spuck euch aufs Gewölbe.

Pack!

Fräulein Leichtfuß

Klein Fräulein Leichtfuß läßt sich gehn —

Nur zu! Laß nur die Leute stehn,

die fremd und finster dich besehn,

und lach sie aus, die Lastkameele!

Nur zu! Es kommt ein Tag, da blickst

du fremd dich selbst an und erschrickst

vor der Beladenheit der Menschenseele —

Magst du den Anblick leicht bestehn!

Zuspruch

Du rennst nach eignem Ziel und Sinn,

da kommt das Leben angefahren

und nimmt dich mit an Hirn und Haaren;

o nimm es hin.

Noch stürmt dein Herz: ich will, ich will!

und wilder blutet deine Wunde.

O laß. Vielleicht noch eine Stunde,

dann steht es still.

Epitaph

Eignes Leid und fremde Klage,

einst ist alles schöne Sage.

Ermutigung

Nimm dein Schicksal ganz als deines!

Hinter Sorge, Gram und Grauen

wirst du dann ein ungemeines

Glück entdecken: Selbstvertrauen.

Nächtliche Frage

Was bebt und bangt so wehe

mein Herz empor,

wenn ich dort oben sehe

der Sterne Chor?

Wie freie Seelen winken,

so bannt den Blick

ihr wandelbares Blinken:

steig an zum Glück!

Wie reine Geister glänzen,

so mahnt ihr Licht:

steig auf aus deinen Grenzen,

sie wehren’s nicht!

Und immer dann dies Beben,

und immer mehr.

O Stäubchen, Menschenleben,

und doch zu schwer?

Vorgefühl

Es ist ein Schnee gefallen,

hat alles Graue zugedeckt,

die Bäume nur gen Himmel nicht;

bald trinkt den Schnee das Sonnenlicht,

dann wird das alles blühen,

was in der harten Krume jetzt

kaum Wurzeln streckt.

Mädchenfrühling

Aprilwind.

Alle Knospen sind

schon aufgesprossen;

rings sprießt der Grund.

Und sein Mund

bleibt verschlossen? —

Maisonnenregen.

Alle Blumen langen,

heimlich aufgegangen,

dem Licht entgegen,

dem lieben Licht.

Fühlt ers nicht? —

Leises Lied

In einem stillen Garten,

an eines Brunnens Schacht,

wie wollt ich gerne warten

die lange graue Nacht.

Viel helle Lilien blühen

um des Brunnens Schlund;

drin schwimmen golden die Sterne,

drin badet sich der Mond.

Und wie in den Brunnen schimmern

die lieben Sterne hinein,

glänzt mir im Herzen immer

deiner lieben Augen Schein.

Die Sterne doch am Himmel,

die stehn uns all so fern;

in deinem stillen Garten

stünd ich jetzt so gern.

Ständchen

Das Rosenstöcklein sieht in Flor;

o Gärtnerin, wie blüht’s empor!

Sie hat ihr Pförtlein zugemacht.

Tiefe Nacht.

Die schönste Rose in der Hand;

ein Knösplein saß am Blütenrand.

Es lugt sie an im Traum und lacht:

Süße Nacht.

Es lugt nach ihren Lippen hin;

wie’s schwillt, wie’s schwillt, o Gärtnerin!

Genieße doch die Blütenpracht!

Gute Nacht!

Überraschung

Über die grauen Dächer weg,

hoch hier oben,

durch die langen roten Nelken,

die vor meinem offnen Fenster

leise zwischen mir

und dem blauen Abendhimmel schwanken,

will mein Herzschlag

mit meiner Seele

hinaus, hinauf.

Um die höchste goldene Kirchturmkugel,

im letzten fernen Lichte,

mit hellen Flügeln,

zieht ein Taubenschwarm

eilende Kreise

über dem Hause

meiner Geliebten.

Aus dem blassen Westen

dringt der erste Stern und überflimmert

scheu den lauten Dunst und trüben Lärm

der großen Stadt hier unten,

wie der erste blinkernde Traumgedanke

aus dem grauen Schwarm der Lebensfragen

in der Seele des Müden taucht —

da klopft es.

Klopft und ist auch schon im Stübchen,

sitzt mir auf dem Diwan gegenüber,

sagt kein Wort, es zittert nur ihr Atem,

nur das lose Ringelhaar,

nur die Lippen und die rote Bluse

auf dem jungen, warmen, raschen Busen;

und ich sage auch nichts.

Ihre bangen Augensterne wagen

in der stummen Dämmerung des Stübchens

hoch hier oben

einen süß beredten Evablick

nach den langen roten Nelken hin:

o, ihr Augen — —

Und ich angle nach ihr mit den Beinen,

diesen Perpendikeln meines Herzens:

Kleine, merkst du,

was die Uhr geschlagen hat? —

Herrliches Pärchen

Nein, wie sind wir herrlich beide!

ich mit meinem Räubersinn,

du in deinem Jägerkleide!

Sonntag gehn wir auf die Haide,

süße Lüneburgerin!

Zwanzigtausend Schafe schauen

immer wieder nach dir hin.

Huch! sie ließen gern sich krauen,

und die Lerche juchzt im Blauen:

süße Lüneburgerin!

Bis sich Nacht und Nebel ballen;

ach, dann senken wir das Kinn.

Kaum ein Mäuschen rührt die Krallen;

huh, dann wirst du überfallen,

weil ich doch dein Räuber bin!

Brav im Grabe schläft der Hüne;

hussa, falln wir auf ihn hin.

Denn du bist ja meine kühne

süße Lüneburgerüne,

meine wilde Jägerin!

Empfang

Aber komm mir nicht im langen Kleid!

komm gelaufen, daß die Funken stieben,

beide Arme offen und bereit!

Auf mein Schloß führt keine Galatreppe;

über Berge gehts, reiß ab die Schleppe,

nur mit kurzen Röcken kann man lieben!

Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß!

Einsam ist die Nacht in meinem Walde,

und am schönsten bist du blaß und bloß,

nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne;

trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne,

und ein Kuckuck lacht in meinem Walde.

Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt!

rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde;

o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt!

Komm, ich trage dich, du wildes Wunder:

wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder!

und dein Brautbett ist die ganze Erde.

Nicht doch

Mädel, laß das Stricken, geh,

tu den Strumpf bei Seite heute;

das ist was für alte Leute,

für die jungen blüht der Klee!

Laß, mein Kind,

komm, mein Schätzchen;

siehst du nicht, der Abendwind

schäkert mit den Weidenkätzchen! —

Mädel liebes, sieh doch nicht

immer so bei Seite heute;

das ist was für alte Leute,

junge sehn sich ins Gesicht!

Komm, mein Kind,

sieh doch, Schätzchen:

über uns der Abendwind

schäkert mit den Weidenkätzchen! —

Siehst du, Mädel, wars nicht nett

so an meiner Seite heute?

Das ist was für junge Leute,

alte gehn allein zu Bett.

Was denn, Kind?

weinen, Schätzchen?

Nicht doch! sieh, der Abendwind

schäkert mit den Weidenkätzchen! —

Das alte Lied

Die Rosenknospe gab sie mir,

ein weh Lebwohl klang nach;

ich wollte lächeln, als ich ihr

dafür ein Lied versprach.

Ihr stand ein Tränchen im Gesicht,

und lächeln wollte sie auch;

doch lächelten wir beide nicht,

das ist so Abschiedsbrauch.

Jetzt lächel ich in einem fort,

und ihr ist nicht mehr weh;

die Rosenknospe ist verdorrt,

das Lied ist aus — juchhee!

Die Heimkehr

Nach einem französischen Volkslied

Der Seemann kommt vom Krieg zurück,

so sacht;

verbrannt so sehr, verstaubt so sehr —

„Wo kommst du, armer Seemann, her?

so sacht, so sacht?“

Frau Wirtin, ich komme vom Krieg zurück,

so sacht.

Bringt Wein! vom weißen! Was bleibt Ihr stehn?

Der Seemann muß bald weitergehn!

so sacht, so sacht.

Der wackre Seemann sitzt und trinkt,

so sacht.

Er sitzt und trinkt und schaut ins Glas;

der Wirtin werden die Augen naß,

so sacht, so sacht.

Was habt Ihr, schöne Frau Wirtin, sagt!

so sacht?

Tut Euer weißer Wein Euch leid?

Der Seemann ist zum Gehn bereit!

so sacht, so sacht.

„Mein weißer Wein tut mir nicht leid,

so sacht;

mein toter Mann kam mir in Sinn,

Ihr ähnelt ihm an Mund und Kinn,

so sacht, so sacht.“

O sagt mir, schöne Frau Wirtin, sagt,

so sacht:

zwei Kinder, hört ich, hattet Ihr

von Euerm Mann — nun seh ich vier?!

so sacht, so sacht?

„Man hat mir manchen Brief geschickt,

so sacht,

und zeigte seinen Tod mir an,

da nahm ich einen andern Mann,

so sacht, so sacht.“

Der wackre Seemann leert sein Glas,

so sacht.

Und ohne Dank, mit schwerem Blick,

ging er zu seinem Schiff zurück,

so sacht, so sacht.

Zuflucht

Hinterm Elternhaus am kleinen Weiher,

dicht umdunkelt rings von Weidenruten,

breitet eine Pappel ihre schwanken

Zweige nickend über Schilf und Fluten.

Seltsam heimlich ists an diesem Orte;

schon als Knabe hab ich hier gesessen

und mich ausgeweint im Schutz der hohen

Binsen und mein junges Leid vergessen.

Wieder starr’ich in das schwarze Wasser,

aber keine Träne will mir kommen;

nur die schwanken Pappelzweige seh ich

dort sich spiegeln, winkend, bleich, verschwommen.

Sommerabend

Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur;

fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert,

im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur,

ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.

Vom Wiesengrunde kommt ein Glockenton,

der Hirte sammelt seine satte Herde;

im stillen Walde steht die Dämmrung schon,

ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde.

Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm,

die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;

nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.

So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden!

Morgenandacht

Sehnsucht hat mich früh geweckt;

wo die alten Eichen rauschen,

hier am Waldrand hingestreckt,

will ich Dich, Natur, belauschen.

Jeder Halm steht wie erwacht;

grüner scheint das Feld zu leben,

wenn im kühlen Tau der Nacht

warm die ersten Strahlen beben.

Wie die Fülle mich beengt!

so viel Großes! so viel Kleines!

wie es sich zusammendrängt

in ein übermächtig Eines!

Wie der Wind im Hafer surrt,

tief im Gras die Grillen klingen,

hoch im Holz die Taube gurrt,

wie die Blätter schauernd schwingen,

wie die Bienen taumelnd sammeln

und die Käfer lautlos schlüpfen —

O Natur! was soll mein Stammeln,

seh ich alldas Dich verknüpfen:

wie es mir ins Innre dringt,

all das Große, all das Kleine,

wie’s mit mir zusammenklingt

in das übermächtig Eine!

Im Regen

Es stimmt zu mir, es ist ein sinnreich Wetter;

mein Nacken trieft, denn Baum und Borke triefen.

Die Tropfen klatschen durch die schlaffen Blätter;

die nassen Vögel tun, als ob sie schliefen.

Der Himmel brütet im verwaschnen Laube,

als würde nie mehr Licht nach diesem Regen;

nun kann er endlich, ungestört vom Staube,

das Los der Erde gründlich überlegen.

Die Welt fühlt grämlich ihres Alters Schwere:

kein Fünkchen Freude, keine Spur von Trauer.

Und immer steter schwemmt sie mich ins Leere:

kein Staub, kein Licht mehr — grau — und immer grauer.

Einkehr

Nach Verlaine

Das Glöckchen überm Dache da

tönt heut so weise.

Das Bäumchen überm Dache da

bewegt sich leise.

Der Himmel überm Dache da

steht klar und stille.

Die Lerche überm Dache da

singt: es gescheh dein Wille.

Mein Gott, wie liegt das Dasein da:

wie Ruhebetten.

Und da, die ferne Unruh da

kommt aus Werkstätten.

O Du, o Mensch — Du da, Du da

mit deinen Klagen!

was hast du angefangen, Mensch,

mit deinen Jugendtagen?!

Lied Kaspar Hausers

Nach Verlaine

Ich kam so fromm, ein Waisenkind,

das nichts als seine stillen Augen hat,

zu den Leuten der großen Stadt;

sie fanden mich zu blöd gesinnt.

Mit zwanzig Jahren ward ich klug

und fand die Frauen schön und gut;

sie nennen das die Liebesglut.

Ich war den Fraun nicht schön genug.

Ohne Vaterland und Königshaus,

und wohl auch kein sehr tapfrer Held,

wollt ich den Tod im Ehrenfeld;

der Hauptmann schickte mich nach Haus.

Kam ich zu früh, kam ich zu spät

in diese Welt? was soll ich hier!

Ach Gott, ihr lieben Leute ihr,

sprecht für den Kasper ein Gebet!

Heimat

Und auch im alten Elternhause

und noch am Abend keine Ruh?

Sehnsüchtig hör ich dem Gebrause

der hohen Pappeln draußen zu.

Und höre sacht die Türe klinken,

Mutter tritt mit der Lampe ein;

und alle Sehnsüchte versinken,

o Mutter, in dein Licht hinein.